Ftidelberger Sonntagsblalt Weihnachtobeilage des„Tageblatt“ 1. Jahrgang/ Nummer 30 Das Vild der Meiligen Nachii. „Sie Wickelte ihn in Windeln und legte ſhn in eine Krippe“, diese kargen, aber gleichsam holz- geschnittenen Worte des Lukas-Evangeliums sind das ainzige was uns faktisch über das Wunder der Stallgeburt Übermittelt ist. Um sie herum hat die Phantasie von zwei Jahrtausenden ein Bild gelegt, das unauslöschlich zur christlichen Weihnacht gehört. Ochs und Esel, Stroh und Gemäuer, Engel und Rosenstrauch sind legen- denhaft hinzugetreten, ein Beiwerk der Liebe, die sich das Wunder aller Wunder immer wie⸗ der, ummer neu und immer inniger ausschmül- ken mußte. Die viel tausend Bilder aller großen und kleinen Meister der Jahrhunderte sind es, die amn tiefsten oflenbaren, was diese Geburt den Menschen und allen Menschen bedeutet hat und bedeutet. Kaum einer, den sein Kkünst- lerischer Auftrag früher oder später nicht zu einer Darstellung dieser wenigen Worte der HI. Schrift geführt hätte.„Sie wickelte hn in Win- deln und legte ihn in eine Krippe“ Worte, an denen niemand unberührt vorübergekommen ist und vorüberkommen wird. Von Italien nach Deutschland Giotto di Bondone, der auf der Scheide vom 13. zum 14. Jahrhundert die Malerei des Mittel- Alters aus der byzantinischen Starrheit löste und ihr bewegtes Leben einhauchte, hat in der Arena- Kapelle zu Padua diese Worte zuerst so zum Bild gestaltet, wie wir ihnen dann im Schaffen der Nachfahren hundertfach bildhaft wiederbegeg- nen werden. Die Gottesmutter umfängt, Uegend in einen flauschigen Mantel gebreitet, den klei- nen Jesus. Tlere schauen zu, indes Joseph, sin- nend den Kopf in die Hand gestützt, im Vorder- grund der Gruppe den Rücken zukehrt. Hoch über dem nur aus vier Pfosten bestehenden Stall fliegen ornamentale betende Engel. Das Block- hafte der Figuren, die Ungelöstheit der Kompo- sitlon erinnert an die Weihnachtskrippen, die man zu allen Zeiten und aller Orten geschnitzt Hat, trotzdem ist das ganze Fresko ein Jubelton. Der österreichische Meister unbekannten Na- mens, der dieses Bild um 1340 herum kopierte, hat die aus biblischer Offenbarung und ſegen- därer Erzählung zusammengerankte Szene nach Deutschland geholt. Er hat sie dabei fast un- merlelich veründert und ihr einen grundlegend deutschen lyrtschen Unterton beigelegt. Es ist der gleiche Unterton, den Mörilce Epochen später in seinem Gedicht ausgedrückt hat, in dem er im Walde hinter dem Stall zu Bethlehem schon„des Kreuzes Stamm grünen“ läßt. Die Augen der Maria ruhen voll Wissen bereits auf dem Neu- geborenen und auch Joseph, der jetzt hinter der Gruppe sitzt, scheint mit Dingen zu ringen, die nichts mit der Freude der immer noch ornamen- tal-symbolischen Engel und dem nichtsahnenden Schnuppern von Ochs und Esel an dem Heu der Krippe zu tun haben. Die Augen der Maria Die Augen der Marta erinnern an russische Ikonen, die„Mutter Gottes von Wladimir“ des 11. Jahrhunderts etwa, in denen wir einen durch zarte Gottergebenheit gemilderten Schmerz er- kennen, der durch den Gegensatz zu der sonsti- merte, der Sturm machte Musik, daß unser Kahn gen Steitheit der Umrisse besonders durchschei- nend bewußt wird. Der Leidensweg scheint hier, wie in fast allen deutschen Christi-Geburt-Bil- dern, vorweggenommen. Man denke an das groſßße Dürerbild mit dem krönenden Ruinenmauer- bogen, auf der die Mutter Gottes fast leiddurch- tränlet erscheint, an den Altdorfer, der in aller Santtheit der kosenden Engel und im Blühen der Winterlichen Natur doch durch die magisch aus der Beleuchtung eines überirdischen Weltraum- körpers geschaflene Landschaftsstimmung einen dämptenden Mollklang mitschwingen läßht. Hellste Dur-Akkorde flnden wir irn 15. Jahr- hundert, im Italien Piero della Francescos. Die Hellige Gruppe ist vermenschlicht, indlviduali- siert und ein Engelchor lobpreist das Wunder. Im 16, Jahrhundert endlich läßt Correggio, un- geführer Zeltgenosse Albrecht Altdorfers, das Körperhafte vollgültig werden. Das Licht, das in diesem berühmten Gemälde vom Christus- kind ausgeht und bis in die dunlcelsten Winkel von Stall und Hirtenlandschaft findet, hat die Macht der Finsternis gebrochen, es erleuchtet glückliche, erlöste Gesichter. Säulenpilaster, die das Strohdach tragen, bringen das Majestätische, das Repräsentative des Augenblicks zum Aus- druck. Die überirdisch lächelnde Maria ist von einer Magd zu einer Dame geworden, ein Schritt, den in dieser Konsequenz kaum ein deutscher Künstler je gegangen ist. Das Reine und das Schlichte hat Martin Schongauer immer wieder dargestellt, das Fromme und Unschuldige der erzählfreudige Dürer. Die Heilige Nacht Unendlich mannigfaltig, je nach Volk und Zeit verschieden, hat die Geburt Christi in der Kunst ihre Darstellung empfangen. Genau wie die Märchen und Legenden aus allen Zonen die Ge- burt wieder und wieder nach Volk und Zeit ver- schieden in den Rahmen ſhrer Umwelt gestellt haben. Wie Felix Timmermanns das„Jesus- kind nach Flandern“ verpflanzt hat, Selma La- gerlöf ihm einen Hauch nordischer Fabel hinzu- fügte, ist man nie müde geworden, dem Alten ein neues Gesicht zu geben. Ging doch von Cor- reggio ein eigener koloristischer Impuls aus, der seit der Renaissance die„Heilige Nacht“ mit ihrer sinnbildlichen geheimnisvollen Beleuchtung zu einem immer wiederkehrenden festen Thema gemacht hat. Zu Rembrandt und Murillo kührt der Weg, der bei dem großen Hans Thoma in der Karlsruher Kunsthalle endet, dessen geradlinige, von der Krippe ausgehende Lichtstrahlen die letzte Konsequenz aus dem Beginn des 16. Jahr- hunderts zogen. Die Heilige Nacht heute Es liegt nahe, das Bild des Wunders, das sich alle Zeiten neu geschaffen haben, auch in unsere Zeit zu holen. Und sollte dies noch keinern Künstler unserer Tage gelungen sein, so besteht es doch unsichtbar, in der Schwebe des Unge- schaflenen, die uns in noch so manchen Dingen umgibt. Das Wunder ist immer größer gewor- den. Auch das Wissen der Maria und das ver- grübelte Suchen nach dem Sinn von Geburt und Passion, die näher aneinander gerückt sind als je zuvor, in der schon bei Glotto handgestützten Haltung des Joseph. Das Licht ringt stürker und schürter in den Kontrasten mit dem Schatten der Welt und die Hirten sind ängstlicher in ihrer stummen Anbetung. Die einzige reine Freude liegt in den Engelchören. Dürer und Schongauer Haben die Figuren ſhrer Auftraggeber, kleine Figuren in der Kleidung res Jahrhunderts, die im Vordergrund kniend an dem Wunder teilhaben, in viele hrer Heiligen Nächte eingefügt. Würden auch wir uns noch in eine heutige Darstellung der Heiligen Nacht ein- fügen? Und wie würden wir uns einfügen? Das Bild, das uns diese Frage beantwortet, wird in seiner Bedeutung für uns grundlegend sein. Denn an dem„Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe“ haben zwei Jahrtausende ihr Einbezogensein in das Wunder der Weihnacht zum Ausdruck gebracht. Generationen haben ihr Sein in diesen Kreis bezogen und ihre Kunst hat das verdeutlicht. Der Kreis erreicht uns 80„voll der neuen Mär“ wie eh und je. Glanz der Armut Um uns ist, wie es Rilke ausgedrückt hat, ein „Glanz der Armut“, Von diesem Glanz erstrahlt auch die„Heilige Nacht“ und ihn sollten wir in den Bildern nicht übersehen, wie wir ihn Über dem Glanz der Weihnachtskerzen nicht vergessen sollten. Wir sind der Krippe nah verwandt, näher als in satten Zeiten und man mag von den „Augen der Maria“ des russischen Ikonenmalers über die weinenden und doch frohen Madonnen Dürers oder Schongauers und über das renais- sancehafte Leuchten des Kindes den Weg finden, der in eine wahre Weihnacht eines in mancher Hinsicht 30 entscheidenden Nachkriegsjahres kührt. H. O. Sjobter im Ozean Von Heinz Steguweit Ein Weihnochtliehes Seemennsgorn „AIch war damals kein ausgewachsener See- mann mit Spitzbart und tätowierten Armen“, erzühlte Hansemann, der pfälzische Nachbar, „ich war ein armer Schiflsjunge, ein Moses, wie man's nannte, elternlos geworden und zum erstenmal auf großer Fahrt gen Rio und Buenos Aires. Ich wußte nicht, was Luv und Lee sei, ich habe auch wieder verlernt, was Splissen, Zurren und Entern war, es schimmert mir noch z2u- weilen so etwas im Gedächtnis. Verzeiht also, Wenn ich mich im Fachwort einmal irren sollte, es geht ja im Grunde um die Geschichte von Küptn Kranewitters seltsamen Weihnachtsbaum. — Hört: Bei steitem Wetter waren wir von der alten Llebe abgefahren, auf der Unterelbe schon sahen die Segel aus wie dicke Backen, s0 prall blies der Wind in die Tücher. Tagelang, nächte- lang, wochenlang kämpften wir mit den Wasser- bergen— Kerl, der Ozean jauchzte, da ich jam- tanzen sollte. Bis eines Abends Käptn Krane- Witter den Priem ins Meer zischte:„Verdori, nun haben wir doch den Christbaum vergessen!“ Zur Bekräftigung dieser Wut brannte mir der Seebür rechts und links eins um die Ohren, meine Zühne klirrten und das Herz flel in die Stiefel: Küptn Kranewitter brauchte einen Sündenbock kür die bittere Tatsache, daß niemand daran ge- dacht hatte, eine Schwarzwälder Tanne mützu- nehmen, klein und mit Wurzeln im Topf, ver- steht sich. Hansemann stopfte sich die Pfeife voll Krüll- schnitt, steckte den Knaster in Brand, und schwürmte pafflend weiter:„Was soll ich euch tsagen? Gegen Sonnenwende wurde der himmel- welte Atlantik ruhiger als ein Kirchhof im Win- ter, Das Wasser War glatt wie ein Ententeſch, mein Wort, wir glaubten an Wunder. Und weil Wir das glaubten, entzüekte uns der Gedanbee, der Vorsehung könnte nichts hinderlich sein, auch den vergessenen Weihnachtsbaum plötzlich in den Wendekreis des Steinbocks zu zaubern.— Also kam der Heilige Abend. Kam ganz anders als daheim in der Stadt oder auf dem verschnei- ten Dorf. Man hörte keine Kinder singen, man sah keine frommen Leute zur Mitternacht pil- gern— im Gegenteil, als unser Schiffskoch Jens Hansen versuchte, auf der Ziehharmonika„O du tröhliche“ zu spielen, leise und zaghaft, stampfte gleich Ohm Kranewitter in die Kombüse und tluchte wie sleben Gewitter. Es sollte kein Hei- liger Abend sein. Es durfte kein Weihnachtsfest mit Kuchen und Geschenken geben, weil nie⸗ mand an den Schwarzwülder Baum gedacht hatte. Da geschah das Mirakel. Mitten in der Nacht. Und es wird mir weich im Herzen, wenn ich heut davon erzähle: Als wir auf Beck gingen, stand der Segelmast vor uns mit all seinen brei- ten Balken und Guerbäumen. Stand da— lleber Gott, mein Herz jagt— stand da wie eine Weih⸗ nachtstanne von riesigen Massen. Ueberall aber, Wo Kanten und Ecken waren, dort setzte sich ein Flämmchen auf, grünlich und mit rotem Stlel. Elmsfeuer, meine Lieben! Ungeheure Stille ringsum. Der Ozean voll Frieden wie eine Wlese, zuweilen nur z0f ein Delphin lüngsseits vorüber.— Da heulte Käptn Kranewitter wie ein Kind, es tropfte rauh in seine Stoppeln: Nun hatte er seinen Weihnachts- baumt Aus der Kombüse klang Jens Hansens Zlehharmonika:„O du tröhliche“, Hernach gab's Kuchen, Rum, Tabak und Fleisch in Dosen., Ich durtte Ohm Kranewitters pflaumenstißhen Prlem E— und seitdem kann ich's nicht mehr assenl“ Das Jahr dor Kircle Lum KEvangeliumn des Sonntatz⸗ Joh. 1, 1 Die Gotthelt unter den Menschen: Die Lichter zur Heiligen Nacht sind nicht nur eine Freude tür das staunende Kinderauge, das 60 strahlend in ihren Schimamer schaut, sondern auch eine Leuchte für die sinnende Seele des Erwachsenen. Sle erhellen nicht nur untzere Stu- ben, nicht nur die geweihten Hallen der Kirchen, sondern werfen ihre Kraft bis in vergangene Jahrhunderte, bis in jenes Dunlcel, da noch nichts bekannt War von der Helle auf Bethlehems Flu- ren und dem die Weiden der Hlrten erfüllenden Gesang der himmlichen Heerscharen. ESs mull ein allge heines Menschheitssehnen gewesen sein, dle Gotthelt bei sich auf der Erde haben zu dürten. 8o bauten die stolzen Römer das Pan- theon, in dem alle Götter wellen sollten. 80 lauschten die Germanen auf dle Stimmen der Himmlischen, wenn in sturmgepeltschten Näch- hmhohtigey heſligen Nichen sich wiegten Siclicten ile WVIsenm aut den Turmspitzen Bäbylons und Assyriens, damit hnen die Er- Schelnungen der häheren Welten nicht entgingen. 7˙ Wie klein aber wurde Salomon, der welseste aller Köntige, als die Herrlichkeit Gottes in seinem Tempel erschlen. Das göttliche Kind unter den Menschen: „Das Wort ist Fleisch geworden und wohnte unter uns. Wir sahen Seine Herrlichkeit, die Herrlichkeit des Vaters voll der Gnade und Wahrheit.“ Wie brausender Wein sind diese Worte des hl. Johannes. Das grobe Wunder voll- 20f sich. Das Unerfahliche und Unbegreifliche wWar Wirklichkeit geworden. Und nun singen Engelschöre das gewaltige Finale:„Wir verkün⸗ den euch eine große Freude, in der Stadt Davids ist der Helland geboren“, Was ist der Olymp der Kriechischen Götter, was das Walhalla der ger- manischen Krieger gegen die Krippe im Stalle, in der dies Kindlein llegt, das Gott selber ist. Kein Wunder, daß die Genlen der Menschheit es darzustellen versuchten in der Fülle der Far- ben, im Jubel der Harmonien, Um dieses Kind lälht Gott alle Jahrtausende kreisen In ihm allein gibht er allem Dasein einen Sinn. Dle gor- dischen Knoten werden entwirrt ohne Helm und ohnſe Schwertstreich, Kein Wunder, daßh der Gläubige das Knie beugt bei den Worten: das Wort ist Fleisch geworden, Ist Mensch geworden Wie Wir,„in allem uns gleich, nur die Sünde aus- Henommen“. Eigenartig! Unser gehetztes Zeltalter, in dem die Technilk triumphlert und die Hast das Szep- ter kührt, hält einmal wenigstens den Atem an. Es ist diese Heilige Nacht mit dem„wahren Licht, das erleuchtet jeden Menschen“, die alle Herzen und Gemüter in ihren Bann zieht. In den win- terlichen Bergen machen gläubige Menschen mit elner Leuchte in der Hand ihren nüchtlichen Weg hin zur Krippe. Auch wir wollen elne solche Leuchte tragen, die entzündet ist am helligen Geheimnis, die genihrt wird Vom Oile des Glau- bens, die uns emporhebt in das Ubersinnliche. Auch wir Menschen müssen diesem Kinde der Helligen Nacht einen Altar bauen, ihn aufstellen inmitten des Herzens und es anbeten in Seiner Gottheit. Die Palüste unseres Stolzes und Selbst. vergötzung sollen wir abbrechen, in kindlicher Hingebung aber dem Göttlichen in diesem Kinde huldigen. So wie es die Hirten taten. So wie es die Könige nicht unter hrer Würde hlelten.„Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns geschenkt, auf dessen Schultern die Herrschaft ruht.“ Johannes verkündet in seiner Welhnachtsbot- schaft:„Allen, die Ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, all denen, die an Sel⸗ nen Namen glauben“. Wie sehr aber sollen wir des göttlichen Kindes Worte beherzigen, als es der Menschheit die Lehre des Vaters bringen mulßte:„Wenn ihr nicht wWerdet wie die Klnder, o0 Werdet ihr nicht in das Himmelreſch ein⸗ fehen“. Killan Frank. Sonntag, 25. Dezember 1949 Oer Meg æd den Mirien Von Bernd Boehle Ich stand in der Fensternische, als der Zug der Mönche den langen Gang heraufkam. Sie gingen zu zweit, nur der Abt an der Spitze war allein, und sie gingen kfast lautlos, man hörte kaum die Schritte; die Bohlen knarrten ein wenig. Die Kapuzen hatten sie über den Kopf gezogen und NVVVOEV. Holzschnitt von Hanns und Maria Mannhart aus dem schön ausgestatteten,„,Weihnachtsevangelium“,erathienen im Gral-Verlag, Heidelberg die Hünde in die weiten Armel hrer Mäntel vergraben. Die Mönche kamen aus der Kirche, Wo sle die Mitternachtsmesse gefeiert hatten. Als sle vor der Abtel anlangten, machten sie halt und wünschten hrem Abt in einem schlichten, doch felerlichen Zeremoniell ein frohes Welh- nachtsfest. Nach vielen Jahren weilte ſch als Gast Wieder im Kloster. Ich wollte alte Freunde und Schulkameraden besuchen, ich wollte hier auch das Weihnachtsfest verbringen. Wenig später, als ich wieder auf meinemn Zim- mer war, öffnete sich die Tür, und herein kam Pater Wilfried. Er trug einen Tannenzweig, auf dem eine Kerze brannte, und brachte so die Weihnacht auch zu mir. Wilfried war mein Klas- senkamerad gewesen und hatte die beiden letz- ten Jahre vor dem Abitur neben mir gesessen. Später war er Mönch geworden; üÜber der schwar- zen Kutte stand immer noch das frische und lachende Gesicht.„Diese Nacht wirst du dir wohl um dlie Ohren schlagen müssen“, meinte er,„das heißßt, wenn du es dir nicht anders überlegt hast. Es bleibt dabei: ich werde bei den Schwaig- bauern die Messe lesen. Natürlich würde ich mich treuen, wenn du mit kämst.“ Das war längst 80 abgeredet. Der Schlitten stand schon vor dem Kloster- portal. Bruder Wendelin, der den Kutscher machte, hatte über die Kutte einen müchtigen Schafspelzmantel gezogen und eine ebensòlche Mütze auf dem Kopf. Er sah aus wie ein Missio- nar bel den Eskimos; selbst der schwarze Bart pallte dazu. Auch WIlfrled und lIch mummten uns ein, denn es war klirrend kalt, der Atem flatterte als lange weilge Fahne an unserm Mund.“ Kurz hinter dem Dorf lenkte Wendelin die Pferde in einen kaum befahrenen Weg, der in ein Seitental führte. Der Schlitten glitt wie über Watte. Hler wurde die Welt still und groß und teterlich. Der Schnee lag so hoch, als hätte die Erde sich mit dicken Federbetten zugedeckt. Unter dem mondlosen Himmel hatte er eine blaue Farbe in allen Schattlerungen, nach hun⸗ dert oder zweihundert Metern lösten sich die Konturen auf, die Dinge verschwammen zu undeutlichen Schemen und zergingen. Hier war das Schwelgen vollkommen, es gab keinen Laut, selbst das Bimmeln der Schlittenglocken ertrank und wurde unwesentlich. Wir waren wohl schon an die zwel Stunden gefahren, da sahen wir, als wir aus dem Wald herauskamen, vor uns auf dem Hang das erste Licht, tzeeit wir das Dortf hinter uns gelassen hat- ten. Wir waren am Ziel. Es war die Kapelle, die kingsum von hohen Tannen bewacht wurde, Der Förster erwartete uns, er nahm die Pferde und kührte den Schlitten nach seinem Hause, das seit- wWärts hinter den Bäumen verborgen lag: es War das letzte Forsthaus bis zur Grenze Wir traten in dite Kapelle Stle War wie tausend Kapellen arn Wes, arm und dürktig doch das Licht vieler Kerzen erkülſte den Raum pit einem Goldglanz, und Tannengrün gab ihm den welhnachtlichen Dutft. Neben dem Altar War eine Krippe auf⸗ debaut aus plumpen Holzflguren, wie Bauern. * e&K&&KKKK0 hände sie geschnitzt haben mochten. Hell leuch- tete der Stern von Bethlehem. „So, mein Junge, jetzt sei der Engel“, lachte Wiltried.„Du wirst die Glocke läuten und es ins Bergland hinausrufen: ich verkünde euch eine großbe Freude, denn heute ist euch der Heiland geboren..“ Ich hängte mich ans Glockenseil, während Wendelin dem Freund beim Anlegen der priester- lichen Gewänder half. Ich läutete und läutete. Ich rief die Bauern, die einsam im Tal wohnten, zur Krippe. Es dauerte auch nicht lange, da tauchten da und dort Lichter auf und kamen auf die Kapelle zu. Die Bauern hatten Laternen bei sich und be- leuchteten ihren Weg. Dann drüngten sie sich in dem kleinen Raum, an die drei Dutzend Men- schen. Sie waren wie die Figuren in der Krippe, mit Gesichtern, die auch aus Holz geschnitten schlenen, die Männer hatten Bärte, die Frauen Tücher um die Köpfe gewickelt. Aber sie alle hatten helle, strahlende Augen, neugierige und kromme Augen, in denen sich die Lichter der Kerzen spiegelten. Das waren die Hirten. Waren es nicht diesel- ben Hirten wie vor zweitausend Jahren? Sie hatten ihrè schwere Arbeit und Sorgen und Nöte, sie hatten Krankheften, auch Geburt und Tod, sie lebten am Ende der Welt, weit von den anderen Menschen, sie kannten die Gezeiten des Jahres. Sie hatten auch heute wieder den Ruf verstanden und waren zur Krippe gekommen. „Ich will euch eine große Freude verkünden...“ Ich hätte sie beneiden können, diese stillen Menschen. So haben die Maler in Jahrhunderten die Hir- ten gemalt. In dieser Weihnacht habe ich die Hirten an der Krippe gesehen. Und wie jene ihre Gaben darbrachten, dem in Armut geborenen Gottmenschen, so legten auch diese ihr Päckchen vor der Krippe nieder. Vielleicht enthielt es einen Kuchen, vielleicht einen Käse oder ein Hemd oder ein Paar Socken. Es war für die Armen, die an der Klosterpforte anklopften. Als wir die Kapelle verließen, hing die Däm- merung im Tal, die Sterne waren verlöscht, aber unter den Bäumen stand ein Rudel Rehe. Der Schnee und der Hunger hatte sie zu den Men- schen getrieben, vielleicht auch hatte sie der Ge- lang gelockt oder das Licht der Kapellenfenster. Bruder Wendelin holte aus dem Forsthaus ein mächtiges Bündel Heu, er hielt es mit beiden Armen. Die Tiere umringten ihn sofort und zupften an allen Seiten. Wendelin stand mitten unter ihnen, er lachte, sein Mund leuchtete rot aus dem schwarzen Bart. Die Kinder der Schwaigbauern aber sind zurück auf die Höfe gegangen und haben erzählt, sie hätten das Kind in der Krippe gesehen und her- nach den Weihnachtsmann selbst, wie er die Tiere beschenkt hatte SGrriechiſche Der Weihnachtstaler ö Von Ottfried Stof Finckenstein Kadutschek nahm einen Schluck aus der Flasche und wiegte bedächtig den Kopf:„Die werden sich alle noch wundern, was aus dir ein- mal wird.“„Was denn?“ Elsa sah forschend auf. Aber der Vater hatte sich nur an einem Gröhbenwahn begeistern wollen, dessen Ziel ihm selbst unbekannt war. „Heute ist Weihnachten“, sagte er ausweichend und trank noch einen Schluck. Sie waren jetzt mit dem Essen fertig. „Na, dann werde ich noch einmal nach nebenan gehen“, sagte Elsa. „Mach nicht zu lange.“ „Ich komme gleich wieder.“ „Es ist hübsch, daß du so ein Herz wie ein Engelchen hast. Wenn die Martha das bloſl noch erlebt hätte..“ Er versenkte sich in die Selig- keit des Erinnerns und Vergessens. Elsa aber huschte aus der Tür ünd lief um die Giebel des Hauses, wo noch eine zweite Stube lag, denn früher hatten hier einmal zwei Fami- lien gewohnt, Dort hauste jetzt ein alter Mann, einer der Grenzgänger, die eigentlich kein Zu- hause hatten. Er hatte aber im Lauf der Jahre eine Art von Gewohnheitsrecht erworben, dort zu sein. Der Förster sah ihn nicht gern, aber der junge Baron, dem ja das Gut gehörte, wenn auch selne Mutter immer noch so tat, als sei sie die Herrin, hielt aus irgendeinem Grunde, wahr- scheinlich aus Gutmütigkeit, die Hand über ihn. „Bist du gekommen, mein Töchterchen?“ Es war schwer zu sagen, wie alt der„Schacki“ — 80 nannte man ihn in der Gegend— eigentlich War. Er wußte es vielleicht selbst nicht, oder er wollte es nicht wissen. Denn er war ein Ver⸗ schlossener. Aber sicher war, daß die Bartstop- Das Märchen vom ungegogenen Engelkind Lieselotte aus Sinsheim hat uns ein Märchen geschrieben, weil ihr die Märchen auf unserer Kinderseite immer so gut gefallen ha- ben. Wer hat Lust, es ihr nachzumachen und dem„Tageblatt“, Kinderbeilage, auch ein selbstverfaßtes Märchen zu schicken? Es war kurz vor Weihnachten und im Himmel wWaren bereits groſle Vorbereitungen für das liebe Weihnachtsfest. Alle Englein hatten große Schürzen umgebunden und halfen tüchtig dem Christkindlein. Viele Engel, es waren die kleineren, gerade im richtigen Bengelchenalter, waren beschäftigt, alle die vielen Sternlein blank zu putzen und zu reiben. Dummerweise wurden die B-Engelchen nicht von einem größeren Engel beaufsichtigt, sondern sie konnten tun und lassen, was sie wollten. Daßß sie da, anstatt zu Putzen, lieber Fangen und Verstecken splelten, kannst du dir ja denken. Ein paar von den kleinen Faulpelzchen hatten sich sogar ein goldenes Sternchen als Fußball auserkoren und die Schlingel kickten lustig und vergnügt das Stern- lein in den Wollten herum, bis— ja bis ein Zacken abbrach. Oh je, dem kleinen Uebeltäter kullerten dicke Tränen über die Bückchen. Doch da kam ihm ein rettender Gedankte, Schwuppdiwupp packte 80 ein Rackerchen das beschädigte Sternlein und steckte es, hast du nicht gesehen, in eine dicke schwarze Wolke hinein. Als der Mond nun gerade fortwollte und noch einmal seine Sternenschar überzählte, merlete er natürlich sofort, daß eines fehlte und schickte gleich ein Engelchen aus, um es zu suchen. Aber das Engelchen fand nichts. Nun wurde es dem guten Mond doch Angst um das ihm auvertraute Sternlein und er ging sorgenvoll zu Petrus. Petrus erschrak sehr, denn das war schon seit drei Millio- nen Jahren nicht mehr passiert. Er kratzte sich hinter dem Ohr.„Das müssen wir dem lieben Gott melden!“ Und der liebe Gott war arg, arg böse. Weihnacht Von Dr. Pedro Cocoretsas Die grlechische Weihnacht heißt„Christu-⸗ genna“(Christi Geburt) und die Bevölkerung beflndet sich schon wochenlang vorher so im Fieber des Kommenden wie überall. Keine Adventskränze allerdings brennen und keine Weihnachtsbäume werden geputzt. Dafür wird streng gefastet: kein Fleisch, kein Fisch, keine Eier, kein Fett ist in der Vorweihnacht ge- stattet. Man ißt meist Hülsenfruchtsuppen, die mit Olivenöl zubereitet werden. Mittwochs und freitags ist auch das Oel verboten. Am 24. Dezember aber, wenn die Einkäufe erledigt sind, ist alles munter und guter Dinge. Besonders die Kinder, die sich schon lange Vorher ein„Trigono“, ein eisernes Dreieck besorgt haben. Wie mit einer Triangel klingelnd ziehen sie damit durch die Straßhen und ver- künden am 24. Dezember die Christugenna. Sie ziehen von Haus zu Haus, wo sich übeéerall das gleiche, altvertraute Rituell abspielt. Für ihre Verkündigung erhalten dann die Kinder ein Taschengeld oder werden zu einer Nascherei eingeladen. Der Heilige Abend des Westens ist für die Griechische Kirche nur eine sogenannte inner- kirchliche Obligation. Aber am 2 5. Dezember, in aller Frühe um 5 Uhr wird der„Orthros“, die Frühmesse, gelesen. Die Gläubigen, in weite Mäntel gehüllte Bauern und Bäuerinnen in langen Schals machen sich oft schon um 1 Uhi auf den Weg. Dazu läuten die Glocken. An diesem Tage kommunizieren die Gläubigen. Während der„Liturgia“(Heilige Messe) werden „Troparia“(Sonderfestlieder) in byzantinischer Musik gesungen. Das erste lautet: 7 h‚π und Mnas Heute gebürt die Jungfrau den Allerwichtigsten. Drei Könige wandern nach einem Stern, denn für uns ist ein kleines Kind geboren, das ist der vor Ewigkeiten lebende Gott. Die zweite lautet: Durch Deine Geburt, Christus, unser Gott, ist der Welt das Licht aufgegangen. Und wer die Sterne anbetete, der wurde von einem Stern belehrt. Dich, Sonne der Gerechtigkeit, beten wir an. Und Dich erkennen die aus dem Osten. Herr, Ruhm sel Dir. Mittags wird dann stundenlang bankettiert. Als Vorspeise gibt es ein paar Glüschen„Use“ Eranntwein), dann gehört zuch der gebratene Truthahn dazu. Als Beigabe werden Feta (Schafkäse), Kasseri Hartkäse) gegeben und der „Retsina“(geharzter Wein) wird literweise getrunken, sei er weiſß oder„kokkinelli“(rot). Als Nachspeise gibt es Apfelsinen. Dann die griechischen Weihnachtskuchen, die mit Honig bestrichen werden, Walnüsse, Röstkastanien, Feigen und Rosinen. Der türkische Kaffee sei nicht vergessen— anschliegend wird dann ge- tanzt und gesungen. Am ersten und zweſten Feiertag wird illumi- niert. Die Hauptstraßen Athens sind mit leuch- tenden Bögen aus Glünbirnen geschmückt, Während die Akropolis mit dem Parthenon durch starke Scheinwerfer beleuchtet werden. Um den Zauber eines solchen Weihnachtens und eines solchen Anblicks zu verstehen, muh man ihn wohl einmal mit eigenen Augen gesehen haben Der Zauber ist s0 echt und 80 tief wie überall zu dieser Zeit. Er ist dabei auch aus tlefster Seele grlechisch. Jetzt in der Weihnachtszeit, wo doch die Stern- lein alle besonders hell und schön funkeln und slitzern sollten, mußte dies passieren! Wie sie alle suchten, sahen sie, wie so ein Engel- chen sich an einer dicken Wolke zu schaffen machte und sich, als es die Suchenden bemerkte, mit einem hörbaren Plumps draufsetzte und einen ganz roten Kopf bekam. Erstaunt fragte der liebe Gott:„Nanu, wWas soll denn das bedeuten? Du gehörst ja längst Rl Relet WEIHNACHTSLIED Vom Himmel in die tieisten Klüſte Ein milder Stern herniederlacht, Vom Tannenwalde steigen Düfte Und hauchen durch die Winterlütte Und kerzenhelle wird die Nacht. Mir ist das Herz so froh erschrocken, Das ist die liebe Weihnachtszeitl Ich höre fernher Kirchenglocken Mich lieblich heimatlich verlocken In märchenstiller Herrlichkeit.* Ein frommer Zauber hält mich wieder, Anbetend, staunend muß ich stehn; Es sinki auf meine Augenlider Ein gold'ner Kindertraum hernieder, Ich ſuhl's, ein Wunder ist gescheh'n. Von Theodor Storm STBGEG U Kr LSG Le ins Bett! Komm einmal herl Zeig mir mal Deine Hände!“ In diesem Augenblick flel etwas Funkeln- des aus dem Kleid des Engelchens und gerade Pe- trus vor die Füße. Der bückte sich und was hlelt er in der Hand? Das zerbrochene Sternlein! Wort- los zeigte er dem lieben Gott seinen Fund. Zur Strafe nahm er ihm die Flügelchen weg und sagte: „Du mußlt als Menschenkind auf die Erde und erst, wenn du eine gute Tat vollbracht hast, kannst du wieder in den Himmel kommen;“ Petrus z080 ihm ein altes Mäntelchen an, stülpte ihm die Pudel- mütze über, machte das Himmeltor auf und jagte das bitterlich weinende Ungelein hinaus. Huh, war das kalt! Als es eine Zeitlang durch den Schnee gestapft war, sah es in der Ferne Lich- ter blinken, Nun stapfte es weiter und stand mit einem Male mitten in der Stadt. Der Duft von Waflelbäckereien und gebratenen Kastanien lag in der Luft. Da sah es unter einem Baum eine dicke Frau sitzen, die Aepfel verkaufte,„Du hast aber schöne Aepfel“, sagte es. Die Frau aber fuhr hoch und keifte:„Du nichtsnutziges Ding, mir unter meinen Augen meine schönen Aepfel zu stehlen!“ Da sah es ein kleines Mädel allein an einem großßen Tisch sttzen, das verkkaufte niedliche kleine Wollschäf- chen mit roten und blauen Bändchen um den Hals. Ertreut nahm das Engelchen eines der Schäfchen und sagte:„Ich will Dir helfen!“„Geh weg, du böses Ding, du willst nur meine Schäfchen stehlen. Wenn mein großer Bruder kommt, haut er dich!“ Eingeschüchtert schwieg das Engelein und trollte slch. Wie sollte es seine gute Tat vollbringen, wenn die Menschen 80 grob und böse waren? An einer Straßßenecke blieb es traurig stehen. Plötzlich sah es einen Blinden stehen, der an einer Straßenecke stand und sich nicht herüber- traute. Da ging es über die Straßhe und gagte schüchtern:„Kkomm, ich führe dich!“ Vertrauens- voll schob er seine Hände in die ihren. Als sle drüben angekommen Waren, strich der Mann ihr über das Köpfchen und sagte:„Mein kleiner Schutzengel, wenn du immer bel mir wärst!“ Unser Englein ging nun trohen Mutes welter. Auf einmal stand es wieder auf frelem Feld. Das Eng⸗ lein staunte, denn vor ihm stand die Himmels- leiter und oben winkte Petrus. Und glückselig kletterte es die Leiter hinauf. Von Lieselotte Niebel, 14 Jahre.) Zum Wethnachtstest sind Wir mal brav, Aprach Knarr zu Knast, als or ihn trak. Lans. Was da orstrahlt in tettem Glaus lut— nichts tür uns— die Welthnachts⸗ Die Pfoten wWegl Denn Wurst u. Fisch Aind gleichtalls tür den Gabentisch. Am Abend leuchtet durch den Raum Im Lüchterscheln der Welhnachtsbaum. peln, die ihm in der Woche wuchsen, schon welſ Waren. Sonst aber hielt er sich aufrecht wie ein Junger. Uberhaupt erinnerte er in all seinen Be- Wegungen, Gesten und Außerlichkeiten, so ver- wWischt sie von seiner gegenwärtigen Umwelt sein mochten, an ein anderes Bild, als er jetzt bot. Es war das stark nachgedunkelte Bild eines Mannes, der die große oder zumindest weite Welt gekannt hat. „Was soll ich singen?“ fragte Elsa sachlich ohne Umschweife. „Setz dich erst mal hin, Töchterchen, heute hast du ja wohl etwas mehr Zeit, nicht wahr?“ „Ich weiß nicht“ „Warum bist du denn gekommen, wenn du gleich wieder gehen willst?“ Elsa wußte nicht, was sie antworten sollte. „Hör mal zu, heute will ich dirée mal etwas schenken, singen kannst du einen anderen Tag. Heute darfst du mal in meine Truhe fassen.“ „Au feinl“ Die Truhe stand unter dem Drahtbett, eine alta, ziemlich kleine Schifferkiste mit zwei Schlös- sern. Elsa hatte sich oft gefragt, was wohl darin sel, hatteè es aber nicht ausgesprochen, denn der Onkel, so nannte sie ihn, verstand es, eine ge- wisse Scheu in ihr wach zu halten. „Jetzt muß ich dir aber die Augen verbinden.“ „Dann kann ich ja nichts sehen.“ „Das sollst du ja gerade nicht. Du hast ja feine bewegliche Finger zum Fühlen und zum Strei- cheln... Du wirst schon was finden. Frauen, die solche Hände haben, fanden noch immer, was sie süchten Elsa lieſi sich die Augen mit einem rotseidenen Tuch verbinden, einem Tuch, wie Männer es haben, die schnupfen. „Jetzt werde ich dich führen.“ Er faßte das Mädchen von hinten an dem Arm und führte sie im Kreis umher. Plötzlich fühlte sle, wie ihre Beine an einen Gegenstand stießen. Im gleichen Augenblick drehte Schacki sie um, gab ihr einen kleinen Stoß, der Gegenstand drückte gegen ihre Kniekehle, und sie taumelte rückwärts auf das Bett. „Bleib man sitzen“, lachte Schackl,„ich hole die Kiste her.“ Er setzte den schweren Gegen- stand auf ihren Schoß. „So, nun such dir aus.“ „Sie tastete mit den Fingerspitzen vor, trat aber immer äuf die Hände des Mannes, der sich neben sie gesetzt hatte. Dann fühlte sie plötzlich etwas Hartes, Metallenes, während die Hände des Mannes sie zu streicheln begannen. „Laß dir Zeit, Töchterchen, such dir ein gutes Talerchen aus!“ Dann schwieg er. Unter Elsas Händen klapperten die Münzen. „Wieviel darf ich nehmen?“ „Nur einen, immer nur einen, aber immer, wenn du kommst, kannst du jetzt einen mitneh- men. Was soll ich mit dem Dreck?“ Er packte die Kiste wieder fort und nahm ihr das Tuch von den Augen, Als Elsa in ihre Hand sah, lachte eine silberne Münze sie an. Sie funkelte, als sei sie blankgeputzt. „Gefüällt sie dir?“ Aber Elsa schien vor Entzücken verstummt. Dann plötzlich schnellte ihr kleiner, behender Körper hoch, die Arme klammerten sich um Schackis Hals. Sie küßte das Gesſelit das sich heute glattrasſert und weich anffihite, unbehol- ken stürmisch, wo immer sie hintraf. Dann rannte sle ohne ein Wort aus der Tür. Der Kadutschek war inzwischen über seiner Flasche eingeschlafen. Er war in den Weihnachts. himmel der Armen und der Einsamen entwichen. (Aus der Novelle„Die Nonne“, Nymphehburtzer Verlagsanstalt, München) Rätsel-FCKe Waagrecht: 1 und 26 wünschen wir allen unseren Lesern zu Weihnachten, 9 Fluß in Ost⸗ deutschland, 10 einhufiges Säugetler, 11 älteste Stadt Finnlands, 12 Ueberschrift, 13 Haare am Kinn, 16 griechische Göttin, 16 reimloses Gedicht, 17 Rennmannschaft, 20 Teilzahlung 24 füngste der großen Weltreligionen, 25 schallchafter Wald- und Weidegott, 26 Haushaltsplan, 27 Naturerscheinung. Senkrecht: 1 Nebenfluß der Donau, 2 Insel im Mittelmeer, 3 chemisches Hlement, 4 Abkür⸗ zung kfür chemischen Grundstofft, 5 storchartiger Sumptvogel, 6 Fluß zur Elbemündung, 7 schwei⸗ zer Roman-Schriftsteller, 6 Mädchenname, 14 vita⸗ minreiche Gemüsefrucht, 17 sich weit nach unten ausdehnend, 16 altitalienisches Adelsgeschlecht, 19 Gebirge in Turkestan, 21 Hauptstadt der Samoa⸗ lntzeln aut Upolu, 22 großhe Meeresalgen, 23 Grenz⸗ punkt eines Gegenstandes. (Auflösung im Sporttell der Dlenstag-Ausgabe eenKKKK&K.