Ansehen gelangen wollen!! Sagt mir, wer von Euch hätte wohl gedacht, daß Deutschland so reich sei, an solch sauberer Gesellschaft?
Nicht aber rechne ich zu den Proletariern den braven Arbeiter, dem Gott durch die Kraft seiner Hände und den gesunden Menschenverstand ein Kapital verlieh, welches ihm Niemand rauben kann, es sei denn Krankheit oder Alter. Der wird schon durchkommen, wenn jene bösen Buben die Ruhe und öffentliche Wohlfahrt nicht stören. Diesen ehrenwerthen Leuten muß geholfen werden durch Hebung der Gewerbe, Vorschußkassen, guten Unterricht für die Kinder, und Sicherstellung gegen Krankheit und Jn- valididät. Schaut auf die Bergleute, dort ist schon ein guter Anfang gemacht. Um dahin zu gelangen, schafft Ruhe im Lande und wählt Leute in die Kammer, so nicht erbittert mit der Regierung zanken, sondern zum Wohle Aller aufrichtig Hand an das Werk legen. Fast zwei Jahre habt Ihr es versucht mit Schreiern, macht jetzt einmal die Probe mit Männern von gemäßigter Gesinnung, so die Freiheit wollen, gesichert durch gesetzliche Schranken nach unten und oben, und dann fällt ein unparteiisches Urtheil!"
NB. Wir haben diese Definition hierhergesetzt, um zu zeigen, wie wenig Verständniß die herrschenden Kreise vor 50 Jahren für die sozialen Erscheinungen in der Gesellschaft hatten.
Ein Kilwi-Tag vor 10 Jahren.
Am letzten Sonntag überstieg ich die Wasserscheide zwischen Kinzig- und Schutterthal auf die bequemste Art. Den in den zwanziger Jahren erbauten Heerweg von Biberach über die Geroldseck nach Reichenbach bei Lahr nahm ich zum Paß; diese Landstraße verdient, als ein Denkmal badischer Technik von allen Generationen bewundert zu werden. Und wie reichlich befriedigt das Schwarzwald -Panorama beim Löwenwirthshause auf der Höhe die Schaulust der Emporkömmlinge! Vier Kinder watschelten an der Seite der Eltern und die kleine Freya darf schon eine Schmeichelei dafür entgegennehmen, daß sie an ihrem 3jährigen Geburtstag diese Familienexkursion ohne Zagen und Klagen mitgemacht hat.
In Reichenbach nimmt die Straßenbahn die von der Höhe Heruntergekommenen auf und bimmelt sie weiter nach Lahr und an die Hauptbahn. Vorher stärkt sich der Mensch in einem der zahlreichen Institute zur Lösung der Magenfrage und ruht aus von den Strapazen.
Seit 10 Jahren sah ich Reichenbach nicht mehr. Wie sich's in diesen 500 Wochen so vortheilhaft entwickelt hat! Es ähnelt einem Städtchen und läuft Gefahr, von den Lahrern als östliche Vorstadt annektirt zu werden. Lahr zwischen Dinglingen und Reichenbach! Wie gesagt, die Reichenbächer sind an den großen Weltverkehr angeschlossen durch die Schutterthalbahn und stehen nun im Zeichen der erhöhten Entwickelung und Kultur. Wer ihnen vor 10 Jahren prophezeien wollte, daß in den 90er Jahren die Lokomotive durch die Ortsstraße keucht, den erklärten sie für einen zukunftsstaatlichen Schwärmerkasten.
„Wie geht's dem Herrn Wachtmeister Küchle, ist er noch hier?" frug ich im Volkszimmer etliche hinter Tabakrauch unkenntliche Schoppenstecher. Und an der Beantwortung der Frage gewahrte ich zu meinem Erstaunen, daß sie in der ganzen Runde mich kannten oder noch nicht vergessen hatten, trotz der Entstellung, die ein Dezennium nervenstrapazierenden Lebens an mir vorgenommen. Am Sonntag sind's 10 Jahre, sagten sie, daß der Adolf den Kilwi-Tag zu Reichenbach mitmachte. Und mit einem Male kam mir eine Episode aus meinem romantischen Leben wieder in's Gedächtniß, an die ich seit vielen Jahren keine Erinnerung mehr hatte.
Es war am 20. Oktober 1889. Das unglückselige Sozialistengesetz bestund schon 11 Jahre und in jener Zeit wurden die belustigendsten Experimente mit ihm ausgeführt. Ueber „Themata" durste damals im liberalen badischen Vaterlande nicht gesprochen werden. Die Reichenbacher Arbeiterschaft war aber in jener Zeit darauf veffessen, von mir einen Vortrag zu hören. Sie schrieben drum eine Versammlung aus auf den 20. Oktober in das Gasthaus zur Geroldseck und kündigten an, daß der Redakteur Geck aus Offenburg einen Vortrag über „Lebens- mittelvertheuerung" halten werde.
Gibt's aber nicht, sagte der Herr Bezirksamtmann W i n t h e r in Lahr und machte noch am Sonntag seine Gendarmerie mobil, damit sie das Kritisiren der Lebensmittelvertheuerung verhüten soll.
Reichenbach, etliche Lahrer und der Referent der Versammlung. Am Eingang zu dem Dorfe nahten sich mit geheimnißvoller Miene einige Reichenbächer Arbeiter:
„Drei Gendarmen stehen vor der Geroldseck ; sie lassen keinen Menschen in die Wirthschaft; die Aufregung ist groß."
Richtig; je näher wir der Geroldseck kamen, die Leute häuften sich und die Situation wurde gespannter. Die Scene wirkte gewaltig krotesk: Der Gastwirth, in seiner Behausung eingeschlossen, lugte durch's Fenster nach seinen exkommunizirten Gästen und wie ein Michael, nur mit dem Schwert in der ledernen Scheide, stund ein Wachtmeister bei seinen Adjutanten und wehrte, den Hausschlüssel zur Geroldseck in seiner Tasche, den Referenten mit seinem Generalstab ab.
In wessen Auftrag geschieht diese Farce?
Im Namen des Gesetzes d. h. des Amtmannes.
Wo ist der schriftliche Auftrag?
Wie gewöhnlich zog der Mann der öffentlichen Ordnung ein Stück Papier aus der Tasche, dessen Inhalt ihn bevollmächtigte, der staatsgefährlichen Versammlung durch einen lösenden Paragraphen ein Ende zu machen.
Aber, bester Schutzgeist aller Ordnung, wer heißt Sie denn, dem Wirth das Geschäft zuschließen und ihn an der Ausübung seines Berufes hindern?
Das Petschieren der Wirthschaft erschien dem genialen Mann als eine ganz besonders schlaue That eigener Erfindung, für die er sich eine silberne Verdienstmedaille erhoffte.
Im Schöpfungsplan war glücklicherweise für die Geroldseck eine Sommerwirthschaft vorgesehen; dort hinein setzten sich die vielen Leute, von den Augen des Gesetzes scharf bewacht Und in etwas vorsichtiger Entfernung vom Gartenzaun hielt sich das weibliche Reichenbach, denn der Herr Pfarrer hatte am Vormittag von der Kanzel herunter mit der ewigen Verdammniß gedroht, wenn sich ein Schäsiein den Vortrag über die Lebensmittelvertheuerung anhörte.
Von Wirthschaft zu Wirthschaft in processionsartigem Zuge wälzte sich, sobald der Referent mit seinem Stab einen Lokalwechsel vornahm, das Volk und die getreuen Ekarte unter der Pickelhaube folgten uns Schritt für Schritt.
Ich befürchtete, der Neue möchte die ohnehin aufgeregten Leute zu spöttischen Bemerkungen gegen die Beamten veranlassen. Darum erhob ich mich inr „Gasthaus zum Deutschen Kaiser," um den Arbeitern das Vermeiden jeder Störung zu empfehlen.
Kaum waren drei Worte meinen Lippen entflohen, da untersagte mir der Wachtmeister das Sprechen.
Ich verbat mir diesen Eingriff in meine Menschenrechte.
„Im Namen des Gesetzes löse ich die Versammlung auf!"
Unvergleichbar war die spontane Heiterkeit, die sich bei diesem Machtspruch der Gäste des Kaiserwirths bemächtigte. Alle erwarteten, der Wachtmeister werde den Hausschlüssel beim Wirth holen und nunmehr auch dieses Lokal petschieren.
Man ließ es nicht dahin kommen. Der Stab erhob sich; ich rief den Leuten abschiednehmend zu: „Den Küchlesonntag von Reichenbach werde ich so schnell nicht vergessen!
Mich ahnungsloses gehetztes Wild sollte für diese Worte noch der Arm der irdischen Gerechtigkeit schütteln.
Zweimal beschäftigten sich die Gerichte, so zu Lahr wie zu Offenburg , mit meinem Vergehen (Uebertretung des § 51 Z. 1 P.St.G.B. ) Wie's mir erging erzähle ich den geduldigen Lesern in der nächsten Nummer.
Vertretungen im Stiindehaus zu Karlsruhe .
Das nachfolgende Verzeichniß enthält die Vertretungen Offenburgs im Landtag, sowie die Namen derjenigen Offenburger , welche Abgeordnete
waren.
I. Bewohner von Offenburg als Kammermitglieder.
Bill et, Stadtmeister hier, 11. Bez. 1819/20.
Burg Karl Emil, Gemeinderath hier, geb. 11.10.32 ff 20.2.88. XXVI. Bez. Offenb. 1881/88.
Eckhard Karl Maria Josef, Rechtsanwalt in Offenburg , später Bankdirektor in Mannheim , geb. 13. 3. 22 — Offenburg 1861/62.
v. Feder Heinrich , Rechtsanwalt Offenburg , geb. 20. 1. 22 — für Wertheim (16. Bez) 1863/70.
Geck Adolf , Buchdruckereibesitzer Offenburg, geb. 9. 2. 1854 — für Karlsruhe -Stadt seit 1897.
Gerbet Christ. Wilhelm, Kreisgerichtsrath Offenburg, geb.
14. 11. 1820 — für Offenburg 1863/70.
Gottwald, Oberbürgermeister in Offenburg , geb. 14.6. 1782 f ? — für Lahr 1841/42.