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IODKUK181
Freitag, 13. Dezember 194«
Gesinnungsfreunde hat gewiß da« Kriegsende in dem Glauben erlebt, daß dieser Krieg ein Kampf zweier Weltanschauungen war — Demokratie gegen Faschismus — und daß der Sieg der Demokratie auch sein Sieg ist. Dürfen wir uns wundern, wenn er diesen Glauben inzwischen zu Grabe getragen hat? Wäre er in faschistischer Gefangenschaft, so würde er sich als Märtyrer für seine Idee fühlen, für deren Sieg er seine Leiden auf sich nimmt. So aber sieht er sich von denjenigen gefangengehalten, die ihm unzählige Male verkündet haben, daß sie für die gleichen Ideale kämpfen wie er selbst. Wie soll er noch Sinn und Logik im Weltgeschehen finden? Er wird achsel- zudcend zur Kenntnis nehmen, daß die Nazis zwar den Krieg verloren, dafür aber offensichtlich den Frieden gewonnen haben. Denn sie leben, und zum überwiegenden Teil
besser als er, in der Heimat und erfreuen sich nicht selten weitgehender und höchster Förderung, während unser kriegsgefangener Freund und Demokrat sich mit der Wiedergutmachung der Schäden abmüht, die seine Gegner von gestern und sogenannten „Kollektiv-Mitschuldigen" von heute angerichtet haben. Unter den obwaltenden Umständen wird es für ihn wahrscheinlich nur zwei Wege geben: Entweder er wird hoffnungsloser Chauvinist, oder er wird Nihilist — kaum aber wird er Demokrat.
Die Leidensfähigkeit des Menschen ist nicht unbegrenzt Es gibt einen Zeitpunkt, wo die Qual eines sinnlosen Lebens über Logik und bessere Einsicht die Oberhand gewinnt. Denn es liegt eine eiserne Konsequenz im Ablauf der Dinge, und die Verantwortlichen mögen ihre Augen nicht vor diesen Tatsachen verschließen.
Nürnberg. Am vergangenen Montag begann in Nürnberg der Prozeß gegen die 23 SS -Aerzte mit der Anklagerede des ame rikanischen Hauptanklägers General Taylor . Taylor betonte die ungeheure Verantwortung, die diese angeklagten Aerzte auf sich luden, als sie ihr Land und ihren Beruf im Stich ließen und weder Mut noch Klugheit oder Spuren von moralischem Charakter zeigten. Dieser Prozeß, so betonte Taylor, sei eine ungewöhnliche Gelegenheit, um dem deutschen Volk die wahren Gründe seiner jetzigen Leiden darzulegen. Der amerikani sche Hauptankläger befaßte sich dann in mehrstündigen Ausführungen mit den „Experimenten", die gegen den Willen der Versuchspersonen in den KZ's durchgeführt wurden und oft zum qualvollen Tode führten. Die Beweisführung werde ergeben, daß es in den meisten Fällen nicht Zweck der Versuche gewesen sei, Menschen zu heilen oder zu retten, sondern daß man Mittel und Wege finden wollte, um Menschenleben vernichten zu können.
Am zweiten Verhandlungstag ging der amerikanische Anklagevertreter zu den Höhenversuchen in der Unterdruckkammer des KZ's Dachau über, und wies nach, daß der ehemalige Generaifelümarschaü Milch und der frühere Sanitätsinspektor der Luftwaffe, Professor Hippke, über die Versuche und deren oft tödlichen Verlauf informiert waren.
Die amerikanischen Anklagevertreter James Mac Haney und Alexander G. Hardy zitierten in der Mittwochnadumttagsitzung Dokumente, aus denen die enge Zusammenarbeit zwischen Luftwaffe, Himmler und der Gesellschaft „Ahnenerbe " unter dem Angeklagten Wolfram Sievers hervorgeht. Abschließend verlas James Mac Haney einen Brief Himmlers an Rascher vom 24. Oktober 1942, worin Himmler mitteilt, daß er den Bericht über die Unterkühlungsversuche mit großem Interesse gelesen habe und dem Chef der Gesellschaft „Ahnenerbe " den Auftrag erteilen werde, weitere Auswertungsmöglichkeiten für diese Versuche zu beschaffen.
Spruchkammerverfahren gegen Dr. Müller
(Drahtbericht unseres G.L.-Korrespondenten)
München . Erst nach den Landeskonferenzen der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands und Christlich-Sozialen Union am 15. Dezember sind die Entscheidungen über die Regierungsbildung in Bayern zu erwarten. Am Montag, 16. Dezember, tritt um 15 Uhr in der Aula der Münchner Universität das neue Parlament zusammen. Am Vormittag findet für die teilnehmenden Abgeordneten ein Gottesdienst statt. Der katholische Gottesdienst wird von Kardinal Faul haber gehalten.
Dr. Dehler, der Generalankläger des Kassationshofes des Staatsministeriums für Sonderaufgaben, hat das Verfahren gegen Dr. Müller eingeleitet. Es soll beschleunigt durchgeführt werden. Die amerikanische Militärregierung hat hierzu folgende Stellungnahme abgegeben: „Jede Maßnahme der deutschen Behörden, gegen Dr. Müller das Spruchkammerverfahren einzuleiten, treffen diese Behörden durchaus aus eigener Initiative und nicht auf Grund einer Anregung oder Anweisung der Militärregierung."
Auf eine Anfrage bei Dr. Müller wurde mitgeteilt, daß sich dieser in einem Schreiben an die Staatsregierung darüber beschwert habe, daß gerade in diesen entscheidenden Stunden der Politik Bayerns gegen seine Person mit solchen Mitteln vorgegangen werde. Es sei bekannt, daß Müller von 1939 bis zu seiner Verhaftung im Jahre 1943 Abwehroffizier gewesen «ei und Verbindung mit Generaloberst Bede in Rom gehabt habe.
Das in der Schweiz erschienene Buch „Da6 andere Deutschland ", die Aufzeichnungen des ehemaligen deutschen Botschafters in Rom , würden in diesem Zusammenhang den Namen Dr. Müllers mehrmals nennen.
Di« Krise der CSU hat eine neue Betonung gefunden. Während der Wahl des neuen Fraktionsvorstandes wurde Dr. Hundhammer zum ersten und Dr. Rindt (Augs burg
) zum zweiten Vorstand gewählt Beide haben die gleichen Rechte. Dr. Hundhammer gehört dem rechten, Dr. Rindt dem linken, fortschrittlichen Flügel an. Es ist nicht ausgeschlossen, daß die herrschende Krise in Bälde zu einem endgültigen Bruch führen wird.
Rückführungszwang aufgehoben
Stuttgart Die bisherige zwangsweise Rückführung von Evakuierten aus Württem berg-Baden , ist, wie das Staatekommissariat für Flüchtlinge und Ausgewiesene in Stutt gart mitteilt, aufgehoben worden. — Alle bisher ausgestellten Rüdeführungsbescheide sind damit gegenstandslos geworden. Eine Rückkehr von Evakuierten in ihre zuständige Heimatzone soll 'künftig nur noch freiwillig erfolgen.
Bremen . Deutsche Schiffe können wieder das Patent „Kapitän auf großer Fahrt " erwerben. Die Seefahrt schule in Bremen erhielt jetzt von der amerikanischen Militärregierung die Genehmigung, die Ausbildung von seemännischem Personal für die Handelsschiffahrt und Fischerei wieder aufzunehmen. Das erste verlängerte Semester, in dessen Verlauf das Patent „Kapitän auf großer Fahrt " erworben werden kann, wird am 16. Dezember in Bremen beginnen.
Griechisch-bulgarische
Grenzgefechte
Drama. Fünftägige Gebirgsgefechte an der griechisch-bulgarischen Grenze zwischen Abteilungen der griechischen 3. Armee und einer 600 Mann starken Guerillabande wurden beendet. Die I Kämpfe spielten sich in der Nähe von De-
demotlcha im Ostteil griechisch Thrazien* ab. Die Guerillak ämpier, die frontal und von beiden Seiten angegriffen wurden, entwichen untner dem Schutz der Dunkelheit über die Grenze nach Bulgarien , wie von der 3. Armee bekanntgegeben wurde. Die Verluste der griechischen Armee betragen rund 40 Tote.
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New York . Der Weltsicherheitsrat begann mit der Erörterung des griechischen Memorandums, worin behauptet wird, daß Jugoslawien , Bulgarien und Al banien die Guerilla-Kämpfe unterstützten. Der griechische Ministerpräsident Tsaldaris hatte sich eingefunden, um seinen Fall vorzutragen.
In dem griechischen Memorandum wird erklärt, daß die Situation an der griechischen Grenze die Aufrechterhaltung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit gefährden könne, wenn nicht unverzüglich Abhilfe geschaffen werde.
Persischer
Einmarsch in Aserbeidschan
Teheran. Einheiten der persischen Armee, die in Sendschan nordwestlich von Teheran stationiert sind, haben die Grenze in Richtung auf die Stadt Mianeh überschritten und den stark besetzten Verteidigungspunkt Ghaflankuh genommen. Eine große Zahl von Angehörigen der aserbaidschanischen Miliz haben sich hier kampflos ergeben und ihre Waffen den persischen Truppen ausgeliefert. — Gleichzeitig mit dem Einmarsch der persischen Truppen in Aser beidschan hat der persische Ministerpräsident Quavam Sultaneh den aserbaidschanischen Gouverneur Dr. Salamullah Djavid davon in Kenntnis gesetzt daß die Truppen der Teheran -Regierung zur Beaufsichtigung der allgemeinen Wahlen ln die Provinz einmarschieren.
Die persischen Truppen haben seit 14 Tagen im Raum von Sendschan in Bereitstellung gestanden. Ihr erstes Nahziel — Mianeh — liegt 80 km von der persischen Grenze entfernt an der Durchgangsstraße nach Tä- bris, der Hauptstadt von Aserbeidschan .
Kurzmeldungen
Die Wojewodschaft Niederschlesien wird zur Zeit von rund 1 393 000 Polen bewohnt. Ferner wurden in diesem Gebiet 116 532 Bauernhöfe im Rahmen der Be- und Umsiedlungsaktion an polnische Bauern übergeben. Die deutsche Bevölkerung beläuft sich dort auf 150 000 Personen, die in Kürze das Land verlassen müssen.
Pastor Niemöller traf in New York ein, er begab sich von dort nach Seattle um an einer Kirchenkonferenz teilzunehmen.
Die Abstimmung der Rechtsspre- chung in allen Besatzungszonen auf einheitlicher Grundlage wurde der 2. Interzonalen Juristentagung in Wiesbaden besprochen.
Die ehemalige deutsche Kolonie S ü d - westafrika wird nach einem Beschluß des Treuhandkomites einer Treuhandschaft unterstellt.
Aus Bern wird der Tod des ehemaligen Führers der deutschen Sozialdemokratie, Crispien, gemeldet, der außerdem Führer der Sozialistischen Partei Württembergs und lange Zeit Reichstagsabgeordneter war. Der Verstorbene gehörte dem linken Flügel der SPD an.
Der Stockholmer Korrespondent der „Daily Mail“ meldet, daß ein schwedischer Krämer namens Olaf Johanson eine Uraniumader entdeckt haben soll, deren Gehalt auf fünf Millionen Pfund Sterling geschätzt wird.
Der Generaldirektor der UNRRA , La Guardia , hat seine Demission zum 31. Dezember bekanntgegeben.
Die Leiche des Neffen General de Gaul les , Marquis Georges Navet de Vichy, wurde von einer französischen Delegation bei der Exhumierung von 40 Leichen aus einem Massengrab von KZ-Häftlingen in der Nähe von Hannover gefunden.
Aus dem Parteileben
Zwischen I |Z T-^T^ Meldungen
den Wahlen | x* x M-ß die uns interessieren
Kriege werden nicht zuvörderst in den Schlachten gewonnen, sondern in den Vorbereitungen. Mancher Krieg war schon verloren, ehe er angefangen hatte, (z. B. der von 1939—45). So ist's auch mit der geistigen Auseinandersetzung unter den Parteien über die Methode, wie eine politische Frage zu lösen ist Das Ziel ist allen gleich, nämlich die Besserung. Aber wie da* zu machen sei, das ist sehr umstritten
Natürlich können wir kein Brot herzaubern. Aber wir können Maßnahmen treffen, daß die gegenwärtige heillose Lage geändert wird und vor allem: Daß nie wieder eine Situation eintreten kann, in der Abenteurer, gewissenlose Machthaber das Steuer ln Händen haben und uns in eine solche Laqe bringen.
Sind wir uns aber völlig klar darüber, warum alles so kam? War es notwendig, daß es so kam, wars Schicksal — oder war es Schuld, Unfähigkeit, Vermessenheit? Und wer ist schuldig? Der Briefträger von Gammerschwang, weil er Pg und Kassierer war? Oder der Großverdiener, der mit Kanonen ein besseres Geschäft machte als mit Kaffeemühlen? Das scheint alles ganz einfach — aber es ist Grundsätzliches. Hat einer die Verantwortung für Entscheidungen zu tragen, spürt er erst, wie schwer das Einfache sein kann. Wir müssen uns mit diesen und so vielen Fragen unablässig befassen. Es geht ja heute um die innere und äußere Neuorientierung Deutschlands , ja der Welt Was wir heute aus uns machen, werden wir künftighin sein.
Demokratie — gut und schön! Aber haben wir denn eine Demokratie? Sagt nicht, die anderen sind schuld, daß wir keine haben! Tun wir selber alles um un* zu unterrichteten und verantwortungsbewußten Staatsbürgern zu machen, in dem Rahmen, der uns heute gesteckt tet? Besprechen wir uns im Kreis Gleichgesinnter ernsthaft über alles das, was ln Frage steht? Mit dem Kritisieren ists nämlich nicht getan und mit dem Schimpfen noch weniger. Es kann natürlich nicht jeder die Kalorien ausrechnen, die zum Leben notwendig sind. Aber er kann den Spezialisten gewissenhaft anhören und sich danach ein Urteil bilden. Daß die Erd« eine Kugel ist, müssen wir ja auch auf Treu und Glauben hinnehmen. Man muß von den politischen Dingen etwas wissen, wenn man über etwas entscheiden will. Und um dieses Wissen muß man sich bemühen. Die Zeit zwischen den Wahlen ist die Zeit der Arbeit, des Studiums, der Aussprache, des Ausbaus der örtlichen Gemeinschaften, der Organisation, der Willensbildung im kleinen, die sich dann den Wortführern mitteilt. Wir sind auch dabei, auch wenn wir in der Opposition stehen, denn auch da; durch gut bedachte Gegenvorschläge kann man durchaus positiv mitarbeiten. Es darf immer nur um die S a ch e gehen. Das galt einmal als gut deutsch , und so soils wieder werden. Wir dürfen die Demokratie nicht zur leeren Phrase werden lassen. Wir können uns das nicht mehr leisten. In der Partei wie im Staat wollen wir lebendige Glieder sein, Männer, Charaktere. Nur damit kann man einen Staat aufbauen.
Es sind nicht nur materielle Probleme, die augenblicklich zu lösen sind. Die Welt ist noch immer voll von phantastischen Plänen, nachdem eben erst die letzten erbärmlich zuschanden geworden sind. Es ist noch einiges auszuräumen, manches sieht nämlich noch bedenklich nach Hitlerei aus. auch da, wo es sich ganz anders gibt. M u n d i n g
Deutsche Kriegsgefangene in Großbritannien erhalten, wie der britische Kriegsminister, Bellenger, im Unterhaus bekanntgab, während der Weihnachtszeit die Erlaubnis, Einladungen von britischen Familien anzunehmen.
(Die Welt ) Am 21. November brach in der Firma Bode-Panzer ein Streik aus, da der Unternehmer die Annahme der von der Gewerkschaft vorgeschlagenen Betriebsver- einbarung ablehnte. Der Streik dauert an. Zahlreiche Solidaritätsaktionen aus allen Zonen werden gemeldet.
Lohnausgleich bei Betriebsstillegung
(PD) Auf Vorschlag von Arbeitsminister Kohl (KPD ) hat die Regierung von Würt temberg-Baden den Betrag von 10 Millionen zur Verfügung gestellt zur Vergütung von Lohnausfällen, welche durch Betriebseinschränkungen infolge der Stromsperre entstanden sind.
Sie nehmen Rache an Toten
(PD) Die Grabstätten ermordeter russischer Zwangsarbeiter auf dem König-Heinrich- Platz in Duisburg wurden in der Nacht zum Allerseelentag geschändet Es handelt sich um die Gräber deportierter Russen, die noch in den letzten Stunden des Krieges erschossen oder erschlagen wurden.
Ein fidele s KZ
(PD) In Neuengamme werden die internierten Naziaktivisten von ihren Gesinnungsgenossen bewacht. Suspendierte Polizeibeamte, Militaristen, ja sogar ein in Neuen gamme interniert gewesener Nazi haben die Lageraufsicht. Das Lager steht unter Aufsicht des Generalstaatsanwaltes in Celle .
Freie Bahn dem Tüchtigen
(Nümb. Nadir.) Verschiedene Firmen im Bereich des Arbeitsamtes Nürnberg haben sich geweigert, verfügbare Stellen mit unbelasteten Bewerbern zu besetzen, da diese Stellen für Spruchkammerkandidaten freigehalten werden müssen, die auf ihre Entnazifizierung pochen.
Hier irrte DANA
In Ungarn wurden nicht 180 600 000 ha, sondern 1 806 000 ha, aufgeteilt Hiermit wird die Meldung vom 29. 11. berichtigt
(Freiheit) Die Militärregierung gab bekannt, daß das gesamte Vorkommen an Methangas beschlagnahmt worden ist Da die Fahrzeuge, die bisher Gas fuhren, nicht auf Benzin umgestellt werden dürfen, wird der Betrieb des Düsseldorfer Fuhrparkes zum Erliegen kommen. Die Müllabfuhr wird eingestellt, ebenso steht Milch- und Kohlenzufuhr in Frage.
Die Leistungen der Zuckerindustrie
(PD) Seit 30 Tagen läuft in der Provinz Sachsen die Zuckerkampagne. Es wurden. 935 000 t Rüben angeliefert und 381000 mit einer Ausbeute von 122 024 t Zucker verarbeitet. Demgegenüber betrug die Anlieferung im Oktober 1945: 560 000 t, hiervon wurden 490 000 t mit einer Ausbeute von 71 500 t Zucker verarbeitet.
Solidarität
(Landeszeitung) Der Beschluß der mitteldeutschen Bergarbeiter, zusätzliche Sonntagsschichten für die Hausbrandversorgung zu verfahren, hat Nachahmung gefunden. Die Volkssolidarität in Ludwigslust hat beschlossen, einen zusätzlichen Holzeinschlag für Arbeitsunfähige und Hilfsbedürftige durchzuführen.
(Mosk. Rundfunk) Das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei übt in einer Resolution scharfe Kritik an der Wirtsdiaftsent- widdung Italiens und fordert Naturalisierung der Großbanken, der E-Werke und der chemischen Industrie sowie Durchführung der Bodenreform.
Der „Fall Furtwängler"
Der geniale deutsche Dirigent Wilhelm Furtwängler 6tand am 11. d. M. vor dem Entnazifizierungsausschuß des Berliner Magistrats. Ein peinliches Empfinden, eine so ungewöhnliche Künstlerpersönlichkeit in politische Angelegenheiten verwickelt zu sehen! Besonders peinlich deswegen, weil jeder, der Furtwängler jemals sah oder hörte, sagen wird: So stelle ich mir ungefähr das Gegenteil von einem Nationalsozialisten vor. Gleich zu Beginn stellte der Vorsitzende der Berliner Kammer fest, daß Furtwängler niemals Mitglied der Hitlerpartei gewesen sei. Furtwängler erklärte, daß er sich immer nur als tiefinnerster Gegner de6 Nationalsozialismus gefühlt habe. Und dies klingt durchaus glaubhaft. Er hätte es nicht einmal su sagen brauchen. Er hat auch niemals in seiner künstlerischen Arbeit Konzessionen gemacht Immerfort Beethoven aufzuführen, war ja schon staategefährlich für ein Reich, dessen „Führer" bei den Klängen Lehars und bei dem rüden Horst-Wessel-Lied auflebte.
Dankbarkeit nötigt uns bei dieser Gelegenheit, in Erinnerung zu rufen, daß sich an den Namen Furtwängler die einzige Massendemonstration gegen den Nationalsozialismus knüpft Furtwängler war Kball und Fall beseitigt worden, weil er sich öffentlich (in der „Vossischen Zeitung") gegen die nationalsozialistischen Anschauungen in der Kunst gewendet hatte. Ueber ein Jahr blieb er verschwunden: manche befürchteten schon ein nationalsozialistisches „Staatsbegräbnis". Sein Paß war ihm abgenommen worden, er konnte also nicht ins Ausland flüchten. Eine Meute käuflicher Zeitungsschreiber tobte gegen Furtwängler Da erschien in der Presse die Nachricht, der „Führer" habe Furtwängler empfangen und dieser habe erklärt, mit seiner öffentlichen Stellungnahme lediglich künstlerische Absichten verfolgt zu haben. Es war eine lendenlahme Erklärung, und man war verblüfft.
daß sie bei den Machthabern für zulänglich empfunden wurde. Die Presse wurde jetzt hurtig zurückgepfiffen, und Furtwäng ler konnte als Dirigent wieder auftreten. Sein Wiederauftreten war ein unvergeßliches Erlebnis! Das ganze geistige Berlin war in der Philharmonie versammelt, Tausende, darunter auch die obligaten Aufpasser. Ein Sturm des Jubels begrüßte den Mann, der es gewagt hatte, den Machthabern ein offenes Wort zu sagen. Es war eine politische Demonstration der geistigen Welt Man erwartete jeden Augenblick das Eingreifen des „Volkes" in der bekannten Form des Ueberfalls durch Braunhemden. Aber das ging nicht, es waren viele Ausländer da, Leute vom diplomatischen Korps, darunter der französische Botschafter. Doch so gewaltig und ergreifend diese Demonstration war, man fühlte trotzdem, es war ein letztes Aufbäumen, ein Abschied. Das Verhängnis mußte seinen Lauf nehmen. Der Abend war Beethoven gewidmet, und niemals hat Furtwängler diese Welt der Schönheit und Reinheit ergreifender gestaltet
Es war der Trick des Dr. Goebbels , Leute von großem öffentlichem Ansehen, die man als Dekorum für die Barbarei brauchen konnte, durch Titelverleihungen abzustempeln, d. h. zu kompromittieren. Was der Betroffene dazu dachte, war unwesentlich. Wagte er etwas zu sagen, scheute man sich nicht vor drastischen Mitteln. So machte man es mit Furtwängler. Aber von allen unbeirrbaren Gegnern der nationalsozialistischen Barbarei wurde er immer als heimlicher Verschworener empfunden.
Das Berliner Verfahren ist übrigens auf Wunsch Furtwänglers vertagt worden. Er will noch neue Beweise erbringen. Mdg.
Der Bremer Schriftsteller Kart Lerbj, der als Uebersetzer moderner Dramen und als Erzähler sowie Sammler von Anekdoten bekannt war, hat sich vergiftet. Er sollte sich demnächst vor dem Militärgericht ln Augsburg unter der Anklage der Fragebogenfälschung verantworten.
Ein Fenster in die Welt
Für die Dauer von 14 Tagen fand in Marburg ein Internationaler Ferienkurs statt. Es nahmen teil Dozenten von amerikanischen, englischen, französischen, holländischen und Schweizer Hochschulen und Studenten von 16 deutschen Universitäten aus allen vier Besatzungszonen. Der Kurs ist vorbei, aber nicht verklungen und erst Früchte bringen wird der Geist dieser Diskussionen und Vorlesungen und die Anregungen, die beide Teile — Lehrer und Hörer — davongetragen haben.
Vorlesungen auf dem Gebiet der Rechtssoziologie, der Wirtschaft, der Geisteswissenschaft und der Philosophie, Diskussionen über Probleme der Demokratie, des Humanismus, über Politik, Erziehung und Bildung, Berichte über wissenschaftliche Forschungsergebnisse sowie praktisch-politische Tagesfragen bildeten Gegenstand der täglichen Erörterungen, die zu einer freien Gemeinschaftsarbeit zwischen ausländischem Dozent und deutschem Schüler wurden. Besonders beliebt bei den Hörem waren die sich an die Vorlesungen anschließenden Diskussionen, die einer in ihrer eigenen Meinung oft recht einseitig ausgerichteten jungen Studentenschaft Gelegenheit gaben, Fragen zu stellen, Einwände zu erheben und Aufklärungen zu erlangen, einer Studentenschaft, die sich somit Stoff holte, auf dem erneut aufgebaut werden kann, Mißverständnisse beseitigt werden und einer breiten freier wissenschaftlichen Tätigkeit Raum gegeben wird.
Bereichert um manche Kenntnisse deutscher Probleme, der Fragen und Nöte der deutschen Jugend, dabei des guten Willens eines fleißigöl, arbeitsamen akademischen Nachwuchses in Deutschland gewiß, verließen die ausländischen Gelehrten nach dem Kursus die alte Universitätsstadt Marburg . Der Wunsch der Hörer nach Wiederholung und Erweiterung
im nächsten Internationalen Ferienkursus, das Versprechen weiterer Hilfe und Unterstützung von seiten der scheidenden Dozenten — die z. T. verantwortliche Stellen in den Besatzungsverwaltungen inne haben — zeigen, daß hiermit der Boden geschaffen wurde, auf dem die internationale Wissenschaft auch in Deutschland wieder Fuß fassen und als völkerverbindende Macht sich entwickeln kann. E. P.
KULTURNACHRICHTEN
Als Silvester-Premiere de6 Stadttheaters Konstanz inszeniert der bekannte Bühnen- und Filmregisseur R.A. Stemmle , der zu den Proben bereite eingetroffen ist, Shakespeares „Sommernachtstraum " mit der Musik von Mendelssohn-Bartholdy . Die Bühnenbilder entwirft Ulrich Damrau, die Kostüme Gisela Hiilenhinrichs.
Die bisherigen Vereinigungen der Berliner Verlag« und Buchhändler in den einzelnen Berliner Sektoren haben sich zur einheitlichen Berliner Verleger- und Buchhändler-Vereinigung (BVB ) zusammengeschlossen. Damit ist für Berlin die einheitliche Organisation für Verlag und Buchhandel geschaffen, die alle Kreise des Buchhandels einschließlich der Leihbüchereien und der Buchverkaufsstellen umfaßt Zum Vorsitzenden wurde der Verleger Dr. Erich Schmidt gewählt Die Geschäftsstelle befindet sich in Berlin W 15, Sdilüte:- straße 45.
Der Verlag L. Schwann, Düsseldorf , beging das Jubiläum seine« 125 jährigen Bestehens. Seiner Tradition gemäß wird sich der Verlag auch künftig mit der Herausgabe von schöngeistigem Schrifttum, Jugendbüchern, pädagogischen Werken, sowie kunstwissenschaftlicher, juristischer und musikalischer Fachliteratur befassen.
In Freiburg starb im Alter von 72 Jahren der frühere Inhaber des Lehrstuhl* für theoretische Physik Prof. em. Johann K o e n i g s- berger.
1. Symphonie-Konzert des Städtischen Orchesters
Unter den zugleich energisch zupadeen- den und verfeinernd gestaltenden Händen des Schweizer Gastdirigenten Emst Klug (St. Gallen) war das Konstanzer Städtische Orchester bei seinem I. Symphoniekonzert im leider nur schwach besuchten oberen Kbnzilsaal über sich selbst hinausgewachsen. Was dieser Dirigent, der nicht nur ein erfahrener Routinier, sondern auch ein außerordentlicher schöpferischer Gestalter ist, bei der relativ sehr kurzen Probenzeit aus dem Orchester herausholte, war ganz erstaunlich. Wir hörten in einprägsamster Form, zugleich flott, graziös und in guter dynamischer Schattierung hingeschmissen, Mozarts viersätzige Symphonie in C-dur Nr. 36 (nicht mit der Jupiter-Symphonie in C-dur zu verwechseln). Gretrys drei Tanzstücke (Tambourin, Menuetto , Gigue) aus dem heroischen Ballett „Cäphale et Procris" gestattete in ihrer sorgsam durchgezeichneten Wiedergabe den Einblick in eine feinflüssige, elegante und wundervoll instrumentierte Spielmusik. Sehen wir von kleinen rhythmischen Schwankungen im Menuett und der fast zu schnellen Tempofassung der Gigue ab, so war der Eindruck ganz ausgezeichnet. Mit Beethovens 2 Symphonie in D-dur, die als Abschluß erklang, gelang dem Dirigenten, die dynamische Feinstruktur und die Raumwirkung der überall präzis gegebenen Einsätze nidit nur andeutend, sondern auch wirklich heraushoiend, eine Glanzleistung. Das Orchester bewies, daß e« bei sorgfältiger Feilung einer wirklich plastischen technischen Gestaltung und fein- dynamischen Abstufung in außerordentlichem Maße fähig ist und auch verwöhnten Ansprüchen genügen kann. Im herzlichen Beifall, den die Besucher dem Dirigenten und dem Orchester spendeten, lag der Wunsch eingeschlossen, baldmöglichst unter der gleichen Stabführung ein neues Konzert zu höTen. Dr. G. Lenzinger