Karlsruher Beobachter. Nr. 17 Sonntag den 2. März. 1843 . "Ebenfalls zur Beachtung. Oer eine der hiesigen Mannergesangvereine hat bereits seine Fahne; ein anderer läßt schon seit mehreren Wochen an einer arbeiten und wird, nachdem die Vorrichtungen dazu getroffen, dieser Tage in seinem Kreise die Frauen und Jungfrauen um die Ausführung derselben nach längst getroffener Verabredung ersuchen. Der dritte Verein hat in der letzten Generalversammlung der hiesigen Vereine sich durch ein Mitglied dahin erklärt, daß er keine Fahne brauche; die Aufforderung zu einer gemeinschaftlichen Fahne im Tagblatt geht also wahrscheinlich vom vierten Vereine aus, der ebenfalls noch keine eigene besitzt. Die Sache selbst ist ganz richtig. Es fragt sich aber nur darum, ob bei diesem Thatbestand nicht das nächste und natürlichste das ist, daß, wie die beiden Vereine es schon gethan haben, die beiden andern ebenso zuerst ein Symbol ihrer eigenen Eintracht sich fertigen lassen und dann eö dem guten Geist aller überlassen, sich, wenn einmal die Eintracht unter allen Vereinen zur vollen Wahrheit geworden ist, ein Gesammtsymbol aus sich selber heraus, durch den Willen aller der betreffenden Vereine zu gestalten. Vorerst ist dieser Wunsch um eine Gesammtfahne nur der eines einzelnen Vereins, der für sich selber noch keine besitzt. Wir wünschen recht von Herzen, daß die Eintracht unter den Vereinen sich bald auch in einem äussern Zeichen kund thue. Der Anfang zu dieser Eintracht ist dieser Tage, nach langen Eifersüchteleien und Spötteleien, durch das erste Zusammcntreten der betreffenden Direklvren und Ausschüsse zu gemeinschaftlichem Zusammenwirken gemacht worden. Es ist dies aber nur der An fang; die vollständige Eintracht muß noch werden. Ist diese da, dann kommt es aber erst noch darauf an, ob eine besondere Gcsammt- fahne nöthig ist, da es sich nicht weniger einträchtlich auSnehmcn wird, wenn die vier Vereine ihre vier Fahnen nebeneinander in der ersten Reihe voraus tragen lassen. Soll aber eine besondere gefertigt werden, so werden unsere Frauen dann mit mehr Freude arbeiten, wenn sie wissen, daß die Eintracht nicht blos von ihnen auf's Tuch gestickt, sondern auch Wirklichkeit ist. Die Creolcn von Louisiana. *) 1. Eine Fahrt auf dem rothcn Fluß. An einem schönen, warmen Junius-Morgen schiffte ich mich auf dem Dampfschiff des Red River ein; die Strahlen der am tiefblauen Firmament erglänzenden Sonne trafen mich mit ungewohnter Stärke, aber die Gewässer des Missifippi schienen eine angenehme Frische auszuhauchcn. Ich winkte zum Abschied meinen Begleitern und ging dann in de» Salon hinab, wo ich mich miß- muthig niedersetzte. Ich hatte in New-Iork ein kleines Licbesun- glück gehabt, und der Anblick des häuslichen Glücks, welches mir das Haus meines Gastfreundcs Richards darbot, war nicht geeignet, mich mit meinem Mißgeschick zu versöhnen. Ich dachte deß- halb nicht mit sonderlichem Vergnügen an meine Rückkehr auf das einsame Landhaus, wo ich nichts als Sklaven und Miethlinge finden konnte, die mich mit kalter Gleichgültigkeit, wenn nicht mit schlecht verhehltem Mißvergnügen empfangen würden. Ich durchschritt den Salon ziemlich unwirsch, ohne die darin befindlichen Personen auch nur anzusehen, und lehnte mich ans offene Fenster. Ich befand mich seit einigen Minuten in Mißmuth versunken in dieser Stellung, als eine freundliche Stimme zu mir sagte; „Qu’es) ce qu’il y a donc, Monsieur Howard? Ktes-vous indispose? Allons, venez ! “ Ich wandte mich um; der, welcher mich angeredet hatte, war ein ältlicher Mann von ehrwürdigem Aeußern, aber seine Züge waren mir völlig unbekannt, ich blickte ihn steif an, etwas verwundert über den vertraulichen Ton und seine Kcnntniß meines Namens; aber ich war, wie gesagt, im Augenblick nicht sehr gesellig gestimmt und schon im Begriff, dem alten Herrn nach einem leichten Kopfnicken den Rücken zuzuwendcn, als er meine Hand faßte und mich freundlich tortzog nach dem Salon der Damen. „Allons, venez, Monsieur Howard!" „Mais qne voulez-vous donc?“ fragte ich ziemlich trocken. „Faire votre connaissance, “ crwicdcrte er mit einem äußerst wohlwollenden Lächeln, als er eben die Thüre des Zimmers der Damen öffnete. „Monsieur Howard ! “ sagte er im Eintreten zu zwei jungen Mädchen, die eben damit beschäftigt waren, einen Bündel Ananas und Bananen an einem der Pfeiler aufzuhängcn, wie man anderswo Zwiebclguirlanden aufhängt. ,,Mes tilies, voiei 'notre voisin, Monsieur Howard!“ Die beiden Mädchen näherten *) Hevuc bntanique. Oct. 1811. 66 V»- sich freundlich^, empfingen mich so herzlich, als wäre ich ein alter Bekannter gewesen, und boten mir von ihren duftenden, wohlschmeckenden Früchten an. Ich war von ihrem Benehmen, das mit dem meiner theucrn Landsmänninnen so sehr contrastirtc, lebhaft eingenommen und hatte nicht den Muth die freundliche Einladung auszuschlagen. Ich setzte mich und das liebliche Geplauder der Creolinnen verscheuchte bald meinen Unmuth gänzlich. Eine Stunde verfloß schnell und eben so wäre cs mit einer zweiten und vielleicht mit einer dritten gegangen, wenn meine etwas spröden Begriffe von Etikette mich nicht hätten befürchten lassen, eine Verlängerung des Besuches möchte als ein Verstoß gegen die Sitte angesehen werden. „Sie werden später Thee mit uns trinken?" fragten die Mädchen, als ich den Salon verließ. Ich verbeugte mich zum Zeichen der Einwilligung, und die Wahrheit zu sagen, war ich der Einladung recht froh, als ich mir die nichts weniger als gewählte Gesellschaft auf dem Verdeck in der Nähe betrachtet hatte; es waren Viehtreiber und Viehhändler, die von Neworlcans sich nach den nordwestlichen Gegenden begaben, Handelsleute aus Alexandria und der Umgegend, halbwilde Jäger und Trappers, die nach dem Lande jenseits Nacogdoches sich begaben in der löblichen Absicht, die Indianer zu civilifiren, d. h. zu plündern. Es war eine wundersame Vereinigung von groben Stimme» und derben Fäusten, und alle diese Leute kauten oder rauchten Tabak und spuckten mit einer Kraft und Sicherheit aus, als wären ihre Kehlen Karabiner gewesen. Wir bekamen eine dichte Blättermasse zu Gesicht, die Mündung des Red River nämlich, über den die Bäume von beiden Ufern sich hereinncigen, als wollten sie ein grünes Blätterdach bilden. Man nennt den rochen Fluß scherzhaft den Nil Louisiana's; er schleicht geräuschlos wie eine giftige Schlange durch das hohe Prairiegras und im Schatten der Wälder hin; eher sollte man ihn den Cocpt nennen. Wir befanden uns jetzt an dem Eingang in den weiten Sumpf, den die Vereinigung des Tcnsaw mit dem rothen und weißen Flusse bildet: man könnte ihn auf den ersten Anblick für einen großen, festen Spiegel oder noch eher für eine glänzend grüne Prairie halten, die mit Bäumen besäet ist, von denen schlammiiberzogene Lianen in langen Festons heruntcrhingen. Betrachtet man aber die Fläche genauer, so sieht man die breit- blättrigen Wasserlilien sich leicht bewegen, und dazwischen gewisse schmutzige braune Kinnladen, aus denen Töne hervorkommcn, die für das Ohr des Fremden durchaus nichts Harmonisches haben; es sind dicß Tausende von Alligatoren, die sich in ihrem Schlamme hcrumtummeln. ES war eben die Brunstzeit, und ihr Gebrüll wahrhaft abscheulich. Wir fuhren weiter den Red River hinauf, und hatten schon eine beträchtliche Strecke durchlaufen, als der alte Creole mich einlud, zum Thee hinabzukommen. Wir fanden eine seiner Töchter mit der Lectüre von »Paul et Virginie" beschäftigt, diesem Lieblingsbuch der creolischen Frauen, die andere schwatzte mit einer schwarzen Sklavin und zeigte ihr eine Vertraulichkeit, die einer Dame von New-Jork Nervenzucken verursacht hätte. Sic hatten, wie mir ihr Vater sagte, das Kloster der Ursulinerinnen zu Ncw- Orleans, wo sie erzogen worden waren, so eben verlassen, aber wohl schwerlich von den heiligen Schwestern das Geheimniß des sichern forschenden Blickes erlernt, mit dem sic mich manchmal musterten. Die älteste war etwa 19 Jahre alt und hatte eine leichte Neigung zur Körperfülle; es lag etwas äußerst unterhaltendes in rer Ruhe und Zuversichtlichkeit, womit sie meine Person in einem uns gcgenüberhängenden Spiegel musterte. Ein ganzes Buch wäre uöthig, um alle die Dinge aufzuzählen, mit denen meine neuen Freunde den Salon überladen hatten; zum Glück nahmen sie ihn allein ein, und konnten nach Gefallen darüber verfügen, sonst wäre ein Bürgerkrieg unvermeidlich gewesen. Die Damen hatten bloß an Citronen, Orangen, Bananen und Ananas genug, um ein Schiff damit zu beladen. Der Papa hatte unter seinen Vorräthen zum mindeste» drei Dutzend Kisten Chambertin, Lafsitte und Mcdoc. Ich hielt ihn anfangs für einen Wcinhändlcr, und jedenfalls machte die Wahl dieser gesunden feinen Getränke statt unserö abscheulichen Genever und unscrs widerlichen Whiskey, womit man meine Landsleute vergiftet, seinem Geschmack alle Ehre. Man schenkte Thee ein, Hr. Mcnou aber — so hieß mein neuer Freund — schien geneigt, den bescheidenen Trank dem Cham- bertin aufzuopfcrn, und ich hatte Lust beide Genüsse zu vereinen. Die Mädchen waren so munter und liebenswürdig, wie man nur wünschen kann, in der That ausnehmend reizend, voll Geist und Lebhaftigkeit, mit glänzenden Augen und süßen Stimmen, die das Herz des ärgsten Misanthropen hätten schmelzen können. Es gibt jedoch Augenblicke im Leben, wo der Geist in eine gänzliche Abmattung versinkt, alle Spannkraft verliert und an nichts mehr Interesse nimmt- Ich befand mich in einem solchen Zustand. Eö war keineswegs aus Neigung geschehen, daß ich das gastliche Dach meines Freundes Richards verlassen hatte, um auf meine. Pflanzung zurückzukchren, die ich feit langer Zeit nicht mehr gesehen, wo ich keine Gesellschaft finden konnte, und wo ich mich mit Geschäften abgeben mußte, zu denen ich keine Neigung hatte- Hätte ich, wie ich während meines Aufenthalts zu New-Zjvrk gehofft, eine zärtliche Gattin zurückführcn können, die meine Einsam- samkeit belebt, meine Freude und meinen Kummer gethcilt hätte, so würde ich mit minderem Widerwillen daran gedacht haben, meine Pflanzung wieder zu sehen, jetzt aber war ich durch das tiefe Gefühl der Vereinzelung niedergedrückt, welches mich unfähig machte, mich im Gleichgewicht mit der muntern Gesellschaft zu halten, unter die mich der Zufall geworfen hatte. Ich versuchte wiewohl vergebens, die Last abzuschüttcln die mich-drückte, und verließ endlich nach vergeblichen Bemühungen den Salon, um auf das Verdeck zu steige». (Fortsetzung folgt.) Dreizehn. (Fortsetzung.) Der Offizier, ein Mann von etwa fünfunddreißig Jahren, mit narbevollem, bleichem, etwas verliederlichtem Gesicht und einem überlangen rothen Schnauzbart, bedankte sich unter dem Vorgeben, er fühle keinen Hunger, wobei seine großen blauen Augen mit einem so auffallend scheuen Ausdruck die Umgebungen bctrachtetcn- daß der Prinz nicht umhin konnte, nach einem Grund dieses verwunderlichen Benehmens zu suchen, und diesen nach kurzem Nach- sinncn gefunden zu haben meinte. „Unter den jetzigen Umständen ist eine Mahlzeit ein glücklicher Fund," sagte er. „und unvorsichtig, sie auszuschlagen, da Sie nickt wissen können, wie lange Sie wieder warten müssen. Setzen Sic sich also über alle» Aberglauben weg, und greifen Sie zu." — „Aberglauben? Was meinen Sic damit?" fragte der Hauptmann kopfschüttelnd. Der Prinz nahm Platz, legte die Uhr neben seinen Teller und bemerkte leichthin: „Wir sind dreizehn!" Der Hauptmann lachte, die Uebrigcn stimmten in das Gelächter ein, obschon cs etwas schauerlich klang und nicht so recht vom Herzen kam. Mit dem Lachen ist cs wie mit dem Gesang: die volle Brustsiimme thut wohl, nicht so die ge- küiisielte Kopfstimme. V*- L — 67 — So unverkennbar übrigens die Gemüthsbewegung war, welche den französischen Hauptmann beherrschte, er verstand es, jede weitere Aeußcrung derselben in das Herz zurückzudrängen, das so ungestüm unter dem Ehrenkreuze schlug, und nachdem er cS einmal über sich gewonnen, etwas Spciie in den Mund zu schieben, kam auch alsbalv dem guten Willen die Natur zu Hülfe, und er nahm den tapferste» Antheil an dem herzhaften Angriff auf Schüsseln und Flasche», wie er von allen Andern mit stummer Entschlossenhell ausgcführt ward, well die Uhr neben dem Teller des Führers darauf hinwies, daß zum Plaudern keine Zeit sei. Nach Verlauf einer starken Viertelstunde sagte der Prinz zu seinen zwei Nachbarn rechts und links, einem Dragoner und einem Husaren, indem er beiden cinschcnktc: »Ein Wachtmeister mit zehn Pferden an den Bach zur Wache; Sie reiten im Trab voraus mit den Leuten durch den Hohlweg und über die Wiesen zu dem kleinen Gehölz, hinter welchem Sic den Gencralstab treffen; wir Uebrigcn gönnen uns noch zehn Minuten, um den Wein auszutrinken und folgen dann in gestrecktem Galopp. Ihre Gesundheit, meine Herrn." Die zwei Ofstzicre tranken aus und in wenige» Augenblicken darauf trabten Husaren und Dragoner von dannen. „Ich versteh' die Oestcrreichcr nicht," sagte plötzlich der französische Hauptmann; „wenn ich mit nur zwei Feldstücke» bei dem Vorwerk auf der Höhe stände, die sie besetzt halten, so dürfte mir keine Maus über die Wiesen, und die Verbindung wäre wahrhaftig doch wichtig genug, um den Aufwand einiger Kugeln zu rechtfertigen." — „Sic scheinen mit der Oertlichkeit bereits ziemlich vertraut," bemerkte der Prinz, worauf der andere cntgegnete, er sei schon früher in der Gegend gewesen. Der Prinz fuhr fort: „Ihrer Aussprache nach sind Sie kein geborener Franzose." — „Meine Wiege stand allerdings nicht im grünen Frankreich, aber wenn auch meine Zunge den Fremdling vcrräth, mein Herz und mein Sabel sind gut französisch." Der Ton, in welchem der Hauptmann diese Auskunft ertheilte, klang etwas gereizt, wcßhalb der Prinz seine Fragen nickt fortsctzte, sondern sich mit irgend einer gleichgültigen Bemerkung zu Vollrath wandte und bald darauf, seine Uhr wieder in die Tasche steckend, mit lauter Stimme rief: „Ein letztes Glas, Kameraden! vivo reinpcrcnr! “ — ,,Yive l’em- pcrcur! “ jubelten die Zecher, leerten die Gläser in langem Zug und brachen auf, dem Prinzen folgend, der mit dem Franzosen vorangehend, über Gegenstände des Dienstes sprach. Ans dem Flur stand der Müller, sein Sammtkäppchcn in der Hand, um seinem vornehmen Gast ein Fahrewohl zu sagen; wie sehr jedoch der alte Sachse vou Kindesbeinen aus die eingefleischte Höflichkeit selber gewesen, dicßmal vergaß er aller Rücksichten, um überlaut zu rufen: „Alle Schockschwcrenoth, der Christian, mein ungerathcncr Junge!" — Der Franzos reichte ihm die Hand und sagte in geläufigem Deutsch: „Sie brauchen just nicht so toll zu fluchen, lieber Vater. Ich bin freilich Ihr entlaufener Sohn, aber doch etwas besseres geworden, als wen» ich unter die Leipziger Magister gegangen wäre, um mich vom Abschreiben und Correk- turlcsen zu nähren." — „Der Satansjunge hat nicht Unrecht," rief Erdmanu, indem er den Sohn umarmte, während der Prinz im Stillen dem Offizier den Verbackt abergläubischer Scheu abbat, wofür er die Gcmüthsbcwegung desselben gehalten, und stehen blieb, um den Ergüssen der Zärtlichkeit einige Augenblicke zu gönnen. „Alte, komm' hervor, der Christian ist da!" rief der Müller; hcrbcitrippclnd suchte das Mütterchen blöden Auges den Sohn und wußte nicht, wie ihm geschah, da der stattliche Kriegsmann es in die Arme schloß. „Es hat mich erquickt," sagte Christian, „Sic noch einmal zu umarmen, lieber Vater, gute Mutter, und nun Gott befohlen!" — „Wie, du willst schon wieder?" fragte die Mutter. „Ich gehöre nicht mir," versetzte der Sohn. — „Dorthin wende den Blick, böser Bube!''' rief der Vater streng, auf die bleiche Frau deutend, welche, inzwischen herbeigekommen, schüchtern in einiger Entfernung mit gefalteten Händen und schwimmenden Augen dastand. Der Hauptmann richtete einen gleichgültigen Seitenblick auf Sophie. „Schöner ist sie eben nicht geworden," murmelte er. „Schlechter Mensch!" rief Erdmann, „ist das Alles, was du deinem Opfer zu sagen hast? " — „ Larifari," versetzte Christian; „wir andern Soldaten hätten viel zu thun, wenn wir mit unfern alten Liebschaften auch noch Umstände macken wollten." Mit diesen Worten eilte er die Treppe hinab, gefolgt von dem Prinzen und den Offizieren, die, bis auf Vollrath, den Auftritt kaum zur Hälfte begriffen und auch keine besondere Neigung spürten, darüber nachzudenken, während die Rosse vorgeführt wurden. Die arme Sophie fühlte sich viel zu gut, dem rohen Trotzkopf nachzulaufen, und die alte Frau war bei ihr zurückgeblieben; der Vater jedoch ließ nicht ab, dem Sohn zu folgen, um mindestens ein milderes Wort, einen freundlichen Gruß für Sophie, eine wenn auch noch so gehaltlose Vertröstung auf bessere Tage herauszupressen. Der alte Müller war nicht nur, wie ihr merkt, ein ehrenfester Mann von altem Schrot und Korn, sondern auch der Verlassenen mit einer Zärtlichkeit zugethan, die, obschon durchaus väterlich, dennoch das Maß überschritt, welches seinen eigenen Töchtern je zu Theil geworden; somit konnte er durchaus nicht fassen, wie ein Mann, von Sophien geliebt, die Neigung dieser schönen Seele mißachten mochte, und noch weniger begriff er, der im täglichen Umgang seit so vielen Jahren die allmählige Veränderung der blühenden Jungfrau in eine abgehärmte verlassene Mutter nicht wahrgcnommen hatte, wie irgendwer das Weib nickt überaus reizend und verführerisch finden konnte. Vor der Thürc draußen plauderte die kleine Christiane in ihrer kecken, unbefangenen Weise mit den Leuten von des Prinzen Gefolge, .denen sie etwas zu essen hatte bringen Helsen. „Sich dort das unschuldige Kind," sagte der alte Mann, auf das Mägdlein deutend; „was du ihm schuldig wärst, Hab' ich alles redlich bezahlt, und werde fortfahren, dich bei ihm auszulöscn; nur Eines kann ich ihm an deiner Statt nicht geben, den ehrlichen Namen." Christian ertheilte dem Alten keine Antwort, sondern sprang in einem Satz zu der Kleinen hin, um sie so ungestüm in seine Arme zu nehmen, daß sie vor Schreck aufschrie. „Sei zufrieden, Schatz," sprach der Hauptmann beschwichtigend, „ich bin ja dein Vater." Er mußte seinen Trost mehreremale wiederholen, bevor Christiane sich beruhigte. Erdmann war inzwischen näher getreten und fühlte sich mit „seinem Jungen" wieder ein wenig ausgesöhnt, da er sah, wie dieser mit so augenscheinlicher Rührung sein Töch- tcrlein betrachtete. Ein Herz, welches den Regungen väterlichen Gefühls zugänglich geblieben, ist noch nicht ganz für alle milderen Stimmungen des friedlichen Familientebcns verloren. Die Kleine erholte sich endlich von ihrem Schrecken, sah den Rothbart mit altklugem Ausdruck aus ihren großen blauen Augen an und sagte bedächtig: „Rickchens Vaters ist der Mann ihrer Mutter, doch meine Mutter hat keinen Mann." — „Wer sagt das?" fragte der Hauptniann. „Die Schulkinder alle miteinander," versetzte das Mädchen. „Nun denn," rief Christian, „so sage den Schulkindern, daß ich morgen oder übermorgen wieder Herkommen werde, um deiner Mutter einen Mann, dir einen rechten Vater zu geben. Auf Wiedersehen!" Er vergrub einen Augenblick lang das apfelrunde Kindergcsickt in das Gebüsch seines Bartes, warf dann das Töchterlein in die Arme des freudig erschreckten Großvaters, schwang sich in den Sattel und sprengte wie der Sturmwind den bereits im Galopp von dannen gerittenen Kameraden »ach. (Schluß folgt.) 68 + Aus der Zeit. — Karlsruhe. Der König von Preußen hat eine große Anzahl Titel und Orden, wie nicht minder goldene, silberne und eherne Medaillen und Belobungsschreiben an diejenigen vertheilcn lassen, welche die vorzüglichsten Erzeugnisse ihres Gewerbfleißes zur deutschen Gewcrbeausstellung nach Berlin eingesendet haben. Zn unserem Lande erhielt in Pforzheim Hr. Tuchfabrikant L. Finkenstein den rothcn Adlerordcn, in Ettlingen die Gesellschaft für Spinnerei und Weberei die goldene Medaille, in Freiburg die Weinhandlung von Kuenzer und Komp, die silberne Medaille; und die eherne Medaille erhielten: in Karlsruhe die chemische Fabrik von Otto und Karl Pauli, in Lahr die Lederfabrikanten Gebrüder Wäldin und in Konstanz die Tapeten- und chemische Farbenfabrik von Vögelin und Möglin. — Aachen, 22. Februar. Die etwas mpsteriöse Verhaftung eines vor kurzem mit der Eisenbahn angekommcnen Fremden, und zwar durch die Chefs der Regierung und Polizei in eigener Per- fon, beschäftigte seit dieser Zeit dahier alle Gemüther. Der Verhaftete ist ein vornehmer Pole; er ist am 16. d. M. nach Köln und weiter ins Innere unseres Königreichs zurückgeführt worden. — Ueber das Schicksal von Leu es Schrift, deren Verfasser durch früheres Wirken hier rühmlichst bekannt, verlautet noch immer nichts Näheres. — Görlitz, 23. Febr. Der Verkauf der Standeshcrrschaft Mus kau an den Baron v. Rothschild ist, wie es heißt, bereits abgeschlossen worden. Der reiche Käufer zahlt 14^4 Tonnen Goldes (2,590,000 Gulden), so daß dem Fürsten ein sehr bedeutender Ueberschuß bleibt. Der Fürst Pückicr soll die Absicht haben, sich in Berlin anzukaufen und dort künftig seinen Wohnsitz zu nehmen. — Zürich, 26. Febr. Zn der gestrigen 2. Sitzung der außer- ordentlichen Tagsatzung, in welcher der Präsident des Vororts, Hr. Moussvn, eine sehr verständige Anrede hielt, kam die Prioritätsfrage zur Entscheidung: ob die Zesuitenangelegenheit oder diejenige der Freischaaren zuerst vorgenommen werden solle, und nach einer längeren Debatte entschieden sich 12'/- Stimmen für die Behandlung der Jesuiten frage. Nächsten Donnerstag wird daher diese jedenfalls interessante Berathung statt- sinden. — Genf, 24. Febr. Die Volksversammlung von gestern war die die bedeutendste, die je noch im Kanton Genf stattfand; 7000 Mann waren anwesend, was viel heißt auf eine Bevölkerung von 10,000 stimmfähigen Bürgern. Dieselbe beschloß eine Erklärung an die Tagsatzung gegen das Bestehen des Jesuitenordens in der Schweiz. — Heute Morgen hat die Regierung die Truppen abgedankt, Alles ist ruhig. — Altona, 24. Febr. Der heftige Schn ec sturm am heutigen Vormittage hat die Einschnitte auf der Altona-Kieler Eisenbahn an mehreren Stellen so hoch mit Schnee angefüllt, daß eS der Locomotive des von Kiel kommenden Morgenzuges in der Gegend von Langenfelde unmöglich ward, durchzudringen. Die Passagiere waren gcnöthigt, die Strecke bis Altona durch den tiefen Schnee zu Fuß zurückzulcgcn, wollten sic nicht riskiren, bis spät in die Nacht dort sitzen zu bleiben, denn die aus Langenfelde reauirirten Bauern weigerten sich, hülfreicbe Hand zu leisten. — Kopenhagen, 19. Februar. Die Berling'sche Zeitung äußert mit Beziehung auf die badischen Kammer-Verhandlungen über die Jncorporation der Hcrzogthümer, daß man in Deutschland von einem ganz falschen Gesichtspunkt ausgehe.- Denn man wolle in Dänemark keine Eroberungen gegen die deutsche Nationalität machen, sondern sich nur gegen die hundertjährigen „Ucbcr- griffe des DcutschthumS" schützen- Uebrigens glaubt dieselbe Zeitung, „daß die Regierung für die gehörige Zurückweisung jener Fremden Sorge tragen werde." — Die Differenzen Schwedens und Dänemarks mit Marocco sind endlich dadurch zur Ausgleichung gekommen, daß Sc. ma- roccanische Majestät auf jeden ferneren Tribut von genannten Staaten verzichtet haben. — Ostindische Blätter melden die Ankunft Sr. königl. Hoheit des Prinzen Waldemar von Preußen in Kalcutta: „Die Anwesenheit Sr. königl. Hoheit sicht unter unfern politischen Ereigissen obenan. Der Prinz wohnt Revücn bei, und da die Truppen hier aus Scpops bestehen und die Artillerie von Elcphanten gezogen wird, so bieten ihm diese Muflcrungen das Interesse der Neuheit dar." Verschiedenes. — Die Franzosen machen in Algerien selbst im Winter bedeutende Eroberungen. So hat eine Gräfin Guilleminot aus Paris einen für unüberwindlich gehaltenen türkischen Oberst Iussuf erobert, ihn zum Christenthum bekehrt und gcheirathct. Zum An- erkenntniß ihrer Tapferkeit ist sie zur Platzcommandantin ernannt worden. — Ein ächter Patriot. Bei einer Schlägerei in Pesth rief plötzlich einer der Geschlagenen: „Halt, Sie dürfen mich nicht schlagen, erst müssen Sie mir beweisen, daß der Stock einheimisches Fabrikat ist, denn ich habe mein Ehrenwort gegeben, daß kein fremdes Fabrikat auf meinen Leib kommen soll." — Ein alter schwäbischer Schulmeister hatte folgenden Beitrag zum „Schiller-Album" eingesandt, welcher bisher ungedruckt blieb: - „O großer Friedrich Schiller, Auch mir ein Poesie-Erfüller, Kommst jetzt gegossen in das Land, Herrn Vater Hab' ich auch gekannt." — Friedrich ll. erzählte selbst mehrmals mit Lächeln: „Zch ward in Potsdam bei einem Spazierritte von Kindern umringt, die mich bald hier bald dort festhieltcn. Ich rief ihnen endlich ungeduldig zu: „Fort! Packt Euch in die Schule!" Alle aber fingen an zu lachen, und einer schrie: „Herr je! der wceß nich mal, daß heute keenc Schule is!" Es war eines Sonnabends Nachmittag — und ich mußte still davon reiten, damit ich nur dem Gelächter der kleinen Satyrs entging." * öi)lbcnvätl)ffl. Die erste trägt auf ihrem Rücken schwer Kostbaren Schatz von Land zu Land umher, Die zweite liefert Braten Für Bürger und Potentaten. Was wird nun wohl das Ganze sein? Ein Meerschwein etwa? — Nein. Zum Spiel für Kinder taugt cS nicht, Es hat ein ernsteres Gesicht: Es »ährt und kleidet manchen nordischen Philister Und gibt ihm Ncbcrzug zu Koffer und Tornister. >!. Redigirt und gedruckt unter Verantwortlichkeit der Ehr. Fr. Müllcr'schen Hofbuchhandlung