Karlsruher Beobachter. Nr. LS Sonntag den 1. Juni L8LZ. Mary. (Fortsetzung.) Den Abend vor der Abreise begab er sich in's Colyseum, seinen Licblingsspaziergang; — er wollte diesem einsamen melancholischen Orte Lebewohl sagen, wohin er sich mit oft seinen geheimsten Gedanken geflüchtet, wo er so oft schönen Träumen von der Zukunft nachgehangen, welche das Leben bald verwirklichen sollte. Gegen eine Säule gelehnt, gedachte er seiner Arbeiten, seiner Zukunft und vor Allem Mar-'S; aber ein unerklärlicher Zweifel, eine räthsclhafte Muthlostgkeit erfaßten ihn: seine Arbeiten erschienen ihm unbedeutend, die Zukunft ungewiß, Mary treulos, seine Liebe vergessen. Tiefe Wehmuth erfüllte sein Herz. Aus sol chm bittern Gedanken, aus dem Stillschweigen, das im Colyseum herrschte, störten ihn zwei Stimmen. Als er sich umwandte, sah er zwei junge Leute am Fuße einer andern Säule sitzen. Sie sprachen so laut, daß William ihre Worte genau unterscheiden konnte, und schon wollte er sich deshalb discret entfernen, als ein einziges Wort ihn zur Stelle bannte. „Sie heißt Mary Stevenson," sagte der Eine der jungen Leute, „und ist eines der reizendsten Wesen, die ich je getroffen habe; schön wie ein Bild von Moon, iveal wie eine der Scott'schen Gestalten, hcrabgcsticgen aus ätherischen Höhen, das prosaische Leben zu verschönern!" „Und Du hast im Ernste um sie geworben? . . . Um eine simple Klavicrlehrerin?" „Aber die Klavierlehrerin hat feierlich Lord Melburn im Ernst einen Korb gegeben; sonst wäre ich, wie gesagt, jetzt, vcr- heirathet, Familienvater und ..." „Und voll Aerger und Reue über den begangenen dummen Streich!" versetzte die andere Stimme. „Ach, daß ich diesen dummen Streich doch hätte ausführen können!" rief der erste junge Mann; — „ich bin müde, ein zweckloses Leben ohne ein theilnehmendes Wesen zu führe», im Luxus und mit ödem Herzen zu vegctirc», durch die Welt umherzuirrcn ohne ein Geschöpf, das sich durch die Bande inniger Dankbarkeit oder aufrichtiger Liebe wahrhaft an mein Glück anschlicßt!" „Du könntest nodt-immer besser und in höheren Kreise» wählen!" wandte der Andere ein. „Unglücklicherweise giebt es nichts Besseres, als Mary," versetzte Lord Melburn, — „und ihre Gefühle stellen sie so hoch, als die Edelste unter den Frauen. Da ich ferner nicht im Sinne habe, eine Spcculationsheirath zu machen, so erblicke ich in Mary die würdigste Gefährtin für mich! — Lächle nicht. Ungläubiger: Glaube mir, denn ich lege Dir dieses Geständniß erst ab, nachdem meine Bewerbung fehlgefchlagcn!" „Deine Mary ist ein Gänschen!" fiel lachend der Andere ein. „Man hat noch nie erlebt, daß 2000 Pfund Sterling Renten und ein vornehmer Name von einem jungen Mädchen ohne Vermögen auf diese Weise verschmäht wurden. Deine Heldin hätte, wenn auch nicht um ihretwillen, wenigstens aus Rücksicht für ihre Mutter und ihre Geschwister Ja sagen sollen." „Das heißt' mit andern Worten," versetzte Arthur, „sie hätte mich für ein Ding anschen sollen, welches sie zum Besten ihrer Familie ausbcuten könnte? Gott sei Dank, das sanfte, schöne Kind ist mit dieser Art von Berechnung, die nur eine dringende Noth entschuldigen kann, noch nicht vertraut; es verdient mit seinen hübschen kleinen Fingern genug, um sich von einer derartigen Specu- lation fern zu halten. Ueberdieß scheint mir die junge Person, ihrem eigenen naiven Geständniß zufolge, eine mäcbtige Waffe gegen jede minder lobenswerthe Versuchung zu besitzen: sic liebt . . „Ei ei! und wer ist denn der Jvauhoe, der diese Rebecca so sehr für sich eingenommen hat?" „Dieser Jvanhoe ist, wie ich gehört, kein Anderer als ein Maler von Talent und den besten Aussichten für die Zukunft, der sich in diesem Augenblicke in Rom befinden soll, wo er die großen Meister studirt," versetzte Arthur. „Ein Künstler?" fragte die andere Stimme verächtlich. „Ein Künstler, der vielleicht dereinst eines herrlichen Ruhmes sich erfreuen wird, während wir Beide als reiche Müßiggänger unbemerkt unter der Menge verloren gehen werden," war des jungen Lord ernste Antwort. Bei diesen Worten erhob er sich, und sein Gefährte folgte ihm; als beide eben sich entferne» wollten, erschien plötzlich ein junger Mann vor ihnen — William; er war tief bewegt, Thrä- nen perlten in seinem Auge, und mit zitternder und feierlicher Stimme rief er Arthur zu: „Ihre Hand, Mylord! Ihre Hand, ich bitte Sic darum!" Arthur betrachtete ihn erstaunt, reichte ihm aber in demselben Augenblicke, wie durch eine magnetische Kraft angezogen, die erbetene Hand. „Lausend Dank, Mylord!" rief William, „Siebesitzen ein edles Herz und einen trefflichen Charakter!" Dann grüßte er die beiden jungen Leute und entfernte sich eilends, während Arthur ihn mit den Augen verfolgte. „Es kann kein Anderer sein, als Mary's Vetter, der Maler," murmelte Lord Arthur, sich um- weudend. „Bei Gott! ein Sonderling!" rief der Andere. „O nein!" versetzte Arthur; „er ist ein Gtücklickier!" Arthur hatte Recht! Was William so eben gehört, hatte eine plötzliche Veränderung in seinem Geiste bewirkt: der Zweifel und die Bitterkeit, die noch wenige Augenblicke zuvor an ihm genagt, waren jetzt dem Gefühle des Vertrauens und des Glückes gewichen. Sein ganzes Auge strahlte von Milde: die Luft schien ihm mit unbekannten Wohlgerüchen geschwängert, die Sterne lächelten ihm mit so sanften Blicken wie ans Mary's Auge entgegen; er fühlte, wie die Kraft za großen Dingen in seiner Brust erwachte; die Zukunft schien ihm reicher und ruhmvoller, als er je zuvor geträumt: mit einem Worte, er würde sein muthmaßlichcS Geschick selbst nicht gegen die glänzendste Stellung der Welt vertauscht haben. 16 . Am folgenden Tage verließ er Rom in beinahe fieberhafter Freude. Seit mehr als drei Monaten hatte er nicht mehr an MrS. Stevenson geschrieben, die ihn ohne Zweifel noch nicht erwartete; er wollte sie überraschen, wie das von jeher die Sucht aller derer ist, die auf einige Zeit abwesend waren; die Reise schien ihm fürchterlich lang, obgleich Nichts seine Ankunft besonders dringend erheischte. Er mochte immerhin im Geiste die herrlichsten Gemälde der Welt entwerfen, seine zukünftige Existenz mit den freundlichsten Glücksbildern ansmalen, Dante, Taffo und Petrarca lesen, er mochte noch so sehr seine Seele zwingen, sich an dem romantischen Anblick der Gegenden zu weiden, die er durchreiste — demungeachtet drängte sich ihm jeden Augenblick unwillkürlich die Bemerkung auf, daß die Post ein jämmerlich laugsamcs Derkehr- mittel für Verliebte, die dem Ziele ihrer Sehnsucht entgegencilen. Endlich erreichte William Boulogne, hierauf Dover und London, das er einige Jahre zuvor mit weit geringerer Ungeduld verlassen hatte. Obwohl bestaubt und erschöpft von den Anstrengungen der Reise, hatte er nichts Dringenderes zu thun, als nach Lambeth-Road zu eilen; den äußerlichen Veränderungen, die während seiner Abwesenheit vorgegangcn waren, schenkte er unterwegs nicht die mindeste Aufmerksamkeit; das Einzige, was ihm am Herzen lag, war ja nur das kleine Haus, das Ziel seiner Wünsche und seiner geflügelten Schritte. Schon vom Westminster-Road, vom Obeliskenplatze auö schweifte sein ungeduldiger Blick voran nach der Gegend, wo die Familie Stevenson wohnte. Plötzlich schauderte William, blieb stehen, und fühlte sein Herz stürmisch pochen vor trüben Ahnungen, denn er sah die Fensterläden an der Wohnung der Mistreß Stevenson geschlossen: — in England ein Zeichen der Trauer oder eines Todesfalles. Um das Maß des Entsetzens voll zu machen, sah er einen Mann mit einem Sarg auf den Schultern in das Haus gehen. William schwindelte. „Mary, Mary! gilt das Dir?" rief er aus gepreßter Brust. Dann raffte er seine ganze Kraft zusammen, durcheilte betäubt die Strecke, die ihn von dem Leichenhause trennte, sprang wie ein Irrer die Treppen hinauf, ohne Jemanden anzureden, und erreichte die halbgeöffnete Thüre der Wohnung, er lief durch das erste Zimmer und trat in das innere Gemach. Seine Tante saß leise weinend am Kopfkissen eines Bettes, auf welchem das Haupt Marp's unbeweglich und leichenblaß lag. William stieß einen Schrei aus und fiel in Ohnmacht. Als er wieder zu sich, sah er sich im äußern Zimmer im Lehnstuhl seiner Tante. Mrs. Stevenson war zärtlich um ihn bemüht; aber er erkannte sie 1 faurn, so sehr war sie gealtert und verändert; man hätte sagen mögen, der Genius des Schmerzens habe sich hier über einen Sterbenden gebeugt. Bald konnte sich William wieder an die Ursache seiner Ohnmacht erinnern und vergoß nun heiße Thräncn. „Beruhige Dich, mein Sohn," sagte die Tante, „noch ist Hoffnung vorhanden!" William schlug die Augen groß auf und schaute seine Tante befremdet an; dann ließ er sein Haupt auf die Brust sinken und seufzte: „Arme Mary!" „Ja wohl, arme Mary!,, antwortete Mrs. Stevenson traurig, „ sie ist sehr krank!" „Krank?" rief er irrsinnig, — „sie ist todt, wollten Sie sagen! Habe ich denn nicht Ihre Läden geschlossen und den Sarg gesehen, den man hereintrug!" „Unsere Läden sind gottlob nur umgelegt, um uns etwas Schatten und Ruhe zu geben; der Sarg aber," fügte sic schaudernd hinzu, wurde nicht für Mary gebracht, sondern für ein anderes Mädchen, das im Hause gestorben ist. Mary hingegen ist da, lebend, in ihrem Bette! ..." „Sic lebt? " fragte William krampfhaft aufspringend; — „sie lebt? so führen Sic mich zu Mary, beste Tantel ich will sie sehen!" Er wollte nach dem anstoßenden Zimmer eilen, als ihn Mrs. Stevenson gewaltsam zurückhielt. „Ich verbiete Dir, hineinzugehen!" sagte sie, „ich verbiete cS Dir! Meine Tochter ist sehr krank, wie ich Dir schon gesagt habe; die mindeste Aufregung könnte ihr verderblich sein. AuS Schwäche schlummert sie und bedarf der Ruhe!" Sie ergriff William's Hand und nöthigte ihn, sich nieder zu setze»; er heftete einen forschenden Blick auf seine Tante und fragte dann zärtlich: „Nicht wahr, Sie suchen mich nicht zu täuschen? Mary schläft? ... sie schläft und wird wieder erwachen? das beste und schönste Geschöpf Gottes lebt noch immer zu unser Aller Glück? Ich glaube Ihnen, liebe Tante! Dieser fatale Sarg! Ich war wahnsinnig! . . . Jetzt aber bin ich ruhig, vernünftig, und könnte leise, ganz leise hineinschleichen, um Mary zu sehen. Sie schläft ja und wird meine Anwesenheit nicht ahnen . . . Eine Sekunde wäre hinreichend, sie zu sehen, sie athmen zu hören; dann • werde ich mich ohne Geräusch zurückziehcn, augenblicklich. — Meine Tante, lassen Sie mich in das Zimmer Marp's gehen!" „Es ist unmöglich, lieber William! Du bist noch zu sehr aufgeregt!" antwortete Mrs. Stevenson, „und ich müßte befürchten." „Fürchten Sie nichts," unterbrach er sic, „ich werde stumm und unsichtbar sein wie et» Gcistl" — „Guter William!" ließ sich nun eine Stimme hören, die aus dem anstoßenden Zimmer drang, so schwach und matt, daß man sie kaum vernehmen konnte. — „Haben Sie gehört, Tante?" rief William und fiel der Tante um den Hals, „es ist Marp's Stinune! sie hat mich gerufen, Mary will mich sehen, will mich sprechen, sie lebt noch; ich bin dessen gewiß! Schnell eilen wir zu ihr, Tante! Mein ganzes Leben, um das ihrige zu retten!" Als Mrs. Stevenson mit William in Mary's Zimmer gehen wollte, trat der Arzt ein, und sie begaben sich nun zusammen zu der Kranken. Diese war erwacht; tödtliche Blässe war das einzige Merkmal, das die Krankheit ihrem Gesichte ausgeprägt hatte; -allein sie erschien nicht abgemagert, ihre blauen Augen hatten noch immer ihren himmlischen Glanz: sie besaß die ganze Schönheit einer Todtcn, deren Gesicht vom letzten Aufflanmien der Seele belebt ist. Als sie William gewahrte, reichte sie ihm die Hand, weißer als Alabaster; William ergriff sie stillschweigend, zog sie an seine Lippen, beugte das Knie und unterdrückte seine Thräncn. Mary litt an einer Lungenschwindsucht, die in Folge eines Rückfalles höchst bedenklich geworden war. In der Hoffnung nämlich, ihre unterbrochene Beschäftigung bald wieder fortsetzen zu können, hatte sich die Kranke zu früh genesen geglaubt und demgemäß unvorsichtig das Bett verlassen. Seit jenem Rückfall hatte der Arzt die Symptome stets höchst beunruhigend gefunden; dicß- mal erklärte er Mrs. Stevenson, daß eine Consultation nothwendig geworden sei, aber die kaum bemerkbare Handbcwcgung, mit der er diese Erklärung begleitete, schien sagen zu sollcu, daß er Mary aufgebe. Doch gewahrte weder Mrs. Stevenson noch William sein bedenkliches Achselzucken. Der Tag verging unter Stillschweigen und schmerzlichen Gefühlen. Gegen zehn Uhr näherte sich der junge Maler dem Bette Mary's- »Lebe wohl, Cousine I" sagte er und versuchte zu lächeln; — »auf Wiedersehen morgen!" „Auf morgen!" lispelte Marp; „morgen werde ich mit Ihnen, William, von der Zukunft sprechen können!" „Das ist für jetzt ein gutes Zeichen!" flüsterte er tiefbewegt. „Ich habe das Gegenthcil sagen hören! seufzte die Kranke, aber so leise, daß eS Niemand vernahm. 17. Am andern Tage stellten sich drei Aerzte ein. Marp hatte eine schlimme Nacht gehabt: mehrere Male war sie in eine todesartige Schwäche verfallen; am Morgen war sie von unheilverkündendem Schluchzen befallen worden und hatte gegen die Mutter geäußert, daß sie einen gewaltsamen und nicht zu bezeichnenden Schmerz verspüre, nicht anders als ob ihre Seele aus ihrem Körper weiche» wolle. Dia Aerzte erklärten nach ängstlicher Prüfung Mrs. Stevenson, daß hinfort nur noch von der Jugendkraft ober irgend einem außerordentlichen Ereignisse, das die Kunst nicht voraussehen könne, Rettung zu hoffen sei. Als sie sich, von William begleitet, entfernten, erklärten sie dem jungen Maler, daß Marp wahrscheinlich die Nacht nicht überleben werde, ohne zu ahnen, daß sie ihm damit das Herz brachen. Einige Augenblicke später glaubte sich Marp weniger schwach zu fühlen, und berief deßhalb William und ihre ganze Familie zu sich. Mrs. Stevenson, die nur noch ein Schattenbild war, stellte sich an das Kopfkissen ihrer Tochter, die beiden kleinen Brüder Henry und Ferdinand knieten traurig auf dem Teppich nieder, und Charlotte, in Folge öfterer Nachtwachen ganz blaß und abgehärmt, stand zu den Füßen des Bettes, während William, von Unruhe und bitteren Gefühlen verzehrt, sich aufrecht hinter den Knabe» hielt. Marp ließ über alle diese theueren Gesichter einen Blick schweifen, aus dem Sorge und Betrübniß sprachen, und sagte mit schwacher Stimme: „Geben Sie mir die Hand, liebe Mutter, und auch Sic, William, treten sie noch einmal hierher; — ich fürchte nicht laut genug reden zu können. Höret mich jetzt und vor Allem, unterbrechet mich nicht, wenn auch meine Worte Euch Schmerz verursachen; allein sie gehen aus einem Gefühl der Nothwendigkeit hervor, sie sind prophetisch; und dies mag sie entschuldigen. — Ich will Euch also zuvörderst sagen, daß jede Höffnung auf Heilung nichts weiter ist, als ein Trngbild, ein falscher, leerer Trost, und daß ich ohne Zweifel bald aus dem Leben scheiden werde. — Erwidern Sic mir nichts, beste Mutter; — schweigen Sie, William, denn Sie würde» mir nur den Faden meiner Gedanken unterbrechen, den ich kaum mit Mühe kesthaltcn kann. Der Gedanke an den Tod hat nichts Fürchterliches für mich. Meine Einbildungskraft schafft sich kein schreckliches oder düsteres Bild von dem Tode; er erscheint niir im Gegenthcil voll Ruhe und Milde, schön wie ein melancholischer und stiller Abend, wie ein Schlaf ohne Schmerzen und ohne Träume . . . Eines jedoch werfe ich ihm vor, nur Eines, daß er nämlich diejenigen so blindlings hinrafft, die noch einige Zeit bedürften, um ihr Werk zu vollenden, daß er den Arbeiter von seiner halb fertigen Arbeit wcgreißt; dieß allein erscheint mir so traurig, sterben zu müssen, wenn wir doch wissen, daß wir eine ganze Familie hinterlafsen, ohne Hülfsmittel und ohne Unterstützung! sterben zu müssen mit der Furcht, diejenigen im bittersten Elend zu hinterlassen, die unser ganzes Denken, unsere ganze Sorgfalt in Anspruch nahmen! darin liegt das Schlimme, — das verzeihe ich dem Tod nicht und doch ist gerade das auch mein Loos!" (Schluß folgt.) Aus der Zeit. — Cöln, 28. Mai- Unser Dombaufest begann gestern Morgen um 8 Uhr, nachdem noch zur angenehmen Ueberraschung von Frankfurt die Anzeige eingegange» war, daß der Kaiser von Oesterreich ein Geschenk von 8000 fl. Conv. M. für den Fortbau überwiesen habe, mit dem solennen Festzuge nach dem Frankenplatze und den dort veranstalteten Festlichkeiten. Nachmittags fand ein heiteres Banauett in dem passend verzierten Gürzcnichsaale statt, woran gegen tausend Gäste Theil nahmen. — Heute morgen fanden sich schon nach 6 Uhr die meisten hiesigen und fremden Ver- einsmitgliedcr im botanischen Garten zusammen; um 10 Uhr wurde der Dom in allen seinen Theilen und die Bauhütte besichtigt. Heute Nachmittag sind alle Theilnehmer der Feier seit 4 Uhr abermals auf dem Frankenplatze versammelt, um das sinnig angeordnete große Genossenschaftsfest mit Musik und Gesang, Preisver- theilungen an die fleißigsten Dombauwerklcute rc. fröhlich zu begehen. Ein großer Festball auf dem Saale Gürzenich wird heute Abend de» entsprechenden Beschluß des Festes bilden. — München, 24. Mai. Man wird sich erinnern, daß vor einiger Zeit in verschiedenen Blättern die Rede von einer hier entdeckten Schneiderprinzessin gewesen ist, d. h. von einer an einen hiesiegen wohlhabenden Bürger dieses Gewerbes vcrheirathe- ten Frau, die, als Jüdin erzogen und später getauft, als rechtmäßige Tochter eines italienischen Fürsten erkannt und von dem Vater auch als Kind anerkannt worden sei. Zur Vervollständigung möge dienen, daß die erwähnte Dame seitdem nach Italien gereist und dem Vater vorgestellt worden, jetzt aber im Begriff sein soll, in de» Besitz eines vcrhältnißmäßig immensen Abfindungsvermögens zu treten. So lautet von hundert Sagen wenigstens die mindest unwahrscheinliche. — München, 25. Mai. Unser berühmter Künstler Schwanthaler ist wieder so weit hcrgestellt, daß er alle bedeutenderen Arbeiten in seinen Kunstwcrkstätten selbst leiten und jeden neuen Auftrag erledigen kann. Einen Theil der guten Jahreszeit wird Prof. Schwanthaler auf seiner herrlichen Burg zubringen, die er an einem der reizendsten Jsarpunkte oberhalb Münchens in den letzten Jahren hat erbauen lassen. — Würzburg. Eine Probefahrt des Dampfboots Marimi- lian mit Braunkohlenfcuerung hat das günstigste Resultat ergeben, Thal- und Bergfahrt auf dem Main wurden in derselben Zeit zurückgelegt als bei Steinkohlcnheizung. Man erwartet selbst, daß rücksichtlich des Quantums Kohlen der Unterschied gering sein werde, und beabsichtigt zu dem Ende eine weitere Probefahrt anzustellen. Durch allgemeine Einführung der Braunkohlenhcizung würden für die Maindampfschifffahrt jährlich 20 bis 22,000 fl. erspart werden. — Hamburg, 26. Mai. Die Spuren des Brandes verschwinden mehr und mehr und die Verschönerung unserer Stadt wird immer weiter ausgedehnt. Die Hülfswohnungen innerhalb der Stadt sind so schnell, wie sic iii jenen Schreckenstagen entstanden, fast sümmtlich wieder niedergerissen und die schöne Esplanade ist zur Promenade wieder völlig frei; der Jungfernstieg ist mit jungen srischgrünenden Bäumen bepflanzt; die Adolfs- und die Bleichcn- brückc sind vollendet, die Gasröhrenlegung wird mit dem größten Eifer bei Tag und Nacht fortgesetzt und beim Hafen endlich ist ein neues Thor gebaut und eine Reihe Häuser, die von dieser Seite den Eingang in die Stadt beschränkte, weggeräumt worden. 172 — Straßburg, 28. Mai. Wir haben heute einen braven, ausgezeichneten Mann begraben. Der Kaufmann und königlich baierische, so wie großherzoglich badische Consul Herr Jakob Hummel, welcher vorgestern um 3 Uhr Morgens nach ganz kurzem Krankenlager vom Tode ereilt wurde, ist diesen Nachmittag zur Erde bestattet worden. — Paris, 27. Mai. Nach einem beruhigenden Artikel der „Debats" läßt es sich erwarten, daß die Weigerung des Sultans von Marocco, den Grcnztractat zu ratificire», keine ernsten Folgen haben wird. General Delaruc ist am 14. Mai an Bord der Cor- vette „Vcloce" zu Oran angekommcn, woselbst er neue Instructionen der Negierung abwarten wird. — Madrid, 20. Mai. Die so unerwartete Entwickelung oder Verwickelung der Unterhandlungen der spanische» Negierung mit dem römischen Hofe beschäftigt fortwährend ausschließlich das Publikum. Bis jetzt hat das Ministerium in Betreff der Angelegenheiten mit Nom Schweigen beobachten zu müssen geglaubt, wodurch denn die böswilligsten Gerüchte und Commeutare hervorgerufen werden. — Die Königin Jsabclla u. hat am 25. Mai die Session der spanischen Cortes geschloffen. An demselben Tage wurde die rcvi- dirte und umgeändertc Constitution (von 1837) promulgirt. Die Königin wollte am 24. Mai nach Barcelona abrcise»; Narvacz begleitet sie; Martincz de la Rosa folgt am 28. Mai. — Von der russischen Gränzc, 20. Mai. Sc. Mas. der Kaiser Nikolaus wird sich nur fünf Tage in Warschau aufhaltcn und daselbst eine große Truppenschau vornehmen. Briefe aus Berlin melden daß der dortige russische Gesandte, Hr. v. Mcpendorff, nach Warschau berufen worden, wo er wahrscheinlich Sr. Majestät über die gegenwärtigen Zustände Preußens mündlich zu berichten haben wird. Von Warschau wird der Kaiser sich nach Kiew wen- den, wo ebenfalls eine große Heerschau vorgcnommen werden soll. — Neapel, 16.-Mai. Am 12. d. ist die aus 10 Dampfschiffen bestehende Flotillc, mit dem König und den Prinzen von Aquila und Trapani an Bord, unter Segel gegangen. An gleichem Tage hatte, wie gewöhnlich, das Fest der Madonna dell' Arco statt, das so lebhaft an die römischen Bacchanalien erinnert, und für den Ausländer so ansprechend ist, der bei dieser Gelegenheit einen Blick in das Treiben dieses südlichen Volkes thun und sich eine Idee von der Stufe sittlicher und religiöser Bildung, auf welcher dasselbe steht, bilden kann. — Konstantinopcl, 14. Mai. Nach den neuesten aus Syrien cingelaufencn Berichten ist seit dem 29. v. M. der Libanon von neuem allen Schrecknissen eines wüthcnden Partcikanipfes preis- gegeben. Siebzehn Dörfer waren ei» Raub der Flammen geworden. Drei Eniire aus dem Hause Schchab und zwei Scheiche der drusischcn Familie Abd-el-Malck waren in verschiedenen Gefechten gefalle». Der türkische Statthalter Wedschihi Pascha war von Beirut ,'nS Gebirge gezogen, um die streitenden Drusen und Ma- roniten mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln zu trennen und zu bewältigen. Verschiedenes. — Jemand stand in St. Petersburg an der Statue Peters des Großen mehrere Tage lang zu einer bestimmten Stunde in Nachdenken verloren. Der Kaiser, der dort öfters vorbeigcht, bemerkte den Mann, und fragte ihn, worüber er so ties nachdenke. »Ich möchte wissen," war die Antwort, „warum der große Peter einen Arm gegen den Justizpalast, den ander» gegen das Meer ausge- strcckt hat. — „Dieß bedeutet," sagte der Kaiser, „daß Peter zugleich Beschützer der Gerechtigkeit und des Handels gewesen." — „Und ich meine immer," crwiedertc der Fremde daraus, „Peter habe andeuteu wollen, wer hier mit der Gerechtigkeit zu thun habe, möge sich lieber dort in'S Meer stürzen!" — Am 7. April hat ein starkes Erdbeben in der Stadt Mexiko großen Schaden angerichtet. Der erste starke Stoß kam 8 Minuten vor 4 Uhr Nachmittags, und wiederholte sich später gegen 6 und 7 Uhr noch, zweimal. Die Pflastersteine sprangen aus ihren Fugen, Bäume, Häuser und Paläste wankten und stürzten ein, zwei Kirchen wurden stark beschädigt und die prächtige Kapelle der heiligen Therese sank in Trümmer. Unter den Ruinen der eingcstürztcn Gebäude zog man schon gegen 20 Menschen hervor, die zum Theil todt waren. — Die Ncpealer in Irland haben einen großen Festtag zum Andenken an die Befreiung O'Cvnnellö und seiner Genossen aus dem Gesängniß ausgeschrieben. Man will am Jahrestag in glänzender Prozession durch die Straßen von Dublin ziehen, vor dem Kerker sollen Reden gehalten und das Fest soll mit einem Festmahl beschlossen werden. — Der Kaiser von China hat endlich cingcschcn, daß er zn alt klnd schwach ist, um sein großes Reich selbst zu regieren. Er hat die Zügel der Regierung in die Hände einer Regentschaft gelegt und sich'S Vorbehalten, seinen Nachfolger selbst zu erwählen. Mit dem Haushalt des himmlischen Kaisers soll es auch nicht zum Besten stehen, cs soll eine Schuldenlast von über 100 Mill. Gulden vorhanden sein. — Die Vorarbeiten für Ncu-Fclsbcrg in der Schweiz sind nun soweit vorgerückt, daß man mit der Ausstcckung des neuen Dorfes begonnen hat. Au milde» Beiträgen sind aus der Schweiz bis jetzt 15,000 Franks für Felöbcrg cingekommcn. — Die Königl. Münze in London beschäftigt 8 Pressen, welche täglich 392,892 Stück Sovereigns schlagen können. Im Jahr 1842 wurden in 7 Tagen 10 Tonnen Goldes geprägt; die gemünzten Stücke wogen 22,058 Pfund und waren 935,434 Pfund Sterling Werth. Vom 1. Juli 1842 bis 1. Juli 1844: au Sovereigns und Halbsovcreiguö 15,920,411 Stück; an Silbcrmünzcii 20,976,756 Stück; au Kupfermünzen 19,631,000 Stück, zusammen 56,528,167 Stück. — In England will man auf dem Wege des chemischen Prozesses das Mittel entdeckt haben, die verwandelnde Kraft der Natur nachzuahmcn und binnen einigen Wochen aus Torf Steinkohlen zu machen. Redigirt und gedruckt unter Verantwortlichkeit der Chr. Fr. Müll er'scheu Hofbuchhandlung.