arlsruher Beobachter. Nr. SL Donnerstag den 10. Juli L8LS Ein alter Name. (Fortsrtzung.) -Im erwähnten Briefe aber floß sein Herz wirklich iiber. -Er schrieb: Du hast statt meiner das Opfer gebracht; ich, als der Aeltere, hätte für die Ehre des Hauses verbluten müssen, du als der Jüngere hattest keine Verpflichtung. Wohl unferm Vater, daß dn die schweren Schmerzen ans dich genommen, denn laß es dir zu meiner Schande gestehen — ich hätte es nicht vermocht. Ich hätte eher unser Wappen von den Thoren unseres Stammhauses reißen lassen, aus den umklammernden Armen seines treuen Evheu, als mich selber aus den Armen meiner Anna gerissen. Ich hätte eher meinen Vater die Schwelle des Hauses seiner Ahnen überschreiten lassen, um eS nie wieder zu sehen, als Laß ich die Schwelle jenes Freiherr» betreten, um ohne Liebe seine Tochter heimzuführen. Du hast es vermocht, du bist größer, stolzer, selbstloser als ich." "Diesen Brief fand Bertha, als ste in ihrer blinden Eifersucht während meiner Abwesenheit in meinem Schreibtisch nach Liebesbriefen suchte. Was sie bisher nur vermuthet, nur gefürchtet, wurde ihr nun zur unumstößlichen Gewißheit. Sie wußte nun, daß ich sie nur um ihres Vermögens willen gefreit. Als ich nach Hause kam, hatte ich eine fürchterliche Scene durchzumachen. Ich leugnete nicht, ich bedauerte nur, aber das Leben mit ihr ward nun geradezu eine Hölle. Da ich sah, daß sie absichtlich Alles hcrvorsuchte, was mich ärgern und verletzen konnte, nahm ich ihr gegenüber immer alle meine Kraft zusammen, um meinen Gleichmukh zu bewahren. Daß es mir gelang, schien ihr unerträglich, und hundertmal körte ich sie, bleich vor Zorn, aus- rufen: "2 es wird mir doch gelingen, deine Ruhe zu erschüttern und aus deinem Munde den Ausruf zu vernehmen: ich bin ein unglücklicher Mensch!" WaS sie Alles erfand, um mich meiner Fassung zu berauben, erlasse mir, dir zu erzählen; genug, daß es vergebens war. Wenn sie schmollte, blieb ich freundlich und schien es nicht zu bemerken; wenn sie jammerte, redete ich ihr zu wie einem kranken Kinde, und wenn ste tobte und schrie und in Krämpfe versiel, ging ich in mein Zimmer oder in den Garten und überließ sie der Obhut ihrer Dienerinne ».<• »Ich habe idicn erwähnt, wie oft ste zu mir sagte: -Du sollst deine stolze Männerfassung verlieren, und wenn es mich mein Leben kostet." Zu diesem Preise ist es ihr auch geluiige». Während einer meiner nothgedrungenen Abwesenheiten auf einem entfernten Gut sprang sie in's Wasser. Am Ufer fand man Hut und Schawl und in ihrem Zimmer ein Billet an mich. Cs lautete: --Ich verlasse ein Leben, wo eine Unterschrift von nur mehr gilt, als ich selbst. Graf Auperg findet dieselbe unter meinem Testament.-- »Da verlor ich wirklich die Fassung, ich kam mir vor wie ein Mörder, und durch ihre Großmuth übte ste die empfindlichste Rache an mir. Großmüthig hatte ich sie zwar immer gekannt. Da ihr ganzes Vermögen von ihrer verstorbenen Mutter stammte, die auch eine Erbtochter gewesen, hatte ihr Vater bei ihrer Ver- heirathung nur ein von seiner Gemahlin ihm bestimmtes Kapital in Händen behalte» dürfen, das übrige Vermögen sammt den Gütern aber ihr übergeben müssen, wie es seine verstorbene Frau festgesetzt. Bertha hatte mir nun rückhaltslos am Tag nach der Trauung Alles übergeben, und im Besitz bestätigte mich ihr Testament. Ich hatte ihr für diese reichen Gaben nichts bieten können, als den Brautschmuck meiner Mutter, ein von Geschlecht zu Geschlecht vererbtes Familienstück von ziemlichem Werthe. Mein Bruder hatte mir gegen eine kleine Jahresrente die ihm gehörige Hälfte abgetreten. — Dieser Schmuck verschwand mit Bertha. Da er nur aus einem Collier von Diamanten und Perlen und eben solchen Ohrringen bestand, so vermulhe ich, daß ste ihn bei ihrem letzten Gange angelegt, glaube aber auch, daß man eben dieses Schmuckes wegen die Leiche nicht aufgefunden, da er wahrscheinlich den zufälligen Entdecker zur heimlichen Verscharrung der Leiche verführt hat, um nicht den kleine» Schatz herausgeben zu müssen." "Haben Sie nie den Schmuck in öffentlichen Blättern recla- mirt?" fragte Reinhard. — --Gewiß, aber vergebens. Nun war ich frei, aber ich benutzte meine Freiheit nicht zu einem neuen Chebunte, denn ich hatte mich des ehelichen Glückes unwürdig gemacht. Ich hatte die Ehe entheiligt, sie zu einer Spekulation entwürdigt. Meinem längst geträumten Ideal begegnete ich, aber Engel standen schützend davor und riefen mir mit ihrer Hellen Stimme zu: --Zurück, Unwürdiger! in de» Tempel der Liebe gehen nur die Reinen, nicht die Schächer und Sünder ein.-- --Aber, bester Oheim — " — -- Schweige, Reinhard, um alles in der Welt, schweige nur jetzt! lleberlege erst, was ich dir mitgetheilt, und möge dir kann klar werden, was mir klar wurde: daß ich, statt um meiner Familie und ihres Glanzes willen eine ungeliebte Frau zu heirathen, meinen Vater hätte zu mir nehmen und im Nothfall im Taglohn für ihn arbeiten sollen. Das wäre eines Grasen von Auperg würdiger gewesen und würde mir Segen gebracht haben. Das sah ich aber zu spät ei».-- Reinhard ging weg, ohne sich eine Bemerkung zu erlauben, wie sein Ofieim befohlen halte. Als er zum Thore hinaus ritt, hing er nachläßig die Zügel über den Hals seines schönen Pferdes, schlug Feuer, und nachdem er seine Cigarre angezündet und das elegante, von schöner Hank gestickte Etui wieder in die kleine Tasche seines Cvllets geschoben, sagte er spöttisch: --Der alte Narr!" — Der. Graf aber ging noch immer in heftiger Bewegung in seinem Zimmer auf und ab und murnielte schmerzlich: --Zu spät, zu spät!-- 21t li. Wir begeben uns zu Alexander Auperg. Reinhards jüngerem Bruder. Er siand alS Lieutenant bei einem Infanterieregiment und war seit ein paar Stunden in seinem neuen Bestimmungsorte, einem kleinen Städtchen, eingetrvffen, das er wegen Gar- nisonswechsel des Regiments mit dem Ansenthalt in einer Handelsstadt halte vertauschen müssen. — Er saß mit seinen Kameraden gerade bei Tisch im nieder» Saale des einzigen Gasthauses. Nur die verheiratheten Offiziere hatten fich schon Wohnungen bestellt, die andern waren auf gut Glück hierher gekommen. Auf ihre Erkundigungen äußerte der Wirth: --Cs gibt hier freilich Wohnungen genug,-meine Herrn; eine Menge Einwohner habeli bei der Nachricht von der Ankunft des Bataillons, und als sie sahen, daß das Kloster zur Kaserne umgestaltet wurde, Zimmer eingerichtet, aber ich fürchte, Sie werden nicht damit zufrieden sein. Die Vesten Wohnungen haben natürlich der Herr Major und die ander» vier verheiratheten Herrn Offiziere bekommen.-- Die jungen Leute entschlossen sich nun aufzubrechen, um eine Logisrevue zu hallen. Nur Auperg blieb am Tische sitzen und zerdrückte in tiefen Gedanken ein uraltes Biscuit, das vielleicht zum dreißigsten Male als Dessert figurirt hatte, zu Staub. --Nun, Auperg," riefen ihm die Andern von der Thüre aus zu, "gehst du nicht mit?" — „Ich werde die Barracken früh genug sehen." Zwei der Offiziere kehrten darauf zurück und stellten sich neben ihn; der eine war klein, schmächtig und blaß, der andere hatte etwas mehr Cmbonpoint als ihm lieb war und suchte durch leickte Grazie in allen Bewegungen dieser Schwerfälligkeit seines leiblichen Menschen Abbruch zu thun. „Wenn du nicht mitgehst, Auperg," sagte Leonhard, der Magere, „so bleibe ich auch hier." — "Ich auch!" rief Spiller, der Leonhard in Allem nachahmte. Auperg stand auf, ohne Freundlichkeit, aber auch ohne Groll über die Despotie seiner Freunde. Ohne etwas zu sagen, schnallte er den Degen um, wodurch erst sein schlanker Wuchs hervortrat, denn seine Kleider waren zu weit und ohne alle Sorgfalt angelegt. Seine kurz geschnittenen Haare hatte er ebenfalls nur glatt nach einer Seite gekämmt, wie es gerade im Belieben der Bürste gewesen; sein ganzer Anzug zeigte überhaupt nichts als militärische Reinlichkeit und Ordnung, und er stach durch den Mangel an Eitelkeit auffallend gegen seine Kameraden ab, die durch den Aufentha't in einer größer» Statt alle mehr oder minder DandieS geworden waren. Auch sein Gesicht fiel nicht auf, obgleich es regelmäßige Züge hatte, aber keine Spur von Aehnlichkeit mit Reinhard war darin zu entdecken. Die übrigen Offiziere lachten und lärmten aus der Straße und klopften den drei Zurückgebliebenen am niedern Fenster, da trat der Wirth noch einmal zu diesen und sagte mit wichtiger Miene: -Ich wüßte wohl ein wunderschönes Haus hier mit den beste» Wohnungen, aber die Cigenthümerin vermiethel nichts.-- — --Wer ist es?" fragte Leonhard.. — --Es ist eine alte Frau, eine Wittwe, die vor mehr als fünfundzwanzig Jahren hieher kam und das Haus eines verstorbenen alten Edelmanns kaufte. Es hat zwei prächtige Stockwerke; eine Treppe hoch wohnt sie mit ihrer Magd, der untere Stock, der eine Menge schön eingerichteter Zininier enthält, steht leer, denn sie will Niemand im Hause haben, überhaupt Niemand sehen. Sie hat gar keinen Uingang, und die Kinder, die ihr auf der Straße begegnen, wenn sie zuweilen an schönen Svmmerabenden in ihrem schwarzseidenen Manrcl, den sie immer trägt, über die Felder geht, fürchten sich vor ihr und laufen davon.-- — --Wie heißt sie?-- — „Madame Al-le».-- — --Ei was!-- rief Leonhard lustig, --wir probiren's, ob sie uns nicht ein paar Zimmer abgibt. Wir gehen zu ihr, ans jeden Fall kann's nicht schaden-- — --Sie werden nicht angenommen; unter dem Vorwand von llnpäßlichkeit weist sie Jedermann ab. Noch nie hat Jemand ihr Zimmer betreten -- — --Wir probiren's,-- wiederholte Leonhard, und nun drang er so lange in Auperg. bis er versprach, ihn zu begleiten. Da die übrigen Offiziere, müde des Wartens, aufgebrvchen waren, so begaben sich unsere drei sogleich auf den Weg, geführt von des Gastwirths kleinem Sohn. — DaS Haus der Madame Ahlen stand abseits von der schmutzigen Hauptstraße und ein kleiner Garten davor grenzte an dieselbe. Neugierig musterten die jungen Leute daS Haus. Es schien vor einem Jahrhundert erbaut, massiv aus Stein, mit unsäglich viel Schnörkeln und Verzierungen. Cs war Schade, daß man ihm so lange keinen Anstrich gegönnt, denn die grauen abgewaschene» Wände spotteten aller Kunst des wohlmeinenden Architekten, der es so reichlich zu verzieren gesucht halte. In der Mitte war ein großes Einfahrts- thor, woran sich ei» Klingelzug befand, an dem Leonhard heftig riß. Cs dauerte eine Weile, bis Jemand öffnete, und während dem sahen die jungen Leute gespannt nach den Fenstern des zweiten Stockwerks^ denn die Laden des ersten waren geschlossen; oben aber.war Alles mir grünen Vorhängen dicht verhüllt. Endlich sprang die kleinere Thüre im großen Thore auf; eine alte blasse Magd stand dahinter. --Was wollen die Herren?-- fragte sie schüchtern. — --Sind hier keine Wohnungen zu vermiethen?-- erwiderte der Sprecher Leonhard. Nein!" Und sie war schon im Begriff, das Thor wieder zuzuschlagen, als Leonhard ries: Einen Augenblick Geduld! wir wollen selbst Ihre Herrschaft fragen, melden Sie uns. Hier sind unsere Namen.-- setzte er hinzu, indem er eine Visitenkarte aus dem Ueberrock zog und den beiden andern bedeutete, dasselbe zu thun. Verwundert nahm die Alte die drei glänzenden Kärtchen in die Hand und sagte halblaut, indem sie sich ins Innere entfernte: --Dieß wird auch nichts helfen, die Madame bekommen Sie doch nicht zu sehen. Nach geraumer Zeit, die den jungen Ungeduldigen doppelt lang geworden, kehrte die Magd zurück. „Folgen Sie mir gefälligst, meine Herren,-- sagte sie im Tone der Verwunderung, als könne sie an das Wunder eines angenommenen Besuchs noch nicht glaube». — Sie gingen durch mehrere Zimmer, wo die geschloffenen Laten durch ihre Ritzen nur gerade so viel Licht einließen. um den Weg zu finden, aber nicht genug, um das Zimmer und die Gegenstände darin zu erkenne». — Oie dritte Thüre öffnete sich. Cs war ein helleS Gemach, vergleichungsweise mit den andern, denn hier waren nur die grünen langen Gardinen geschlossen. Die drei Offiziere blieben an der Thüre stehen und sahen sich nach einem menschlichen Wesen um. — Da ertönte aus der Tiefe eineS großen Sessels, der in der Ecke stand, eine scharfe Stimme: --Was wünschen die Herren?-- --Wir bitten — —fing Leonhard an. — --Welcher von den dreien sind Sie?-- sagte die Stimme, von deren Eigen thümerin noch nichts sichtbar wurde, als ein schwarzer seidener Mantel, in den sie ganz gewickelt war. --Welcher sind Sie, Leon- hart, Auperg oder Spiller?-- — --Der Erstere; hier ist Graf Alexander Auperg, hier Oberlienlenant Spiller.-- — --Schon gut, was wollen Sie?-- — --Wir möchten,-- versetzte Leonhard', indem er seine Stellung an der Thüre aufgab und einige Schritte näher zum Sessel trat, in dessen Schoos das unsichtbare Wesen ruhte, wir möchten Sie fragen, ob Sie nicht geneigt wären, uns ein paar Ihrer leeren Zimmer zu überlassen?" (Fortsetzung folg,.) 215 Hirtuoseii - Temperatur. ! Thema zum Barmen. Je niehr sich Lie Liebe zur Oper verbreitet, je mehr die Virtuosität der V v ca listen zunimmt, um so weniger Thei'iiahnie findet in unfern Tagen der Jnstrumentalvirtnos, wenn er nicht als eine außerordentliche und eigenthümliche Erscheinung impvnirte und das Gluck hat, in die Mode zu kommen! — Während man früher in den Opern nur rein declamalvrischen Gesang zu hören bekam, die Begleitung der Instrumente aber stets untergeordnet gehalten war, glaubt man heut zu Tage bei dem Anhören einer Oper in dem Cvncerrsaal zu sei», so sehr wetteifern Sänger und Instrumente in Bravour und suchen sich gegenseitig zu überbieten! Man hat a'so Oper und Cvncert beisammen, deshalb finden die Concerte täglich geringere Theilnahme bei der Menge. Die Instrumental-Virtuosen möchten eben doch auch selbstgäadig (ohne stets mit den Sängern riva'isiren zu müssen), auftreten, bei diesem Auftreten aber ihre ganze Bedeutung geltend mache», wo möglich die Sänger noch übcrireffen! Statt dies nun mit Verstand., mit gehöriger Beachtung deS Charakters und der Wirkungsfähigkeit ihrer Tonwsrkzeuge zu thun, suchen sie durch Ueberwindung der größten Schwierigkeiten (ob sie nun Wirkung machen oder nichts, das Publikum zum Staunen und dadurch zu den Beifallsäußerungen Hinzureißen; ihre Absicht wird zwar in der Regel erreicht, die Zuhörer gerathen gleichsam in den Zustand der Trunkenheit (in welchem sie nicht zurechnungsfähig sind), befinden sich aber bei dem nur zu baldigen Wiedererwachen in demselben reinlichen Zustande, wie der Trinker nach ? einem Rausche; die Tüchtigkeit des gehabten Genusses tritt klar j vor Augen, und der schöne Gefährte des wahren reinen Pcrgnü- ! gens, der Nachgenuß, fehlt! — Dieß wäre mit wenigen Wor- ! reu die Schilderung des Treibens und Erfolges der meisten fetzigen Virtuosen. Ist die Leistung eines Solchen noch der Erguß seines Inneren, besitzt er Eigenthümlichkeit, Genie, sind seine Leistungen nun Aeußerungen derselben, die er als zweite Natur nicht unterdrücken kann, die er bringt, weil er muß, weil es ihm sein Genius gebietet, ist seine Manier weder Nachahmung noch spekulative Berechnung, so wirb er immerhin eine Zeit lang die Aufmerksamkeit — selbst jene der Kenner — auf sich zu lenken vermögen, in die Mode kommen können; das Bewußtsein aber, dem guten Geschmack und der Kunst nützlich gewesen zu sein, wird ihm nicht werten! — Solche originelle, aber seltene Erscheinungen scheinen als Werkzeuge zur Steigerung der Technik erkoren, und mögen darum auch ihren Werth haben, verderblich aber werden sie durch die Nachahmungssucht genieloser Spekulanten. Vor solchem Spe- kuliren jeden Kunstfunger zu warnen, ist Pflicht der Tonmeister und Veteranen, um vor Abwegen und verfehlten Carrieren angehende Musiker zu wahren; ihr Auftreten nicht durch enthusiastischen Beifall zu begünstigen, erscheint als Pflicht jedes ehrlichen Mannes, so wie des Publikums. Am übelsten sind jene Imiia- tionS-Virtuosen d'ran, welche ein Instrument ergriffen haben, das keinen praktischen Werth hat, dessen sie sich (wenn sie zur Einsicht gekommen sind, daß sie auf Abwegen gewesen), nicht auch ohne Concerte zu geben, zu ihrem Erwerbe bedienen können. Dieses Instrument aber (dessen Werth an sich kein Vernünftiger verkennen wird), das Piano forte gerade, ist es, was am meisten von Musikern als Paradepferd nicht gebraucht, sondern mißbraucht wird. Hütet Euch, Ihr jungen Pianisten, den Lißt überlisten zu wollen! Ileberhaupt soll jeder Virtuose sich bemühen, nicht nur Technik, sondern auch Musik hören zu lassen. Es gibt doch aus früherer Zeit und selbst in der Gegenwart der soliden Vorbilder genug! K. 8. G. *) Aus der Zeit. — K onstanz, 3. Juli. Die von Karlsruhe zurückgekehrten Abgeordneten der hiesigen Stadl mit Bürgermeister Hütlin äußern sich über die Aufnahme und Zusicherung von Seiten der ersten Staatsbehörde» über möglichste Berücksichtigung von Konstanz bei Fortsetzung der großen Hauptbahn bis an den See in einer sehr befriedigenden Weise. Für" den Bau der Bahn von Basel über Schaffhausen, sowie für jede weitere Ausführung auf Staatskosten soll aber die Regierung unter keiner Bedingung geneigt sein. — Wildbad, 3. Juli, Bei der wiederum eingetretenen sehr heißen Witterung — und diese ist uns in unserem Gebirgsthal sehr willkommen — nimmt die Zahl der hiesigen Kurgäste rasch zu, und das Badeblakt, das die Lokallitera:ur vertritt, zahlt schon fast achthundert Nummern. — Oer geheime Rath Schlosser ist gestern von Heidelberg hier eingetroffen. Oer k. preuß. Gesandte am großh. bad. Hofe, Hr. Obrist von Nadvwitz, wird noch einige Zeit hier verbleiben. — Stuttgart, 6. Juli. Der hiesigen deutsch-katholischen Gemeinde ist gestern amtlich eröffnet worden, daß der Benützung der reforw.irten Kirche zu ihrem Gottesdienste von Seiten der Negierung nichts mehr im Wege steht; nur solle Alles ohne Aufsehen und öffentlichen Anstoß geschehen, womit ohne Zweifel das Verbot der Zulassung von Ankündigungen des Gottesdienstes in hiesigen Blättern zusammenhängt. — Stuttgart, 6. Iu i. Die Vorsehung hat gestern sichtbar über unserem Königshause gewaltet und das Leben S- Maj. des Königs und der Hoffnung seines Hauses, Sr. k. Hoh. des Kronprinzen, seines erlauchten Sohnes, vor augenscheinlicher Lebensgefahr bewahrt. Die Sache hängt so zusammen: Gestern früh verfügte sich Se. Maj. der König mit Sr. königl. Hoh. dem Kronprinzen und einigem Gefolge nach Ludwigsbnrg und hielt Musterung über die dort garnisonirende 2. Infanteriebrigade; nach beendigten Exercilien und Entlassung der Brigade blieb die sogenannte Gewehrbrandraketen- Kommission unter General v. Barlruff auf dem Platze zurück, um die Wirkungen der Gewehrbrandraketen und die Erfolge der Berathungen der Kommission vor Sr- Majestät darzulegen. Nachdem alle Versuche mit de» Gewehrbrandraketen zur. vollen Zufriedenheit Sr. Maj. des Königs angestellt waren, nahm der Hauptmann v. Lindauer von der Artillerie Veranlassung, auf vorherige Anfrage bei Sr. Maj. und dießfailsige Erlaubniß feine Versuche mit 6- und 12 = pfündigcn Brandkugeln vorzuzeigen, deren Bestimmung es ist, die glühenden Kugeln in Zukunft )» ersetzen. Der Versuch mit dem Scchspfünder war befriedigend ausgefallen, worauf auch der Zwölfpfündcr in den Boden eingegrabc» und angezündet wurde. So. Majestät stand wieder, wie bei der ersten Kugel, mit dem Kronprinzen und seinen Generalen und Adjutanten ganz in der Nähe der Kugel, die aber dies Mal, obgleich dies noch mit keiner ') iluä- per Zeitschrift für Deutschtandö Musikoereinc und Dilettanten; deran-gcgeden von Dr. 8. S. Ga sin er. 216 früheren der Fall gewesen, statt ihr Feuer auszusprühen, zerplatzte. Man kan» sich den Schrecken und den Schmerz bei diesem so unerwarteten Unfall denken. Z» allem Gluck warf die Gewalt der zerplatzten Kugel nach der Seite Sr. Mas. nur Erde aus, die sie qus dem Boden aufwühlte; die Stücke der Kugel selbst wurden aber nach der entgegengesetzten Seite geschleudert, wo Hauptmann v. Linbauer mit einige» Unteroffizieren stand. Leider ward dieser verdiente Offizier von fünf Stücken getroffen und erhielt eben so viele, zum Glück nicht lebensgefährliche, Wunden; einem Unteroffizier ward das Auge schwer verletzt. Nach seiner Rückkehr nach Stuttgart schickte Se. Maj. augenblicklich hvchstdero Leibarzt ab, seine Sorge den Verwundeten angedeihen zu lassen- Hauptmann v- Lindauer erhielt zugleich in Anerkennung seiner vielfachen Verdienste eine schöne goldene Tabaliere mit Brillanten, worauf das Bildniß Sr. Maj. gemalt ist. — München, 5. Juli. Heute Vormittag um 9 Uhr fand in dem großen Sitzungssaale des k- Kreis- und Stadtgerichts die öffentliche Abbitte des Schriftsetzers R. aus Berlin, wegen Verletzung der Sr. Maj. dem König schuldigen Ehrfurcht, vor deni Bildnisse Sr. Maj. des Königs statt. R. war zu 1 Jahr Strafarbeitshaus und Verweisung verurtheilt, die Strafe aber wurde durch die Gnade Sr. Maj. zu 6 Monaten Gefängniß mit Hinweglassung der Verweisung gemildert. — Basel, 4. Juli. Letzten Dienstag ist den hiesigen Landjägern beim Appell das Signalement von Hrn. Or. Steiger und seinen drei Befreiern verlese» und der Polizei somit der Auftrag gegeben worden, auf dieselben zu fahnden. Dessen ungeachtet mag jedoch Hr. Or. Steiger ganz unbesorgt nach Bases kommen, wenn er sonst wie Lust dazu hat. — Man denkt schon daran, an der Universität Leipzig einen besonder» Lehrstuhl für die deutsch-katholische Kirche bei der theologischen Facultät zu gründen und bringt den Pfarrer Th einer für die Besetzung desselben in Vorschlag. — Berlin, 2. Juli- Die, die Entlassung des Hrn. v. Arnim betreffende Kabinetsordre ist bereits erfolgt, soll aber erst nach den Landtagsabschleden veröffentlicht werden. — Die Instruktionen, welche Hr. Pochhammer, Kommissar beim Karlsruher Zollkongreß, erhalten hat, lauten doch etwas milder und nachgiebiger, als neuerdings verbreitet worden ist. Von der Nothwendigkeit einer Erhöhung des Zolls auf Leinengarn scheint man sich endlich überzeugt zu haben; was aber die Twiste betrifft, so will man nur um so viel erhöhen, als die den englischen Spinnern durch den freien Bezug der Baumwolle gewährte Erleichterung beträgt. Doch dürste ein entschiedenes Auftreten der übrigen ZollvereinS- siaaten wohl eine Vermittlung und Ausgleichung herbeiführen. — Paris, 4. Juli. I» Betreff der Jesuiten- Angelegenheit in Frankreich kommen fortwährend die widersprechendsten Gerüchte zu Tag. So liest man im --Univers--: Man versichert, es sei der Beschluß gefaßt worden, daß man nunmehr gegen die Jesuiten handelnd einschreiten werde; man wäre jedoch noch nicht dazu gelangt, sich über die Weise, wie eingeschrilten werden solle, zu vereinbaren.-- — Der --Commerce-- dagegen führt neuerdings Nachrichten aus Rom an, denen zufolge ein solches Einschreiten überflüssig zu sein schiene. Es scheint gewiß zu sein, daß der römische Hof, den dringende» Vorstellungen der französischen Regierung nachgebend, die Verbindlichkeit übernommen habe, das Zusammenleben der Jesuiten innerhalb des französischen Gebietes aufzuheben. — Paris, 6. Juli. Der halbofficielle --Messager" enthält nachstehende Mitlheilung: Die Regierung des Königs hat Nachrichten aus Rom erhalten. Die Unterhandlung, womit Hr. Rosst beauftragt war, hat ihr Ziel erreicht. Die Cvngregatio» der Jesuiten wird in Frankreich zu eristiren aufhören und sich aus freien Stücken zerstreuen; ihre Häuser werde» geschloffen und ihre Noviziats aufgelöst werden. — Man befürchtet jeden Augenblick, daß die Feindseligkeiten zwischen Frankreich und Marvcco auf's Neue entbrennen. Der Prinz Joinville hat bereits Befehl erhalten, sich marschfertig zu halten, um sogleich mit einer Flotte nach Tanger sich zu begeben. Abd-El-Kader, der wieder eine gute Reiterei um sich haben soll, setzt seine Neckereien fort, so daß die Franzosen Tag und Nacht auf der Hut sein müssen. — London, 4. Juli. Aus Mexiko hat man die Nachricht, daß Santa-Anua zur Confiöcalion seines Vermögens und zur Verweisung aus dem Land verurtheilt worden ist und sich bereits nach Venezuela eiugeschifft hat, wo er künftig seinen Aufenthalt zu nehmen gedenkt. — Der spanische Ministerpräsident Narvaez hat seinen Collegen vier harte Nüsse zum Aufknacken vorgelegt, wenn sie am Ruder bleiben wollen. Er verlangt von ihnen 1) die Unterdrückung der Zeitungen, welche der Negierung au's Lebe» gehen wollen, 2) Vereitelung der Reise der Königin in die baskischen Provinzen. 3) Entfernung der Exkönigin Christine aus Spanien und 4) die baldige Vermählung der Königin Jsabella- — Alexandrien, 22. Juni- Der Bürgerkrieg im Libanon nimmt immer mehr überhand; Mord und Zerstörung von Dörfern, Klöstern und Kirchen sind an der Tagesordnung; alle Berichte siinnnen überein über das unmenschliche barbarische Verfahren der Drusen gegen die Christen, und die unwürdige Parteilichkeit der türkischen Behörden zu Gunsten der Druse». Verschiedenes. — Reicht hum und Armuth in Amerika. Nirgends wohl wechseln die beiden wichtigsten Hebel des menschlichen Lebens häufiger und auffallender, alS in den vereinigten Staaten. Der Advertiser von Cincinali sagt: der Direktor der Bank, der jetzt eine Million Dollars kvmniaudirr, halte vor fünf Jahre» nicht Credit für eine» Ofen, welcher zwölf Dollars kostete. Ei» anderer Mann hatte 1830 nicht Credit, um ein Faß Salpeter zu kaufen, hatte 1837 ein Vermögen von 700,000 Dollars, war 1841 ban- querot und besitzt jetzt eine Million. Ein 'Anderer erwarb sein Brod durch Ausstellung eines Affen in den Straßen und besitzt jetzt 30,000 Dollars. Ein Anderer, der eine Million Dollars besaß, starb im Armenhause und ward auf Kosten der Gemeinde begraben. Der Gründer des Penikenliary-Sysiems, reich, hochgeehrt, ein berühmter Dvlksredner, starb im Comercial-HoSpital. Die Tochter deS Gouverneurs von MassachusetS erwirbt ihr Brod durch die Nähnadel, so wie die Nichte des Gouverneurs von New-Dersey durch Waschen; eine Dritte, die Tochter des Gouverneurs von Penshlvanien, einst berühmt durch Geist unk Schönheit, reich und in den höchsten Zirkeln glanzend, ist Aufwärtcrin und erhält für die niedrigsten Dienste l'/ 2 Dollar die Woche! — Welcher Romanschreiber stellt grellere Contraste auf, als das wirkliche Leben. Nedigirt und gedruckt unter Verantwortlichkeit der Ehr. Fr. Müll er'scheu Hofbuchhandlung