Karlsruher Beobachter. Nr. 87 . -— Sonntag den 2. November L8LZ. Oer Schein trügt. (Fortsetzung.) Der Arzt wusch sich die Hände, Riesemberg schalt, die Gräfin weinte. Der Graf stand, gezwungen lackend, vor dem Spiegel: Doktor, rief er aus, seh ich denn aus wie Einer, der abfahren will, nämlich nicht nach Prag, sondern in Abraham's Schoos? Herr Graf, der Schein trügt! Herr, die Heilkunde nicht minder! Lustig, Gnstel, wir gehen auf's Gut! Der da besucht uns im Herbste, wenn er uns seinen Freibrief mitbringen kann. Wir suchen ihm dann eine andere Hälfte, die mit ihm sei. Eine wie du. Gnstel, solch einen echten Engel, nicht wahr? Die Gräfin errvthete bis zur Stirne, währelld Riesemberg, den Scherz mühsam fortsetzcnd, erwiderte: Ja, wenn diese Engel nur zu Allen so vom Himmel herniederstiegen, wie zu dir, du unverbesserlicher Eigensinn! Es waren nur noch wenige Stunden bis zur Abreise, auf welcher Dronte mit unbesiegbarem Starrsinn beharrte. Trübe Ahnungen fielen auf alle Häupter des kleine» Kreises herab, als der Arzt mit einem letzten und zürnenden Worte gegangen war. Der Graf selbst versank in ein dumpfes Hinbrüken, wie jedesmal nach dem Anfall seiner fieberhaften Unruhe. Seine Gemahlin dachte an alle Übeln Folgen eines so furchtbar gewagten Schrittes, und Riesemberg — an den Abschied. Seines Bleibens in Karlsbad, erklärte er, werde nun auch nickt länger sein. Er wollte heinieilen, in Dresden den Rechtöfrennd seines Hauses aufsuchen, seine Scheidung möglichst rasch in'S Werk setze» und dann — Und dann? fragte die Gräfin, durch Thränen läckelnd. Dann in die weite, wüste Welt hinein! — Cr nahm den Hut und stürzte fort. Am nächsten Morgen, bei Lichtem Regen und empfindlicher Kälte, wurde der schwerbepackte Reisewagen wirklich hervorgezogen und bespannt. Die Gräfin stieg ein; den Grafen, der blaß und fast bewegungslos war wie ein Halbtodter, mußten die Be-- dienten in den Wagen heben. Ist Rnstan da? erkundigte er sich und lächelte schwach, als Riesemberg auf dem Lieblingspferde herbeisprengte, gerüstet, den Ziehpnden eine Strecke weit das Geleit zu geben. Aber schon oben auf der Höhe, dem sogenannten Wiener Sitze gegenüber, kehrte er auf der Gräfin ängstliche Bitten um, durch die geringe Strecke bereits völlig durchnäßt und durchfröstelt. Der Graf riß ihn wild und hastig an seine Brust, die Gräfin umarmte ihn unter heißen Thränen. Noch ein Händedruck, und der Schlag flog zu, die Pferde sprengten davon, die Hunde bellend und heulend dem Wagen nach. Riesemberg stand allein auf der Landstraße. Fern wehele noch im Winde das weiße Tuch seiner verlorenen, gesiebten Freundin und die Klänge des Posthorns verhallten dumpf und schaurig in den nebelumwogten Bergen. Zwischen Prag und Karlsbad, auf der Mitte der Entfernung ungefähr, liegt ein kleines Dorf, Horosedl geheißen, nur als Station den Postreiseuden merkwürdig. AuS dem elenden Wirths- haus am äußersten Ende des Ortes sprengten am vierundzwanzigsten Juni zwei Staffelten, die eine nach Prag, die andere nach Karlsbad. Es war eine Verwirrung in dem Hause, welche sich dem ganzen Dörfchen mittheilte. Bauern und Bäuerinnen liefen an der Thüre zusammen und raunten es sich neugierig zu, da droben liegt ein vornehmer Herr auf den Tod krank. Der Bader war in später Nacht herausgeklopft worden, und jetzt, um die achte Morgenstunde, näherte sich in banger Hast ein kleiner Zug von der Kirche her der llnglückSpforte. Das Allerhciligste! riefen die Landleute auS, entblößten Hauptes niederknicnd, und die Weiber lispelten: Gott sei seiner armen Seele gnädig! Das Glöcklein in der Hand des Chorknaben läutete ein frommes Amen. Noch in der nämlichen Nacht kamen zwei Crtraposten in Horosedl an. Eilig, und doch zu spät! Gegen Abend war der Graf verschieden, ohne Bewußtsein, in Folge eines Nervenschlages. Der Badearzt von Karlsbad hielt die erstarrte Rechte ernst und traurig in der seinigen, während sein Prager College und Baron Riesemberg ihre trostlosen Bemühungen um die in Krämpfen darniederliegende Gräfin vereinigten. Der Schein trügt. Der Schein trügt. Ja, das zischelten sich auch die Gäste in Karlsbad am Mühlenbrunnen wie am Sprudel, im Kaffeehaus und auf dem Spaziergang gesckäflig zu, als wenige Tage nach der Abreise des Grafen feine Witkwe zurückkehrte, geleitet von dem Freunde des Seligen. Das schöne Wort Freund; welchen häßlichen Beigeschmack hat es auf der giftigen Zunge der Verleumdung, wen» es zwischen Mann und Frau höhnisch eingeschaltet wird! Es gibt aber Lagen und Schmerzen, an welchen der Pfeil solcher Nachreden sich absiumpft oder gar machtlos zurückprallt. So geschah es der Gräfin und Riesemberg, welche in ihrer gemeinsamen Verzweiflung nicht einmal überlegen konnten, was aus ihrem Beisammenbleiben nach dem Tode deS Grafen für bittere Früchte auf die Ueberlebendcn fidlen. Der Arzt hatte auf 316 fcer Rückkehr der Gräfin nach Karlsbad bestanden, weil dieser Ort der nächste und gelegenste sei. Des Grafen Kammerdiener sollte indessen die sterblichen Ueberreste seines Herrn ans daS Gut geleiten, welches die Familiengruft des Grafen Dronte enthielt. Dorthin wollte seine Witlwe folgen, sobald die trübe Fahrt möglich geworden, ohne ihr Leben zu gefährden. Riesemberg blieb, so lange es der Schutz der unglücklichen Frau erheischte. So gestaltete stch denn, ganz in den alten Umgebungen, auf's Neue ein Zusammenleben der zwei Verwittweten, welches stch von dem früheren nur durch eine noch gewaltsamere Spannung, durch unwiderstehlichere Näherung unterschied. Gemeinsame Thränen werden so leicht die Quelle eines gemeinsamen neuen Gefühles, und auf den Verlust, welchen zwei Herzen selbander beweinen, folgt, natürlicher vielleicht, als es daS Schicklichkeitsgefühl und das Urtheil der Welt begreift, ein Gewinn und ein Besitz der zwei trauernden Herzen an einander. Alles, was früher durch die gleichgestimmten Saiten ihrer Gemüther wie ein Ton flüchtig und vereinzelt hingeglitten ist, wiederholt stch nun und schwillt zum Accorde an, wenn eine heftige Schwingung von außen jene Saiten zugleich berührt und geschüttelt hat. Die Seele deS Freundes gab der Freundin jeden empfangenen Trost sanft und weich zurück, und wer weiß, ob das, durch harte und ungewöhnliche Geschicke dem Aberglauben erschlossene Gemüih nicht bald ein Zeichen und ein Wunder mit heimlichem Schauer darin ahnen mochte, was bis jetzt als Schmerz betrauert worden war. Vierzehn Tage schwanden, eher beflügelt als gehemmt durch das Leid. Noch eifriger als zuvor betrieb Riesemberg seine Scheidungsklage, ohne stch selbst den Grund dieser von Tag zu Tag stürmischer werbenden Eile einzugestehen. Die Gräfin vernahm von ihm nicht eine Sylbe mehr über seine Angelegenheit, und doch.beschäftigte fie dieselbe innerlich eben so mächtig, als ihre eigenen Verhältnisse ihre ganze äußere Mühe und Kraft in Anspruch nahmen. Eilboten kamen aus Böhmen und Mähren von den Gütern deS verstorbenen Grafen; die Schaar peinlicher Geschäfte und harter Kämpfe, welche, wie Raben jedem Tode folgen, krächzte der Verlassenen unheimlich entgegen. Ohne Ellern und ohne eigene nahe Verwandte, stand sie fast allein da, den Bestrebungen der Gewinnsucht, den Versuchen der Betrügerei, allen Rechts- und Formquälereien gegenüber- Wie gern wandte ste ihre erschrockenen Blicke von dem Chaos, das ihrer wartete, ihif die stille, abgeschiedene 2»sel, wo sie noch mit dem Freunde um den Verschiedenen trauern durfte? Nach Ablauf jener Frist, in der Milte Juli, mußte ste sich gewaltsam losreißen, um den Ruf der Pflicdt nicht in dem kaum noch unverständlichen Geflüster und Geschwirrs innerer Stimmen zu überhören. Riesemberg hob die schöne, in den schwarzen Gewändern und Schleiern doppelt schöne Gestalt wiederum in den Wagen. Aber er begleitete sie nicht, wie bei dem letzten verhäng- nißvvllen Abschied, und ihr Kuß hauchte auch nicht wie damals schwesterlich über seine zitternde Wange. Kein Geständniß, kein Wunsch, kein Gelübde war bis zum letzten. Augenblicke gemacht oder gar gewechselt worden. Erst als der Schlag geschlossen, stammelte Riesemberg, während der Sekunde, welche der Bediente brauchte, um auf-seinen Sitz zu klettern, hastig und abgebrochen in daS Ohr seiner Freundin: Auguste, darf ich Sie auf Ihrem Wittwensttze besuchen? Es war das erste Mal, daß er sie mit ihrem Vornamen anredete. Er klang so sanft und gewinnend dem Ohre entgegen, daS. aus dem Munde des verstorbenen Gatten nur an dessen harte.Verkürzung gewohnt gewesen war, daß sich die Gräfin, überwältigt und mit freier strömenden Zähren, in ihre Kiffen und Hüllen zurücklehnte. Die Antwort verhallte in einem lauten Schluchzen; aber von ihrer Rechten, welche Riesemberg zum Abschiede leise an Brust und Lippen drücken wollte, streifte sich wie zufällig der schwarze Handschuh ab und blieb auf seinem stürmisch klopfenden Herzen liegen. DaS Stammgut der Dronte'schen Familie, wohin die Gräfin in trauervoller Einsamkeit ihrem vorangegangenen Gatten, dem Letzten seines Namens, folgte, liegt tief in Waldes- nnd Höhenzügen drin, in dem wenig gekannten Erdenwinkel, wo die böhmischen, mährischen und schlesischen Grenzen zusammenstvßsn. Langsam und lautlos fließt die March durch die stillen Gegenden, welche das Schloß Drvntheim beherrscht, in einem weitläufigen Park voll Büsche und Weiher versteckt- 2» seine Schatten flüchtete die Wittwe, um in somnierlicher Schwüle und tiefster Einsamkeit den mannigfachen Eindrücken ihrer letzten Schicksale nachzuhängen, am Sarge ihres GeniahleS furchtsam und zitternd neue Liebeshoffnungen aushauchend und in den Briefen an den Freund mit erfinderischer Selbstqual um den Verloreuen klagend. Schwarzgerändert und schwarzgestegelt waren die Blätter, welche von Drvntheim nach Dresden, von Dresden nach Drvntheim in raschem Wechsel flogen; aber der rothe Faden der Liebe schlang stch immer hervorleuchtender durch die dunkle Farbe deS Todes. Auguste erwachte in diesem ihr neuen Gefühle eigentlich erst zum Leben; sie war fünfundzwanzig 2ahre alt geworden, ohne die Liebe, ohne stch selbst also zu kennen. Dem verstorbenen Grafen gehörte nur ihre Pflicht, und diese erfüllte, hielt ste ihm mit bewunderungswürdiger Hingabe, seit sie aus dem klösterlichen Leben eines DamenstifteS, fremd und verwaist in die Welt, in die Ehe hineintrat. Zufriedenheit halte sie in tiefer wohl gefunden, aber keine Befriedigung, und ste konnte sich eines verstohlenen Seufzers kaum enthalten, als eines TageS in Karlsbad der Graf seinem Freunde — ihm, der das Glück der Liebe so tief empfunden und genossen — zurief: Nun betrachte dir einmal unsre Ehe, Heinrich, gegen die deine; wie gut leben wir zusammen, die Gustel nnd ich, in gleichen Verhältnissen geboren und erzogen, ohne daß wir an eure romantische Liebe jemals gedacht haben! Damals seufzte sie und Riesemberg mit ihr. Erst sei» Bild ging ihr wie eine Sonne auf, und so unschuldig, so frisch und rein war das Herz, welches ihre Strahlen in sich aufnahm, daß eS kaum widerstreben mochte, wenn die Nebelschleier der Wiltwenkrauer früher -und plötzlicher durch sie zerrissen wurden, als eS der Welt Lauf zu erlauben pflegt. Riesemberg stürzte stch mit gleichem Seelendrange in die Flulh einer Neigung, welche den noch blutenden Wunden seines Herzens rasche Heilung, seinem erstorbenen 2»nern frohe Wiedergeburt verhieß. Aus den Trümmern seines Glaubens an die Frauen und an das Glück der Liebe schossen neue Liebesblüthen mit doppelter Kraft empor, in sorgsamer Hast und Freude von ihm gepflegt. Würde er das Wogen und Stürmen seiner Gefühle besonnener geprüft haben: wer weiß, ob er auf dem Grunde seiner erschütterten Seele und mitten in der Leidenschaft, wozu er die Neigung für die Gräfin in fröhlichem Taumel steigerte, sticht eine Art von Rachsucht gegen seine treulose Frau gefunden hätte? Er begnügte sich aber damit, den Rechtshandel gegen Letztere ungestümer als je fortzusetzen, und zeigte der Gräfin in einem Schreiben vom zehstlen August jubelnd an, daß er nun seinem Sachwalter unbedingte Vollmacht gegeben habe, mit der Gewalt des Gesetzes eine Freiheit für ihn zu erzwinge», die, jüngst noch ohne Werth und Bedeutung, jetzt sein ganzes Lebensglück bedinge. Die Gräfin küßte in gleicher Empfindung die heitere Botschaft dieser Zeilen, welche zum ersten Male mit dem berauschen- Len: „Bald auf ewig Dein" sich schlossen. Sie vermochte nicht 'in, Zimmer, dessen Decke ihr strahlendes Haupt druckte, das volle Herz auszuströmen; hinaus drängte es sie, in den grünen Garten, unter den tiefblauen Himmel, zu schmetternden Morgenvögeln und Luftigen Sommerblumen. Eben hatte sie den ländlichen Strohhut auf die blonden Haare gesetzt, mit einem wehmüthigen Blicke Las schwarze Band davonstreifend, als ihr ein Bedienter Besuch anmeldete. Jetzt nicht, jetzt nicht- Sagt, ich fei nicht da, noch nicht auf. Sagt, was Ihr wollt! Gnädigste Frau, es ist eine Fremde, von drunten gekommen, auS dem Dorfe. Und kein Name? Sie will ihn der gnädigen Gräfin allein sagen. Sonderbar! Wie sieht die Frau aus? AlS ob sie krank gewesen, Euer Gnaden, schwach und blaß. Sie ist in Trauer und hat ein Kind bei sich. Also wohl eine Unglückliche, die Hülse sucht. Nur herein mit ihr. Sie kommt zur guten Stunde, setzte sie hinzu, als der Diener gegangen war, und griff nach ihrer Börse: Wenn Las sie trösten kann, ihr nur einen Tropfen geben von dem Glück, das durch mein überquellendes Herz strönil! Die Thür öffnete sich. Bei dem ersten Blick auf die Eintretende erkannte die Gräfin, daß ihre Vermuthung eine falsche gewesen, und verbarg das in der Eile zusammengeraffte Gold. Diese Gestalt, schlank und edel, wie ihr wenige noch begegnet waren, trat nicht wie eine Bettlerin auf; andere Leide», als die der Armuth, sprachen aus dem dunkeln, verweinten Auge, aus diesen noch in ihrer Blässe und Zerstörung vollendet schönen Ge- nchtSzügc». Die Gräfin starrte die Fremde sprachlos und bestürzt an. Eine Empfindung, von der sie sich keinen Grund zu geben wußte, krampfle ihr die Brust so heftig zusammen, daß sie ge- nölhigl war, sich an der Lehne eines Sessels zu Hallen. Sie winkle die Fremde heran und deutete, noch immer nicht im Staude zu reden, auf einen Stuhl ihr gegenüber. Verzeihung, Frau Gräfin, so unterbrach endlich die Fremde die peinliche Stille, und ihre Stimme drang mit einem unnennbaren Wohllaut ins tiefste Herz: Verzeihung, wenn ich Sie störe! Ich bitte, .Madame; — in der Thal aber, Sie finden mich ... Der Bediente war inzwischen hinausgegangen. Die Gräsüi bemerkte, wie taS Auge der Fremden fest an dem ihrigen hing, wie die Leichenblasse des schönen Gesichts i» das brennendste Roth überging. Erschrocken wollte sie sich zurückziehen, weil ihr der Gedanke kam, vielleicht mir einer Irrsinnigen allein gelassen zu sein, als Jene, in Thränen ausbrechend und einer Ohnmacht nahe, heftig ausrief: Ja, so mußte, die Glückliche aussehen, die mir Heinrich'- Liebe rauben konnte! O, nun weiß ich, daß es für mich keine Hoffnung auf Erden mehr gibt! — Aufschluchzenb sank sie auf dem Sessel zusammen und drückte das in ihren Armen schlummernde Kind fester an sich. Gerechter Gott, erwiderte die Gräfin mit demselben Schrei; > Sie wären . . . Sie sind . . . Riesemberg's unglückselige Frau, die arme, verstoßene; arm und verstoßen mit diesem Kinde, (einem Sohn! Sein Sohn! Riesemberg hat keinen Sohn! Wenn Sie glauben, eine Täuschung in meinem Hause — O, hallen Sie ein! Verdamme» Sie nicht wie er, ehe Sie hörten! Ja doch, dies ist sein Sohn, obgleich ihn der Vater nicht anerkenne» will, niemals sein kindliches Antlitz sah! Unmöglich, wiederhole ich Ihnen; unmöglich! Riesemberg kann mich nicht getäuscht haben! Nein, Frau Gräfin,, o nein, er täuschte Sie nicht, er ist dessen unfähig; aber er ward getäuscht, auf die unerhörteste, unwürdigste Art getäuscht, wenn er glauben konnte, daß sein Weib ihn verrathen hat. (Fortsetzung folgt.) Äus der 3eii. — Berlin, 27. Okt. Die Oberpräsidenten haben sich in Berlin eingefunden, um bei den letzten Beralhungen über die Landtagsabschiede gegenwärtig zu sein.. Wir haben diese Abschiede demnach in Kurzem zu erwarten, und wohl darf man sagen, daß noch niemals das Land mit so allgemeinem Antheil auf deren Veröffentlichung gewartet hat. Vermuthungen in diesem Augenblick über ihren Inhalt anzustellen, ist jedoch um so weniger zulässig, da durch die persönliche Gegenwart der Herren Oberpräsi- denten leicht noch manche Abänderung erfolgen kann. — Frankfurt. Die plötzliche Entweichung von zwei Engländern, Namens King und Niel, welche sich seit ein paar Jahren in Wiesbaden ohne Erwerbung von Grundbesitz aufhielten und von dort bedeutende Geschäfte machten, berührt mehrere hiesige Handlungshäuser auf eine höchst unangenehme Weise. — Die englisch-ostindische Post wurde dieser Tage zum ersten Mal von Alexandrien über Triest, mit Benützung der badischen Eisenbahn nach Mannheim, von da mit einem bereit stehenden Dampfboole nach Köln und mit einem Extrazuge bis Ostende gebracht, von wo das Brieffelleisen per Dampfboot nach Dover, und endlich auf der Eisenbahn nach London befördert wird. — Hamburg, 23. Okt. Gestern sind wieder Baarsendungen von England per Dampfboot eingetroffen und zwar 2,000,000 Mark Banko an ein hiesiges bekanntes Banguierhaus und eine geringere Summe an ein hiesiges Handelshaus. Man sieht jetzt zuversichtlich einer Verminderung der Geldnoth entgegen. — Paris, 28. Okt. Der Bericht des General Lamvriciere über die Gefechte vom 13. 14. und 15. ist jetzt veröffentlicht und zeichnet sich durch die einfache ungeschmückte Darstellung von den pomphaften Bulletins des Marschall Bugeaud aus. Abd-el-Kader war gleich nach dem ersten Gefechte mit seiner auf 280!) Mann geschätzten Reiterei abgezogen und hatte die Stämme, die er zum Aufstante bewogen, im Stiche gelassen. Ihr Hohn- und Wuth- geschrei begleitete seinen Abzug. — General Lamvriciere hätte den in die Felsklüfte an der See gedrängten Feinden einige Bataillone nachienden können; er unterließ es, weil, wie, er sagt, bei der Stimmung der Truppen, eine allzu furchtbare Rache genommen worden wäre. So glänzend die Gefechte waren, so ist der Erfolg doch kein entscheidender; der General war im Begriffe, den Emir auf der Ebene zu verfolgen, wo er ihn aber schwerlich erreichen wirk. — London, 26. Okt. Werrn den neuesten Berichten aus China Glauben zu schenken ist, so läuft England Gefahr, den besten Theil seiner Eroberungen dort in Frankreichs Hände gelangen zu sehen. Die große, reiche, bevölkerte und, was am allerwichtigsten, gesunde Insel Tschusan, die der Mündung des Haupt- strvmes von China gegenüber liegt und als Centralpunkt für den Handelsverkehr von Japan wie von China zu betrachten ist, muß vertragsmäßig nach Abtragung der Kriegskontribution, von der blos noch ein Zahlungstermin rückständig ist, den Chinesen wieder 348 überliefert werden. Die Engländer bedauern nicht blos den Verlust dieser schönen Insel, sondern sprechen auch noch die wirkliche oder angebliche Befürchtung aus, daß die Chinesen ste den Franzosen abkreten werden. Um dies zu verhindern und um TjÄusan selbst zu behalten, wird in Londoner Blättern der Vorschlag gemacht, den Chinesen einen Tausch anzubieten, wonach die Engländer Tschusan behalten, dafür aber Kanton nicht mehr besuchen würden. In Kanton sei überdies die Feindseligkeit der Eingeborenen so groß, daß die den Engländern rechtlich zustehende Ver- kehrsbefugniß thatsächlich ohnedieß nicht benutzt werden könne. — London. Selbst die englischen Damen sollen sich dem Eisenbahnaktienschwindel mit Leidenschaft ergeben. Jeden Tag steht man in, den Umgebungen der Börse, deren Eingang ihnen verboten ist, eine Menge Spekulantinnen stch herumtreiben, deren mehrere treffliche Kunden für "die Sensalen stnd. Die durch diese Damen >eit drei Monaten bewirkten Transaktionen werden auf mehr a!S 12 Millionen Pfund Sterling geschätzt. — Nom, 18. Okt. Die letzten Unruhen und die noch immer dauernde GährunZ scheinen der Regierung noch keine genügende Veranlassung, um die dringend nöthigen Verbesserungen in der Staatsverwaltung einzusühren, wozu ihr selbst die Großmächte, besonders Frankreich und Oesterreich/ mehrmals ernstlich gerathen haben. Vielmehr ist ste nur darauf bedacht, die Mittel zum Widerstande gegen etwaige neue Unruhen zu vermehren. Zu diesem Behufs wurde, wie man aus guter Quelle erfährt, vor wenig Tagen in einer Versammlung der Cardinäle unter dem Vorsitze des Staatssekretärs Monsignore Lambruschini beschlossen, eine neue Anleihe zu contrahiren, um zwei weitere Schweizerregimen- ter zu errichten, so daß die Zahl dieser fremden Truppen auf 10,000 Man» gebracht würde. Die Schweizer sollen dann in allen größeren Städten des Kirchenstaates an die Stelle der Landestruppen treten. — Rom, 21. Okt. Am 12. d. M. hat sich neuerdings ein bewaffnetes Schiff an der Küste, bei der neapolitanischen Grenze, gezeigt. Da dessen Kanonenstgnale vom Ufer her nicht erwieterl wurden, segelte dasselbe in der Richtung gegen Cvrsu wieder ab. — In der Nahe von Nom finden jetzt beinahe täglich Truppenübungen statt. — In Genua kamen der Kaiser und die Kaiserin von Rußland am 1!). Okt. an, verweilten dort Vf, Tage, und schifften sich am 21. aus der Dampfsregatte „Kamtschatka" nach Palermo ein. — Madrid, 22. Okt. Das Kriegsgericht hat seinen Spruch gefallt gegen die Personen, die bei den letzten Vorgängen in Madrid aus den Wagen des Generals Narvaez geschossen. Zwei sind zum aoke, drei zu den Galeeren verurthellt, vierzehn Jncul- pirte stnd freigesprochen worden. - — Sr. Petersburg. 21. Okt. Se. kaiserl. Hoh. der Großfürst Michael ist von Moskau und Se. großh. Hoh. der Prinz Alexander von Hessen von dem Feldzug im Kaukasus hier angekommen. — Se. Majestät der Kaiser hat dem Capilän in groß- herzoglich hessischen Diensten, Fürsten Emil Wittgenstein, zur Bezeigung des hohen Wohlwollens dafür, daß derselbe aus eigenen Wunsch an der Expedition gegen die kaukasischen Gebirgsbewohner Thell genommen und bei der Einnahme deL Ortes Dargo eine ausgezeichnete Tapferkeit und musterhafte Selbstverleugnung bewiesen hat, den St. Annenorden zweiter Klasse mit der kaiserlichen Krone verliehen. Verschiedenes. — Bei Gelegenheit ^.nes Prozesses, welchen der berühmte Advokat Letru jüngst vor dem Asstsenhvf für einen Magnetiseur geführt und gewonnen hat, sagte er unter Anderem in Betreff des Einwurfs, daß die Leistungen des Magnetismus wider den gesunden Menschenverstand verstießen: „Ich möchte nur, um den Verstand unserer Gegner zu erproben, daß sie mir folgende Frage beantworteten: Wie erklärt es sich ihr Verstand, daß Tauben, die man etwa voll Bressuire nach Paris bringt und dort auf dem Börsenplatz fliegen läßt, gleich nachdem ste stch hoch in die Luft erhoben haben, gerades Weges nach Bressuire zürückkehren? — Wer hat den Tauben die Geographie gelehrt? — Das ist der Jnstinct, sagt man wohl; aber was ist kenn wieder mit diesem Instinkte? Da müßte der Jnstinct doch dein Verstände überlegen sein; denn man lasse einmal hypothetisch den gelehrtesten Arzt, den gescheidtesten königlichen Anwalt statt solcher Tauben aufsteigen und sehe dann, ob ihr Verstand ihnen auf jenen unbekannten Wegen wohl ein richtiger Führer sein würde. — Auf die Vernunft, auf den Verstand hatten sich auch die Schreier der ärztlichen Fakultät nach Paris berufe», alö stch das Parlament bewogen fand, die Anwendung von Brechmitteln zu verbieten. Ich verzeihe ihnen kaS gern, denn es äst ein gar böses Ding mit diesem Ervekimente. Aber Ludwig XIV. erkrankt und wird nur durch ein Brechmittel hergestellt. Da wird sogleich das Verbot deS Parlaments und nicht minder der Ausspruch der Facultät ausgehoben. Ein anderer Parlaments-Beschluß untersagt im Jahre 1762 die Blatternimpfung; jetzt, Anno 1315, dürfte aber schwerlich ein königlicher Anwalt gefunden werden, der nicht ino- culirt wäre. — Ist nicht auch der Blutumlauf für unmöglich erklärt und dies System als ein Unsinn proscribirt worden? Sind nicht die Aeroliche», von welchen der Kalender des LängenbüreauS 180 zu Anfang dieses Jahrhunderts consiatirte Beispiele nachweiset, eine lange Zeit all den großen Männern des Instituts ein Gegenstand deS Gelächters gewesen? — So sicht eS mit dem Verstände und der menschlichen Weisheit!" — Zur Charakteristik Handels. Der Prinz von Wales, der Vater Georgs NI., war nicht nur ein Freund der Dichtkunst und der Wissenschaften, sondern auch der Musik und der Künstler. Cr verschmähte es nicht, stch mit den Letzteren einen Scherz zu machen, sobald stch Gelegenheit dazu fand. Händel, welchem der Prinz besonders wühl wollte, war auch einmal zum Stichblatt der prinzlichen Laune ausersehen, die Jenen indeß zum heftigsten Ausbruch feines Zornes reizte. Wie bekannt, hatte Händel eine große Abneigung gegen daS Stimmen der Instrumente, und dies Geschäft mußte von den Musikern stets vor seinem Erscheinen beendigt sein. Einst sollte ein neues Oratoriuni ausgeführt werden. Alles war in Bereitschaft. Während das Erscheinen deS Prinzen stch verzögert, schleicht stch Einer aus dem Gefolge hin und verstimmt alle Instrumente. Kaum ist das geschehen, so erscheint der Prinz. Händel setzt stch an die Orgel und giebl daS Zeichen zu:n Anfang. Eine fürchterliche Dissonanz erschallt. Händel, ganz außer sich,, fliegt von seinem Sitze, rennt einen Contrabaß um, ergreift eine Kesselpauke und wirft ste dem ersten Violinisten an den Kopf, während seine eigene Perrücke, erschüttert, das Weite sucht. — Alle Zuhörer brachen in ein lautes Gelächter aus, Handels Zorn konnte nur dadurch besänftigt werden, daß der Prinz sich als Urhebek des Spaßes zu erkennen gab. Nedigirt und gedruckt unter Vcrantwyrtlichkcit der Chr. Fr. Müllcr'schen Hvfbuchhandlung.