Karlsruher Beobachter. Beiblatt zum Karlsruher Tagblatt. Nr. 4L Donnerstag den 11. April 18414t. Blicke ans Karlsruhe s Vergangenheit. Karlsruhe in seinen Anfängen. (Fortsetzung.) So nahm sich Karlsruhe in seinen Anfängen aus. Frage: was ist von diesem ältesten Kerne der Stadt noch in unfern Tagen übrig? Antwort: wenig mehr, als Nichts. Das hölzerne Schloß von damals ist in den ersten Regierungsjahren Karl Friedrichs in ein steinernes umgewandelt und bei dieser Gelegenheit zweckdienlich erweitert worden; der damalige „vordere Schloßgarten" hat seine Nelken und Hyazinthen, seinen Oelmagen. und Tulpensior, seine Buchshecken und Taxuswände, seinen Ententeich und seinen „Schlangenberg" im Der» lauf der Zeit bei Seite gethan, und sich zu einem freien Platze eingerichtet. Bon der Konkordienkirche ist uns nur ein historisches Angedenken vererbt in Gestalt der „Pyramide", welche die Stelle ihreö ehemaligen AltarS bezeichnet; wo sie mit Pfarr- und SchulhauS sich an die nächsten Quadrate der Langen Straße anlehnte, da liegt fetzt der Marktplatz offen; jene Quadrate selbst, das alte „Gymnasium illustre" und das alte Rathhaus mit seinem Erker, sind seit lange einer jüngeren Nachkommenschaft von Häusern gewichen, und den alten Brunnen- und Wasserthurm hat man einer kurzen Straße zulieb dem Erdboden gleich gemacht. Auch die vormalige Kirche der Neformirten, jetzo die Garnisonskirche genannt, ist nicht die alte mehr; jene erste, welche in die „Anfänge" der Stadt gehört, war von Holz erbaut und in Zeit von fünfzig Jahren zum Abbruch reif. Bon 1773 bis 1776 wurde sie neu in Stein aufgeführt; ihre Glocken und die Kirchenuhr, welche bereits in Stillstand gerathen, hat sie erst 1801 überkommen. Schon zweimal ist sie „jung gewesen und alt geworden"; wenn sie dereinst dem Geschick des Wasserthurms verfällt, so wird dies ihre dritte Verwandlung seit den Tagen der Anfänge seyn. Nun sollte man freilich glauben, daß, nach der Baufälligkeit zu urtheilen, als Müster- chen der ersten Mansardenbaute» noch da und dort Stammhalter übrig wären, alt genug, um das allerbeste Karlsruhe erlebt zu haben und sich unmittelbar ans den Zeiten Karl Wilhelms herzuschreiben; allein bei näherer Prüfung kommt man auf den Schluß, daß selbst diese Alterthümer der Stadt nicht mehr das nr- anfängliche Bauwerk aufweifen. Jene Holländerhäuschen waren, um den Ausdruck eines einheimischen Schriftstellers zu gebrauchen, „klein, aber zierlich, jedoch nicht auf die Dauer gebaut", und von 1751 ist ein Aktenstück vorhanden, welches dieselben als verwittert, schlecht fundamentirt, und geradezu dem Einfall nahe schildert.*) Und so ist denn von der ganzen Altstadt, welche einst das neue Karlsruhe gewesen, Nichts mehr erhalten, als der Bleithurm, und. auch dieser nicht in seiner ursprünglichen Gestalt, indem er 1732 um 60 Fuß abgehoben und statt der alten Kirchthurmspitze mit einer italienischen Bedachung versehen ward. Alles Andere ist der Zeit verfallen, vergangen, verschwunden, beinahe vergessen, und was wir heutzutage auf dem Raum des ältesten Bauwesens vor uns sehen, daS ist bereits die zweite Stadt auf jenem Flecke. Von den „Wahrzeichen", welche man dem heutigen Karlsruhe nachsagt, wußte das ganze vorige Jahrhundert ES ist dies eine „Snppliqne" der Karlsruher Bürgerschaft vom 2. Dezember 1751, bezweckend eine Verlängerung rer im Jahr 1752 ablaufenden Freiheiten und Gerecht, same der Stadt, nebst Anliegen um eine geregelte Zunft- verfaffung. Gegen den Schluß hin, wo die Motive zu- sammengefaßt werden, heißt es unter Anderm: --Bitten wir also Euer Hochfürstlichc Gnaden, daß wir durch eine andere Polizei etwas zu erwerben, und in unseren Hütten vor dem Einfall sicher wohnen zu könne», in den Stand gesetzt würden. Denn anfänglich bei Erbauung der Stadt mußten die Häuser in größter Geschwindigkeit nach dem vorgcschriebenen Modell erbaut werden. Und gleichwie es schwer ist, ohne ein Kapital in Händen zu haben, eiwas zu erwerben, so haben die Eigcnthnmer solcher Häuser nunmchr die weitern Küsten, daß sie ihre ohne hinlängliches Fundament auf dem Sand sitzende, und bei der besonder» Struktur ihrer Dächer vom Wetter sehr beschädigte Häuser repariren lassen, auch, wenn sie solche zu begnemen Wohnungen einrichten wollen, den ober» Stock anders bauen müssen, welches ihnen aber bei ihrer Armuth lauer fällt, nicht zu ge- denken, daß Viele noch Schulden auf ihren Häusern habe». Die gemeine Stadt selbst hat sehr wenig Einkünften und doch viele Kosten mit Erbauung und Erhaltung öffentlicher Gebäude und dergleichen. - 18 noch Nichts. Daß man die eine Hauptkirche welche ihr Licht von oben empfängt, auf einen freien Platz gestellt, und die andere, welche von der Seite erhellt werden sollte, mit dicht anstoßendem Bauwerk eingemauert hat; — daß von dem Thurme der Letzteren ein Schutzengel hernnterblickt, dem die Bestimmung geworden, „den Mantel nach dem Winde zu hängen"; — daß ein so hübscher kleiner Platz, wie das Rondell, sich durch einen Stein ansmöblirt findet, der zwar als Obelisk anspruchlos, als Brnnnenstock aber für einen fingerdicken Wasser- faden schon riesenhaft zn nennen ist; — von diesen und ähnlichen Wahrzeichen konnte in dem alten Karlsruhe noch in keiner Weise die Rede seyn. Eines Theils war die damalige Stadt noch nicht großstädtisch genug, um ihren Witz auch an sich selbst auszulassen oder sich auf einen humoristischen Standpunkt zu erheben; anderen Theils hätte sie auch im besten Humor nicht auf derartige Witzspiele kommen können, aus dem einfachen Grunde, weil die Gegenstände derselben noch gar nicht vorhanden waren. Zm Jahr 1719 betrug die Zahl der Einwohner 1994; erst nach 1770 stieg sie über 3000 **)$ im Jahr 1815, ein Jahrhundert nach der Gründung, war sie auf 15,128 angewachsen. Wie mannigfache Veränderungen setzt eine solche Zunahme der Bevölkerung voraus! Veränderungen aber sind Geschichte, und bei einer Stadt, die in 96 Jahren ihre Einwohner auf das Achtfache vermehrt hat, ungerechnet das weitere Wachsthum, gehört schon ein weiter Schritt dazu, um sich mit einem recht deutlichen Begriff in ihre vergangenen Zustände zurück zu versetzen. Es leben nicht mehr Viele, denen noch der alte Bleithurm, die alte reformirte Kirche, oder die Lange Straße als Grenze der Stadt im Gedächtniß schwebte; — wo ist das Zengniß Jener, die noch das hölzerne Schloß und die bescheidenen Anfänge der Stadt mit Augen gesehen haben? Die Gegenwart wandelt über ihren Gräbern; wer über den südlichen Theil des Marktplatzes oder durch die neue Kreuzgasse geht, setzt seinen Fuß auf gewesene Kirchhöfe; die Stadt **1 Hartleben, S. 128.: „Karlsruhes Bevölkerung mehrte sich seit seiner Eristen; mit Ausnahme eines einzigen Jahrzehnds von einem zum anrern. Im Durchschnitte gibt der Bevölkcrungsstand von neun Jahrzchnden folgende Ucbcrsicht: Vom Iahe 1720 bis 1730 Einwohner . 2347. 1730 „ 1740 . 2652. 1740 „ 1750 . 2463. 1750 „ 1760 . 2752. 1760 „ 1770 . 2993. 1770 1780 . 3333. 1780 „ 1790 . 3858. 1790 „ 1800 . 4525. 1800 „ 1810 . 7275. selbst steht gleichsam auf den Trümmern einer älteren Vergangenheit. Sogar an den Namen aus früherer Zeit hat sich die Vergänglichkeit alles Irdischen kund- gethan; — oder wem denkt es noch, daß einst eine Margraf Karl- und eine Margraf Christoph-Straße, eine Jung-Drais- und eine Löwenkranz-Gasse, eine Prinz- Friedrichstraße und so weiter in Karlsruhe bestanden hat? (Schluß folgt.) Die Montenegriner. (Fortsetzung.) „Du bist ein tüchtiger Bursche, Jephrem," sagten die Alten; „unsere Kinder auch!" riefen Andere. Die Jünglinge umgaben fetzt Jephrem, die Mädchen Zaida, der Pope taufte sie, und sie bezeichnete sich mit dem heiligen Kreuze. Jephrem machte Anstalten zur Hochzeit, der Wladika aber überlegte, wie er sich der Türken erwehre, da er die Schuldigen nicht zu strafen wagte. Am Tage nach der Hochzeit trat Stankv's Bruder Iwan über die Schwelle Jephrems und sprach: „gelobt sep Gott der Herr!" „Und Jesus Christus!" dankte Jephrem, indem er neben Zaida sich erhob und dem Eintretendcn entgegentrat. „Und der heilige Geist!" fugte Iwan hinzu, indem er sich aus dem an der Thüre hängenden Weihkeffel mit Wasser besprengte. „Amen!" sagte Jephrem. „Tritt näher, Iwan, und iß mit mir, meine Frau wird dich bewirthcn." Iwan aber verließ die Schwelle nicht, als ob er die Einladung überhört hätte, und fragte: „wo ist mein Bruder, Jephrem?" Jephrem fchrack zusammen. „Auf dem Felde von Grahowo," sagte er; „er fiel in redlichem und gerechtem Zweikampf." „Und wer hat ihm ein Begräbniß verschafft?" frug Iwan weiter. Jephrem schwieg und schlug die Augen nieder, denn bei seiner Geliebten hatte er den Freund vergessen, und ihn den Vögeln und wilden Thieren zur Speise liegen lassen. Iwan sprach kein Wort mehr, sondern entfernte sich. Mit gepreßter Brust schaute ihm Jephrem nach, denn er wußte, was der Besuch Iwans bedeute, und mußte sich gestehen, daß er eigentlich schuldig sep. Am andern Tage verbreitete sich das Gerücht, daß Stanko mit ausgchacktcn Augen und bereits von wilden L-Hieren halb zerrissen gefunden und begraben worden sey. Jephrem verfiel in tiefen Kummer und machte sich die härtesten Vorwürfe. Bald nach dem Begräbniß 19 trat ein Knabe Iwans in JephremS Hof und trug Etwas in ein Tuch geschlagen unter dem Arme. „Mein Herr läßt dich fragen/' sagte er keck zu Jephrem, indem er bas Tuch aufschlug und auf eine Pistole und Dolch wies, „ob dir die Waffen recht sind, — es soll dieß die Erbschaft Stanko's seyn." „Wir wollen sehen, ob sie gut sind," entgegnete Jephrem finster, — „wir muffen es versuchen." „Gut," sagte der Knabe, wickelte Pistolen und Handschar wieder in daü Tuch und entfernte sich. „Jephrem ist der Blutrache verfallen /' sagten sich die Nachbarn noch an demselben Tag; Iwans Knabe war bei ihm mit der Erbschaft. Don dieser Zeit an war der Frieden aus JephremS Brust gewichen, und er zitterte für seine geliebte Zaida; wenn er Morgens aufstand und Abends sich niederlegte, fürchtete er, sie möchte bis zum Abend oder Morgen eine Wittwe scpn; wenn irgend Etwas vor seiner Thüre raffelte, erschrack er und griff zur Waffe; viele Tage verließ er das HauS gar nicht; auch sah er Iwan häufig bewaffnet vorübergehen. Er war wie in fortwährender Fiebergluth, da er aus allen Kräften sich bemühte, die Ursache seines Treibens Zaida zu verbergen, damit sie nicht vor der Zeit erschrecke; aber dem liebenden Weibe entging der Kummer ihres Mannes nicht, sie schwieg jedoch, da sie wohl wußte, daß jede Frage nach der Ursache Jephrem sehr schmerzen würde. „EbliS stand auf der Schwelle von Montenegro, als ich sie überschritt, ich habe eü empfunden." So seufzte Zaida häufig, wenn sie Jephrem anblickte, der von Tag zu Tag mehr dahinschwand, und diese unaufhörliche Anspannung des Geistes hätte ihn auch sicher noch weggerafft, wenn nicht Alles plötzlich wieder eine andere Gestalt genommen hätte. t Der Wesir von Mostar verlangte von dem Wladika die Bestrafung der Mörder von Grahowo, der Wladika aber gab die in den Zeitschriften bekannt gewordene Antwort: „ich bin bereit, die Schuldigen zu bestrafen, wenn sich auch die Türken verbindlich machen, alle Diejenigen zu bestrafen, welche sich Räubereien gegen uns erlauben." Damit siel das Kricgslos, und der kaum beendete Kampf zwischen den Türken und Montenegri- nern brach von Neuem aus. „Weißt du schon," sagte eine dienstfertige Nachbarin zu Zaida, „daß Montenegro für dich gegen die Türken aufgcsianden ist? Ahmed siel bei Grahowo zur Zeit deiner Flucht und der Wesir hat den Montenegrinern den Krieg angekündigt." „Allah! Jesus! mein Vater!" schrie Zaida, und siog wie sinnlos zu ihrem Manne. „Wer hat meinen Vater getödtet?" fragte sic Jephrem wie außer sich. „Stanko," crwiederte dieser mit finsterem Blick. „Und dn?" rief Zaida lauter. „Ich bin der Blutrache verfallen, weil ich mich nicht bemühte, Stanko zu begraben." Zaida hörte nicht mehr, sie sank vor Jephrem zu Boden, und es dauerte lange ehe sie wieder zum Leben erwachte. „Mein Vater!" waren ihre ersten Worte; weiter sprach sie nicht, sondern umschlang Jephrem und weinte leise. Eine stille Trauer breitete sich über ihre Züge aus, und drang endlich in den Sitz ihres Lebens ein. Die Gewehre der Montenegriner erklangen immer häufiger und schneller auf ihren Grenzen; Einzelne griffen türkische Wohnungen an und trieben die Heerden fort nach Montenegro. Der Wesir von Mostar aber verwandte seine Zeit zu Vorbereitungen, denn er gedachte die Montenegriner dießmal ganz zu unterwerfen. Und in der That bedrohte vielleicht nie eine größere Gefahr den Berg, als eben jetzt, denn nicht nur hatte der Wesir selbst 16,000 Mann zum Kampf gegen die Montenegriner gerufen, sondern er zog auch den Pascha von Scutari mit 4000 Arnauten in sein Interesse. Aber der Wladika blieb gleichfalls nicht müßig, er rief den- ganzen Berg zum Kampf und besetzte alle dahin führenden Orte, er selbst aber stellte sich mit der Mehrzahl der Montenegriner in Umatsch und auf den Bergen von Grahowo ans, obgleich er sonach manche unterhalb der Berge liegende Dörfer den Türken überlassen mußte. „Jephrem soll mit den Freiwilligen Vranina *) ver- theidigen," ließ der Wladika dem Aeltesten der Gemeinde l Jephrems sagen, wohl wissend, daß Dieser an Tapferkeit und Umsicht die Andern übertreffe. Sobald sich in der Gemeinde das Gerücht verbreitete, daß Jephrem mit den Freiwilligen zur Ver- theidigung Vranina's ausziehe, begab sich Iwan zu ihm, nnd fand ihn gerade, als er Zaida zu bereden suchte, nicht mit ihm zu ziehen, denn sie wollte ihren Gatten durchaus an den ihm angewiesenen Kampfplatz begleiten, sobald sie aber Iwan erblickte, erschrack sie und deckte * die Brust ihres Mannes mit ihrem Körper, denn sie wußte zwar wohl, was die Blutrache bei den Montenegrinern zu bedeuten habe, aber ihr war unbekannt, daß alle Rache zur Zeit des Kampfes ruhen müsse. Iwan besprengte sich mit dem geweihten Wasser sprach den gewöhnlichen Gruß „gelobt sey Gott!" und trat dann in's Zimmer. „Der Türke waffnet sich gegen uns, Jephrem," sagte er, „darum soll Friede zwischen uns fepn, bis wir den Feind geschlagen haben." „Es sey so," sagte Jephrem, und ergriff die ihm dargereichte Hand. „Gehst du mit mir, Iwan?" „Ja! wann willst du auSzichen?" „Heute noch." „Gut; ich will mich rösten." Damit ging er fort. (Fortsetzung folgt.) *-) Eine Insel im See von Scutari, die damals nebst Lesen- tria von den Montenegrinern beseht war. 20 Verschiedenes. — Verflossenen Gründonnerstag, während die Herzogin von Orleans dem Gottesdienste in der Kapelle der Straße Chauchat beiwohnte, machte ein Mann, welcher den Umstehenden schon vorher durch sein sonderbares Benehmen aufgefallen war, drohende Bewegungen gegen die Prinzessin. Man suchte ihn zu entfernen, was jedoch erst nach heftiger Gegenwehr gelang, wobei ein Of- ficier aus dem Gefolge der Herzogin durch einen Dolchstich am Arme verwundet wurde. Bei der Untersuchung fand sich ein zweiter Dolch in seiner Tasche vor. Es hat sich hcrausgestellt, daß dieses Individuum ein der Polizei schon längst als irrsinnig bekannter Deutscher ist, aus dem Hannöver'schen gebürtig. — In Wien wurden Ende vorigen Monats nach Mitternacht auf dem hohen Markte die schönen von Donner verfertigten Statuen, die Vermählung „Maria und Joseph" vorstellend, welche mit trefflichen Bronce-Arbeiten verziert sind, auf eine erzürnende Weise ihrer schönen Verzierungen beraubt und selbst die, dieselben umgebenden, Laternen zerstört. Die Thäter hatten zuerst die auf beiden Seiten stehenden colossale» Gas-Candelaber erstiegen und das Gaslicht ausgelöscht. Diese religiöse und polizeiliche Profa- nation, denn man muß wissen, daß die Bildsäulen gerade dem Polizei-Haus gegenüber stehen, machte ein großes Aufsehen. Tausende strömten aus allen Vorstädten herbei, um den Schauplatz solcher nichtswürdigen Verstümmlungen und Zerstörungen zu sehen. Jedermann kommt dieser Raub und eine solche Verwüstung, zu welchen Stunden gehörten und welcher so zu sagen Angesichts der Polizei verübt wurde, unbegreiflich vor. Man hat bis heute noch eine Spur der Thäter. — Es thut wohl, zu sehen, welche Thcilnahme das wür- tembcrgischc Volk bei der Krankheit des geliebten Königs bewies. Als der Schwäbische Merkur die so gefährlich lautenden Nachrichten über die Krankheit Seiner Majestät auch auf den Schwarzwald brachte, beschloß eine Dorfgemeinde in ihrer Be- sorgniß um den König, eine eigene Deputation nach Stuttgart zu schicken, um Gewißheit zu erhalten, wie es „unscrm Wilhelm" gehe. Drei Bauern mit ihren Drcispitzern (den dreieckigen Hüten) gehen „auf" Stuttgart, gerade auf's Schloß los und der Thürhüter weist sie in das Zimmer, wo die neueste Nachricht zu lesen war. In der Vorhalle begegneten sie der Prinzessin von Oranien, welche sich zum Besuche bei ihren erhabene» Eltern aufhielt und während der Krankheit des königlichen Vaters nicht Wegreisen wollte. Die Prinzessin fragt die alten Bauern, was ihr Begehren scp? „Mir kommet vom Schwarzwald her, Junferle, um z'ersahre, wie's uu unscrm liebe König geht." Die Prinzessin versicherte, dem Könige gehe cs viel besser, und sic könnten getrost zu Hause erzählen, der „liebe König" scp außer Gefahr. „Weiß Sie's au g'wiß, Junferle?" fragte darauf der älteste Bauer ganz treuherzig. Freilich, erwicdertc die Kronprinzessin der Niederlande, ich bin ja seine Tochter. „Ha nu, jitz isch's reachj!" riefen die guten Landleute aus. „Deß wird ä Freud im Ort sep! Näcks für ungut, Junferle, un Gott bchüt's uns un de liebe König." Die Prinzessin, welche nur mit Mühe ihre Thränen über diese ungeheuchelte Treue und Liebe zu ihrem königlichen Vater unterdrücken konnte, reichte den Bauern die Hand, die sich sämmtlich mit kräftigem Händedrucke von ihr verabschiedeten und fröhlichen Muthes wieder nach ihrem Dorfe eilten. — Die Trierische Zeitung meldet, daß die Schwefelhölzchen- fabrik zu Belleville in Frankreich täglich 80 Klafter Holz brauche. — Man hat große Hoffnung, daß die traurigen Grenzwirren zwischen Braunschweig und Hanover gütlich ausgeglichen werden. Der Großherzog von Mecklenburg - Strclitz soll sich als Mittelsmann große Mühe geben. Zu gleicher Zeit schöpft mau neue Hoffnung für den Anschluß HanoverS an den deutschen Zollverein. Ein großer Theil der Einwohner des GrenzortcS Bodenburg hat die braunschweigische Regierung ersucht, ihnen Haus und Hof abzukaufen, da sie nach Amerika auswandcrn wollten. Die Regierung ging aber nicht auf diesen Vorschlag ein, sondern wieS ihnen Arbeit auf den Straßenbauten an und sorgte dafür, daß die Handwerker Arbeit und Verdienst bekamen. Ebenso hat Hanover seine Grenzbewohner, wo jetzt Handel und Wandel stockt, unterstützt. — Für die armen Weber in Schlesien hat der König von Preußen eine Unterstützung von 3 Millionen Thalern aus Staatsmitteln verwilligt. Die Sammlungen in Deutschland für dieselben sind allenthalben im Gang. — Auf die von dem Magistrat zu Leipzig cingereichte Beschwerde gegen die Geistlichkeit daselbst wegen Einführung des alten apostolischen Glaubensbekenntnisses hat das Ministerium verfügt, daß eS bis auf Weiteres beim neuen Rosenmüllerischcn Glauben verbleiben solle. Das Rescript traf am Tag vor der Con< firmation in Leipzig ei» und hat die aufgeregten Gemüther besänftigt. — Auf der Insel Sicilien stehen die Bäume in voller Blüthenpracht und erfüllen die Luft weithin mit Wohlgerüchen. Dcmungeachtet fühlen sich die Leute dort höchst unglücklich, da sie nichts zu leben haben und die Hungcrsnoth so hoch gestiegen ist, daß ganze Schaarcn wie Schatten einherwandcln und schon mehre Menschen Hungers gestorben sind. — Der alte Mehemed Ali läßt die Stadt Alerandrie» befestigen und man glaubt, daß er wieder init Kriegsgedanken umgehe. — Zu seinem Einzug in Wiesbaden, dessen Häuser mit Laubwerk, künstlichen Blumen und Teppichen reich geschmückt waren, wobei die russisch-naffauischen Fahnen von den Dächern wehten, hatte das Neuvermählte fürstliche Ehepaar kein freundliches Wetter. Die Festzüge fanden aber dennoch mit vieler Prackt statt. Das Volk brach in lauten Jubel aus, ais sich die Neuvermählten auf dem Schloßbalcon zeigten und freundlich grüßten. Von der Anmuth und Liebenswürdigkeit der jungen Herzogin weiß man sich viel zu erzählen. — In der preußischen Armee sind große Beförderungen vom Fähndrich bis hinauf zum General vorgenommen worden. Am meisten werden die Frauen über die neuen Titel und Mittel erfreut sepn. — Die Erzherzogin Marie Luise von Parma, Napoleons zweite Gemahlin, hat in ihrem Hcrzogthum Parma den Jesuitew orden wieder eingeführt und zur Gründung eines Jesuitenklosters in Parma die Erlaubniß gegeben. — Medicinische Anekdote. Ein berühmter Arzt berechnete sein Honorar gewöhnlich nach den Vermögensumstanven seiner Patienten und nach der Gefährlichkeit der Krankheit. Als er von einem mäßig wohlhabenden Manne, den er an einer leichten Krankheit behandelt hatte, 9 Fricdrichsd'or erhielt, sagte er: »Sie behalten bei mir gerade ein hitziges Nervenfieber zu Gute und können sich vorkommenden Falls an mich wenden." Ncdigirt und gedruckt unter Verantwortlichkeit der Ehr. Fr. Müller'schen Hofbuchhandlung.