Karlsruher Beobachter. Beiblatt zum Karlsruher Tagblatt. Nr. LV. Donnerstag den 15. August L8L4. Bilder aus Marokko. (Schluß.) 3. Maurische Heilige. Wir hatten kaum das Arsenal des Sultans verlassen, als wir einem abstoßenden, aber in Marokko nicht ungewöhnlichen Schauspiel begegneten; es war ein Blödsinniger, der hier für heilig gilt. Mit Ausnahme eines buntfarbigen Sacktuchs, welches ihm die Schultern und den Rücken bedeckte, war er so nackt wie am Tage seiner Geburt; sein Haar war lang und zottig, und sein Bart reichte bis zur Mitte der Brust; in der Hand trug er einen kurzen Speer mit metallenen Platten und Stückchen rothen Tuchs verziert. Als ihn unsere Begleiter wahrnahmen, stiegen sie vom Pferde, beugten sich vor ihm nieder und küßten ihm die Hand. Da ich nicht in so enge Berührung mit ihm zu kommen wünschte, so warf ich ihm eine kleine Geldmünzc hin, worauf das unglückliche Wesen einige Dankworte murmelte und dann, mit der Würde eines Pascha's auf mich zuschreitend, mich mit einer herablassenden Miene beim Kragen ergriff und mir in die Augen spuckte. Ich war mit den Sitten dieser Leute hinlänglich vertraut, um dieses kür ein großes Kompliment anzuerkennen; doch konnte ich mich uicht enthalten, ein saures Gesicht zu machen, und wollte eben wein Taschentuch hervorziehen, um den Unflaih abzuwischen, als wein Reisegefährte Mallem-Achmed ausrief: ,,O, gebcncdeiter Ra- sarenel Was Gott gegeben, muß der Mensch nicht auslöschen. Du wirst glücklich sepn — Sidi-Momoh, der Begeisterte, hat Dich ^ugcspeit. Du wirst glücklich sepn!" — Da es unnütz war, gegen Aberglauben anzukämpfen, so mußte ich den heiligen Speichel «»f meinem Gesichte trocknen lassen. Wahnsinnige oder Idioten werden in der Berberei mit allgemeiner Ehrfurcht betrachtet. Die Mauren behaupten, daß Gott die Vernunft dieser Wesen im Himmel zurückbehalten habe, während ihr Körper noch auf der Erde wohnt; wenn sie sprechen, so ist ihre Vernunft auf eine Weile zu ^nen wiedergekehrt, und ihre Worte müssen dann als Orakel geschätzt werden. Man läßt diese Unglücklichen im nacktem Zustande ^urch pjx Straßen paradiren, wo sie unvorsichtigen Europäern nicht klten gefährlich werden. Ein französischer General-Konsul wurde 1)01 einigen Jahren beinahe durch einen solchen Heiligen umgebracht, ^ im Jahre 1830 entrann ich selbst mit genauer Roth diesem Schicksal. Ich ging zufällig mit meiner Schwester am Meeresufcr den Wällen von Tanger spazieren, als ich etwa 70 bis 80 Uen von uns einen wild aussehenden Menschen erblickte, dessen Laustes Haar ihn als einen Marabut bezeichnete und der mit ^ n . et langen Flinte nach mir zielte. Wir waren gerade in der eines FelsenS, hinter dem wir Schutz suchten und wo wir Zeitlang in der Hoffnung verweilten, daß der Wahnsinnige die Geduld verlieren und sich entfernen würde — aber er blieb unbeweglich, und die Vorübergehenden, die ich um Hülfe ansprach, schüttelten den Kopf, brummten etwas von Sidi-Tayeb (so hieß nämlich der Heilige) und gingen ihres Weges. Unterdeffen war die Fluth im Steigen begriffen, und es blieb uns bald nur die unangenehme Wahl, zu ertrinken oder erschossen zu werden. Wir zogen es vor, das Letztere zu wagen, und während also meine Schwester in einer andern Richtung wegeilte, schritt ich gegen ihn vor, um seine Aufmerksamkeit von ihr abzulenken. Der Wahnsinnige zielte und gab Feuer, und ich hörte die Kugel hinter mir ins Wasser zischen. Ich wollte sodann einen Pfad Hinauftennen, der nach dem Theil des Stadtwalles führte, wo er stationkrt war; da ich jedoch bemerkte, daß er seine Flinte von neuem lud, so hielt ich es für das Beste, einen zweiten Schuß in solcher Nähe nicht abzuwartcn, sondern meiner Schwester zu folgen. Ich ergriff daher die Flucht und war bald außer seinem Bereich. Die Entweichung der Gefangenen aus dem Ponton. Unter die Thaten, welche zu den kühnsten während des französischen Kaiserreichs gehören, ist ohne Zweifel die Entweichungsgeschichte des Kapitäns Franpois Joseph Hcnon, aus St. Lunaire einem kleinen Flecken bei St. Malo, zu zählen. Der junge Henon, früh mit der gefahrvollen Schifffahrt an der Bretagne vertraut, war zum Range eines zweiten Obersteuermannes gelangt und befand sich in dieser Eigenschaft am Bord der Fregatte "Präsident", als dieselbe im Jahre 1806 einem englischen Geschwader in die Hände fiel. Es erfolgte ein heftiger Kampf; allein das französische Schiff mußte der Uebermacht weichen, und seine Mannschaft ward nach Plymouth gesandt, in das Mill-Ge- fLngniß, einen schrecklichen Aufenthaltsort nahe bei der Citadelle. Seit drei Jahren schmachtete Franpois Henon hinter den englischen Riegeln, und jeder Tag bewirkte, daß die Sehnsucht nach Frankreich mit größerer Stärke in ihm erwachte. Er theilte drei gleich muthigen Leuten seinen Plan zur Flucht mit, und derselbe ward, trotz der drohenden Gefahr, mit Enthusiasmus von ihnen ausgenommen. Diesen energischen Menschen galten Freiheit und Unabhängigkeit über Alles. Inmitten einer dunkeln Nacht tquschten sie die Wachsamkeit der Soldaten, überwanden alle Hindernisse und befanden sich bald auf freiem Felde. Nachdem sie auf's Geradewohl umhergeirrt waren, erreichten sie unter dem Schutze der Dunkelheit eine der Buchten des Cat Water und legten sich auf's Schwimmen, um 170 sich eines kleinen BooteS zu bemächtigen. Obgleich der Kahn nur sehr klein war, trugen sie doch kein Bedenken, sich mit demselben auf die offene See hinaus zu wagen. Sie waren jeder bewaffnet mit einem Dolch, den sie selbst gearbeitet hatten, und entschlossen, das erste beste Schiff zu entern, welches ihnen begegnen würde. Siegen oder sterben! war ihre Parole, während sie mit Muth fortruderten. Beim Aufgang der Sonne befanden sich Henon und seine Gefährten zwei Meilen entfernt von Wepmvuth auf offenem Meer und beschauten den Horizont, als plötzlich der Wind, welcher aus Westen geweht hatte, nach Südwest übersprang und mit großer Gewalt brauste. Die Muthigen kämpften gegen diese Brise, welche die Wellen peitschte, an; aber alle ihre Anstrengungen erwiesen sich als unnütz, als der Sturm losbrach: das Boot ward auf ein Felsenriff getrieben und zerschellte daselbst. Die Engländer, welche in jener Gegend wohnten, unterließen nicht, den armen Schiffbrüchigen Hülfe zu Theil werden zu lassen; nachdem sie aber erkannt hatten, daß es Franzosen sepen, blieben sie mitleidslos. Kaum konnten die Flüchtlinge wieder gehen, so überlieferten sie dieselben dem Kommiffarius der Gefängnisse, welcher ihnen den Lohn für ihren Fang auszahlte. Dieser unerbittliche Mann verurtheilte jeden der fünf Gefangenen zu vierzig Tagen Cachot am Bord des „ Genercur", welcher zwei Meilen in südwestlicher Richtung von Mill Prison entfernt vor Anker lag, auf dem Fluß Tamer- Dort erhielten sie ein halbes Jahr lang nur halbe Rationen, deren andere Hälfte zum Vortheil des Schiffs- eigenthümers verkauft wurde. Einige Zeit darauf versuchte Henon abermals die Flucht; allein der Versuch mißlang und zog ihm eine neue schreckliche Züchtigung zu. Dennoch vereinigte sich Henon, angetrieben von dem Instinkt der Freiheit, welcher dem Gefangenen einen Muth gibt, der selbst Todesgefahren Trotz bietet, wiederum mit sieben eben so entschlossenen Gefangenen, als er selbst war, und versuchte zum drittenmal, seine Ketten zu sprengen. Entschlossen, allen Gefahren Trotz zu bieten, machten diese Tapfern stch schnell au die Arbeit, um die Befreiung zu beschleunigen. Nach unglaublichen Anstrengungen und seltener Ausdauer gelang es ihnen, die dicke Mauer des Ponton zu durchbrechen. Die Vorsicht, welche sie anwendeten, um die Fortschritte der Arbeit zu verbergen, war wahrhaft scharfsinnig, so daß die Engländer, trotz der genauesten Aufmerksamkeit, nichts bemerkten. Am 23. Juni 1810, Abends, beredeten die acht Gefangenen sich, den Gcnereur zu verlassen, und jeder von ihnen versah sich zu diesem Endzweck mit einem Sack, weicher so fest zugemacht war, daß kein Wasser eindringen konnte, der Sack enthielt ein Nothsegel und einen Dolch. Henon hatte außerdem noch eine kleine Magnetnadel darin, welche er selbst angefertigt, und die dazu dienen sollte, das abentheuerliche Häustei» über den Ozean zu geleiten. Um 11 Uhr, als die Dunkelheit vollständig war auf den Gewässern des Tamer, enthüllten die Kühnen das Loch, welches sie in den Planken des Genercur gemacht hatten, trotzten den Kugeln der Schildwachen und den schrecklichen Züchtigungen, welche ihrer warteten, und ließen sich Einer nach dem Andern leise.in den Fluß hinab, um schwimmend Carbell Point zu erreichen, auf dem rechten Ufer, gegenüber King's Dock. Dort befanden sich ihrer nur acht; denn kein anderer von den 800 Gefangenen hatte gewagt, ihre Kühnheit nachzuahmen. Sie fanden wohl mehrere Kähne; allein allen fehlte das, was Noth ist, um sie zu lenken. Ihre Verlegenheit war nun sehr groß, als Henon und Denechaut von Nantes einen Bauhof in der Nähe bemerkten; von da nahmen sie einige Holzstücke, welche ihnen die fehlenden Zinder ersetzten. Degarabi und Jacques Brulon kamen ihnen zu Hülfe, und mit den so eingerichteten Rudern begaben sic sich zu den Kähnen. Ihre Wahl fiel auf das leichteste Boot, das sich dort befand, sie setzten eS aus und ruderten alle acht, um ein passendes Schiß aufzusuchen. Eingehüllt in die Schatten der Nacht, konnte das Boot, ohne bemerkt zu werden, mehrere Fahrzeuge, welche vor Anker lagen, untersuchen, und die Flüchtlinge sahen, daß cö alle Fregatten oder Kriegsschiffe waren. Indem sie ihre Untersuchungen weiter fortsetzten, entdeckten sic einen Kutter von 40 bis 50 Tonnen; es war die „Union", mit Pulver beladen. Aus dem Ansehen des Schiffs glaubten sic zu schließen, daß es eins der Spionirschiffe des Geschwaders oderein Zollschiff sep, weßhalb sie zuerst Bedenken trugen, es anzugreifcn. Da sie indessen aus seinen Dimensionen schlossen, daß die Mannschaft desselben nicht stärker als dreißig Mann sepn könne, so glaubten sie, es entern zu können. Augenblicklich bereiteten sic ihre Dolche für diese Sache vor und steuerten auf den Engländer zu, indem jeder einen bestimmten Platz bei diesem nächtlichen Abentheuer einnahm. Ihre Parole war: Freiheit und Vaterland! So gerüstet, machten sie einen Angriff auf den Kutter, entschlossen, zu siegen. Als sie auf das Deck gelangten, bemerkten sie mit Ueber- raschung, daß der Kutter nicht bemannt sep. Ein Mann nur hattc die Wache auf demselben; der Kapitän und die Matrosen brachten die Nacht auf dem festen Lande zu, um Vorräthe für den regel« mäßigen Dienst des Schiffes, welcher nicht länger als achtundvierzig Stunden dauerte, von dort mitzubringen. Es war erst 1 Uhr Morgens, und die kühnen Franzosen konnten sich nicht segelfertig machen, bevor das Admiralschiff den gewöhnlichen Sigualschuß gegeben hatte. Indem sie darauf war teten, hatten sie den Gefangenen in die Kajüte treten lassen, wo zwei Mau» ihn bewachten und drohten, ihn zu ermorden, wenn er einen Laut, der sie vcrrathen könne, von sich gäbe. Um 2 Uhr, beim ersten Schein des neuen Tages, ertönte der Signalschuß aiN Bord des Admiralschiffes, und die Echo's der Umgebungen gäbe» den Ton zurück. Da nun das Umherfahrcn auf der Rhede unr im Hafen erlaubt war, so schnitten unsere Abenteurer das Kabel' tau der Union ab, um schnell in das Meer hinaus zu steuern, wobei ihnen eine frische Brise, welche in die Segel wehte, gut z» Statten kam. Allein welcher Geistesgegenwart hatte es bedurft, um so web mit dieser Unternehmung zu gelangen! Jetzt inußten sie sich auo der Mitte des Hafens von Plpmouth entfernen, vor dem sie während ihrer Gefangenschaft nur eine Partie, „der Sound" genannt, und auch diese nur unvollständig hatten kennen lernen; sie mußtet an den Kriegsschiffen vorbeifahrcn, welche auf der ganzen Streckc hin lagen, unv klug durch die Schiffe hindurch laviren, welche bereits unter Segel gegangen waren, um ins Meer hinaus zu foi' ren. Und sie thaten dies Alles. Dennoch fühlten sie ihre Herze» bedrückt, als sie bei dem Mill Prison vorbcikamen, diesem feuchte» Kerker, wo ihre Genossen noch hinter englischen Riegeln seufzte»- Henon hatte den Befehl der Union übernommen, und M't Hülfe der kleinen Bouffole, welche er mit fast wunderbarer Dov sicht mitgenommen hatte, konnte er des Schiffes Lauf bestimmen, denn auf dem Kutter, welcher nur von Tamer nach Plpmouth J» fahren pflegte, fanden sich weder ein Kompaß noch sonstige Ute» silien vor. Der Wind, welcher fortwährend nördlich blies, bc wirkte, daß die Union reißend schnell den Raum zwischen Plpmoub und der brctagnischen Küste zurücklegte. In der That sorgte Hc non für Alles und verabsäumte keine Veränderung der Atmosphäre welche des Schiffes Schnelligkeit förderlich sein konnte. Die klein Mannschaft war fast ganz ausgehungert; auf dem Schiffe hatte sich keine Nahrungsmittel gefunden, und man suchte deßwegen schnell als möglich eine befreundete Insel zu erreichen. 171 ben sie icfantr Schiff tc das he vor :S alle kten sic ', mit sie zu Der ein reifen, -iß die könne, ten sic länder Aben- >! So en, zu Heber hatte achten rege!' ckvier nzofeni ff den ' war >, wo wenn : Uhr, iß ai» gaben e mir Habel' cuetn, tut zu i weil h ano mV rannt, mßtcn »trecke je bc- i sah' >erzcn achte» ifzte»' » ntt* Dov; imen, uh z» Ute»' , be- nont» chäre. kleine >atte» en so Henou's Thätigkeit hatte einen so guten Erfolg, daß am sollenden Tage die Union so nahe bei den Felsen war, welche die 3nsel Bas begrenzen, daß kein Feind mehr das Landen hindern sonnte. Dieß war um so nöthiger, als nur eine Stunde entfernt sich eines der tüchtigsten Fahrzeuge befand, welche man zur Verfolgung Nachgesandt hatte. Henon, am Steuerruder stehend, wollte von der Westseite in den Hasen einsahren; allein dort warteten der Muthigen neueGe- sahren, und sie wären beinahe am Ende ihrer Unternehmung noch umgekommen. Sie inußten eine Flagge aufziehen und hatten nur die englische an Bord. Sobald dieselbe gesehen wurde, fingen die Batterien der Küste an zu spielen. Trotz des Kugelregens leitete jedoch Henon den Kutter in den Hasen hinein. Die Artilleristen, welchen diese Entschlossenheit imponirte, meinten, daß wohl ein anderer Grund vorhanden sein müsse, weßhalb das unbedeutende Fahrzeug, von dem sie nichts zu fürchten hätten, so muthig in den Hasen hineinsteuerte. Sie hörten aus zu schießen, und ein bretagne'- scher Lootse wagte sich an Bord der Union. Nun klärte sich die Sache aus, und der Kutter lies mit der Fluth in den kleinen Hasen Roseoff ein, woselbst die acht Flüchtlinge ein langes Verhör zu bestehen hattea. Zedensalls hatte ihre kühne Flucht ihnen die langersehnte Freiheit wieder verschaff., und die Wegnahme der Union machte in England das größte Aussehen. Tout comme cltez iious! Wo wird es in dieser Hauptstadt der Fortschritte mit dem Lurus der Laden enden? fragte der bekannte ftanzösische Schrift-, stellen Th. Muret in einem jüngst durch die Quotidienne publizir- ten Artikel, und führt dann folgenden Dialog ein, der auch auf andere Städte als Paris anzuwenden sepn dürste. „Laden? es giebt keine Laden mehr: das ist eine gemeine, unedle, veraltete Benennung. „Aber wie nennt man denn die Orte, wo im Kleinen verkauft wird? Nun, uni mit dem Pariser Handel nicht in Streit zu kommen, will ich es mit der Definition nicht so haarscharf nehmen, und so möge es denn meinetwegen Magazin heißen. — Es gibt auch keine Magazine mehr: nur Salons, Gale- rieen. Der erste beste Hutmacher probirt Ihnen einen seidenen Deckel zu sechszehn Franken in einem Locale an, das mit Bronzen, eleganten Tapezirungen geschmückt, mit Springsederseffeln und Sopha's vom ersten Geschmack möblirt ist. Die Kneipen heißen jetzt Divans, und ein Gewürzlrämer titulirt sich Kaufmann in Cvlonialwaaren, in welche Colvnialwaaren übrigens Talglichter, Korke, Bindfaden und Knicker mit einbegriffen sind. Die Modehändler haben permanente Ausstellungen, wie sie lagen, welche die von Carrö Marigny ersetzen sollen. Wer einen Streifen Cattun kaufen will, der wird in eine Art von Palast ein- gesührt, wo sich der geblendete Blick verliert; und was die Em- dlvyes solcher Häuser betrifft, so kann man sie gar leicht für die ersten Tonangeber oder Löwen des Jockeiclubs halten, die statt ber Reitpeitsche die Meß-Elle in die Hand genommen haben. „Die Emplopes? Sie meinen wohl die Commis? „Commis? Psui! Emplopes klingt der Clientöle gegenüber ungleich besser. „Bei uns in der Provinz haben nur vie Advokaten Clientöle und Clienten, die Krämer aber Kunden. — Ei, hüten Sie sich, nicht ausgezischt zu werden! „Hält denn aber bei all diesen Vervollkommnungen auch die Qualität der Waaren gleichen Schritt? — Sie wollen aber auch gar zu viel wissen. Nun, man führt Sie in Galerien ein, die eines Prinzen würdig sind, wo Sie die Wunder der Baukunst anstaunen können: wie könnte es Ihnen da wohl einfallen, zu fragen, ob die Zeuge auch acht gefärbt sind, der Wolle keine Baumwolle beigemischt ist? Wie klein wäre dies Angesichts solcher Größe! Es sollte uns nicht sehr Wunder nehmen, daß, wenn die immensen Bauten in den elpsäischen Feldern erst beendigt sind, irgend eine Modehandlung sie für sich allein in Beschlag nehme. Einstweilen will ich in Betreff eines der Etablissements von colossalem Umfange einen Zug der heutigen Handelssitte mittheilen, wie man ihn sich hier erzählt. Jüngst hat sich in einer der Hauptstraßen im Mittelpunkte von Paris eine Modehandlung aus großem Fuße einer ähnlichen Handlung, die das nec plus ultra im ppramidalischen Genre erreicht zu haben glaubte, fast gerade gegenüber etablirt. Neben dem neu geschaffenen oder vielmehr neu restaurirten Magazin — denn es war dort früher schon eins, nur in einem minder Anspruch machenden Maststabe — wohnt ein Mühenhändler, der im Besitz der Straßenecke ist. Nach dieser Ecke nun gelüstete dem großen Magazin, um nach zwei Straßen hin eine riesige Fronte zu entwickeln und so den Concurrenten auszustechen. Der Mützenhändler hatte sein Local noch aus süns Jahre in Packt, und es wurde ihm, wenn er es bis dahin abtreten wollte, ein Avance von 30,000 Fr. dafür geboten. DaS war schon ein Profit, der Beachtung verdiente! Aber während der Verhandlung hatte der rivalisirende Nachbar davon Wind bekommen, und dieser bot dem Mützenhändler nun gar 40,000 Fr. und die Besugniß, zu bleiben, obendrein. Daß er diesem Gebot den Vorzug gab, und seine lukrative Straßenecke segnete, braucht wohl nicht erst betheuert zu werden? Ist das nicht ein schönes Ideal der Concurrenz? Ha Ihr Kaufleute alten Schlages, die Ihr in Eurem bescheidenen Laden, hinten Eurem Eichenpulte, ohne Bronze, ohne Vergoldung, ohne Seidendraperieen alt geworden seyd, Fortschritte wie diese habt Ihr Euch nie träumen lassen! Wir wollen aber auch noch hinzusctzen, daß dieser übel angebrachte Lurus, diese lächerliche Sucht, anders und größer zu erscheinen, diese den Untergang bringenden Thorheiten nicht bei allen Kausleuten, selbst zu Paris nicht, Eingang gesunden haben. Es gibt deren noch, die es nicht vergessen haben, daß das kaufmännische Gewerbe früher all der Achtung genoß, die ehrenwerthen Arbeitern zukömmt, und dies ohne CharlatanismuS, ohne eitlen Schein, blos wegen ihres Rufes der Rechtschaffenheit, unter dem Schuhe von Institutionen, welche den guten Aus Aller und eines Jeden bewahrten. Der Käufer fuhr nicht übel bei dieser Einfachheit, und der Verkäufer auch nicht, wenn er seine Rechnungen abschloß. Man bemerke noch, daß solche kolossale und phänomenische Häuser, die von den Cashemirshawls ab bis zu den Regenschirmen herunter Alles seil bieten und in ihren ungeheuren Magazinen zwanzig verschiedene Speoialitäten anhäusen, durch solches Ansichreißen den kleinen Handel erdrücken und tödten. Immer die ausquetschende Centralisation, immer das Verschlingen der Kleinen durch die Großen — der höchste Ausdruck unsrer — Mustergesell schast! 172 Verschiedenes. — Berlin, den 9. August. Die hiesigen Zeitungen enthalten heute nachstehende königliche Danksagung: „Ich kann den vaterländischen Boden nicht, wenn auch nur auf kurze Zeit, verlassen, ohne öffentlich den tiefgefühlten Dank in meinem und der Königin Na- men auszusprechen, von dem unser Herz bewegt ist. Er ist durch die unzähligen mündlichen und schriftlichen Beweise der Liebe zu uns erzeugt worden, die das Attentat vom 26. Juli hervorgerufen hat — der Liebe, die uns im Augenblick des Verbrechens selbst entgegenjauchzte, als die Hand des Allmächtigen das tödtliche Ge- schoß von meiner Brust zu Boden geworfen hatte. Im Aufblick zu dem göttlichen Erretter gehe ich mit frischem Muthe an mein Tagewerk, Begonnenes zu vollenden, Vorbereitetes auszuführen, das Böse mit neuer Sicgesgcwißheit zu bekämpfen und meinem Volke das zu fein, was mein hoher Beruf mir auflegt und meines Volkes Liebe verdient- Erdmannsdorf, den 5. August 1844. (gez.) Friedrich Wilhelm." — In den meisten Gegenden unseres Landes wurde die Korn- und Waizenerndte glücklich eingebracht, obschon die Witterung nicht eben sehr günstig und beständig war. Auch versichern die Landleute, daß die Feldfrüchte in Bezug auf Güte und Schwere seit vielen Jahren nicht so gut gerathen wären. — Sehr erfreulich ist es gerade dieses Jahr, daß die Aussichten auf die Kartoffelerndte überall gut und daß so auch die ärmsten Länder gesichert sind. — Die Weserzeitung behauptet steif und fest, das Herzogthum Braun schweig werde mit dem Neujahr 1845 wieder aus dem deutschen Zollverein austretcn und sich wie früher an Hanover an- schließcn, da keine Aussicht auf den Anschluß von Hanover sey und so Braunschweig seinem Ruin entgegen gehe. — In der Stadt Sch wetz an der Weichsel haben dieFluthen gleichfalls große Verwüstungen angerichtet. — Zwischen Belgien und England ist eine neue Postconvention abgeschlossen und das Briefporto auf die Hälfte herabgesetzt worden. Die Journale und Zeitungen zahlen nur 5 Centimes. — Die englische Regierung hat sich entschlossen, 500 Pf. Sterl. zu bewilligen, damit der Capitän Warner noch einen Versuch mit seiner Zerstörungsmaschine machen könnte. Warner aber findet die Summe viel zu klein, um damit etwas Tüchtiges zu zerstören. — Der neue Statthalter von Irland, Lord Heytesbury, ist in Dublin angelangt und von dem Lordmayor O'Brien, einem eifrigen Repealer, empfangen worden. Noch che der Lord an's Stadtthor kam, hatte er es schon vielen Leuten nicht recht gemacht. — Man hofft, nun bald außer dem Mann im Mond auch dessen Kinder und HauSthiere sehen zu können. In einigen Wochen ist das RiescnteleSkop fertig, das der Graf Rosse in England auf seinem Landsitze Bir r Castle gefertigt hat. ES hat eine Länge von 50 Fuß, einen Durchmesser von 8 Fuß und hängt zwischen zwei starken Mauern. Es ist das größte auf Erden. — In Spanien will man abermals eine Verschwörung zum Umsturz des Königthrons entdeckt haben. Alle Truppen in Madrid mußten plötzlich aufmarschiren, alle Läden wurden geschloffen und man fürchtete der Welt Untergang. Bis jetzt aber steht sie noch ruhig und die Truppen haben sich wieder still nach Haus begeben. Man traut den Soldaten selbst nicht recht. — In Nordamerika hat das Austreten des Missisippi weithin den Erndtesegen zerstört und auch den Viehheerden großen Schaden zugefügt. Auch der wilde Missouri ist aus feinem Bett getreten und hat weit und breit Felder und Wälder durch- fluthct. Er hatte die Höhe von 25 Fuß erreicht und man fuhr mit Dampfschiffen auf den Fluthen umher- Biele Häuser mit Hab und Gut sind zu Grund gegangen. — Ein chinesisches Kunstwerk. Die französische Akademie hat in der Sitzung vom 22 Juli ein chinesisches Kunststück besprochen, ohne es bis jetzt genügend erklären zu können. Es ist dieß ein Metallspiegel, auf dessen Hinterseite chinesische Sprüche stehen; das Merkwürdigste ist aber, daß diese auf dem Rücken des Spiegels ringrgrabenen Buchstaben sich in dem Bilde reproduciren, das die Vorderseite gegen den Plafond wirst- — Die Kirgisen treiben ihren Handel in Orenburg. Kommt einer mit seinem Vieh auf den Markt, so stürzt alsobald ein Haufe russischer Krämer und Dolmetscher auf ihn los. Man reißt ihn vom Pferde, man zieht an Armen und Beinen ihn fort. Jeder will ihn in seine Bude schleppen. Diese Zudringlichkeit gefällt dem Kirgisen, er läßt sich aber nichts merken, sondern bestimmt sich maschinenmäßig für die Bude dessen, der ihn am stärksten zieht. Der Kaufmann kramt nun alles, was er hat, aus, um einen Tauschhandel anzuknüpfen. Der Kirgise spricht kein Wort und betrachtet alles mit Gleichgültigkeit. Es wird Branrtwein gebracht, man trinkt, man umarmt sich, alles umsonst. Endlich, wenn der Krämer meint, der günstige Augenblick sei gekommen, so ergreift er den Kankruk des Kirgisen und zählt ihm aus allen Kräften ein Dutzend derbe Schläge auf. Nun entrunzelt sich dessen Stirn, er lächelt freundlich und der Kauf wird geschloffen, wobei er natürlich den Kürzern zieht- — Ein Zeichen des Reichthums und Ansehens bei den Chinesen sind lange Nägel und Zöpfe- Die holländische Regierung auf Java hat dieses nicht außer Acht gelassen und auf beide eine ansehnliche Steuer gelegt. Je länger sie ein Chinese tragen will, desto mehr zahlt er davon. Es ist ein ordentlicher Tarif darüber vorhanden, auch finden von Zeit zu Zeit die nöthigen Messungen statt. Man muß gestehen, daß solche Abgaben die allerbilligsten sind. Machten es unsre Regierungen auch so mit den Bärte»! — Die G old- und Silbergeschirre im Schloß von Windsor werden auf nicht weniger als 2 Millionen Pfv. Sterl- (24,000,000 Gulden) an Werth angeschlagen. * E p i g r amin auf eine eitle Frau. Ach lieber Mann, was seh' ich hier, Du kriegst schon weiße Haare! Ja, liebe Frau, dieß dank ich dir, Nicht meinem Altersjahre! Redigirt und gedruckt unter Verantwortlichkeit der Chr. Fr. Müller'schen Hofbuchhandlung.