Karlsruher Beobachter. Beiblatt zum Karlsruher Tagblatt. Nr. LS Donnerstag den 22. August L8LL i Götzenbergers erstes Freskogemälde in der Trinkhalle zu Baden. DaS erste Gemälde des trefflichen FreSkomalerS ist vollendet, seiner Umhüllung entkleidet, und eS ist nun dem Publikum gestattet, das Werk zu beschauen und sein Urtheil darüber abzugeben. Daß dies äußerst verschieden auSfallen werde, ist gewiß, denn der Kritiker sind so viele, der wahren Kenner aber so wenige. Götzenberger hat seine Aufgabe trefflich gelöst, und sie war schwierig in hohem Grade. Der Ruf, der ihm vvrangegangen, die Schwierigkeiten, die sich ihm entgegengestellt, hatten die Erwartungen hoch gespannt, die ansgestellten CartonS hatten sie »och gesteigert, aber der Meister des Werkes hat in der Ausführung sie alle weit - überflügelt, und ist er in der Komposition uud Zeichnung ausgezeichnet, so ist er im Colorit unübertrefflich. Der Gegenstand des ersten Freskogemäldes ist die Sage vom Mummelsee. Bekanntlich liegt dieser tiefe, unergründete Bergsee in einem tiefen Felsenkeffel am Abhange der HorniSgründe, in äußerst wilder, schauerlicher Umgebung, und manchfach sind die Sagen, die von ihm in der Umgegend von Mund zu Mund gehen. Tr soll von dem Geschlecht der Undinen bewohnt sepn, und wunderschöne Seefräulein beherbergen. Allnächtlich steigen sie empor zu der Oberfläche der dunkeln Gewässer, schlingen beim Klange der Instrumenten den lieblichen Reigen, und eilen mit der Spindel den nächsten Wohnungen zu, den Abend bei Gespräch und Arbeit im Kreise der Waldbewohner zu verbringen. Aber das Krähen des Hahns, das den nahenden Morgen verkündet, r°ft sie alle unausbleiblich zurück in ihr unterirdisches Reich. Wehe der Säumigen, welche die Strahlen der ^onne noch auf der Oberwelt träfen. Den Moment ^S morgentlichen Aufbruchs zur Heimkehr hat Götzen- ^erger für sein Gemälde gewählt, und ihn äußerst glück« aufgefaßt. Der Tag bricht an, und die nächtlichen Sterne rulfliehen beim ersten Aufflammen der morgentlichen Tluth im Osten, während noch der Nachtnebel theilweise ^r dem Gewässer und den Schluchten schwebt. Auf unserm Bilde ist aber »och alles voll Leben. Die fleißigen Spinnerinnen eilen nach vollendeter Arbeit flüchtigen Fuße» dem heimischen See zu, in diesem aber schaue» wir eine reizende Gruppe blühender Undinen, die sich beim geschlungenen Reigen im Geschaukel der Wogen verspätet haben, und beim Schalle der Rohrflöte und des Tamburins nicht gewahren, wie der grämliche, graue Wafferkönig aus der Tiefe emportancht und die Säumigen zur Heimkehr mahnt. Nur eine, aufmerksamer als die übrigen, hat de« Zürnenden erschaut, und die Tänzerinnen gewarnt, und schon entsinkt die Flöte der gewandten Hand der musikkundigen Nymphe. Die Undinen sind aber alle jugendliche, schlanke, ätherische Gestalten, alle mit den lieblichsten GesichtSzüge». Wie haben sie so ungezwungen und doch so lieblich die Hände verschlungen, und genießen so ganz ohne Rückhalt die Lust des Tanzes, nicht ahnend der unwillkommenen Störung, während in den Zügen der Warnerin ängstliche Sorge sich malt, und die Flötenspielerin eilig zur Heimkehr sich schürzt. Man darf nur einen Blick auf das Bild werfen, um die ganze Bedeutung desselben zu erkennen, und dies halten wir neben der gelungenen Zeichnung und der reizende» Gruppirung für eine» Hauptvorzug der Komposition. Was die Ausführung weiter betrifft, so ist das Colorit, neben möglichst getreuer Wahrheit, eben so brillant als effektvoll, und das Ganze verschmilzt zu der vollkommensten Harmonie. Da ist kein Haschen nach Effekt da ist kein greller Ton, um daS Auge des Beschauers zu täusche». Mit einem Worte, in dem lebendig warmen Colorit, besonders in der Caroation dürfte die neuere Freskomalerei nichts Trefflicheres aufzuweisen haben. Und der herrlichen Carnation der zierlich gerundeten Glieder schmiegt sich der schön gedachte, treffliche Faltenwurf der Gewänder so fließend an, während die schwierige Vertheilung deS Lichts bei dem anbrrchen» den Morgen in hohem Grade gelungen ist, und für das ganze Bild die vortheilhafteste Wirkung hervorbringt. ' (A. B. Z.) 180 Eröffnung der ersten deutschen Gewerbe- Äusftettung. Am 15. August ist in Berlin die erste deutsche Gewedbe-Aus- stcllung eröffnet worden. Es geschah zufällig am Geburtstage Napoleon's, der durch sein gewaltsames, unter dem Namen Kon- tinental-Spstem bekanntes Verfahren gegen England einen indirekten Antheil an der größeren Ausbreitung der deutschen Industrie hatte, so daß der 15. August auch für letztere eine gewisse Bedeutung hat. Einst wurde dieser Tag fast in ganz Europa gefeiert; möge er diesmal für Deutschland von nachhaltigerer tiefer Bedeutung sein! Erwägt man, daß zur ersten französischen Gewerbe- Ausstellung im Jahre 1798 nur 110 Fabrikanten Arbeiten geliefert hatten, und daß erst im Jahre 1839 die Zahl der Ersteren auf mehr als 3000 gewachsen war, so wird man es gewiß als ein vielverheißendes Resultat ansehen, daß schon die erste deutsche Gewerbe-Ausstellung von nahe an dreittausend Industriellen beschickt worden. Preußen hat dazu freilich das Meiste geliefert, aber auch die übrige» und selbst d>e zum Zollverein nicht gehörenden deutschen Staaten sind nicht zurückgeblieben. In dem Katalog, so weit er bis jetzt gedruckt ist, sind 1913 Ausstellende aufgcführt, und mehr als Tausend haben nachträglich ihre Arbeiten emgesandt, die zum Theil noch gar nicht aufgestellt und daher auch noch nicht katalogisirt sind. Es ist zu bewundern, wie die Ausstellungs-Kommission mit ihren acht Abtheilungen in den wenigen Monaten, die ihr zur Vorbereitung und Einrichtung des Ganzen gegeben waren, dasselbe auch nur in seiner jetzigen noch nicht vollendeten Gestalt hat Herstellen können. Wer die letzte Gewerbe-Ausstellung in Paris gesehen, versichert, daß die hiesige, obwohl ihr natürlich an Großartigkeit nachstehend, doch ihr an gefälliger Form ul>v geschmackvoller Aufstellung nichts nachgiebt, wenn sie dieselbe an Einheit des Planes nicht noch übertriffi. Herr Hiltl ist in diesen Stücken ein echter, nicht leicht zu übertreffenver Künstler, doch sind ihm dabei freilich die herrlichen architektonischen Räume des Zeughauses, dieses Meisterwerk des alten Schlüter, sehr zu Statten gekommen- Legen wir ven Katalog, so weit er bis jetzt gedruckt, bei einer vorläufigen Betrachtung der ausgelegten Gegenstände zum Grunde, so finden wir, daß von den 1913 ver.zeichneten Ausstellern 1315 dem Königreich Preußen (wobei 516 auS Berlin) 116 dem Königreich Bayern, 103 dem Königreich Würtembcrg, 8dem Großherzogthum Baden, 77 dem Königreich Sachsen, 29 dem thüringischen Staatenvereine, 11 dem Fürstenthum Schwarz, bürg - Rudolstadt, 14 dem Hcrzogthum Braunschwcig, 10 den anhaltischen Herzogthümern, 48 dem Kurfürsienthum Hessen, 7 dem Großherzogthum Hessen, 8 dem Herzogthum Nassau, 7 der freien Stadt Frankfurt, 7 dem Fürstenthum Lippe-Detmold und 2 dem oidenburgischen Fürstenthum Bir- kcnfeld angehörcn, so daß hier aus dem Zollverein im Ganzen 1762 Ausstellende aufgeführt sind. Von den nicht zum Vereine gehörenden Staaten zählen in diesem ersten Theile des Katalogs Oesterreich 42 (worunter 19 in Wien), Hannover 25, Oldenburg 5, Lippe-Schaumburg 1, Mecklenburg 21 und die Hansestädte 57 (worunter Hamburg allein 46) Beitragende. Man kann wohl annehmen, daß auch die noch nicht kata- logisirten tausend Aussteller in gleichem Verhältnisse auf die verschiedenen deutschen Staaten vertheilt sein, oder auch von einigen Seiten, wie z. B. in Baden, das bisher noch nicht richtige Verhältnis zu den anderen deutschen Staaten Herstellen werden. Viele Aussteller, namentlich die aus Berlin, haben eine sehr große Anzahl verschiedenartiger Gegenstände und manche an 100 bis 200 Nummern geliefert, so daß nach einem mäßigen Anschläge über 30,000 Arbeiten ausgestellt seyn mögen. Die vier Hauptzweige der Fabrication, nämlich die Gewebe von Leinen, Wolle, Baumwolle und Seide, finden fick auf die würdigste und vollständigste Weise vertreten. Am augenfälligsten und glänzendsten zeichnen sich die Seidenwaaren aus, aber auch das bescheidene Leinen hat wahrhafte Meisterstücke aufzuweiscn, z. B. Leinwand, deren Fäden so fein, daß sie kaum durch eine Lupe zu unterscheiden sind- In der Tuch-Manufaktur dürften wohl die Rheinlande und im Zeugdruck die Berliner den Sieg davontragen. Unter den ausgelegten Stahlwaaren haben wir zwei Damascener-Klingen bemerkt, von denen die eine 100 und die andere 200 Frdor. kostet. Der alte Blücher, dessen eherne Gestalt mitten unter den tausend Reichthü- mern des deutschen Gewerbfleißes steht, wird sich über den Fortschritt unserer Waffen-Fabrikation gewiß freuen, doch wir freuen uns noch mehr, daß der Friede diese schönen Dinge fast nur für den Export anfertigt, während er unscrm Kunstflciße Gelegenhci- gibt, unzählige Gegenstände des Lurus, die wir sonst ans Paris bezogen, selber und wohlfeiler als das Ausland zu liefern. Die Krieges- und Ruhmes-Halle Friedrich'S II. ist zur Friedens- und Ruhmes-Haüe Friedrich Wilhelm's IV. geworden; ihre ursprüngliche Bestimmung war schön, aber schöner und glänzender noch waren die vielen tausend freudigen Gesichter anzuschauen, die gleich am ersten Tage der cröffneten Ausstellung an den Schöpfungen eines dreißigjährigen Friedens sich erfreute». Oie Räuberbanden in Indien. (Schluß.) So viel man weiß, laufen diese Raubthaten nie ohne Menschenverlust ab; die Räuber sind wirkliche Mörder, und zwar ganz kaltblütige'Mörder. Die Leute, welche man als Ankläger gewann zeigen sich völlig unwissend oder ganz gleichgültig darüber, ob Menschen dabei umkamen oder nicht. Die Räuber selbst verlieren selten Leute, nur wenn man Feuerwaffen gegen sie braucht, sinn sie schnell entmuthigt und zerstreut, weßhalb sie auch selten eine Unternehmung gegen europäische Wohnungen, oder wo Truppen in der Nähe sind, wagen. Mit der Polizei stehen sie gewöhnlich im freundlichsten Vernehmen, oder wenn dieß nicht der Fall ist, halten sie dieselbe durch eine Abthcilung der Verwegensten unter ihnen in Furcht. Man hat sehr wenig Beispiele, daß die Polizei zur Hülfe herbcikam, oder wenn sie auch kam, wirksam cinschriit- Wenn die Welt noch nicht gehörig aufgeklärt ist, welche schöne Früchte diese Kasten tragen, so kann man es an diese" Räubern lernen. Hier entfaltet sich die Kaste in allem ihren Glanz, die Einrichtung zur Theilung der Arbeit ist vortrefflich, und bcruhl nicht nur auf den besten Grundsätzen der politischen Oekonomie, sondern auch auf der Religion. Wenn eö auf einen Raubzug gehe" soll, fragen sie ihre Götter um Rath, bitten, daß der weibliche Schakal sein Geschrei vernehmen lasse, schlachten eine Ziege, tau chen die Hand in ihr Blut und schwören einander Treue, Dan» ziehen sic aus auf Raub und Mord, danken der gnädigen Göttin, die ihr Unternehmen begünstigte, und opfern vielleicht an einem heiligen Ort etwas von ihrer Beute. So freundlich, so wohlwo lend, so tolerant find diese Leute, daß sie selbst aus höfliche Bitten von Leuten anderer Religion Rücksicht nehmen. „Ein alter mo ^ a medanischer Fakir," so erzählte Lukha, ein Räuber der zum Angeber seiner Genossen geworden war, nachdem er einen Zug 181 richtet, in welchem vier Personen verwundet worden waren, »Wohnte in der Nähe bei seinem Heiligthum, und bat uns um eine Gabe auf so höfliche Weise, daß wir ihm alle auf dem Zuge ge- «ommenen Kleider gaben, die etwa die halbe Beute ausmachten." Sollte der Gang« das Boot nicht hinüberlaffen über seine Gewässer, wenn das Ruder zerbrochen ist und der Fährmann sich nicht mehr zu helfen weiß, selbst wenn man alle Beute zu opfern verspricht, was ist dann zu thun? Es gibt ein sicheres Mittel. Man wirft das Geld über Bord und das Boot wird bald, von göttlicher Gewalt getrieben, nach dem Ufer schwimmen. Alles geschieht mit eigenthümlicher Feierlichkeit, und Lukha erzählte einen Fall, wo der Anführer Miherban die Hände betend emporhob und sprach: „wenn eS dein Wille ist, o Gott! und der deinige, Kali, daß unser Unternehmen glücke, um der Blinden und Lahmen, um der Wittwcn und Waisen willen, die von unserer Arbeit leben, so lasse den Ruf des weiblichen Schakals auf der rechten Seite ertönen." Alle übrigen hielten die gefalteten Hände empor und wiederholten die Worte des Anführers. Wenn dieß Gebet vorüber ist, setzen sie sich nieder und erwarten die Antwort, rauchen aber dabei ihre Pfeife und sprechen in leisem Tone miteinander. Wenn eine Abthcilung mit dem erhaltenen Beuteanthcil unzufrieden ist, so trennt sie sich von den andern und handelt auf eigene Rechnung, wobei, wie die Aussagen lauten, einige Brammen und Radschputen um fünf bis sechs Rupien monatlich als Helfershelfer gemiethet werden. Merkwüroig ist es, daß die Räuber kein Weib berühren, und nichts nehmen, was diese an sich tragen. Dieß gilt für schimpflich. Man könnte vielleicht glauben, daß diese Räubereien nur in einem Theilc des Landes eristiren und sonst unbekannt sind, dem ist aber nicht also. Die Berichte zeigen, daß das Raubspstem sich über den größten Theil von Bengalen und Behar ausdehnt. Man kann sich kaum vorstellen, welche Uebel daraus hervorgehcn, daß man mitten unter einem feigen oder friedlichen Volk solches Gesindel bestehen läßt. Wenn man erwägt, daß Mord bei diesen Räubereien ganz gewöhnlich ist, und vaß manche dieser Raubrotten Monate lang in ihren Dörfern neue Gelegenheit zum Raub ab- warten, so wird man einsehen, daß allenthalben, wo eine solche Rotte zu Hause ist, die armen Dorfbewohner allen Mißhandlungen und Erpressungen dieser zügellosen Rotte ausgesetzt sind. Die Berichte darüber lauten einstimmig dahin, daß alle Arten von Verbrechen an solchen Orten gewöhnlich sind, daß die Dorfbewohner unaufhörlich straflos beraubt tverden, und die Opfer des Blutdurstes, der Ranbsucht und der Zügellosigkeit der Elenden sind, welche sich allen Ausschweifungen hingeben, dabei aber ruhige Reiots zu scpn scheinen, wie der unglückliche Bauer, den sie unterdrücken. Wenn man den Umfang des Uebelö erwägt, welche das Da- scpn dieser Banden erzeugt, so muß man erstaunen, daß die Regierung noch nicht dieselben Mittel gegen diese Räuber entwickelt hat, wie gegen die Thugs; sie sind eine Mörderkaste, wie diese, und sollten auf gleiche Weise verfolgt werden, um endlich dem allgemeinen Gefühl von Unsicherheit, das im Lande herrscht, ein Ende zu machen. Lange genug hat die Polizei diese Mörderbanden und ihre geheimen Verbindungen gekannt, ihre Räubereien den Behörden verborgen und den Gewinn mit den Räubern gethcilt. Man muß endlich, wie bei den Thugs, nach dem Sprüchwort handeln, daß man einen Spitzbuben mit dem andern fängt; man muß die Schlupflöcher dieser Elenden von denen aufsuchen lassen, die darin gehaust haben; man muß sie mit ihren eigenen Spionen verfolgen, und entdeckte Räuber müssen die noch uncntdeckten zur Haft bringen. Sobald man Kraft und Entschlossenheit zeigt, werden sich Angeber unter ihnen genug finden. Hierüber ist das Zeugniß des Angebers Lukha, dessen w^Wereits gedacht haben, entscheidend lenug. Er erzählt das Ende' seiner Laufbahn in folgender SBcifc: „Ich blieb zwei Monate zu Hause, bis ich hörte, daß ein vornehmer Mann nach Muradabad gekommen scp, der entschlossen scheine, alle BaddakS in dem Lande gefangen nehmen zu lassen. Als diese Nachricht anlangte, zerstreuten sich alle Familien in Ragna und Alwar unter verschiedenen Vermummungen nach andern Orten hin, die sie für sicher hielten, und ich ging mit meiner Familie nach Nadna in Dscheipur, wo ich bei Seodan Singh, dem Herrn des Orts, allerlei Gegenstände zum Werth von 100 Rupien zurückließ. Zwei Wachen von Kapitän Graham zu Agra kamen herbei, und nahmen einige Leute so nahe an meinem neuen Aufenthaltsort gefangen, daß ich in Unruhe gerieth, und als die Gogars zu Nadna sahen, daß ich fort wollte, nahmen sie mir alles, was ich hatte. Ich zog in der Verkleidung als Pilgrim mit meiner Frau und meinen Kindern fort, und setzte über den Dschumma und Ganges in der Absicht, durch Rohilkand nach meiner alten Wohnung im Tarai von Audh zu gehen. Ich kam im Februar durch Hardwar, und kam bei Sirkari durch ein kleines Dorf im District Muradabad, als ich Gangadin und zwei andere von den Nedschibs Slee- manns *) sah. Ich hatte kaum ihre hohen Mützen erblickt, als ich schon vcrmuthete, dieß müßten die Leute scpen, welche allenthalben die Baddaks gefangen nahmen, da ich aber keinen Angeber bei ihnen sah, so fürchtete ich mich nicht absonderlich und ging auf weine Verkappung vertrauend weiter. Gangadin aber schöpfte Verdacht und fragte mich aus, und da er aus meiner Verwirrung schloß, ich könnte nicht der sepn, für den ich mich ausgab, so schickte er mich nach Muradabad, wo ich alsbald einigen meiner alten Freunde gegenüber gestellt wurde, die dem Major Slcemann sagten, wer ich sey. Da alles längere Verläugnen der Wahrheit nutzlos war, so gestand ich, und habe eine treue Erzählung aller der Räubereien gegeben, bei denen ich betheiligt war, so weit ich mich erinnern konnte." Verlchiedenes. — Dienstag den 20. d. M. Abends 8 Uhr wurde eine große meteorische Feuerkugel hier beobachtet, welche, von Südwesten kommend, in beträchtlicher Hohe ihre Richtung über den westlichen Theil der fStadt nahm. Die Amalienstraße, der Ludwigs- und Kasernenplatz und ein großer Theil der langen Straße waren für einige Augenblicke von einem starken Feuerschein erhellt. Eine Er- plosivn wurde nicht vernommen. — Seit einigen Tagen war die Mariniiliansau gänzlich über schwemmt und den dort neu errichteten Gebäuden drohte Zerstö- rung. Glücklicherweise aber ist der Rhein seit Dienstag wieder bedeutend gefallen und zu hoffe», daß die Gefahr nicht wiederkehren wird. — Bei Kehl ist die Kinzig fortwährend im Steigen und alle die Eisenbahn umgebenden Felder sind überschwemmt. In vielen Kellern ist das Wasser bereits schuhhoch gewachsen, so wie auch der Rhein von Stunde zu Stunde mehr anschwillt, und ein Austreten befürchten läßt, das Verheerungen anrichten könnte. — Noch läßt sich das Unglück nicht übersehen, das die furchtbare Waffersnoth von Krakau bis Danzig durch die ttcber- *7 Steemann trat der Hauptverfolger des Thugs. Die Nedschibs kann man mit unserer Gendarmerie vergteichen. » 182 schwemmung der Weichsel und ihrer Nebenflüsse hcrvorgebracht hat. Tausende von Ortschaften stehen unter Wasser und seit 1745 ist rin so großes Unglück nicht gesehen worden. Nächst Warschau wurden am härtesten die Gegenden'von Thorn, Kulm, Schwetz, Graudenz, Marienwerder und Dirschau heimgesucht. Die Leute in den umliegenden Dorfschasten flüchteten sich auf hohe Bäume, Berge und Dächer und waren selbst da selten des Lebens sicher. Der reiche Erndtesegen ist gänzlich vernichtet und selbst die schon eingespeicherten Früchte sind von den Fluthen dahingerissen worden. In Schwetz kam zur Waffersnoth auch noch die Feuersnoth, die ein heftiger Sturm weithin zu verbreiten drohte, doch wurde man des Feuers Herr. Ganze Heerden von Schafen und Rindern und anderen Hausthicren sind in den Fluthen umgekommen. Bei Thorn wurden 12,000 Last Waizen, die nach Danzig gebracht werden sollten, vom Strom fortgeführt. Auch Königsberg steht 14 Fuß hoch unter Wasser und in Wehlau fährt man in Kähnen in der Stadt umher. Theuerung und Krankheiten aller Art werden dem Unglück Nachfolgen. In Berlin hat sich ein Verein für die durch Ncberfchwemmung verunglückten Gegenden in West- und Ostpreußen geblldct, an deren Spitze der Kriegsministcr von Doyen steht. — Der Bauinspector Tschech zu Ratibor erhielt die Kunde von der Schandthat seines Bruders auf dem Krankenbette und wurde so sehr davon ergriffen, daß er nach wenigen Tagen starb. Er hinterläßt eine Wittwe und mehrere noch unversorgte Kinder. Seinem Lcichenbegängniß wohnte nicht nur der evangelische Pfarrer, sondern die sämmtliche katholische Geistlichkeit von Ratibor bei. — In Berlin fand am 15. Aug. die feierliche Eröffnung der seit mehreren Monaten vorbereiteten Gewerbeausgellung im königlichen Zeughause statt. — Die Regierung von Mittelfranken in Bayern hat bekannt gemacht, daß der neue Tarif für belgisches Eisen vorläufig bis zum 31. Dezember 1945 gültig ftp und daß bis dahin wahrscheinlich der alte Zoll wieder eintreten werde. Diese Bekanntmachung geschehe deßhalb, um die Eisenwerksbesitzer in ihren Unternehmungen vorsichtig zu machen. — Der neugeborne Prinz der Königin von England wird vermuthlich den Titel eines Herzogs von Ke nt erhalten. — Der Kaiser von Oesterreich hat dem Schützcncorps zu Reiche»berg in Böhmen, das durch sein energisches Einschreiten beim Aufstand der Arbeiter noch größeres Unglück verhinderte, die Aufnahme des Doppeladlers in die Sckützenfahne als bleibendes Denkmal bewilligt, dem Schützenmajor die große goldene und drei anderen Schützen die kleine goldene Civilehrenmedaille am Bande verliehen. — Der Königin Zfabella von Spanien haben die Bäder von Barcelona keine große Erleichterung verschafft, ihre Füße schwellen immer mehr an, die Wassersucht ist nicht zu verkennen, dabei soll sie große Schmerzen haben. — Zn der polytechnischen Schule in Paris haben Unordnungen stattgehabt, in deren Folge sämmtliche Schüler durch königliche Ordonnanz vom 17. d. M. eutlaffeu wurden. — Gegenwärtig werden in Paris drei Telegraphen angefertigt, welche, während der König sich in England befindet, auf drei zwischen Dover und Calais zu stativnircndeu Schiffen angebracht werden sollen. Auf diese Weise wird der Telegraph in London mit jenem auf dem Hotel des Ministeriums zu Paris in Verbindung gebracht, »m die Nachrichten schnell zu befördern. — Die Bezirke von Irak bis Jspahan in Persien sind am 12. Juli von einem schrecklichen Erdbeben heimgesucht worden- In der Stadt Meaneh ist die Hälfte der Häuser eingestürzt und viele Menschen wurden von den Trümmern begraben. Ein gleiches Schicksal traf noch andere Städte und Dörfer in der Nachbarschaft- — Die Stadt Palestrina, das alte Präneste, in Italien hat durch die seitherigen Erdbeben so sehr gelitten, daß nicht nur mehrere Häuser bereits eingestürzt sind, sondern die meisten so gelitten haben, daß sich niemand darin zu wohnen getraut. Die Einwohner 4300 Seelen, campiren meist unter fteiem Himmel. — Nach vollbrachter Aufgabe bei Tanger sollte die französische Flotte am 8. August wieder unter Segel gehen, um nach und nach sämmtliche marokkanische Küstenstädte von Bedeutung zu bombar- diren, die schwerlich sehr erfreut ftpn werden über diesen Besuch. Tanger soll durch das mehrstündige Bombardement sehr übel zu- gcrichtet worden sein. _ — Die projectirteRheinbrücke beiKöln. DerPlaneiner Verbindung derbeiden Rheinuser beiKöln, durch§. v. Hartmann erson. nen, erregt in diesem Augenblicke allgemeines Aussehen, sowohl der inneren Zweckmäßigkeit wie seiner Kühnheit halber. Die Brücke, aus Backsteinen gemauert, ist auf sieben Rundbogen gestützt, deren jeder 170 Fuß Spannweite hat. Das Gewölbe der Brücke führt in einer Höhe von hundert Fuß Wagen und Wandernde über den Strom, während die Eisenbahn in einem Hängewerk eben über den Kämpfer der Brückenbogen durch die Brücke strebt; so daß eine Straße durch die andere nie gesperrt werden kann. Dampfboote können bequem unter der Eisenbahn durchfahren, für größere Segelschiffe kann aber die Eisenbahn in beiden Eckbogen durch stehende Dampfmaschinen in die Höhe gewunden werden, so daß alsdann die höchsten Mastschiffe ohne Senkung der Maste» durch den völlig geöffneten Bogen segeln können. Ueber jedem Pfeiler der Brücke befinden sich Kasematten mit Geschützen, um im Kriegsfälle die Stadt und Brücke von der Rheinseite zu vertheidigen, so wie große Säle, um zu Geftllschafts- und Erfrischungsräumen zu dienen. Das Ganze, im deutschen Kunststple gefügte Werk, eines der schönsten und nützlichsten Denkmale, welches die Gegenwart ersonnen, soll zwei Millionen Thalcr kosten, und würde sich rrntire», wenn man bedenkt, welche anderweitige Ausfindemittel für die im Winter und bei hohem Waffersiande »othwendige Verbindung der Rheinufer erforderlich sind, welche in einer zweiten Holzbrücke für die Köln-Berliner Eisenbahn bald nvlhwendig werden dürfte. — Komische Höflichkeit in kritischen Lagen. Mangel an Auftichtigkeit und übertriebene Schmeichelei verführen Manchen fast absichtslos, die lächerlichsten Absurditäten zu äußern. — Ein hochgestellter Staatsmann, welcher eines Tages zum Hause der Lords reden mußte, sagte unter Anderm: „Es ist mir höchst schmerzliche Pflicht, Euer Gnaden sagen zu müssen, daß es dem Allmächtigen gefallen hat, den König von seinen langen Leiden zu befreien!" DaS hieß also so viel, als wenn er gesagt hätte: Es thut mir leid, daß die Leiden des Königs vorüber sind- — Ein Zimmermann auf dem Dorfe unterließ eS einmal, einen bestellten Galgen anzufcrtigen, so daß der Delinquent am anberaumtcn Tage nicht hingerichtet werden konnte. Der Vogt ließ ihn kommen und donnerte ihn an: „Hallunke, warum hast du den Galgen nicht gemacht?" — „Bitte untcrthänigst um Verzeihung, gnädigster Herr!" versetzte der Mann, dem es auch nicht im Schlafe einfiel, einen Sarkasmus preis zu geben, „hätte ich gewußt, daß der Galgen für Euer Gnade» gewesen wäre, so hätte er rasch fertig ftpn müssen!" - , *! .— Redigirt und gedruckt unter Verantwortlichkeit der Ehr. Fr. Müller'scheu Hofbuchflandlung. r