Karlsruher Beobachter. Beiblatt zum Karlsruher Tagblatt. Nr. 71 Sonntag den 1. Dezember 18LL. * Das Sammeln mit dem Klingelbeutel. Jeder Besucher der Kirche, welcher der Rede des Geistlichen mit ungetheilter Aufmerksamkeit zu folgen Wünscht, muß stch durch das Sammeln mit dem Klingel- Beutel während der Predigt in seiner Andacht sehr gestört fühlen. Wir sind zwar der Ansicht, daß die von Alters her üblichen Sammlungen zum Besten der Armen in der Kirche nicht wohl anders als, (theilweise wenigstens), während der Predigt selbst vorgenommeu werden können. Nur möchten wir um das Unvermeidliche möglichst er- träglich zu machen, zu einer sehr leicht zu beschaffenden, aber nicht unwesentlichen Verbesserung auffordern, nämlich: Daß den Beuteln, womit gesammelt wird, ihr Glockenspiel genommen werde. ES ist schwierig, einzusehen, welchen vernünftigen Zweck das fortwährende Geläute haben kann. Genügt der Gesichtssinn etwa nicht, um jedem die Nähe des Sammelnden bemerklich zu machen? Man kann in fetziger Zeit allerdings auf 10 Personen 6 Kurzsichtige rechnen; allein selbst diesen wird die wandelnde Gestalt eines Einzelnen zwischen einer Menge sitzender Personen auffallend genug sein. Oder fürchtet man, daß das Auge der Zuhörer durch ihre Aufmerksamkeit aus die Predigt zu sehr beeinträchtigt werde? Wünschenswerth wäre eS freilich, wenn dieselbe nicht geflissentlich unterbrochen würde, ja uns scheint selbst die Gemeinde ein sehr natürliches Recht zu haben, Ruhe zu verlangen; da diese nun aber einmal nicht statt finden soll, so wäre es im vorkommenden Falle gewiß besser, wenn ein Einzelner durch einen freundlichen Nachbar eine sanfte Mahnung erhielte, als daß jetzt jeder ohne Unterschied länger als eine Viertelstunde auf die unangenehmste Weise durch Schellengeklingel gestört wird. Klingelbeutel! Schon der unästhetische Name ver- räth ein Ueberbleibsel auS einer halbbarbarischen oder, wie die Ironie sie manchmal bezeichnet, der alten guten Zeit. Die Gewohnheit thut freilich viel und manche Menschen erwerben sich durch Uebung eine fast benei- denswerthe Gleichgültigkeit; allein man möge bedenke«, daß es doch auch viele mit feineren Nerven Begabte giebt, deren Gefühl durch Ungehörigkeiten verletzt wird, und überlegen, ob es gerathener ist, dasselbe zu schärfen oder abzustumpfea. Ein gemeinsames Wort unserer verehrten Herren Geistlichen, deren Interesse ja so wesentlich dabei betheiligt ist, würde gewiß genügen, um den berührten Mangel sofort abzustelleu. — 7 — Bemerkungen, Wünsche und Anfragen. — Bei schlechter Witterung sind die Bewohner und Besucher der untern Stadt, wie man im Augenblick leicht sich überzeugen kann, genöthigt, die Strecke der langen Straße vom Reiß'schen Hause an der Jnfanteriekaserne vorüber bis zum deutschen Hof, aus Mangel an gutem Pflaster und Trottoir, in unergründlichem Schmutze zu durchwaten, ein Uebelstand, welcher insbesondere die Frauenzimmer empfindlich trifft. ES ist dieß unsere» Wissens die einzige Stelle in der ganzen Stadt (Klein- Karlsruhe ausgenommen) welche nicht mit Trottoirs versehen ist, und dürfte deßhalb geeigneten Ortes um so eher der Wunsch Anklaag finden, daß die bezeichnete kurze Wegstrecke geplattet werden möge. Ein Bewohner der untern Stadt. — Jetzt, wo man sich schon an die Droschken als ein Bedürfniß gewöhnt hat, sieht man mit vielem Verlangen der möglichst baldigen Aufstellung jener weiteren Droschken entgegen, welche nach einer kürzlich im hiesigen Tagblatt enthaltenen Notiz bereits in Akkord gegeben wurden, und deren Bau auch schon ziemlich vorangeschritten sein soll. 296 6 elfagor. Novelle von Macchiavell. (Schluß.) Nachdem Roderigo diese Erklärung von sich gegeben hatte, wurde er plötzlich unsichtbar. Es waren aber hierauf kaum einige Tage in's Land gegangen, als sich durch ganz Florenz die Neuigkeit verbreitete, daß eine an Buonaiuto Tebalducci verheirathete Tochter Meffere Ambrogio Amcdei's vom Teufel besessen sei. Die Ihrigen verabsäumten nicht, alle jene Hnlfsmittel dagegen anzuwendcn, die bei solchen Unfällen gebräuchlich sind, aber alle diese Dinge wurden von Roderigo nur verhöhnt; und um jeder- männiglich zu überzeugen, daß die Krankheit des jungen Weibes rin böser Geist und keine andere fantastische Einbildung sei, fing er an, aus ihr Latein zu rede», und über philosophische Dinge zu disputiren, oder deckte auch zu allgemeiner Verwunderung die Sünden vieler anderer Menschen auf. Herr Ambrogio war indessen über diese vergeblichen Hcilversuche höchst mißvergnügt geworden, und hatte bereits alle Hoffnung aufgegeben, seine Tochter wieder gesunden zu sehen, als mit einem Male Giovanni Matteo zu ihm kam und ihm die Herstellung derselben zusicherte, wofern er verspräche, ihm fünfhundert Gulden zum Ankäufe eines Gutes in Peretola dafür auszuzahlen. Herr Ambrogio ging auf sein Anerbieten ein; Giovanni Matteo aber traf seine Förmlichkeiten zur Vollbringung des großen Werkes, und raunte dann dem jungen Frauenzimmer ins Ohr: Ich bin zu dir hierher gekommen, Rvderigo, um dich an die Erfüllung deines Versprechens zu erinnern. Roderigo entgegnete ihm: Ich bin bereit, vir zu gehorchen; dies ist aber noch nicht genug, um dich reich zu machen. Sobald ich von hinnen gewichen sein werde, fahre ich in die Tocbter des Königs Karl von Neapel, die ich auf keines Anderen als auf deine Beschwörung wieder zu verlassen gedenke. Alsdann sollst du auch ein tüchtiges Handgeld, mit dem du zufrieden sein kannst, von mir kriegen, auf daß du mich fernerhin in Nutze läßt. — Dies gesagt, fuhr er, zum Ergötzen und zur Verwunderung von ganz Florenz, aus der jungen Person heraus. Es währte hierauf gar nicht lange Zeit, so verlautbarte durch ganz Italien der Unfall, welcher der Tochter des Königs Karl zugestoßen war. Die Geistlichkeit erkand kein zweckdienliches Mittei dagegen, und da ttx König von Giovanni Matteo reden hörte, so ließ er ihn zu sich von Florenz entbieten. Giovanni Matteo kam in Neapel an und vollbrachte seine vermeinlliche Kur »ach einigen Umständen glücklich. Ehe Roderigo sich indessen auf und davon machte, sprach er: Du siehst, Giovanni Matteo, ich habe mein dir gegebenes Wort, dich reich zu machen, vollständig eingelöst, und keinerlei Verbindlichkeit weiter gegen dich zu erfüllen. Hüte dich wohl, mir fernerhin jemals wieder ins Gehege zu kommen, denn so viel Gutes ich dir seither erwiesen habe, so vieles Böse hättest du dann von mir zu gewärtigen. — Giovanni Matteo kehrte als ein reicher Mann nach Florenz zurück, denn er hatte fünfzigtausend Stück Dukaten als Belohnung seines ihm geleisteten Dienstes vom König empfangen, und war nur noch darauf bedacht, seines erworbenen Reichthumes sich zu erfreuen, ohne daß er irgend besorgte, in seinem friedlichen Genüsse von Roderigo gestört zu werden. Mit einem Male aber wurde er aus seiner Ruhe durch die Nachricht aufgeschreckt, daß eine Tochter Königs Ludwigs VII. von Frankreich vom Teufel besessen sei. Die Kunde von diesem Ereignisse brachte Giovanni Matteo's Gemüth, wenn er an die Allgewalt eines solchen Königes und an die warnenden Worte Rode- rigos dachte, aus aller Fassung. Der König versuchte dagegen erfolglos alle nur erdenklichen Mittel, das Nebel seiner Tochter zu heben, und sendete darauf, von der Heilkraft Giovanni Matteo'S hörend, erst seinen Läufer an ihn ab, um ihn freundlich zu sich ein- laden zu lassen, sähe sich aber am Ende gezwungen, den Teufels- banner der Signoria förmlich abzufordern, weil derselbe sich unter dem Vorwände einer Unpäßllchkeit weigerte, seinem Rufe Folge zu leisten. Bon der Obrigkeit zum Gehorsam gezwungen, fügte sich Giovanni Matteo wohl oder übel in sein Schicksal, und wanderte denn auch ziemlich gelrosten MutheS nach Paris, wo er zuvörderst dem Könige die Erklärung abgab: er habe zwar einige Mal allerdings Besessene geheilt; aber um deßwillen sei er seiner Sacke noch gar nicht gewiß, daß ihm dieses Unternehmen allemal gelingen müsse, denn es gäbe der Teufel nur zu durchtriebene, die weder Drohungen, noch Zauberkünste scheuten. Er wolle freilich recht gern auch diesmal seine Pflicht und Schuldigkeit erfüllen, je- dennoch hoffe er Vergebung und Entschuldigung für den möglichen Fall zu erlangen, daß es ihm damit nicht nach seinem Wunsche glücke. — Der König hatte diese Worte mit Zorn und Entrüstung angehört und erwiederte darauf nichts geringeres, als daß er ihn hängen lassen würde, gesetzt, er heilte seine Tochter nicht. Me großes Leid uun auch Giovanni Matteo über diese ihm eröffnete Aussicht empfinden mochte, so machte er doch eine gute Miene zum bösen Spiel, ließ die Besessene herbeiführen und bog sich zu ihrem Ohre hinab, indem er sich voll Demuth Nodcrigos Huld und Gnade anempfahl, ihn an die große Wohlthat erinnerte, die er ihm erwiesen habe, und ihm zu'bedenken gab, welch auffallendes Beispiel von Undankbarkeit er geben würde, wen» er ihn in solcher Noch im Stiche ließe. Roderigo antwortete: Ei, du schurkischer Verräther! wie kannst du frech genug sein, mir wieder zu nahe zu kommen? Meinst du, daß du dick wirst lange zu rühmen habezj, durch mich reich geworden zu sein? Ich will cs dir und eiucni jeocn zeigen, wie ich nach meinem Belieben auch wiener nehmen kann, was ick gegeben habe. Du sollst nicht lebendig von hinnen kommen; ich bringe dich an den Galgen, es koste was es wolle. — Da nun Giovanni Matteo hieraus erkannte, daß er auf die alte Weise diesmal nichts ausrichtete, so gerächte er sein gutes Glück auf eine andere zu versuchen, verfügte, daß nian die Besessene wieder von dannen brachte, und sprach zum Könige: Wie ich schon geäußert habe, Sire, so giebt cs der bösen Geister in Wahrheit so unbändige, daß gar nicht mit ihnen auszukommen ist. Dieser hier gegenwärtige ist einer der bösesten. DeSungeacktet will ick noch einen Versuch machen, ihn zu vertreiben. Gelingt es mir, so hat eure Majestät eure Absicht erreicht, gleichwie ich die meinige, wo nicht, jo bin ich in eurer Gewalt und muß es euch überlassen, wie vieles Mitleiden ihr verdientermaßen meiner Unschuld angerei > Heu lassen wollt. Ich erluche euch nämlich, auf dem Platze unserer lieben Frau ein hohes Gerüste aufführen zu lassen, das für euren Hof und für den ganzen Klerus dieser Stadt geräumig genug fei- Dieses Gerüste soll mit kostbaren Tüchern, mit Gold und Seide behängen und in mitten desselben ein Altar errichtet werden. DeS nächsten Sonntags früh sollt ihr alsdann mit der Geistlichkeit und mit allen Fürsten und Baronen, in königlicher Pracht und iw höchsten äußerlichen Glanze, daselbst erscheinen. Ich wünsche überdies, daß auf der einen Seite des Platzes wenigstens zwanzig Personen ausgestellt werden, die mit Hörnern, Trompeten, Trommeln, Sackpfeifen, Zimbeln, Schalmaicn und anderen geräuschvollen Zn- strumenten aller Art zu versehen sind, und, sobald sic mich den Hut in die Luft erheben sehen, diese Instrumente laut ertönen lasse», indem sie damit raschen Schrittes auf das Gerüste zuziehen. Diese Dinge, verbunden mit einigen anderen geheimen Mitteln, sollen, wie ick hoffe, zur Austreibung eben jenes Teufels genügen. — Der König ließ unverzüglich alle Veranstaltungen treffen, wie sie Giovanni Matteo angcordnet hatte, der erwartete Sonntagmorgen kam, wo, in Gegenwart der Großen des Reiches auf rem 297 Gerüste und unzähligen umstehenden Volkes, die Besessene erschien, mit vielen vornehmen Herren in ihrem Gefolge. Die großen Zurüstungen und die ungeheure anwesende Volksmenge erschauend, sagte Roderigo ganz verblüfft zu sich selbst: Was hat sich nur der elende Bauerlümmel mit mir ausgedacht? Glaubt er, mich durch daS Bischen Gepränge einzuschüchtern? Weiß er nicht, daß ich an die Pracht des Himmels und an das Entsetzen der Hölle gewöhnt bin? Ich werde ihn schon dafür büßen lassen. Dann, als Giovanni Matteo an seine Seite trat und ihn nochmals bat, auszufahren, brach er mit den Worten gegen ihn los: Ei, da hast du ja eine herrliche Erfindung gemacht! Was gedenkst du mit all dem Zeuge anzusangcn? Glaubst du, vermöge desselben dich meiner Uebermacht und dem königlichen Zorne zu entziehen? Du Schurke, du alberner Tropf! Ich will dich hängen sehen! — Wie nun Giovanni Matteo, auf seine wiederholten dringenden Bitten, nichts anderes als solche Grobheiten und Schmähungen aus ihm herausbrachte, so glaubte er weiter keine Zeit verlieren zu dürfen. Er schwenkte also seinen Hut empor, und auf dies Zeichen ließen jene Musiker insgesammt mit einem Male ihre Instrumente zum Himmel erklingen und zogen unter dem betäubendsten Lärmen zu dem Gerüste heran. Bei dem unerwarteten Geräusche spitzte Roderigo die Ohren und fragte, da er es sich durchaus nicht zu erklären wußte, voller Staunen und Verwunderung, seinen alten Bekannten Giovanni Matteo: was ist das? — Wie in der höchsten Bestürzung raunte ihm Giovanni Matteo zu: Wehe dir, mein Roderigo! ras ist deine Frau, die dich wieder zu sich holen will! — Die Veränderung, die in Roderigo vorging, als er den Namen seiner Frau wieder in seiner Gegenwart aussprechen hörte, würde sich in ihrem Umfange kaum in Gedanken ermessen, geschweige denn etwa mit Worten schildern lassen. Seine Gemüthserschüterung war so groß, daß er, ohne zu erwägen, ob sie möglicherweise ihn in solcher Gestalt habe ausfindig macken können, ja ohne ein einziges Wort zu erwiedern, in Furcht und Grausen entfloh, und den Körper des jungen Mädchens frcigab. Belfagor wollte lieber nach der Hölle zurückkehren, um von seinen Thaten sofortige Rechenschaft abzulegen, abs sich etwa neuerdings, trotz all des Aergers, der Unlust und der Gefahren des Ehestandes, seinem Zocke zu unterwerfen. Zn seiner alten Heimath angekommen, legte er ein Zcugniß von der unendlichen Bosheit ab, die ein Weib in ihrem Hauswesen auszuüben vermöge; Giovanni Matteo hingegen, der davon noch mehr als der Teufel auszusagen wußte, machte sich bald nachher munter und guter Dinge auf seinen Weg nach Hause. Eine Berliner Anekdote. Zn die besuchteste Conditorei Berlins trat ein elegant gekleideter £> ett( [jin^ sxjnen Mantel an einen Riegel und nahm einige Zeitungen zur Hand, in deren Lecture er sich bald vertiefte. Ein Specnlant, wie es deren an ähnlichen Orten häufig gicbt, batte sein Auge gleich bei dem Eintritt des eifrigen ZeitungSlcsers auf dessen schönen Mantel geworfen, der, während sein Herr voll Esser die Tagespolitik durchflog, in der That so verlassen dahing, als wollte er sagen: „Zst denn Niemand hier, der Lust hat, mich mit sich fortzunehmen?" Und es fand sich Einer, der diese Lust verspürte, und dieser Eine war der erwähnte Speculant. Nachdem er sich überzeugt batte, daß von dem Mantclherrn augeublicklich keine Entdeckung zu fürchten sei, ging er ganz ungenirt zu dem Riegel, nahm den Mantel herab, hing ihn um und verließ, mit vornehmem Wesen seine zwei Groschen auf den Tisch werfend, die Conditorei. Als er sich aber im Freien erblickte, verlängerte er feine Schritte gewaltig, bog schnell um die nächste Ecke, dann wieder um die nächste, sprang in eine der hier bereit stehenden Droschken, gab eine ganz entfernte Gegend an und athmete erst dann leicht auf, als ein Blick durch das Rückfensterchcn ihn überzeugt hatte, daß er nickt verfolgt werde. So war also der schöne Mantel sein, und zwar um den höchst billigen Ankaufspreis der vier Groschen, die er für die Droschke bezahlen mußte. Aber das Beutestück ganz in seiner gegenwärtigen Gestalt zu behalten, oder — noch wahrscheinlicher — zu verkaufen, das schien unserm Speculanten denn noch nicht räth- lich; als daher der Droschkenfuhrmann an der ihm bezeichneten Stelle anhielt, sah sich der Znduftrieritter nach dem nächsten „Be- klcidungskünstler" um, und als er die Firma eines der bescheidensten dieser bescheidenen Kunstjünger ausfindig gemacht hatte, der in einem Hinterhause, vier Stiegen hoch, sein „Atelier" hatte, scheute er für seine Lunge die Anstrengung der 97 Stufen nicht und stieg dieselben sogar so schnell herauf, daß er ganz außer Athem oben anlangte. „Haben Sie die Güte, mir auk diesen Mantel statt des Pelz, kragens einen Sammtkragen zu setzen," sagte er hastig zu dem Schneider; „aber in einer Stunde wünsche ich den Mantel abholen zu können, da ich verreisen muß." Der Kleiderkünstler versprach, die Arbeit bis dahin zu liefern und der Besitzer des Mantels entfernte sich mit der Versicherung, spätestens in anderthalb Stunden zurückzukommen. Als er sich entfernt hatte, ging der Meister — und wenn cs auch nur ein Meister auf Gewcrbepatent war — sogleich an die Arbeit. Da fühlte er in der Tasche des Mantels ein Päckchen, das der Eigenthümer offenbar heraus zu nehmen vergessen hatte. Eine sehr verzeihliche Neugier bewog den Schneider, das Päckchen zu öffnen; aber wie staunte er, als er fand, daß cs nichts als Kassenanweisungen enthält, alle zu 5 Thaler, und eine solche Menge, daß er sich nicht einmal die Zeit lassen mochte, sie zu zählen; aber vierzig bis fünfzig waren es bestimmt. Bei dem Anblick dieses papierenen Geldes kam eine gewaltige Versuchung über den armen Schneider. — „Ist er im Stande, daS Geld in seiner Manteltasche zu vergessen," dachte er, so „wird er auch wohl nicht so genau wissen, wie viel solcher hübschen rothen Zettelchen in dem Päckchen sind, und du kannst also ohne Gefahr eines davon schnipsen; — nein, schnipsen," dachte er nickt, sondern „mausen," denn er war ein ächtes Kind seiner lieben Vaterstadt. — Und er widerstand der Versuchung nickt, sondern „mausete" wirklich ein Fünfthalerbillet, machte dann das Päckchen sorgfältig wieder zu und steckte cs in die Manteltasche. Aber man hat bekanntlich das Geld nickt, um es zu behalten, sondern es bekömmt nur dadurch seinen Werth, daß man es gegen ellvas Anderes vertauscht. Um nun diesen Zweck des Geldes ohne Säumen zu erfüllen, schickte der Meister seinen Lehrburschen, zumal die augenblickliche Abwesenheit der strengen und etwas zänkischen Ehehälfte dabei benützt werden mußte, fort, sich zu der schnellen Arbeit eine „Herzstärkung" holen zu lassen, und diese bestand in nichts Anderm, als einer wohlbeleibten „Carlinc", d. i. einem runden Fläschchen mit Doppelkümmel. Ganz trefflich ließ der Meister sich diesen Labetrank munde», während er an dem Mantel munter darauf los stichelte, — da trat zu fernem nickt geringen Schreck ein Polizeikommissär mit so strenger Miene zu ihm ein, daß ihm sogleich an der Nase anzusehen war, er bringe nichts Gutes. „Sie haben hier den Fünfthaler-Schein wechseln lassen!" redete er ziemlich barsch den Schneider an, der bei seinem Eintritt 298 respektvoll seine türkische Stellung verlassen hatte, und gerade, oder vielmehr gebückt vor dem Frager dastand. „Ich?" stotterte der Angeredetc verlegen, denn ihn schlug das Gewissen von wegen der Mauserei. „Nun, nur nicht geläugnet," fuhr der Commissär fort; „Ihr Bursche ist dem Kaufmann, bei dem er den Schnaps geholt hat, wohl bekannt. Wo haben Sie den Schein her? Geistesgegenwart ist eine schöne Gabe; diese half auch jetzt dem Schneider aus der Klemme. „Ja," sagte er mit voller Dreistigkeit und fester Stimme, „ick habe den Schein von einem Päckchen genommen, das hier in der Tasche des Mantels steckt, an dem ich eine Veränderung vornehmen soll; ich glaube, dabei ist nichts Unrechtes, da ich doch für meine Arbeit bezahlt werden muß, und meine Frau, die den Schlüssel zum Äelde hat, zufällig ausgegangen ist." Diese Ausrede leuchtete dem Commissär als vollgültig ein; er ließ sich daher, einen milderen Ton anstimmend, das Päckchen mit den Kassenanweisungen geben, erklärte sie, nach genauer Prüfung sämmtlich für falsch und erkundigte sich dann sehr angelegentlich nach dem Manne, der den Mantel gebracht hatte. Als der Schneider sagte, daß derselbe in einer Stunde wieder kommen wollte, erklärte der Commissär, daß er bleiben und ihn erwarte» würde. Und er brauchte nicht lange zu warten, denn der junge Mann stellte sich sehr pünktlich. Mann kann sich leicht denken, wie er rrschrack, als er der Anfertigung falschen Papiergeldes beschuldigt wurde. Da galt es, unter zwei liebeln das kleinste zu wählen- und um die ihm gemachte Beschuldigung abzuwälzcn, bekannte er sogleich offen, auf welche „pfiffige" Art er zu dem Mantel gekommen war. Seine Angabe klang zwar vollkommen glaubwürdig; dennoch nahm der Commissär ihn dciin Kragen und führte thn in jene Conditorci, wo er den Zeitungsleser, dem der Mantel eigentlich zugehörte, noch zu finden hoffte. Aber der Vogel war bereits ausgeflogen. Zwar hatte er sich angelegentlich nach seinem Mantel erkundigt, auch gesagt, daß er wieder deshalb Nachfragen würde, aber er soll noch heute wiederkommcn. Der „Speculant" beseufzt im Zuchthause seine verunglückte Speculation, der Schneider aber ist mit der nachdrücklichen Warnung davon gekommen, sich in Zukunft für seine Arbeit nicht selbst bezahlt zu machen. Verschiedenes. — Der Aufseher des Strafhauses in Zürich ist neulich in Un> tersuchung gezogen worden, weil er aus Versehen einen Gefangenen habe vor Appetit sterben, auf Deutsch: verhungern lassen. Bei näherer Untersuchung ergab sich, daß der Herr Dircctor bei allen seinen Gefangenen^ die Hungerkur angewendet und daß seine liebe Frau ihn dabei kräftigst unterstützt hatte. — In dem Herzogthum Braun schweig ist der Klingelbeutel in den Kirchen abgeschafft und dafür die Aufstellung von Becken an den Kirchthüren angevrdnet worden. — Aus Großbrittanien und Irland sind von 1825 bis 1842 nach Amerika und Australien l,128,077 Menschen aus- gewandert, so daß im Durchschnitt auf das Jahr 60,000 kommen. Aus Deutschland wandern jährlich an 30,000 Menschen aus. — Der französische Minister Guizot ist wieder vollkommen hergestellt und arbeitet mit gewohnter Anstrengung. — In London hat man die Besorgniß, das Ministerium Peel werde noch vorder Eröffnung der nächsten Parlamentssession die Leitung der Geschäfte niederlegen müssen. — Die Reise der Prinzessin von Joinville nach Brasilien ist für diesen Winter aufgegcben. Sie wird die Wintcrmvnate mit ihrem Gemahl auf de» warmen spanischen Inseln zubringen. — Der Herzog von Bordeaux hat sich in Prag niedergelassen und wohnt den großen Fasanenjagden in der Nähe bei. Er ist Willens, sich in dem gesegneten Böhmen einige Güter zu kaufen und sich dort eine neue Hcimath zu gründen. — Aus Polen. Die Gerüchte von Auflehnungen der Bauern gegen ihre Gutsherren in mehreren Gouvernements, namentlich in Litthauen, gewinnen immer mehr an Wahrscheinlichkeit. Uebcrhaupt regt sich nicht bloß in den leibeigenen Bauern einzelner Distrikte ein Geist der Unzufriedenheit, sondern die Ahnung dessen, was jeder Mensch zu sein ein Recht hat, und was im Westen Europa» bereits mehr oder weniger klar erkannt wird, fängt dir arbeitenden Klassen Polens und Rußlands ebenfalls zu erfüllen an. — Der vor einigen Woche»! in Warschau geschehene Anfall auf den Polizei- Minister mittelst eines StockdegenS hat eine Menge Einkerkerungen M Folge gehabt. — Eisenbahn»nfälle. — Auf der Midland-Eisenbahn ist am 21. d. M. ein von London kommender Zug mit lenem von Derby zusammengestoßen. Die Collision war schrecklich; — fünf Personen blieben auf der Stelle todt, und viele andere wurden verwundet. — Aus Spanien fehlen alle zuverläßige Nachrichten über die Verbreitung des von Zurbano geleitetetcn Aufstandes. Der Telegraph bringt zwar fortwährend Nachrichten nach Paris, — diese werden aber von der französischen Regierung wohl nur deß- halb nicht veröffentlicht, »beil sie für die jetzigen Machthaber in Madrid ungünstig lauten. — Die totale Mondsfinsterniß in der Nacht vom 24. November ist in der größten Stille vor sich gegangen. Kein Lüftchen regte sich, obgleich noch am Tage stürmisches Wetter war. Der Himmel war nicht wolkenfrei, doch konnte man den allmähligen Eintritt gut wahrnehme«. Um 12 Uhr war die Finsterniß vollkommen, nicht blos am Himmel, sondern auch in den Straßen und Häusern. — Der alte Vesuv gedenkt noch in diesem Jahr seinen Neapolitanern ei» Feuerwerk zu geben. Er hat schon alle Anstalten getroffen, sein Krater ist mit glühende: Lava angefüllt und alle umliegenden Brunnen haben vor Schrecken ihr Wasser verloren. — Unser täglich Brod gieb uns heute. In Wien hat kürzlich eine Wittwc, um ihren Geliebten zu heirathen, der wegen des Kindes eine unglückliche Ehe befürchtete, vier Tage lang ihr einziges Kind in einen feuchten Keller gesperrt. Das arme Mädchen jammerte Tag und Nacht nur um ein Stückchen Brod, aber die Rabenmutter war unerbittlich. Der TodeSengel hatte Erbarmen und nahm es zu sich. Die Frau stellte sich über den Tod ihres Kindes untröstlich, die Nachbarn schmückten den Sarg desselben mit Blumen und so trug man es hinaus Als aber am Grabe der Pfarrer das Vaterunser betete und an die Worte kam: Unser täglich Brod gieb uns heute, da brach die Frau in lautes Geschrei aus, warf sich zu Boden und gestand unten den schrecklichsten Gewissensbissen ihre unmenschliche That. Redigirt und gedruckt unter Verantwortlichkeit der Ehr. Fr. Müller'schcn Hofbuchhandlung.