Der fainMiotc. Verkündigungsblatt der Großherzoglichen Bezirksämter Sinsheim und Neckarbischofsheim. M ro - 48. Dieüstag, den 21. April 1857. [279] Nro. 4649. Neckarbischofsheim. Dem ledigen volljährige» und taubstumme» Adam Stech von Fliiisbach wurde ein Rechtsbeistand in der Person des Bürgers Johann Wilhelm Vierling von da beigegeben, ohne dessen Mitwirkung bezüglich auf L.R.S. 499 keine rcchtsgiltige Handlungen eingegangen werden.können. Neckarbischofshejm, den 18. A ril 1857. Großherzoglich bad. Bezirksamt. Benitz. Kuhn. [280] Nro. 4513. Neckarbischofsheim. Der ledigen uiid großjährigen Juliana Rickert von Obergimpcrn wurde gemäß § 499 des L.R.S. «in Rechtsbeistand in der Person des Johann Rickert von da beigegeben, was hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht wird. Ncckarbischofsheim, den 16. April 1857. Großherzoglich bad. Bezirksamt. Benitz. Kuhn. .[277] Nro. 6026. Sinsheim. Wud die Wrttwe des Wolf Rosenfeld von Hoffenheim Sara, geb. Lazarus, in den Besitz und die Ge- ■ währ der Verlassenschaft ihres Ehemannes eingewiesen, da gegen deren Gesuch um Einweisung keine Einsprache erhoben worden ist. Sinsheim, den 15. April 1857. Großherzoglich bad. Bezirksamt. Podem üller. Praclusiv-Bescheid. [278] Nro. 4552. Neckarbischossheim- Jn Sachen mehrerer Gläubiger gegen die Gantmaffe des Sternwirths Christian Weber in Obergimpern, Forderung betr. Alle diejenigen Gläubiger, welche ihre Forderungen in der heutigen Tagjnhrt nicht angemeldet haben, werden von der vorhandenen Gantmaffe ausgeschlossen. B. R. W. Neckarbischofsheim, den 15. April 1857. Großherzoglich bad. Bezirksamt. Scheuermann. [282] Zuzenhausen. Holzvcrsteigerung. Nro. 295. Im hiesigen Gemeindewald, Distrikt Anhaldenbaum, werden Donnerstag, den 23.. April d. I., Vormittags 9 Uhr, folgende Holzsortimente gegen Baarzahlung vor der Abfuhr versteigert: 623 Stück verschiedene Nutzholz-Stangen, 2590 Stück gemischte Wellen, 10 Eichklötze, 2 Kirschbäuine. Zuzenhausen, den 16. April 1857. Das Bürgermeisteramt. And. Ödländer, Brgrmstr. - Stellv. E. Keidel. M kaufen gesucht. Näheres bei Baumwarth Job. Hacbmeyer [276] in Sinsheim. Iur Geschichte des Tages. Karlsruhe, 18. April. (B. Ldz.) Den gewerblichen Anstalten unserer Residenz steht ein sehr erfreulicher Zuwachs bevor. Es hat nämlich zum Zwecke der Niederlassung Hierselbst Hr. Bijouteriefabrikant Johann Kiehnle in Pforzheim das HauS Waldhornstraße Nr. 3 um 38,000 fl. so eben angekauft, und in derselben Straße ein reicher Freiburger ein Haus an sich gebracht, um, wie wir hören, ein industrielles Etablissement darin zu gründen. Ferner beabsichtigen die Herren Christofle und Komp., veranlaßt'durch stets wachsende Bestellungen auf ihre vortrefflichen Fabrikate, den Neubau ihrer Fabrik, welcher noch nicht mal vollendet, durch großartige Anbauten, deren Kosten auf 100,000 fl. berechnet sein sollen, zu erweitern. Eö bedarf hierzu indessen noch der Genehmigung durch eine Generalversammlung der Aktionäre in Paris, die bereits eingcholt ist und täglich erwartet wird. Heidelberg, 17. April. Se. K. Hoh. der Großhcrzog bat gnädigst die Erlaubuiß zu ertheilcn geruht, daß das in Höchstseincm Privatbesitz befindliche Gemälde: »Die Zerstörung der Stadt Heidelberg 1689--, von Hofmaler Dietz, hier zur Ansicht aufgestellt werde. Dasselbe ist von Freitag den 17. d. M. an, während acht Tagen im großen Saale des Museums zu sehen. Mannheim, 15. April. (Mh. I.) Im Monat März sind 653 Auswanderer durch hiesige Stabt gekommen; im ersten Quartale also 888. Mühlburg (L.A. Karlsruhe), 18. April. Att dem Bau der Stärkefabrik, welche das HauS Wahl in Neuwied hier im Lokale der ehemaligen Krappfabrik errichten läßt, wird rüstig gearbeitet, so daß solche demnächst unter Dach kommen dürfte. Im nächsten Herbste wird dieselbe bereits in Thätigkeit gesetzt. Rüppur (L.A. Karlsruhe), 17. April. Sicherem Vernehmen zufolge beabsichtigt eine auswärtige-, über bedeutende Geldmittel verfügende Gesellschaft, Hierselbst eine Gerberei einzurichten, zu diesem Ende die Räumlichkeiten der vor längerer Zeit bestandenen Lederfabrik käuflich an sich zu bringen und diesem Geschäft sodann eine großartige Ausdehnung zu geben. Die Unterhandlungen sind im Laufe. Aus dem Wiesenthale, 14. April. (Schm. M.) Die Industrie unseres herrlichen Thales blüht wie noch nie, und vor Allem sind es die Baumwoll-Spinnereien, die die glänzendsten Geschäfte machen. Gewerbliche Anlagen, die erst vor wenigen Jahren mit Ungeheuern Kosten errichtet wurden, haben nicht allein eine genügende Rente cmgebracht, sondern auch die Amortisation des verwendeten Kapitals bwirkt. Aus dem Großherzogthum Hessen. An der Bergstraße trieb seit einiger Zeit eine jugendliche Diebesbande von mehr als 50 Köpfen ihr Wesen, deren Hauptquartier das Städtchen Bensheim war. Die Voruntersuchung ist geschlossen und der nähende Sommer wird diese „fruchtbringende Gesellschaft" auf der Anklagebank finden. Mainz, 16. April. Diesen Nachmittag wurden etwa 200 hiesige Schuhmachergcsellen, welche im Nasiauischen eine Versammlung gehalten hatten, um über Arbeitseinstellung, beziehungsweise Lohnerhöhung zu beschließen, voll der nasiauischen Gens- darmerie aufgehoben und um 2 Uhr dahier eingebracht. (Mz. I.) Worms, 16 . April. Heute eriüordete ein Advokatenschreiber auf eine schauderhafte Weise die Magd seines Prinzipals. Letzterer ist zur Zelt auf Reisen und wollte der Skribent diese Gelegenheit benutzen, die wohlgefüllte Kasse zu plündern, und verlangte von der Magd den betreffenden Zimmerschlüssel; das Mädchen witterte aber Unrath, verweigerte die Herausgabe, worauf sie der Unmensch mittelst Hammer und Messer so fürchterlich traktirte, daß auf die Hülferuse die ganze Nachbarschaft herbeieilte, indessen vergeblich das Thor zu sprengen suchte. Rathlos blickte die Menge einander an, bis ein Knabe unter dem Thore hindurch in das Thorhauö schaute und hier den Uebelthäter auf dem Mädchen knieend, und beständig mit dem Messer nach ihr stoßend erblickte. Der kleine Junge schrie laut: — 184 — „Hörst du auf, ich kenne dich!" Da schien dieser Mensch erst zur Besinnung zu kommen und entfloh aus dem hinteren Thore, während die Unglückliche noch so viel Kraft hatte, das Hauptthor zu öffnen und dann bewußtlos zusammenstürzte. Erst am Abend gelang es der Polizei, des Thäters habhaft zu werden. Koblenz, 14. April. Die Equipagen unseres Hofes sind bereits gestern von hier nach Mainz abgegangen, und werden Ihre Königl. Hoheit der Prinz und die Prinzessin von Preußen, so weit solches bis jetzt festgesetzt ist, morgen dahin Nachfolgen. Aus den preußischen Provinzen Pommern und Posen sind in diesen Tagen wieder 350 wohlhabende Landleute nach Amerika ausgewandert. Sie hoffe» es dort mit ihrem Fleiß weiter zu bringen, als in der alten Heimath. Die Auswanderung steigt überhaupt wieder. Leipzig. Die vor kurzer Zeit in unserer Stadt ins Leben getretene Brodfabrik wird nicht unangefochten bleiben. Die Bäckerinnung hat einen Advokaten beauftragt, gegen jene Fabrik klagend einzuschreiten. Die Brodfabrik soll entweder wieder aufhören, oder wenn dies nicht zu erreichen sein sollte, der Bäckerinnung wenigstens eine angemessene Entschädigung zahlen. In Meißen hat am 6. April ein IkjährigerSchornsteinfegerlehrling einen hohen Beweis von Entschlossenheit und Muth geliefert. Wie er auf dem Essenkranze des Armenschulgebäudes an der Wasserburg sitzt und die vollendete Reinigung der Esse laut verkündet, sieht er einen Knaben in den unmittelbar vorbeifließenden Elbstrom fallen. Ohne Zögern steigt er vom Dache herab — wäre er durch die Esse in das Haus zurückgekehrt, hätte er einen Umweg machen müssen und viel Zeit verloren —, stürzt sich in die Elbe und schwimmt dem Knaben nach. Derselbe ist schon ein tüchtig Stück den Fluß hinabgetrieben und bereits im Versinken, als es dem Retter gelingt, ihn zu erreichen und festzuhalten. Er nimmt ihn unter den Arm, schwimmt auf diese Weise unter großer Anstrengung an das Ufer und der Knabe ist gerettet. München, 14. April. König Mar soll seine Reise nicht blos auf Paris beschränken, sondern auch der Königin Viktoria in London einen Besuch abstatten wollen. München, 14. April. Morgen wird den Sträflingen Franz Lettl und Sebastian Niedermaier, beide wegen Mords an dem Kettensträfling Michael Hcigl aus Beckendorf vom letzten Schwurgericht dahier zum Tod vcrurthcilt, bekannt gegeben werden, daß Se. Maj. zu ihrer Begnadigung keinen Grund gegeben fanden. München, 13. April. (A. Z.) Der Prozeß des chinesischen Bäckermeisters Alum in Hongkong wird auch bei uns noch von sich reden wachen. Bei Frhrn. v. Liebig ist eine ihm früher angekündigte Kiste angekommen, welclie mehrere Stücke von jenen Broden enthält, durch deren Genuß sich Engländer und Chinesen Krankheiten, Einige sogar den Tod zugezogcn haben. Der Prozeß gegen Alum ist, wie man weiß, entschieden: eine englische Jurie hat den Bäckermeister, der zugleich Lieferant für die englischen Truppen war, für nichtschultig erklärt, well er an dem Tage, wo daS verdächtige Brod gebacken wurde, in der Bäckerei nicht gegenwärtig war, und Beweise, baß er die Vergiftung des Brotes durch seine Leute veranstaltet habe, nicht Vorlagen. Im Gegentheil war bekannt, daß auch eine Verwandte, die davon gegessen hatte, von dem Genuß, w NN auch nicht tödtlich, erkrankt war. Dagegen schwebt über die Sache vieles Dunkel, und aus jener in München angekommenen Sendung scheint hervorzugehcn, daß man über Natur und Vorrath der giftigen Substanz im Brode noch nicht im Reinen ist. Ucbri- gens scheint die Aufforderung an den größten Chemiker der Epoche, das Gebäcke chemisch zu untersuchen, nicht von der Behörde ausgegangen zu sein. Diese würde sich wohl an englische Chemiker zu wenden gehabt haben, und könnte ohne persönliche Zeugschaft des zur Untersuchung eingeladenen Technikers ,n Hongkong selbst gerichtlich nicht Vorgehen. Hamburg, 14. April. Gestern sind 14 Personen, welche sich von Glückstadt aus in einem Segelboot an Bord des bei der Insel Krautsand vor Anker liegenden hamburgbrasilischen Postdampfschiffs Golden Fleece begeben hatten, um das schöne große Schiff in Augenschein zu nehmen, auf der Rückfahrt nach Glückstadt mit dem Schiffe umgeschlagen und leider alle ertrunken. Wien, 12. April. Ein Artikel der Ostd. Post stellt Betrachtungen darüber an, daß, da dieses Jahr eine Ernte wie die vorjährige in Aussicht gestellt werde, die Exportgeschäfte Oesterreichs sich schlecht stellen würden, und in Folge dessen Industrie und Eisenbahnen schlecht wegkämen. Die Speicher und Scheunen strotzten noch von Vorräthen und vom Ausland melde sich kein Käufer. Turin, 12. April. Die Kaiserin-Wittwe von Rußland reiste beute an Bord des Kriegsdampfers »Olaff" von Villafranca nach Civita-Vecchia. Straßburg, 14. April. Der von Bosheit und Beschränktheit verbreitete Glaube, daß die Lokomotivausströmungen die Aecker beeinträchtigen und an den bisherigen Mißernten Schuld seien, ist leider so allgemein geworden, daß man von allen Seiten gegen diesen traurigen Jrrthum ankämpfen muß. Paris, 15. April. Graf Hatzfeld hat seine Instruktionen erhalten; allein man sagt, daß die Schweiz erklärt habe, sie könne weiter keine Zugeständnisse machen. Es heißt, daß die Bevollmächtigten von Frankreich, England, Rußland und Oesterreich ein Protokoll unterzeichnen werden, daß an beide betheiligte Thcile sich richten und so lange offen bleiben solle, bis diese es unterzeichnet haben. Brüssel, 14. April. Der Wohlthätigkeits-Kongreß, welcher im Sept. v. I. hier getagt hat, wird, wie schon berichtet, seine diesjährigen Sitzungen in Frankfurt a. M. abhalten. Das in letzterer Stadt eingesetzte Komite hat sich bereits mit dem dahier bestehenden über das Programm der neuerdings vorzunehmenden Berathungen geeinigt. Zugleich ist von einem philantropischen Herrn Dutröne ein Preis von 300 Franks für die Lösung der Frage ausgesetzt worden, welchen Ursachen die Entstehung der Trunksucht zuzuschreiben und auf welche Weise dieselbe am wirksamsten zu bekämpfen sein möge. London, 15. April. Die Königin Viktoria hat eine Prinzessin geboren. Mutter und Kind sind ganz wohl. Die Königin hat nun 9 Kinder, 4 Prinzen und 5 Prinzessinnen. Die Vimpel-probe. Humoreske aus dem wirklichen Leben von Ed. Gottwald. (Aus der „Lcipz. Allg. Modezeitung.") (Fortsetzung.) „Nein, gewiß nicht!" betheuerten Vater und Sohn. „Und selbst wenn auch solche Vierfüßler im Gasthose vorhanden", setzte der Postmeister lächelnd hinzu, „so soll doch Dein Gimpel eine Ruhestätte erhalten, wohin keine Katze gelangen und kein Unfall ihn treffen kann; darum zögere nicht länger, mache es Dir bequem und nimm von Deinem Zimmer Besitz, an dessen Fenster Dein Liebling ungefährdet hausen soll, dann aber laß uns bei einer Flasche alten Rheinweins vertraulich plaudern; denn noch nie habe ich Deiner Ankunft erwartungsvoller und freudiger entgegengesehen als dies Mal und noch nie hat mein Sohn mehr Bangen und Besorgniß empfunden als heute, obgleich ich ihn wiederholt versichert, daß er mit all' seiner Aengstlichkeit und trüben Ahnungen ein Narr sei!" „Ich kann mir es denken!" entgegnete der Bürgermeister und blickte sich lächelnd nach dem Sohne um, welcher jetzt dessen Reisetasch umhing, denKäfich ergriff und mit den Worten: „Für den Gimpel werde ich Sorge tragen!" das Zimmer ver- — 185 — ließ, indeß der Gimpel bruchstückweise die Melodie des Liedes: „Du, Du, liegst mir am Herzen!" herauszubringen versuchte. „Es ist ein Kapitalkerl!" rief entzückt der Bürgermeister und folgte dem Träger seines Lieblings, während der Postmeister, sich still vergnügt die Hände reibend, ausrief: »Es geht alles gut, der Junge hat Glück!" Nicht im großen Gastzimmer des weißen Hirsches, wo täglich zahlreiche Tischgäste a la carte speisten, sondern in einem der komfortabelsten und geschmackvollst eingerichteten Fremdenzimmer ersten Ranges, an dessen einem Fenster der talentvolle Gimpel hing und unermüdlich Proben seiner Virtuosität hören ließ, saßen nach aufgehobener Mittagstafel die beiden alten Herren allein, nachdem auf einen Wink des Postmeisters der Sohn sich entfernt hatte. Auf dem Antlitz des Bürgermeisters lagerte bereits eine in immer dunklere Färbung übergehende Rothe, als deren Kulminationspunkt die Nase sich repräsentirte, während auch beim Postmeister Stirn und Wangen im höhern Roth er- glüheten und der Markobrunner Auslese, von welcher eben die dritte Flasche zur Neige ging, ein ehrenvolles Zeugniß der Aecht- heit des 34er Jahrganges ausstellte. Mit der Beredsamkeit, wie sie nur einem glücklichen Vaterherzen eigen ist, schilderte der Postmeister alle Tugenden seines Wilhelms, an welchem er, wie er es selbst noch bethcuerte, sich einen braven Sohn erzogen habe, wie eben dieser brave Sohn schon seit Jahr und Tag des Bürgermeisters achtzehnjährige Tochter Lisbeth liebe, und so glücklich sei, wieder geliebt zu werden, und heute nun dem Vater derselben diese Liebe gestehen und um die Hand der Tochter inständigst bitten wolle. „Also ein ganzes Jahr hat diese Liebschaft hinter meinem Rücken gespielt?" bemerkte halb brummend der Bürgermeister und versuchte eine schmollende Miene anzunehmen. „Ich finde das nicht so ganz in der Ordnung." „Eben deßwegen will mein Sohn nun offen und ehrlich Dir alles gestehen und hofft so wie ich auf Dein Jawort", entgegnete der Postmeister und klopfte dem Bürgermeister vertraulich auf die Schulter. „Hm! hm!" brummte der Bürgermeister, der sich alle mögliche Mühe gab, nicht so schnell geneigt zu scheinen, aus die Lieblingsidee des Postmeisters und die Hoffnungen des verliebten Sohnes einzugehen, während er längst schon im Innern selbst den stillen Wunsch gehegt, daß auö seiner Lisbeth und Postmeisters Wilhelm einst ein glückliches Paar werden möge, von der Liebschaft des Pärchens trotz dem heimlichen Treiben wohl unterrichtet gewesen war, nun aber in der Stunde der Entscheidung mit der Ertheilung des Jawortes zu zögern versuchte. — „Das Volk ist noch zu jung!" bemerkte nach einer kurzen Pause der Bürgermeister, „und sDein Wilhelm noch nicht selbstständig." „Mein Sohn übernimmt zum Neujahr Posthalterei, Gast- Hof und Oekonomie, und ist vom hohen Finanzministerium als mein Nachfolger bereits bestätigt, entgegnete mit freudeleuchtendem Antlitz der Postmeister, welcher seinen Freund genau kennend, aus dessen Zögern das Jawort zu ertheilen, die ganz sichere Ueberzeugung schöpfte, daß die Liebenden bereits schon gewonnen. „Und Du willst Dich von allen Geschäften zurückziehen?" „Bewahre der Himmel! so lange es geht, helfe ich meinem Sohne, wie er mir geholfen. Aber das wirst Du wohl einsehen, daß, soll irgend Ordnung im Haus und Hof erhalten bleiben, auch eine Frau wieder in die Wirthschaft muß. Ich bin nun neun Jahre Wittwer und weiß am besten, wie schwer es sich in einem, Gott sei Dank, so frequenten Geschäfte, wie das unsrige hier, mit fremdeü Leuten arbeiten läßt, denen man oft Kasse, Küche und Keller auf Vertrauen hin überlassen muß, und darum, alter Freund! brav und gut ist mein Junge, Deine Lisbeth ist ein Prachtmädel, lieb haben sich Beide seit Jahr und Tag und können nicht ohne einander leben; also schlag ein, damit ich bald eine Schwiegertochter hier schalten und walten sehe, wie mein Herz sie sich längst gewünscht!" Der Postmeister war bei diesen letzten Worten in freudiger Aufregung aufgestanden und hielt nun dem Bürgermeister das gefüllte Glas entgegen. „Gilt's!" rief er und eine leichte Wolke der Ungeduld lagerte auf seiner Stirn, als er sah, wie der Bürgermeister noch zögerte, nach dem ebenfalls frisch gefüllten Glase zu greifen, dann aber sich erhob und unter hellem Becherklang, ernst und feierlich ausries: „Es gilt!" „Victoria!" jubelte der Postmeister und riß so heftig an dem Glockenzuge, daß der Ring desselben in seinen Händen zurückblieb, während der Gimpel, welcher sich mehrfach abgemüht hatte, die Melodie des Schiller'schen Reiterliedes: „Frisch auf, Kameraden, auf's Pferd rc." durchzubringen, am Schluffe der zweiten Strophe mit dem bekannten Tin, tiu, Zerr tick! zick zeck! schloß. „Halt! ein Wort noch!" bemerkte der Bürgermeister und zog den Freund von der Thüre zurück. Ehe Deiu Sohn heraufkommt, mußt Du mir versprechen, darauf einzugehen, daß die Hochzeit nicht eher stattfinden kann, als bis zu Ostern, denn Ihr müßt mir Zeit lassen, mich an den Gedanken zu gewöhnen, von meiner Tochter getrennt zu werben, die ja das einzige Wesen ist, welches der Herr der Welten mir von so vielen theuren Lieben gelassen hat, und die mir, gleich meiner braven, seligen Frau, stets nur Freude bereitet." In diesem Augenblicke trat der Sohn des Postmeisters ein und drängte die Antwort des Vaters zurück. Der junge Mann, welchem die fieberhafte Ungeduld eines Liebenden die Wangen mindestens eben so hochroth gefärbt hatte, als dies bei den beiden alten Herren der Markobrunner mit Hilfe der freudigen Aufregung zweier glücklichen Vaterherzen gethan, warf einen bangen Blick stummer Frage auf den Vater und als dieser unter Freuden- thränen lächelnd ihm glückliche Botschaft zuwinkte, eilte er auf den Bürgermeister und rief denselben stürmisch umarmend: "Dank, tausend Dank, theurer guter Vater meiner Lisbeth!" „Schon gut, schon gut!" stöhnte dieser und entwand sich den Armen des glücklichen Liebhabers. „Aber bis zur Hochzeit muß Er noch ein halbes Jahr warten!" „Ein halbes Jahr?" frug kleinlaut Wilhelm, dem jetzt der Bürgermeister als Zeichen der Einwilligung die Hand reichte. „Es geht nicht anders," wiederholte freundlich ernst der künftige Schwiegervater. „Denn glaubt mir nur, so gern ich mich im Stillen Eurer Liebe gefreut und Eurer Herzen Bündniß meinen väterlichen Segen gebe, so schwer wird eö mir werden, der ich vielleicht bald die letzte Station auf meiner Lebensreise erreicht und den das Greisenalter mit all seinen Schwächen und Gebrechlichkeiten erreicht hat, mich von meiner Tochter zu trennen, die all'meine Launen und Eigenheiten kennt, die mich stets liebevoll gepflegt und nur eine Untugend besitzt." „Eine Untugend! Lisbeth! nimmermehr!" rief eifrig Wilhelm. „Lisbeth ist ein Engel. „Das soll sie ihm auch sein," entgegnete lachend der Vater. „Aber sie ist dies meinen Singvögeln nicht, und dies ist eben die Untugend, welche ich ihr zum Vorwurf mache, daß sie sich nur ungern mit meinen gefiederten Freunden befaßt und daß ich, wenn ich, wie es gegenwärtig der Fall ist, mehrere Tage von Kronau fern bin, die ganze Singakademie einer alten Magd mit überlassen muß, die nun schon seit zwanzig Jahren bei mir dient, aber von der Ornithologie eben so wenig versteht als Deine Postillone vom Sanskrit.« „So gieb doch Deine Bürgermeisterei auf und ziehe zu uns nach Lichtenfels'" warf scherzend der Postmeister hin. „Ja, ziehen Sie zu uns, dann leben Sie ungetrennt von 186 Lisbeth und will mich auf das Sorgsamste Ihrer Lieblinge annch- men!" rief bittend Wilhelm. „Das wäre so übel nicht," lächelte beifällig der Bürgermeister, „aber ein solcher Schritt will überlegt sein und wir wollen daher vor der Hand nicht daran denken, wohl aber muß ich, nachdem ich hier in Ordnung bin, schon morgen im Interesse der Kommune nach der Residenz, wo ich mehrere Tage ausgehalten werde." „Nun einen Tag kannst Du wohl, hier zugcbcii, darauf wird es bei Deiner Berufsreise doch nicht ankommen," bemerkte der Postmeister. „Aber darauf kommt mir viel an, wie ich meinen Gimpel nach Kronau bringe, denn über Lichtenfelö komme ich nicht wieder zurück!" entgegnete bedenklich der Bürgermeister. „Bester Herr Vater! denn so darf ich Sie ja nun nennen!" rief Wilhelm tn freudiger hast; „den Gimpel will ich besorgen und ihn wohlbehalten Lisbeths Sorgfalt übergeben." „Das wäre der beste und kürzeste Weg," sprach der Postmeister seinem Sohn beistimmend. „Es ist fabelhaft wie zärtlich Deinem Sohn der Gimpel am Herzen liegt," spöttelte der Bürgermeister gutmüthig lächelnd. „Jndeß, wenn Du mir versvrichst, unterwegs nicht allein an Lisbeth, sondern auch an Deinen Pflegbefohlenen zu denken, so nehme ich Deinen Vorschlag an, denn ich wüßte in der Thal keinen kürzern Weg und will hoffen, auch keinen zuverlässigeren Boten als meinen künftigen Schwiegersohn und empfehle Dir nochmals den Gimpel als Gegenstand Deiner sorgsamsten Ueberwa- chung an; denn dieses Prachtexemplar soll mir in Kronau einen Triumph bereiten helfen, wie ich ihn mir schon lange über die ganze Sippschaft gewünscht, die ich in corpore zu mir einladen werde, um die Virtuosität eines Gimpels zu bewundern, der alle Gimpel des Herzogthums durch die Reichhaltigkeit seines Me- lodienrepertoirs übertrifft, und worüber besondere der Stadlrichter blau und grün vor Neid werden soll." „Wie meinen Augapfel will ich ihn hüten!" betheuerte Wilhelm, innerlich jubelnd vor Wonne bei dem Gedanken, schon morgen seiner Lisbeth sagen zu können, daß sie nun bald für immer ihm angehöre; der Gimpel aber, dessen werthvolle Person ihm nun übergeben wurde, pfiff, den Bürgermeister still entzückend, ohne Stockung die Melodie des Liedes: Bist der beste Bruder auch mt, Tillu tiu, Tillu tiu. (Fortsetzung folgt.) Miszellen. * Der erste Kalender, der in unserem Erdtheile Europa gedruckt und herausgegebcn wurde, war (das darf uns Deutsche freuen) nicht nur die Arbeit eines Deutschen, sondern ist auch in Deutschland erschienen. Johannes Müller, geboren zu Königsberg in Franken im Jahr 1436, weswegen er auch häufig Johannes Königsberger oder noch häufiger nach Art und Sitte der damaligen Zeit nach der lateinischen Uebcrsetzung seines Namens lolmnnos RoAiomontanus genannt wird, war der Verfertiger und zugleich auch Herausgeber dieses ersten Kalenders. Gedruckt ist dieser erste europäische Kalender in der damals freien Stadt Nürnberg ums Jahr 1472—1474. Fast über einhundert Jahre hindurch hat dieser Regiomontan'sche Kalender andern Kalendermachern zum Muster gedient. Welterpro- phezeihungen, Angabe der vermeintlichen Säetage, Aufzählung der Tage, die gut zum Aderlaß und was dergleichen unsinnige und abergläubische Dinge mehr sind, enthielt aber der erste Kalender nicht. Regiomontanus (er war der berühmteste Sternkundige und Mathematiker seiner Zeit und stand sehr hoch in Ehren bei Kaiser und Fürsten) starb schon, kaum 41 Jahre alt, am 6. Juli 1476 in Rom, wohin ihn der Papst im Jahr 1475 ausdrücklich in den schmeichelhaftesten Ausdrücken hatte einladen lassen, um an der Verbesserung des Kalenders Theil zu nehmen. * Elektromagnetische Diebsfänger. Die Wirkung dieser Vorrichtung, über welche Telegrapheninspektor Frischen in der letzten Sitzung des hannoverschen Lokal-Gewerbevereins einige Mittheilungen machte, besteht darin, daß durch die unbefugte Berührung irgend eines Gegenstandes an einem davon entfernten Orte ein Wecker mittelst eines elektrischen Stromes Lärm schlägt. Die einfache Vorrichtung läßt sich überall leicht anbringen, so daß beim Oeffnen einer Thür, einer Schublade u. dgl., ja selbst schon bei der Berührung dieser Dinge, auch bei Ladenfenstern, durch kleine Febern die Leitung geschlossen wird und der Dieb sich wider Vermuthcn augenblicklich selbst verräth. Die Vorrichtung wild als durchaus zweckmäßig und billig empfohlen. * Paris. Das Echo agricole giebt interessante Daten über das Wachsen der Fleischpreise und die gleichzeitige Abnahme der Fleischkonsumtion. Im Ganzen ist gegen das erste Quartal von 1856 eine Verminderung der Konsumtion um 2 Mill. Kilogr. für das erste Quartal von 1857 eingetreten, und im Vergleich mit 1856 eine Verminderung von 3,200,000 Kilogr. Um den Bedürfnissen der Konsumtion zu genügen, hat die Regierung den Eingangszoll auf fremdes Vieh beträchtlich herabgesetzt, welches sogleich eine beträchtliche Einfuhr veranlaßte. So wurden im Jahre 1856 eingeführt: 41,962 Ochsen, 66,171 Kühe, 35,565 Kälber und Rinder, 326,202 Hämmel. Die Einfuhr nimmt aber ab, ebenso wie in England, weil die Nachbarländer ihre Konsumtion vermehren. * Die gewürzte Suppe. Ein Reisender kommt durchgefroren in eine Dorsschenke, bestellt bei der eben nicht einladend aussehenden Wirthin eine warme Suppe, welche denn auch bald dampfend vor ihm auf dem Tische steht. Zu seinem Erstaunen sieht er in derselben eine große Zimmtrolle gleich einem Wallfisch umherschwimmen, doch läßt er sich's trefflich schmecken und zwar so, daß die ganzen Rudera nur in bewußtem großen Stücke Zimmt bestehen. Beim Adnehmen des Geräths sieht er, wie die Wirthin den Zimmt nimmt, ihn bedächtig durch den breiten Mund zieht und in den Schrank legen will. Erstaunt über dieses seltsame Verfahren fragt der Fremde: "Mein Gott! liebe Frau, was will Sie denn mit dem Zimmt noch anfangen?" »Ja Här!" erwiederte die Wirthin, das Stück Gewürz gleich einer Trophäe in der Hand haltend, „dat hätt' schon manche Supp' gewörzt — und — werd' noch manche wörzen. Frucht - Mittelpreije. Bruchsal, 15. April. Kern 18 fl. 57 kr., Gerste ly fl., Haber 4ff. 55 kr., gem. Frucht 10 fl. 54 kr. Heilbronn, 18. April. Waizen 17 fl. 48 kr., Kern 18 fl., Korn 10 fl. 38 kr., Gerste 11 fl. 33 kr., Dinkel 7 fl. 23 kr., Haber 6 fl. 34 kr. Mainz, 17. April. Waizen 200 Pfd. 13 fl. 45 kr. bis 14 fl. 30 kr., Korn 180 Pfd. 9 fl. 45 kr. bis 10 fl. 15 kr., Gerste 160 Pfd. 8 fl. 30kr. bis 9 fl. frankfurter Canrfe. Pistolen 9. 41'/,-42'/, dto. Preuß. 9. 56-57 Holl. lOfl.-Stücke 9. 47'/,-48'/, Randdukatcn 5. 34 20-Frank-Stücke 9. 19'/,-20'/, Engl. SvuverainS 11. 40-44 Preuß. Thaler — 5-Franken-Thaler 2. 20’/, Preuß. Kaff.-Sch. 1. 45'/,-'/, Redigirt, Druck und Verlag von D. Pfisterer in Heidelberg.