Lan-bote. Verkundigungsblatt der Großherzoglichen Bezirksämter Sinsheim und Neckarbischofsheim. M ro - 51. Dienstag, den 28, April 1857. Erbvorladung. [290] Nro. 2893. Sinsheim. Sebastian Weber, ledig, über 53 Jahre alt, von Adersbach, der im Jahr 1847 nach Amerika gereist ist und seit seiner Abreise keine Nachricht mehr von sich gegeben hat, ist kraft Gesetzes zur Erbschaft seiner verstorbenen Tante, der ledigen Philippin» Weber von Adersbach berufen. Derselbe wird mit Frist von drei Monaten zur Erbtheilung mit dem Bedeuten öffentlich vorgeladen, daß im Nichterscheinungsfalle die Erbschaft lediglich Denjenigen werde zugetheilt werden, welchen sie zukäme, wenn der Vorgeladene zur Zeit des Erbanfalles gar nicht mehr am Leben gewesen wäre. Sinsheim, den 15. Avril 1857. Großh. Amtsrevisorat. Steinmetz. Sinslicimer Casino. Einladung zur Veneralversauimlung. Donnerstag den 7. Mai, Abends 7 Uhr, im Gesellschaftslokal zur Berathnng des Sommerbndget und Aktienver- loosnng. Sinsheim, de» 25. April 1857, Der Sekretär [297] Sautter. Kapital auszu leihen. [296] Bei dem hiestgen Schnlfond liegen 340 st. gegen gerichtliche Versicherung zum Ausleihen bereit. Waibstadt, deü 23. April 1857. Longin Laub, Rechner. Bekanntmachung. [188] Der Unterzeichnete zeigt anmit ergebenst an, daß er für die rühmlichst bekannte , Heilbrunner Bleiche bei Wimpfen a. N. auch dieses Jahr wieder Leinwand, Garn und Faden zu prompter Besorgung annimmt »nd von den neuen Besitzern dieser An- . stalt, den Herren Carl Link und Comp, ermächtigt ist, die Zusicherung zu ertheilen, daß auch fürderhin Alles aufgebvten werden wird, um durch sorgfältige Behandlung und reine Ausbleichung der Bleichgegenstände das in sie gesetzte Vertrauen vollkommen zu rechtfertigen. Sinsheim, im Monat März 1857. W. C. Köllrentter. Jur Geschichte des Tages. Karlsruhe, 25. April. Das heute erschienene Regierungsblatt Nr. 12 enthält: I. Unmittelbare allerhöchste Entschließungen Sr. König!. Hoheit des Greßhcrzvgs. 1) Ordensverleihungen. Se. Kön. Hoheit der Großherzog haben Sich gnädigst bewogen gesunden: dem kaiserl. russischen Geschäftsträger am Großh. Hofe, Staatsrath v. Stolipine, das Kommandeurkreuz mit Stern, dem kaiserl. russischen Kammerjunker, Fürsten Sergius Galitzin das Kommandcurkreuz, dem kaiserl. russischen Legationssekretär, Grafen Wladimir v. Osten-Sacken, und dem kaiserl. russischen Kollcgienaffeffor Basil Tchitcherine bas Ritterkreuz des Ordens vom Zähringer Löwen zu verleihen. Ferner haben Se. Kön. Hoheit geruht, dem Geist!. Rath Wepfer in Krotzingen in Anerkennung seines 50jährigen ersprießlichen Wirkens daö Ritterkreuz des Ordens vom Zähringer Löwen gnädigst zu verleihen. 2) Erlaubniß zur Annahme eines fremden Ordens. Se. König!. Hoheit der Großhcrzvg haben dem großh. Direktor am neuen Männerzuchthause in Bruchsal, Julius Fücßlin, die nachgesuchte Erlaubniß gnädigst zu ertheilen geruht, den ihm von Sr. Maj. dem König von Preußen verliehenen Ro« then-ZIdler-Orden vierter Klaffe annehmen und tragen zu dürfen. 3) Dicnstnachrichtcn. Se. König!. Hoheit der Großherzog haben Sich gnädigst bewogen gefunden: den Postverwalter Franz v. Lamezau auf sein Ansuchen bis zur Wiederherstellung seiner Gesundheit in den Ruhestand zu versetzen; den bei dem bisherigen Weiberzucht- und Arbeitshaus zu Bruchsal angcstell. ten Vorsteher Szuhany daselbst zum Vorsteher der polizeilichen Verwahrungsanstalt zu ernennen; den Pfarrer Zandt in Badenweiler zu pensioniren. II. Verfügungen und Bekanntmachungen der Ministerien. 1) Bekanntmachung des großh. Ministeriums des großh. Hauses und der auswärtigen Angelegenheiten: Die Ausdehnung der von dem Königreich beider Sizilien den Erzeugnissen des Zollvereins bei der Einfuhr zu Wasser zugestandcnen Begünstigungen auf die Einfuhr zu Land betreffend. 2) Bekanntmachungen des großhzgl. Ministeriums des Innern: a) Den Sportelansatz und Stempelgebrauch bei Betreibung von Forderungen im Verwaltungswege betreffend, b) Die Patentertheilung an Joh. Fe- lir Bapterasses aus Paris betreffend, c) Die Patentertheilung an Al. H. Dufresne aus Paris betreffend, st) Die Staatsgenehmigung von Stiftungen betreffend. 6) Staatsgenehmigung von Stiftungen im Oberrhcinkreise betreffend, f) Staatsgenehmigung von Stiftungen im Seekreise betreffend. 3) Bekanntmachung des großh. Ministeriums der Finanzen: Den Zustand der Wittwenkasse für die Angestellten der Zivilstaatsverwaltung im Jahr 1856 betreffend. (Stand des Vermögens der Anstalt am 1. Jan. d. I. 525,524 fl. 24 kr. [41,268 fl. 1 kr. mehr, als am 1. Jan. v. I.]; Zahl der Mitglieder am 1. Jan. d. I. 3702 [75 mehr, als am 1. Jan. v. I.]. III. Dicnsterledigungen. Die erste evangelische Pfarrei Neckarbischofsheim mit einem Kompetenzanschlag von 1567 fl. 58 kr. Die erste evangelische Stadtpfarrei Mosbach, mit dem neu re- gulirten Kompetenzanschlage von 1346 fl. 38 kr. Die zweite evangelische Stadtpfarrei Moöbach, deren Kompetenzanschlag einschließlich einer Geld - u. Naturalkvinpetenz beim Stift Mosbach nebst freier Wohnung 800 fl. beträgt. IV. Todesfall. Gestorben ist: Am 29. März !. I. der katholische Pfarrer Franz Taver Ochsenrcutcr in Grafenhausen, Amts Ettenheim. Karlsruhe, 24. April. Gestern hat hier die alljährige Generalversammlung der Aktionäre des deutschen Phönix statt- gcfunden. Deui Vernehinen nach ist das den Aktionären von der Direktion mitgetheilte Ergcbniß des abgclaufencn Geschäftsjahres als ein sehr günstiges zu bezeichnen. Die Dividende beträgt 16% Mannheim, 21. April. Der Tag unseres großen Musik- festes, bei dem 840 Sänger und Sängerinnen und 160Jnstru- mentalisten Mitwirken werden, ist auf den 14. Juni bestimmt. Um keine Kollisson mit der Kirche zu bekommen, wird man, falls die Frohnleichnamsprozession auf diesen Tag verlegt werden sollte, mit der Produktion später beginnen. Als Fcstoper am Sonntag Abend ist >,Operon" gewählt. — 196 — Mannheim, 22. April. Die Menagerie von Kreuzberg ist wieder abgezogen, ohne sich den Schaulustigen geöffnet zu haben. Sie wurde dazu, wie man hört, durch die hohen Abgaben bewogen, die man ihr städtischcrseitS verlangte. Dieselben sind überhaupt für alle derartigen Sehenswürdigkeiten sehr bedeutend und betragen z. B. für Theater, Armenhaus und dergl. allein ca. 10 kr. vom Gulden. Es ist dies auch der Grund, weßwegen englische Reiter und derg. nie hier auftrcten können. Darmstadt. Einer der Haupthähne der Diebeszunft ist wieder auf längere Zeit unschädlich gemacht: Jakob Schneider von Dicuheim, welcher bereits 7mal verurtheilt und von seinen 56 Lebensjahren nicht weniger als 35 im Zuchthause verbracht hat, wurde von der Jury vorgestern zu weiteren 6 Jahren geschärfter Zuchthausstrafe und nachher zur Stellung unter 5jäh- rige Polizeiaufsicht verdammt. Berlin, 19. April. (SM.) Im Herbst sollen hier Manöver in großartigen, Maßstab stattfinden und mehrere auswärtige Souveraine dazu eingeladen werden. Mau hält es incht für unwahrscheinlich, daß die Reise des Kaisers Napoleon nach Berlin, von der schon einmal gerüchtweise die Rede war, sich bei dieser Gelegenheit verwirklichen könnte. Zu Rokitten im Großherzogthum Posen hat ein lOjäh- rigcr Knabe, ein in Lügen, Dieberei und Schmutz schon tief versunkenes Kind, um einen Tags zuvor begangenen Diebstahl zu verdecken, daS Rettungshaus, in dem er ausgenommen worden war, in Brand gesteckt und diese schon seit 25 Jahren bestehende wohlthätige Anstalt in Schutt und Asche gelegt. Posen, 17. April. Nicht allein in Rußland, sondern auch im Königreich Polen ist gegenwärtig ein panischer Schrecken unter Denen verbreitet, welche zu den Armeelicferungen während des letzten Krimfeldzuges in irgendwelcher Beziehung gestanden haben. Die Betrügereien und Unterschleifc sollen in der That ins Unglaubliche gehen und erwiesenermaßen bereits mehrere Millionen Rubel Silber betragen. Nun aber hat nach dem entschiedenen Willen des Kaiser Alexander die frühere Straflo- sigkeit für dergleichen „kleine Nachlässigkeiten« aufgchört, und Kriegs- und Zivilgerichte sind beschäftigt, alle Schuldigen bis in die höhern Dienstsphären hinauf zu ermitteln und dem unnachsichtigsten Strafurtheil zu unterwerfen. Stettin. Nachdem Militär zum Getreidetragen herangezogen wurde, haben die Sackträger sich wieder zur Arbeit eingestellt. Paris, 22. April. Wie das „Paps« heute mittheilt, wird der Großfürst Konstantin am 30. d. in Paris eintreffen und bis zum 16. Mai hier verweilen. Während seiner Anwesenheit werden große Hoffcstlichkeiten in Paris, Versailles und Fontainebleau, eine große Soiröe im Stadthause, ein Wettrennen im Bvulogner Walde, eine Jagd zu Fontainebleau und eine große Parade auf dem Marsfclde stattfinden, die große Oper wird zwei Festvorstellungen geben. Der russische Prinz wird am 16. Mai Paris verlassen, um sich nach Bordeaux zu begeben, wo er sich an Bord der kaiserlichen Nacht „Königin Hortense« einschiffen wird. London. Die englischen Behörden haben nun einen wahren Kreuzzug gegen die Bäcker begonnen, welche Alaun mit Mehl in der Brodsabrikation gebrauchen. Dr. Normamby hat das Brvd der meisten Bäcker von London untersucht und fabelhaste Quantitäten Alaun gefunden. Es ist hier so weit gekommen, daß man in den metstcu Häusern selbst Brod backt, wie es auf dem Lande üblich ist. Mehrere Bäcker kündigen in der „Times" ärztliche Zeugnisse an, daß ihr Brod unverfälscht sei. Alaun vermehrt die Weiße des Brodcö und gibt demselben ein Ansehen, als ob es von dem seinsten Mehle bereitet wäre. Der Alaun benimmt dem Mehl jede nährende Kraft und macht Gluten (den am meisten nährenden Bestandtheil) wie „Waschleder", um den Ausdruck des offiziellen Untersuchers zu gebrauchen. Die Gimpel-hitrobe. Humoreske aus dem wirklichen Leben von Ed. Gottwald. (Aas der „Ltip;. Allg. Mvdezeitung.") (Fortsetzung.) Voll Angst und Zagen sah diesmal Lisbeth der Ankunft ihres Vaters entgegen, den sie noch nie mit einer Unwahrheit hintergangen und der sich im Stillen schon auf die ihm voll dankbarer Liebe entgegen eilende Braut des Postmeistersohnes freute, und vor Ungeduld, seinen Gimpel zu finden, nach der ersten zärtlichen Begrüßung der Tochter nicht bemerkte, wie dieser eben nicht froh und bräutlich selig zu Muthe war, die aber nun übel oder wohl dem Vater in das Zimmer seiner Lieblinge folgen mußte, um seine Freude theilcn zu helfen. Auf seine Frage: ob der Gimpel denn während der Tage seines Hierseins >chon recht viel gesungen, stotterte Lisbeth hoch- roth vor Scham, zu immer neuen Lügen ihre Zuflucht nehmen zu müssen, daß er hin und wieder ein Stückchen habe hören lassen, daß eS aber in der Wirthschaft zu viel zu thun gegeben, und sie dem Gimpel keine besondere Aufmerksamkeit habe schenken können. Wenig befriedigt durch diese Antwort trat der Bürgermeister um so erwartungsvoller seinem Liebling näher, aber statt zu singen, flatterte der Gimpel beim Anblick eines ihm noch fremden Gesichts ängstlich im Käfig auf und ab, während sämmtliche Sprosser, Amseln, Grasmücken, Kanarienvögel, Finken und Zeisige beim Anblick ihres Beschützers ein so gräßliches Charivari als Freudengruß des Wiedersehens anstimmtcn, daß des armen Gimpelö klägliches Tin, tiu, zerr tick! zerr tick! kaum vernehmbar dem lauschenden Bürgermeister zu Ohren kam. Vergebens verschwendete derselbe eine Menge von aufmunternden Schmeichelworten, d^r Gimpel schwieg, oder brachte höchstens sein Tiu tiu rc. hervor und kopfschüttelnd entfernte sich endlich der Lauschende und suchte sich mit dem Gedanken zu trösten, daß der Wechsel des Aufenthaltes an diesem ungewöhnlichen Schwelgen des Virtuosen Schuld trage; Lisbeth aber, welche die Falten des Unmuthcs im Antlitz des alten guten Vaters wohl bemerkte, überhäufte sich im Stillen mit bitter» Vorwürfen, daß sie aus Furcht vor des Vaters zu befürchtendem Zorn und aus Liebe zu Wilhelm zu einem Betrüge die Hand geboten, dessen Folgen zuletzt doch den Liebenden Unheil bringen mußten. Hatte der Gimpel in Lichtenfels unaufgefordert gesungen, so mußte er auch in Kronau wieder dahinter kommen, so schloß der Bürgermeister und trotz der momentanen Verstocktheit deS so theuer Erkauften wurden des andern Tages sämmtliche Ornithologen teö Städtchens zu einem bescheidenen Butterbrode bei Bürgermeisters eingeladen, um dem Lonsul regens Gelegenheit zu geben, durch die Virtuosität des bereits schon berühmt gewordenen Wundervogels einen Triumph feiern zu helfen, wie er ihn längst schon gewünscht. AIS, daher der Abend anbrach, waren im großen Familienzimmcr des Bürgermeisters der Primarius, der Stadtrichter, der Rektor und Amtmann, der Kreis- physikuS um einen runden Tisch von mächtigem Umfange vereinigt, auf welchem im prachtvollen messingenen Käsig der Gimpel sich befand und verwunderungsvoll auf das ihn so zahlreich umgebende Auditorium schaute, während der Bürgermeister von Zeit zu Zeit ihm schmeichelnd zuricf: „Nun, mein Mätzchen! Nun!" und dabei irgend eine der bekanntesten Liedermelodieen vorpfiff. — Aber vergebens, der Gimpel schwieg und der Bürgermeister stand wie aus Kohlen. „Sonderbar!" begann endlich der Primarius und brach daS für die Anwesenden peinigend werdende Schweigen. „Sehr sonderbar!" murmelte der Rektor, als wieder eine Pause von mehreren Minuten vorüber und der Gimpel nach wie vor stumm blieb. 197 — „Es ist vielleicht zu viel Geräusch hier!" fügte der Stadtrichter spöttisch hinzu, denn es herrschte eine Todtenstille im Zimmer. „Oder hat sich der Kerl überfressen?" lachte der Doktor. Dem Bürgermeister brach der Angstschweiß aus und Lisbeth zitterte vor Furcht der Entdeckung des Betrugs wie vom Fieber geschüttelt. „Alles das ist es nicht!" nahm belehrend der Apotheker Las Wort. „Ich kenne einen ähnlichen Fall wie diesen, wo ebenfalls einer der gelehrigsten Gimpel stumm blieb, trotz all' meinen Bitten." „Gott sei Dank!" seufzte tief aufathmend der Bürgermeister. „Also es ist doch schon da gewesen." „Ja wohl", setzte beruhigend der Apotheker hinzu. „Sie selbst tragen, wie ich damals, die Schuld, daß der Trotzkopf nicht singen will." „Und wodurch?" „Man muß einen Singvogel der Art nicht Abends auf die Probe stellen, sondern Vormittags. Darum lassen wir es heute, wo offenbar nichts aus diesem Gimpel herauszubringen und versammeln wir uns morgen Vormittag hier und wir werden eines Bessern belehrt werden, wenn er überhaupt etwas kann. „DcrSakan hat unaufgefordert vier Stunden lang inLichten- fels gesungen, daß es eine Lust war," betheuerte der Bürgermeister. „Nun dann morgen Vormittag um elf Uhr!" rief der Primarius und erhob sich, während die Uebrigen dem beistimmend ebenfalls aufbrachen und der Bürgermeister wenige Minuten später mit Lisbelh und dem Gimpel allein war. „Jetzt geht es los!" flüsterte Lisbeth angsterfüllten Herzens und richtete verstohlen den Blick nach dem Vater, welcher grollend den verstockten Gimpel betrachtete und dann ärgerlich ausrief: „Es ist doch nichtswürdig! Hier hält dieser Galgenstrick den Schnabel, wo es galt mir einen Triumph zu verschaffen und dort in der Postmeisterei jagte ein Gassenhauer den andern. — Der Vogel muß krank sein." „Aber sein Futter schmeckt ihm doch, lieber Vater," wagte Lisbeth all' ihren Muth zusammennchmend zu entgegnen. „Sollte denn Wilhelm unterwegs ein Unglück gehabt haben?" bemerkte argwöhnisch der Bürgermeister. „Gewiß nicht," bctheuerte Lisbeth und dies war nicht gelogen. Denn das Unglück hatte sich ja in Lisbeths Zimmer zugetragen. „Aber, lieber Vater," fuhr sie schüchtern fort: „Es verliert ja über Nacht manch berühmter Opernsänger die Stimme, warum nicht auch ein Gimpel." „Schnick Schnack!" grollte der Bürgermeister. „Das mag auch eine noble Art von Stimme sein, die so mir nichts Dir nichts verloren geht. Nun, wir wollen sehen, ob der Apotheker Recht hat und der Abend die Schuld trug, denn sonst bin ich bla- mirt und um meine ganze Autorität gebracht." „Wie wird nun dies noch enden!" seufzte Lisbelh still für sich und eilte in die Küche, um dem Vater nicht weiter Rede zu stehen, der mit sich und der ganzen Welt unzufrieden und dabei den für zwei Louisd'or erkauften so nichtswürdig stöcklschen Gimpel zu allen Teufeln wünschend, in sein Schlafgcmach sich zu- rückzog. Der Morgen des nächsten Tages brach an und schon früh um vier Uhr mußte dem Bürgermeister der Kaffee in's Zimmer der Singvögel gebracht werden, wo derselbe tiefbekümmert Zeit und Athem nutzlos verschwendete, um den Gimpel zu bewegen, nur eine der vielen Melodien nachzupfeifen, die er demselben vorpfiff. Aber umsonst, der Gimpel brachte nichts hervor als Tiu, Tin rc., und Lisbeth, die Zeuge dieser vergeblichen Bemühungen war, litt innerlich um so schmerzlicher, da sic wohl einsah, daß sie jetzt unmöglich es wagen konnte die Wahrheit zu gestehen und auch nebenbei noch durch einen erpressen Boten von Lichtenfels aus ein Briefchen bekommen, worin ihr Wilhelms Vater den wohlgemeinten Rath ertheilte, den beigefügten Bitten seines Sohnes Gehör zu geben und bei der Aussage stehen zu bleiben, daß dies der von Wilhelm überbrachte Gimpe! sei, im Fall der Vater zu zweifeln beginne, da ja bald eine glücklichere Stunde schlagen werde, wo Beide als reuige Sünder dem Getäuschten würden beichten können, welche Bewandtniß es mit der Verstocktheit des Virtuosen habe. Lisbeth blieb daher nun nichts übrig, als von Gewissensbissen gequält, die Nähe des Vaters so viel als möglich zu vermeiden und sie erschrack daher nicht wenig, als dieser plötzlich in die Küche trat, wo sie mit der alten Magd allein war, und sie mit scharfen finstern Blicken beobachtend, ausrief: "Wenn Du mir nicht betheuert hättest, daß der Gimpel, als ihn Postmeisters Wilhelm hierher gebracht, gesungen hätte, so würde ich glauben, daß hier irgend eine Jntrigue mit im Spiele wäre, denn es ist alle Mühe vergeblich, nur etwas Singbares aus tiefer Canaille zu bringen." "Lieber Vater, gesungen hat er, wie ihn Wilhelm brachte, das kann ich beschwöre,,", stotterte Lisbeth, und dies war auch nicht gelogen, denn der Gimpel hatte noch das Lied aus Lorle vom nahen Rathhauödache herabgesungen, ehe er fortgeflogen war. »Wollte der Himmel, wir hätten diesen unglückseligen Gimpel nie ins Haus bekommen", setzte sie halb weinend hinzu und brach dann in ein lautes Schluchzen tiefer Reue aus, die der Vater für den sichersten Beweis ihrer kindlichen Zärtlichkeit und iniugcn Thcilnahme an seinem Mißgeschick annahm, und mit den Worten: "Na, laß es nur gut sein, Lisbeth!" ihr die Wangen strich und sich wieder entfernte, die Magd aber mürrisch auSrief: "das hat der Herr Bürgermeister von seiner Alfanzerei mit den nichtsnutzigen Schreihälsen!" Lisbeth aber, obgleich beschämt durch des Vaters Güte, mußte sich gestehen, daß es ihr und Wilhelm nur Unheil bringen würde, wenn sie jetzt mit der Wahrheit an den Tag trete und dem Geliebten Recht gab, daß dies so ein dummer Vogel nicht werth sei. Aber was alle Bitten seiner Tochter, alle Neckereien seines Freundes, des Postmeisters nie erreicht hätten, das war dem Gimpel gelungen: der Bürgermeister war durch die ihm unerklärliche Verstocktheit des Letzter» zu der Uebcrzeugung gelangt, daß es nachgerade Zeit sei, seine übertriebene Vorliebe für ab- gcrichtete Singvögel aufzubeben; als daher die zehnte Morgenstunde vorüber und all' seine Bemühungen vergeblich blieben, irgend eine Melodie aus dem Gimpel hervorzulocken, vernahm Lisbeth mit Ueberraschung den Auftrag, das Beste und Feinste, was Küche und Keller biete, herbeizuschaffen und für die sich bald zur Prüfung einfindendcu Ornithologen Kronaus zum Frühstück bereit zu halten. Schluß folgt.) Land- und Hauswirthschaft. Mittel zur Vertilgung der Mäuse. Man nehme ungelöschten, gestoßenen Kalk und mische hiezu die gleiche Quantität Mehl und etwas gestoßenen Zucker, gieße so viel Milch hinzu, daß eS einen Teig gibt und mache hieraus Kügelchen, welche nach dem Urthcile von Oekonomen sowohl auf dem Felde als im Hause mit bestem Erfolge angewcndct worden sind. Ein Vorthcil beim Melken. Ein aufmerksamer Land- wirth hat die Bemerkung gemacht, daß diejenigen seiner Melkkühe, welche den einen seiner Wärter zur Pflege hatten, jederzeit viel milchreicher waren, als alle übrigen, ungeachtet alle gleiche Sorgfalt bei der Wartnug erhielten. Der Landwirth entdeckte endlich, daß an diesem Umstand nur ein Vortheil beim Melken Ursache war, den dev schlaue und kluge Wärter verheimlichte. Er überzog nämlich jedesmal bei der Melkung die Finger mit weichem, angefcuchtetem Leder oder Leinwand und erklärte, daß er dadurch beiz Milchkühen das Gefühl am Euter beibnnge, als ob der sanfte kühle Druck beim Saufen des Inn- — 198 — gen wirke, wodurch die Milch sehr reichlich gegeben werde, wenn es gleich nach dem Absetzen der Kälber geschehe, während ihnen die dürren Daumcngelenke eine unangenehme Empfindling verursachen, wodurch die Thätigkeil der milchabsondernden Gefäße theilwcise aushöret und das Euter nach und nach zusammen- schrumpfet, somit die Milch versiege. — Seither ließ der Ei- genthümcr Däumlinge von Gummi-Elastikum für die Melker verfertigen, die noch wirksamer sein sollen. Miszellen. * Heldenmüthige Aufopferung eines Negers in Riol Janeiro. Das DampfschiffPernambucana, welches am 6. September v. I. von Rio Grande do Sul nach Rio Janeiro absegclte, wurde am folgenden Tage des Abends von einem heftigen Sturme überfalle», mit dem es zwei ganze Tage zu kämpfen hatte. Am 8. hatte es bereits sein Steuerruder verloren und am 9. in der 11. Stunde des Vormittags mußte es der Kapitän, der kein Mittel zur Rettung des Fahrzeuges mehr sah, bei einer Stelle, die Arroyo da Cruz heißt, auf den Strand laufen lassen. Der Ort ist etwa drei Seemeilen vom Kap Sta. Martha cutsernt. Trotz aller Anstrengungen des Kapitäns, welcher den Passagieren in der Kajüte zu bleiben empfahl, verloren 50 Perionen in dem Sckiffbruche das Leben. Mitten in diesem grauenvollen Kampfe, wo jeder Andere, unbekümmert um das Schicksal der Gefährten, nur an die Rettung des eigenen Lebens dachte, stürzte ein freier Neger, Namens Simäo, sich kühnen Muthes in das brandende Meer und schwamm zehnmal vom Schiffe ans Ufer und wieder zurück vom Ufer nach dem Schiffe, indem er jedesmal in seinen kräftigen Armen ein Opfer trug, welches er dem wüthenden Elemente entrissen hatte. Nachdem er den Weg zehnmal gemacht, suchte Simäo, erschöpft von der furchtbaren Anstrengung und nach Athem ringend, sich ein wenig auf dem Uscr- rande zu erholen, als eine Mutter mit Thränen und gerungenen Händen auf ihn zugestürzt kam. „Meine Kinder!" rief sie in höchster Angst, „meine armen Kinder! Retten Sie sie!" Simäo hörte nur auf die Stimme der Menschlichkeit und wagte sich noch einmal in das unbarmherzige Meer. Er kam glücklich mit dem einen Kinde wieder. „Auch daS andere!" flehte die unglückliche Mutter, und zum zwölften Male sprang der brave Afrikaner in die Fluthen. Er vergaß seine Müdigkeit im Anblicke dieses mütterlichen Schmerzes und kehrte mit dem zweiten Kinde vom Schiffe nach dem Strande zurück. „Da, Madame", nun dürfen Sie nicht mehr weinen." Jetzt endlich glaubte er sein edclmüthiges Werk vollendet zu haben. Er streckte sich nieder und schöpfte Athem, als er plötzlich einen neuen Hülfcruf vernahm. Ein armer Blinder war auf dem Wrake zurückgeblieben. Ter Unglückliche erwartete mit Bestimmtheit den Tod. Die Reste des Fahrzeugs konnten alle Augenblicke vor der Gewalt der Wogen zerschellen. Aber Simäo sprang empor und ging zum dreizehnten Male nach dem Fahrzeuge. Mit unerschütterlicher Scelcnstärke warf er sich dem Sturme entgegen und schwamm dem Blinden zu Hülfe. Gott krönte auch diesmal sein großherziges Wagniß mit seinem Segen, und er hatte das Glück, die dreizehnte Mcnschcnscele aus dem Rachen des Todes zu reißen und der Erde wiederzugeben. Eine Sammlung, die zu Rio-Janeiro zum Besten dieses Schwarzen, der vcrheirathet und Vater ist, veranstaltet wurde, hatte, als diese Nachricht nach Europa befördert ward, bereits 20,000 Fr. eingebracht, und der Kaiser von Brasilien hat denselben mit einer Ehrcnmcdaille, begleitet von einer beträchtlichen Geldsumme, belohnt. Erwähncnswcrth ist der Umstand, daß der Neger ganz erstaunt ist über den Enthusiasmus, den seine Handlungsweise erregt hat, die ihm ganz einfach und natürlich dünkt. * Vor ungefähr zwei Monaten verlor Hr. S . . . ., rin Rentier der Rue du Bac in Paris, eine Brieftasche, in welcher sich in Banknoten und Papieren su porteur uygefähr 100,000 Franken befanden. Es war Dies fast sein ganzes Vermögen, und man kann sich leicht denken, wie sehr er über seinen Verlust bestürzt war. S . . . . hatte gerade an diesem Tage seine Freunde zu Tisch geladen. Er hatte indeß so viel Gewalt über sich, seinen Schmerz zu verbergen, und Niemand aus der Gesellschaft ahnte/ von welchem Verluste das Familienoberhaupt betroffen worden, obgleich man seine gewöhnliche heitere Laune vermißte. Gegen das Ende der Mahlzeit benachrichtigte man Hrn. S . . . ., daß ein junges Land- mädchcn ihn dringend zu sprechen wünsche. S . . . . ging in das Vorzimmer und traf dort ein hübsches 14- bis 15jährigcs Landmädchen. Sie näherte sich ihm und sagte mit rührender Einfalt: "Ich sehe Ihnen wohl an, daß Sic traurig sind, ich bringe Ihnen Freude.,- Bei diesen Worten zog sic die verlorene Brieftasche hervor und bchändigte sie Herrn S . . . . Dieser, zitternd vor Freude, umarmte das Mädchen, drückte eö an fein Herz und zog eö mit sich in den Saal, wo sich seine Gäste befanden. „Meine Freunde — rief er aus — wünschen Sic mir Glück! Dieses Kind gibt mir Leben und Glück wieder.» Hierauf erzählt dr seinen Verlust und seine wunderbare Rettung. Das junge ehrliche Mädchen, Julia Berthaut, war das einzige Kind einer in der Nähe von Paris wohnenden Wittwe. Julia war in die Stadt gekommen und hatte auf dem Quai Voltaire das werthvolle Portefeuille gefunden. Eiu darin befindlicher Brief belehrte sie über die Adresse des Eigenthümers, und sie eilte ihn der Bestürzung zu entreißen. Um seine Dankbarkeit zu beweisen, sicherte S . . . . dem Mädchen eine lebenslängliche Rente von 500 Fr. zu und bot ihr 500 Fr. Lohn, wenn sie in seine Dienste treten wolle. Das Anerbieten wurde angenommen; aber daS arme Mädchen sollte das ihm zu Theil gewordene Glück nicht lange genießen: nach kurzer Krankheit starb sie. S . . . . glaubte sich indeß dadurch seiner Verbindlichkeit nicht enthoben, sondern übertrug die Rente von 500 Frs. auf Juliens unbemittelte Mutter. Karlsruhe. (B. Cntbl.) Die Ein- und^lusfuhr von Getreide, Hülsensrüchte und Kartoffeln, welche vom Auslande in das Großhcrzogthum eingcführt worden sind, betrug im Monat Februar 1857: Getreide Hülsenfrüchte. Kartoffeln. Es sind eingegangcn über Bruchsal . . . . . Heidelberg ..... Mannheim . . . . . Zentner. 83,335 1,590 1,664 Zentner. 12 Zentner. Summa 86,589 12 — davon wurden wieder ausgeführt 30,396 — — verblieben somit im Jnlande 56,193 12 —* Frucht - Mittetpreije. Bruchsal, 22. April. Kernen 16 fl. 48 kr., Korn 11 fl., Gerste 9 fl. 55 kr., Haber 5 fl 33 kr., gem. Frucht 10 fl. 58 kr. Hcilbronn, 25. April. Walzen 18 fl. 2 kr., Kernen 18 fl. 10 kr., Gerste 11 fl. 27 kr., Dinkel 7 fl. 26 kr., Haber 6 fl. 31 kr. Mainz, 24. April. Waizen 200 Pfd. 14 fl. 15 bis 45 kr., Korn 180 Pst. 10 fl. 10 bis 20 kr., Gerste 160 Pst. 9 fl. 20 kr. bis 8 fl. 40 kr. Pistolen dto. Preuß. Holl. lOfl.-Stücke Randdukaren 20-Frank-Stücke frankfurter Laurfe. 9. 41 9. 55-56 9. 47-48 5. 33 9. 20 Engl. Sonoerains 11. 40-44 Preuß. Thaler — 5-Franken-Thaler 2. 20'/, Preuß. Kaff.-Sch. l. 45'/«