Der Lan-bote. Verkündigungsblatt der Großherzoglichen Bezirksämter Sinsheim und Neckarbischofsheim. M ro - 77. Samstag, den 27. Juni 1857. Cinladung zum Abonnement. Mit kommendem Monat beginnt wieder ein neues Abonnement auf den „Landboten". Die verehrlichen Abonnenten werden ersucht, ihre Bestellungen bei den Großh. Postanstalte» zeitig machen ;n wollen, vamit keine Unterbrechung in der Zusendung cintritt. Der Abonnementsprcis für ein halb Jahr beträgt 1 fl. 30 kr.; Eiurückungsgebühr für die Zeile oder deren Raum 3 kr. Zu zahlreichen Bestellungen ladet ergebenst ein _ Heidelbe rg, den 12. Juni 1857. Die Expedition des tandbotcn. 1429) Die Handhabung der Baupolizei betr. Beschluß. Nro. 9495. Sämmtliche Bürgermeisterämter werden benachrichtigt, daß Gesuche um Genehmigung von Bauplänen als Dienstsache zu behandeln sind, und drßhalb keine Gebühren dafür in Anrechnung gebracht werden dürfen. Es ist hiernach auch kein Stempelpapicr zu den keßfallsigen Verhandlungen und Vorlageberichten zu verwenden. „ Sinsheim, den 23. Juni 1857. Großherzoglich bad. Bezirksamt. Otto. £430] SÄ'Jlro. 9480. Nachdem geze» das Gesuch der Wittwe des t Taglöhners Christoph Vogt II. von Ziizenhausen, Anna Maria geh. Kerner < veröffentlicht in Nro. 57 deS Landboten von diesem Jahre) keine Einsprache erhoben worden ist, wird dieselbe nunmehr in den Bosizz und die Gewähr der Ver- laffcnschaft ihres gedachten Ehemannes eingewiesen. Sinsheim, den 23. Juni »857. Großherzoglich bad. Bezirksamt. B o d e nr ü l l e r. Kapital auszuteihen. ]4!7] Bei dem Unterzeichneten liegen 800 st. PstegschaftSgeld zum Ausleihen bereit. Sinsheim, den 20. Juni 1857. C. Hunkele, Apotheker. Kopfbogen Rentämter rc. liefert die Buchdruckerei von D. Pfisterer in Heidelberg. Deutscher Phönix. Badische und Frankfurter Feuer-Versicherungs-Gesellschaft. £375] Folgendes sind die Resultate der in der zwölften General-Versammlung am 23. April 1857 abgelegten Rechnung des Jahres 1856. Grundkapital.. fl. 5,500,000. Im Jahr 1856 abgeschlossene Feuer- Versicherungen . .... - 425,156,613. Einnahme für Prämien und Zinsen. * 944,993. Total-Summe der baaren Reserven. 942,525. Der Protokoll-Auszug und Rechnungsabschluß können bei den Unterzeichneten Bezirks-Agenten eingesehen werden, welche sich gleichzeitig zur Besorgung von Ver- sicherungs- Aufnahmen empfehlen. In Sinsheim, Gebrüder Ziegler, - Rappenau, Ferd. Niebergall, Agenten des Deutschen Phönix. Jur Geschichte des Tages. Karlsruhe, 25. Juni. Ihre Königliche Hoheiten der Großherzog und die Großherzogin werden sicherem Vernehmen nach zu Anfang der nächsten Woche von Baden in die hiesige Residenz zurückkehren. Vom untern Neckar, 23. Juni. Die Früchte stehen fämmtlich sehr gut und ist jetzt wohl nicht mehr, wenn nicht außerordentliche Ungstückssälle riutretrn, an einem gesegneten Jahre zu zweifeln. Besonders gut gedeiht der Reps, wcßhalb auch ein Abschlag des OeleS zu erwarten steht. Die Trauben haben zum Theil schon verblüht, zum Theil blühen sie noch. Für sie ist die Witterung, wie wir sie in den letzten Tagen haben, sehr förderlich, so daß nicht nur die Hoffnung auf einen guten Herbst immer mehr wächSt, sondern auch einzelne Wcin- sorten im Preise gewichen sind. Uebrigcns nimmt der Wein- verbrauch bei unS immer mehr ab, und tritt das Bier an dessen Stelle. Bon der Enz, 21. Juni. Aus der nach dem heutigen Hauptgottesdienste verlesenen Ansprache unserer obersten evangelischen Kirchenbehörde hat man entnommen, daß die am Reformationsfeste v. I. zum Besten der in den katholischen Lan- tcstheilen zerstreut wohnenden evangelisch-protestantischen Christen erhobene allgemeine Kollekte an 4000 fl. betragen habe, welche an sechs dürftige Gemeinden dieser Art verthcilt wurden. Zu gleichem Zwecke ist nun auf daS diesjährige Rrfor- mationsfest, welches nächsten Sonntag gefeiert werden wird, wiederum eine Kollekte dem dankbaren Sinne geordneter evangelischer Gemeinden empfohlen worden. Frei bürg, 24. Juni, Nachm. 2 Uhr 45 Min. (Telegraphische Depesche der Karlsr. Ztg.) Hier ist die Nachricht verbreitet, in Furtwangen wüthe seit gestern Mittag ein furchtbarer Brand, heute Morgen hätten bereits 21 Häuser nebst der Kirche in Asche gelegen, und heute brenne eS noch fort. Das Feuer habe in dem Gasthaus zur „Sonne" angefangen. Frei bürg, 25. Juni. Nicht leicht kann man sich einer in jeder Beziehung günstigeren Witterung erinnern, als wir sie zum Schlüsse des Juni, und wie es bei dem starken Ostwinde scheint, von Dauer, erhalten haben. Die Heuernte ist — 296 — nun bald vollendet und kommt so glücklich in die Scheunen, als man cs nur wünscben kann. Was noch Abends gemäht wird, kann des ankern Abends schon heimgrsübrt werde», ohne daß man es nur zu wenden braucht. Der Früchte und Kartoffel» stehen allenthalben, wie man cs nnr wünschen kann. Die Rebe» haben dieses Jahr in ihrer Dlüthe den Vvrthcil, daß dieselbe vollkommen gleichmäßig ist; da in wenigen Tagen Alles verblüht habe» wird, so ist bei günstiger Witterung rin früher und daher auch guter Herbst zu erwarte». Zudem steht man jetzt erst, wie viele Saamen sich noch »achentwickelt haben, »achtem man nach früheren ungünstigeren Tagen schon rin geringeres Erlrägniß zu erwarte» geneigt war. No» der Eschach, 23. Juni. Die Heuernte ist, begünstigt von herrlicher Witterung, bei uns in vollem Gang. Das Ergcbuiß ist besser, als mau erwartete. Bel Graevcrstcige- rnngrn finde» sich immer viele Liebhaber ein und bezahlen hohe Preise. Meistens geschehen, diese Ankäufe von Bauern, die sonst eigenes Futter genug haben und nur dadurch ihre Nieh- zucht »och vermehre» wollen. Der Mangel an Handarbeitern bei dieser Ernte ist sehr fühlbar, da sich keine Würtemberger, wie in sonstigen Jahren geschehen, melden. Bei der Getreideernte wird dieser Mangel »och größer werden, obgleich die Löhne sich sehr gesteigert habe». Nom Schwarzwald, 24. Juni. Leider ist unsere Ahnung zur Gewißheit geworden: Das gcwerbreiche Städtchen Fnrtwangc» wurde gestern zum großen Thcil durch Feuer zerstört. Zweiuutzwanzig Häuser und die Kirche mit ihrem herrlichen Geläute liegen in Schutt und Asche. Das Feuer entstand — wie am 19. d. — im Gasthaus zur "Sonne", dessen Zerstörung durch die Flammen angeblich seit einiger Zeit prophezeit ward. Unter den abgebrannten Häusern sind auch die Apotheke, das Gasthaus zum "Engel", das Haus des Hrn. vr. Duffücr, zwei große Bauernhöfe. Das Gasthaus zur „Krone" wurde zwar gerettet, ist aber sehr beschädigt. Daö Gerücht läßt eine alte Frau vermisse». Vieles Vieh hat den Flammentod gefunden. Der Schade» ist groß, aber größer noch der Schrecken; de»», die Prophezeiung und die Drohung soll kaum zur Hälfte verwirklicht sein. Möge doch das gestrige Ereigniß der Schluß dieses schaucroolle» Drama'S sein und die Vergeltung nicht ausbleiben! Am ober» Neckar finden sich Wcinstöcke in Menge, welche 40 bis 50 Trauben tragen. In einem Weingarten zu Weinöberg soll sogar ein Weinstock 1200 Trauben augesetzt haben. Auch aus dem Rhcingau wird gemeldet, daß die Aussichten auf einen Kometenwein vortrefflich wären. Kirchhcim u. T., 22. Juni. Wollmarkt. 1. Tag. Schon gestern haben sich die Hauptkäufer eingefundc» und die Vorräthe angesehen, was auf große Kauflust schließen ließ; es hat sich dies min auch bewährt, indem der Markt kaum begonnen und schon viele Käufe theils zu de» vorjährigen Preise», theils mit Aufschlag vo» einige» Gulden abgeschlossen wurde». Ungeachtet heute schon mehr Wolle auf Lager als fernd, so scheine» die Verkäufer doch gute Geschäfte zu mache». Die schöne Wasch wird allgemein gerühmt, auch finden die neuen Einrichtungen nngetheilten Beifall. — Die Freiherr!, v. Ellrichshansen'sche Wolle auö Lndwtgshöhe wurde ju 141 fl. verkauft. (St. - A.) — 23. Juni. Mit dem Verkauf der Wolle ging cs gestern so rasch, daß bas vorhandene Quantum zum größten Theil und zugleich mit einem Aufschlag Anfangs von einigen Gulden bis zu 15 fl. gegen die fernbigcii Preise verkauft wurde. Für hochfeine Wolle haben erlöst: das Kön. Institut Hohenheim 177 fl., die Hofdomäue Seegut 166 fl., Frhr. v.Stau, fenberg 164 fl., von den übrige» Parthieu sind die Preise »och nicht bekannt; für Mittelwolle wurde von 130—140 fl. bezahlt. Diese» Morgen kommen massenhafte Zufuhren an nnd wird die ankommende Wolle alsbald von Käufer» umringt. Bei der schönen Wasch, sind die Käufer mit der Wolle, und die Verkäufer mit de» erzielten Preise» sehr zufrieden. Darmstadt, 24. Juni. Dem russischen Kaiscrpaar, welches zum erstenmale als solches unsere Statt besucht, wird ei» freundlicher Empfang bereitet. Die Kaiserin ist die Schwester »nscreö Großherzogs, der Kaiser Ehrenbürger unserer Stadt, der er schon viel Gutes erwies, und in derselben von seinem mehrmaligen längere» Aufenthalt als Großfürst her sehr beliebt und allgemein verehrt! Mainz, 23. Juni. Mit den Umbauten im hiesigen Dome wird gegenwärtig begouucn. Frankfurt, 24. Juni. Nach gestern hier eingetroffenen Depeschen werten die russischen Majestäten nächsten Montag, den 29. Juni, Nachmittags 2 Uhr, in Gtcßen cinkreffen. Hrn. Ried, Besitzer des "Russischen Hofes-- dahier, ist der Auftrag geworden, sämmtliche» Bedarf für die kaifcrl. Tafel am ge« nannten Tage »ach Gieße» zu liefern. Frankfurt. Es kursircn falsche Noten der Brannschwci- gigcn Bank, die sich von den ächten durch sehr schlechtes, weiches und graues Papier, breiter» und tunklern Ucberdrnck unterscheiden und denen über dem 0 in dem Namen Löbbecke der Punkt fehlt. Frankfurt. Man kann jetzt mit der Eisenbahn in einem Tag von Frankfurt a. M. nach Bern komme». Die letzte Strecke dieser Bahn ist vor einigen Tagen dem öffentlichen Verkehr übergeben worden. Winkel, 23. JnUi. Gestern Abend ist Fürst Metternich nebst Gefolge auf der Rhcingaucr Eisenbahn hier eingetroffc», und hat sich sogleich auf Schloß Johannisberg begebe». Wiesbaden, 24. Juni. Dem Vernehmen »ach bildet sich in hiesiger Stadt eine Gesellschaft zur Erbauung einer großartigen Bierbrauerei auf Aktien. Hanau, 23. Juni. Seit wenige» Tagen sind hier mehrere Selbstmorde vorgcfallc». Ein Soldat hak sich auf dem Posten am Schlosse Philippsrnhe zu Kcssclstadl erschossen, weil er nicht mit den übrigen Soldaten im Maine baden wollte. Ob seine Weigerung eine Folge der Furcht vor dem Wasser oder in einem aiideren Grunde zu suchen war, ist nicht genau bekannt. Ein anderer Soldat hat sich i» seinem Quartirr entleibt nud ein hiesiger Bürger den Tod des Erhängens gewählt. (F. I.) Speyer, 22. Juni. Am 18. d.,M. hat sich in Hiesiger Stadt zur Rcalisirung des Speyer-Bruchsaler Eisrnbahnpro- jekrcs ein Komitee konstirnirt. Würzburg. Bei der nächste» Schwurgerichtssitzung kommt eine ganze Bande jugendlicher Diebe, über 20 Köpfe, zur Abnrtheilung. Diese Spitzbube», zum großen Theil aus Baden und Hessen-Darmstatt gcbürtigt, triebe» sich längere Zeit streunend herum und verübten eine große Menge von Diebstähle», worauf sie sich handwerksmäßig genährt zu haben scheinen. München. Dieser Tage ist eine Sendung Hvsbrauhans- bockbier »ach Paris abgegaiigcn. König Mar hat denk Kaiser Napoleon damit ein Geschenk gemacht. Herford, 20. Juni. Dem Vednclimen »ach wird ein großer Theil unserer Zuchthaus-Gefangenen in Kurzem einem neuen Industriezweige zugcführt werden; es heißt, daß dieselben für ein Bremer Haiidlungshans als Zigarren-Arbeiter werden verwandt werden. Berlin. In sämmtliche» Fabriken aller Branchen ist vollauf zu thnn, und der Arbeitslohn ist so hoch wie je, entsprechend der Nachfrage wie dem hohen Preise der Lebensmittel; der Lohn für Arbeiter beim Hänserbau ist neuerdings um 2 bis 4 gute Groschen gestiegen. Nach i» Danzig eingrgangrnen Nachrichten ist auf dem Flußdampfer Thor» beim Stromanfwärtöbugsiren der Kessel — 297 — gesprungen infolge dessen das Schiff zerstört und einige Menschen getaktet. Zu Rzrslow in Galizien schlug am 11. Juni rin furchtbares Hagelwetter über -8000 Fensterscheiben zusammen. Die Nokh war groß, da die Glaser natürlich weikans nicht genug Scheiben vorräthig batten. Den Schaden an den Feldern re. schlägt man auf 290,000 fl. an. Zürich, 20. Juni. Kaum ist die Gasbelcuchtung auf Aktien eingeführt, und hat sich als ein sehr rentables Geschäft gezeigt, so tritt eine Aktirnbäckerei in's Leben, die im Stanke ist, täglich das Brod von 100 Etr. Mehl zu liefern, waö einem Minimum von 13,000 Pfd. Brod gleichkommt. Der Backofen ist nach dem Modell der LoulanAeiiv cenlialo in Paris gebaut. Die ersten Probe» sind sebr befriedigend ausgefallen, und die Resultate derselben als sreundliche (zugleich spekulative) Bescheerung an die Waisen-, Blinden-, Taubstummen- und Pfrüudanstalt verschenkt worden. Schumt'gerrchtsverhandlimgen. Mannheim, 23. Juni. In der heutigen geheimen Siz- znng wurde Elisabctha Graser von Ladenburg des Kiiidsmords für schuldig erklärt und hierwegen zu 4jährigcr Zuchthausstrafe verurtheilt. Das Verbrechen war von ihr zu Weinhcim, woselbst sie vor ihrer Verhaftung im Dienste gestanden hat, verübt worden. Das Haidemadchen. (Fortsetzung.) Diese höhnischen Worte verletzten Johanna in tiefster Seele und ohne etwas zu erwidern, nahm sie Wckibalds Brief, ging auf ihr Zimmer, warf sich auf den saiiimtncn Divan und weinte die bittersten Thräncn. Plötzlich aber sprang sie auf und rief: Ich will an Wi- kibald schreiben — will ihm alles entdecken, was mein Herz quält — hier versteht mich ja doch Niemand! Damit setzte sie sich an den prächtigen Sekretär und schrieb in einem so schmerzlichen Ton an Wilibald, als ob sie niemals eine Stunde in cinein Salon der Residenz zugcbracht hätte. „Und wenn die kalten Menschen hier auch meine Anhänglichkeit a» die Heimath und meine Liebe zu dir und Georg bespötteln," schrieb sie am Schluß des Briefes, — „im tiefsten Grunde meines Herzens da wcrd' ich eurer gedenken bis zum Tode." Mit einer unaussprechlichen Freudigkeit siegelte sie den Brief und übergab ihn dem Bedienten mit der. Weisung, denselben augenblicklich auf die Post zu tragen. war ihr, alö ob sie nun gegen alle Gefahren, die ihrer vicbe drohte», gewappnet sei. Der Präsidentin war der üble Eindruck, den ihre höhnischen Worte auf Johanna gemacht hatten, nicht entgangen uNd sie beschloß, in Zukunft behutsamer zu Werke zu gehen. Da sie bemerkt hatte, daß Johanna, so oft sie einige Stunden einsam auf ihrem Zimmer zubrachte, jedesmal wehmüthig gestimmt wurde, so suchte sie alles mögliche hervor, um ihre Richte zu zerstreuen, und führte sie von einer Vergnügung zur andern: Spazierfahrten, Konzerte, Landparthiecn, Bälle, Schauspiele und Opern füllten im bunten Gemisch den Tag auS. Johanna war zu empfänglich für all die neuen, unbekannten Genüsse und zu arglos und unerfahren, als daß sie den Zweck der Präsidentin hätte durchschauen können. Da die letztere sich außerdem sorgfältig hütete, ihre Nichte irgendwie in die trübseligen Mysterien der feinen Welt cinzuweihen, und ihr nur die glänzende Seite derselben vorführte, so fand Johanna nach und nach Geschmack an der neuen Lebensweise und wunderte sich manchmal im Stillen, womit sie doch einst in der Einsamkeit der Haide ihre Zeit hkngebracht habe. Verglich sie ferner das Aeußere der sie täglich und stündlich umlagernden Herren mit dem ihres Wilibald, so mußte sie allerdings ihrer Tante bcistimmen, daß ihr Geliebter darin den erster«« weit nachstche. Zivar besaß sie hinreichenden Scharfblick, um die Worte, welche sie auö dem Munde dieser zierlichen Herren hörte, alS leeres Geschwätz zu erkennen; — da sie aber von ihrer Tante belehrt «vnrdc, daß dergleichen Redensarten mit zum noblen Ton gehörte», so verlor sich ihr natürlicher Widerwille gegen die faden Schmeicheleien, welche inan ihr sagte, unvermerkt mehr und mehr, und die schlichten, treuen, herz, lichcn Worte ihres Wilibald, denen sie einst mit stillem Entzücken gelauscht, klangen nur noch dann und wann wie leise Grüße aus einem verblühten Frühling in ihre», Herzen wieder. So entschwand ein Monat nach dem andern. Die Fluren crstarben, die Blätter fiele» und alles strömte vom Lande zurück in die Stadt, um die versäumten Feste nachzuholeit. Da Johanna auf ihren letzten Brief an Wilibald keine Antwort erhalten hatte, worüber sie sich in den wenigen ein» samrn Stunden, die ihr noch geblieben »varcn, oft heimlich bekümmerte, so schrieb sie eines Morgens, als sie lauge nach Mitternacht auö einer glänzenden Soiree hcimgckehrt war, vor Schlafengehen noch eilig einige Zeilen an ihn, welche eine kurze Schilderung ihres jetzigen bewegten Lebens und die dringende Bitte uni baldige Antlvort enthielten. Unterdessen verfolgte die Präsidentin rastlos ihren Plan u«rd bemerkte mit Freuden, daß Johaiiua's Bekehrung, wie sie sich ausdrückte, leichter und schneller von statten gehe, als sie gehofft hatte. Alphons unterstützte seine Mutter in diesen Bekehrungs- Operationen auf eine wahrhaft bcwirndcrnswerthe Weise. Obwohl er wußte, daß eine Verbindung zwischen ihm und Johanna der sehnlichste Wunsch seiner Mutter war, so würde er deßhalb auch nicht einen einzigen Augenblick von dem bisher betretenen Wege abgrivichen sein, denn schon manche Parthie, die ihm seine Mutter vorgeschlagen, hatte er mit Spott von sich gewiesen. Dagegen schien er sich von Johanna's reinem, kindlichen Gemüth «nächtig angezogen zu fühlen, denn seit ihrer Ankunft war er wie umgewandrlt. Hatte er früher die höheren Zirkel der Residenz 1111 t einer Art von Verachtung vermieden, so war er nunmehr einer der eifrigsten Besucher derselben — fand er doch Johanna daselbst, das lebensfrohe, unbefangene Mädchen, das ihm, als einen Verwandten, mit volle«» Vertrauen entgc- genkam und fröhlich stundenlang mit ihm plauderte. Da er der einzige unter all den feinen Herren war, der ungezwungen und frclinüthig redete und sich niemals einer nichtssagenden Floskel im Gespräch mit ihr bediente, so war es sehr natürlich, daß sich Johanna gleich von Anfang an gern mit ihm unterhielt. Da die Präsidentin diesem vertraulichen Verhältnisse auf alle Weise Vorschub zu leisten suchte, so mußte sie es stets so ein- richtcn, daß Alphons in Johanna's Nähe kam. Bald mußtc er sie aus dem Konzert abholen oder ins Schauspiel führen, bald eine Spazierfahrt oder eine Schlittenfahrt mit ihr «nachen — und Johanna folgte ihrcin interessanten, schönen Kousin, der nur darauf dachte, ihr eine Freude zu bereiten, mit kindlichem Frohsinn von Vergnügung zu Vergnügung. So konnte eö nicht fehlen, daß man in der ganzen Stadt die Verbindung von Alphons und Johanna als eine ausgemachte Sache ansah; keiner aber ahnte im Eutferntcsten, welch' einen niederträchtigen Plan der erstere gegen seine Mutter und Johanna' gcschiniedet hatte. . Sechs Monate waren bereits verstrichen, seitdem Johanna die letzte Nachricht von Wilibald empfangen hatte. Auf ihre beiden Briefe war keine Annoort erfolgt. Wilibald hat mich gewiß vergessen! seufzte sie eines Abends, als sie unmittelbar vor dem Beginn eines glänzenden Balles ein», sam am Fenster stand und traurig in den verschneiten Garten hinabblickte, den sie auS ihrem Zimmer überschauen konnte. — 298 — Dir Tante hat am Ende doch recht, daß er mit seinem einfachen Sinn nicht für die Residenz paßt. Er sieht rö vielleicht selbst ein und hat mich aufgcgrben — hätte er rü nicht grthan, lieble er mich noch — er würde gewiß längst geschrieben habe»! Sie lehnte die heiße Slirn an die eisige Fcnstcricheibe und schaute mit einer Thräne im Auge gen Norden zum fernen Horizont, wo einzelne helle Sterne aus düflern Winterwolken hervorbrachen. Dort hinter jenen dämmernden Hügeln, im grünen Haite- thal, da war ich glücklich, glücklich so recht von Herzensgrund! sprach sie leise vor sich hin. Hier eil' ich von Vergnügung zu Vergnügung, von Freude zu Freude — aber mir »st's immer, als könnt' rS hier nie Frühling werten, alS blühten die schönste» Blumen nur draußen unter dem klaren Himmel in dem weiten Gvttesgarten! Der eintretcnde Bediente, welcher meldete, daß der Wagen vvrgefahren sei, unterbrach sie in ihren wchmüthigen Trau- mereicu. Sie nahm Hut und Shawl und ging iu's Zimmer der Präsidentin, deren scharfes Auge gleich bemerkte, baß die Bekehrung Johannas doch noch nicht so ganz vollendet sei. Eie hat einmal wieder an die dumme Haide gedacht und an ihren simplen Liebhaber und an den allen Bauern! flüsterte sie mit grimmigem Blick ihrer Tochter zu; 'S ist wirklich merkwürdig, wie schwer cö hält, ein Mädchen vom Laude zur Raison zu bringen! Ohne sich weiter darüber gegen Johanna zu äußern, stieg sie mit ihr und Scraphine in den eleganten Wagen und bald hatten alle drei in dem glänzend erleuchtete» Ballsaale Wch- muth, Spott und Grimm, Haide, Hirt und Liebhaber vergessen. Einige Wochen später, es war kurz vor dem Weihnachtö- fest, schritt der alte Georg cineS Morgens einsam über die tief verschneite Haide der Gegend zu, wo die Residenz lag. Eö tagte noch kaum im Osten, als er an dem Hause vorbeikam, wo Johanna einst gewohnt hatte, und klar blickten noch die Sterne vom reinen Wintcrhimmel hernieder. Ringsum war alles still — nur danu und wann ging daö Wehen des Windes durch die grünen Zweige eines einsamen Wachhvlderstrau- cheS, oder krähten die Hähne in den fernen Dörfer», den Morgen an. Georgs langjähriger Begleiter, sein treuer Huud, war nicht bei ihm. Es läßt mir keine Ruhe, sprach der Greis mit schmerzlichem To» leise vor sich hin, ich muß wisse», ob cs wahr ist, was wir gestern der Bertram gesagt hat, baß Johanna nächstens einen vornehmen reichen Herrn aus der Residenz heirathet! Ich mag und» kann es nicht glauben, es würde dem Herrn Wilbald den Tod bringen-und mir auch! setzte er rief- aufseufzend hinzu. Die beiden sind auf der Welt ja die einzige», um die eö sich noch verlohnt zu leben! — Der arme, arme Herr Wilibalv! Zuerst erhielt er Briefe, über die er sich bitter grämte, und nun kommen gar keine mehr! Ja, ja, mir ahnt' rö wohl, als Johanna fortging, daß sie der Strudel der Welt mit fortrrißen würde! Aber Gewißheit will ich habe», — dieser Wechsel von Angst und Hoffnung ist bittrer als der Tod! Es dunkelte schon, als Georg am ankern Tage in der Residenz anlangte. Alle Straßen waren tief verschneit, aber trotzdem wogte ein buntes Leben darin auf und nieder. Georg war seit langen, laugen Jahren in keiner Statt gewesen; das Getümmel und daö helle Licht das aus den wunderschöne» hohen Häusern quoll, verwirrten seine Sinne, es war ihm, als halte ihn ein trügerischer Zauber gefangen. Die vielen freudigen, goldschimmernden Sachen in den prächtigen Läden und die laute, jubelnde Lust, die ringsum ertönte, bildete» einen schneidenden Gegensatz zu seiner tiefen Trauer. Da er den Namen der Straße, in welcher Johanna wohnte, vergessen hatte, so mußte er erst einige vergebliche Fragen thun, ehe er jemanden traf, der chm daö HauS brr Präsidentin Austein bezeichnen konnte. Nach langem Umherirren gelangte er endlich dorthin und zog mit zitternder Hand an der Thürglocke. Ein rcichgckleiteler Portier öffnete und rief dem Greis mit barscher Stimme zu, waS er begehre. Und als dieser zögernd fragte, ob er nicht das Fräulein Johanna Palmer auf einige Minuten sprechen könne, maß ihn jener mit höhnischen Blicken und versetzte: Das gnädige Fräulein ist mit der Frau Präsidentin im Theater und fährt von da zu einem,Ball. Euer Anliegen wird hoffentlich wohl bis morgen früh Zeit haben! (Fvrt,ctzung folgt.) Miszellen. * Aus Kuhschnapel wird gemeldet: Vor einigen Tagen ereignete sich hier rin schreckliches Vorkommniß. Ei» Gewitter brach aus und der Blitz schlug in eine Dame ei», oder vielmehr in ihren Crinoline-Untcrrock, der mit feinen stählernen Reifen versehen war. Der elektrische Strom schien an diesem Kleidungsstück ein besonderes Vergnügen zu haben, denn er schlängelte sich gleich dem cingenähten Draht sechsmal um dasselbe herum. Die Dame mußte sich natürlich mitdrehen. Einen merkwürdigen Anblick bot die vom Blitz getroffene Crinoline; nach Schmelzung der Reife schrumpfte sie zusammen, und die Dame sah aus wie eine gedörrte Zwetschge! Glücklicherweise hat der Strahl nicht gezündet. Die Dame selbst ist außer Gefahr. Der Blitz fühlt sich zwar in der Regel nur durch spitzige Gegenstände angezogen, wenn ihm aber etwas zu rund ist, schlägt er auch darein. * Ei» diebischer Spektakel fand kürzlich in Berlin eine sehr komische Auflösung. Während eine Wittwe mit ihren unerwachsenen Kindern zum Abendessen bei Tische saß, erscholl von der Küche her wiederholt ein Geräusch, so als ob mit einem festen Körper gegen Holz geschlagen würde. Man horchte; daS Geräusch wiederholte sich. Einer sieht den Andern an und in Aller Mienen ist Angst und Bestürzung zu lesen. Offenbar sind Diebe draußen, aber Niemand getraut sich, in die Küche zu gehen. Endlich kommt der Mutter ein Gedanke. Sie öffnet das nach der Straße hinausführende Fenster des Wohnzimmers und ruft: Diebe! Diebe! Die ersehnte Hülfe bleibt den« auch nicht aus. Vorübergehende eilen die Treppe hinauf. Die Kücheuthür aber ist verschlossen. Man pocht an und nun erhalten auch die Bewohner deS ZimmerS so viel Muth, in dieselbe cinzudringcn, um den Succurs hereinzulassen. Scheu umherblickcnb, sieht man nichts Zweibeiniges, wohl aber etwas Vierbeiniges, nämlich die Hauskatze, die, um von der Milch zu nasche», ihren Kopf in den Milchtops hineingezwängt har, und nun vergebliche Anstrengungen macht, um sich der porzellanen Kappe wieder zu entledigen. Dies war daS Geräusch gewesen, bas man für ein diebisches gehalten. * »Seid ihr der Herr vom Hause?» srug ein berittener Reisender einen Gastwirth auf dem Lande, an dessen Hause er anhielt. — »Ja, Herr, ich bius nun, — weine Frau ist seit drei Wochen todt!» war die Antwort. frucht Mittelpreije. Heilbronn, 24. Juni. Waizen 19 9. 35 kr.. Kernen 19 fl. 45 kr.. Korn 11 fl. 36 kr., Gemasch 12 ft. 27 kr., Gerste 11 st. 49 kr., Dinkel 8 fl. 4 kr., Hafer 8 fl. 9 kr. Pistolen dto. Preuß. Holl. lvft.-Stücke Randdukaten 20-Hrank-Stück« frankfurter Courfe. 9. 49-4l 9. 58'/,-57'/, 9. 487,-47/, 5. 31-32 9 . 207 ,- 21 ’/, Engl. Souvera ins 11. 44-48 Preuß. T Haler — 5-Frankcn-Thaler 2. 20/, Preuß. Kajs.-Sch. l. 45/«*% Redigirt, Druck und Vertag von D. Pfisterer in Heidelberg.