Der Lan-bote. Verkündigungsblatt der Großherzoglichen Bezirksämter Sinsheim und Neckarbischofsheim. W°- 80, Samstag, den 4. Juli 1857. Bestellungen auf den Landboten für das zweite Semester wollen bei den Großhz. Posten gemacht werden. Die ordentliche Konskription für das Jahr I8S8 detr. Da nunmehr die Vorarbeiten zur Konskription für das Jahr 1858 beginnen, so werden in Gemäßheit des § 17 des Kon- skriptionsgesetzcs von 1825 alle Badener, welche vom 1. Januar bis mit 31. Dezember 1857 das zwanzigste Lebensjahr zurück- gelegt haben oder znrücklegen, hiermit aufgefordert, sich bei dem Gemeinderalh ihres Ortes zu melden oder anmelden zu lassen, sofort am 15. August d. I. sich zu Hause einzufinden, um auf Vorladung vor der Aushebungsbehörde persönlich erscheinen zu können, oder aber bei Zeiten die Erklärung abzugeben, daß sie, wenn sie durch das Loos zum Dienste gerufen werden, einen Mann cinstellen, widrigenfalls in Ermanglung eines nach § 22 des Konskriptionsgesetzes untauglich machenden Gebrechens dieselben als tauglich angesehen und — im Falle sie das Loos zum Militärdienste trifft — nach Vorschrift des § 4 des Gesetzes vom 5. Oktober 1820 als Ungehorsame behandelt werden sollen. Die Großh. Kreisregieruugen werden beauftragt, für Bekanntmachung vorstehender Aufforderung auch durch die Lokalblätter und auf die für Verkündungen in den einzelnen Gemeinden vorgeschriebene Weise Sorge zu tragen. Karlsruhe, den 18. Juni 1857. Großh. Ministerium des Innern. v. Stengel. vstt. v. Scherer. Die Konskription pro 1858 betreffend. Beschluß. Nr. 9861. Sämmtliche Bürgermeister des Amtsbezirks werden angewiesen, die im Regierungsblatt Nr. XXV Seite 286 erschienene Aufforderung Großh. Ministeriums des Innern vom 18. Juni, welche oben abgedruckt ist, den zu versammelnden Gemeinden noch weiter durch Ausschellen und öffentlichen Anschlag gehörig bekannt zu machen, sofort aber genau nach den bestehenden Verordnungen und der gedruckten Instruktion für die Konskriptionsvorbcreitungsbehörden die Aufstellung der Aufnahmslisten ordnungsmäßig zu bewirken, und dieselben nebst Beilagen längstens bis 1. August d. I. bei Vermeidung einer Geldstrafe von 15 fl. und Absenkung von Strasbvten anher einzusenden. Dabei sehen wir uns veranlaßt, den Bürgermeistern resp. den Vorbereitungsbehörden folgendes zur genauen Beobachtung einzuschärfen: 1) Die Namen der Pflichtigen sind in alphabetischer Ordnung und in fortlaufender Reihe jeder unter einer besonder» Nummer in die Listen einzutragen; 2) Die Vornamen müssen vollständig eingetragen werden, und wo Vor- und Zunamen Zweier oder Mehrerer gleich sind, mit Beisetzung der angenommenen Unterscheidungsbezeichnung; 3) Alle in der Gemeinde Geborene, wenn sie auch der Gemeinde nicht mehr angehören, müssen in die Aufnahmslisten ausgenommen werden, und es ist in Bezug auf Letztere in die Rubrik: »Bemerkung" unter Hinweisung auf die betreffenden Verhandlungen einzutragen, wohin sie abgegeben worden sind; 4) Bei den Brüdern und Schwestern ist anzugeben, ob sie ledig oder verheirakhct, wie alt sie sind, und bei den Ersten ist noch zu bemerken, ob sie im Militär für sich dienen oder gedient haben, ob sie eiugestanden sind, ob sie nach ausgehaltener Kapitulation oder früher wegen Untauglichkeit, oder aus welch' anderm Grunde entlassen wurden. 5) Sind die Eltern oder eines derselben gestorben, so ist das Jahr des Todes anzugeben; Vornamen und Gewerb des Vaters ist ebenfalls einzutragen; 6) Die Großh. Pfarrämter wurden in Folge höherer Anordnung veranlaßt, bei Mittheilung der Kirchenbuchsauszüge folgende Rubriken cinzuhalten: »Ordnungszahl, Vor- und Zunamen des Kindes. Tag der Geburt, Tag des Todes, Bemerkung." Verzeichnisse, in welchen diese Rubriken nicht eingehalten wurden, dürfen nicht angenommen werden, sondern sind den betreffenden Pfarrämtern zurückzugeben. 7) Bei den noch lebenden Pflichtigen ist in der Aufnahmsliste Jahr, Monat und Tag der Geburt und die Religion bei- zusetzcn; 8) Unter der Rubrik: "Bemerkungen" ist weiter anzuzeigen, wenn ein Pflichtiger ein unter § 22 des Konskriptionsgesetzes aufgeführtes Gebrechen hat, oder angibt, und es müssen im Falle behaupteter Stummheit, vollkommener Taubheit, Geisteszerrüttung oder Blödsinnes zugleich zwei tüchtige Zeugen zur eidlichen Abhör vorgeschlagen oder aber ein Kund- barkeitszcugniß des Gemeindcraths beigelegt werden. Wird ein äußerlich nicht sichtbares Gebrechen angemeldet, so ist ein Protokoll darüber aufzunehmen und die Zeugen ebenfalls darin aufzuführen; auch in der Rubrik "Bemerkung" darauf zu verweisen; Ebenso muß unter dieser Rubrik bei Ausgewanderten angeführt werden, in welchem Jahr die Auswanderung geschah, ob mit oder ohne Staatserlaubniß, erster» Falls ist die deßfallsige amtliche Verfügung mit Tag und Nummer beizusetzen. 9) Die Aufnahmsliste muß 8 Tage zur Einsicht der Gemeinde aufgelegt werden, und daß dies geschehen, im Protokoll ausdrücklich beurkundet werden; — 308 — 10) Vor der 8tägigen Auflage der Aufnahmsliste ist eine Aufforderung wegen Anmeldung um Dienstbefreiung oder Ge, brechen durch Anschlag an die Verkündigungstafel, sowie durch die Schelle zu erlassen, und dazu eine Frist von 8 Ta- gen zu bewilligen, auch daß dies geschehen ausdrücklich in dem Protokoll zu bemerken; 11) Die Verordnungen wegen Dieiistbcfreiungsgesuchen (Auzcigeblatt 1831 Nr. 52 Seite 293—296) müssen wohl beachtet, und die Gesuche auf besondere Impressen geschrieben werken; 12) Die Mittheilungcn an andere Vorbereitungsbehörden müssen nach Maßgabe der Instruktion gehörig und mit möglichster Beschleunigung geschehen und hierüber im Protokoll und dessen Beilagen Nachwcisungen gemacht werden; 13) Die Protokolle über die Vorberpitungsverhandlniigen sind nach Maßgabe des Anhanges zur Instruktion für die Vor, bereitungsbehörden mit strenger Einhaltung der vorgeschriebenen Fristen und Absätze vor versammelter Vorbereitungs, behörde aufzunehmen und jeweils sogleich von sämmllichen Mitgliedern derselben zu unterzeichnen; 14) Von der ausgestellten Aufnahmsliste ist eine Abschrift zu fertigen, welche vom Rathschreibcr zu beglaubigen und in der Gemeindcregistratnr anfzubcwahren ist. Wir erwarten die pünktliche Befolgung dieser Anordnung und möglichste Beschleunigung der Sache. Sinsheim, den 1. Juli 1857. Großhcrzoglich bad. Bezirksamt. [437] Otto. Die Handhabung der Gcsindcordnung betreffend. Au die Bürgerme'ster des Bezirks: Nr. 9779. Es find in neuerer Zeit vielfache Klagen eingclaufen, Laß Dienstboten ihrer Dienstherrschaft gegenüber ein an, maßendes und pflichtwidriges Verhalten annehmcn, ihre Arbeit versäumen und dem Trünke sich ergeben. Ein solches Benehmen kann nicht geduldet werden und verstößt gegen die Bestimmungen der Gcsindeordnung vom 15. April 1809, wornach die Dienst, boten schuldig sind, ihrer Dienstherrschaft mit Ehrerbietung und Bescheidenheit zu begegnen, deren Bestes zu befördern, Schaden und Nachtheil so viel an ihnen ist, abzuwendcn, und ihre Arbeit pünktlich und unverdrossen zu schaffen. Die Bürgermeister werden veranlaßt, diesem Gegenstand ihre volle Aufmerksamkeit zuzuwenden, das Verhalten der Dienst, boten überwachen zu lassen und deren Vergehungen gegen die Dienstherrschaft strenge zu bestrafen. Sinsheim, den 29. Juni 1857. Großherzoglich bad. Bezirksamt. [438] Otto. [439] Reichartshausen, Amts Neckarbi- schofsheim. Liegenschaftsversteigerung. Mit vbervvrmundschnstiicher Genehmigung werden Montag den 6. Juli l. I., Mittags 12 Uhr, auf dem diesseitigen Geschäftszimmer den Philipp Groß alt Erben dahier der Erbvertheilnng wegen folgende Liegenschaften öffentlich versteigert: 1) 1 Morgen 1 Viertel 19 Ruthen Ackerland. 2) 1 Viertel 19 Rnthen Wiesenland und 3) 20 Ruthen Wald. Reichartshansen, den 22. Juni 1857. Das Bürgermeisteramt. Reinmuth. Zick, Rathfchreibcr. [441] Ncidenstein. Fahrnißversteigerung. k 'Sn Folge richterli- kcher Verfügung wer- ^^ peii in dem Pause zu Neidenstein/^^E«» folgende Gegenstände» Mittwoch den 18. Juli d. I., Vormittags 10 Uhr, gegen gleich baare Zahlung einer öffentlichen Versteigerung ansgesetzt: 1) Ein rothbraunes Kalbenrind, % Jahr alt. 2) Zwei Paar Lauferschweine. Sinsheim, den 2. Juli 1857. Der Gerichtsvollzieher I - k e l. uf bevorstehende Erndte verlaufe ich reinen Ueberrheincr Wein die Maas z» 12 Kreuzer an aufwärts. Zugleich emvfehle ich mein wohlaffortirtes Lager in feiner» Ueberrheincr, Oberländer und Markgräfler, rothen und weißen Weine bestens. Neckargemünd, im Juli 1857. [440] J. F. Meiizep. Maurer-Gesellen. [432] Tüchtige Arbeiter können Beschäftigung erhalten gegen st. 1 bis fl. 1. 4 kr. Lohn per Tag. Auch können Parthien im Accord Lirbeiten, wo der Mann st. 1. 30 kr. bis fl. 2 per Tag verdienen kann, bei Zkaver Hoffmann, Maurermeister in Mannheim. Iur Geschichte des Tages. Sinsheim, 1. Juli. (Bad. Ldz.) Nicht miintercssant dürste die Mittheilung sein, daß seit Kurzem bei dem eine halbe Stunde von hier entfernten, im Elscnzthale liegenden Orte Steinsfurth auf Kosten des Bankiers Reinhardt in Mannheim, unter der Aufsicht und Leitung eines Obersteigers, Versuche nach bergmännischer Ausbeute angestcllt werden, welche, wie verlautet, nicht ohne den gehofften Erfolg zu bleiben versprechen. Es leuchtet ein, daß das Gelingen solchen Unternehmens nicht ohne Einfluß auf die Zugsricbtung der künftig zu erbauenden Odcnwaldbahn sein könnte. Möge das Bestreben des Herrn Reinhardt von dem besten Erfolge gekrönt werden! Karlsruhe, 1. Juli. In der letzten Zeit ist eine Anzahl Arbeiter aus geschäftlichen Gründen, wie sie jeweils in allen Etablissements Vorkommen, aus der hiesigen Maschinenfabrik entlassen worden. Dies scheint da und dort die Befürchtung erweckt zu haben, daß der Stand dieses in den fünf Jahren seines Bestehens so schön aufblühenden Geschäftes eine weitere Reduzirung seiner Arbeitskräfte erfordere. Sicherm Vernehmen nach ist jedoch Dem nicht so, da zu den noch aus- zuführenden Bestellungen, welche gegenwärtig noch eine Arbeiterzahl von mehr als 600 Mann beschäftigen, in der jüngsten Zeit namhafte neue Aufträge, worunter achtzehn Stück Lokomotiven »für die königl. preußische Saarbrücker Eisenbahn, hinzugckommen sind. Die preußische Regierung ist bekanntlich sehr streng in ihren Anforderungen für dergleichen Arbeiten, und da die Bestellung von erwähnter Eisenbahn-Behörde erst crtheilt wurde, nachdem höhere Elsenbahn-Beamte von der Leistungsfähigkeit des hiesigen Etablissements und von den aus demselben hervorgcgangciien Lokomotiven auf verschiedenen Bahnen der Schweiz, Badens und Preußens rc. Einsicht genommen hatten, so gibt dieselbe einen erneuerten Beweis der Gediegenheit der Fabrikate dieses vaterländischen Instituts und eine erfreuliche Garantie für dessen ferneres Gedeihen. Pforzheim, 30. Juui. Leider muß ich auch über ein Brandunglück berichten. Gestern Abend brannten in dem zum diesseitigen Oberamtsbezirke gehörigen Dorfe Ncuhauscn neun Gebäude (Wohnhäuser und Scheuern,) darunter das Schulhaus, gänzlich nieder. Der Brand begann gegen 9 Uhr in der zum Gasthaus zur Sonne gehörige» Scheuer. Das Wirths- — 309 — Haus selbst litt keinen Schaden; hingegen war die nahe Kirche sehr gefährdet und hatte das Feuer schon den Thurm derselben ergriffen. Menschenleben sind zum Glücke nicht zu beklagen; auch konnten die meisten Habscligkeiten aus den verbrannten Wohnhäusern gerettet werde». Baden, 2. Juli. Sc. Mas. der König von Würtemberg ist gestern Nachmittag hier eingetroffen. Freiburg, 30. Juni. (K. Z.) Aus einem dieser Tage ergangenen Sendschreiben des Hrn. Erzbischofs an die Geistlichkeit der Diözese Freiburg entnehmen wir Folgendes: Als am 8. April des Jahres 1832 der hl. Geist mich ungeachtet meiner großen Unwürdigkcit zur bischöflichen Würde erhob, konnte ich nicht ahnen, daß nach Umfluß von zehn Jahren meinen schwachen Händen der Hirtenstab zur Leitung der großen Freiburger Erzdiözese werden anvcrtraut werden, und noch weniger konnte ich ahnen, daß nach Umfluß eineö Biertcljahrhunderts dieser Stab noch in meinen Händen ruhen werde. Gott in seiner unendlichen Barmherzigkeit hat cs gefügt, daß ich in meinem 84. Lebensjahre das 25jährigc Bischofsjubiläum feiern durfte .... Es drängt mich, die Gefühle des tiefsten Dankes gegen Gott vor Euch, geliebteste Brüder, vor Allem auszusprechcn, weil Ihr Alle, wie ich mit freudigstem Herzen ans Eueren liebevollen Zuschriften ersehen, auch meine Jubelfeier als eine besonkers erbarmuugsrciche Fügung des Herrn erkennet, Ihn darob lobpreiset und Ihm Dank saget .... Daß ein heiliger Eifer für das göttliche Reich Euch beseele, das habt Ihr bei Gelegenheit meines Jubelfestes nicht blos durch Worte kundgegeben, sonder» Ihr habt auch für alle kommenden Zeiten eine schönes Denkmal Eurer wahrhaft priesterlichen Gesinnung in der »Erzbischof Hcrmannsstif- tung» gesetzt, die Ihr aus reichlichen Liebesgaben, theils aus Euren eigenen Mitteln, theils aus den Kapitelskassen zusam- mentrugrt, und dadurch mir und meinen Nachfolgern auf dem erzbischöflichen Stuhle eine große Stütze und Hilfe zur Ausübung der obcrhirtlichen Pflichten zum Segen der Erzdiözese botet .... Ich vermag nicht mit Worten auszusprechen, wie tief mich diese Eure sinnige, zarte und opferreiche Liebe gerührt hat, und welch inniger Dank dafür in meinem Herzen lebt. Kann ja ein Bischof Nichts mehr beglücken, als wenn ihm Mittel und Gelegenheiten zu Gebote stehen, seinem apostolischen Berufe Genüge zu leisten. Weil Ihr gerade Dies bei der Widmung der stets zu Eurer Ehre gereichenden »Erzbischof Hermanuöstiftuug» im Auge hattet, so glaube ich nur in Eurer Intention zu handeln, wenn die Zinsen des Stiftungskapitals zur Bildung und Erziehung des Klerus nach dem Geiste der Kirche, nach den Vorschriften des hl. Kircheu- rathes von Trident — von welcher Bildung ja das ganze Wohl der Heerde abhängt — verwendet werden sollen. So sollen denn die Zinsen des aus den badischen Kapiteln geflossenen Kapitals zur Unterhaltung, Erweiterung und zweckmäßigen Organisirung des Knabenseminars zu Freiburg und auch an andern Orten, wenn deren Errichtung ermöglicht wird, verwendet werden, — die Zinsen aus den von den hohenzol- lern'schen Kapiteln gewidmeten Beiträgen zu Gunsten des im Geburtshause des hl. Märtyrers Fidelis zu Sigmaringen errichteten Knabenseminars. Nur von dreihundert Gulden, welche vom Kapitel Haigerloch dargcbracht wurden, sollen, »ach mehrfach dringend ausgesprochenem Wunsche braver Priester, die Zinsen der Schulschwesteranstalt zu Jmpfingen zu Gute kommen. Für eine gute, gewissenhafte Verwaltung dieser Lie- besstiftungcn habe ich Sorge getragen, und ich werde auch veranstalte», daß von Zeit zu Zeit Rechenschaftsberichte der Oeffentlichkeit übergeben werden. Schließlich spricht der hr. Erzbischof die Hoffnung auf den nahen Abschluß einer die kirchlichen Verhältnisse in Baden ordnenden Vereinbarung mit der römischen Kurie aus. Furtwangen, 30. Juni. Die hochherzige Gesinnung unseres erhabenen Fürstenpaares, die überall die hülfreiche Hand darzubieten bereit ist, wo ein unverschuldetes Unglück zu mildern ist, hat sich auch bei uuserm Brandunglücke in wahrhaft rührender Weise bethätigt. Diesen Morgen übergab Hr. Amtsvorstand v. Senger vor versammeltem Gcmcinderath und Unterstützungskomitee dem Hrn. Bürgermeister Duffner ein an diesen gerichtetes allergnädigstcs Handschreiben Sr. Königs. Hoheit des Großherzogö mit einliegenden fünshlindert Gulden, ferner den von Ihrer Königl. Hoheit der Frau Großherzogin Luise huldreichst gespendeten Betrag von dreihundert Gulden zur Unterstützung der Dürftigsten unter den Brandverunglückten. Das erwähnte höchste Handschreiben lautet: »Auf's tiefste erschüttert von dem schweren Unglück, welches Gottes uncrforschlichcr Rathschluß Meinen lieben Furt- wangern auferlegte, fühle Ich eine doppelte Pflicht in Mir rege werden, einmal Ihnen die innige Theilnahme auszu- drückcn, von der Mein Herz für alle Ihre unglücklichen Mitbürger erfüllt ist, und dann zur Linderung der Roth Dasjenige beizutragen, was Ich zu thun vermag. Die mitfolgende Summe ist zwar sehr gering in Anbetracht der Größe des erlittenen Verlustes; allein sie wird im Verein mit andern Zuschüssen doch auch das Ihrige zur Milderung der Roth beitrage» können, und Ich wünsche, daß Sie unter Anleitung Ihres Amtsvvrstandes den Bedürftigsten alsbald davon Unterstützungen zukommen lassen. Ferner wünsche Ich, daß Sie der ganzen Einwohnerschaft aussprechen, welchen innigen Antheil Ich an ihrem be- klagenswerthen Unglück nehme, und wie sehr Ich die schweren Verluste mitempfinde, welche dadurch ihre rege industrielle Thätigkert erlitten hat. Sagen Sie Ihren Mitbürgern aber auch, daß Ich sorgfältig bemüht sein werde, der Wiederherstellung des Zerstörten möglichsten Vorschub zu leisten, und daß eö Mir eine freudige Pflicht sein wird, die anerkannt flei, ßigen Schwarzwälder auch in diesem traurigen Falle treulich zu unterstützen. Möge Gottes Gnade das unglückliche Furtwangen vor allen schweren Prüfungen ferner bewahren und reichen Trost ausgicßen in die betrübten Herzen seiner treuen Einwohner. Schloß Baden, den 27. Juni 1857. Friedrich.» Der Inhalt dieses, fortan den köstlichsten Schatz unseres Archivs bildenden Dokuments der landesvatcrlichen Fürsorge, Huld und Gnade bedurfte keines Kommentars; es brachte bei Allen, denen es zur Kenntniß kam, die tiefste Rührung hervor. Die mit dem Vollzüge Beauftragten beeilten sich mit der Vertheilung der Untcrstützungssummen nach allerhöchster Intention, und heute schon hebt sich der Dank der Erfreuten und Getrösteten zum Himmel empor mit der aus vollem, treuem Unterthanenhcrzen kommenden Bitte um Heil und Segen für linser vielgeliebtes, edles Fürstcnpaar. Hcilbronn, 1. Juli. Wollmarkt, zweiter Tag. Es sind noch weitere Zufuhren diesen Morgen eingetroffen. Die Verkäufe folgen sich rasch zu gleich guten Preisen und dürfte bis diesen Abend wenig Vorrath mehr unverkauft sein. Ein erfreuliches Zeichen für die Einrichtung unserer Wollhalle ist es, daß gestern Deputationen der Wollhaus-Administration Augsburg und Kirchheim u. T. hier eintrafen, um den praktischen Gang des Wollgeschäftcs mit anzusehen. — 2. Juli. Die sämmtlichen Wollen in erster Hand sind zu gleich guten Preisen wie gestern verkauft. Die von Preußen angeregte Konferenz von Bevollmächtigten der Zollvercinsregierungcn zur Vereinbarung gemeinsamer Norm über das Papiergeld wird noch im August zusammentreten. Algier. Unsere Truppe» haben wieder einige Siege über die Beni-Raten erfochten, mehrere Dörfer genommen und — 310 — schließt der Bericht des Generalgouverneurs also: »Wir sind Herren des Landes.» Sch»v«rgenchtsverhandlungen. Bruchsal, 30. Juni. Nur selten kommen in den Annalen der Strafrechtspflege Fälle der Art vor, wie der heutige; ein furchtbares Verbrechen, noch schrecklicher durch die Weise der Ausführung, und eine Entdeckung desselben, welche lebhaft an die allwaltende Gerechtigkeit mahnt! Am 17. August 1848 wurde die schon zwei Tage vorher vermißte Monika Schweigle von Furschenbach eine Viertelstunde von ihrer Wohnung im Walde todt gefunden; sie lag auf dem Rücken, theilweise entblößt, einen Strick fest um den Hals geschlungen und mehrere blutige Verletzungen an sich tragend; der Strick war zwar am andern Ende in einer Höhe von 2 Fuß um den Stamm eines wenige Fuß entfernten, dünnen Bäumchens geschlungen, aber der Kops der Leiche war nur wenig über den Boden gehoben; der Kamm war zerbrochen und ein Stück davon lag neben dem Haupt der Leiche. Alles machte auf die Zeugen den Eindruck, daß hier kein Selbstmord vorliegc, und es lenkte sich der Verdacht auf den damals 19 Jahre alten Bernh. Knapp, weil Monika Schweigle in der Hoffnung war und ihn alö den Urheber bezeichnet halle, deßhalb aber von demselben mißhandelt und selbst wegen Ehrenkränkung belangt worden war, und weil überdies der Strick, welcher sich am HalS der Leiche befand, aus dem Knapp',chen Hause herrührte. Dessenungeachtet sprachen sich damals die gcrichtsärztlichen Gutachten für die Unterstellung eines Selbstmordes aus, weßhalb jene Untersuchung ohne Ergebmß bleiben mußte. So gingen Jahre vorüber, und der Schleier der Vergessenheit schien undurchdringlich über der räthselhaften Begebenheit zu ruhen, bis am 11. März d. I. ein älterer Bruder jenes vermuthlichen ThäterS, nämlich Löwenwirth Knapp von Kappelrodeck, seinem Leben durch Erhängen ein Ende machte, und zwar unter Umständen, welche zeigten, daß ihn furchtbare Gewissensangst zuerst zum Säufer und dann zum Selbstmörder gemacht hatte, während er in den glücklichsten Vermögens- und Familicnverhältnissen lebte. Auch dir Mutter dieser Beiden, Maria Anna, geborne Doll/ Ehefrau des seither verstorbenen Hofbaucrn Johann Knapp auf dem Günz- berg, Gemeinde Furschenbach, hatte sich dem Trünke ergeben, und ließ in ihrem Benehmen die Last eines schrecklichen Geheimnisses erkennen. Bernhard Knapp endlich hatte sich gänzlich verändert; seine jugendliche Heiterkeit war verschwunden, und selbst an seinem im vorigen Jahre stattgchabtcn Hochzeitstage war er auffallend still und traurig. Dies gab Veranlassung, die Untersuchung wieder aufzunchmen, und um das Maas des Merkwürdigen voll zu machen, war kurz vorher rin Hauptzeuge aus Amerika zurückgekehrt, wohin derselbe nach der Thal ausgewandert war. Bernhard Knapp legte nun auch ein Gcständniß seines schrecklichen Verbrechens ab, und so steht heute er und seine Mutter vor den Schranken des Schwurgerichts. Bernhard Knapp ließ sich Morgens 2 Uhr am Maria-Himmelfahrts- Tage, 15. August 1848, durch einen Knecht (eben jenen aus Amerika zurückgekehrten Zeugen) wecken, um seinen Mordplan auszuführen, begab sich zu der Monika Schweigle Fenster, lockte sie unter dem Vorgeben, ihr eine Abfindungssumme auszuzahlen, heraus, und ging mit ihr an jene Stelle im Walde. Durch seine Liebkosungen wußte er eie Unglückliche dabin zu bringen, daß sie sich ihm dort preisgab, und während Dessen holte er den bereitgehaltencn Strick aus der Tasche, zog ihr denselben spielend über den Kopf und erdrosselte sie plötzlich, worauf er das andere Ende des Strickes um ein nahes Bäumchen schlang und schnell die Flucht ergriff. Nach der Behauptung des Bernhard Knapp sollen seine Mutter und sei» Bruder Schuld an seiner schrecklichen That tragen, indem sie ihn wegen seines Verhältnisses zur Monika Schweigle mit Vorwürfen überhäuften und mit Enterbung be, drohten, auch oftmals äußerten, »er solle sie aufhängen, dann werde kein Hahn darnach krähen», u. dgl. w. Dabei versicherte derselbe, daß er die Monika Schweigle wirklich gern gehabt und ihr gewiß Nichts zu leid gethan hätte, wenn er nicht durch das Drängen Jener dazu gebracht worden wäre, wie er auch die Monika Schweigle nur auf Verlangen seiner Mutter geschlagen habe. Die Mutter, Wittwe Knapp, gab wohl zu, daß sie höchlich erzürnt war, und daß sie Drohungen ausgestoßen, sowie Aeußerungen der fraglichen Art gegen ihren Sohn gethan habe; allein sie behauptet, daß sie nicht daran gedacht habe, ihren Sohn zu einem Verbrechen zu bestimmen, sondern daß Dies nur Ausbrüche des Zorns gewesen feien; übrigens hat sie selbst einmal die Monika Schweigle thätlich mißhandelt. Zur Erklärung dieses Hasses der Familie Knapp muß erwähnt werden, daß Monika Schweigle eine hübsche, lustige und gutmüthige, aber ganz arme und sehr leichtfertige Person war, die schon drei lebende, natürliche Kinder hatte und gleichzeitig mehrere Liebhaber gehabt haben soll, indessen nur äußerst bescheidene Ansprüche gegen Bernhard Knapp geltend machte. Die Familie Knapp gehört zu den wohlhabendsten und angesehensten der Gemeinde, und besitzt ein schönes Hofgut, welches kürzlich auf Berndhard Knapp übergegangen ist. Dieser Angeklagte ist ein hübscher, junger Mann und sein einnehmendes Aeußere, sowie fein bescheidenes, ruhiges Benehmen bildet einen schreienden Kontrast mit seiner Unthat; seine Mutter dagegen spricht mit geläufiger Zunge und hat einen unangenehmen Ausdruck im Gesichte. Die Beweiserhebungen füllten den ganzen heutigen Tag aus. — 1. Juli. Die Fortsetzung der Verhandlung in der Anklagesache gegen Bernhard Knapp und seine Mutter, wegen Mords, führte heute zu den Vorträgen des großh. Staatsanwalts und der Verthcidiger, Obergerichtsadvokaten Trcfurt und Ree. Bezüglich des Schuldbeweises konnte zwar nur die Frage, ob und in wie weit die Mutter, Wittwe Knapp, Anstifterin des Verbrechens sei, Stoff zu Zweifeln bieten; aber in jeder andern Beziehung war der Fall reich an Interesse, und Advokat Trefurt vermehrte dies dadurch, daß er nachzuweisen suchte, sein Klient Beruh. Knapp sei durch die Einwirkung von Mutter und Bruder in einen nahezu unzurechnungsfähigen Zustand versetzt worden, weßhalb demselben ein Milderungsgrund zur Seite stehe. Nach Erstattung des Resume des Präsidenten zogen sich die Geschwornen zurück, und verkündeten nach kurzer Berathung einen Wahrspruch vollständig im Sinne der Anklage. Dies würde sowohl nach dem zur Zeit der That giltigen, als auch nach dem jetzigen Strafgesetze ein Todeöurtheil gegen beide Schuldige zur Folge gehabt haben; allein cs stand die durch das Gesetz vom 16. März 1849 ausgesprochene Abschaffung der Todesstrafe entgegen, welche auch dem vorliegende» Verbrechen zu gut kam, und bezüglich dessen durch die spätere Wiedereinführung dieser Strafart nicht mehr zurückgenommen werden konnte. Natürlich machten Dies die Bertheidiger geltend, und selbst der großh. Staatsanwalt theilte diese Ansicht, welche auch dem Urtheile des Schwur» gericktshofes zu Grunde lag, wodurch beide Angeklagte zu lebenslänglicher Zuchthausstrafe verurtheilt wurden. (K.Z.) Karlsruhe, 30. Juni. Bei der heute stattgehabten 46. Gewinn- ziehung der badischen 35 fl.»Loose find auf folgende Nummern die Hauptgewinne gefallen: Nr. 37,678, 99,527, 99,528, 99,538, 118,101, 118,145, 141,513, 194,971, 259,883, 287,480 je 1000 ff. (Hierzu eine Beilage.) Beilage zu Nro. 80 des Landboten von 1857. Vas Haidemä-chen. (Fortsetzung.) Vor Wehmuth konnte er nicht weiter reden. Droben aber verschwand nun auch das Licht aus dem Zimmer und ringsum war alles dunkel. Nur dann und wann blickte ein Stern durch die düstern Winterwolken. Dem Greise wollte das Herz bre- chen, als er nun auch die letzte Hoffnung versinken sah. Er stand einige Augenblicke regungslos da, dann erhob er noch einmal die Stimme und rief in höchster Seelenangst, indem heiße Thränen über seine bleichen Wangen rollten: Johanna, laß mich nicht so scheiden, es bricht mir das Herz! Du gehst verloren in der weiten fremden Welt, wenn du mich von dir stoßest — Johanna! um gotteswillen, sprich ein Wort, ein einziges Wort zu mir! Lange stand er und lauschte durch die Nacht und schaute zu den dunklen Fenstern empor — aber wie er auch lauschte und schaute, alles blieb todtenstill und dunkel. Da wandte sich der alte treue Hirt und ging still weinend fort und immer fort durch die kalte Wintcrnacht seiner fernen Heimath zu. Sie ist verloren! sprach er im höchsten Schmerz leise bei sich selbst, ich kann sie nicht retten! Es war ihm, als sei nun das Ende seiner Tage gekommen, die letzte Hoffnung seines Lebens war dabin, was sollte er noch auf der Welt? In seinem unsäglichen Schmerz fühlte er nicht den eisigen Winterwind, der über die starren Schneefelder daherstürmte, auch nicht die tiefe Erschöpfung seiner Kräfte; achtlos wanderte er weiter und weiter von Dorf zu Dorf — er sehnte sich nach dem Todesschweigen der weiten Haiden der Heimath. Was lag den Menschen in der Residenz an dem Schmerz des alten Hirten! Die scherzten und lachten und jubelten und stürmten von Lust zu Lust nach wie vor, und mit ihnen scherzte und lachte und jubelte Johanna, als gäb es kein Leid und keine Qual auf Erden. Am zweiten Tage langte Georg spät Abends vor seiner Wohnung an. Sein treuer Hund sprang jauchzend an ihm empor und wollte sich in seiner Freude nimmer beschwichtigen lassen. Dies Herz bleibt mir treu, bis mein Auge bricht! sprach er mit einem tiefen Seufzer, indem er den Hund liebkoste und mit feuchtem Blick in die hellen Augen desselben schaute. Dann sank er erschöpft aus sein ärmliches Lager nieder und zu seinen Häupten hielt sein treuer Gefährte Wacht. 4. Ein rauher Apriksturm brauste durch die öden Gassen der Residenz und von Westen her flogen düstere Wolkenmassen über Stadt und Strom. Mitternacht war bereits vorüber und nur hier und da glänzte noch der Schein eines einsamen Lämpchens. Manchmal, wenn das Toben des Sturmes minutenlang schwieg, war es, als ob leise Stimmen in den Lüften vom Nahen des lieblichen Lenzes flüsterten und Kunden bringen wollten von lichten Auferstehungstagen und von süßen Himmelsliedern eines neuen wunderbaren Lebens. In einem hellerleuchteten Hause auf einem großen freien Platze schien man Sturm und Regen, Nacht und Schlaf völlig vergessen zu haben, denn in den prächtigen Sälen desselben herrschte das fröhlichste Leben. Gesang, Gläserklirren, Jubel und Musik schallten durch die Stille der Nacht. Es war das Haus des reichen Bankiers von Sonnenfeld, welcher der ge- sammten lisute-voloo der Residenz einen glänzenden Ball gab, der den Schlußstein aller der Feste bilden sollte, die während des Winters in seinem Hause gefeiert worden waren. Die Präsidentin, Seraphine, AlphonS und Johanna fehlten natürlicherweise nicht. Die letztere war von einem Schwarm von Anbetern umringt. Alle wollten noch einmal die Wonne genießen, ihr einige Schmeicheleien zuzuflüstern und im glücklichsten Falle einen Tanz mit ihr zu tanzen. In einiger Entfernung von diesem Schwarm standen in einer Fensternische zwei Männer in ernsthaftem Gespräch und schauten dann und wann nach Johanna hinüber, gleich als ob sie den Augenblick erwarteten, wo die Masse, welche die Angebetete umgab, sich einigermaßen verlaufen haben werde. Der eine trug eine schimmernde Reiteroffizier-Uniform und der andere einen einfachen aber modischen Ballanzug. Endlich ward das Zeichen zum Beginn eines neuen Tanzes gegeben. Alle Herren eilten von Johanna hinweg zu ihren Damen, und so trat der Offizier schnell mit seinem Begleiter zu ihr heran und stellte ihr denselben als seinen Freund, den Referendar Meißner vor. Johanna begrüßte diesen mit einiger Zerstreuung, da sie ihren Cousin Alphons erwartete, der sie zu dem beginnenden Tanz engagirt hatte. Bei dem ersten Worte Meißners aber horchte sie fast erschrocken auf; der Accent, mit dem er sprach, erinnerte sie unwillkürlich an Wilibald. Und als er sie dann um einen Tanz bat, sagte sie ihm in einer Art von Verwirrung den Cotillon zu. Gleich darauf erschien Alphons und an seinem Arm schwebte sie in den Reihen der Tanzenden dahin. Auch der Offizier eilte jetzt zu seiner Dame und Meißner zog sich in ein Nebenzimmer zurück, von wo er den weiten Tanzsalon überschauen konnte. So weit wäre mein Plan gelungen! sprach er tiefaufath« mend bei sich selbst; gebe Gott, daß er mir vollständig gelingt! Damit warf er sich in einen Divan und blickte, in Gedanken versunken, in das fröhliche Getümmel, das ihn umwogte. Bekümmert um das Geschick seines Freundes, vermochte er es nicht, über sich zu gewinnen, an der Freude des Tanzes Thcil zu nehmen, obwohl er sonst ein gewandter und leidenschaftlicher Tänzer war. Ohne Wilibald etwas von seinem Vorhaben zu entdecken, hatte er sich aufgemacht, um hinsichtlich der Gerüchte, die ihm über Johanna und ihre bevorstehende Vermählung zu Ohren gekommen waren, Gewißheit zu erlangen. Daß Georg in der Residenz gewesen war, wußte er so wenig wie Wilibald. Der letztere besaß bei aller sonstigen Weichheit seines Charakters in dieser Hinsicht einen zu festen Willen, als daß er sich durch Meißners Bitten hätte bewegen lassen, selbst irgend einen entscheidenden Schritt zu thun. Auf seinen letzten liebevollen Brief hatte Johanna keine Sylbe geantwortet; er hielt es für unwürdig, da länger um Liebe zu flehen, wo man ihn so bald vergessen hatte. Es wäre ein Frevel von mir, wollt' ich sie aus einem Kreise reißen, in welchem sie sich glücklich fühlt, hatte er oft zu Meißner gesagt. Auch wenn ich das Recht dazu .besäße, ich würde es nimmermehr thun. — Liebe läßt sich nicht gebieten. Einen schneidenden Gegensatz zu dieser Festigkeit des Charakters bildeten die täglich zunehmende Schwermuth und der Gram, welche aus seinen Zügen sprachen. Er wollte seiner Liebe entsagen und vermochte es doch nickt, sein ganzes Denken und Sein wurzelten in diesem einen Gefühl; mit diesem mußte auch sein Leben ersterben. Das war Meißners scharfem Auge nicht verborgen geblieben, und da Johanna ihn nie gesehen und von Wilibald nur einige ganz allgemeine Andeutungen über ihn empfangen hatte, so daß ihr nicht einmal sein Name und Stand bekannt waren, so hatte er beschlossen, das Aeußerste für seinen Freund zu wagen. Bei seinen vielen Bekanntschaften in der Residenz konnte es ihm nickt schwer fallen, in die Cirkel eingeführt zu werden, welche Johanna besuchte. Nach zwei langen, langen Stunden begann endlich der Tanz, den ihm Johanna zugesagt hatte. Da derselbe ein Cotillon war, so blieb der Unterhaltung ein weites Feld offen. Meißner stellte sich, als ob er zum erstenmal in der Residenz und mit den dortigen Verhältnissen durchaus unbekannt sei. Auch war der Inhalt des Gesprächs, welches er mit Jo- — 312 — Hanna angeknüpst hatte, so allgemein und abgemessen, daß diese nicht anders glauben konnte, als daß sie ihrem Tänzer gänzlich fremd sein müsse. Dahingegen ward sie von seinen Worten auf eine seltsame Weise ergriffen; es war ihr, als höre sie Wilibald reden, und unbekümmert um die Gruppen der Tanzenden lauschte sie mit steigender Spannung den allbekannten Klängen. Sie bemühte sich einigemal, die Unterhaltung, die sich um die alltäglichsten, langweiligsten Residenzgeschichten drehte, auf andere Gegenstände zu lenken, und that einige vorsichtige Fragen nach Meißners Heimath und Bekanntschaften in der Residenz, allein ihr Tänzer wußte auf eine geschickte Art auszuweichen — sein Plan duldete noch keine Annäherung. Eine künstliche Tanztour, an welcher beide Theil nehmen mußten, unterbrach das Gespräch für einige Zeit. Die Ungeduld, mit der Johanna den Anforderungen des Tanzes genügte, entging Meißner nicht und bestätigte seine Vermuthung, daß er die Aufmerksamkeit seiner Tänzerin erregt habe. Als sie wieder auf ihren Plätzen angelangt waren, begann Johanna von dem nahen Frühling zu sprechen, wie dann die ganze feine Welt auf das Land, in die Gebirge und in die Bäder eile, und fügte hinzu, baß auch sie mit ihrer Tante und deren Kindern eine längere Reise antreten werde, wahrscheinlich nachT., wo noch einige weitläuftige Verwandte von ihnen lebten. Ihrem Accente nach zu schließen muß der Norden Ihre Heimath sein, Herr Meißner, sagte sie mit unsicherer Stimme; und so werden Sie gewiß auch in £. bffannt fein ? Ich bin dort leider bekannter, als ich es sein möchte, mein Fräulein, entgegnete Meißner mit bittrem Ton, indem er den Blick langsam von Johanna auf die Tanzenden richtete. Dann aber wandte er sich plötzlich wieder zu ihr und fragte: Wer ist jene Dame dort mit den blonden Locken, die mit dem Offizier tanzt? Es ist ein Fräulein von Hallein, die Tochter eines alten pensionirten Obristen, versetzte Johanna, verwundert über die Heftigkeit, mit der Meißner die Frage gethan. Aber was bewegt Sie so? fuhr sie nach einer kleinen Pause fort. Sie scheinen großes Interesse an jener Dame zu nehmen? Ich kannte in meiner Heimath ein armes, schönes Mädchen, welches derselben sehr ähnlich sah, erwiderte Meißner mit einem tiefen Seufzer. Arme Johanna! du sankst so früh in's Grab und liebtest doch so innig und treu! Bei diesen Worten bemerkte er, daß Johanna plötzlich zusammenfuhr und die Farbe wechselte. Aber als habe er etwas unpassendes gesägt, fügte er mit anscheinend leichtem Ton hinzu: Doch was sollen Tobte hier in den lichtdurchströmten Sälen, unter den lebensfrohen Menschen! Sehen Sie nur mein Fräulein, wie ercellent der Herr Baron von Lilienberg tanzt — so graziös wie er, ist keiner auf dem ganzen Balle! Johanna antwortete nichts auf die letzte Bemerkung Meiß- ner's. Sie blickte gedankenvoll vor sich hin und sagte endlich mit leiser Stimme: Wer war denn die Johanna, die Sie gekannt haben, Herr Meißner? Erzählen Sie mir etwas von ihr — ich bin heute so wehmüthig gestimmt! O, gnädiges Fräulein, das ist eine sehr einfache Dorfgeschichte, welche Sie äußerst langweilen würde, versetzte Meißner bitter; solche Geschichten pflegt man in der Residenz nur zu belächeln. Ich bitte Sie dringend, erzählen Sie mir dieselbe, erwiderte Johanna mit steigender Unruhe. Es ist niemand in der Nähe, der Sie hören könnte. Aber, mein Fräulein, ich glaube man ruft uns zum Tanzen, sagte Meißner mit mühsam erzwungener Ruhe. Nein, nein; die Reihe kommt noch lange nicht an uns! rief Johanna. Erzählen Sie nur! »In meiner Heimath, begann Meißner darauf mit festem Ton, lebte vor mehreren Jahren ein Prediger, der eine einzige Tochter, Johanna mit Namen, besaß. Unter den Bäumen und Blumen des väterlichen Gartens aufgewachsen, war sie selbst wie eine liebliche Blume anzuschauen. Ihre Sehnsucht schweifte nicht über das Vaterhaus und die Heimathfluren hinaus, in fröhlicher Kindesunschuld ging sie unter Gottes Himmel dahin, eö war als ob Leid und Gram keinen Theil an ihrem Leben hätten. „Als sie ihr siebenzehntes Jahr erreicht hatte, kam ein armer Kandidat der Theologie alS Hauslehrer zu dem Amtmann des Städtchens, in welchem ihr Vater als Prediger stand. Er machte dem letzteren seinen Besuch — er sah Johanna — und von der Zeit an wanderte er jeden Abend, wenn sein Tagwerk vollbracht war, vom Amthofe zum friedlichen Pfarrhause hinüber. Mit jeder Stunde wuchs die Zuneigung zwischen ihm und Johanna zur unaussprechlichen Freude ihrer Eltern, die dem schlichten, biedern und äußerst tüchtigen Kandidaten ihr ganzes Vertrauen schenkten und ihn wie einen Sohn behandelten. „Johanna verwunderte sich schier darob, wie sie über den fremden Mann so ganz und gar ihre Blumen und Tauben vergessen konnte — war aber doch herzinnig froh, daß es so gekommen war, und lebte selig in dem goldnen Jugendtraum der ersten Liebe. „Der arme Kandidat fühlte sich so reich in dem Besitz des holdseligen Mädchens, daß er freudig mit ihr in eine unbewohnte Wildniß gezogen wäre, und im Schweiße seines Angesichts die Erde bebaut hätte, wenn dies als Probe seiner Liebe von ihm gefordert worden wäre. Da er indessen manche Gönner in der Hauptstadt hatte und auch Johannas Vater einigen Einfluß bei der geistlichen Behörde besaß, so machten die beiden Liebenden die herrlichsten Pläne für die Zukunft. Jedermann im Städtchen freute sich über ihr Glück und wünschte ihnen alles mögliche Gute. „Da fuhr plötzlich eines Tages ein feingekleideter Herr auf den Amthof, stieg aus und fragte nach dem Hauslehrer deö Herrn Amtmann. Wie groß war die Verwunderung des armen Kandidaten, als er vernahm, daß ein reicher, langver- gesscner Oheim in Ostindien gestorben sei und ihm den größten Theil seines Vermögens vermacht habe. Die einzige Bedingung, welche daran geknüpft war, daß der Erbe das ehemalige Haus des Verstorbenen in der Hauptstadt wieder in Stand setzen und dann selbst darin wohnen solle, war ja so leicht zu erfüllen und bot dem armen Hauslehrer eine so willkommene Gelegenheit dar, für sich und seine Johanna sofort einen eigenen Heerd zu gründen, daß er laut aufjubclte und noch in derselben Stunde mit dem Fremden davvnfuhr. Vorher aber eilte er noch auf Flügeln der Liebe zu seiner Johanna, erzählte ihr und ihren Eltern mit leuchtenden Augen, was sich begeben, und nahm unter tausend Schwüren ewiger Liebe und Treue für wenige Wochen von ihr Abschied. (Fortsetzung folgt.) frucht - Mittetpreije. Heilbronn, 1. Juli. Waizen 18 fl. 41 kr.. Kerne» 19 fl.. Gerste tl fl. 10 kr., Dinkel 7 fl. 30 kr., Hafer 7 fl. 30 kr. frankfurter Courfe. Pistolen 9. 39-40 dto. Preuß. 9. b6*/,-57»/. Holl. 1 0st. -Stücke 9. 47-48 Randdukaten 5. 3ü*/,-3l'/, 29-Frank-Stücke 9. 19'/,-20*/, Engl. Souverains 11. 44-48 Preuß. Thaler — S-Franken-Thaler 2. 29*/, Preuß. Kaff.-Sch. 1. 45*/«-'/, Redigirt, Druck und Verlag von D. Pfisterer in Heidelberg.