Der €mmu. Verkündigungsblatt der Großherzoglichen Bezirksämter Sinsheim und Neckarbischofsheim. w°- 83 . Samstag, den 11. Juli 1857 . Bestellungen auf den Landboten für das zweite Semester wollen bei den Großhz. Posten gemacht werden.' Schuldenliquidation. [455] Nr. 10,) 15. Sinsheim. Die Martin Bender Bäcker Eheleute von Eschelbach Wellen mit ihren Kindern nach Amerika answandern. Etwaige Glänbiger derselben haben ihre Ferde- rungen am Mittwoch den 22. Juli, früh 8 Nhr, dahier anzumelden. Sinsheim, den 6. Juli 1857. Grvßherzoglich bad. Bezirksamt, v. Rotteck. [456] D ü Bauarbeitenversteigerung. Die Reparaturarbeiten an der und am eoangel. Pfarrhanse dahier 1) für die Maurer- und Steinhauerarbeit zu 2) für die Zimmerarbeit zu 3) 4) 5) 6) 7) Schreinerarbeit zu Flaschner „ „ Schlosser „ „ Tüncher „ „ Glaser „ „ evangel. Kirche im Ueberschlage: 225 ff. 39 kr. 19 fl. 30 kr. 78 fl. 42 kr. 44 fl. 4 kr. 72 fl. 10 kr. 161 fl. 45 kr. 14 fl. 8 kr. Zusammen zu 615 fl. 58 kr. werden am Donnerstag den 16. d. M., Nachmittags 1 Uhr, auf dem Rathhause dahier in öffentlicher Steigerung vergebe», wozu die einschlägigen Handwerksleute mit dem Anfügen eingelade» werden, daß von den Kostenüberschlägen bei dem Unterzeichneten Kirchengemeinderath Einsicht genommen werden kann. Dühren, den 7. Juli 1857. Der evangel. Kirchengemeinderath. A. A. Der Bürgermeister Sterzenbach. [447] Eulenhof, Amtsbezirks Sinsheim. Gutsverpachtung. Der Pacht des freiherrlich von Degenfeld'schen Hofguts Eulenhof wird bis Lichtmeß 1858 wegen Nebernahme eines großer» Gutes von Seiten des bisherigen Pachters serledigt und soll nun auf eine anderweitc 14jährige Zeilperiode alsbald vergeben werden. Das ganz arrondirte Pachtgut befindet sich in einem sehr guten Zustande und enthält außer den erforderlichen Wohn - und Oekonomiegebäuden 177 Morgen 1 Viertel 78 Ruthen badischen Mas- seS Acker- und Gartenland und 17 Morgen 2 Viertel 26 Ruthen badischen Mas- scs Wiesen. Die zu Uebernahme dieses Pachtgntes Lust tragenden und gehörig qualifizirten Oekonomen werden eingelade», sich unter Vorlage der erforderlichen Zeugnisse über Leumund und Cautivnsfähigkeit in Bälde dahier zu melden. Sinsheim den 4. Juli 1857. Freihecrlich von Degenfeld'sches Rentamt. F l e i s ch m a n n. [448] Neckarbischofsheim. Mühleverpachtung. Die auf 23. Oktober d. I. pachtfrei werdende hiesige grnndherrliche Mühle wird Donnerstag den 30. Juli l. I., Vormittags 10 Uhr, aiif diesseitigem Geschäftszimmer in weiteren sechsjährige» Pacht versteigert. Die Muhle enthält einen Schälgang, zwei Mahlgänge, einen Griesgang und zwei Schwingmühlen. Auch können dazu 30 Morgen Garten, Ackerfeld und Wiesen gegeben werden. Die Pachtliebhaber werden hieran mit dem Bemerken eingeladen, daß sie sich m>t gerichtlich beglaubigten Befähigungs - und Vermögenszeugnissen auszuweisen haben. Neckarbischofsheim, den 3. Juli 1857. Gräflich von Helmstatt'sches Rentamt. Lehman». uf bevorstehende Erndte verkaufe ich reinen Ueberrheiner Wein die Maas zu 12 Kreuzer a« aufwärts. Zugleich empfehle ich mein wohlaffvrtirtes Lager i« feinern Ueberrheiner, Oberländer und Markgräfler, rothen und weißen Weine bestens. Neckargemünd, im Jnli 1857. [440] J. F. Menzer. Kapital auszuleihen. [458] Bei Unterzeichnetem liegen 1500 fl. Gemeindegelder auf gesetzliches Unterpfand zu 5 Prozent zum Ausleihen bereit. Dühren, den 7. Juli 1857. Gemdr. Johs. Dörr. In der Buchdruckerei von D. Pfisterer in Heidelberg sind folgende Impressen zu haben: 9. Sterbschein für Leichenschauer. 10. Todtenschauschein. 11. Sterbfallsanzeigen. 12. Todtenschauregister. rum Jur Geschichte des Cages. Karlsruhe, 9. Juli. Heute Mittag ist unter Gottes gnädigem Schutze das für die Großherzogliche Familie und das Land so unendlich wichtige Ereigniß in glücklichster Weise erfolgt, welchem die Herzen aller Getreuen in freudiger Hoffnung entgcgengeschlagen hatten. Nachdem Ihre Königliche Hoheit die durchlauchtigste Großherzvgin gestern Abend noch Seiner Königlichen Hoheit dem Großherzog, Höchst- welchcr von Wildbad kam, bis Durlach entgegengefahren und mit Seiner Königlichen Hoheit wohlbehalten in das Großherzogliche Schloß zurückgekehrt waren, stellten sich heute früh die Geburtswehen bei der hohen Wöchnerin ein. Als Aerzte, welche bestimmt waren, Ihrer Königlichen Hoheit in dieser schweren Stunde beizustehen, waren zugegen die Leibärzte Geheimerath Dr. Bils, Geheime Hvfrath Dr. Schrickel, und Geheime Hofrath I)r. Buchegger. Fünf Minuten vor ein Uhr erfolgte glücklich und leicht die Geburt eines gefunden Prinzen. Die Durchlauchtigste Wöchnerin und der neugeborne Erbgroß- hcrzog befinden Sich in erwünschtem Wohlsein. Jeder treue Badener wird mit innigem Dank gegen Gott diese folgenreiche, glückverheißende Nachricht vernehmen, welche den Segen des Himmels bekundet, der in sichtlicher Weise auf dem Durchlauchtigsten Großherzoglichen Paare ruht. Karlsruhe, 9. Juli. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben Sich gestern früh zum Besuch der Kaiserin-Mutter von Rußland nach Wildbad begeben und sind Abends nach 8 Uhr wieder hierher zurückgckehrt. Mit Sr. Königl. Hoheit sind Ihre Königl. Hobeit die verwittwete Großherzvgin Sophie und II. GG. HH. die Prinzessinnen Marie und Cäcilie von Wildbad wieder hier eingetroffen. Se. Kaiser!. Hoheit der Großfürst Michael von Rußland hat seine durchlauchtigste — 322 — Braut hierher begleitet und wird dem Vernehmen nach bis Ende dieser Woche hier verweilen. Karlsruhe, 9. Juli. Ihre Königl. Hoheit die Prinzessin von Preußen sind heute Vormittag um 11 Uhr von Baden hier eingetroffen. Karlsruhe. An verschiedene Eisenbahnbeamte und Bedienstete sind Seitens der ruff. Gesandtschaft werlhvolle Geschenke, Ringe, Uhren, Dosen rc. vertheilt worden. Heidelberg, 8. Juli. Zur Unterstützung der entlassenen schleswig-holsteinischen Beamten und Geistlichen hat sich aus Universitätsprofeffvren, Beamten, Bürgern und Privaten rin Verein hier gebildet, welcher bereit ist, Beiträge für dieselben anzunehmen. Auch die Studenten, an welche, wie an die Bewohner Heidelbergs, ein Ausruf zur Unterstützung ergangen ist, zeigen ein lebhaftes Interesse für die Sache. Mannheim, 7. Juli. (Mh. I.) Im Monat Juni sind durch hiesige Stadt 493 Auswaiiderer passirt. Mannheim, 9. Juli. Den Mangel und die hohen Miethpreise für Wohnungen in hiesiger Stadt anerkennend, wurde in einer der jüngsten Sitzungen des hiesigen Gemcindc- rathes der Antrag gestellt, Arbeiterwohnungen >m Aktienwege zu bauen. Mosbach, 4. Juli. (Od. B.) In Bezug auf die in unserer letzten Nummer erwähnten zwei Selbstmorde sehen ww uns veranlaßt zu bemerken, daß derjenige von I. Hilbert die Erfindung eines müßigen Kopses und eine erbärmliche Lüge ist, welche allenthalben hier verbreitet war und auch zu unfern Ohren kam. Da in Limbach kein Hilbert mehr erlstirt, als der gegenwärtig auf seiner Rückreise aus Amerrka hier bei seinen Freunden verweilende 72jährige Franz Joseph Hilbert, so scheint eine böse Zunge das Gerücht verbreitet zu haben. Den auswärtigen Freunden des Letztern wird es erfreulich fein zu vernehmen, daß er sich des besten WoblseinS erfreut und im Begriff ist, zu seinen beiden Söhnen nach Konstantinopel abzureisen; zu welcher Reise wir und seine zahlreichen Bekannten ihm alles Glück wünschen. Kehl, 8. Juli. Im Laufe des Monats Juni sind 458 Personen, worunter 81 Kinder, über Kehl nach Amerika auö- gewandert. Von der Brigach, 7. Juli. Gestern stieg am südwestlichen Horizont eine durch Flammen geröthelc Rauchsäule in die Höhe und verkündete fernhin, daß irgendwo ein Brand wüthe. Stand und Richtung der Rauchsäule ließen vermuthen, daß es in Furtwangen oder in dessen unmittelbarer Nähe breune. Die heute durch einen glaubwürdigen Manu anher gelangten Nachrichten besagen, daß zwischen Furtwangen und Gütenbach ein großer Bauernhof, zu letzterer Gemeinde gehörend, abgebrannt sei, und daß etliche 20 Stück Vieh in den Flammen den Tod gefunden haben. Ei» Gerücht, dessen Bestätigung jedoch noch abzuwarten ist, läßt leider auch ein Mädchen in den Flammen umkommen. Es versteht sich wohl von selbst, daß unter solchen Umständen von einer Rettung der Fahrnisse keine Rede sein kann. Das Feuer wülhete von 2 bis 4 Uhr Nachmittags. Ucber die Entstehung des Brandes verlautete bis daher noch nichts Bestimmtes; daß aber dieser wiederholte Brand in der Nähe von Furtwangen dem Glauben au Brandstiftung neue Nahrung verleiht, ist wahrhaftig eine ganz leicht verzeihliche Sache. Darmstadt. Beim Exerzieren auf dem Schießplätze ereignete sich am 8. d. das Unglück, daß der mit einigen Soldaten zur Beobachtung der Schüsse, bei der 1300 Schritte entfernten Scheibe ausgestellte Artillcrieleulnaut Schaffuit noch nach dem bereits gegebene» Warnungesignal den Oberkörper hinter der Brustwehr hcrvorhob und ihm von einer vpfündigen Kugel der Kopf zerschmettert wurde. Die vielgenannte, von den Bergsträßern und den Oden- wältern desavouirte --jugendliche Räuberbande^ steht gegenwärtig vor der hiesigen Jury. Es sind 18 Kopfe, 15 Junge und 3 Mädchen, im Alter von 14—20 Jahren, aus dem Odenwald gebürtig und 45 in Hessen, Baden, Bayern und Würtembcrg verübter Diebstähle bezüchtigt. Eine Woche wird der Prozeß währen. Wiesbaden, 6. Juli. Auch in unserer Stadt hat sich ein Komitee gebildet, welches heute einen Aufruf zur Unterstützung der vertriebenen schleswig-holsteinischen Beamten erlassen hat und sich zur Annahme von Beiträgen bereit erklärt. Berlin, 7. Juli. Ein Börsenspieler, der im vorigen Jahre an der Getreidebörse 100,000 Thlr. gewonnen hatte, befindet sich, wie der --Publicist" berichtet, augenblicklich in der Lage, von Exekutionsmandaten verfolgt zu werden. Berlin. Dem Besitzer einer chemischen Fabrik vor dem Halle'schen Ttwre dahier ist dieser Tagen sein Buchhalter mit mehr alö 12,000 Thlrn. durchgrgangen. Derselbe befand sich im Besitze eines Passes, auf Frankreich und England lautend. Ein bekannter KriminalkommissariuS ist dem Flüchtigen nachgeeilt, und die von diesem Beamten aus Liverpool eingegangenen Nachrichten melden, daß er ihm auf der Spur sei. Wien, 8. Juli. Se. Maj. der König von Preußen und Ihre Königl. Hoheit die Frau Grvßherzogin von Mecklenburg- Schwerin sind diesen Abend halb 7 Uhr hier angekommen und in Schönbrunn abgestiegen, wo Familiendiner stattfand. Se. Maj. der Kaiser war ihnen bis Gänserndorf entgegengefahrrn. Basel, 7. Juli. Unglückssälle aus der Zentralbahn. Auf der Emmenbrücke verunglückte durch eigene Unvorsichtigkeit ein Wagenwärler, der in den vorbeieilenden Zug gerieth, wobei ihm der Kopf abgerissen und der Rumpf in die Emme geschleudert wurde. Ein Passagier aus Karlsruhe, der von Luzern über Basel rrach Hause reisen wollte, gewahrte erst nach Abgang des Zugs von Olten nach Aarau, daß er in falscher Richtung reiste. Er springt aus dem Wagen, fällt auf das Eiscubahngcleise und der darüber wcggrhende Zug zerdrückte ihm den Oberarm. Uebcrall in Italien sind die Putsche der Mazzinisten verunglückt. Der Plan war, nach Wegnahme einer der Forts in Genua sich der Flotte zu bemächtigen und damit nach Neapel zu fahren. Das Fort Diamante hatten sie durch Handstreich bereits genommen, wurden aber schnell herausgewvrfen. In der Nähe fand man 3000 Flinten, viele Dolche und Pistolen und Pulver und Kugeln in Menge. Straßburg. In ganz Elsaß, Lothringen und Burgund fallen seit einige» Tage» die Getreideprcise ansehnlich, und überall konnte die Brodtare ermäßigt werden. Marseille, 8. Juli. Die Berichte aus Neapel sind vom 5. d. M. Ein Supplement zum offiziellen Blatt vom 2. d. zeigt an, daß die Bande von Sapri zu Padula von der städti>chen Garde, der Gendarmerie und dem 7. Jägerbataillon angegriffen wurde; 100 Insurgenten wurden getödtet, 30 verwundet, und eben so viel gefangen. Der größte Theil der Flüchtigen ist bereits verhaftet. Calabrien ist ruhig. Das offizielle Blatt belobt abermals die bürgerliche Garde, welche die Ernte verließ, um zu den Waffe» zu greifen. In Algerien habe» die Franzose« heiße Kämpfe mit den Kabylen vom Stamme der Beni-Aenni bestanden und sind überall Sieger geblieben. Am 24. Juni hatten sich 6000 Kabylen hinter Ungeheuern Barrikaden verschanzt und konnten nur durch schreckliches Kartätschenfeuer überwunden werden. Die Sieger haben große Verluste erlitten und rühmen den Besiegten nach, sie hätten wie Franzosen gefochten. London, 4. Juli. Ter auf Kosten der Lady Franklin zu einer neuen Nordpolfahrt ausgerüstete Schraubendampfer For ist am Mittwoch von Aberdeen aus nach den arktischen Gewässern abgegangen. Petersburg, 1. Juli. Das tausendjährige Bestehen des russischen Reiches soll im Jahre 1862 feierlich begangen werden. — 323 — Vas Haidemädchen. (Fortsetzung.) Meißner schwieg und schaute mit finstrem Blick regungslos in das sröhliche Leben ringsumher. Johanna aber saß neben ihm, das Gesicht tief in das duftende Tuch gedrückt. Als Meißner nach einer langen Pause den Blick langsam wieder auf seine Tänzerin wandte, sah er, daß das Tuch feucht war; war es von eau de mille fleurs oder von Thränen — er wußte es nicht. Endlich hob Johanna das Antlitz empor und fragte mit bebender Stimme: Herr Meißner, kennen Sie einen gewissen Wilibald Rüdiger? Meißner schaute sie einen Augenblick mit tiefer Bewegung schweigend an; dann sagte er, indem er sich abwandte, seufzend mit gepreßter Stimme: Wilibald Rüdiger war mein bester und treuester Freund, den ich auf Erden hatte! Er war Ihr Freund, Herr Meißner? fragte Johanna erbleichend mit dem Ausdruck der höchsten Angst. Er war es, wiederholte Meißner mit Nachdruck und finstrem Blick. Hätten ihn alle so treu geliebt wie ich, er wandelte noch aus Gottes freundlicher Erde! Nach diesen Worten sprang Johanna auf und wollte forteilen, sank aber wie vernichtet in ihren Stuhl zurück und sagte mit gebrochener Stimme: Mein Herr — wollen Sic mir einen großen Dienst erweisen, so bestellen Sie mir augenblicklich meinen Wagen. Meißner eilte durch die fröhlichen Gruppen der Tanzenden und sprach bei sich: Gott verzeihe mir's, daß ich einen Lebenden todt gesagt habe — aber ich konnte nicht anders — ich mußte das Aeußerste wagen, um ihr steinernes Herz zu rühren! Er bestellte den Wagen und eilte wieder in den Tanz- salon, konnte Johanna aber nirgends entdecken. Endlich sah er sie am Arm eines zierlichen Herrn aus einem Nebenzimmer treten und der Ausgangsthür zuschreiten, welche zu dem Portal führte, wo der Wagen wartete. Er blickte deu Beiden finster nach und murmelte: Das war der saubere Herr Cousin Al- phonS — meine Begleitung ist da überflüssig! Gott gebe nur, daß meine Erzählung einige Früchte bringt! Damit nahm er Hut und Mantel und eilte seinem Gasthofe zu. Am folgenden Morgen begab er sich zum Hause der Präsidentin, und zwar so früh, daß er gewiß sein konnte, nur von der Dienerschaft gesehen zu werden. Auf seine Frage, zu welcher Stunde er die Ehre haben könne, die Frau Präsidentin und den Herrn Alphonö Austein zu sprechen, an den er persönlich einen Brief abzugeben habe, erwiderte der über einen so frühen Besuch ganz erstaunte Bediente, daß beute wenig Aussicht dazu vorhanden sei. Fräulein Johanna sei gestern Abend krank zu Hause gekommen und ihr Befinden habe sich während der Nacht so verschlimmert, daß man in großer Sorge UM sie sei. Diese unerwartete Nachricht fiel Meißner mit Zentnerschwere auf's Herz. Er fürchtete, am verwichenen Abend zu rasch gehandelt zu haben und bereute im Stillen, daß er sein Gewissen mit einer Unwahrheit belastet hatte, welche Gutes stiften sollte und sich jetzt als höchst unheilbringend erwies. Obgleich ihm seine Zeit kurz zugcmesscn war, beschloß er dennoch, so lange in der Hauptstadt zu verweilen, bis er die beruhigende Gewißheit erlangt, daß Johannas plötzlicher Krank- heitsanfall von keiner Bedeutung sei. Außerdem war auch erst die eine Hälfte der Aufgabe, die er sich gestellt hatte, erledigt; die andere, eine Zusammenkunft mit Alphvns, hing von dem Eindruck ab, den seine Erzählung auf Johanna gemacht hatte. Er fragte am Abend desselben Tages, am folgenden Morgen und Abend abermals heimlich nach Johannas Befinden, empfing indessen zuletzt den höchst beunruhigenden Bescheid, daß noch ein Arzt hinzugerufen worden sei. Da er schon zwei Tage über die ihm vergönnte Frist in der Hauptstadt geblieben war, sah er sich gezwungen, trotz dieser traurigen Kunde abzureisen. Um jedoch von allem unterrichtet zu sein, versprach er dem Bedienten der Präsidentin eine namhafte Summe, wenn er ihm mit der größten Gewissenhaftigkeit alles, was sich mit Johanna begebe, nach Freienwalde berichten wolle. Dann gab er dem Bedienten noch einige Winke über die Beobachtungen, die er hinsichtlich Alphvns zu Machen habe, und reiste mit schwerem Herze» ab. Als Alphvns an demselben Abend spät von einem großen Zechgelage heimkehrte, fand er auf dem Tische seines Zimmers einen Brief von unbekannter Hand vor. Da er irgend eine Liebesangclegcnhcit darin vermuthetete, so riß er denselben begierig auf und las. Der Brief lautete: "Hochgeehrter Herr!" "Als ein alter Universitätsfreund von Ihnen, nehme ich mir die Freiheit, Ihnen heute, wo es sich um das Glück meh- rrrer mir theurcr Personen handelt, unsere einstige Bekanntschaft in's Gedächtniß zurückzurufen, die Sie vielleicht nur höchst ungern aufgefrischt sehen. Da mir indessen durch einen günstigen Zufall kürzlich ein äußerst seingesponncner Plan von Ihnen bekannt geworden ist, der nicht allein das Glück meines treuesten Freundes bedroht, sondern auch ein argloses Herz in Nolh und Verzweiflung stürzen muß, so halte ich es für meine Pflicht, Sie auf das Nachdrücklichste vor jedem Versuche zur Ausführung dieses PlanS zu warnen. Ich hatte zwar anfänglich die Absicht, Sie persönlich darum zu befragen, ob es wirklich ihr ernsthafter Wille sei, ihre Cousine Johanna Palmer, die Braut meines Freundes Wilibald Rüdiger, nur deß- halb zu heirathen, um in den Besitz ihres Vermögens zu gelangen und dadurch hinreichende Mittel zur Auswanderung nach Amerika zu gewinnen, sie selbst aber sowie Ihre eigene Mutter und Schwester dem Mangel und der Verachtung in der Hei- math preiszugeben; da das Geschick aber vielleicht etwas anderes über Johanna beschlossen hat, so habe ich es vorgezogen, Ihnen für's erste auf diesem Wege die Mittheilung zu machen, daß Ihr schändliches Vorhaben mir nicht fremd ist. Uebrigens rathe ich Ihnen, in Ihren Briefen an Ihren vormalige» Studiengenossen, meinen jetzigen Kollegen, den Herrn Assessor Bodo von Radeburg, in Zukunft weniger offenherzig zu sein, da der, selbe nicht die Gabe der Verschwiegenheit besitzt, welcher Sie nothwendigerweise für Ihre Pläne bedürfen. „Sollten Sie indessen im Falle von Johannas Genesung, trotz meiner Warnung einen Versuch zur Ausführung ihres Vorhabens wagen, so erlaube ich mir schließlich, Sie daran zu erinnern, daß ich verschiedene von Ihnen ausgeführte Stückchen der Oeffentlichkeit übergeben kann, welche Sie nicht allein für immer beschimpfen, sondern auch dem Arm der strafenden Gerechtigkeit überliefern würden. Statt aller übrigen erinnere ich Sie nur an das unglückliche Gärtnermädchen und ihren Verlobten, dessen Tod Sie auf Ihrem Gewissen haben. „In der Hoffnung, baß Sie alles aufbieten werden, um Johanna nach erfolgter Genesung in die Arme meines Freundes zurückzusühre», verbleibe ich in aller Ergebenheit Ihr Universitätsfreund Hermann Meißner, Referendar zu Freienwalde." Die sröhliche Champagnerlaune, welche Alphvns sich aus seinem Gelage geholt, verschwand äußerst rasch beim Lesen dieses Briefes und der darin befindlichen Drohungen. Seitdem das einfältige Bauernmädchen, diese Johanna, in unserm Hause ist, rief er zähneknirschend aus, indem er den Brief zusammenballte und auf de» Boden schlcukerre, Hab' ich nichts als Widerwärtigkeiten! Meinen besten Vergnügungen Hab' ich entsagt, um ihr Vertrauen zu gewinnen, habe mich fast ein ganzes Jahr lang durch die langweiligsten Soireen, — 324 — Konzerte und Bälle hindurchgearbeitet und die frömmsten und süßesten Worte geschwatzt, die ich erdenken konnte — und jetzt kommt da dieser Unglücksvogel, dieser Meißner, dies tugend- haste moralische Wesen, und macht all' meine Hoffnungen zu Schanden! — Verdammt! Und doch kann ich dem Menschen nichts anhaben, ohne mich auf das Aergste zu kompromittiren; er wäre im Stande, mich dem Gerichte anzuzeigen — Verwegenheit genug hat er dazu! — Ich wollte, daß ich das dumme Bauernmädchen gar nicht gesehen hätte! ries er nach einer Pause, während er mit großen Schritte» im Zimmer auf und nieder ging. Ihres Geldes wär' ich auf die eine oder die andere Weise doch vielleicht habhaft geworden, während mir nun verdammt wenig Aussicht dazu bleibt! Nach den Worten entkleidete er sich hastig und warf sich auf's Lager, wo er unter mancherlei Plänen, seine mißglückte Unternehmung auf anderem Wege auszuführen, endlich gegen Morgen einschlicf. (Fortsetzung folgt.) Miszellen. * Paris. Die betrogenen Erben. Ein Kaufmann der Rue St. Denis zog sich mit einem hübschen Einkommen in Staatsrenten von den Geschäften zurück. Er konnte sorglos leben, aber er hatte keine Familie; Wittwer und ohne Kinder, sehnte sich der Alte darnach, den Rest seiner Tage unter ruhigen, zuvorkommenden und liebevollen Menschen zu beschließen. Cr dachte, daß er sich durch die Schenkung eines Theils seines Vermögens eine auf Dankbarkeit gegründete Ergebenheit erwerben könne. Hr. D. traf daher feine Wahl, die auf den Sohn seines ehemaligen Associe'ö fiel, der ihm um so größeres Vertrauen einflößte, als der junge Mann an eine Frau verheirathet war, die sanft und gut schien. Mit Vergnügen willigten diese ein, und Hr. D. überließ ihnen fast Alles, was er besaß, unter der Bedingung einer rücksichtsvollen Behandlung für sein Lebenlang. Sechs Monate lang ging Alles recht gut, aber nach und nach trat Grobheit und Geiz an die Stelle der Sorgfalt und der gelobten Rücksicht. Alle Vorstellungen D.'s blieben umsonst. Eines Tages aberhörten sie, wie D., in seinem Zimmer eingeschlossen, Gold zählte; er kaufte eine kleine eiserne Kaffe, und bald entlockten ihm die beiden Eheleute daS Geständniß, baß er unerwartet eine ziemlich bedeutende Erbschaft gemacht habe. Nun drehte sich der Wind abermals und die frühere Sorgfalt und Zärtlichkeit kehrte wieder zurück, und versüßte die Tage des alten D., der sich endlich sogar bewege» ließ, auch noch Kaffe und Inhalt seinen Hausgenossen gerichtlich zu vermachen..... Vor einigen Tagen starb er; an die Kasse, deren Schlüssel nicht zu finden waren, wurden Siegel angelegt und der Tag der Testamentseröffnung mit Ungeduld erwartet. Gestern endlich wurde ein Schlosser gerufen, um die grheimnißvolle Kiste zu eröffnen — man fand sie mit Steinen gefüllt und dabei folgende Worte: »Ich mußte zu List greifen, um Sie zur Erfüllung der gegen mich ringegangenen Verpflichtungen zu veranlassen. Ein Freund lieh mir daS Gold, welches Ihr mich zählen saht. Ich vermache Euch meine — leere Kaffe.« Wer vermag die Wuth der T.'schen Eheleute zu schildern, die den armen D. prächtig halten beerdigen lassen und bereits eine Grabstätte auf ewige Zeiten für ihn kauften. * Die Anhänglichkeit des Hundes an den Menschen ist sprichwörtlich. Ein seltenes Beispiel von Anhänglichkeit der Hunde unter einander trug sich bei St. Vallier im französischen Drome-Departement zu. Drer Hunde waren auf der Jagd; einer von ihnen verfolgte eine wrlde Eichkatze biS in ihre unterirdische Zuflucht, konnte aber keinen AuSgang mehr finden; feine Kameraden kehrten, nachdem sie vergeblich am Eingänge gekratzt hatten, auffallend niedergeschlagen nach Hause. Am andern Tage verschwinden sie neuerdings, kamen AbendS ganz erschöpft, mit blutigen Pfoten, schweißtriefend und mit Erde bedeckt nach Hause, und so ging es mehrere Tage fort, bis mau endlich aufmerksam wurde. Eines Morgens bei Tagesanbruch vernahm der Eigenthümer des vermißten Hundes daS Stöhnen mehrerer Hunde, die an seiner Thüre kratzten; wie sehr erstaunte er, als er hinabkam und seinen Hund erblickte, schwach und abgcmagert wie ein Skelett, und von seinen beiden Befreiern begleitet, die, als sie ihn von seinem Herrn unterstützt sahen, sich ganz erschöpft auf ein Bund Stroh hrnstreckten. Die beiden Hunde hatten die enge Ocffnung der Höhle mit Anstrengung aller ihrer Kräfte erweitert und durch- gegrabeu, um ihren Kameraden aus seiner Haft zu befreien. * Liebig erwähnt in seinen jetzt wieder in der «A. Z.« aufgcnommeneu chemischen Briefen eines «grünen Doktors« in Offcnbach a. M., dessen Andenken bei den älteren Bewohnern dieser Stadt vielleicht noch nicht erloschen ist. Er war ein jüdischer Arzt von Ruf, der bei allen lebensgefährlichen Fällen nach Frankfurt, Hanau und in die Umgegend berufen wurde — häufig mit Erfolg. Die Natur hatte ihm einen scharfen Blick und eine feine Beobachtungsgabe verliehen, und seine Weisheit stammte aus einem Hospital, in welchem er Krankenwärter war; er pflegte den ordinirenden Arzt auf seinem Gange durch die Krankensäle zu begleiten, besah nach ihm die Zunge, den Harn und befühlte den Puls der Kranken; er besorgte die Befehle des Arztes wegen Diät, wie viel und was der Kranke essen sollte, und schrieb sich regelmäßig die Rezepte ab; wenn eines half, so machte er ein rothes, wenn der Kranke starb, ein schwarzes Kreuz darauf; nach und nach wuchsen die Blätter zu einem Buche an, und als nichts Neues mehr dazu kam, so begann er, zuerst im Kleinen, dann im Großen zu praktizircn, in der Diagnose war er geübt, für die vorkommenden Fälle hatte er seine Rezepte, die mit den rothen Kreuzen kamen zuerst, wenn sie nicht halfen die schwarzen daran; daraus entsprangen dann seine eigenen Erfahrungen. Er war sehr orthodox, am Sabbath schrieb er keine Rezepte; er ging dann in die Apotheke, und diktirte sie dem Gehilfen, nkrrrr,« so fing er an, dies hieß Recipe; Tartement zwei Gran, dies hieß Tartari emetici grana duo; Syralth, dies hieß syrupus althaei; er konnte seine eigenen Rezepte nicht lesen, aber er war ein berühmter «praktischer Arzt,« von so bewährtem Ruf, daß es den damaligen studirten Aerzten in Offenbach nicht gelang ihm die Prariö zu verbieten, weil er nicht stu- dirt habe. * Bilin. Am 28. Juni wurde hier Frau Francisca Zil- ger begraben, 92 Jahre alt, 31 Jahre verheirathet, 45 Jahre Wittwe: in ihrer Ehe hatte sie 13 Kinder, von zehn verhei- ralhetcn 62 Enkel (noch 33 lebend), von 16 verheiratheten Enkeln bis jetzt 54 Urenkel, (annoch 38 lebend). Die Leiche wurde von 8 Enkeln, mcistentheilö Männern über 40 Jahre getragen. 8 Urenkel über 16 Jahre trüge» die Fackeln, 8 Urenkel unter diesem Alter die Kerzen. Dieser Leiche folgten noch die leidtragenden, hier und in der nahen Umgebung lebenden 5 Kinder, 23 Enkel und Urenkel. * Wer ist der ruhigste Mann im Orchester? Der Klarinettist: denn er hat während seiner Thätigkeit immer ein Blatt vor'm Munde und muß stets den Schnabel halten. * Moderne Rechnung. Für die gnädige Frau 3 Unterröcke gebunden 2 fl. Klopfauf, Küfermeister. Frucht - Mittelpreise. Heilbronn, 8. Juli. Walzen 19 fl., Kernen 18 fl. 11 kr., Gerste II fl. 1 kr, Dink.l 7 fl. 32 kr., Haber 7 fl. 49 kr. Redigirt, Druck und Lerlag oon D. Pfisterer in Heidelberg.