Der Liln-bote. Verkündigungsblatt der Großherzoglichen Bezirksämter Sinsheim und Neckarbischofsheim. W ro - 104. Samstag. -en 29. August 1857. [548] Die Konskription pro 1858 betreffend. Nr. 12,756. Zur Vornahme der Lvosziehung wird Tagfahrt auf Donnerstag den 17. September, früh 8 Uhr, im Rathhaus dahier anberaumt, worauf die Bürgermeister und Konskriptiouöpflichtigen der Gemeinden des Bezirks vorläufig aufmerksam gemacht werden mit dem Bemerken, daß wegen Vorladung der Pflichtigen noch besondere Verfügung Nachfolgen wird. Sinsheim, den 27. August 1857. Großherzoglich bad. Bezirksamt. Otto. Laur. [543] Nr. 10.238. Neckarb ischv fs h e im. Die unterm 20. August 1850, Nr. 15,445, ausgesprochene Entmündigung des Röffelwirths Adam Neudeck von Rappenau wird aufgehoben, derselbe in die Selbstverwaltung seines Vermögens mit der im L. R. S. 49g enthaltenen Beschränkung wieder eingesetzt, und ihm der seitherige Vormund Georg Adam H offmann von da als Beistand beigegeben, was hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht wird. Neckarbischoksh.im, den 24. August 1857. Großherzoglich bad. Bezirksamt. Benitz. Kuhn. Oehmdgrasverkauf. [547] Nr. 2238. Sinsheim. Der diesjährige OehmdgraSerwachs von 85 Morgen kiichenärarischer Wiesen auf Sinsheimer Gemarkung wird Mittwoch den 2. September d. I. und jener von etwa 47 Morgen auf Rohrbacher und Stei> Sfurther Gemarkung Donnerstag den 3. September, auf dem Platze selbst looswcise öffentlich versteigert. Hievon werde» die Steigliebhaber mit dem Bemerke» in Kenntniß gesetzt, daß die Versteigerung jedesmal Morgens 7 Uhr, am ersten Tag auf den Wiesen vor dem untern Thor bei Sinsheim und am zweiten Tag bei der Rohrbacher Muhle ihren Anfang nimmt. Sinsheim, den 27. August 1857. Großh. Stistschaffnei. Banz. Gebäudeverkauf. [548] Nr. 2224. Sinsheim. Bon Seiten des evangelischen Kirchenärars wird der Verkauf des hiestgen ersten evangelischen Pfarrhauses mit Oeko- nvmiegebänden, Hofraitheplatz und Garten, an der Hauptstraße neben Kaufmann Eduard Frank und Bäckermeister Jakob Kolb g legen, beabsichtigt. Kauflustige wollen ihre Offerte binnen 6 Wochen bei uns schriftlich abgeben. Sinsheim, den 28. August 1857. Großh. Stistschaffnei. Banz. Bekanntmachung. [544] Die diesjährige Generalversammlung der Spargescllschaft für Landgemeinden im Unterrheinkreis wird am Montag den 14. September d. I., Morgens 10 Uhr, im Museumsgebäude dahier statifinde». Außer der Eröffnung des Rechenschaftsberichtes pro 1856 wird die Wahl eines neuen AuSlchnß- ObmannS an die Stelle des zurückgetretenen Herrn Hoffman« vor genommen werden. Ferner soll der Versammlung der Vorschlag zu folgender Statuten-Abändernng gemacht werden: Abändernngs - Vorschlag. Der 8 37 der Statuten soll künftig fvlgeude Fassung erhalten: „Die Beschlüsse der Generalversammlung werden „durch Stimmenmehrheit der Erschienenen gefaßt. „Bei Gleichheit der Stimmen gibt die Stimme „des Vorsitzenden den Ansschlag. „Soll eine Abänderung der Statuten beschlossen „werden, so muß die vorgeschlageue Abänderung mit „den Einladungen zur Generalversammlung öffent- „lich bekannt gemacht werden und die beschlossene „Abänderung unterliegt, um gültig zu sein, der Genehmigung von Seiten der Staatsbehörde." Da nach den zur Zeit noch gültigen Statuten zu einer solchen Abänderung die Zustimmung von zwei Dritttheilen aller Gesellschaftsmikglieder nothwendig ist, so laden wir diejenigen Mitglieder der Gesellschaft, welche nicht bereits Bevollmächtigte ernannt haben, ei», entweder persönlich oder durch gehörig Bevollmächtigte möglichst zahlreich zu erscheinen. Heidelberg, den 24. August 1857. Der VerwaltungSrath. Nebel. -— 1545] Eins heim. Kom- llCr inenden Sonntag als den 30. d. M. Preisvertheilung bei gut besetzter MMartnonie - Musik , wozu hostichst «inladet Dftrncr zum Bären. [534] Siegclsbach, Amts Neckar- biichofsheim. Kirchenbau. Die hiesige katholische Gemeinde beabsichtigt eine neue Kirche zu erbauen, wovon der Voranschlag beträgt: Grabarbeit. . . 137 fl. 47 Maurerarbeit .... . . 3811 „ 29 Steinhanerarbeit . . . . . 781 „ 31 Zimmerarbeit .... . . 1703 2 Schieferdeckerarbeit . . . . 238 „ 28 Schreincrarbeit . . . . . 480 „ 40 Schlvfferarbeit . . . . . 198 „ 54 Flaschnerarbeit . . . . . io „ — Glaserarbeit .... . ■ 246 „ 14 Tünchnerarbeit . . . . . 746 „ 1 Summa 8354 fl. 6 kr. Die Arbeiten werden !m Einzelnen nach Umständen auch zusammen im Abstreich in Akkord gegeben. Die Lnsttragendcn werden zu dieser Verhandlung auf Montag den 31. d. M., Vormittags 9 Uhr, auf das Rathhaus dahier mit dem Bemerken tingeladen, daß Plan, Kostenüberschlag und Bedingungen im katholischen Pfarrhanse dahier zur Einsicht bereit liegen. Unbekannte Akkordsliebhaber haben sich mit gültigen Vermögens- und BefähigungSzeugniffen zu versehen. Siegelsbach, den 20. August 1857. Kathol. Stiftnngsvorstand Küttner, Pfarrer. Obstverstcigerung. [549] Montag den 31. August d. I. werden zu Hvfgut Langrnzell circa 500 Malter Aepfel an den Bäumen loosweise versteigert. Anfang der Versteigerung morgen- 9 Uhr. Langcnzell, den 24. August 1857. Sclittffel. Lur Geschichte des Tages. Karlsruhe, 25. Aug. Se. König!. Hoheit der Großherzog haben mit 2 höchster Entschließung aus großh. Staats« Ministerium vom 21. d. M. gnädigst geruht: 1) die Amts« revisorate Salem und Meersburg mit demjenigen zu Ueber» lingen, 2) das Amtsrevisorat Slühlingen mit dem zu Bonndorf, 3) das .Amtsrevisorat Blumenfeld mit dem zu Engen, 4) das Amtsrevisorat Hornberg mit dem zu Tryberg, 5) das Amtsrevisorat Borberg mit dem zu Krautheim zu vereinigen. Ferner haben Se. König!. Hoheit der Großherzog mit höchster Entschließung vom 21. d. M. gnädigst geruht: den Amtörevi« sor Haas in Salem als weiteren Amtsrevisor zu dem Amtsrevisorat Ucberlinge» zu versetzen; dem Amtsrevisor Dörflin» ger in Meersburg das Amtsrevisorat Mößkirch, dem Amtsrevisor Kaiser in Hornberg daS Amtsrevisorat Waltkirch und dem Amtsrevisor Vogel in Adelsheim das Amtsrevisorat Wies« loch zu übertragen; sowie die Amtsrcvisoren Wieler in Blu- menfeld, Müller in Tryberg und Zepf in Stühlingen, Letzteren bis zur Wiederverwendung, in den Ruhestand z» versetzen. — 406 — Karlsruhe, 26. August. Sicherem Vernehmen nach ist Hr. Ministerialrath vr. Dietz vorgestern nach Wien abgercist, um an den Verhandlungen teü statistischen Kongresses Theil zu nehmen. Karlsruhe, 26. Aug. Gestern hat das großh. Artillerieregiment das Lager bei Forchbeim bezogen, um dort die Uebungen, wie sie alljährlich stattfinken, vorzunehmen. Karlsruhe, 26. Aug. Wie man einem auswärtigen Blatte schreibt, hätte daö großh. Ministerium des Innern, veranlaßt durch die vielen Klagen aus allen Theilcn des Landes über mangclbastes Bier, die Frage wegen einer neuen und zeitgemäßen Bierordnung zur Haud genommen. Heidelberg. Kastellan Richard bemerkte seit Jahren wie an einer Stelle unserer Schloßruine der Schnee früher als anderswo schmolz. Er vermuthete einen hohlen Raum, ließ nachgrabcn und entdeckte eine unversehrte Wendeltreppe, von welcher bereits 117 Stufen vom Schutt gereinigt sind. Diese Treppe wurde 1553 zur unterirdischen Verbindung mehrerer Seitenbauten errichtet, nach 156 Jahren (1689) durch Melac verschüttet wird sie jetzt, nach abermals 168 Jahren wieder zugänglich. Von der badischen Bergstraße, 24. Aug. (Fr. I.) In einigen Gemarkungen unserer Gegend wurde dem Tabak durch Hagel und Schloßen großer Schaden zugefügt. Oft hört man daher jetzt, wie diese Leute es bedauern, ihn nicht in eine Hagelversicherungs-Gesellschaft haben ausnehmen zu lassen. Um so allgemeiner wird nun auch bei uns der Wunsch nach einer von der Staatöregierung ausgehenden landwirth- schastlichcn Versicherungsanstalt. Von der Enz, 25. Aug. (Pforzh. Bcob.) Am gestrigen Nachmittage wurde unter zahlreicher Betheiligung von Gönnern und Freunden die 1555 von Kanzler Achtsynit erbaute, nun um 2200 fl. angekauste Nieferuburg zum Rettungs- haus für verwahrloste Kinder eingeweiht. Von dem darauf folgenden interessanten Rechenschaftsbericht, erstattet von dem Hausvater, Lehrer Käser, wollen wir nur hervorheben, daß die Zahl der Zöglinge schon auf 26 angewachsen ist, und daß die Einnahme seit Januar 1855 über 6000 fl. (Pforzheim 2326 fl.) beträgt, etwa 100 fl. mehr, als die Ausgabe. Baden, 27. Aug. Se. Maj. der König der Belgier hat gestern unfern Kurort wieder verlassen. Höchstderselbe begibt sich von hier auö direkt nach Oberitalien, um dem Schluß der Empfangsfeierlichkeiten beizuwohncn, die dort seiner Tochter, der jungen Erzherzogin, in so glänzender Weise bereitet werden. Freiburg, 24. Aug. (S. M.) Von der letzte» Amnestie haben bereits auch Freiburger Gebrauch gemacht. So ist dieser Tage der frühere Advokat Torrent, der sich in letzter Zeit in der Schweiz aufgehalten hat, in seine Hcimath zu» rückgekehrt, und wie man vernimmt, werden noch weitere Flüchtlinge Nachfolgen. Vadenweiler, 25. Aug. Heute Nachmittag um 2 Uhr sind Se. Königl. Hoheit der Erbgroßherzog Friedrich in Begleitung deS Leibarztes Hrn. Geh. Hofrathö vr. Schrickcl und der mit seiner Pflege betrauten Frauen hier angclangt. So eben, kurz vor 8 Uhr, trafen Ihre Königl. Hoheiten der Großherzog und die Großherzogin unter dem lauten Jubel der Bevölkerung, unter dem Geläute der Glocken und dem Krachen der Geschütze bei uns ein. Darmstadt. Einer hiesigen Frau sprang beim Entzünden eines Streichhölzchens ein Fünkchen auf eine unbedeutende Schnittwunde an einem Finger. Erst in der Nacht empfand sie Schmerzen und jetzt, nach fast 6wöchentlicher Erkrankung und ärztlicher Behandlung ist die Frau wieder der Genesung nahe. — Auch in hiesiger Gegend treiben sich Agenten herum, welche Dickrübenblätter aufkaufen, den über die eigentliche Ver- werthung derselben noch nicht aufgeklärten Bauern aber nur 1 preuß. Thlr. per Ztnr. bezahlen, während für dies neue Tabakssurrvgat in der Pfalz doch das Doppelte bewilligt wird. — Die Ezarin hat den unglücklichen Abgebrannten zu Ober- vlm 1000 fl. zugchcn lassen. Mainz. Unser Hr. Bischof begab sich selbst nach Oberolm, tröstete die Unglücklichen nach Kräften und händigte denselben 400 fl. ein. — Oderolm raucht noch, und schon wieder wird Feuer signalisirt. In dem eine Stunde von hier entfernten Dorf Framersheim hat ein Brand großen Schaden angerichtet. Auch in Rieders au l he im wüthetete ein Feuer und der vier Stunden von Mainz entlegene schöne Winvhäuser Hof ist ebenfalls abgebrannt. Worms. Für das Luther-Denkmal hat der Großhcrzog von Mecklenburg-Strelitz 100 fl. bewilligt. Bad Langenschwalbach, 25. Aug. Gestern brannte es in Hohenstelu und Rückershausen. In Hohenstein brannte glücklicher We>>e nur ein Gebäude ab, welches mehr isolirt stand, aber in Rückershausen der ganze Ort bis auf wenige Hütten. Der Schaden soll sich auf einige Hundeittausend Gulden belaufen, indem auch von Vegctabilien und Vieh, Mobilen und Geld nicht das Geringste gerettet werden konnte. Das Traurigste ist, daß fast alle Bewohner des Orts auf dem Äatzenelnbogener Markte waren, und bei ihrer Nachhausekunft nichts mehr von ihren Wohnungen — als den Platz mit einem rauchenden Aschenhaufcn erblickten. Schrecklich aber wäre es, wenn rin Dieb oder sonst ein Verruchter dieses große Unheil angerichtel hätte, welche Vermuthung man ausspricht. Aus Nassau. Das Feuer in Rückershausen, ein Ort mit 400 Einwohner im Amte Wehen, ist durch ein von Kindern entzündetes Streichhölzchen entstanden und hat das ganze Dorf bis auf einige Häuser eingeäschcrt. Von allem Hab und Gut ist nichts versichert. Hannover. Brände und abermals Brände! Bei Be« denkostel brennt der kön. Forst und 100 Soldaten nebst Forst- lcurcn sind abgeschickt. — Bei Ehlershausen sind 600 Morgen Torfmoor abgebrannt. — In Bolzum (bei Pattensen) legte eine Feuersbrunst viele Häuser in Asche, der Wind trug brennende Stoffe nach dem benachbarten Ort Wehmingen und steckte auch dort mehrere Gebäude in Brand! Oldenburg. Auch hier geht man mit der Idee um, eine Aktienbrauerei zu etablircn. Altona, 22. Aug. Es kann mit Bestimmtheit gemeldet werden, daß ein beveutender Theil der dänischen Armee nach dem Herzogthum Holstein marschirt. Natürlich hat diese Disposition ihre auffällige Seite, wenn man bedenkt, daß Dies gerade zu der Zeit geschieht, wo die Stände in Itzehoe tagen. Berlin, 25. Aug. In Magdeburg hat hier eingegangenen Nachrichten zufolge in der letzten Nacht eine sehr be, vrohliche Feueröbrunst gewüthet. Das Feuer entstand gestern Abend 7 Uhr im königl. Fouragemagazin und zerstörte dies, sowie das Mehl- und Gelreidemagazin nebst mehr als 30 Wohnhäusern, und die Brücke der Magdeburg-Wittenberger Eisenbahn. Um des zerstörenden Elementes Herr zu werden, wurden mehrere Häuser niedergerissen. Von den Magazinen verbreitete sich das Feuer über die Fischerufer-Straße und die Schulstraße. Augenzeugen versichern, es bleibe lediglich der Windstille zu danken, daß nicht der ganze, meist aus Fachwerkhäusern bestehende Stadttheil ein Raub der Flammen geworden. Von Menschen ist ein Schornsteinfeger verunglückt. Außerdem haben eine Frau und ein Kind bedeutende Brandwunden davongctragen. Der Schaden an verbrannten Staats- gebäuten und Vorräthen wird nach oberflächlicher Schätzung auf beinahe Million Thalcr veranschlagt. In Folge der Zerstörung der Eisenbahnbrücke ist der direkte Verkehr mit der Wittenberger Bahn auf längere Zeit unterbrochen. Die Beförderung der Personen geschieht jetzt von der Neustadt-Mag- — 407 — dcburg aus, wohin die auf den anderen Bahnen ankommenden Passagiere durch bereit stehende Omnibus gebracht werten. Aus Tyrol. Die Gesellen, welche neulich den Postwagen ga»j nahe bei Verona plüiidertcu, sind entdeckt. Was sind es für Leute? Bedienstete aus großen Bankierhäusern jener Stakt, welche die Tage der Versendung wcrlhvoller Geldsendungen kannten und al>o rechtzeitig openren konnten. Ihre letzte Beute besteht aus 38,000 fi. Paris. Nach einer telegr. Depesche des »F. I." bringt der »Moniteur" vom 26. August die Mittheiliing, die Pforte habe die Divanswahleu in der Moldau aunullirt, die Revision der Wahllisten und Vornahme neuer Wahlen befohlen. — Frankreich, Rußland, Preußen und Sardinien werden die diplomatischen Beziehungen mit der Pforte demnächst wieder an- knüpfcn. Paris, 26. Aug. Zwischen Sardinien und Neapel droht ein Bruch wegen des fardinifchen Dampfers „Cagliari", der bekanntlich zu dem letzten Mazziuischen Putsche benützt wurde und in neapolitanische Hände siel. Die sardlnischc Regierung verlangt dessen Freigebung, sowie die Freilassung der Schiffsmannschaft, weit die Ausständischen sich des Schiffs mit Gewalt bemächiigt hätten. Die neapolitanische Regierung dagegen hat sich bis jetzt von der Wahrheit dieser Behauptung nicht überzeugen können und verweigert die Forderung Sardiniens. Der Bruch scheint kaum mehr abwendbar. Ostindien. Es bestätigt sich, daß die 30,000 Mann starke Armee von Onde sich mit Delhi in Verbindung setzte. Das Königreich Oute grenzt bekanntlich an Delhi. Die Insurgenten werden in diesem bevölkerten, reichen, fruchtbaren Lande große Hilfsquellen sinden. Calcntta, 4. Juli. Eine der "Allg. Ztg.« mit der heutigen Nachtpost zugegangcne Privatkorrelpondenz von diesem Tage beginnt mir den Worten: Seit Abgang der letzten Post haben die Verhältnisse sich eher verschlimmert, als verbessert. Wir haben cs nicht blvs mit einer Revolution der Nativ-Ar- mee, sondern mit der ganzen mohamedanischen Bevölkerung Indiens zu rhun. Ohne die Uebereilung des 21. Nativ-Regi- ments wäre die Revolution in Calcutta ausgcbrochen. Es sollte das alte Moslcmreich wieder hergestellt und alle Europäer ermordet werden. Auf der Eisenbahn. (Fortsetzung und Schluß.) Ich warf meine Blicke auf Eduard D. Er stand nicht minder unangegriffen und unangreifbar da. Seine Haltung gegenüber dem Manne, den er sollte bestohlen haben, war stolzer geworden, sein Blick strenger, voll Verachtung. So maß er schweigend den jungen Kaufmann. Allein diesen trafen auch die Blicke des Vorwurfs, der Verachtung nicht. Der Ausdruck seines Gesichts wurde vielmehr sicherer, beruhigter. Seine Augen suchten mich. Er ist es! winkten sie mir mit der gewohnten milden, einfachen Ruhe zu. Auch das war nichts gewesen. Und ich hatte meinen allerletzten Trumph ausgespiclt, den ich Beiden zusammen gegenüber hatte, wenigstens für den Augenblick hatte. Ich gab dennoch mein Spiel nicht auf. Ich kechucte noch einmal auf mein Glück. Beide mußten sich gegen einander auösprcchen. Leicht, wie so oft, konnte dann der gegenseitige Eifer, oder aber auch gerade das Bestreben, recht auf seiner Hut zu sein, die Vorsicht vergessen lassen, unvorsichtig machen. „Hertel," fragte ich diesen, „Sie kennen diesen Herrn?" „Ja, Herr Polizeidirektor, er ist der Dieb des Geldes." „Sie kennen ihn bestimmt wieder?" „Ganz genau, trotz der Veränderung feines Aeußeren. Tr war in dem Eisenbahncoupr nahe genug bei mir gewesen, daß ich sowohl seine Gestalt, als seine Gesicktszüge mir merken konnte. Als ich meinen Verlust entdeckte, prägten sie sich meinem Gedächtnisse für minier ein." „Mein Herr, Sie hören," sagte ich zu Eduard D. ,,Wa» haben Eie zu erwidern?" „Sind Sie mein Richter hier?" fragte er mich stolz. „Das nicht," antwortete ich ihm ruhig. „Aber der mit den ausgedehntesten Vollmachten versehene Polizcideamte, der Sie, wenn Sie nicht noch heute Abend von der Anschuldigung deS Diebstahls sich reinigen können, Ihrem Richter überliefern wird." Er schrak zusammen. „O mein Golt, die arme —" Er sprach den Namen Ottilie nicht aus. Auch in diesem Momente war sein erster, sein einziger Gedanke daS kranke Kind. ES wollte laut in nur rufen: Nein, der kann der Schuldige nicht sei». Aber völlig so im Gewände der Unschuld stand auch der Andere da. „Wohlan, Hertel," sagte ich, „wenn der Herr nicht reden will, so sprechen Sie. Halten Sie ihm die Einzelheiten vor." Hertel schickte sich dazu an. Aber Eduard D. hatte seinen ganzen Stolz wieder gewonnen. „Mein Herr," sagte er zu mir, „ich kenne derartige Spiele. Sie haben Verstand genug, um einzusehen, daß es hier ein eben so unwürdiges als unnützes wäre. Ich erwarte von Ihnen, daß Sie mich damit verschonen. Im Uebrigen thu» Sie mit mir, was Sie wollen. Sie werden nur die Güte haben, mich drei Zeilen an die Frau von Westhoff schreiben zu lassen." Die letzten Worte waren ihm schwer geworden. Es war, als wenn das Herz sich ihm zuschnüre. Ich ergriff den Umstand, nicht blos mit Absicht auf ihn. „Mein Herr," sagte ich mit tiefem, aber mildem Ernst, „versuchen Sie nicht weiter, hier eine Rolle zu spielen, die unter allen Umständen eine durchaus vergebliche ist. Verkenne» Sie Ihre Lage nicht. Lassen Sie mich sie Ihnen schildern, ganz so wie sie ist, wie ich sie Ihnen mit Thräneu in den Augen schildern müßte, wenn Sie mein Sohn wären. Dieser junge Mann hat seinem Prinzipal stets treu gedient; sein Ruf ist der unbescholtenste; er klagt Sie des Diebstahls an; er erkennt Sie bestimmt wieder. Eine Menge Personen in R. und K. werden Sie gleichfalls wieder erkennen. Sie leugnen überdies nicht, dort gewesen zu sein, selbst nicht, zur Zeit des Diebstahls mit ihm allein in dem Eoupe gewesen zu sein. Sie können sogar nicht leugnen, daß Sie heimlich, aus eine lebensgefährliche Weise den Wage« verlassen haben und dann spurlos verschwunden sind. Nehme« Sie alle dle>e Umstände zusammen, zu denen noch manche andere, zwar kleine, aber desto mehr bestätigende kommen, und dann fragen Sie sich selbst, ob es ein Geschworenengerlcht in der Welt geben kann, das Sie nicht verurtheilen muß." Der junge Mann war nachdenkend geworden; er wurde un- ruhig: auf seine Stirn traten Schweißtropfen. „Aber ich bin unschuldig!" sagte er stolz. Und der junge Kaufmann? Ich hatte ihn nicht aus de« Augen gelassen. Und in einem Augenblick, in einem ganz kleine» Augenblick, in welchem er sich unbemerkt glaube» mochte, oder aber m welchem sei» innereü Gefühl zu mächtig wurde, als daß er es ganz beherrschen kbunte, sah ich, wie aus einmal ein Funken boshafter triumphirender Freude in seinem Auge glühete. Ueber sein ganzes Gesicht zuckte es wie ei» Blitz — aber nur eine« Moment, dann lag wieder die alte glatte Ruhe darauf. Ich hatte genug. „Mein Herr," sagte ich kalt zu Eduard D., ich bedarf Ihrer nicht weiter. Sie können mich verlassen. — Darf ich bitten," setzte ich bezeichnend hinzu, "der Frau von Wüsthvf zu sagen, daß ich ihr eine glückliche Reise wünsche?" Er ging, wenn gleich verwundert. „Und nun, Herr Hertel," wandte ich mich mit der volle» — 408 - Strenge meines Amtes an diesen, „noch ein paar Worte mit Ihnen. Sie sind mein Gefangener. Der Mensch erschrak deftig. Er wurde leichenblaß und zitterte, daß man seine Kniee bcinabe schlottern sab. Ick halte keinen Zweifel mcbr an seiner Schuld. Mein Manöver war vollkommen geglückt; freilich bis auf die Wieterherbeischaffung des Geldes. Aber auch um dieses Ziel war ich nicht mebr sebr besorgt. Ich beschloßt sofort und auf dem kürzesten Wege darauf zuzugebcn. „Hertel," sagte ich, „Sie haben den Diebstahl vorgc- spiegelt. Sie haben sich selbst bestohlen, oder vielmehr Ihren Herrn —" „Herr Polizeidirektor" — unterbrach er mich gekränkt. Ich ließ ihn nicht zu Worte kommen. „Unterbrechen Sie mich nicht. Ich habe Ihnen nur wenige Worte zu sagen. Es ist nur eine kleine Geschichte. Wenn Sie sie angchört haben, können Sie spreche». Ihre Geschichte ist keine neue. Vor einem Dutzend von Jahren hatte ein Kaufmann in Berlin einen Reisenden, den er, um Einkäufe zu machen, mit einer Summe von zwölf« oder fünfzehntausend Thalrrn — ich weiß es nicht mehr genau — nach Pole» schickte. Nach vierzehn Tagen erbält der Berliner Kaufmann von feinem Reisenden einen Brief, worin derselbe ihm meldet, daß die ganze Summe ihm gestohlen sei. Er babe das Geld, ras in preußischen Kassenanweisungen bestand, sehr vorsichtig auf der Brust getragen, indem er das Paket sogar an der innern Seite seines Reiserockes fest gcnäbet babe. In der Nacht im Postwagen, kurz vor Warschau, sei cs ihm dennoch, während er geschlafen, gestohlen worden. Alle seine Nachforschungen nach Dieb und Geld seien bisher vergeblich gewesen. Der Berliner Kaufmann hatte einen Freund, der einer der tüchtigsten Criminalisten der Residenz war. Diesem tbeilte er die Sache mit, und ans sein Bitten entschloß sich der Crimlnalbeamte, mit guten Empfehlungen versehen, nach Warschau zu reisen. Er traf dort den Reisenden im Gasthofe, unglücklich, vernichtet. Er ließ sich den Diebstahl erzählen. Der Reisende erzählte sehr glaublich, auch daß er bei den polnischen, eigentlich russischen Behörden wenig, richtiger gar keine Unterstützung gefunden habe. Der Criminalbeamte wurde zwar nicht überzeugt, er fand aber auch keinen positiven Anhalt für einen Verdacht. Daß die gewöhnlichen russischen Behörden, auch in Polen, nicht viel taugten, wußte er. Er wandte sich daher sogleich an die Spitze der Polizei in Polen, an den Polizeichef General — oder war er damals noch Oberst? — Abra- wowiez. Der General hörte ihn ruhig, zuvorkommend an, no- tirte sich Alles, versprach ihm seine energischste Hilfe und ersuchte ihn, am nächsten Tage wiedcrzukonimcn, um Weiteres von der Sache zu hören. Am folgenden Tage ging der preußische Criminalbeamte wieder hin. De> polnische Polizcichef empfing ihn, bot ihm einen Stuhl an und bat ihn, noch ein Vicrtclstündchen zu warten, cs werde gerade noch in der Angelegenheit untersucht. Der Kriminalbeamte setzte sich und wartete, während der General Abramowicz, der beschäftigt war, weiter arbeitete. Nach einer Minute drang ein Geschrei an das Ohr des preußischen Beamten; es kam aus dem Innern des Gebäudes. Es waren Schmerzenstöne, zuerst kurz, abgerissen, dann länger anhaltend, aber immer scharf, heftig, das Ohr zerreißend, das Herz zerschneidend. Der Beamte wurde unruhig. Eö übcrlief ihn kalt und warm; er mußte anfstehen und hielt sich die Ohren zu, um die kaute nicht mehr zu hören, die nur von einem zu Tode Gepeinigten ausgehen konnten, die ihn selbst wie tödtlich peinigten. „Was ist Ihnen?" fragte ihn der General. „Jene Schmerzenstöne —!" „Ah, man inquirirt.." „In diesem Augenblicke glaubte der Kriminalbeamte die Stimme des Gepeinigten zu erkennen. „Der Reisende!" — rief er. „Allerdings, mein Herr, er wird verhört." „Dem preußischen Beamten brach der Angstschweiß auS. „Ich beschwöre Sie, Herr General, lassen Sie der Scene ein Ende machen." „Der Herr von Abramowicz lachte. Aber er verließ das Zimmer. „Ich muß doch einmal Nachsehen," sagte er. „Das Schreien hörte auf. Nach einige» Minuten kehrte der General zurück. „Mein Herr, die Posten in Polen sind sicher. Ich durste jene Verleumdung nicht auf der nur anvertrauten Polizei basten lassen. Den Empfehlungen aber, die Sie die Güte hatten, mir zu überreichen, war lch es auch schuldig, Ihrem Freunde wieder zu seinem Gelde zu verhelfen, kaffen Sie in Berlin, Straße da uud da, bei der Marter des Reisenden im Keller nachgraben; Sie werten die ganze angeblich in Polen gestohlene Summe Geldes dort unversehrt vorfinden." „Das Geld wurde dort gefunden." Ich schloß und hatte während meiner Erzählung Zweierlei an dem Menschen vor mir bemerkt. Zuerst als ich die'cigcnthüm- liche Weise dcö Verhörs des Bestohlenen in Warschau bezeich- nete, ein Zittern, das gar nicht aushören wollte; sodann, als ich des Vergrabenö des Geldes im Keller erwähnte, ein plötzliches heftiges Aufzuckcn der Augen. Ich war nun auch der Wie- Lcrherbcischaffung des Geldes gewiß. „Haben Sie mir jetzt etwas zu sagen?" fragte ich ihn. Er schwieg und ging mit großen Schritten im Zimmer umher. Auf einmal fing er an zu weinen; er schluchzte heftig, zahllose Thränen rannen ihm über bas Gesicht. „Hertel," sagte ich mit mildem Ernste zum ihm, „erschweren Sie Ihre Strafe und Ihr Schicksal mcht durch ferneres verstocktes Leugnen. Wo soll ich in — nach dem Gelde suchen lassen? Denn zu Hause haben auch Sie es. Der Telegraph bringt uns in drei Stunden Antwort. Ich selbst werde später vor Gericht ein Zeugniß für Ihre mildere Bestrafung ablegcn." Er weinte heftiger. „Der Satan hatte mich verblendet!" rief er. Dann gestand er Alles. Das Geld lag unter dem Fußboden seiner Wohnstube in — versteckt. Ich telegraphirte sofort dahin. In drei Stunden hatte ich die Antwort, daß es aufgc- fundcn sei. Die Frau von Wüsthof war in derselben Nacht mit ihrer Nichte und mit Eduard D. nach der Schweiz abgereiset. Ich habe sie vor vierzehn Tagen in Monteur besucht. Die jungen kuete leben dort als glückliche Eheleute, da die Gesundheit Ottiliens sich wunder befestigt hat. Hertel, — schloß mein Freund dann seine Erzählung, — wurde — sehr gelinde — zu einer dreijährigen Gefängnißstrafe verurtheilt. Nach ihrer Verbüßung wird man ihm unter einem andern Namen ein Unterkommen in Amerika verschaffen. Der Kredit meines Freundes B. ist seit der Wiedererlangung des Geldes ein unerschütterlicher. Frucht - Mittetpreife. Heilbronn, 28. Aug. Weizen 16 fl. 30 kr., Kernen 15 fl. 53 kr., Gemasch 12 fl-, Gerste II fl. 12 kr., Dinkel 6 fl. 59 kr., Hafer 7 fl. 13 kr. Pistolen dto. Preuß. Holl. 10fl.-Stücke Randdnkaten 20-Frank-Stücke frankfurter Courfe. 8. 37-38 9. 55-58 9. 46-47 5. 30'/,-3l'/, 9. 20-21 Engl. Souverain« 11. 42-48 Preuß. Thaler — 5-Frankenthaler 2. 20'/, Preuß. Kaff.-Sch. l. 45'/, Rcdigirt, Druck und Verlag von D. Pfisterer in Heidelberg.