Der Fan-bote Verkündigungsblatt der Großherzoglichen Bezirksämter Sinsheim und Neckarbischofsheim. NP 0, 113. Samstag, den 19. September 1857. Mit kommendem Monat beginnt wieder ein neues Abonnement auf den Landboten. Gefällige Bestellungen wolle man bei den Großh. Postanstalten machen. Der Abonnementspreis für ein Vierteljahr beträgt in den Aemtern Sinsheim und Neckarbischofsheim 45 kr., ohne Zustellgebühr, im übrigen Großherzogthum 1 fl. 8 kr. Einrückungsgebühr die Zeile 3 kr. Zu zahlreichen Bestellungen ladet ergebenst ei» Heidelberg, im September 1857. Die Erpcdition des Landbvten. Die Fleischpreise belr. Beschluß. £581] Nr. 13,594. Bis auf Weiteres kostet ein Pfund Rindsteisch 9 kr. Sinsheim, den 17. September 1857. Grvßherzvglich bad. Bezirksamt. Otto. £582] Nr. 10,999. In der zweiten Hälfte dieses Monats kosten: 4 Pfund Brod 1. Sorte.13 kr. 3 „ Brod 2. Sorte.8 kr. das Paar Wafferwecke z» 10 Loth . . 2 kr. 4 Loth Milchbrod.1 kr. 1 Pfand Rindsteisch.8 kr. 1 „ Kalbfleisch.8 kr. 1 „ Schweinefleisch.13 kr. was hiermit veröffentlicht wird. Neckarbischofsheim, den 15. September 1857. Grvßherzvglich bad. Bezirksamt. Benitz. Schuldenliquidation. £583] Nr. 10,994. Neckarbischvfsheim. Die sich bereits in Nordamerika befindlichen Hanna und Fanny Stammhalter von Obergimpern haben um Answanderungs-Erlaubniß und Ansfvlgnng ihres Vermögens gebeten. Etwaige Forderungen an dieselben sind am Dienstag den 29. September l. I., Vormittags 9 Uhr, bei Verlust der Rechtshülfe dahier anzumelden. Neckarbischofsheim, den 15. September 1857. Großherzoglich bad. Bezirksamt. Benitz. ® f585] Nächsten Montag den 21. dss. Mts. läßt der Unterzeichnete ungefähr 30 Stück gut gehaltene Weinfässer öffentlich versteigern, wozu einladet Sinsheim, den 17. September 1857. Elkan Apfel. sür Wirthe sind vorrä- thig in der Bnchdruckerer von D. Pfisterer in Heidelberg. Der deutsche Phönix versichert fortwährend zu sehr billigen Bedingungen gegen Feuerschaden: aller Art Lahrmsse, Grntevorräthe, Waaren u. s. w., sowie das von der Großherzogl. Staatsbrandkaffe nicht mehr versicherte VebäudefÜNftel. Versicherungen werden bestens besorgt durch den Agenten des deutschen Phönir Rappenau, im September 1857. £ 584 ] Ferd. UTielberg’all. 3ur Wesch ichte des Tages. Karlsruhe, 17. Scpt. Durch allerhöchste Ordre wird dem Major v. Röder vom Artillerieregimeut die Erlaubniß er- thcilt, den ihm von Sr. Maj. dem Kaiser von Rußland verliehenen Stanislaus-Orden 2r Klasse mit der Krone anzunehmen und zu tragen. Mannheim, 14. Scptbr. Heute findet in Mainz die Probe mit dem Mastumlegen Behufs des Durchfahrens unter der im Bau begriffenen Kölner Brücke statt, wohin mehrere Betheiligte sich von hier aus begeben haben. Es soll damit die Möglichkeit und Ausführbarkeit dieses Umlegens bei großen Schiffen dargethan und bewiesen werden. Mannheim, 16. Sept. Die Einweihung des Neubaues der katholischen Rettungsanstalt für sittlich verwahrloste Mädchen in Käferthal findet Sonntag den 20. d., Nachmittags 4 Uhr, statt. Bruchsal, 16. Scpt. Die Tagesordnung für die dritte Quartalsitzung des Schwurgerichts des Mtttclrheinkreises, welche am 28. d. beginnt, führt nur 3 Fälle vor: wegen Tödtung, Mordversuchs und Raubs, und wegen Brandstiftung. Baden, 14. Scptbr. Mit dieser Woche ist in unserer diesjährigen glänzenden Saison eine Abnahme bemerkbar geworden. Die Frequenz dieses Sommers hat bereits die Zahl von 42,000 Fremden überschritten, und dürfte somit früheren Verhältnissen zu Folge nicht nur hinter keinem der früheren Jahre zurückbleiben, sondern dieselben sämmtlich übertreffen. Baden, 16. Sept. Unsere Mittheilung, die Hieherkuuft des Kaisers der Franzosen betreffend, können wir dahin näher erörtern, daß der Kaiser auf der Rückkehr von Stuttgart, mithin gegen Ende des Monats, unsere Stadt berühren wird. Aus dem Mittelrheinkreise. Bekanntlich schwankt der Preis des Hopfens unter andern Ursachen vorzugsweise darum, weil er sich ohne großen Werthverlust nicht lange aufbewahren läßt. Durch das bisher übliche Trocknen mittelst Aufschütten und Wenden auf luftigen Speicherräumen verstäubt ein großer Thcil des Hopfenmehls und geht damit eine entsprechende Masse des werthvollsten Theiles, des Hopfenöls, verloren; das Oel verharzt, die Lupulindrüsen werden dunkelfarbig und die Farbe der Zapfen geht aus dem Goldgelben in's Schmutzigbraune über. Die Techniker der Gemüsefabrik in Offenburg beschäftigten sich schon längere Zeit damit, dem Hopfen — ohne ihn zu schwefeln — seine Eigenschaften zu erhalten, die er frisch besitzt, und es scheinen diese Versuche zu gelingen. Ich sah dort kürzlich Hopsen aus den Jahren 1854 und 1855, der sehr schön war. Im vorigen Jahr ließ ein sehr tüchtiger Bierbrauer, Hr. Sch. in Offenburg, versuchsweise Hopfen in der Fabrik bereiten und pressen. Dieser 1856er Hopfen wurde jüngst verwendet und dabei vorzüglich befunden; er war vollkommen wie frisch. Hierdurch ermuntert, ließ derselbe Hr. Sch. 672 Pfd. frische Hopfen wieder aus der Fabrik trocknen und pressen. Er erhielt daraus 201 Pfd. trocken; was ein sehr günstiges Resultat ist, indem bei der gewöhnlichen Trockenmethode 100 Pfund frische selten mehr als 22 bis 24 Pfund trockene Hopfen geben. Man baut izn Großherzogthum etwa 16- bis 20,0000 Zentner Hopfen jährlich. Wie leicht ist es. dieses ganze Hopfenquantum frisch vom Acker weg mittelst der Eisenbahn auf das Etablissement zu verbringen, von wo in wenigen Tagen die Eigenthümer ihn getrocknet, gepreßt, und verpackt wieder beziehen oder ihn dort verwahren lassen können, bis sie es an der Zeit halten, um ihn zu verkaufen. Eine Masse Ausgaben, die jetzt gemacht werden müssen, bis die Waare vom Produzenten zum Konsumenten, d. h. zum Bierbrauer, gelangt, ebenso wie die Verluste, welche die alte Trockenmethode gegen die neue bringt, würden wegfallen. Es vereinfachte sich das Geschäft und die Rente daraus erhöhte sich. Ohlsbach (A. Gengenbach), 14. Sept. (O. B.) Hier herrscht seit einigen Wochen die Ruhr in solchem Grade, daß, wie wir hören, zufolge einer Aufnahme über den Stand derselben von Seiten des großh. Physikats bereits 170 Personen davon befallen waren. Erlegen sind dieser Krankheit bisher 17 Personen, und zwar zu einem Drittheil Frauen, alle im Alter von 80—90 Jahren und ebenso viele Kinder. Die Epidemie ist übrigens in der Abnahme begriffen und somit ihrem baldigen Erlöschen nahe. Zu Rippolingen, Amtsb. Säckingen, hat am 14. d. ein Unglück eigenthümlicher Art stattgefunden. Ein kleines Kind war von den Eltern, bevor sie auf das Feld gingen, in die Wiege gelegt und die Decke des Bettchens mit den Wiegenbändern befestigt worden. Als sie nach Hause zurückkamen, fanden sie das Kind todt, und zwar batte eS sich — erhängt. Ver- muthlich hatte es sich in der Wiege aufgcrichtet, und gerieth mit dem Halse in ein Wiegenband, an welchem es, aus der Wiege gestürzt, hängen blieb und so seinen Tod fand. Von der Schweizergrenze, 15. Sept. Wie wir vernehmen, hat die Gemeinde Rechberg, Amts Jestetten, dem jeweiligen Lehrer daselbst einen Viertelmorgen gutes Ackerland, im Anschlag von ungefähr 100 fl., zur Benützung überlassen, ohne dafür am Diensteinkommen Etwas in Aufrechnung zu bringen. Ebenso bat die Gemeinde Waldkirch, Amts Waldshut, dem Hülfslehier nach der Prüfung eine Remuneration von 13 fl. bewilligt. Wir hegen nur den Wunjch, daß solche, sich selbst ehrende Beispiele in vielen Gemeinden gegen würdige Lehrer Nachahmung finden möchten, wozu nach mehrfach geäußerter Bereitwilligkeit die Hoffnung vorhanden ist, wenn dieselben allseitig gebilligt und befürwortet würden. Heppenheim, 10. Sept. Das Jahr 1857 ist an Naturseltenheiten reich; so hat z. B. Schmiedmeister Engelhard dahier auf seinem Tabaksacker die sog. Geitze stehen lassen, solche geköpft leingekürzt) und dadurch eine zweite Tabaksernte erzielt, deren Blätter bereits eine Länge von 20 und eine Breite von 11 Zoll haben. Stuttgart, 15. Sept. Dem Vernehmen nach werden II. MM. die Kaiser von Frankreich und Rußland Samstag den 26. d. M. dahier zusammentrcffcn. Mün chen, 16. Sept. Heute Nacht wurde das Kaufmann Rosenlehner'sche Haus durch eine Pulvererplosion im Laden demolirt. Herausgegraben sind fünf (nach Anderen vier) Tobte, Einer vermuthlich noch verschüttet, neun (nach Anderen nur zwei) Schwerverwundete. In dem nächstangrenzenden Gasthof zum Oberpollinger und in vielen Häusern wurden Fenster zerstört. München, 14. Sept. Nach einem heute von der Administration der bayr. Hypotheken- und Wcchselbank gefaßten Beschlüsse sind, nachdem nunmehr durch wiederholte Ausschreibungen das Publikum von dem Vorhandensein falscher 10fl.«Bank- noten hinlänglich unterrichtet und auf die Kennzeichen der Falsifikate aufmerksam gemacht worden ist, fämmtliche Banknoten- Einlösungskassen beauftragt worden, die von jetzt an etwa noch vorkommenden falschen Noten nicht mehr zu honoriren und denselben die Einlösung zu verweigern; leider erhellt hieraus, daß man der Fälscher noch nicht habhaft ist. Koblenz, 13, Septbr. Die großen Stärkefabriken der hiesigen Umgegend beziehen jetzt ihren bedeutenden Kartoffelbedarf in Schiffsladungen aus Holland, wodurch die Kartoffelpresse hier namhaft gewichen sind, so daß man 110 Pfd. gegenwärtig im gewöhnlichen Verkehr für 1 Thlr. kauft, während solche vor 8 Tagen noch 1 Thlr. 10 Sgr. kosteten. Koblenz, 13. Septbr. Gestern Nachmittag traf Ihre Königl. Hoheit die Frau Prinzessin von Preußen nach langer Abwesenheit wieder in unfern Mauern ein. Charlottenburg. Ein 13jähriger Junge hatte vorige Woche, um sich an seinem Vater, der ihn kurz vorher gezüchtigt hatte, zu rächen, ein Bund Streichhölzer, mit Stroh und Heu umwickelt, angezündet und in die Scheune geworfen. Der sich bald verbreitende Qualm wurde jedoch rechtzeitig bemerkt und das noch nicht hell ausgcbrochene Feuer erstickt. Das saubere Früchtchen ist natürlich verhaftet worden. Hamburg, 13. Sept. Die holsteinische Ständeversammlung ist gestern durch einen Regierungskommissär geschloffen worden, nachdem der für die Arbeiten festgesetzte Termin verlausen war. Paris, 13. Sept. Die Zahl derjenigen, die ein Recht auf die St. Helena-Medaille haben, wird auf hunderttausend angegeben und man schätzt die Ausgabe, die dem Staat erwachsen wird, auf 200,000 Frcs., die auf das Budget der Ehrenlegion übertragen werden. Paris, 15. Sept. In der Provinz wird die Anwerbung französischer, ausgedienter Offiziere und Soldaten eifrigst betrieben. Wer einwilligt, sich nach Indien einzuschiffen, soll gut bezahlt werden. Ein Soldat soll 1000, ein Lieutenant 10,000, ein Hauptmann 15,000 Fr. jährlich erhalten, nebst freier Reise hin und her. Die Kapitulationszeit ist 5 Jahre. Marseille, 15. Septbr. Das französische Paketboot, welches den Dienst zwischen Alerandrien und Marseille versieht, brachte nur die Post von Bombay. Am 15. August während des muselmännischen Festes herrschte zu Bombay einen Augenblick ein panischer Schrecken. Doch beruhigte sich die Stadt, weil sie zu ihrer Vertheidigung auf die Marine- regimenter der auf der Rhede liegenden englischen Schiffe und auf die Mithülfe zahlreicher europäischer Freiwilliger zählte. Nach der --Bombay-Ga;.-- wäre der Zeitpunkt der Einnahme Delhi's noch sehr entfernt. General Havelock zerstörte Bilboor, die Residenz Nena-Sahib's und zersprengte am Ganges 10,000 Insurgenten, welchen er 15 Kanonen wegnahm; er gedachte Lucknvw zu entsetzen, und dann das Königreich Audh zu räumen, und auf Delhi zu marschiren. Zu Dinapore lehnten sich abermals 4 Regimenter der bengalischen Armee auf; ein Theil dieser Insurgenten wurde von General Lloyd getödtet; die Empörer, welche einem Kontingente von Scinde angehören, begegneten sich zu Gwalior. Der Penjab ist noch ruhig. Bun- delkund allein, in Centralindien, fängt an zu gähren. Brüssel, 13. Sept. Der,-Precurseur-- meldet, daß das holländische Dampfschiff --Sophie-- vorgestern Morgen mit dem englischen Dampfschiff --William Hutt-- zusammcnsticß und sofort sank; der Kapitän und seine Frau, der englische Steuermann, zwei Passagiere und fünf Manu von der Mannschaft fanden ihren Tod in den Fluthen. London, 15. Sept. Drei Ausfälle der Garnison von Delhi wurden zurückgeschlagen. Die Engländer verloren in diesen drei Treffen 500 Mann. Die Insurgenten von Nee- much langten zu Delhi an. Bithoor wurde widerstandslos verbrannt. Nach einer von der --Morn. Post-- veröffentlichten Depesche war das Gerücht verbreitet, Nena Sahib habe sich sammt seiner Familie umgebracht. Die Generale Neill und Havelock marschirten zusammen in der Richtung von Lucknvw. Zu Patna u. Benares wurden Verschwörungen entdeckt. Tung, Bahadoor und Holkar bleiben treu. Warschau, 10. Sept. Begnadigungen polnischer Erilir- ter und Verbannter haben auch während der Anwesenheit des 443 — Kaisers mehrfach stattgefunden. Aus Sibirien, aus Afrika, aus England und Frankreich dürfen wiederum eine Anzahl sich dem anhaltenden Zuge der Heimkehrenden anschließen. La Creche. Erzählung Vvn G. Pf. (Köln. Zeitung.) 1 . Eine halbe Meile nordwärts von Boulogne, da, wo der Kanal sich zur Straße von Calais zu verengen beginnt, ragt ein altes, finsteres Bollwerk mitten aus den Meereswogen empor. Niemand weiß, wer es gebaut, welchen Zwecken cs gedient, wie viel Jahrhunderte oder Jahrtausende es hier den Stürmen schon getrotzt hat. In Schußweite vom Fclsensaum der Küste gelegen, ein aus rohen, unförmlichen Steinblöckcn aufgethürm- tes Viereck mit regellos angebrachten Nischen, Luken und Vorsprüngen, verwittert und voll Risse, bietet es ganz den Anblick eines jener aus dunkler Vorzeit stammenden Bauwerke, wie sie in den verschiedensten Ländern Europa's sich vorfinden und bald den gewaltigen Händen eines untcrgegangenen Riesengeschlechts, bald aber auch dem seltsamen Kunstirieb des Satans selber zugeschrieben werden. Auch gibt sein Name La Creche keinen besonderen Wink bei der Untersuchung seiner Geschichte. Die graue Wand der kahlen zerklüfteten Kreidefelsen, die größtentheils die Einfassung des Durchgangs bilden, den einst das Meer sich geschaffen, als es England vom Kontinent losriß, senkt sich im Süden von Boulogne, um dem Flüßchen Liane den Zugang zum Meere zu gewähren. Nördlich der Stadt sängt sie an, allmälig wieder zu steigen, erreicht dem Fort La Creche gegenüber ihre äußerste Höhe, fällt da langsam wieder ab, bis sie rn die fernen Dünen von Vimereur sich verliert. Ein Pfad für Reiter und Fußgänger führt zur Zeit der Ebbe zwischen dem Meere und dem Fuße der Felsenwand hin und gewährt einen kürzeren Weg in der Richtung von Calais als die jenseits der Falai- ses über die Höhen sich hinziehende Landstraße. Aber wehe dem Wanderer, der die Zeit nicht in Obacht nimmt, der in der Gegend, wo La Creche aus der Brandung ragt, sich von der Fluth überraschen läßt! Nur mit den Schwingen eines Vogels könnte er vom Untergange sich retten. Das ist hier eine schauerlich einsame Stätte; wüste Felsblöcke, vor undenklichen Zeiten durch einen Bergsturz herab auf den Strand und weit ins Merr hinausgeschleudert, liegen über und nebeneinander chaotisch umher und erstrecken sich einzeln bis an den Fuß des genannten Bollwerks, das sie, wie zertrümmerte Brückenpfeiler, mit dem Lande in einer Art von Verbindung erhalten. Furchtbar ist hier bei kommender Fluth die Brandung, unbeschreiblich das Getöse. Das Meer wirft, auch zur Zeit gänzlicher Windstille, wie rasend seine Wellen gegen die Felsstücke , zwischen sie durch, über sie weg, vorwärts und rückwärts, bis es sie endlich in seinen Schooß begraben hat und an der steilen, himmelanstrebenden Felswand seine ewige Schranke findet. Bei der eintretcnden Ebbe erneuert sich das Getümmel; die Wogen schäumen und toben wie eben, bis sie, allmälig sich zurückziehend, zuletzt nur noch in der Ferne ihre Wuth am Fort La Creche versuchen, das in unerschütterlicher Ruhe auf sie nieder starrt. Dann ist die Ebbe vollständig, der Strand frei; das wüste Felsgerölle, von Seetang behängen, von Muscheln umklebt, von Krabben und Seespinnen bevölkert, tritt völlig zu Tag in seiner weiten Ausdehnung, und ein gewandter Mann ist im Stande, durch Springen von Block zu Block, von Klippe zu Klippe das Fort trockenen Fußes zu erreichen. Selbst am heitersten Tage, wenn der blaue Himmel im Meere sich spiegelt und die Sonne ihren lachendsten Glanz über die Erde breitet, kann man sich hier einer ernsten Stimmung kaum erwehren. Das öde, nackte Gestade, die umherliegenden Felstrümmer, Spuren urweltlicher Kämpfe, das hohläugig herüberstarrende Bollwerk, selbst das ruhige Auf- und Niederwallen des Meeres im trostlosen Zwang ewiger Nothwendigkeit, dies Alles gibt keinen Empfindungen Raum, wie die blumige Au, der rieselnde Walobach des Festlandes sie erwecken. Kommst du aber in nächtlicher stunde an dieser Stätte vorüber, wenn der Sturm heult und das finstere Meer an den Klippen und Blitzes« leuchten cmporrast, wenn La Creche inmitten dieses Tumultes, wie belebt von den bösen Geistern der Elemente, sich gespenstisch vor deinen Blicken erhebt, dann befällt dich ein Grauen, und du eilst fürbaß mit beflügelten Schritten. Auch geht im Volk die Sage um, daß der Ort nicht geheuer: eingebildete und wirkliche Gefahr hat ihn verrufen gemacht; Unglücksfälle von mancherlei Art, die hier stattgcsunden, werden berichtet; denn die Luft- und Seegeister, heißt es, wären hier zu Zeiten von ihrem Banne gelöst und schalteten dann mit verderblicher Gewalt über die Menschen. Es war an einem Juli-Nachmittage des Jahres 1785, als der Marquis v. Maisonfort und verjünge Physiker Jules Romains auf dem Strande in der Richtung von Boulogne nach La Creche in so lebhaftem Gespräch auf und nieder wanderten, daß sie die brennende, von keinem Wölkchen, von keinem Luftzuge gemilderte Sonnenhitze kaum zu empfinden schienen. Nein, Romains, Eigensinn ist es von Ihnen, nichts als gränzenloser Eigensinn, solch ein Anerbieten auszuschlagen, sagte der Marquis im Tone großer Aufgeregtheit, und that dabei mechanisch einige Schritte landwärts, da eine vorspringende Welle der nahenden Fluth seinen Fuß benetzt hatte. Entschließen Sie sich! Zögern Sie nicht! Der Augenblick drängt und zum Besinnen ist keine Zeit mehr übrig! Dank dem Himmel, erwiderte Romains lächelnd, daß endlich die ersehnte Stunde naht! Ehe das Meer diesen Pfad noch zweimal überfluthet hat, hoffe ich, ist das Werk vollbracht. — Eigensinn nennen Sie die Entschiedenheit meines Willens, eine so lange, mit so vieler Mühe und Anstrengung vorbereitete That zu Ende zu führen? Eigensinn nenne ich mit größerem Recht Ihr hartnäckiges Streben, Herr Marquis, aus bloßer Laune, ohne eigentlichen Beruf, ja ich möchte sagen ohne Verdienst, sich an dem Schlußakt eines Unternehmens zu betheiligen, auf welchem die gespannten Blicke Frankreichs ruhen, das den Ruhm des Jahrhunderts, dem es angehört, vermehren wird. Das Verdienst, der Ruhm des Unternehmens bleibt Ihnen und Ihrem Meister, während Sie der damit verbundenen Gefahr durch mich enthoben werden. Der Gefahr? entgegnete ihm Romains mit Stolz; dünkt mein Muth Ihnen schwächer als der Ihre? oder haben Sie Ihr Leven geringer anzuschlagen als ich das meinige? Hören Sie mich ruhig an, Romains! sagte der Marquis, indem er mit gewinnender Miene vor ihn trat und die Hand auf seine Schulter legte; Sie sind noch ein junges Blut, Sie stehen im Beginn Ihrer Laufbahn, vor Ihnen liegt das Leben noch im Reiz eines grünenden Saatfeldes, das die schönsten Hoffnungen zu erfüllen verspricht. Mit mir steht es anders. Lassen Sie mich offen zu Ihnen reden. Ich war durch Stand und Erziehung früh den Genüssen der Welt hingegeben; ich habe sie durchgekostet und nichts mehr nachzuholen; die Alltäglichkeit des Lebens liegt auf mir wie eine zentnerschwere Last, die ich abzuwerfen mich sehne. Nicht Sie, der hoffnungsreiche Jüngling, ich, ich bin der Mann für ein Wagniß, wie Sie es Vorhaben. Mißglückt eö, so habe ich nichts verloren, gelingt es — nun, so bin ich um eine Erfahrung, um den Schein eines Genusses reicher geworden. So aber verhält es sich nicht mit Ihnen. Sie haben, wie ich höre, eine Braut.... Hätte ich sie nicht, vielleicht wäre ich bereitwilliger, auf Ihren Wunsch einzugehen. Ihre Braut ist ohne Vermögen wie Sie selbst; das steht Ihrer Verbindung, nach welcher Sie sich sehnen, entgegen. - 4X8 - Die glückliche Ausführung des Unternehmens wird mir Mittel verschaffen und mich jenem Ziele zuführen . . . Und ein Fehlschlagen unendlichen Jammer über die Verlassene bringen! Nein, Romains, ich will Sie ohne die Gefahr diesem Ziele zuführen. Jetzt nehmen Sie Vernunft an und hören Sie das Letzte, was ich Ihnen biete: Ich will den dreitausend Livres noch zweitausend hinzufügen und verspreche Ihnen, durch meine Verbindungen mit Monsieur in Paris zu bewirken, daß Sie in dessen Naturalien-Äabinet die seit Pilatonö Austritt vakante Stelle erhalten. Also: fünftausend Livres und meine Verwendung bei Monsieur! Nun top, Romainö, ein- gcschlagen! — Wie, Sie machen auch jetzt noch eine zögernde Miene? Sie nannten eben Pilaton, Herr Marquis, antwortete Romains mit unerschütterlicher Ruhe; wo Pilaton de Rogier sich morgen zu dieser Stunde befindet, da ist auch Romains! — Run lassen Sie ab, weiter in mich zu dringen! Unmuthig warf der Marquis den Kopf zurück. Schweigend trennten sie sich. Romainö ging langsam aus dem Strande weiter, bog rechts nach der Anhöhe, und bald sah man ihn hoch auf einer Felsenspitze, wo ihn nichts hinderte, mit geschärftester Aufmerksamkeit die See zu beobachten und Wind und Wetter zu prüfen. Der Marquis begab sich in rascher Bewegung nach der Stadt. An der entschlossenen Eile sah man ihm an, baß er mit einem neuen Plane umging. Bei dem ersten ihm begegnenden Kommissionär fragte er nach der Wohnung von Mav. Godard, der Putzhändlenn. Auf die Antwort: Rue Neuve- Chaussee Nr. 38, eilte er nach der bezeichneten Straße. »Magasin de modes« stand mit großen Buchstaben über der Thür eines niedrigen Häuschens der Rue Neuve-Ehauffee zu Boulogne. Unmittelbar von der Straße trat man in den nett, aber nicht allzu lururiös ausgestatteten Laden, in welchem Madame Godard und ihre Tochter Nicolette die späte Nachmittagsstunde, mit Putzarbeit beschäftigt, zubrachten. Die Gardinen waren herabgelassen, doch stahlen sich einzelne Strahlen der niedrig stehenden Sonne hindurch, spielten an den Wänden des Gemachs und streiften an den verschiedenen Modeartikeln hin, die ringsum zur Schau und Auswahl aufgestellt waren. Madame Godard, mehr, wie cs den Anschein hatte, durch die Last ihrer Sorgen als die Zahl ihrer Jahre schwächlich und gebrechlich, nahm es nicht sehr ernstlich mit der Arbeit; sie kramte langsam im Laden umher, bald eine Haube in eine vortheilhaftere Lage bringend, bald bemüht, eine zarte Schleife den nachtheiligen Sonnenblicken zu entziehen. Desto fleißiger aber zeigte sich Nicolette, die das nur halb sichtbare, schöne Antlitz gar nicht empor hob von ihrer Arbeit. Sie war im Begriff, eine große, aus den leichtesten und feiusten Stoffen gefertigte Stickerei zu vollenden. Das Wappen Frankreichs, in kolossalem Maßstabe, lag vor ihr ausgcbreitet; fertig bereits glänzten die beiden Schilde im blauen Feld und an der letzten der drei goldenen Lilien fehlten nur noch die paar letzten Stiche. Kind, laß die Nadel einmal etwas ruhen! wollte die Mutter sie unterbrechen; du kommst ja sicherlich vor Sonnenuntergang mit Allem zu Stande. Nein, nein, antwortete Nicolette, ohne sich unterbrechen zu lassen, es muß Alles vollendet da liegen, ehe Romainö kommt. Für seinen Zweifel daran, daß ich bis heute Abend fertig würde, soll er mir dann Abbitte thun und mir zugestehen, daß ich meine Vorsätze eben so pünktlich auöführte wie er die seinigen. Zudem muß ja auch noch Zeit übrig sein, das Wappen gehörig anzuheften. Denn morgen, Mutter, morgen!... Ja, morgen! wiederholte die Mutter und blickte mit einem halb unterdrückten Seufzer an die Decke des Gemachs, in der Ueberzcugung, daß ihr sorgenvoller Blick von der über die Arbeit gebückten Tochter nicht bemerkt wurde. Da trat ein vornehmer Herr, der Marquis von Mar'son- fort, plötzlich in den Laden. Eine Kleinigkeit, Madame, wollte ich mir aussuchen; einige Ellen Band, die ich gerade brauche, wenn ich bitten darf! sagte er flüchtig und mit einem scharfen Blick nach Ni- colette, die um sein Erscheinen fast unbekümmert blieb. (Fortsetzung folgt.) Miszellen. Der Vlegen. Ein ländliches Chaia'terbild in 3 Aufzügen. Erster Aufzug. (Es hat lange nicht geregnet.) Ein Landmann. Ein Städter. Städter. Nun, wie sieht's aus, Gevatter, gibt's brav Kartoffeln? Landmann. Daß Gott erbarm, do werd deß Johr nir draus, wann m'r net ball Rehe kriehn, oder m'r kann se de Kinner genn, for Glickerches ze spiele. Zweiter Aufzug. (Es hat seit einigen Tagen ziemlich geregnet.) Derselbe Landmann. Ein anderer Städter. Städter. Nun, lieber Mann, jetzt hat'ö geregnet, das ist sehr gut für Alles, nicht wahr? Landmann (zuckt die Achseln). Deß is noch lang net genung. Dritter Aufzug. (Es hat seit mehreren Tagen unaufhörlich geregnet.) Ders. Landmann. Wieder ein anderer Städter. Städter. Nun, wie steht's, jetzt hat sich doch Alles vortrefflich erholt auf den Regen? Landmann. O Harr na, der Rehe is viel ze spet kumme. Des gitt cmol e Deirung — un die arme Leit den Winter! Auf dem Nachhauseweg begegnet der Bauer einem andern. Der erstcre sagt, indem beide die Felder wohlgefälligen Auges betrachteten: "M'r kriehn odder doch noch Alles genung, awer for alle Krenk derfe mersch net sahn; m'r hunn ahnmvl die Sach in de Höh' un eh' se erunncr kumme soll, verkaufe m'r liewer nir — m'r hunn jo Mces!« * In Hannover kennt man nun seit einiger Zeit --Ma- schinen-Zigarren", die, anstatt von den Händen der Arbeiter, mittelst einer neu erfundenen Maschine gefertigt werden. Die Erfindung und das Patent auf die Maschine hat das Haus Eduard Richter in Hannover für 12,000 Thalcr erworben. Die Decke der Maschinen-Zigarren ist gleichmäßig glatt und sauber, der Wickel elegant. * In Berlin wurden am 12. d. M. Kirschen verkauft, die ein Baum aus Schöneberg zum zweiten Male in diesem Jahre getragen hat. frircht - Mittelpreije. Heilbronn, 16. Sept. Weizen 16 fl. 15 fr., Kernen 15 fl. 34 fr., Gemasch 11 fl. 30 kr., Gerste 11 fl. 30 kr., Dinkel 7 fl. 2 kr.. Hafer 7 fl. 3 kr. frankfurter Lourfe. Pistolen 9. 37-38 dto. Preuß. 9. 55-56 Holl. 10fl.-Stücke 9. 46 Randdukaren 5. 30y 2 *3iy 2 20-Zrank-Stücke 9. 19-20 Engl. Svuoerains 11. 40-44 5-Franken-Thaler 2. 20’/ 2 Preuß. Kaff.-Sch. 1. 45'/, Redigirt, Druck und Verlag von D. Pfiflerer in Heidelberg.