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Das Spiel war richtig angelegt gewesen: daß auf die Doppelrede Rosenberg-Stresemann eine Curzon-Rede folgte, war ein Erfolg, besonders wenn man die Person Lord Curzons in den richtigen Rahmen hineinstellt. Man darf nun einmal nicht vergessen, daß die englische Diplomatenschule, fest vor zwanzig Fahren der Versuch des deutsch-englischen Bündnisses scheiterte, ins französische Fahrwasser hinüber gesteuert ist. daß alle englischen Diplomaten der letzten 20 Fahre ihre Politik gelernt haben, in einer antideutschen Einstellung und daß infolgedessen das Foreign Office, eben weil niemand aus seiner Haut heraus kann, in der übrigen Flüssigkeit der englischen Politik der feste Block ist, der in den frankophilen Anschauungen verankert bleibt. Der typische Beweis dafür ist der Unterstaatssekretär Mac Reill, eine etwas beschränkt« Größe, die sich durch das Beharrungsvermögen nach oben gearbeitet hat und nun verständnislos den Strömungen in der englischen Oeffentlichkeit gegenüber steht. Er kennt nur di« eine Weisheit, daß England an der Seite Frankreichs steht, und daH deshalb Deutschland, ganz einerlei, was es tut, Unrecht hat. Aus diesen Kreisen ist auch Lord Curzon hervorgegangen: er selbst noch belastet mit seinem kleinasiatischen Ehrgeiz. Ihm schien noch vor wenigen Wochen die Türkei für England viel wichtiger als die Ruhr, und es hat eines starken Anstoßes aus den Kreisen der englischen Parteien bedurft, um ihm klar zu machen, daß zwischen dem Rhein und der Elbe gegenwärtig nicht allein das Schicksal Deutschlands entschieden wird. Wenn also gerade dieser Lord Curzon jetzt einen Ball in die Lust warf, der in Deutschland aufgefangm werden sollte, so hatte das schon etwas zu bedeuten, und es konnte sich sehr stark auswirken, sofern Berlin darauf in der notwendigen vorsichtigen Weise reagierte. Statt dessen haben wir uns an die große Straße der Politik gestellt und uns öffentlich gerühmt, nicht nur, daß wir den Ball aufgesangen haben, sondern auch, woher er kam. Mit dem unvermeidlichen Ergebnis, daß Lord Curzon einigermaßen entsetzt beobachtete, wie sich der Ball in eine Granate zu verwandeln drohte, die unheilvollen Verwicklungen in seine Beziehungen zu Frankreich bringen konnte. Weshalb er denn sofort den Wurf ablengnete. Auf deutsch gesagt: er wolle den Versuch machen, eine Verbindung zwischen Berlin und Paris zu schaffen, um die beiden Gegner an den Verhandlungstisch zu bringen: er wolle aber nicht den offiziellen Vermittler abgeben, der nachher von beiden Sehen Stöße auszuhalten hat. Die Stöße von deutscher Seite würden ihm gleichgültig gewesen sein, wenn sie aber von Frankreich her kamen, umso empfindlicher — also schickte er seine offiziöse Presse vor, die alle übereifrigen deutschen Kommentare abschüttelte. Mußte es wirklich so'weit kommen? War es tatsächlich notwendig, daß die deutsche Regierung anstatt in aller Stille den Faden weiterzuspinnen, sich von den Sozialdemokraten dahin drängen ließ die Rede Curzons öffentlich als eine „beachtenswerte Tatsache" zu bezeichnen, ans der sie weitreichende Folgerungen zu ziehen willens sei? Die Entwicklung hat gezeigt, daß mit dieser Voreiligkeit nur Schaden angerichtet worden ist: denn dadurch ist die ganze Aktion auf ein falsches Geleise geschoben, sie war zeitweise sogar in Gefahr, auf einem toten Geleise zu enden. Der tote Punkt ist im Augenblick wohl überwunden, aber die unerfreuliche Nebenwirkung ist nicht mehr zu vermeiden, daß alles, was jetzt geschieht, unter dem Scheinwerfer internationaler Oeffentlichkeit vor sich geht und dadurch wffentlich erschwert worden ist. Das Kabinett Enno hat sich noch rechtzeitig aus seiner Verstrickung befrest, es hat, soweit das möglich war, seine Bewegungsfreiheit zurückgenommen und trifft fetzt in aller Ruhe seine Vorbereitungen. Es wird also auf die Rede Lord Curzons antworten, vermutlich in einer Note. Und nach einigem Schwanken der Sozialdemokraten ist auch über den sachlichen Gehalt der Note wie über die Taktik, die ihr zu folgen hat, weitgehende Uebereinstimmnng erzielt. Ob wir ein internationales Sachverständigen-Gremium zurückgreifcn oder diese beiden Vorschläge kombinieren, das ist zur Zeit eine Frage untergeordneter Wichtigkeit, denn das haben doch wohl alle begriffen, daß es gegenwärtig um ganz andere Dinge geht als nur um Geld. Es muß zunächst darüber Sicherheit geschaffen werden, daß die Verhandlungen, wenn sie beginnen, nicht dazu dienen sollen, uns zu düpieren und aus uns finanzielle Zugeständnisse herauszulocken, die nachher als etwas selbstverständliches angenommen werden, ohne uns die Bedingungen zu sichern, die für uns die Voraussetzung jeder Verhandlung sind: di« Erhaltung von Reich und Staat. Der Sozialdemokrat Sollmann, der Führer des nationalen Flügels in der Sozialdemokratie. hat soeben im „Vorwärts" einen Artikel über die „Sicherungsfalle" veröffentlicht, der in jedem deutfchnationalen Blatt stehen könnt«. Er zeigt, daß auch dort Verständnis für die Gefahren vorhanden ist, die bei jeder Verhandlung auf uns lauern und daß die Sozialdemokratie jeden Versuch der Loslösung der Rheinlande mit genau derselben Entschiedenheit be- Mittwoch, den 2. Mai 1S2S. keinen Frieden. kämpft, wie die bürgerlichen Parteien. Ob uns Lord Curzon gegen di« Möglichkeiten, vor denen wir uns hier schützen müssen, irgendwelche moralischen Garantien geben kann, bleibt abzuwarten. Ebenso wichtig aber ist für uns, ob er sich in irgend einer Form dafür stark machen kann, daß mit der Zahlungsverpflichtung auch die Rückgabe des Ruhrgebiets für uns verbunden ist. Das sind die entscheidenden Fragen, auf die wir erst eine Antwort haben müssen, bevor wir aus der sicheren Verteidigungsstellung herausgehen. Und gerade, weil die Antwort darauf so unsicher ist, muß alles vermieden werden, was die Fortführung der passiven Resistenz im Falle eines unglücklichen Ausgangs erschüttern könnte. Es macht den Eindruck, als ob auch diese Erkenntnis jetzt Gemeingut aller Parteien von den Dentschnationalen bis zu den Sozialdemokraten ist. Und das ist immerhin schon viel. Denn das bewahrt uns vor Enttäuschungen, falls sich Herausstellen sollte, daß die inglische Regierung nicht den Willen oder nicht die Kraft hat, den deutsch-französischen Gegensatz über diesen toten Punkt hinwegzubringen. Wirkung deutscher DorfchlLge. Eine Bewegung zu Gunsten Deutschlands. London. 30. April. Zn der englischen Presse hält ein seit Samstag in Gang befindlicher Kampf weiter an, der die Aussichten der bevorstehenden Reparationsnote zum Gegenstand hat. Die beiden der Regierung nahestehenden Organe Daily Telegraph und Times setzen auseinander, daß Poincarr aus innerpolitischen Gründen die jetzt von der französischen Presse so scharf befürwortete sofortige Ablehnung der deutschen Vorschläge mit der Absicht inspiriere, die Geschlossenheit der französischen Parteien aufrecht zu erhalten. Frankreich fürchte, so schreibt der Pariser Berichterstatter der Times, daß deutsche Vorschläge auch dann, wenn sie abgelehnt werden müßten, eine Bewegung zugunsten Deutschlands innerhalb und außerhalb Frankreichs auslösen würden. Es wird also bereits jetzt eine ungünstige Stimmung gegen Deutschland hervorgerufen. Sollte es der Fall sein, daß Frankreich die deutsche Note doch erörtern könnt«, so sei der Weg dazu nicht verschlossen. Auf alle Fälle aber werde Frankreich möglichst umgehend antworten und Beschlüssen und Beratungen der anderen Alliierten durch eine öffentliche Feststellung zuvorkommen. Der diplomatische Berichterstatter des Daily Telegraph setzt auseinander, daß Poincare zwei Faktoren bei seiner Entscheidung berücksichtigen müsse: Frankreich wisse,'daß englische Finanz- Kreise fest entschlossen seien, an einer Lösung der Reparationsfrage mitzuwirken, wenn die Lösung auf einer vernünftigen Grundlage erfolge. Kämpft Frankreich weiter bis zur völligen Erschöpfung Deutschlands, so sei es möglich, daß es weitere Bedingungen auferlegen könne, doch die englische Finanzwelt werde dieses Abkommen dann nicht durch Ausgabe von Anleihen unterstützen. D«r Sonderberichterstatter meldet, daß unabhängige englische Sachverständige nach einer Untersuchung der Wirtschaftslage im Ruhrgebiet der englischen Regierung in diesen Tagen mitgeteist haben, daß Frankreich nicht imstande fei, die Anlieferung von Kohlen aus dem Rnhrgebiet, die jetzt ein Drittel der vor der Aktion von Deutschland empfangenen Lieferungen darstellen, wegen technischer Unfähigkeit zu steigern. Wenn der Kampf im Ruhrgebiet fortgesetzt werde, werde er von deutscher Seite nicht vor dem völligen wirtschaftlichen Zusammenbruch aufgegeben werden. Dann seien aber Frankreichs Aussichten, irgendwelche Reparationen jemals zu erhalten, noch weniger als gering. Der Artikel stellt ferner in Erwägung, daß die belgischen und französischen Industriellen den Konflikt möglichst bald zu Ende bringen möchten und die Stimmung der Alliierten würde Herrn Poincare wahrscheinlich veranlassen, seinen Standpunkt bekanntzugeben und sich mit Rom und Brüssel zu einigen. Der Berliner Berichterstatter der Daily News gibt seinem Blatte eine möglicherweise zur Verhandlung kommende Ueber- sicht der wichtigsten Bestandteils des deutschen Angebots. Deutschland bietet nach dieser Uebersicht 30 Milliarden Goldmark an: sollte dieses Angebot abgelehnt werden, so sei Deutschland bereit, die Reparationsfrage von einem internationale» Ausschuh prüfen zu lassen. Deutschland biete ferner langfristige Kohlenlieferungen an, die geregelt werden können zwischen privaten Gesellschaften der deutschen, französischen und belgischen Industrie. Als Sicherheit für den Zinsendienst deutscher Anleihen ist das Reich bereit, den Bankiers, die diese Anleihe auflegen, die Reichseisenbahn zu verpfänden. Es wird von Deutschland eine Zusage gegeben werden, innerhalb einer bestimmten Zeit das Budget zu balanzieren. Zur Regelung der Sicherheitsfrage wiederholt das deutsche Angebot die vom Reichskanzler Enno schon einmal erwähnten Vorschläge eines Friedensad- kommens für das Rheinland. Frankreich will keinen Frieden! London, 30. April. Der Pariser Korrespondent der „Daily Mail" erhält von maßgebender Stell« folgende Mitteilung: Frankreich bleibe bei seiner Entschließung, das Ruhrgebiet Bezirk für Bezirk nur nach Maßgabe der von Deutschland geleisteten Zahlungen zu räumen. Frankreich werde nicht zustimmen, irgend ein deutsches Reparationsangebot zu erörtern, ohne daß das erste Prinzip anerkannt werde, und weiter, ohne daß einem deutschen Angebot «ine öffentliche Aufhebung und Zurücknahme aller von der deutschen Regierung seit dem 12. Januar ergangenen Anordnungen vorausgeht, die dem Zweck dienten, 84. Jahrgang die französisch-belgischen Bemühungen an der Ruhr unwirksam zu machen. Die Aufhetzung des Ostens. Marschall Fach a»f der Reis« nach Warschau. Paris, 30. April. Marschall Fach hat gestern Paris verlassen, um sich nach Warschau zur Teilnahme am politische» Nationalfeste zu begebe». Ueber den Zweck der Reise meldet der „Gaulois", Marschall Foch lege Wert darauf, sich selbst von den unter Leitung der französischen Militärkommission gemachten Fortschritten der jungen polnischen und tschechische« Armee zu überzeugen. Aber die Bedeutung der Reise sei damit nicht erschöpft. Sie müsse auch unter dem Gesichtswinkel der politischen Opportunität betrachtet werden. Man könne sich nicht verhehlen, daß die Atmosphäre mehr denn je mit Elektrizität angefüllt sei. Lord Curzon als Ratgeber. w Die Rede, welche der britische Außenminister Lord Curzon am 20. April im Oberhause gehalten hat, wird auch in Deutschland als im hohen Maße beachtenswert und „Staatsmännisch" ange- sehen. Wir wissen nicht erst seit dem 20. April, daß England ein deutsches Reparationsangebot wünscht. Der Hauptgrund hierfür ist, daß England selbst nicht die Initiative im Ruhrkonflikt ergreifen möchte, um die Freundschaft mit Frankreich nicht zu gefährden. Veröffentlicht aber Deutschland ein Angebot, so können sich die Londoner Politiker durch den Eindruck, der in Paris heroorgerufen wird, bestimmen laffen, den Vorschlag zu empfehlen oder aber in den Orkus zu versenken. Es gibt nur wenige in Deutschland, die auf Lord Eurzon's Rede hin unbedenklich für die Formulierung neuer deutscher Vorschläge eintreten. Selbst in den Kreisen, welche es nicht als Mangel an Würde und Selbstgefühl ansehen, wenn deutscherseits abermals ein Plan ausgeardcitettet und vorgelegt wird, hat man Verständnis für die nachteiligen Folgen, welche mit einem abermaligen deuffchen Angebot verbunden sind. Die beiden letzten Sonntagsreden Poincares (am 15. April zu Dünkirchen und am 22. April zu Vaux) muffen den Eindruck verstärken, daß das Frankreich Poincares für keine erträgliche Lösung des Ruhrproblems und der Reparationssrage zu haben ist. Es besteht der Verdacht, daß die Pariser Regierung deutsche Re- parationsoorschläge benutzen wird, um dem französischen Volk zu zeigen, daß Deutschlands Widerstandsgeist gebrochen sei, und daß eine völlige Kapitulation vor den französischen Wünschen unmittelbar beoofftehe. Wer nicht durch die diplomatische Rederei um sein gesundes natürliches Empfinden gebracht ist, muß ernste Zweifel hegen, ob ein Anhänger der Sicherungs-Politik wie Poincare, der die Ansprüche an Deutschland nicht einlösen, sondern lediglich politisch auswerten will, überhaupt durch ein Reparattons- angebot zu ehrlichen Verhandlungen veranlaßt werden kann. Wenn nun die Rede Lord Curzons als „Staatsmännisch" bezeichnet wird, so ist damit zwar die Anerkennung ausgesprochen, daß sich die Ausführungen des Ministers von Erwägungen höherer Art leiten ließen, aber durchaus nicht bewiesen, daß die vielbeachtete Oberhausrede wirklich der Befriedigung Europas dienen sollte. Man wird sich, wenn man den Raffchlag des britischen Außenministers, Deuffchland möchte sich mit einem neuen formulierten Angebot an die Signaturmächte des Versailler Vertrages wenden, richtig bewerten will, an verschiedene Taten und Bestrebungen dieses Politikers erinnem müssen, der in dem Koalitionskabinett Lloyd Georges und in dem rein konservativen Kabinett Bonar Laws Großbritanniens Außenkolittk leitete. Lord Curzon ist ein ausgesprochener Orientpolitiker, der den Schwerpunkt der britischen Macht in Vorder- und in Südasien sieht. Er ist der Weltkonferenz zu Genua, die vor einem Jahre tagte, ostentativ serngeblieben und hat damit seine Sympathie für die bekannte französische Auffaffung von der Weltkonferenz zu erkennen gegeben. Lord Curzon ist weiter der Hauptmacher in der Orientkonserenz zu Lausanne ge- wesen, die monatelang (vor Weihnachten und nach Weihnachten) getagt hat und jetzt vor wenigen Tagen wieder eröffnet worden ist. Lord Curzon hält die Freundschaft mit Frankreich jetzt und in der nächsten Zeit im englischen Interesse für unentbehrlich. Er hat bisher keine irgendwie erkennbare Rolle in der Bewegung gespielt, der Welt den solange entbehrten Frieden wiederzugeben. Wenn auch all dies, was zu einer vorsichtigen Einschätzung der Curzon'schen Anregungen zwingt, nicht den letzten Ausschlag in der Frage geben darf, ob Deuffchland ein neues Angebot machen soll, und in welcher Form dies zu geschehen hat, so wird man sich doch sehr hüten müffen, in dem nüchternen, kaltblütigen brittschen Politiker einen warmen Förderer ehrlicher deutscher Bestrebungen zur Lösung des Reparationsproblems zu erblicken. Die Absendung der deutschen Rote. Berlin, l. Mai. Die deutsche Rote, welche die von Lord Curzon im Oberhaus gegebene Anregung eines neuen Vorschlages aufgreist, geht heute nacht auf drahtlichem Wege an die deutsche» Botschafter im Anslande ad, von denen sie morgen im Laufe des Vormittags überreicht wird. Ei« ist gerichtet an die alliierten und assoziierten Mächte. Demzufolge wird sie in London, Paris, Rom, Brüssel und Tokio überreicht und in Washington der Regierung der Vereinigten Staaten zur Kenntnis gebracht. Der Kleichskanzlrr hatte heut« nachmittag um 3 Uhr die Ministerpräsidenten d« dentschen Länder empfangen und ihnen ausführlich Mntteilungen über die auswärtige Lage mit besonderer Berücksichtigung der deuffchen Note gemacht. Die Besprechungen dauerten bis 5 Uhr nachmittags, worauf die meisten der Minister von Berlin abreisten, während eine Anzahl zu besonderen Besprechungen mit der Reichsregierung noch verblieb. Am Vormittag Haffe der Reichskanzler die Führer der Fraktionen des Reichstags empfangen und zwar zuerst die Sozialdemokraten, dann die Dentschnationalen und schließlich di« aus Zentrum, Deutscher Polkspartei, Demokraten und Bayerischer Dolkspartei bestehende Arbeitsgemeinschaft. Ueber die Besprechung wurde sämtlichen Teilnehmern das strengst« Stillschweigen anferlrgt. Morgen vormittag empfängt der Reichskanzler Vertreter d«r Presse, um d:n Standpunkt der deutschen Regierung in bezug auf die neuen Vorschläge darzulegen, Die Beröffent- lichung der Rote erfolgt in Berlin morgen nachmittag. idükJaUl* Nr. 51. Jahrgang 1923. Der Landbote * Sinsheim« Zeitung. Mittwoch, den 2. Mai 1923. Reichsjuftizminister Dr. Heinz« über di« Lage. Pirna, 30. April. Am Sonntag hielt der Wahlkreisverband -er deutschen Dolkspartei Sachsens in Pirna einen Vertretertag. Reichsjustizminister Dr. Heinze führte in einer längeren Rede u. a. aus: Frankreich strebt nach Rhein und Ruhr um Deutschlands Industrie zu vernichten. Kein Angebot von unserer Seite wird es von seinem Plan abhalten können. Denn wenn wir jetzt nachgeben, werden wir völlig in die Hände Fvankreichs geliefert. Die Stützung der Mark ist der Eckpfeiler jede» Widerstandes. Aus diesem Grund muß die Stützung der Mark mit allen Mitteln fortgesetzt werden. Die Sozialdemokraten nennen das BersammlungssprenguWSgesetz ein Ausnahmegesetz gegen die Arbeiter. Ich kann nicht annehmen, daß die Arbeiterschaft «in Recht für sich in Anspruch nimmt, die Ver sammlung anders Denkender zu stören. Der Stutz der jetzigen Reichsregierung würde im gegenwärtigen Augenblick ein ungeheuerliches Unglück für Deutschland bedeuten, da dann ein 'linksradikales Kabinett Deutschland in schwerste innen- und außenpolitische Erschütterungen bringen und die Ruhraktion zerschlagen würde. Die Laufanner Konferenz. Zuspitzung zwischen Frankreich und der Türkei. Paris, 30. April. Die Lage zwischen Frankreich und der Türkei spitzt sich immer mehr zu. Der Petit Parisien meldet, daß sich General Weygand nach Nordsyrien begibt, um Grenzschutzmaßnahmen zu ergreifen. Die französische Regierung plane, falls die Haltung der Türkei es notwendig mache, die Ueberführung zweier Kolonialdivisionen nach Levante. Die französische Truppenstärke in Syrien beträgt zur Zeit 26000 Mann. Paris, 29. April. Ministerpräsident Poincare verhandelte heute vormittag mit dem französischen Vertreter auf der Lausanner Konferenz, General Pellee. Wie Havas berichtet, soll der General seinen Eindruck dahin zusammengefaßt haben, daß man optimistisch über den Verlauf der Friedensverhandlungen sein könne. Nach dieser Beratung besprach sich General Pellee mit dem neuernannten Oberkommissar für Syrien, General Weygand. Nach der gleichen Agentur wurde insbesondere die Lage geprüft, die durch die Anwesenheit türkischer Truppen an der syrischen Grenze eingetreten ist. Die ins Auge gefaßten Maßnahmen sollen die Entsendung neuer stanzösischer Truppen aus Kolonialregimentern notwendig machen. Der „Petit Parisien" meldet, daß General Weygand sich am Freilag auf dem Kreuzer „Lorraine" einschiffe. Wahrscheinlich reise er von Beirut unverzüglich nach Nordsyrien, um dort zur Sicherung der Grenze die erforderlichen Maßnahmen zu treffen. London, 28. April. Der diplomatische Berichterstatter des „Daily Telegraph" erfährt, als der griechische Minister des Aeußern Poincare vor kurzem besuchte, habe er dem französischen Ministerpräsidenten gegenüber zum Ausdruck gebracht, daß Griechenland bereit sein würde, zur Verfügung der Alliierten ein Heer von 180000 Mann zu stellen. Der Durchbruch zur Wahrheit in England. Die beiden letzten Nummern der Foreign Affairs, in denen E. Morel und sein Stab mit so bewunderungswürdiger Einsicht und AuÄdauer für uns eintreten, enthalten wieder ein so interessantes Material, daß es deutschen Lesern nicht vorenthalten bleiben darf. Mehr als je bedürfen wir in unserer gefährlichen Lage der Ermutigung, Im Märzheft ergreift Morel, der ja jetzt auch Mitglied des Parlaments geworden ist, selbst das Wort, um die „Sicherheit für Frankreich" näher zu beleuchten. Es werde von den Freunden Frankreichs, z. B. im Par- lament, von Lord Grey, betont, daß Frankreich im Lauf eines Jahrhunderts dreimal von deutschen Hkeren überzogen worden sei. Nun ergreift der Verteidiger der hystorischen Gerechtigkeit die geschichtlichen Tatsachen und weist nach, was bei uns jeder Sekundaner weiß, wasst der selbst dem früheren Ministerpräsidenten Lloyd George, der sich in demselben Sinne wie sein Kollege geäußert hat, vollständig unbekannt zu sein scheint, daß seit 250 Jahren „Deutschland von den französischen Armeen überrannt, zerstückelt und bis zu einem solchen Grade verwüstet worden ist. jdaß das Ueberleben Deutschlands fast wie ein Wunder erscheint." An der ersten „Invasion" Deutsch, lands in Frankreich zu Napoleons Zeiten, fügt Morel sarkastisch hinzu, nahm England aktiven Anteil. 1870 verlangte Fmnkreich das Recht, die heranreifende Einheit des Deutschen Reiches zu verhindern. Mit insolenter Beharrlichkeit. Frankreich erklärte den Krieg und marschierte in Deutschland ein, freilich mit, um sofort wieder Hinausgetrieben und vollständig besiegt zu werden. Das war -ie zweite verbrecherische Invasion Deutschlands. Nun folgte eine lange Friedenszeit. (Morel hätte hier darauf Hinweisen können, daß nach jedem Siege Deutschlands eine Periode des Aufbaus eintrat, nach jedem militärischen Erfolg Frankreichs «ine Periode brutalster Vergewaltigung des Besiegten mit fortgesetzter Kriegsdrohung, wie sie auch jetzt wieder besteht.) Aber er sieht vollkommen ein. daß Frankreich der fortwährende Friedensstörer ist. „Die Wahrheit der Sache ist, daß Frankreichs Imperialismus, das Urteil für den europäischen Kontinent für die letzten drei Jahrhunderte gewesen ist und der Fluch des stanzösischen Volkes. Er war der fortfährende Zerstörer des Friedens, «ine beständig« aggressive Kmst, gegen welche Europa sich von Zeit zu Zeit immer wieder zu einer Koalition zusammenschließen mußte." Bis zu Eduard Vll., der durch das schlechte persönliche Verhältnis zu seinem Neffen aufgereizt wurde, ist dies auch immer die Meinung der englischen Historiker und Politiker gewesen. Morel zitiert einen Brief von Sir Robert Morier vom 5. Januar 1870, worin er ausführt, wie mit einer fast ermüdenden Einförmigkeit von französischer Seite immer wieder dieselben Phrasen von der Gloire, der Ehre und der Mission Frankreichs gebraucht worden seien, um politische Aktionen hervorzurufen, die logisch nur in der Herbeiführung eines Krieges endigen konnten. Auch er weiß, daß die deutsche Einigung nur durch einen Krieg mit Frankreich zu erlangen war. England allein hätte das verhindern können, wenn es Napoleon III. ein Wort ins Ohr geflüstert hält«, aber England unterließ es, dies Wort zu sprechen. Den für Deutschland so günstigen Ausgang des Krieges begrüßt der englische Diplomat mft Genugtuung, da ein Sieg Frankreichs die Zurückführung der Zerstückelung und Impotenz Deutschlands, aus der eben jeder Krieg Europas in den letzten drei Jahrhunderten entstanden sei, bedeutet hätte. Der Zweck der jetzigen französischen Politik sei auch nicht die Sicherung Frankreichs, sonst würde man gesucht haben, das Kriegsheil zu begraben, und wiederholte Angebote Deutschlands zum Wiederaufbau der verwüsteten Gebiete angenommen haben, sondern die Vernichtung der 20 Millionen „zu vielen" Deutschen. Dazu habe man ein militärisches Aufgebot der afrikanischen Bevölkerung vorgenommen, das für ganz Europa eine furchtbare Zukunstsaussicht darstelle. Ramsay Mac Donald habe ganz recht, wenn er dies in dem kurzen Satze zusammenfasse! „Und wo ist die Sicherheit für uns?" Jetzt müsse man überall auf Sicherung gegen Frankreich bedacht sein. Zu erlauben, daß Deutschland zerstört wird, ohne daß wir einen Finger zur Rettung bewegen, sondern in der Tat Mitschuldige bei dieser Zerstörung werden,, ist äußerst verhängnisvoll für den Frieden und für unsere eigene Sicherheit. „Wir verdanken diese Auffassung Lord Grey, die weitere Entwicklung Lloyd George, die fortdauernde Ausbreitung denjenigen, die Bonar Law gegen sein eigenes besseres Urteil auf «inen Weg treiben, der im Abgrunde endet." Dem stanzösischen Volke (das er stets streng von seiner Regierung trennt) geschehe «in Dienst, wenn die englische Politik es aus seiner Unkenntnis herausrisse und ihm das klare Bild der ihm drohenden Gefahr, falls es seine Zerstörungswut fortsetze, mit entschlossener Hand enthülle Eine so schneidende Satire wie die über das „Große Aben- teuer" habe ich noch nirgends gefunden. Was war Hannibals oder Napoleons Uebergang über die Alpen, damit verglichen? Bietet uns die ganze Kriegsgeschichte ein so erstaunenerregendes Beispiel? Die Iliade verbleicht davor, und die Odyssee liest sich wie ein Schillingheft dritten Ranges. Ich schwelle vor Stolz über die Menschheit, wenn ich die glutvollen Perioden General Degouttes verschlinge, in denen «r seine Truppen wegen ihrer prachtvollen Tapferkeit gegen die Barbaren Europas beglückwünscht. Wenn ich an diese tapstren afrikanischen Soldaten denke, die an der Ruhr wie im Rheinland die weitere Bestiedigung ihrer legitimen Wünsche (nämlich Freudenhäuser) jetzt erwarten dürfen! Ich stelle die Frage: ist nicht jede Maßregel staatlicher Kraft und militärischer Voraussicht, welche darauf gerichtet ist, den Geist dieser lasterhaften Hunnen zu brechen, anzuerkennen? Sollen wir nicht Ehrfurcht .volle überfließende Ehrfurcht darbringen, da, wo Ehrfurcht schuldig ist?" Freilich höre man die Sentimentalen davon reden, daß die Kinder an der Ruhr der Milch beraubt seien, und daß die Krankenhäuser beschlagnahmt würden, aber „warum in des Himmels Namen soll Milch verschwendet werden an die Kinder der Boches, diese Sprößlinge einer verfluchten Rasse? Warum sollte man auch nur einen Finger bewegen, um die Leben dieser kränklichen Glieder jener Rasse zu retten, wenn Betten benötigt werden für die edlen Soldaten Frankreichs?" Man scheine das ungeheure Verbrechen dieser Hunnen, die Verminderung einer Lieferung, ganz vergessen zu haben. „Zwei Millionen Tonnen Kohlen! Denkt daran! Fünfzig, ich wiederhol« es, nicht weniger als fünfzigtausend Telegraphenstangen! Denkt daran! Ich appr- Lere an die Leser, ob in der Weltgeschichte jemals ein so ungeheures, abscheuerregenües Verbrechen von e-ner Nation an der anderen begangen worden ist? Wie kann die Struktur der Zivilisation einen solchen tödlichen Angriff überleben, wenn nicht schnelle Maßregeln zur Bergeltung ergriffen werden? Fünfzigtausend Telegraphenstangen! Nichts weher! Das Gehirn schwindelt bei einer so unverschämten Beleidigung!" Ist es nicht erfrischend, solchem Ausbruch ehrlichen Unwillens zu begegnen? Die Foreign Affairs seien gesegnet für ihren Mut zur Wahrheit. Frankenwährung im Saargebiet. Saarbrücken. 29. April. Der Landesrat hat in seiner heutigen Sitzung die Vorlage der Regierungskommission, durch die der französische Franken als alleiniges gesetzliches Zahlungsmittel im Saargebiei eingeführt werden soll, mit allen Stimmen abgelehnt, und zwar weil die Einführung des Franken eine Aenderung der Bestimmungen des Versailler Vertrages beduten würde, nach dem die Gesetze, die am 1. November 1918 im Saargebiet in Kraft waren, auch weiterhin bestehen bleiben sollen. Zu diesen Gesetzen gehört auch das deutsche Münzgesetz. Außerdem sei im Saarstatut ausgedrückt, daß der französische Franken nur unter gewissen Voraussetzungen neben der Mark Geltung haben soll«. Zu derartigen Aenderungen des Saar- statuts seien aber nur die Signatar-Mächte des Versailles Vertrages berechtigt, nicht aber die Regierungskommission des Saargebietes. Schließlich wurde betont, daß die Einführung des Franken «ine Tatsache schaffen würde, die geeignet sein könnte, im Jahre 1935 bei der Volksabstimmung im Saar- gcbiet gegen die deutsche Bevölkerung in die Wagschale geworfen zu werden. Der Landesrat hat in zweitägiger Beratung einen von seiner eigenen Finanzkommission ausgearbeiteten besonderen Entwurf über die Einführung des Franken durchberaten und ersucht die Regierungskommission diese Vorlage unbedingt zu berücksichtigen, da die Regierungskommission anscheinend auf alle Fälle entschlossen sei, die Währungsfrage zugunsten des französischen Franken zu lösen und auf die gänzliche Ablehnung der gewählten Vertreter des Volkes keine Rücksicht zu nehmen. Ein Lob dem Mörder. Paris, 30. April. Ueber die Vorfälle bei den Kruppwerken am Tage vor Ostern ist auf Befehl des Generals Degoutte eine Untersuchung eingeleitet worden. Diese wurde nun durch einen Tagesbefehl beendet, in dem der Befehlshaber dem Leutnant, der das Detachement führte, das auf die Arbeiter geschossen hat, für die große Kaltblütigkeit die Anerkennung ansdriickt. Er habe seine Leute trotz der Provokation, Drohungen und Angriffe, denen sie ausgesetzt gewesen sei n ganz in der Gewalt gehabt und den Gebrauch der Waffe erst in dem Augenblick befohlen, in der seine Truppen sich in dringender Gefahr und im Zustande der Abwehr befanden. * Man muß sich erinnern, daß sich das Dutzend welscher Soldaten ohne die geringste Belästigung zurückziehen konnte, nachdem 14 Menschen gemordet und fast 100 schwer verletzt waren. Wenn die Zehntausende von Arbeitern hätten Gewalt anwenden wollen, so wären die Mörder mit ihren Waffen unter den Füßen der Massen in Brei verwandelt worden. Die Selbstbeherrschung der Massen war eine Höchstleistung des passiven Widerstandes. * Krupp v. Bohlen-Halbach verhaftet. Effr», 1. Mai. Krupp von Bohlen-Halbach ist heute vormittag verhaftet worden. Er war für heute vormittag vom französischen Untersuchungsrichter der die Voruntersuchung in der Anklage gegen die Direktoren der Kruppwerke wegen der Vorfälle am Karfamstag führt, geladen motten, um zum drittenmal als Zeugen vernommen zu werden. Krupp von Bohlen- Halbach, der sich bis gestern in Berlin aufhielt, ° um an Sitzungen des preußischen Staatsrats und an wichtigen geschäftlichen Besprechungen teilzunehmen, haste seinen Berliner Aufenthalt vorzeitig abgebrochen, um pünktlich der Borladung des ftanzösi- schen Untersuchungsrichters Folge zu leisten und seinerseits nichts zu unterlassen, was zur Entlastung der verhafteten Direktoren und zur Beschleunigung des Berfahrens dienen könnte. Nach kurzem Perhör erklärte der Untersuchungsrichter Krupp von Bohlen-Halbach für verhaftet. Die Verhaftung des Herrn Krupp Schicksalswende. Roman von A. K l i n g e r. 17) Nachdruck verboten. Er sollte es nicht sehen, daß sie litt, daß ihr etwas Häßliches begegnet war: die wenigen Stunden, die ihrem Zusammensein noch blieben, sollten durch keinen Mißton gestört werden. Hubert schloß Almida in tiefster Erschütterung in die Arme. Er fand es nur natürlich, daß sie ernst war, daß sie bebend an seiner Brust ruht«. Sie ließen sich auf einer Bank nieder und küßten sich, und vergaßen nachgerade beide, was jeden von ihnen drückte und waren selig. Er sagte ihr wieder und wieder, daß er sie mehr liebe als sein Leben, und daß nichts sie scheiden solle als der Tod. Almida konnte es nicht oft genug hören. „Die wahre Liebe," sagte Hubert, „bleibt sich immer gleich, in jeder Lebenslage. Ni« werde ich meinen Sinn ändern, was auch geschehen möge. Du, Almida. wirst immer mein bestes Teil sein, meine Sonne, mein leuchtender Stern, zu dem ich auf- blicke, magst Du vom Glück umstrahlt sein, oder vom Leid heimgesucht werden. Ich lese in Deinem tiefften Innern, wie in einem offenen Buch: und was ich dort sehe, ist anbetungswürdig, ist die Ergänzung meines Selbst. Wir gehören zusammen Liebste, für Zeit und Ewigkeit, Du machst mich überglücklich und dafür danke ich Dir!" Sie ahnte nicht, daß sie seinen Worten eine bestimmte Deutung häste geben müssen. Sie lächelte ihn unter Tränen an. „Du sollst mir nicht danken! Was ich bin und was ich habe, mein ganzes Sein gehört Dir. Aber ich möchte, daß wir bald vereint sind. Ich fürchte mich vor der Trennung ovn Dir. Ich will nur noch in Deiner Näh« atmen!" „Ich komme bald, sehr bald wieder, mein Lieb. Auch mir ist das Herz schwer, und ich wünscht«. Du wärst erst ganz mein eigen und wir können immer zusammen sein!" Er unterdrückte «inen schmerzlichen Senker. „Hoffentlich währt unsere Prüfunqszeit nicht lange." Herr Harnisch rief nach ihyen. Sie gingen ins Haus und setzten sich an den reich gedeckten Tisch. Sie tranken köstlichen, Wein und naschten von den Speisen. Eine frohe Stimmung wollte nicht aufkommen. Herr Harnisch hatte das Auto bestellt und sie fuhren gemeinsam weit hinaus aufs Land, wo vor jedem Haufe ein Garten blühte, wo Rosen- und Erdgeruch ihnen entgegenströmte. Nur zu schnell flohen bic- Stunden. Und als es Abend war, kehrten sie zurück, still und ernst. Dann kam der Abschied, Weinend hing Almida an Huberts Hals. „Komme bald wieder, laß mich nicht so lange allein! Ich vergeh« ohne Dich, wie eine Blume, die ihres Sonnenlichts beraubt wurde, der man jede Lebensbedingung nahm." Er riß sich los, um nicht weich und wankelmütig zu werden. Herr Harnisch gab ihm bis zur Bahn das Geleit. Beim Lebcwohlsagen erinnerte Hubert: „Nicht wahr, Du handelst sofort Papa? Du zögerst keinen Tag länger, Almida Deinen Namen zu geben, damit sie in Wirklichkeit ist, was sie jetzt nur scheint?" Er versprach es. „Das Schlimmste ist für mich über- standen. Die Erklärung, daß Almida nicht mein eigenes Kind ist, wollte sich nicht über meine Lippen zwingen lassen. Ich danke meinem Schöpfer, daß ich das hinter mir habe!" Sie umarmten (ich. Hubert sah lange mit wehem Blick in das bleiche, angegriffene Gesicht des väterlichen Freundes, aus dem die Augen so matt und dunkelumrandet blickten. „Lebe wohl, Du lieber, lieber Papa. Ich verehre Dich sehr. Und ich danke Dir für alles, was Du Almida Liebes angetan." „Du törichter Mensch, Almida gab mir mehr, als i ihr zuteil werden lassen konnte. d:nn sie verschönte durch ihren köstlichen Frohsinn, durch ihr wundervolles Gemüt mein Alter. Der Himmel segne sie dafür. Und wenn ich nicht mehr bin, so nrrb mein Geist sie umschweben, und wenn die Abgeschiedenen für ihre Lieben auf Erden etwas vermögen, so wird meinem Kinde jeder Kummer, jede Sorge ihr Leben lang fernbleiben." Hubert mußte einsteigen. Sie drückten sich noch einmal die Hände. Dann ging Herr Harnisch langsam davon. Mit Augen, in denen «ine bange Ahnung zu lesen war, sah Hubert ihm nach, bis die schmale schlanke Gestalt in dem Menschenstrom untertauchte. 8. Kapitel. Als Herr Harnisch nach Hause kam. hatte Almida verweinte Augen. Er strich liebkosend über ihr. dunkles Haar. „Tausend Grüße sendet Hubert Dir noch, und nun Kopf hoch, Kleine. Du darfst nicht mehr weinen! Hast auch keine Ursache dazu. Hubert wird uns bald genug mit seinem Besuch überraschen, dann ist die Freude doppelt groß." „Suche mich nicht zu trösten, Papa es hilft doch nichts) Ick bin so namenlos traurig. Es liegt auf mir wie die Ahnung von kommendem Unheil. Ich wollte Dir nur noch gute Nacht sagen. Ich will zu schlafen versuchen, damit ich über mein Leid hinwegkomme." „Jawohl, geh' schlafen Kind! Morgen siehst Du alles in einem freundlichen Lichte. Und dann kommen Huberts Briefe, die Dich in Atem halten werden." „Aber es wäre tausendmal schöner, wenn Huberts Eltern ihre Einwilligung zu unserer Verlobung gegeben hätten, wenn ich jetzt seine verlobte Braut wäre. Dieser Zustand der Halbheit peinigt mich grenzenlos." Ihre Worte trafen ihn wie ein schwerer Borwurf. „Wenn ich es ändern könnte, was gäbe ich wohl darum!" sagte er. „Aber bester, einziger Papa, Du kannst doch nicht dafür, und es ist auch von mir töricht und mir selbst unverständlich, daß ich so fassungslos bin! Du hast recht. Ich muß ausschlafen. Vielleicht ist mir morgen schon leichter ums Herz. Gute Nacht, Papachen! Versprich mir,' heute nicht mehr zu arbeiten. Dir scheint der Abschied von Hubert übrigens auch nahezugehen. Dein Aussehen macht mir ernste Sorge. Fühlst Du Dich krank?" „Ein wenig angegriffen, Gute Nacht, mein liebes, geliebtes Kind!" Almida rief auch Frau von Herbst gute Nacht zu. und ging in ihr Zimmer. Nr. 51. Jahrgang 1923. Ver Landbore * Sinsheim« Zeitung. Mittwoch, den 2. Mai 1923. von Bohlen-Halbach erfolgt« aus dem gleichen Grunde, der für die BerhaftuW der drei Kruppdirektoren angegeben wurde. Don französischer Seite wird Krupp v. Bohlen-Halbach vorge- wvrfen, daß er den Alarm durch di« Sirenen nicht verhindert habe, obgleich «r zur kritischen Zeit in d«r Gußstahlfabrik anwesend' gewesen war. Infotze der Verhaftung Krupps muß mit einer Hinausschiebung des Verhandlungstermins in der Anktzge gegen die drei Kruppdirektoren gerechnet werden. Der Prozeß dürfte mich französischen Mitteilungen etwa am Freitag beginnen. 40 Zeugen sind zur Verhandlung geladen. Die Anklageschrift soll am Mittwoch den Verteidigern übergeben werden. Eine Stimme aus dem Ruhrgebiet. In einem Brief aus dem Ruhrgebiet wird u. a. geschrieben: „Die Verhältnisse werden immer bunter. Sämtliche städtischen Behörden sind lahmgelegt dadurch, da man ihre Büros und das Rathaus, Sparkasse usw. besetzt hat. Nicht einmal das Standesamt konnte mehr arbeiten. Und es geht trotzdem! Wie niedrig muß ein Volk sich einschätzen, das zu solchen Mitteln greift! Wir wissen, um was es . geht. Wie die Erfolge ausfehen, können wir ja am besten beurteilen und darum halten wir durch, mag kommen, was will. . . Alle Schulen sind fast doppelt belegt! Keine Lehrmittel — kein Raum I Wie gut ist es, daß schon viele Kinder draußen (im unbesetzten Gebiet) sind. Was auf diesem Weg (durch die Belegung der Schulen von französischer Seite) an unserer Jugend gesündigt wird, ist so schwer, daß es nie wieder gut gemacht werden kann." Die angeblichen Grausamkeiten deutscher U-Bootführer. London. 1. Mai. Das Mitglied der Arbeiterpartei. Morell, richtete eine Anfrage an die Regierung wegen der Rede des amerikanischen Admirals Sans, wonach die Presseberichte über angebliche von deutschen U-Booten begangene Grausamkeiten nichts als Propaganda gewesen seien. Mansell erwiderte für die Regierung, eine volle Information bezüglich der Grausamkeiten, die von deutschen U-Bootkommandanten verübt worden seien, sei in Uebereinstimmung mit dem Friedensvertrag von der alliierten Unterkommission im August 1919 gegeben worden. Er könne nicht die Behauptung anerkennen, daß dies nur eine Propaganda gewesen sei. Andererseits hätten sich zahlreiche deutsche U-Bootsoffiziere mit soviel Menschlichkeit wie möglich benommen im Rahmen des ihnen erteilten allgemeinen Befehls, Kauffahrteischiffe bei Sichtung ohne Warnung zu versenken. Die Maifeiern im Reich. Ueberall ruhiger Verlauf. Berlin, 1. Mai. Die Maifeier hat in Berlin einen ruhigen Bertzuf genommen. Sozialdemokraten und Kommunisten hatten sich auf eine gemeinsame Demonstration geeintzt und aus allen Stadtteilen kamen lange Züge mit roten Fahnen zu den Haupt- vcrsammlungsplätzen im Lustgarten und in der großen Reitbahn am Zoologischen Garten. Im Lustgarten strömten etwa 400 000 bis 500 000 Menschen zusammen. Bon etwa 40 Stellen aus sprachen die Redner, Abgeordnete und Gewerkschaftsführer. Sie mahnten zum Kampf gegen Lebensmittelverteuerung und Wucher und gegen die Angriffe auf den Achtstundentag. Eine große Gefahr drohe dem deutschen Proletariat vom internationalen Faszismus. Auch russische Kommunisten nahmen das Wort, um ihre Hoffnung auf die fortschreitende Wellrevolution auszusprechen. Ein Vertreter der französischen kommunistischen Partei, der Gewerkschaftler Dere. sprach über die Ursache der Ruhrbesetzung, als deren wahren Grund er den Machthunger der französischen Kapitalisten bezeichnet«. Das französische Pole- tariat habe nicht das geringste Interesse an der Ruhrbesetzung und werde alles tun, um die Machtgelüste des internationalen Kapitalismus zu bekämpfen, damit das deutsche und das französische Volk sich über das Ruhrgebiet hinweg die Hände reichen könne. Zu einem Zwischenfall kam es nur vor der Universität, wo die angehörigen des sozialistischm Studentenbundes und der kommunistischen Studentenfraktion ihre Kundgebungen veranstalteten. Im Vorgarten der Universität hatten sich gleichzeitig die natronatzesinnten Studenten versammelt, die eine Gegendemonstration veranstalteten. Gerade als es zu Tätlich keiten zu kommen drohte, griff eine Streife der Schutzpolizei ein und bewog die Menge zum Abzug. Kein Fußbreit deutschen Bodens wird preisgegrben! Bekenntnis zur Republik. — Die Maifeier in Köln. Köln, 1. Mai. Auch hier fand die Maifeier der Sozialdemokraten unter großer Beteiligung statt. Drei lange Züge bewegten sich aus dem Norden und Süden der Stadt, die aus dem rechtsrheinischen Gebiet unter Musikbegleitung zum Neumarkt zogen, wo von 9 Tribünen Reden gehalten wurden. Es wurde eine Entschließung angenommen, in der es heißt: Die rheinische Arbeiterschaft bleibt auch in diesem Augenblick treu und fest im Bruch mit den demokratischen Sozialisten der ganzen Walt in dem Bewußtsein, daß die arbeitende Bevölkerung der anderen Länder einig mit ihr im entschlossenen Adwehrwillen gegen die imperialistischen Bestrebungen ist. Das rheinische klassenbewußte Proletariat erneuert in dieser Stunde größter Machtbestrebungen des französischen und betzischen Militarismus das Bekenntnis zur deutschen Republik. Der politische Konflikt kann nicht betzelestt werden unter Preisgabe auch nur einer Fußbreite deutsche» Landes. Die Neuregelung der Brotoerforgung. Berlin. 1. Mai. Nachdem infolge der Stellungnahme der Reichsregierung und der Entschließung des Reichstags vom 12. April die Getreideumlage mit Beendigung des gegenwärtigen Wirtschaftsjahres ihren Abschluß findet, wird von der Reichsregierung den gesetzgebenden Körperschaften ein Gesetzentwurf vorgelegt werden, der die Brotversorgung im kommenden Wirtschaftsjahr auf «ine andere Grundlage stellt. Bei der außerordentlichen Bedeutung einer geordneten Brotversorgung erschien es nicht angängig, sie ganz dem freien Spiel der Kräfte zu überlassen, zumal die inländische Erzeugung zur Deckung des Bedarfs nicht ausreicht, und eine sehr beträchtliche Einfuhr von Brotgetreide nötig ist. Es ist in erster Linie darauf h'nzustreben, daß dies« Einfuhr durch den steten Handel getätigt wird, Indessen sieht der Entwurf die Bereitstellung einer Reserve von bis zu 3*/2 Millionen Tonnen in der Hand der Regierung vor. di« dazu dienen soll, die öffentliche Versorgung während des Uebergangs vom alten ins neue Erntejahr sicher zu stellen und die Möglichkeit einer Einwirkung bei ungerechtfertigten Preisgestaltungen für Inlandsgetreide zu geben. Die von der Reichsgetreidestelle zu beschaffende und zu verwaltende Reserve soll teilweist durch die Einfuhr beschafft und in Höh« von etwa 1,5 Millionen Tonnen aus dem Inland entnommen werden und zwar möglichst auf d«m Wege der Vereinbarung. Die Verhandlungen zu Vertragsabschlüssen sind eingeleitet. Für den Fall, daß die Getreidemenqen nicht durch Vertrag aufgebracht werden können, sieht der Entwurf eine Umlage von H'« Millionen Tonnen vor. Für die Bedürfttzen sollen im Wirtschaftsjahr 1923/24 Geldbeträge bereit gestellt werden, die mit Zustimmung des Reichsrates von der Reichsregierung zur Verfügung gestellt und durch Vermittelung der Länder an die Kommunalverbände verteilt werden sollen. Die notwendigen Summen sollen durch eine Abgabe in Höhe der Zwangsanleihr aufgebracht werden. Den Zwangsanleihepflichttzen wird die Verpflichtung auferlegt, «inen Steuerdetrag einzuzahlen, der der bereits festgesetzten Zwangsanleihe entspricht. Dst neue Abgabe unterscheidet sich nur insoweit von der Zwangsanleihe, als keine Anleihestücke ausgegeben werden, sondern «s sich um eine echte einmalige Steuer handelt. Die neuen Geldstrafen-Satze. Berlin, 30. April. Der Reichstag hat am 23. April rin neues Geldstrafengesetz beschloffen, das am 1. Mai in Kraft tritt. Es enthält gegenüber dem geltenden Recht eine Reihe von Aenderungen, woraus der preußische amtliche Pressedienst die nachstehenden besonders heroorhebt: Die Geldstrafe beträgt künftig bei allen Verbrechen und Vergehen des gesamten Reichs- und Landesrechts, soweit nicht höhere Beträge oder Geldstrafen in unbeschränkter Höhe angedroht find, mindestens 1000 Mk., höchstens 10 Millionen Mk., bei allen Uebertretungen mindestens 300 Mk., höchstens 300000 Mk. Bei Verbrechen oder Vergehen, die auf Gewinnsucht beruhen, kann die Geldstrafe auf 100 Millionen Mk. erhöht werden. Allgemein ist bestimmt, daß die Geldstrafe das Entgelt, das der. Täter für die Tat empfing, und der Gewinn, den er aus der Tat gezogen hat, übersteigen soll; reicht das gesetzliche Höchstmaß hierzu sticht aus, so darf es überschatten werden. Die neuen Bestimmungen geben den Gerichten die Möglichkeit, bei Bemessung aller Geldstrafen in weitestem Umfange der Geldentwertung Rechnung zu tragen. Das neue Wchnsteuergesttz. Die „Deutsche Weinzeitpng" gibt den neuen Entwurf eines Weinsteuergesetzes bekannt, wie «r zunächst dem Reichswirtschaftsrat vorgelegt werden wirb. In dem neuen Entwurf ist die bisherige Steuerform beibehalten unb die Schaumweine, Fruchtschaumweine usw. in das Gesetz mit einbezogen. Die Steuer beträgt 22 v. H., für Schaumweine aus Traubenwein oder aus Fruchtwein mit Zusatz von Traubenwein, sowie für schaumweinähnliche Getränke dagegen 30 v. H. des Steuerwerls. Eine ganze Reihe von Bestimmungen des geltenden Weingesetzes kommt in Wegfall, da durch die Reichsabgabeordnung vieles geregelt und daher beim neue» Gesetz überflüssig wird. Der Wirteverkehr hat eine scheinbar sachgemäßere Regelung erfahren, di« sonstigen Aendemngen und Neuerungen sind meist technischer Art. Baden. Die Beisetzung der Großherzogin. Die Einsegnung. Baden-Baden, 30. April. Nachdem am Samstag abend noch im engen Familienkreis eine Trauerandacht stattgefunden hatte, bei der Hofprediger Fischer sprach, wurde die Leiche der Großherzogin Luise in dem Kavalierflügel des Schlosses aufgebahrt. Hier fand dann am Sonntag nachmittag die feierliche Einsegnung der Leiche statt. Unter mächtigen Palmen und zahllosen Kränzen, die die Farben einer Reihe von Nationalitäten, badischer Städte und Korporationen trugen, war der Sarg aufgebahtt, zu dessen Seiten Oberinnen des Roten Kreuzes und Kammerherren die Ehrenwache hielten. Punkt 5 Uhr nachmittags erschien die große Zahl der Fürstlichkeiten, zunächst der ehemalige Großherzog mit der Königin von Schweden, danach die Großherzogin Hilda, der König von Schweden, die Herzogin von Braunschweig, Prinz Heinrich als Vertreter des ehemaligen Kaisers, die Prinzen Eitel Friedrich und August Wilhelm, Vertreter der Königin von Holland und der Großherzogin von Luxemburg. An der Trauer nahmen ferner teil abe früheren Minister, die Oberbürgermeister der größeren Städte, die Rektoren der Hochschulen, Angehörige der früheren Leibregimenter. Prälat Schmitthenner hat seiner Trauerrede die Bibelworte: „Ich will Dich segnen und Du sollst ein Segen sein" zugrunde gelegt. Zu Eingang und am Schluß der eindrucksvollen Feier sang der Karlsruher Motettenchor (früherer Hofchirchenchor) einen Choral. Das badische Staatsministerium hat am Sarge einen Kranz niederlegen lassen, dessen in den Landesfarben gehaltene Schleife die Inschrift trug: „Der Wohltäterin der badischen Heimat." 3m Mausoleum. Karlsruhe, 30. April. Der Leichenkondukt mit der Groß- herzogin Luise kam Sonntag nachts um halb 11 Uhr hier an. Heute morgen kurz vor 11 Uhr wurde die feierliche Beisetzung im hiesigen Mausoleum vorgenommen. Eine zahlreiche Menschenmenge hatte sich eingefunden und bildete auf dem Weg« zum Mausoleum Spalier; außerdem hatten sich zahlreiche Vereine mit Fahnenabordnungen eingefunden. Gegen 11 Uhr kam der Gwßherzog in Generalsuniform und die Großherzogin von dem Publikum lebhaft mit Tücherschwenken begrüßt, hier an. Außerdem waren anwesend der König und die Königin von Schweden, Prinz Max in Uniform und dessen Gemahlin mit den Kindern, d«m Prinzen Berthold und der Prinzessin Alexandra, ferner noch verschiedene Herren des früheren Gefolges. Im Mausoleum ging sodann die Trauerfeier vor sich, bei der Prälat Schmitthenner die Trauerrede hielt. Die Feier nahm etwa eine Stunde in Anspruch. Die Teilnehmer fuhren wiederum im Auto und vom Publikum abermals lebhaft begrüßt, zurück. Aus Nah und Fern. ~r Sinsheim, 1. Mai. (Fürsorgeerziehungsan- t a l t.) Der vergangene Sonntag, der 29. April bildete für irr alte Benediktinerabtei Sunnisheim einen neuen und bedeutsamen Abschnitt in seiner Geschichte. Seit Jahrzehnten diente das auf aussichtbietender Höh« gelegene Anwesen christlicher Liebe, di« sich der Gefahr des sittlichen Untergangs bedrohten Jugend annahm. Nach dem Kriege konnten di« Mistel durch freiwillige Spenden nicht mehr aufgebracht werden. Darum übernahm der badische Staat die Rettungsanstalt mit dem Zweck, ie in eine Fürsorgeerziehungsanstalt' für Psychopathie umzu- qestalten. Ein Neues wurde unter der sachverständigen Leitung les Herrn Professor Graf vom Bauamt des Justizministeriums geschaffen. Ein Neues auch in der Art des Erziehungswesens. Das Familiensystem wurde eingefühtt. Am Sonntag nun wurden die neuen Räume ihrer Bestimmung übergeben. Vom Stiststurm wehte die Flagge und Fahnen grüßten am Tore und an den Häusern der Anstalt die Gäste. Tannenguirlanden schmückten die Pforten. Von Karlsmhe waren zur Festfeier gekommen Herr Iustizminister Trunk, Herr Oberregierungsrat Umhauer, Herr Regierungsrat Cuttag, Herr Professor Graf, Herr Geh. Rat Stöcker vom Kultusministettum, Herr Professor Dr. Gregor von Flehingen und Herr Verwalter Schell von dott. Bon Sinsheim selbst hatten sich auf Einladung die Spitzen der Behörden eingefunden. Im Festsaal, einem wirklich intimen Raum, fand um 2 Uhr beginnend die Festfeier statt. Ein Marsch vom Bläserchor der Anstalt, wacker oorgetragen, eröffnest die Feier. Nach dem von den Zöglingen sehr schön gesungenen Lied: »Hab' Sonne im Herzen" begrüßte Herr Direktor Schmidt mit herzlichen Motten die Herren Regierungsvertreter und geladenen Gäste und wies auf das Neugewordene hin, wie jetzt im Familiensystem individuelle Behandlung dem Einzelnen zuteil werden sollte. Das nun folgende reizvolle historische Festspiel bildete den markanten Mittelpunkt des Festaktes. Dem Verfasser Dekan Eisen ist mit demselben ein Wurf gelungen von ganz eigenartig stimmungsvoller Att. Die Idee war äußerst originell. Zwei Zöglinge treiben ihr heiter-humorvolles Spiel und der allbekannte „Stistekarli" kommt auf den Gedanken, den Verfasser der Geschichte der Benediktinerabtei und der Stadt Sinsheim ins Leben zurllckzurufen und an Ort und Stelle zu zitieren. In Dekan Wilhclmis Studierzimmer wird Einblick gewährt, über seine Bücher gebeugt forscht er in den alten Quellen zu seiner Geschichtsschreibung. Die Zöglinge treten an ihn heran, erzählten ihm, daß sein Wunsch, die alte Benediktinerabtei Sunnisheim möchte ein Sonnenheim für junge Menschen werden, erfüllt sei und der Stistekarli ruft nun die Gestalten seiner Geschichte in's Leben. Zuerst blickt man in die Hütte des alten Franken Hugino, dessen Name als erster an hiesiger Stätte genannt ist. Bischof Johannes, der Neubegründer der Benediktinerabtei tritt vor uns hin, die das Kloster stürmenden Bauern sieht man im dritten Bild. Es sind keine lebenden Bilder im gewöhnlichen Sinne, sondern jedes für sich bildet ein Ganzes und die Auftretenden erzählen ihre Lebens-Geschichte. Wilhelmi aber stellt durch seinen Bericht die jeweilige Verbindung der Bilder her. Dann ist er wieder mit den beiden Zöglingen allein und manch gutes, herzliches Wort aus frommem Herzen und sittlicher Kraft heraus hat er für die jungen Menschen; zur Dankbarkeit und Treue gegen Staat und das Bolksganze muntert er sie auf, daß das Haus an ihm seinen Zweck erfülle, ihr Leben zu einem Sonnenheim zu gestalten. Mit den Worten des Rütlifchwurs gelobte der Stistekarli im Namen seiner Genossen und schließt mit Heil Badner Land. Heil deutsches Vaterland, worauf unter Musikbegleitung von allen, stehend das Lied: Ich Hab mich ergeben gesungen wurde. Lang anhaltender Beifall lohnte Spieler und Verfasser. Herr Professor Graf gab nun einen Einblick in die Geschichte des Neubaues, worauf Herr Iustizminister Trunk in einer großangelegten Festrede Zweck und Ziel der neuorganisierten Anstalt darlegte, wie fürsorgend und erziehend an den jungen Menschen gearbeitet werden solle, um sie zu brauchbaren, tüchtigen Bürgern der Heimat zu erziehen, wie das Familienhafte auch dadurch noch besonders betont worden sei, daß man Schwestern, die aus liebendem Gemüt heraus sich dieser Arbeit unterzogen hätten, zur sonnigen Höhe berufen. Schließlich dankte er allen, die in all den Jahren des Werdens mitgearbeitet und sich nun des Schönen, das sie geschaffen, freuen dürsten. Ganz besonders warm war sein Dank dem Verfasser des Festspiels gegenüber, vermißt aber wurde von den Anwesenden ein Dankeswott gegenüber dem Direktor und seinem Stab, auf dem die Hauptlast der Arbeit ruhte, aber jedermann wußte, daß es nur deshalb nicht besonders ausgesprochen wurde, weil es selbstverständlich war. „Deutschland, Deutschland über alles" klang es dann, von Allen gesungen durch den stimmungsvollen Raum. Ein Epilog, von Schwester Sofie verfaßt und von einem Zögling eindrucksvoll vorgetragen, drückte den Dank der Zöglinge für das ihnen geschenkte Sonnenheim aus. Mit einem Marsch des Bläserchors, der nachher in Hof und Haus während der Besichtigung noch feine Weifen erklingen ließ, schloß der Festakt, der bei Allen, aber gewiß bei den Zöglingen ganz besonders unvergeßlich bleiben wird. An den Festakt schloß sich ein Rundgang durch all' die Räume der großen Anstalt an. Jedermann staunte über das wirklich Schöne, Einheitliche und Praktische, das da erstanden. Das Festspiel wurde am Montag und Dienstag wiederholt. Eine Völkerwanderung war's jeweils auf den Stists- berg und manch einer mußte wieder umkehren, weil kein Platz. Groß war stets der Beifall. Am Dienstag abend erfreute der Stistekarli den Verfasser Dekan Eisen mit einem herrlichen Blumenstrauß und Tannengewinde. Da es so viele gern auch noch sehen möchten, wird das Festspiel am Mittwoch abend 8 Uhr nochmals aufgeführt. Möchte die alte Benediktinerabtei „uswendig Sunnisheim" den jungen Menschen stets fein ein Sonnenheim. r Sinsheim, 2. Mai. (Konzert.) Der Liederkranz veranstaltet, wie aus dem Anzeigenteil ersichtlich ist, am nächsten Samstag im Löwensaale sein diesjähriges Frühjahrskonzert und tritt damit nach längerer, durch die Zeitlage verursachter Pause, die aber nicht ungenützt verstrichen ist, wieder an die Oeffentlichkeit. Es ist dem Verein gelungen, eine ganze Reihe hervorragender Solisten zu gewinnen und damit die Veranstaltung auf ein künstlerisches Niveau zu heben, das jedem Besucher Stunden reinsten Genusses verspricht. Daß diesmal auch von den Mitgliedern ein Eintritts- preis erhoben werden muß, ist eine an sich bedauerliche Neuerung, deren Notwendigkeit aber in Anbetracht der erheblichen Unkosten, mit denen heutzutage eine derartige Veranstaltung verknüpft ist, und des noch ganz unzeitgemäßen Mitgliederbeitrags zweifellos von jedermann gewürdigt werden wird. * Sinsheim, 1. Mai. (Rauchverbot für Schüler.) Entsprechend den im Landtag geäußerten Wünschen und Anträgen hat das badische Unterrichtsministerium seine Verordnung über das Verbot des Tabakrauchens der Schüler verschärft und bestimmt: Allen Schülern und Schülerinnen ist das Rauchen an öffentlichen Orten verboten. Ausnahmen im allgemeinen können durch die Schulsatzungen und in Einzelfällen durch die örtliche Schulleitung gestattet werden. = Neckarbischofsheim. 30. April. (Lehrlingsarbei- t e n.) Unter Leitung von Herrn Gew.-Fortbildungslehrer Bech- told fand gestern im Rathaussaale hier eine Ausstellung von Lehrlingsarbeiten und Gesellenstücken aus unserm Bezirk statt. Ausgestellt waren neben den praktischen Arbeiten der Werkstatt die in der gewerblichen Fortbildungsschule angefertigten Zeichnungen und Modelle. Es mußte jedem Besucher klar werden, daß mit der praktischen Arbeit die Unterweisung in der Schule einhergehen muß, wenn ein tüchtiger Handwerkerstand heranwachsen soll; denn nur dadurch ist es möglich eine richtig« Berechnung anzustellen, eine Zeichnung lesen, verstehen und anfettigen zu können. Die ausgestellten Arbeiten erhielten bei der durch die einschlägigen Handwerksmeister vorgenommenen Prüfung durchweg die Not« gut bis sehr gut. Dm Ausstellern wird für ihre Arbeiten noch «ine besondere Anerkennung zuteil werden. S Unterschwarzach, 30. April. (Beerdigung.) Gestern wurde der Inhaber der Installattonssirma Franzreb, Christian Franzreb, zu Grabe getragen. Einer schweren Krankheit war er erlegen. Wolken jagten am Himmel und deckten der Sonne Schein, denn hatt traf das Schicksal die Familie, in der nun eine Mutter und drei unmündige Kinder ttauem um den verlorenen Vater, es chien als wollte die Sonne nicht Zeuge sein des schwersten Ganges. Sechs Mann hielten vor dem Haufe Ehrenwache vor dem Toten, der als muttger Kraftwagenführer seinem Vaterland in schwerster Notzeit gedient hat. Der Turnverein folgte dem Sarge mit umlotter Fahne, während Klänge des Beethooenfchen Trauermarfches ,en Instrumenten des Musikvereins entsprangen. Am Grabe sprachen die Vorstände der beiden Vereine, deren Ehren-Mitglied der Ber- torbene gewesen und legten Kränze nieder. Ueber dem Toten wölbte sich ein Berg von Kränzen als Zeichen letzter Anerkennung, die man dem tatkräftigen vorwättsstrebenden Mann zollen wollte. Der schwergeprüften Familie wendet sich allgemeine Teilnahme zu. — Heidelberg, 30. April. (Gasvergiftung.) Die Familie des Werkzeugmachers Schnell, der mit Frau und Pflegetochter in einem Seitengebäude des Hauses Ramlerstraße 30 wohnte, ist das Opfer einer Gasvergiftung geworden. Das Unglück ereignete sich dadurch, daß wie erst jetzt bekannt wird, in der Nacht zum Sonntag im Wohnzimmer der Gashahn versehentlich geöffnet blieb. Dieses Vorkommnis wurde aber erst am Montag nachmittag von den Hausbewohnern entdeckt. Die mit Sauerstoffapparaten angestellten Wiederbelebungsversuche hatten nur bei der Pflegetochter Erfolg. Nr. 51. Jahrgang 1923. Der Lan-bote * Sinsheimer Zeitung. Mittwoch, den 2. Mai 1923. 1 Menzingen 1. Moi. (Selbstmord.) Im städtischen Krankenhaus in Bruchsal verstarb der Landwirt H. Hvffinann von hier, der zwei Tage vorher in selbstmörderischer Absicht sich 2 Revolverkugeln in den Mund schoß. Der Beweggrund zur Tat sollen Familienstreitigkeiten gewesen sein. t Schwetzingen. 30. April. (Straßenbahn-Stillegung.) Die von der Oberrheinischen Eisenbahngesellschast betriebene elektrische Straßenbahn Schwetzingen—Ketsch wird mit dem 30. April stillgelegt. t Weinheim, 30. April. (Verschiedenes.) hier trieb gestern ein Zopfabschneider sein Unwesen. Der von auswärts zugereiste etwa 25 jährige Bursche kam in die Wohnungen, um angeblich aus- gekämmte Haare zu kaufen. In einer Wohnung in der Karolinenstraße tras er ein 14 jähriges Mädchen, dessen Eltern ausgegangen waren, allein an. Nachdem er das Kind ausgefragt hatte, spritzte er ihm eine Flüssigkeit ins Gesicht, durch die es betäubt wurde. Dann schnitt er dem Mädchen beide Zöpfe ab und ergriff die Flucht. Er ist unerkannt entkommen. — In Hohensachsen, hiesigen Amtes, wurde gestern der 50 jährige frühere Hilfsfeldhllter Jakob Müller, der lange in Südwestafrika geweilt hatte, wegen Totschlagsversuchs verhaftet. Er hatte von der Straße aus in die Wohnung seines Neffen, des Mühlenbesitzers Peter Glock, als dieser bei Tische saß, einen scharfen Schuß gefeuert, der aber fehlging und bloß ein Wandbild traf. Die Ursache ist in Erbstreitigkeiten zwischen Onkel und Neffe um den Besitz der Mühle zu erblicken. b Mannheim 30. April. (Erfindungs- und Neuheit e n m«? s e.) Im Nibelungensaal wurde die 3. deutsche Erfindungs-, Neuheiten- und Industriemesse in Anwesenheit des Staatspräsidenten Remmele und der Spitzen der Behörden und Korporationen eröffnet. Die Erfinder sind mit 150 Ausstellern auf den verschiedensten Gebieten vertreten. Auffallend gut ist die Büromöbelbranche vertreten. Im Verlauf der Eröffnungsfeier hielt Staatspräsident Remmele eine Ansprache, in der er in Aussicht stellte, daß von Regierungsseite die Ausstellung künftig alle mögliche Förderung eljsvhren soll. b Karlsruhe, 28. April. (Zu einer aufregenden Debatte) an der sich auch die Galeriebesucher lebhaft beteiligten, kam es in der gestrigen Bürgerausschußsitzung, in der u. a. die Erhöhung der Hundesteuer auf das 20fache der Staatssteuer (60000 Mk. für einen Hund, 120000 Mk. für zwei Hunde) aus der Tagesordnung stand. Während mehrere Redner für die stadträtliche Vorlage eintraten, nahmen andere für die Hundebesitzer Partei, und die Galerie griff mehrfach so lebhaft in die Debatte ein, daß sich der Oberbürgermeister nach öfteren Mahnungen gezwungen sah, die Galerie räumen zu lassen. Mit 47 gegen 41 Stimmen, also mit sehr geringer Mehrheit, wurde die stadträtliche Vorlage angenommen und damit die Hundesteuer auf das 20 fache der Staatssteuer festgesetzt. b Karlsruhe, 30. April. (Landesverräter.) Zwei Männer aus Reichenbach und einer aus Mörsch wurden verhaftet, weil sie den Franzosen landesoerräterische Handlangerdienste beim Raub der Holzvorräte im Karlsruher Rheinhafen leisteten. — Offenburg, 30. April. (Unfall.) Der Sohn des Altbürgermeisters Jäger in Müllen wurde von einem Pferd derart auf den Unterleib gestoßen, daß er den erlittenen inneren Verletzungen erlag. t Endingen, 30. April. (Einen bösen Hereinsall) erlebte ein hiesiger Landwirt, der sein schönes Pferd bei einem Zigeuner umtauschte und noch 500000 Mk. darauf bezahlte. Als er am andern Morgen das neue Pferd aus dem Stall holte, mußte er zu seinem nicht geringen Schrecken seststellen, daß das Pferd vollständig blind ist. t Schönau i. W., 30. April. (Ein netter Kollege.) Die Gendarmerie verhaftete den Holzmacher August I. Köhler, der einem Arbeitskollegen mehrere 100000 Mk. gestohlen hatte. Als man ihn verhaftete, hatte er schon 70 000 Mk. in Alkohol umgesetzt. p Säckingen, 30. April. (Aufgeklärter Mord.) Die untei J>em Verdacht der Ermordung des Landwirts Johann Kam- mere»n Lochmatt-Herrischrted verhafteten Arbeiter Friedrich Gerspach (19 Jahre alt) und Alfred Albies (24 Jahre alt) haben ein Geständnis abgelegt, den ihnen zur Last gelegten Mord ausgeführt zu haben. Die Tat wurde in der Nacht auf den 3. März ausgeführt. Beide waren in das Haus des Kämmerer eingedrungen, um zu stehlen. Als der Landwirt aufwachte, gab Albies sechs Schüsse auf ihn ab, die ihn töteten. Nach der Mordtat durchsuchten die Burschen das Haus, wollen aber nach ihren Angaben nichts wesentliches gefunden haben. t Leipzig, 30. April. (In einem Iuwelengeschäft) in der Petersstraße wurde am Freitag während der Mittagszeit ein Einbruch verübt. Eine Bande, die aus etwa 3 bis 4 Personen bestand, drang vom Hofe aus nach Durchbruch einer ungefähr einen Meter dicken Mauer in den Laden und plünderte ein Schaufenster sowie mehrere Schmuckkästen aus. Der Schaden beträgt viele hundert Millionen Mark. Man spricht von annähernd einer Milliarde. Passanten, die an dem Geschäft gegen 2 Uhr mittags vorüberkamen, hielten die Diebe für Auslagedekorateure. Die Diebe find unerkannt entkommen. x Berlin, 30. April. (Im D-Zug um 50 Millionen bestohlen) wurde eine Ausländerin auf der Reise von London nach Berlin. Ihr wurde ein lederner Handkoffer entwendet, der für fünfzig Millionen Kleidungsstücke und Schmucksachcn enthielt. p Buxtehude, 30. April. (Der Tod in der Truhe.) Einen furchtbaren Tod erlitten zwei junge Mädchen, die seit vier Tagen spurlos verschwunden waren. Es hat sich herausgestellt, daß sie aus dem Boden eines Hauses gespielt hatten und dabei in eine schwere Truhe gestiegen waren. Der Deckel war plötzlich zugefallen und den Kindern war es nicht möglich, ihn wieder zuZüssnen. Man fand die Vermißten jetzt als Leichen. Ein schlauer Bauersmann. Ein Bäckermeister in Aarau bezog seine Butter seit langer Zeit von einem Bauer der Umgegend. Eines Tages entdeckte er, daß die Butterballen, die immer 3 Pfund wiegen sollten, das Gewicht nicht hatten. Er verklagte also den Bauern. Im Termin ftagte der Richter: „Haben Sie ein« Wage?" — „Ja, Herr Richter!" — Und Gewicht?" — „Nein, solches Hab« ich nicht!" — „Wie wiegen Sie denn Ihre Butter?" — „Ganz einfach," so antwortete der Bauer: „Seitdem der Bäcker die Butter von mir kauft, kaufe ich auch mein Brot bei ihm, den Laib zu 3 Pfunv. Diese Laibe dienen mir als Gewicht für meine Butterballen. Wenn nun das Gewicht nicht richtig ist, so ist das nicht meine Schuld, sondern die seinige." Die Klage des Bäckers wurde kosffällig abgewiesen. Ein Hund, der schmuggelt. Die Finanzwache an der sächsisch-böhmischen Grenze lauerte auf einen Hund, der regelmäßig sehr auffallend über die Grenze lief und von dem man wußten daß er verschiedene Wertsachen herüberbringe. Schließlich wurde der Hund erschossen. Um seinen Körper fand man 7 Meter schwere Seide gewickelt und im Maule hatte er ein Päckchen, in dem sich acht Paar Damenflorstrümpfe befanden. Der Hund war so klug, daß er schon von weitem allen Finanzwächtern auswich. lieber die „dicke Bertha", die berühmte Riesenkanone des Weltkrieges, zerbrechen sich die Franzosen noch andauernd die Köpfe. Kürzlich brachte der „Matin" sogar einen Artikel von der Länge einer Spalte mit der pomphaften Ankündigung: „Es gibt kein Rätsel über die Bertha" — „Wir besitzen die Pläne dieser Kanone!" Die Bertha sei nur ein Marinegeschütz von 35 Zentimetern gewesen, ähnlich denen die Dünkirchen beschossen haben, aber sie hätte ein viel längeres Rohr (30 bis 35 Meter) gehabt, während die Schiffsgeschütze nur 20 Meierrohre hätten. Dem Artikel ist ein Bild eines in Paris gefundenen Geschoßstückes der Bertha beigegeben. In der nächste^ Nummer freilich bemerkt der Matin an ganz versteckter Stelle: Die eigentlichen Pläne haben die Deutschen nach Abschluß des Waffenstillstandes vernichtet. Aber cs sind noch vor 1918 wichtige Urkunden in unsere Hände gelangt, aus denen wir uns die Pläne zeichnen konnten: auch haben uns die Aussagen von Gefangenen geholfen, ferner genaue Beobachtungen. So war ein Sonderhorchdienst an der Front eingerichtet, der jeden Schuß, der auf Paris abgegeben wurde, sofort dorthin meldete, und aus diesen Meldungen und dem Einfall eines Bertha- gcschosses habe man seine Schlüsse gezogen. Ein geriebener Schwindler. Bei einem Berliner Zahnarzt erschien ein junger Mann, der sich als Karl Benz, Sohn des bekannten Automobilfabrikanten, ausgab und bat, ihm aus allen Zähnen die Goldplomben herauszunehmen. Er erklärte, sein Vater habe ihn zur Auslieferung einiger Automobile nach Berlin geschickt. Er habe nun seine Brieftasche mit der gesamten Barschaft verloren. Um nicht andere Leute in Anspruch nehmen zu müssen, wolle er seine Goldplomben zu Geld machen. Der Zahnarzt bot ihm darauf sofort seine Hilfe an. Nach längerem Sträuben nahm der angebliche Benz den Vorschlag des Zahnarztes an, seine Gastfreundschaft zu genießen, bis Geld angekommen sei. Der Zahnarzt ließ wegen einer kleinen Reise den Gast mit der Tochter und dem Dienstmädchen allein in seiner Wohnung zurück. Als er wiederkam, war das Dienstmädchen und auch der Gast verschwunden und mit ihnen zehn Millionen Mark an Wert- und Schmucksachen. Eine Erbschaft von 85 Millionen Dollar. Aus Rom wird gemeldet: Ein Chauffeur in Toscana namens Delfino Gori erhielt dieser Tage vom amerikanischen Konsul in Florenz die Verständigung, daßffein Onkel M. Gori in Newyork vor einigen Wochen gestorben ist und ihm 85 Millionen Dollar hinterlassen hat. Der Ehauffeur war durch die erfreuliche Nachricht umsomehr überrascht, als sein Onkel, der vor 60 Jahren nach Amerika auswanderte, ihn zeitlebens nur mit Ansichtskarten beglückte. Der Multimillionär- Chauffeur ist nun nach Amerika abgereist, und zwar nicht wie seinerzeit sein arme» Onkel auf dem Verdeck, sondern in der ersten Klasse eines Lurusdampfers. Wirtschaftliche Rundschau de« „vUldboten" (Nachdruck verboten.) Allgemeine Lage. Durch die neue Markentwertung ist ein neues Moment der Unruhe und der Unsicherheit in das deutsche Wirtschaftsleben hineingetragen worden, wodurch die mühsam be- gonnene Preisabbaubewegung im Keime erstickt wurde. Es mehren sich die Anzeichen, daß vielleicht bald ein Sturm über unsere Wirtschaft dahinsegen wird. ' ^ Slaatswirtschast. Die Staats- und Finanzwirsschast ist durch den Ruhreinbruch in völlige Berwirmng geraten. — Der Haushaltsplan 1923 für die aus dem Versailler Vertrag entstandenen Leist» ungen beziffett sich infolge der Markentwertung aus viele Billionen. Er schließt mit einem Defizit von mehr als 10 Billionen Mark ab. Geldmarkt. Im Kampfe gegen den Markveffall hat die Reichsbank den Diskonffatz von 12 auf 18 Prozent und den Lom- battsatz von 13 auf 19 Prozent erhöht. Diese Verteuerung des Kredits dürfte eine allgemeine Erhöhung des Preisniveaus und schließlich auch der Devisenkurse, aller Geldsätze. Provisionen usw. nach sich ziehen. „ _ Börse. Die Börse befürchtet, daß die schaffe Betteuerung der Geldanleihraten inflationssteigernd wirken wird. — Die Böffe steht immer noch im Banne der Ungewißheit über die politischen Ereignisse der nächsten Zeit. Die schwankende Haltung bleibt bestehen. Handel und Industrie. Man befürchtet, daß die obige Kreditverteuerung weitere ungünstige Wirkungen auf den Beschäftigungsgrad der Industrie ausllben wird. Handel und Industrie werden mit neuen Sorgen beladen. — Aus der Spielwarenindustrie erhalten wir einen sehr ungünstigen Bericht über die Lage deffelben. Kohlen. Im März erhielt Deutschland von England 1836 399 Tonnen Kohlen gegen 477718 Tonnen im Jahre 1922, d. i. eine Steigerung von 8 auf 25 Prozent. Holzmarkt. Die Schnittwarenhersteller veffuchen die Preise wieder zu heben. Abschlüsse finden nur zögernd statt, weit der Handel sehr zurückhaltend ist. Von einer groß angelegten Aufwärtsbewegung ist vorerst noch keine Rede. Es fehlt vor allem noch am Eingang neuer Aufträge. Baumarkt. Infolge Ermäßigung der Kohlenpreise sind die Richtpreise für Baustoffe nach dem Preisbericht der „Bauwelt" um etwa 10 Prozent herabgesetzt worden. Die Zcmentpreise sollen zunächst beibehalten bleiben. Warenmarkt. Der Preisabbau darf als verunglückt betrachtet werden. Allgemein fast ist die Preistendenz aufwärts gerichtet. Die dem Einzelhandel vom Produzenten oder Großhandel ange- botenen neuen Waren zeigen fast durchgehend Aufschläge. — Für die Zeit vom 1. Januar bis 30. Juni 4923 wurde das Zigarettenkontingent auf 100 Prozent des Kontingentfußes festgesetzt. — Auf der Leipziger Versteigerung erfuhren die Preise für Füchse 15—20 Prozent, Iltisse 15—20 'Prozent, Steinmarder 10—20 Prozent, Ottern bis 30 Prozent, Bisam 20—30 Prozent, Maulwürfe 20—30 Prozent Ausschlag gegenüber der Märzauktion. — Am Häutemarkt hat wieder die Preissteigerung eingesetzt. Auf der Berliner Auktion betrugen die Ausschläge 20—50 Prozent. — Auch auf den letzten Lederbörsen haben die Preise für Leder aller Art angezogen. Ausstellungen und Messen. Vom 16. bis 21. Mai ist in Stuttgart eine große landwirtschaftliche Ausstellung. — In Riga wird vom 22. Juli bis 5. August die 3. internationale Landwirt- schasts- und Industrie-Ausstellung-Mustermesse abgehalten. — In Mannheim wurde die 3. Erfindungen-, Neuheiten- und Industriemesse eröffnet. Landwirtschaft. Der Stand der Saaten hat sich gebessert. Wärmeres Wetter ist zur Förderung der Vegetation sehr erwünscht. Forstwirtschaft. Aus Forstkreisen erhalten wir einen Bericht, demzufolge gegendenwcise der Borkenkäfer heuer massenhaft auftritt. Produktenmarkt. Die Märkte reagierten sofort aus das Anziehen des Dollars. Das Geschäft hielt sich bei fester Tendenz im allgemeinen in engem Umfange, da sich Geldknappheit stark fühlbar macht. In den letzten Tagen ist auch größere Bofficht der Käufer wieder zu beobachten. — Die Reichsgetreidestelle hat sich reichlich mit Vorräten eingedeckt, um jederzeit in der Lage zu sein, in die Preisgestaltung regulierend einzugreifen, so daß ein dauerndes Hinaufschnellen der Preise über die Weltmarktpreise ausgeschlossen effcheint. — Am Hopsenmarkt ziehen die Preise weiter an. Btehmarkt. Die Biehpreise bewegen sich wieder nach oben. Die neuerlichen Vorgänge am Devisenmarkt haben die Preise sofort wieder und teilweise sogar ganz erheblich in die Höhe gebracht. Das Verkaufsgeschäft war mittelmäßig belebt. ... . Lebenshaltung. Bon einem Abbau der Preise ist keine Rede mehr. Das Leben verteuert sich wieder von Tag zu Tag. — Die hohen Fleischpreise zeitigen einen immer weiteren Rückgang des Berbrauches. Bor dem Kriege kam auf den Kopf durchschnittlich pro Woche 1 Kilo Fleisch, heute ist der Verbrauch weit unter die Hälfte zurückgcgangen. . , Verkehr. Der gesamte deutsche Schiffspark ist wieder auf rund ein Drittel seines früheren Bestandes ausgefüllt worden. — Im Wettbewerb der großen Kontinental-Nordseehäfen hat Hamburg wieder den ersten Platz erobert und auch Rotterdam und Antwerpen wieder geschlagen. Arbeitsmarkt. Die Zahl der Erwerbslosen vergrößert sich ständig, wenn auch im langsamen Tempo. Ausland. Im abgetrennten Obeffchlesien besteht eine schaffe Wirtschaftskrise. — In Oesterreich ist vom 15. 3. bis 15. 4. der Index wieder um 7 Prozent gestiegen. — Frankreich hatte im 1. Vierteljahr 1923 einen Einfuhr-Uebeffchuß von 475 Mill. Fr. — In England ist die Zahl der Arbeitslosen seit 1. Januar um 246378 zurückgegangen. — In Schweden mußte infolge der Stockung des Absatzes von Erz nach dem Ruhrgebiet in verschiedenen Gruben die Arbeit aus 4 Wochentage herabgesetzt werden. — In Amerika tritt das Nachlassen der Kauflust wieder stärker hervor. — Vom 1. Mai ab werden die Telephongebühren Frankreichs im Verkehr mit Deutschland verdreifacht. Oeffentliche Vergebung. Für ein Forstwartshaus in Wiesenbach bei Neckargemünd Sinsheim a. Essenz nach Ministerialverordnung vom 22. Juli 1922 Bad. Ges. u. Verordnungsblatt Nr. 57 werden vergeben: Berputz-, Glaser-, Schreiner-, Schlosser- und Tüncherarbeilen. Unterlagen im Bezirksbauamt Heidelberg Sophieastr. 21, Zimmer 3. Angebote veffchloffen, postftei mit enssprechender Auf- schttft bis 1V. Mai 1923 vormittags 11 Ahr an das B. B. A. Heidelberg. Zuschlagsftist 14 Tage. Bad. Bezirksbauamt Heidelberg. WIIIIIUIIIIIIIIIIIIIIIIIIII>UlIIIIIIIII>IIIIINIIIIIIIII»IIIlIIIIIIIIIIIIMIII»»MIII»IIIIIIIIIIIIU I Liederkranz Sinsheim. | M Samstag, 5. Mai abends r/ry Uhr im Löwensaale g 1 Frühjahrs-Konzert | Ü Mitwirkende: Frl. W. E. S c h i c k, Konzertsäng. Mann- S S heim, Herr Notar Seit sam (Violine), Herr W. H e nn e- s S mann (Klavier), Herr Rüdiger (Cello) Ludwigshafen. s= = Eintrittspreis zur Deckung der Unkosten: = = Für Mitglieder 500 Mk., für Nichtmitglieder 1000 Mk. = = Vorverkauf bei 3. Doll, [Buchhandlung. = aiiiniiiiiuiiiiiiiiimiiiiiiHniiniiiniiniiiiiiiiiiiniiimiiiiiiiiiBiiiiHHnininiiniiiiiiiiiiiiiifiE Großer Verdienst! Reisende gesucht! für den Vertrieb eines neuen landw. Attikels, welcher bereits in mehreren Bezirken mit außerord. Effolg eingefühtt wurde. Stöffel & Co., Hamburg, Gr. Allee 30. Frachtbriefe ' m !e! Beckersdie Buchdruckeiei. BREMEN AMERIKA OSTASIEN flUITRALIEH ♦ Regelmäßiger Personen- und Frsohtverkshr mit eigenen Dampfern. Anerkannt vorzög- Ifohe Unterbringung u. Verpflegung ffk Reisende aller Klassen Reisegepäck- Versicherung Nfthere Auskunft durch NORDDEUTSCHER ♦ BREMEN« und «eine ,'ertrefunnnn Sinsheim : Cg. Eiermann Wtw. in Neckarbischofsheim: Max Jeselsohn, Hauptstr.4. Ordentl. kräftiger Zunge mit guten Schulkenntnissen, welcher Lust hat in eine mech. 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