Erscheint tSglich Mit Ausnahme der Feiertage. Bezugs-Prets: durch die Post bezogen und durch he» Briefträger und unsere Austräger frei ins Laus monatlich Goldmark 1.8V Der Bezugspreis ist im BorauS zu entrichten. Kn Fällen von höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Liefer- m»g der Zeitung oder auf Rück- zahlung des Bezugspreises. Geschäftszeit 1/28 bis 5 Ahr Sonntags geschlossen. Werufprech-Anschlutz Nr. 488 Postscheck-Konto Karlsruhe Nr. 8808 Generalanzeiger fav klsenz-unö §Äuoarzbaclital Der Lanöbote 5ln§keimer MM Zeitung fsss Deneral-Inzeiger fuc öq klsenz-und Läuvarzbaclital HelteTt« und verbreitetst» Leitung dieser Gegend. yLupt-Hn)eigen-Slett Wchenllich, Netlage» r Vene Slluktriert» * Hos dem Reich der CQode * Ratgeber ffir yau»- «nd CandwirtTd>aft Anzeigeu-Preife: Anzeigen: Die 33 mm breit» Millimeter-Zeile 6 Goldpfg. Reklamen: Die 92 mm breit» Millimeter-Zeile 20 Goldpfg. Grundschrift im Anzeigen» und Textteil ist Pettt. 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Müller-Frauke« ist a« die Fraktionen des Zentrums, der Demokrate« und der Bäuerische» Bolkspartei Heraugetrete«, um de« Versuch der Neubildung der Regierung au, u/.uu&logc der Weimarer Koalition zu mache». Die Berliner vreffe zum Abbruch der Verhandlungen Berlin, 23. Juni. Von der Berliner Presse konnten am Freitag abend nur noch sehr wenige Blätter zu dem Scheitern der Verhandlungen über die Große Koalition Stellung nehmen. Die demokratische Prcffe macht die Volkspartei für das Scheitern der Verhandlungen verantwortlich und ist der Ansicht, baß nunmehr wieder über die Weimarer Koalition verhandelt werden müffe. Auch die „Vossische Zeitung" ist der Ansicht, daß eine Regierungsbildung auf der Grundlage der Weimarer Koalition unwahrscheinlich sei, >a die Weimarer Koalition ohne die Bayerische Volkspartei, mit deren Teilnahme man nach ihrer ablehnenden Erklärung zum Nationalfeiertag kaum noch rechnet, über keine tragfähtge Mehrheit im Reichstag verfügen würde. Auch das „Berliner Tageblatt" beurteilt die Aussichten der Weimarer Koalition skeptisch, zumal auch vom Zentrum bekannt sei, daß es wenig Zutrauen zu einer Regierungsbildung aus dieser Grundlage habe. Der „Deutsche", das Organ Stegerwalds, rechnet damit, daß es noch ziemlich lange dauern wird, bis man wieder eine Regierung zusammenhaben werde. Das Blatt hebt hervor, daß es zu einer Aussprache über die Differenzen in der Schulfrage überhaupt noch nicht gekommen ist. Die „DAZ." spricht von einem „Theatercoup" im Reichstag" und meint, dieser „große Bluff" bedeute keineswegs, daß die Verhandlungen über die große Koalition tatsächlich und unwiderruflich gescheitert seien. Es handle sich vielmehr um den letzten Versuch der Linken, die Volkspartei einzuschüchtern. Müller-Franken geht zum Reichspräsidenten Berlin, 23. Juni. Die sozialdemokratische Reichstagsfraktion nahm tn ihrer Freitagssitzung einen Bericht des Abgeordneten Müller-Franken über die interfraktionellen Besprechungen entgegen und billigte seine Haltung. Müller- Franken wird die Erklärungen des Zentrums und der Bayerischen Volkspartei über die Bildung der Weimarer Koalition, um die er in den Mittagsstunden ersucht hatte, abwarten und hat sich dann um 19 Uhr zum ReichspräsidAl- ten begeben, um ihm Bericht über den 8 Agmm, 22. Juni. Bei der heutigen Ueberführung der Leichen der in der Skuptschina erschossenen Abgeordneten PaulRadksch und Dr. BasaritscheK von der Bahn zum Palais der Bauernpattei fiel die Abwesenheit von Vertretern der staatlichen Behörden aus. Es kam zu erschütternden Szenen, als die Särge auf den Bahnsteig getragen wurden, wo die alte Mutter Paul Raditschs in Verzweiflungsrufe ausbrach und fein achtjähriges Söhnchen verzweifelt nach dem Vater rief. Der Abgeordnete Malttc hielt eine Rede, in der er sagte: „Meine lieben Brüder! Ich bin tief ergriffen durch das Geschehnis, denn ich war Augenzeuge der furchtbaren Tat in der Skuptschina. Ihr seid als Mättyrer im /Kampfe um die Gleichberechtigung und die Gerechtigkeit «nd Menschlichkelt gefalle«. Das kroatische Volk wird Euch ein ewiges Angedenken bewahren. Ehre fei Euch kroatischen Mätty- rern!" Eine ungeheure Zahl Blumenfpenden wurde an den Särgen im Bauernpalais niedergelegt, wo den ganzen Tag über die Bauern, meist in nationalen Kostümen, vorüberdefilietten. Die Polizei hält sich fern, da befürchtet wird, daß nach den nächtlichen Zusammenstößen ihre Mitarbeit als Herausforderung angesehen werden könnte. Der Trauerzug, der die Leichen der beiden in der Skupschtina ermordeten Abgeordneten Paul Raditsch und Dr. BasaritscheK nach dem Palais der Bauernpattei brachte, stand unter Führung des Bürgermeisters Mayer. Aus den Dörfern der Umgebung waren massenweise Abgeordnete der Bauernschaft Zn wenigen Motten Die Verhandlungen über die Bildung der Großen Kou- lition sind am Freitag gescheitert, nachdem die Deutsche Volkspartei an fast allen ihren Forderungen festhielt. Abgeordneter Müller-Franken ist darauf an die Fraktion des Zentrums, der Demokraten und der B.V.P. wegen der Neubildung der Regierung auf der Grundlage der Weimarer Koalition herangetreten. * Der Pariser deutsche Botschafter von Hoesch hat Freitag vormittag dem französischen Außenminister einen Besuch abgestattet. * Der deutsche Außenhandel zeigt im Mai 1928 im reinen Warenverkehr einen Einfuhrüberschuß von 192 gegen 281 Millionen Reichsmark im Vormonat. * Bei den Agramer Straßenkunögebungen vom Donnerstag wurden vier Personen getötet und 30 verletzt. Der Zustand des Abgeordneten Stephan Raditsch gilt nach wie vor als ernst. * Bei einem Eisenbahnunglück tn Schweden wurden 2v Personen getötet und 28 schwer verletzt. * Freitagmorgen ist von Pisa ein zweiter Dornier-Wal zur Suche nach Nobile nach Kingsbay gestartet. Das Roland-Roeeo-Flugzeug, das den Verkehr zwischen Kopenhagen und Oslo versieht, liegt augenblicklich in Travemünde startbereit, um nach Kingsbay zu starten. .Samstag, den 23. Sinti 1928. Rr. 145. Jahrgang 1928. gekommen, die teils zu Pferde und in Nationaltracht dem Zuge folgten. Man schätzt die Menschenmenge auf über 100 000. Alle Geschäfte in der Stadt, die noch deutlich« Spuren der nächtlichen Kämpfe trägt, sind geschlossen. Bon den Häusern wehen Trauerfahnen und auch brennende Kandelaber sind mit schwarzem Krepp umhüllt. Am Bauernpalais defilieren unaufhörlich viele Menschen vorüber, doch kam es bis zur Mittagsstunde zu keinem neuen Zwischenfall. Vor dem Rücktritt der Velgrader Regierung Bndapest, 23 Juni. Nach Meldungen aus Belgrad wird der Rücktritt der Regierung am heutigen Samstag erwartet. Aller Wahrscheinlichkeit nach werde eine außerparlamentarische Persönlichkeit — voraussichtlich ein Militär — mit der Bildung des Konzentrationskabinetts betraut werden, das bereits am Sonntag den Eid ablegen dürfte. Warum Rheinlandbefetzung? London, 22. Iufliih'. Der allgemeine Rat des großen britischen .Völkerbundsverbandes, der unter allen politischen Parteien viel Tausende von Mitgliedern zählt, hält gegenwärtig in Matlock seine neunte Jahresversammlung. Bei dieser Gelegenheit macht sein Präsident der bekannte Pros. Gilbert Murry einige Bemerkungen über Deutschlands Stellung im Völkerbund, die uns angesichts der engen Beziehungen des Professors zu den leitenden Staatsmännern Großbritanniens beachtenswert erscheinen. Er sagte: Obwohl Deutschland einen Sitz im Rat des Völkerbundes auf gleichem Fuße mit anderen Mächten erhalten habe, könne seine Gleichberechtigung nicht als vollständig verwirklicht angesehen werden, da es durch Zwang entwaffnet und sein Gebiet noch durch fremde Truppen besetzt sei. Die Ansicht des Völkerbundsverbandes in dieser Sache sei wohl bekannt und er glaube ruhig sagen zu können, daß diese Ansicht von der britischen Regierung geteilt werde. Großbritannien setze die Besetzung nur aus internationalen Gründen fort und durchaus nicht, weil das eine Politik sei, welche es wünsche. Für Festsetzung der Dawesenbsumme, Paris, 22. Funi. Der radikalsozialistische Äußenpolitiker und Abgeordnete Jean Montigny beschäftigt sich in der „Information" mit der Frage einer Revision des Dawesplanes und bezeichnet es als nicht nur im Interesse Deutschlands, sondern auch der Alliierten gelegen, den Dawesplan durch die endgültige Festsetzung der Entschädigungssumme sicherzustellen. Dies sei auch die Vorbedingung für jede Verwertung der Eisenbahn- und Industrie obltgationm. Die endgültige Festsetzung der deutschen Schuld und der Uebergang der Kontrolle über die Eingänge des Dawesplanes von der Entschädigungskommission auf die deutsche Regierung werde ihre Unterbringung in der Oeffentlichheit ermöglichen. Diese Abänderung des Dawesplanes setze allerdings eine Einigung unter den Alliierten und damit eine neue internationale Konferenz voraus. Fraglich sei allein, wie man die Verbindung dieser europäischen Fmge mit der Frage der Schulden an die Vereinigten Staaten verquicken könne. Die Ausführungen sind um so bemerkenswerter, als Montigny in den nächsten Tagen in Berlin «intreffen wird, um Material für die Frage der Revision des Dawesplanes zu sammeln. Montigny gehört bekanntlich dem außerhalb der Kammer gebildeten Ausschuß an, der sich die Untersuchung der deutsch- französischen Fragen zum Ziel gesetzt hat und dem eine Anzahl von Abgeordneten der französischen Mittelparteien angehärt. Man- tigny gilt als Freund Caillaux'. Opels Rekordversuch bei Vurgwedel Hannover, 23. Juni. Den für öen heutigen Samstag nachmittag auf einer Strecke der nenerbauten Linie der Reichsbahn nach Celle vorgesehenen Rekordversuchen des Opelschcn Raketcnwagens lenkt sich das Interesse der wissenschaftlichen und technischen Welt in hohem Maße zu. Mit dem Sonderzuge, den die Reichsbahndirektion Hannover aus Anlaß der Versuche zur Verfügung gestellt hat, ohne selbst irgendwie an dem Unternehmen beteiligt zu sein, werden sich etwa 800 bis 1000 Personen an Ort und Stelle begeben, um Zeugen der Probefahrt zu sein. Für Opels Versuchsfahrten ist die Strecke von 23 Klm. beim Bahnhof Vurgwedel bis 30 Klm., also insgesamt 7 Klm. bestimmt. Diese Strecke wurde besonders für die Probefahrten hergerichtet. Von 23 Klm. ab wurde auf eine Entfernung von zwei Kilometern alle 250 Meter ein weißer Pfahl aufgestellt zur Kennzeichnung der Einschaltung von Kontakten und die weitere Strecke bis 30 Klm. wurde ans jedem Kilometer in Abständen von je 200 Metern mit Kilometerzeichen versehen. Von großer Wichtigkeit für die Fahrversuche ist das zuverlässige Funktionieren der Bremse des Raketen- Der Landbote * Sinsheimer Zeitung. _ wagens. Um Sie Bremswirkung zu sichern, wurSen auf den letzten drei Miometern der Strecke die Schienenköpfe leicht mit Sand bestreut, während die letzten 50 Meter vollkommen in Sand gelagert werden, so daß der Raketenwagen sich hier totlaufen muß, auch wenn die Bremse nicht in dem erwünschten Maße selbsttätig wirken sollte. Alls der Suche nach Amundsen Reue Nachrichten vo« Nobile. Oslo, 23. Juni. Wie aus Kingsbay gemeldet wird, hat die norwegische Regierung außer dem im Eismeer liegenden Jnspektionsschiff „Michael Saars" auch dem Kriegsschiff „Tordenskjold" den Befehl gegeben, sich an den Nachforschungen für Amundsen, von dem noch immer jede Nachricht fehlt, zu beteiligen. Das Kriegsschiff wird ein Wafferflug- zeug an Bord nehmen, das zwischen Norwegen und Spitzbergen Erkundungsflüge ansführen soll, während Riiser- Larsen und Lützow-Holm die Ostküste Sckitzbergeus absuchen sollen. Wie Amundsens Freund, Kapitän Wisting mitteilt, hat Amundsen nicht die Absicht gehabt, an der Ostküste Spitzbergens entlang zu fliegen, sondern wollte direkt auf Kingsbay lossteuern. Das französische Flugzeug mit Amundsen an Bord hat Proviant für vierzehn Tage geladen. Es war nach dem Urteil der Sachverständigen sehr gut im Stande und nicht überlastet. Trotzdem wird hervorgehoben, daß der Flugzeugtyp nicht als sehr seetauglich zu bezeichnen sei. Wie weiter gemeldet wird, ist nach dem schönen Wetter der letzten Tage wieder Kälte und Nebel eingetreten. Die „Citta di Milano" hat am Donnerstag erneut mit Nobile in Funkverbindung gestanden.. Nobile soll wichtige Mittet- lungen gegeben haben, die jedoch noch nicht veröffentlicht werden sollen. Aobile erbittet Abholukg durch Flugzeug Die Schwierigkeiten -er Hilfsmaßnahmen Rom, 23. Juni. Nach dem letzten amtlichen Bericht über die Hilfsmaßnahmen für Nobile sind die von Maddalena abgeworfenen Pakete nicht alle in die Hände der Nobilegruppe gelangt. So ist das Paket, das die für Nobile sehr notwendigen Akkumulatoren enthielt, verlorengegangen, weil der Fallschirm, mit dem es abgeworfen wurde, sich nicht öffnete. Demnach bestätigt sich also die gestrige Meldung nicht, wonach die Funkanlage Nobiles bereits mit dem neuen Akkumulator versehen sei. Nobile hat in weiteren Funksprüchen gebeten, ein mit Kufen ausgerüstetes Flugzeug zu entsenden, das in der Lage wäre, in der Nähe seines Standortes zu landen. Berlin, 23. Juni. Wie der Lokalanzeiger aus Kingsbay meldet, sind Nobiles Funksprüche jetzt wieder schwächer geworden. Am Donnerstag früh funkte er, daß er und seine Kameraden über den Empfang aller gewünschten Dinge gerührt seien, doch sei leider ein Teil der Sachen zerstört worden, weil sich einge Fallschirme nicht entfaltet hätten. Daher sei z. B. die Sendung neuer Akkumulatoren nötig. Er bat ferner darum, bald ein Flugzeug mit einer Vorrichtung für Landung auf dem Eise zu entsenden, damit er und seine Leute Mann für Mann abgeholt werden könnten, denn eiu Marsch nach dem Lande fei nicht möglich. Am Donnerstagabend funkte Nobile, daß man vor allen Dingen eine Schlittenexpedition nach den drei Mann entsenden müff», die sich schon so lange auf. dem Wege zum Norükap befänden und von denen man bis jetzt noch nichts gehört habe. Die Funkverbindung wurde dann plötzlich unterbrochen. Sin deutsches Wasserflugzeug nach KingSday startbereit Berlin, 23. Juni. Wie die Telegraphen-Union an zuständiger Stelle erfährt, hat die Deutsche Lufthansa im Einvernehmen mit dem Reichsverkehrsmtnisteriums das Ro- land-Roccco-Flugzeug, das die Verbindung zwischen Kopenhagen und Oslo herstellt, aus dem Verkehr zurückgezogen und bis zum Abruf durch den Kapitän der „Citta di Milano" startbereit gemacht. Das Flugzeug liegt z. Zt. in Travemünde und wird, falls es der Kapitän der „Citta di Milano" für notwendig erachtet, unter ausschließlich deutscher Führung nach Kingsbay starten. Ei« Dor«ier-Wal von Pifa »ach Kingsbay aufgestiege«. Rom, 23. Juni. Am Freitag morgen 6 Uhr ist in Pisa ein zweiter Dornier-Wal „Marina" mit den Fliegern Raoaz- zoni und Baldini, zwei Mechanikern und einem Funker an Bord nach Kingsbay gestartet. Me größte Aimienschleuse Europas Einweihung der Hindenbnrg-Schlenfe bei Anderten. Das große Werk des Mittellandkanals, der bei Bevergern am Dortmund-Ems-Kanal beginnt und das Wafferstraßen- netz des Rheines mit dem der Elbe und der Oder verbinde« soll — die gesamten Wasserstraßen werden etwa 350 Klm. Länge haben — ist um ein wichtiges Stück weitergebracht worden. In Anwesenheit des Reichspräsidenten wurde die Hindenbnrg-Schlense bei Anderten eingeweiht, die größte Binnenschleuse Europas, die in einer Viertelstunde einen Höhenunterschied vo« 18 Meter überwindet. 8M "» w nriiiu . Unsere Aufnahme zeigt die Schleusenkammer vor dem Füllen. In dem Dampfer „Breitenbach", der sich in der langen Schleusenkammer sehr klein ausntmmt, befindet sich der Reichspräsident. Die Füllung war in fünfzehn Minuten beendet, und der Dampfer konnte als erstes. Schiff in den neuen Kanalabschnitt hinausdampsen. Dr. Stresemann in Vühlerhöhe Baden-Baden, 23. 6. Reichsaußenminister Dr. Stresemann ist gestern zum Kuraufenthalt im Sanatorium Bühlerhühe eingetroffen. Der Reichsrat in Friedrichshofen Friedrichshofen. 23. Juni. Der Reichsrat, Mitglieder der Reichsregierung, sowie des Deutschen Auslands-Instituts, wewlch letzteres am Freitag und Samstag in Stuckgart zur Jahresversammlung zusammenkommt, werden, wie berichtet, am Sonntag der Stadt einen Besuch abstatten. Anlaß dazu gab die baldige Fertigstellung des L. Z. 127, zu dessen Besichtigung der Luftschiffbau Einladungen ergehen ließ. Unter den Teilnehmern befinden sich Staatspräsident Dr. Remmele, Reichsfinanzminister Dr. Köhler, auch Staatspräsident Dr. Bolz, Reichskanzler a. D. Dr. Luther, Staatsminister Korell, Staatssekretär Dr. Meißner, Ministerialdirektor Dr. Zechlin, Ministerialrat Knipser, Gesandtschaftsrat Siedler, Ministerialdirektor Bail, Ministerialrat Buhl, Ministerpräsident Deist. Staatsminister Dr. Zöppritz, Staatsminister Dr. Bülitz, Ministerialrat Dr. Rahner, Staatsminister Dr. Münzel, Reichsrat Dr. Stnhlmann, Dr. Peters, Gesandter von Prener, Reichsminister a. D. Dr. Gradnaucr. Die Besetzung der Ausschüffe Berlin, 23. Juni. Der Aeltestenrat des Reichstags fand am Freitag nach längerer Beratung einen komplizierten Verteilungsschlüflel für die Besetzung der Reichstagsausschüsse durch die verschiedenen Fraktionen, so daß nunmehr die Mehrheitsverhältniffe in öen einzelnen Ausschüffe« ungefähr denen im Reichstaasvlenum entlvrecken. Der Vor- ROMAN vo N J.SCHNEIDER-FOERSTL „Vater, die Sonne tut weh!" wehrte Lona, die Hand vor die Augen haltend. „Nein, mein Liebes, die tut wohl." Jedenfalls fft es fo esünder als in dem künstlichen Dämmer, das du dir da , h affst. Ich hielte es keine Stunde aus. Bei mir muß immer alles offen fein, auch bei Nacht." „Das hat dir Doktor Karsten eingeimpft," lachte sie nervös. „Sein zweites Wort ist „Natur!" Wenn es nach ihm ginge, würde er sicher fo alt wie Adam. Und denke dir nur, er behauptet, daß er in feinem ganzen Leben noch keinen Löffel Medizin geschluckt habe. Verrückt, so etwas! Und solch' ein Mensch ist Arzt?" Petersen lachte, daß ihm die Tränen über die Wangen liefen. „Lona, nun halt aber ein, sonst bringe ich dich nächstens, wenn Karsten kommt, um all deinen guten Ruf. Adieu, Liebling, und laß Luft, Licht und Sonne herein, dann wirst du fo alt wie Adam und brauchst in deinem Leben keinen Löffel Medizin zu schlucken!" — Und draußen war er! Von der Fabrik her dröhnten die Hämmer und surrten die Maschinen; auf der staubigen Dorfstraße lärmten ein paar Kinder in der Sonne. Verärgert schloß Lona die Fenster wieder und warf sich der Länge nach auf das Ruhebett Sudermann's Roman wieder zur Hand nehmend. Sie hatte ja soviel Zeit, soviel überflüsiige Zeit. Das Hauswesen lief auch ohne ihr Dazutun seinen Gang Sette, die Köchin, war schon fünfundzwanzig Jahre in der Familie und kam nur bei großen Diners und Einladungen, um zu fraaen. wie das gnädige Fräulein die Spersefolge wünsche. Sonst ging alles am Schnürchen unter ihrem Regrment. Behrens, der alte Diener, hatte den Kommerzienrat Peter- sen noch als wilden Jungen gekannt und galt mehr als Familienglied, denn als Dienstbote. Petersen reiste me ohne seine Begleitung. Er war mit in Amerika. England, m RnKlanb. in Aeanoten aeweken und war immer gleich bescheiden und einfach geblieben. Sette und Behrens waren die Grundpfeiler des kommerzienrätlichen Haushaltes, seit die Mutter Lona's einem schweren Nierenleiden erlag. Damals war Behrens in die Schweiz gereist um Lona heimzuholen. die dort in einer Pension untergebracht war. denn Petersen wich nicht vom Krankenbette seiner Frau. Lona, die damals sechzehnjährige, wollte es nicht glauben, daß ihre heißgeliebte, schöne Mutter dem Tode geweiht sei. Als dann eines Tages das Fürchterliche doch eintraf, klammerten sich Vater und Tochter aneinander im ersten, heißen Schmerz. Petersen hatte keinen anderen Trost als fein Kind, und Lona hinwiederum suchte im Vater Ersatz für die Tote. Ein volles Jahr waren die beiden auf Reifen gegangen. Behrens immer mit, bis eines Tags der alte Diener sich den Mut nahm und bat: .Herr Kommerzienrat, wir müsien heim. Das gnädige Fräulein kommt ganz herunter von dem Zigeunerleben, wie wir es führen. Immer wo anders! Jeden Tag! Heute in dem Bett, morgen in einem anderen! Nirgends ein Bleiben! Petersen hatte ihn stumm angesehen und genickt: „Bist eine treue Seele, Vehrens! Meinst es gut! — Meinst es gut! — Ich weiß schon. Das „Du" hatte er noch aus der Jugendzeit beibehalten. Am Abend hatte er ihm gewinkt. „Pack die Koffer. Alter, morgen geht's heim." Behrens fand kein Wort, vergebens suchte er die Tränen zu verbergen, die ihm über die Wangen rollten: „Laß nur gut fein. Alter! Ich weiß schon!" sagte Petersen und wischte sich rasch mit dem Handrücken über die Augen. Und merkwürdig, so sehr Petersen gefürchtet hatte, in das seines Weibes beraubte Heim zu kommen, es ging, leichter, als ergedacht hatte. Lona ließ ihn die Lücke weniger empfinden. Manchmal kamen ihm wohl Bedenken. Sollte er ihr jemand zur Seite geben? Eine Hausdame, eine Gesellschafterin? Aber er verwarf den Gedanken immer wieder. Er wollte sein Kind allein für sich haben. Lona aber wurde eine verwöhnte Tochter, der kein Wunsch versagt blieb, der keine Stimme Einhalt tat und mahnte: „Das darfft du — und das darfst du nicht!" * * St. Wylten lag im Maiensvnnenschein. Wie ein eben aus dem Nest geschlüpfter Vogel duckte es sich in das Grün seiner Obstbäume, die in reichstem Blütenschmuck standen Die sauber gehaltenen Höfe mit ihren braun gestrichenen Holzaltanen lugten vorwitzig auf die Twrfstratze, die lcynuraeraoe die Häuserzeile entlang lief. Den Schluß bildete nach Westen hin die altersgraue Kirche mit ihrem Spitzturm. Eine Türe führte von dem kleinen Gottesacker hinüber zum Pfarrhof mit seiner spiegelnden Fensterreihe im Erdgeschoß und den blendend weißen Leinenvorhängen, die ein leiser Wind blähte. Auf der anderen Seite der Straße, dem Pfarrhof fast gegenüber stand das Doktorhaus. Breit und behäbig. „Dr. Karsten" stand auf dem stets blanken Messingschild. das am Eingänge angebracht war. Als Karsten hier seine Praxis eröffnete, wollte er fast verzweifeln: er konnte trotz aller Bemühung keine paffende Wohnung finden. Da hatte ihm Pfarrer Schmitt auf den Hof aufmerksam gemacht, her eben verkäuflich war. „Was mache ich mit einem Bauernhaus?" hatte der junge Arzt geklagt. Aber er hatte es dann doch gekauft. Und nun nach sechs Jahren sah niemand mehr dem Hause seine frühere Bestimmung an. Die hölzernen Nebengebäude waren gefallen; das gab dem sich daranschließenden Obstgarten willkommene Vergrößrung. Mit seinem braungebeizten Balkenwerk und den suy daran hinaufschlingenden Clematis und Asten und weißen Crymson- ramhlern, machte es ganz den Eindruck ' cu °°k, n Landhauses. Das Innere glich einem Schatzkästchen. Die ganze Einrichtung paßte sich dem Stil des Hauses an. Karsten hatte keine Ausgabe gescheut, sich ein behagliches Heim zu schaffen. Die alte Lene, die ihm ichao den Kinderbrei gekocht hatte, führte den Haushalt und bemutterte und umsorgte ihn. wie eine Henne ihre Kucken. Karstens und des Pfarrers Studierstube lagen beide der Straßenseite zu. Wenn Pfarrer Schmitt noch spat Abends Licht hatte, drohte ihm der Doktor am Morgen über den Zaun: „Gestern war's wieder elf Uhr! — Sie müsien früher zu Bett. Herr Pfarrer." c ... „D, was had' ich angefangen, daß ich mir solch' eine Nachbarschaft auf den Hals gehetzt Hab'." klagte der Greis zerknirscht. „Ich muß mir Läden machen lassen oder mein Stu- dierzimmer verlegen, sonst krieg ich keine Ruh' mehr! Dabei lachte er über das ganze Gesicht. „Das würde nichts nützen," warf Karsten ein. „Der Herr Kooperator leistet mir gerne Spionagedienste." Der Ludwigs? — Aber wart, mit dem werd' ich ein Wörtl reden." schall Schmitt. _ . Der SaabboU * Eiwshekaer *3ei taug. Samstag, den 23. Juni 1928. N r. 145. Jahrgang 1928. _ _ «tz in den wichtigsten Ausschüssen fällt der Sozialdemokratie als der stärksten Fraktion zu. Es sin- dies der Auswärtige, der Haushalts-, der Ueberwachungs- und der Wirtschafts- politische Ausschuß. Ferner beschloß der Aeltestenrat, daß die Splitterparteien auch künftig bei großen Debatten nur in der zweiten Rednerreihe bas Wort erhalten und daß ihre gemeinsame Redezeit dann dieselbe ist wie die einer Fraktion. Der deutsche Außenhandel im Mai Berlin, 23. Juni. Der deutsche Außenhandel zeigt im Mai 1928 im reinen Warenverkehr einen Einfuhrüberschuß von 192 Millionen RM. gegen 251 Millionen RM. im Vormonat. Die Einfuhr betrug (in Tausend Reichsmark) im Mai im reinen Warenverkehr 1086 922. in Gold und Silber 6814 — zusammen 1092 836, im April im reinen Warenverkehr 1174 702, in Gold und Silber 127 584 — zusammen: 1302 256, im Januar bis Mai im reinen Warenverkehr 6 094 160, in Gold und Silber 208 639. zusammen 6302 799. Die Ausfuhr (ohne Reparationssachlteferungens im Mai betrug tin Tausend Reichsmark nach Gegenwartswerten) im Mai im reinen Warenverkehr 894 507. in Gold und Silber 1822, zusammen 896 329, im April im reinen Warenverkehr 923 999, in Gold und Silber 2057, zusammen 926 056, im Januar bis Mai im reinen Warenverkehr 4 644 240. in Gold und Silber 10 543. zusammen 4654 783. Gründling einer Walcher-Rachenan- GeseWaft Am 8. Todestage Walther Ratheuaus. Am Sonntag, den 24. Juni, dem 6. Todestage Walther Rathenaus, wird in seinem Hause in der Königsallee im Gruncwald, die Gründung einer Walther-Rathenau-Gesell- schaft vorgenommen werden. Der Gedanke dieser Gründung geht aus von dem Stiftungsvorstand, insbesondere von Mi- nisterialötrek. Brecht und dem Reichskunstwart Dr. Redslob. Die Walther-Rathenau-Gesellschaft soll den Freunden Walther Rathenaus und denen, die an seinem Leben oder seinen Werken Anteil nehmen, Gelegenheit geben, in eine engere Verbindung mit der Walther Rathenau-Stiftung zu treten. Die Gesellschaft soll im Sinne Walther Rathenaus für die Beachtung der kulturellen und ethischen Forderungen bei den wirtschaftlichen, technischen und politischen Aufgaben des Staates und des einzelnen wirken und das Vermächtnis der Watlher Rathenau-Stiftung lebendig erhalten. Es ist u. a. geplant, Vortragsabende zu veranstalten. Aus dem großen Freundeskreis Walther Rathenaus ist bereits eine größere Anzahl von Eintrittserklärungen, darunter auch von zahlreichen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, etngegangen. Badischer Landtag Die große Anssprache über de« Kultus- und Unterrichts- Etat. Karlsruhe. 23. Juni. Freitag vormittag 9 Uhr wurde sofort in die allgemeine Aussprache übe^ den Voranschlag des Kultus- und Unterrichtsministeriums, mit Ausnahme der Titel: Kultus und Wissenschaft und Künste, die getrennt gehandelt werden, eingetreten. Zentrumsabgeordneter Tr. Schofer, der erste Redner, leitete seine Ausführungen mit der Frage ein, ob ein Jurist das Prinzip der alten Aera, oder ein Schulmann den Ministerseffel im Kultus und Unterricht einnehmen soll. Nach seiner Meinung sollte es ein Philosoph sein, ein wirklicher Philosoph und Staatsmann, der in Weltanschauungsfragen sich auskennt. Seit 1918 ist es bester geworden. Trotz den furchtbaren Zeitverhältniffen sei im geistigen Aufbau viel Gutes und Ersprießliches geleistet worden: daran habe der jetzige Kultusminster bedeutenden Anteil An der Gründung der Universitäten habe die Kirche großen Anteil, nicht nur juristisch, sondern auch finanziell. Der heutige Staat möge den gleichen Geist, die gleiche Freiheit auch in seinen parlamentarischen Körperschaften walten lasten, wie dies der damaligen Ideenwelt eigen war. Dem heutigen Minister könne das Vertrauen ausgesprochen werden, daß er dieser Seite vollauf gerecht wird. Das Reich müßte, da Baden Grenzland geworden sei, für die drei badischen Hochschulen tntereffiert werben, doch dürfe dieses Jntereffe nur über die badische Regierung gehen. Würden wir den Einheitsstaat bekommen, so müßte mit der Gefahr gerechnet werden, daß Heidelberg, Freiburg und Karlsruhe zu Provinzuniversitäten niederster Stufe herabsinken. Das Zentrum verlange von den Professoren der Universität, daß sie Träger des Lulturgeöankens, des deutschen nationalen Kultnrgedan- kcns sind. Die zahlreichen Wünsche nach baulichen Veränderungen an den Universitäten müsse man den wirtschaftlichen Verhältniffen t !passen. Der Besuch von' rund 30000 Schülern an den höheren Schulen gebe Veranlassung, die sorgenvolle Frage auszuwerfen. wo diese jungen Menschen später untergebracht werden sollen. Es sei notwendig, daß nur das Oualitätsprinzip ausschlaggebend sein dürfe, ohne Rücksicht der Person und des Standes des Vaters. Ein großes Uebel sei heute die Zerstreutheit der Schüler und Schülerinnen, die aus die Sportsmanie und die Vergnügungssucht zurückzuführen sei. Dem müßte entgegengetreten werden. Richtig sei, daß diese Dinge im Zeitgeist ihre Ursache haben, aber die Volksvertretung müffe dafür -sorgen, daß dieser Zeitgeist uns nicht in das Unglück bringt. Der Minister, der wahrscheinlich noch Minister sein werde, wenn er. der Redner, längst auf dem Friedhof liege, möge die Humaniors nicht weiter verkümmern lasten. Das humanistische Gymnasium müsse wieder seine alten Rechte erhalten. Aber auch der Wert der anderen Schulen müfle anerkannt werden. Wir brauchen Techniker, um wieder vorwärts zu kommen in der Welt. Der Unterrichtsminister möge wie sein Vorgänger, Univer- sttätsprofeffor Dr. Hellpach, den Religionsunterricht in der Fortbildungsschule wie in den Fachschulen schützen. Von den Lehrerbildungsanstalten erwarte man. daß sie Lehrerpersönlichkeiten hervorbringen. Die heutige Fortbildungsschule werde vomVolke als eine Wohltat empfunden. Für die Volksschule sei die Methode die beste, die zum Ziele führe. Ter sozialdemokratische Abgeordnete Haebler betonte das Jntereffe der Arbeiterschaft an der Unterstützung der Wissenschaften durch den Staat und der deutschnationale Abge- "^dnete D. Mayer-Karlsruhe trat für die Freiheit der Wis- schaften «in, die aber nicht zur Lehrwillkür werden dürfte. Besondes eingehend wurde von sämtlichen Rednern des Vormittags die Ueberfüllung der Höheren Lehranstalten und deren Ursache behandelt. Verlangt wurde eine Neuregelung des Ausleseverfahrens. Abg. Dr. Schäfer betonte, es müffe das Oualitätsprinzip ausschlaaaebend sein ohne Rücksicht auf die Person und Stand des Vaters. Bon Zentrums- und deutschnationaler Seite wurde besonders die Pflege der humanistischen Bildung verlangt. Der sozialdemokratische Redner sprach sich gegen die konfessionellen Lehrerbildungsanstalten aus und verlangte als Voraussetzung für den Lehrerberuf Abitur und höheres Studium. Zu großer Unruhe kam es im Hause, als der volksparteiliche Sprecher, der Abg. Obkircher, schwere Anklagen gegen deu Unterrichtsminister vorbrachte. Er bezeichnet« es als eine Verfafsungsverletzung, daß der Unterrichtsminister, ohne vom Landtag die Mittel dafür genehmigt erhalten zu haben, die beiden Lehrerbildungsanstalten in Heidelberg und Freiburg eröffn« habe. Dafür gehöre der Minister in den Anklagezustanö vor den Staatsgerichtshof versetzt, wofür die juristischen und staatsrechtlichen Voraussetzungen gegeben seien. Weiter erhob der Redner die Behauptung, daß die badischen Minister vollkommen vom Zentrum abhängig seien. Diese letztere Bemerkung führte zu lebhaften Zwischenrufen bei den Koalitionsparteien, wie überhaupt die gegen den Minister erhobenen schweren Vorwürfe von lebhafter Unruhe bei den eben genannten Parteien begleitet waren. Außerdem zog sich der Redner eine Rüge des Präsidenten zu. Nachdem der volksparteiliche Redner zu den verschiedenen Fragen Stellung genommen hatte, wobei er betonte, daß Baden finanziell wohl nicht alle drei Universitäten tragen könne, so daß Heidelberg unbedingt eine Reichsuniversität werden müßte, antwortete Minister Leers trotz der vorgerückten Mittagsstunde sofort auf die volksparteilichen Anklagen. Er sei erstaunt, so führte er aus, über die Dinge, die der Abg. Obkircher vorgetragen habe. Die Anklagen seien so übertrieben, daß ein ruhiger Beobachter der Dinge sofort stutzen müsse. Sein Vorredner habe in seinen Ueber- treibungen gründlich daneben gehauen. Die Behauptung, daß die Macht des Zentrums sich auf die Minister auswirken würde, sei vollkommen falsch. Falsch sei auch, daß er Schrittmacher der konfessionellen Schule in Baden sei, denn auch schon früher hätten in Baden konfessionell gestaltete Anstalten bestanden, in denen Lehrer herangebildet wurden, ohne damit die Simultanschule in Gefahr zn bringen. Wenn der Minister keine 20 RM. mehr ausgeben dürfe, ohne daß der Landtag sie vorher genehmigt habe, so gehörten solche Fälle von Uebertretungen wohl vor den Rechnungshof, aber nicht vor de« Staatsgerichtshof. Mittags um 2 Uhr wurde die Sitzung aufgehoben und die Weiterberatung auf Dienstag vormittag 9 Uhr vertagt. Der Bau der Murgtalbahn beendet. — Der Schienen- zusammenschluß. Gernsbach, 23. Juni. Am Donnerstagnachmittag 4 Uhr erfolgte der Zusammenschluß der Schiencngleise der beiden Baustrecken Klostereichenbach—Schönmünzach und Ranmünz- ach—Kirschbaumwasen. Kurz darauf fuhr die erste Lokomotive von Klosterreichenbach her die ganze Neubaustrecke. Nach ihr fuhr der erste Materialzug über die ganze Strecke. Aus Rah und Fern. * Sinsheim, 23. Juni. (Radfahrerverein). Am nächsten Sonntag, den 1. Juli, unternimmt der hiesige Radfahrerverein eine Tagesfahrt nach der schönen Stadt Weinheim. An diesem Tag findet dort ein Artilleriefest statt, verbunden mit einem großen historischen Festzug, der den Werdegang der Artillerie darstellt. So haben die Teilnehmer Gelegenheit diesen Festzug zu sehen, «berauch der Bergstraße entlang und in Weinheim selbst gibt es so viele Sehenswürdigkeiten, fodaß diese Fahrt eine recht interessante zu werden verspricht. Näheres über Sammelpunkt und Abfahrtszeit wird noch öffentlich bekanntgegeben. * Sinshettn, 23. Funi. (Abgabe der Vermögenssteuer- und Gewerbefteuererklärungen 1928.) Die Handelskammer für den Kreis Mannheim teilt uns folgendes mit: Nach den vor einigen Tagen ergangenen Bekanntmachungen sind die Steuererklärungen für die Veranlagung zur Reichsvermögenssteuer 1928 und zur badischen Gewerbesteuer 1928 in der Zeit vom 15. bis 30. Juni 1928 abzugeben. Da die Vordrucke dazu jetzt erst erhältlich find, ist die noch bis zum Ende dieses Monats den Steuerpflichtigen zur Verfügung stehende Zeit völlig ungenügend. Die Handels- kammer Mannheim ist aus diesem Grunde bei dem Herrn Präsidenten des Landesfinanzamts in Karlsruhe vorstellig geworden und hat an ihn die dringende Bitte gerichtet, zur Abgabe dieser Steuererklärungen eine Verlängerung der Frist um 14 Tage eintreten zu lassen. * Sinshetm, 23. Juni. (Pässe kosten nur noch drei Mark.) Auf Grund von Verhandlungen zwischen der Reichsregierung und den Länderregierungen werden die Gebühren für die Ausstellung von Pässen von fünf auf drei Mark ermäßigt. Diese Gebühr gilt sowohl für Einzelpässe, wie auch für Familienpässe. Die Geltungsdauer der Pässe beträgt regelmäßig fünf Fahre. Die neue Regelung tritt bereits am 1. Juli in Kraft. % Dührrn, 22. Juni. (Militäroerein.) Am morgigen Sonntag, den 24. Funi, feiert der Militärverein Dühren sein 50 jähriges Jubiläum, zu welchem zahlreiche auswärtige Vereine ihre Teilnahme angemeldet haben. Aus diesem Grunde wird auch das Kriegerdenkmal für die Gefallenen durch, die Gemeinde renoviert. ; Zuzenhauseu, 22. Funi. (Bürgermeisterwahl.) Die am Sonntag hier ftattgefundene Bürgermeisterwahl verlief ergebnislos. Bon den drei aufgestellten Kandidaten erhielten Georg Braus, Landwirt, 147. Georg Lichtner, Kaufmann, 127, und Foh. Martin Kirsch, Landwirt, 88 Stimmen. Man darf auf den zweiten Wahlgang gespannt sein. * Mauer, 22. Juni. (Das silberne Priefterjubiläum) des hiesigen kath. Geistlichen, Pfarrer Kuhn, wird nach Rückkunft desselben aus St. Peter am Sonntag, den 8. Juli, hier feierlich begangen. Die Festpredigt hält der von hier stammend« in Mühlhausen amtierende Pfarrer Sommer. Am 15. 3uli findet die Feier in Meckesheim statt, dabei wird die Feftpredigt von Pfarrer Dr. Peterfen gehalten werden. * Bad Rappenau, 22. Juni. (Sommernachtfest.) Der hiesige Kur- und Verkehrsverein veranstaltet am kommenden Sonntag Abend in den Kuranlagen «in Sommernachtfest. Bei eintretender Dunkelheit findet eine Beleuchtung der Anlagen statt. Auch wird die Kur-Kapelle ihre Weisen ertönen lassen. Gutes Sommerwetter vorausgesetzt dürste den Besuchern ein genußreicher Abend beschieden sein. t Eppingen, 22. Funi. (Von der Gewerbeschule.) Laut Erlaß des Ministeriums des Kultus und Unterrichts vom 15. Funi 1928 wird der Gewerbelehrkandidat Joseph Steeger in gleicher Eigenschaft an die Gewerbeschule in Buchen versetzt. x Wiesloch, 22. Funi. (Die Bautätigkeit) in unserer Stadt ist zur Zeit außerordentlich rege. Bei einem Gang durch die Stadt zählt man nicht weniger als 30 Neubauten, die im Bau begriffen bezw. schon erstellt und bezogen sind. Man kann darnach mit 60 neuen Wohnungen rechnen, da die Häuser meist Doppelwoh- mmgen enthalten. Insbesondere bauen sich viele Wärter der Heil- und Pflegeanstalt, die bisher in Notwohnungen unter- gebracht waren, neue Häuser §nit Doppelwohnungen. t Mingolshetm, 22. Funi. (Schwefelbad.) Am kommenden Sonntag wird hier ein neues Kur- und Schwefelbadhaus eröffnet. Zweifellos wird diese Neuerung einen wetteren Fremdenzustrom nach unserm schönen Städtchen bringen. 1 , * Heidelberg, 22. Juni. (Unfall mit Todesfolge.) Am 21. Juni scheute in der Friedensstraße die vor das Fuhrwerk eines Landwirtes von Handschuhsheim gespannte Kuh und riß den Wagen um. auf welchem der Landwirt mit Frau und Tochter saß. Die Insassen wurden hinausgeschleudert. Die Ehefrau des Landwirts die sich in anderen Umständen befand, wurde in die Frauen- Klinik verbracht, wo sie während der Operation an den Folgen des Sturzes starb. Der Ehemann erlitt an beiden Armen stark blutende Fleischwunden und wurde von einem anwesenden Arzt und Sanitätern verbunden, während die 15 jährige Tochter mit dem Schrecken davon Kam. i Heidelberg, 22. Juni. (Johann Strauß kommt!) Während sich Wien zum Empfang der vielen Tausend Sänger aus allen Weltteilen, größtenteils aber aus deutschen Gauen, für das diesjährige große Sängerfest rüstet, macht Wiens populärster Orchesterdirigent aus der Strauß-Dynastie, Johann Strauß, mit dem Wiener Konzert-Orchester eine Art Gegenbesuch in Deutschland. Dieser Gegenbesuch in Gestalt einer von Triumphen begleiteten Konzertreise führt den beliebten 'Meister auf Einladung des Neuenheimer Musikhauses in Heidelberg auch zu uns. Die umfangreichen Vorarbeiten für das Gastspiel sind bereits im Gange, und so ist nicht daran zu zweifeln, daß Johann Strauß seine wackere Wiener Schar auch hier zu triumphalen Erfolgen führen wird. Das Konzert findet am Montag Abend im großen Saal der Stadthalle statt. x Sulzfeld, 22. Juni. (Die Masern), hier auch „rote Flek- ken" genannt, sind hier mit großer Heftigkeit aufgetreten und haben bereits ein Todesopfer gefordert. Es ist aber anzunehmen, daß der Höhepunkt der Epidemie bereits überschritten ist und nicht die gefährlichen Dimensionen von jener annehmen wird, die um die Jahrhundertwende hier ausbrach und zahlreiche Kinder sterben ließ. t Schwaigers, 22. Juni. (Brand.) Gestern nachmittag kurz nach 3 Uhr brach im alten Stadtteil in einem flinffamijienwohn- haus Feuer aus, das auch die angrenzende Scheune in kurzer Zeit in einen Schutthaufen verwandelte. Mächtig prasselten die Flammen, und anfangs sas es aus als ob ein ganzes Stadtviertel dem wütenden Element zum Opfer fallen sollte. Fieberhaft und mit größter Anstrengung arbeiteten Feuerwehr und Bürgerfchast, um dem Feuer Einhalt zu bieten. Es gelang, die Nebengebäude zu schützen und das Feuer auf seinen Herd zu beschränken. Ein Glück war es. daß der Westwind zur gegebenen Feit ganz schwach war, sonst wäre unser Städtchen sicher von einem noch größeren Brandunglück heimgesucht worden. x Hardheim (Buchen), 22. Juni. (Ein seltenes Glück) hatte dieser Tage der Landwirt Berberich Durch das Brüllen einer Kuh wurde er veranlaßt, in den Stall zu gehen und fand dort gesund und munter dastehend seine Kuh und neben ihr drei gesunde Kälblein, die ihre Köpfe ihm munter entgegenstreckten. x Hirschhorn, 22. Juni. (Ein Neunzigjähriger.) In dem nagelegenen Dorfe Falkengesäß begeht am kommenden Samstag der älteste Einwohner Johann Jakob Edelmann (überall bekannt unter dem Namen Streinschmied) seinen 90. Geburtag. I Obrigheim, (Baden), 22. Juni. (Kirchenraub.) Am vergangenen Montag nachmittag wurde in der hiesigen katholischen Kirche der Opferstock gewaltsam erbrochen und ausgeraubt. Glücklicherweise ist derselbe kurz vorher entleert worden, so daß dem Dieb nicht viel in die Hände gefallen sein kann. Bis jetzt ist es der Polizei noch! nicht gelungen, den Täter zu ermitteln. ** Offeuburg, 23. Juni. (Jugendlicher Ausreißer.) Ein 12 Jahre alter Junge, der seinen Eltern in Ammendingen davongelaufen war, wurde hier in der Hauptstraße ausgegriffen. ** Offeuburg, 23. Juni. (Endlich erwischt.) Die Händlerseheleute Arthur Bose, die am 16. August v. I. den Maurer Wilhelm Schneider in Hüfingen totgestochen haben, waren am 20. September v I. mit Hilfe eines alten Zuchthäuslers aus dem Untersuchungsgefängnis in Donaueschin- gen entwichen und seitdem spurlos verschwunden. Nun ist es gelungen, das saubere Paar, das sich unter falschem Namen herumtrieb, in Offenburg festzunehmen. Laugenwinkel. 22. Juni. (Geländet.) Die Leiche des bei einem Faltbootunglück auf dem Rhein ertrunkenen Sohnes der Familie W. Dreßler wurde bei Köln geländet und hierher gebracht. Die ganze Gemeinde und viele Freunde aus den Nachbarorten bewiesen durch ihre Teilnahme am Begräbnis der schwer getroffenen Familie, welche auf so tragische Weise ihr einziges Kind verlor, ihre Teilnahme. ** Bleichheim, bei Emmendtngen, 23. Juni. (Roher Autofahrer.) Ein in rasendem Tempo daherfahrendes Personenauto fuhr auf den mit Ochsen bespannten Wagen des 76- jährigeu Landwirts Karl Pfaff auf. Es kam zu einem Wortwechsel, wobei der Autolenker dem Pfaff mit einem harten Gegenstand auf den Kopf schlug, so daß er blutüberströmt zusammenbrach. ** Stuttgart, 23. Juni. (Während der Beerdigung vom Schlage getroffen.) Bei einer Beerdigung auf dem Pragfriedhof sprach namens eines Militärvereins Rechnungsrat Philip Schramm. Kaum hatte Schramm die letzten Worte gesprochen und den Kranz niedergelegt, da brach er am Grabe zusammen. Ein inzwischen herbeigerufcner Arzt konnte nur den Tod des Mannes feststellen. Karlsruher Schöffengericht. „Taxlanden" auf der Anklagebank. Karlsruhe. 23 Juni. Vorgestern wurde vor dem Großen Schöffengericht jener bekannte Vorfall behandelt, bei welchem sechs junge Burschen in Daxlanden tätlich gegen Polizeibeamte vorgingen und diese sowie die Polizeiwache mit Steinen warfen. Das erweiterte Schöffengericht kam zur Verurteilung sämtlicher Angeklagten und zwar erhielten sämtliche wegen fortgesetzter Ruhestörung und Widerstands gegen die Staatsgewalt je 10 Mark Geldstrafe, ferner Hermann Füg sechs Wochen, die durch die Untersuchungshaft als verbüßt gelten, Valentin Ganz drei Monate Gefängnis abzüglich sechs Wochen Untersuchungshaft, die Angeklagten Bertsche, Hermann Kistner und Koch je 50 Mark Geldstrafe, Wilhelm Füg 30 Mark Geldstrafe. Die wegen Ruhestörung ausgesprochenen Geldstrafen gelten durch die Untersuchungshaft als verbüßt. Von einem weiteren Falle wegen Widerstands und Aufruhrs wurden die Angeschulöigten, die die ausgesprochenen Strafen annahmen, freigesprochen. Der gegen Hermann Füg und Valentin Ganz bestehende Haftbefehl wurde aufgehoben. Ueberfall durch einen Uutersuchuugsgefangeueu. Mannheim, 23. Juni. Wegen mehrfacher Autodiebstähle war ein 21jähriger Krastwagenführer ans Käsertal festge- nommen worden und gestern nachmittag dem Richter vorgeführt. Der Festgenommene hatte in seiner Zelle unbemerkt einen schweren Eisenstollen von seiner Bettstelle mit Gewalt abgeriffen und zu sich gesteckt. Beim Rücktransport über den Gefängnishof schlug er plötzlich dem vorführenden Beamten derart den Eisenstollen aus den Kopf, daß dieser schwer verletzt und bewußtlos zusammenbrach. Der Gefangene konnte zunächst flüchtig geben, wurde aber dann durch die Nr. 145. Jahrgang 1928. Samstag, den 23. Zum 1928. Der Landbote * Tmsheimer Zeitung. sofort aufgenommene Verfolgung in das Bezirksgefängnis zurückgebracht. Ei« noch unbestätigtes Gerücht z«m Schwarzwaldmord. Müllheim. 23. Juni. Bon der Gendarmerie wurde der von Schwenningen stammende etwa 30 Jahre alte Paul Reible verhaftet und zwar u. a. wegen Betrügereien. Reible versuchte schon mehrere Male bei Neuenburg und Breisach über den Rhein zu entkommen, um vermutlich in die fran. zsische Fremdenlegion einzutreten. Reible wurde nach Freiburg überführt. Ob das Gerücht zutrifft, daß er mit dem Doppelmord in Verbindung steht, mutz die Untersuchung ergeben. Tie Ausstreuungen, daß er bereits ein Geständnis abgelegt hat, sollen vollkommen ans der Luft gegriffen sein. Wieder ein schwerer DerKehrsunfall. Bier Perletzte. Stutgart, 22. Juni. Freitag vormittag gegen 3412 Uhr ereignete sich in der unteren Königstraße, Ecke Thouretstraße, ein schwerer Verkehrsunfall. Ein Lastauto fuhr die Königstraße abwärts und kam — wie es heißt, um mit einem anderen Fahrzeug einen Zusammenstoß zu vermeiden — auf die linke Fahrbahn, geriet, immer noch in voller Fahrt, auf den Gehweg an der rechten Ecke, überfuhr dort drei von der Bahn kommende Damen von auswärts und stieß dann mit voller Wncht auf einen kleineren, in der Thouretstraße parkenden Personenkraftwagen auf. 2n dem Wagen, der ebenfalls von auswärts war, faß eine Dame und wartete auf ihren Mann, der in der Nähe Besorgungen machte. Auch diese Dame erlitt Verletzungen. Zwei der überfahrenen Damen sollen sehr schwere Verletzungen erlitten haben. Zwei sofort herbeigerufene Krankenwagen der städt. Feuerwehr brachten die Verletzten nach dem Katharinenhospital. Ueber die Schwere und Art ihrer Verletzungen gab auf Anfrage das Krankenhaus keine Auskunft. Eine der Damen soll, wie wir hören, an den Beinen besonders schwere Verletzungen erlitten haben. Eisenbahn-Katastrophe in Schweden Bisher 20 Tote. Stockholm, 23. 8tttv. jFunksprnch.j In Bolluäs jNordschrvedenj hat sich ei« schweres Eisenbahnunglück ereignet. Wie gemeldet wird, stieß der von Stockholm am Dou, «erstagabend nach Morrland abgegangene D-Z«g am Freitagmorgen mit einer Hilfslokomotive zusammen. Der Anprall war so stark, daß die drei erste« Wage« des D-Znges zertrümert wurden. Einer der Wagen geriet in Brand. Nach den letzten Feststellungen find 20 Personen getötet und 28 schwer verletzt worden. Man befürchtet, daß «och weitere Opfer unter de« Trümmern liege«. Selbstmord eines Beamte« der Marinewerft Wilhelmshaven Wilhelmshaven, 23. Juni. iFunkspruch.j Ein Beamter der Marinewerft hat zusammen mit seiner Frau Selbstmord verübt. In einem hinterlasienen Briefe teilt er mit, er könne es nicht verwinden, daß seine Untergebenen auf der Werft Unterschlagungen verübt hätten, für die er verantwortlich gemacht werden solle. Die Meuterei anf dem australische« Regiernngsdampfer unterdrückt. London, 23. Juni. Nach einem gestern nacht aufgefangenen Funkspruch von Bord des australischen Regierungsdampfers „Jervis Bay" ist der Kapitän nunmehr Herr der Situation geworden und hat die Meuterer hinter Schloß und Riegel gebracht. Er beabsichtigt, Montag in Colombo einzutreffen. Nenn Todesopfer eines Eisenbahnunglücks. London, 23. Juni. Nach Meldungen aus Guatemala-Stadt ist der Wagen eines Zuges der Western Railway Cie. entgleist und einen Abhang hinuntergestürzt. Der Wagen wurde vollständig zertrümmert. Neun Personen wurden getötet, drei wettere lebensgefährlich verletzt. Ein russischer Schnellzug entgleist. Kowno, 23. Juni. iFunkspruch.j Rach einer Meldung aus Moskau ist der Sebastopoler Schnellzug in der Nähe von Moskau enta leist. Dabei wurden vier Personen getötet und vierzehn zum Teil schwer verletzt. Vier Eisenbahnwagen wurden zertrümmert. Fünf Personen «ach dem Genuß von Pilzen gestorben. In Kaposzvar sind dort acht Personen nach dem Genuß von Pilzen unter Vergiftungserscheiuungen schwer erkrankt. Fünf Kranke sind bereits gestorben. Die üörigen drei schweben in Lebensgefahr. Die Untersuchung hat ergebe», daß die Pilze von Zigeunern verkauft worden sind. Bon der Förderschale zerquetscht. Kattowitz, 23. Juni. Im Bergwerk Halrna wollte ein 18jähriger Bergarbeiter zur Abkürzung des Weges die Schachtleiter hinausklettern. Hierbei wurde er von den herabfahrenden Förderschalen überholt und völlig zerquetscht. Eine fiebenköpsige Familie bei einem Brand ««gekommen. K a t t 0 w i tz, 23. Juni. Im Dorse Jinkowska im Kreise Petrikt« ist bei dem Braude eines Wohnhauses eine fiebenköpsige Familie «mgekommen. Nur der Familienvater konnte sich retten, wurde jedoch beim Anblick der verkohlte« Leiche« wahusinnig. Ueber eine Fuchsjagd mit der Feuerspritze wird uns berichtet: Die Fuchsplage im Schleswigschen ver- anlaßte die Feuerwehr in Stolk bei Jöstedt zu einem eigenartigen Manöver. Sie rückte mit einer Motorspritze vor einen großen Fuchsbau, um ihn unter Master zu setzen und die Füchse auszuheben. Vor den verschiedenen Ausgängen des weitläufigen Baues wurden Jäger aufgestellt, die drauflos schießen sollten, wenn sich einer der Plagegeister sehen lasten sollte: also entwischen konnten sie nicht. Ungeheure Waffermengen wurden in die Hauptröhre des Baues gepumpt und wirklich äugten auch einige alte Füchse aus den Nebenröhren, zogen sich aber blitzschnell wieder zurück, als sie sich von hunderten von Menschen umstellt sahen: die Jäger konnten nicht zu Schutz kommen. Die Motorspritze pumpte mit voller Kraft weiter und der Bau schluckte bereits über eine halbe Stunde lang 600 Liter Master in der Minute. Da sich noch einmal ein Fuchs sehen ließ, wie man glaubte, der letzte der Mohikaner, schoß der Waffer- strahl ohne Unterbrechung eine weitere halbe Stunde in den Bau, der bereits zu einem unterirdischen See geworden sein mußte. Als schließlich über 40 000 Liter Master verpumpt waren, waren alle Füchse tot — so nahm man wenigstens an, denn mit 40 000 Liter Master konnte man ja den ganzen Viehstand des Dorfes ersäufen. Warum aber kam nicht eine einzige Fuchsleiche zum Vorschein? Warum? Weil die schlauen Rotpelze schon lange nicht mehr im Bau waren, obwohl er wie eine Festung belagert wurde. Während Gefahr durch Master und Veil von außen drohte, hatten sich die Füchse, wie an den frischen Erbspuren festgestellt werden konnte, ausgerechnet dort, wo der Rina der Schützen offen war, einen „Notausgang" an dem äußersten Ende der Höhle ausgegraben und waren längst über alle Berge, als der lebte Trovfen verspritzt worden war. Die Weltfirma Opel, die den größten Betrieb Deutschlands im Fahrrad- und Autobau hat, hat eine seltsame Geschichte. Sie ist aus einer Nähmaschinenfabrik hervorgegangen. Der Stammvater des Hauses, Adam Opel, wurde im Mai 1837 in Rüffelsheim geboren, ging als junger Mensch von zwanzig Jahren ins Ausland und lernte dort die Nähmaschinenfabrikation kennen. 1862 kehrte er in seinen Heimatort zurück, um dort mit dem Bau solcher nützlichen Maschinen zu beginnen. Es kostete unsagbare Mühe und Arbeit und namenlose Ausdauer, mit Sen bescheidenen technischen Hilfsmitteln die erste Rüffelsheimer Nähmaschine fertig zu bringen. Aber sie wurde fertig, kam zu einem Rüffelsheimer Schneidermeister, wo sie zum allgemeinen Erstaunen treffliche Eignung erwies. Diese erste Rüffelsheimer Nähmaschine hat dann jenem biederen Schneider volle 40 Jahre treue Dienste geleistet, um heute als ein geheiligtes Denkmal im Heimatmuseum in Rüffelsheim wohlverdienten Ruhestand zu genießen. Es brauchte allerdings gute Weile bis man zu einer Herstellung kam, die bas Wort Fabrikation verdient. Fast ein halbes Jahr war nötig, um fünf Nähmaschinen zu bauen. Nichtsdestoweniger: Dieses Jahr 1862 der Heimkehr Adams aus dem Auslande und der Fertigstellung der ersten Nähmaschine war das Gründungsjahr der Opelwerke und zugleich der Beginn ihres gewaltigen Wachstums. In den nächsten Jahren ging es verblüssend schnell vorwärts. Adam fand in seinen Brüdern Wilhelm und Georg tüchtige wcuarveirer. Dazu Übernahm er die Vertretung einer französischen Nähmaschinenfabrik, die seine eigene Produktion ergänzte und die zur Errichtung einer wirklichen Fabrik notwendigen Mittel brachte. Diese stand sieben Jahre später in größerem Umfange — zweistöckige Werkräume usw. — fertig da. Der Verkaufserfolg blieb auch nicht aus: nach anfänglichem harten Ringen erwarben sich die Opel- Nähmaschinen Weltgeltung. Insgesamt haben genau eine Million Stück das Werk Rüstelsheim verlassen. Als nämlich der große Brand im Jahre 1911 die Werkstäten niederlegte. und man angesichts größerer Aufgaben die Fabrikation der Nähmaschinen einstellte, fehlten gerade zehn Stück an einer Million. Unter den Schuttmaffen grub man die für diese Zahl notwendigen Teile aus und stellte sie zu zehn Maschinen zusammen. Di« Momentphotographie als Detektiv. Auf eine originelle Weise wußte sich ein erfinderischer Zettuugsverkäufer zu Helsen, der seit langem die Wahrnehmung gemacht hatte, baß er einen „stillen Teilhaber" bei seiner Geschäftskaffe und einen ungebetenen Bezieher von Gratisexemplaren hatte, ohne daß es ihm gelungen wäre, den Uebeltäter dingfest zu machen. Zuletzt verfiel er auf die Idee, an seinem Zeitungsstand einen kleinen photographischen Apparat mit automatischer Auslösung an versteckter Stelle anzubringen, wie solche bei Tieraufnahmen in der Freiheit oft verwendet werden. Er verband die Auslösung mit seiner Kaffe und dem Stapel Zeitungen, von denen ihm am häufigsten Exemplare fehlten, und bald hatte er den gewünschten Erfolg zu verzeichnen. Der Appa- rat gab getreulich wieder, wie eine unberufene Hand den Griff in das Eigentum des Zeitungsverkäufers wagte, aber die Ueberraschung dabet war, daß diese Hand einem angeblich Einarmigen gehörte, auf den der Zeitungshändler aus eben diesem Grunde nicht den geringsten Verdacht gehabt hatte, der aber in Wahrheit seine gesunde Rechte unter einer Pelerine verborgen hatte. Marktberichte. Heidelberger Wochenmarkt vom 22. Juni. Kartoffeln 6—7, ausl. 13-25. Weißkraut 18-20, Wirsing 15-20, Blumenkohl 80—200, Rhabarber 10—12, Mangold 8—10, Spinat 15—30, Bohnen grüne inl. 130, ausl. 40, Erbsen 30, Kopffalat Stück 5—12, Schlangengurken 40—80, ausl. 10—15, Rettich St. 5—10, Radieschen Gebund 8—10, Tomaten 35—110, Spargel I. Wahl 75—85, II. 50—60, III. 35—4«. Karotten 8—10, Rüben rote Geb. 15-20, Kohlrabi 8-15, Zwiebeln 18-20, Pilze 80-90, Land- butter 170—180, Landeier 10—14, Tafeläplel ausl. 100, Kirschen 50- 60, Aprikosen ausl. 120, Pfirsiche ausl. 140, Johannisbeeren 40—60. Stachelbeeren 25—35, Erdbeeren 65—75, Erdbeeren kleine 155—160, Heidelbeeren 60—65, Himbeeren 80—90 Pfg. das Pfund. Schweinemarkt Eppingen vom 22. Juni. Der heutige Schweinemarkt war beschickt mit 234 Milchschweinen und 72 Läufern. Die Preise der ersten waren 30—46 Mk., der letzteren 55—103 Mk. per Paar. Evangelischer Gottesdienst. Evangelisches Ber einshaus. Sonntag, 24. 3unf 1928. 1. Sonntag nach Trinitatis. 1/210 Uhr: Hauptgottesdienst. Vikar Becher. i/ 2 ll Ahr: Christenlehre. „ „ 1 Ahr: Kindergottesdienst. „ „ Evangelisches Bereinshaus. Sonntag, 24. Juni, abends 81/4 Uhr Versammlung. Montag, 25. Juni, abends 81/2 Uhr Männer-Zünglingsoerein. Mittwoch, den 27. Juni, abends 81/2 Uhr Bibel- und Gebetstunde. Wetterbericht. Karlsruhe, 22. Juni. Restliche Randwirbel deS nordost- wärts abziehenden Tiefdruckgebietes brachten gestern noch starke wechselnde Bewölkung, nachmittags war es vielfach heiter. Erstmals seit 8 Tagen stiegen die Temperaturen in der Ebene wieder über 20 Grad ab. Der vom Ozean herangezogene Luftdruck entfernt sich weiter nordostwärts. Daher wird der inzwischen nach Mitteleuropa vorgeürun- gene hohe Druck weiterhin bestehen bleiben. Es steht jetzt Fortdauer der heiteren, trockenen Witterung mit zunehmender Erwärmung in Aussicht. Mililär-Berein Sinsheim. Die Mitglieder werden nochmals zu dem am Sonntag, den 24. Juni in Döhren stattfindenden Gaufeste eingeladen. Antreten 12 is Ahr beim Rathaus, von da gemeinsamer Abmarsch mit den Spielleuten. Der Dorstand. Gelegenheitskäufe 1 Opel 4 PS offener Viersitzer . . EM. 1900.— 1 Opel 5 PS offener Viersitzer . . 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Der Zustand der Regierungslosigkeit in Berlin, die Wehen vor dem Inslebentreten eines neuen Reichskabinetts führten dazu, daß der am vergangenen Montag dekanntgegebene Zwischenbericht -es Generalagenten für die Entschädigungszahlungen über die Zeitspanne vom 1. September 1927 bis 31. Mai 1928 in Deutschland nicht diejenige Beachtung fand, die er zu beanspruchen hat. Me deutsche Oeffentlichkeit war und ist durch die jetzt sich zeigende Auswirkung der Wahlen im Reich und in den Ländern in Anspruch genommen; der zwischen Tür und Angel stehende Reichsfinanzministcr hielt sich in dieser Lage wohl nicht mehr — oder noch nicht wieder — für zuständig, um auf Parker Gilberts Bericht zu antworten, und so hat das umfangreiche Schriftstück keineswegs das ihm 'zukommende deutsche Echo gefunden. Der Bericht verdient aber gerade aus Deutschland ein lautes und kritisches Echo! In mehr denn einer Beziehung ist den Ausführungen des Amerikaners von unserem Standpunkt aus betrachtet zwar nur zuzustimmen. So wenn er sagt, die Tendenzen übermäßigen Ausgabe- und Anleihegebarens in der öffentlichen Finanzwirtschaft bestünden noch fort; wenn er Kritik übt an den auf dem innerdeutschen Markt aufgenommcnen Anleihen der öf=- fentiichen Hand; wenn er darauf verweist, daß die Ausgaben des Reichshaushalts noch immer steigen und daß das Gleichgewicht des Reichshaushalts — und nicht nur dessen! — abhänge von einem Aufrechtcrhalten oder Erhöhen der Einnahmen. Wenn dann Parker Gilbert schließlich nun auch von sich aus die endgültige Festsetzung der Höhe von Deutschlands Verpflichtungen fordert, so wird ihm beipflichten selbst wer sich bewußt ist, daß der kühl abwägende Amerikaner nicht Deutschlands wegen seine Forderung erhebt, sondern als Mandatar seiner Auftraggeber, die er warnt, nicht eine Eier legende Henne zu schlachten oder verhungern zu lassen. Was vom deutschen Standpunkt aus auf das schärfste beanstandet werden muß an dem Zwischenbericht, ist die Rosigkeil, mit der unsere Lage geschildert wird! Die Feststellung, daß Deutschland seinen Verpflichtungen auch in den neun Monaten nachkam, entspricht den Tatsachen, die Behauptung aber, wir könnte» die Staudardzahlungen leisten, ist zumindest verfrüht! Deutschland war in der Lage, die vollen Daweslasten während der ersten Monate ihrer Wirtsamkeit zu tragen — damit ist noch keineswegs gesagt, daß es auf die Dauer diese ungeheuerlichen Summen zu leisten vermag, denn es ist klar, daß sich die Folgen der außerordentlichen Anspannung erst nach und nach, zeigen. Alles das, was der Bericht als für Deutschland günstig heroorhebt, sind doch nur Zeichen einer Scheinblüte, und wenn Parker Gilbert selbst die Anzeichen dafür erwähnt, daß die Konjunktur ihren Höhepunkt erreicht habe, dann wird mittelbar dadurch nur ausgedrückt, daß Deutschland auf die Dauer die Standardzahlungen eben nicht leisten kann! Auf weite Sicht betrachtet ist für die Möglichkeit oder die Unmöglichkeit des Zählens der Daweslasten ja auch.nicht der Reichshaushalt oder fein Gleichgewicht maßgebend, sondern die Zahlungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft. Der Zwischenbericht gibt zu, daß weitere Preissteigerungen den deutschen Erzeugnissen keine neuen Märkte erschließen können — es ist noch weiter zu gehen: Preiserhöhungen müßten dazu führen, daß uns bisherige Märkte verloren gehen. Und dem Generalagenten in Berlin mit all dem ihm zur Verfügung stehenden Material muß bekannt sein, daß die deutsche Wirtschaft zu einem großen Teile heute arbeitet nicht um zu verdienen, sondern um zu arbeiten und um öffentliche Lasten abzutragenj. Das ist kein gesunder Zustand, und deshalb hat Deutschland allen Anlaß, sich gegen die rosenrot gefärbten Brillengläser zu wenden, durch die seine wirtschaftliche Lage im Zwischenbericht des Agenten gesehen wird. Gerade wer an Deutschlands wirtschaftspolitischen Wiederaufstieg glaubt, und für die sichtbaren Anzeichen eines solchen Aufstieges Verständnis hat, darf unmöglich daran stillschweigend Vorbeigehen, daß uns ein Vorwärtskommen in der Form einer Echternacher Springprozession — zwei Schritte vor, einen zurück nichts hilft, uns vielmehr auf die -Dauer nur schadet. Uns und den vermeintlichen Nutznießern des Dawesplanes. Was wir brauchen, ist eine gesunde Entwicklung, die aber ist nur denkbar nicht allein durch eine endgültige Festsetzung unserer Entschüdigungsverpslich- tungen, sondern durch eine Endsumme, dir den tatsächlichen Verhältnissen Rechnung trägt und sich frei hält von der falschen Logik, ein Schuldner könne jede beliebig: Summe zahlen, wenn er eine erste Rate ordnungsgemäß entrichtete! Das Spiel um die neue Reichsregierung geht in Berlin weiter und noch ist völlig ungewiß, wie das Ergebnis fein wird. Eines steht fest: die kommende Regierung mag aussehen wie sie will, eine ihrer ersten Aufgaben wird sein, sich mit dem Berichte Parker Gilberts ernsthaft zu beschäftigen und diejenigen Schritte zu unternehmen, die erforderlich sind, um den Deutschland schädigenden Optimismus zu bekämpfen, zugleich aber die Forderung des Ame.i- kaners nachdrücklich zu unterstützen, die auf eine endgültige Regelung unserer Verpflichtungen abzielt! Das find Lebensnotwendigkeiten, und doch, ist leider anzunehmen, daß.statt ihrer einhelligen Berücksichtigung lediglich der selbstmörderische Kampf in der innenpolitischen Arena weitergehen wird! Ausspähung militärischer Geheimnisse wird mit Zuchthaus bestraft Aus Leipzig wird gemeldet: der 4. Strafsenat des Reichsgerichts verurteilte am Mittwoch nach zweitägiger Verhandlung den Journalisten Valentin Gabel von Kassel wegen Vergehens gegen den 8 7 Absatz 4 des Republikschutzgesetzes (Versuchte Ausspähung militärischer Gchetmniffej und wegen Bestechung zu einem Jahr fünf Monaten Zuchthaus und 150 Mark Geldstrafe. Gabel hat sich wie berichtet wurde, in Kassel bemüht, von Reichswehrsoldaten Nachrichten zu erhalten über die Verfügung der Reichswehr und der Vaterländischen Verbände, von den Mobilmachungsplänen det Reichswehr usw. Gabel wollte sich im Interesse der von ihm journalistisch bedienten kommunistischen Zeitung um diese Nachrichten bemüht haben; die erlangten Berichte sollten in dieser Presse veröffentlicht werden. In diesem Urteil hat der 4. Strafsenat zum Ausdruck gebracht, daß allein schon das Aushorchen von Soldaten über geheim- zuhaltenöe militärische Dinge strafbar ist, auch dann, wenn nicht die Absicht bestünde, die so erlangten Mitteilungen direkt einer fremden ausländischen Macht zu übermitteln. Schon die Möglichkeit, daß die Oeffentlichkeit von diesen geheimzuhaltenden Dingen hören könnte, genügt, den Tatbestand des versuchten Landesverrats zu erfüllen. Die Reichsanwaltschaft hat gegen den Angeklagten 2 Jahre 6 Monate Zuchthaus beantragt. Eröffnung der Kanalstretke Samwver-peine -Siidesheim, der SindenvurgWeuie Hannover, 21. Juni. Die Schleuse bei Anderten, das Srötzte europäische Kanalbauwerk, hat bei der gestrigen Einweihung durch den Reichspräsidenten den Namen „Hinden- öurgschleuse^ erhalten. Der Reichspräsident war bereits in ^r Nacht zum Mittwoch in Hannover eingetroffen. Um ^1v Uhr ^at er mit seiner Begleitung im Kraftwagen die Fahrt nach Hildesheim an. | Hannover, 21. Juni. Nach einem kurzen Besuch der Stadt Hildesheim, die Festschmuck angelegt hatte, begab sich der Reichspräsident mit seinem Gefolge im Auto zur Schleusenanlage in Änderten, um die neue Teilstrecke des Mittellandkanals zu eröffnen. Die Kanalbauten prangten im Fest- schmuß. In bereitliegenden Schiffen ging die Fahrt zum Vorhafen der Anderter Schleuse, wo in der geräumigen Halle die feierliche Eröffnung stattfand. Reichsoerkehrsminister Dr. Koch wies in seiner Eröffnungsrede einleitend daraus hin, daß mit der Eröffnung der neuen Teilstrecke 44 .Kilometer neuen Wasserweges in das deutsche Verkehrsnetz eingefügt werden und kam dann auf die Schwierigkeiten zu sprechen, die .sich dem Unternehmen in der Kriegs- und Nachkriegszeit entgegengestellt hatten. Nachdem am 1. 4, 1921 das Reich die Arbeiten übernommen hatte, sei in den Folgejahren das Werk trotz aller Hindernisse zu Ende geführt worden. Der Minister wies dann auf den Schleusenbau hin »nd erklärte, daß es der Bedeutung des Tages und dieses Bauwerkes entspreche, wenn ihm ein Name gegeben werde, der ein Symbol sei der unerschütterlichen Zuversicht und strengen Pflichterfüllung. Aus diesem Grunde bitte er den Reichspräsidenten um seine Zustimmung. daß die Schleuse bei Anderten den Namen Hinüenburgschleuse trage. Der Reichspräsident erwiderte mit kurzen Worten, in denen er seiner Freude über die Vollendung des Werkes Ausdruck gab, sein Einverständnis mit der Benennung der Schleuse aussprach und die Kanalstcckr für eröffnet erklärte. Nach den Ansprachen und einem kurzen Vortrag des örtlichen Bauleiters über die Einzelheiten des Baues begab sich der Reichspräsident wieder an Bord der „Breitenbach", die nun als erster Dampfer ins Oberwasser des eröffneten Kanals geschleust wurde. Rach der Besichtigung der ganzen Anlage bestiegen die Teilnehmer bereitstehende Sonderwagen und fuhren nach dem staöthannoverschen „Etablissemeut Tiergarten", wo ein Frühstück stattfand. Während des Essens nahmen Oberpräsident Noske und Professor Dr. Oesterlen als Vertreter des Rektors der Technischen Hochschule Hannover das Wort, um nochmals die große wirtschaftliche und technische Bedeutung der Anlagen zu würdigen. Um 15.15 Uhr wird der Reichspräsident mit seinem Gefolge vom Bahnhof Lehrte die Rückfahrt nach Berlin antreten. Kein Weinbaukongreß in diesem Lahre Der Vorstand des Deutschen Weinbau-Verbandes hat beschlossen, den diesjährigen Weinbaukongreß, der vom 1.—4. September in Trier stattfinden sollte, im Hinblick aus die sehr schlechten Ernteaussichten aussallen zu lassen. Winter- unb Frühjahrsfröste haben dem Weinbau tiefe Wunden geschlagen, das schlechte Blütewetter sowie Schädlinge und Krankheiten der Rebe fetzen das Zerstörungswerk fort. Die Folge wird eine erneute schwere Notlage des Winzerstandes sein. Angesichts dieser betrüblichen Sachlage hat der Weinbau-Verband geglaubt, aus die Abhaltung des diesjährigen Weinbaukongresses verzichten zu sollen. Wenn der Weinbau-Kongreß auch an und für sich eine ernste Tagung mit wichtigen Beratungen und belehrenden Vorträgen ist, so bringt es die Gastsreundschast der Städte jedoch mit sich, daß auch gesellige Veranstaltungen damit verbunden werden und dafür find die Verhältnisse im Weinbau nicht angetan. Es würden auch nur wenige Winzer das Geld ausbringen können für die Reise nach der Kongreßstaöt und den Aufenthalt daselbst. Der deutsche Weinbau ist leider so weit gekommen, daß er nicht einmal mehr die weithin bekannten Weinbaukongreffe regelmäßig abhalten kann. Der in diesem Jahre in Trier ausgefallene Kongreß soll im Jahre 1930 in Trier abgehalten werden. Im nächste« Jahre findet der Weinbaukongreß aus Grund eines früheren Beschlusses in Offenburg i. B. statt. Von den ersten deutschen Turnfesten Bon Bl. Müller. Seit Monaten regt es sich gewaltig in den deutschen Turnvereinen des In- und Auslandes. Mit erhöhtem Eifer wird geturnt, die schwersten Hebungen erprobt und eingeübt, die tüchtigsten Turner ganz besonders vorgenommen und öurch- gebildet. Gilt es doch, aus dem bevorstehenden 14. Deutsche« Turnfeste i« Kölu, das in der letzten Juliwoche dieses Jahres stattfinöet, in fröhlichem Zusammenturnen und im Einzelwetturnen in Ehren zu bestehen. Die Deutschen Turnfeste sind aus keinen Geringeren als auf den Turnvater Friedrich Ludwig Jahn selbst zurückzuführen. Von dem Gedanken: „Die Seele des Turnens ist das Volksleben, und dieses gedeiht nur in der Oeffentlichkeit, Luft und Licht" ausgehend, machte er von Anbeginn das Turnen auch zu einer öffentlichen Angelegenheit. Schon am 19. Oktober 1814 hielt er als Nachfeier der Schlacht bet Leipzig auf dem Turnplätze an der „Hasenhetöe" bei Berlin ein großes „S ck a u t u r n e n" ab. Alle Stände waren unter den Zuschauern vertreten; aus sechs benachbarten Städten waren Abgesandte zugegen. Der Kronprinz von Preußen (späterer König Friedrich Wilhelm IV.), alle Prinzen und Prinzessinnen des königlichen Hauses, sowie andere hervorragende Persönlichkeiten hatten sich auf dem Turnplätze eingefunden. Man schätzte die Zuschauermenge auf 10 000. Am 18 Oktober 1815 feierte Jahn das letzte Schauturnen in der Hasenheide; im folgenden Jahre saß er in Haft; der Turnplatz war geschlossen. Eine neue Zeit brach für das Turnen erst wieder au, nachdem durch die Kabinettsorüre König Friedrich Wilhelm IV. vom 6. Juni 1842 in Preußen der Bann von den Turnern genommen war. Ter eigentliche Aufschwung des Vereinsturnens aber ist mit dem „1 Allgemeinen deutschen Turnfeste" verknüpft, das durch Th»>dor G eo r g i t aus Eßlingen und Karl Kalten- b er g aus Stuttgart angeregt, von etwa 1000 Turnern vom 16. bis 19. Juni 1860 in K o b u r g gefeiert wurde Auf dem Koburger Turnfeste war mau zu der Erkenntnis gelangt, daß ein aktives Eingreifen der Turnerschast in den Gang der Politik nicht angehe und sie ihrer Hauptaufgabe entfremden müsse. Dafür galt es jetzt, dem Vaterlanöe aus Jünglingen Männer heranzuziehen, ebenso geübt in den Kräften des Leibes wie geschickt in der freien Gewöhnung an Ordnung und Haltung, die dem Vaterlande für alle Fälle tüchtige Helfer werden sollten. Das fünfzigste Jubelfest der Begründung des Turnens durch Jahn (1811) führte die Turner im Jahre 1861 nach Berlin (10. bis 12. August). Der Berichterstatter der „Nationalzeitung"' (Lothar Bücher, später Sekretär des Fürsten Bismarck) schreibt über dieses zweite Turnfest u. a.: Wir habe» in den Hauptstädten Europas viele Feste gesehen, nie ein ähnliches, nie haben wir von einem ähnlichen in den Zeitungen gehört oder gelesen, nie. wir schreiben die Worte mit Bedacht, nie ist ein solches Fest gefeiert worden, seit Griechenland unterging. Es war ein Fest der Humanität, ein Fest der Verbrüderung von mannigfach gearteten Stämmen, ein Fest, des deutschen Volkes, ein Fest, das in demselben Augenblicke rings um die Erde gefeiert ward, wo Deutsche beieinander wohnen." Seine besondere Weihe erhielt das Fest durch die feierliche Grundsteinlegung für ein Denkmal Jahns in der Hasenhetöe. Einen ungeahnten Aufschwung nahm von da an daS „V e r e i n s t u r n e n". Im Jahre 1860 verzeichnete die Statistik 224 Vereine, 1861: 506: 1862: 1279; 1884: 2655 Vereine mit 243 677 Mitgliedern. Im Jahre 1868 erfolgte eine stras- sere Organisation: Die Gründung der „Deutschen Turne r s ch a f t". Das 3. Allgemeine deutsche Turnfest aus Anlaß dep 50. Wiederkehr des Jahrestages der Völkerschlacht bei Leipzig versammelte die Turner vom 2. bis 5. August 1863 in L e i p- z i g. Es nahmen 20000 Turner an dem Feste teil; die allgemeinen Freiübungen wurden von 7000 Turnern ausgeführt. Auf diesem Turnfeste gingen die Wogen der Begeisterung am höchsten. In den folgenden Jahren, besonders im Kriegsjayre 1866, blieb der Rückschlag nicht aus. Das 4. deutsche Turnfest wurde 1872 vom 3. bis 6. August in Bonn abgehalten. Was Jahn und Arndt so heiß erstrebt und ersehnt, ein einiges deutsches Vaterland, das war jetzt erfüllt. Jahn war es in den zwanziger Jahren als Verbrechen angerecknet worden, daß er dte „höchst gefährliche Lehre von der Einheit Deutschlands ausgebracht habe". Das 5. Deutsche Turnfest am 25. bis 28. Juli 1880 wurde von der Stadt Frankfurt a M. übernommen und war von 10 000 Turnern besucht. Das 6. deutsche Turnfest wurde in den Tagen vom 19. bis 23. Juli 1885 in Dresden gefeiert. Es war ein Ehrenfest zweier hochverdienter Führer der Deutschen Turnerschaft, der Herren Rechtsanwalt Theodor G e o r g i i. Eßlingen, und Dr. med. Ferdinand G ö tz, Lindenau bei Leipzig (1860—85). Die folgenden sieben deutschen Turnfeste wurden abgehalten in München 1889, Breslau 1894, Hamburg 1898, Nürnberg 1903, F r a n k s u r t a. M. 1908, Leipzig 1913. Der Verlauf derselben dürfte noch in frischer Erinnerung sein. Das bevorstehende 14. Deutsche Turnfest wird die deutschen Turner aus allen Zonen der Erde zusammenführen zu einer Massenkundgebung für die deutsche Turnsache. Möge das Fest einen den Idealen der deutschen Turnerichaft entsprechenden Verlaus nehmen! Möge der Geist Jahns über diesem Feste walten, der seine letzte Schrift, die „Schwanenrede", geschrieben 1848, mit den Worten schließt: „Deutschlands Einheit war der Traum meines erwachenden Lebens, das Morgenrot meiner Jugend, der Sonnenschein der Manneskrast und jetzt der Abendstern, der mir zur ewigen Ruhe winkt." Das deutsche Turnen im Jahnschen Sinne hat nichts mit der sogenannten „Vereinsmeierei" zu tun! Es bedeutet Volksertüchtigung und Volkserziehung, Pflege der Heimatliebe und vaterländischen Gesinnung. Das Turnen ist darum eine nationale Angelegenheit und verdient! weitgehendste Förderung durch Staat und Gemeinde. Sommer-Anfang Im Kalender steht es, und die Meteorologe« sagen dazu ja. Es ist Sommer-Anfang, die Sonne hat in ihrer Jahres- bahn mit dem Wendekreis des Krebses ihre» nördlichsten Stand erreicht. Kalendermäßig müßte also strahlendes Sommerwetter sein, die wärmste Zeit des Jahres hat ja ihren Einzug gehalten. Es ist Sommersonnenwende, die Periode der längsten Tage und der kürzesten Nächte. Erfahrungsgemäß ist zwar der Juni und auch noch das letzte Drittel des Juni nicht der wärmste Sommermonat. Erst Jnli und August bringen lang anhaltende warme Perioden. Wir wollen es wenigstens hoffen. Weder der Verlauf des Frühlings noch das Beispiel der vergangenen Jahre geben uns berechtigten Grund, optimistisch zu sein. Der Frühling ist uns entschwunden, ohne daß wir diese schönste Jahreszeit irgendwie genießen konnten. Aprilwetter war nicht nur in diesem launigen Monat zu verzeichnen, sondern beherrschte den ganzen Frühling. Fast kein Tag verging, ohne daß der Himmel seine Schleusen öffnete, die Eisheiligen traten auch pünktlich ihre Herrschaft an und versäumten nicht, diese über Gebühr auszudehnen. Ein Trost war nur, daß die Pfmgst- tage, entgegen den pessimistischen Voraussagungen, schönes Wetter hatten, wenn auch nicht in allen Gauen Deutschlands. In Schlesien z. B. gingen während der Pfingstfeier- tage schwere, wolkenbrucharttge Gewitter nieder. Auch jetzt kann man es kaum wagen, ohne Mantel, besonders ohne Schirm, das Haus zu verlassen. Wenn auch die Sonne «nt Morgen noch so verlockend scheint, so enttäuscht der weitere Verlauf des Tages. Bleibt also nur die Hoffnung auf einen schönen Sommer. Astronomisch beginnt der Sommer auf der nördliche«! Halbkugel, wenn die Sonne ihre größte nördliche Deklination erreicht hat, und endet, wenn die Sonne auf ihrem Herabsteigen von Norden nach Süden den Aequator passiert, dauert also vom 21. Juni (längster Tag, Sommersonnenwende) bis zum 22. oder 23. September (Herbstanfang, Herbst-Tag- und Nachtgleichen). Meteorologisch bezeichnet man daher Juni, Juli und August als Sommermonate. Die größte Sommerwärme tritt etwa einen Monat nach dem längsten Tag, nämlich erst dann ein, wenn die Erwarmung durch die Sonnenstrahlen gleich der Abkühlung durch die Wärmeausstrahlung geworden ist. Daher ist auf der nördlichen Halbkugel in aller Regel der Juli der wärmste Monat. So sagen wenigstens die Meteorologen. Mögen sie Recht behalten. Wie wird das Sommerwetter werden? Das ist die Frage. Wer hat den Mut. auf so lange Sicht eine Prognose zu stellen? Die Wissenschaft hat noch nicht das Mittel gefunden, sichere Auskunft geben zu können. Ihre Erkenntnisse beschränken sich darauf, durch sorgfältiges Sammeln von statistischem Material Analogieschlüsse aus rorhergegangenen Zeitabschnitten zu machen. Tie Statistik ist überhaupt eine gute Lehrmeisterin, und ste kann uns viel lehren. So z. B^ daß regenreiche und sonnenarme Frühjahre nicht gar so selten sind, und daß der Frühling des Jahres 1923. was das schlechte Wetter anbetrifft, den des Jahres 1928 und des vergangenen Jahres bei weitem übertraf. Damals mußte man am Sommeranfang sogar noch Heizen. Aus der Vergangenheit müssen wir also Trost schöpfen und hoffen, daß die Zukunft uns entschädigen wird. Man sagt ja, daß ans Regen Sonnenschein folgt. Dieses Sprichwort ist nicht ohne tiefen Sinn: denn die Erfahrung lehrt, daß die Regenmenge eines Jahres konstant zu bleiben scheint. Hat es z. B. im Vorsommer viel geregnet, so wird ein trockener Herbst oder ein schöner Sommer den Ausgleich bringen. Wir wollen hoffen, daß sich dieser Ausgleich auch dieses Jahr einstellen wirb. Ein warmer, sonnenreicher Sommer ist uns wahrlick zu gönnen. Alle leckzen wir nach Sonne und immer wieder Sonne. Alle bauen mir Mantel und Regenschirm, und alle wollen wir hinaus ins Freie, Rr. 145. Jahrgang 1928. Mehr Milch! Die Gesamtmenge der in Deutschland erzeugten Mich beträgt bei Annahme eines durchschnittlichen Icchresertrages von 1800 Liter je Kuh rund 18 Milliarden Liter, deren Wert auf 3,6 Milliarden Mark veranschlagt wird. Trotzdem wertmäßig der Anteil der Milchproduktion an der gesamten landwirtschaftlichen Produktion von 19,5 in den Jahren 1911/13 auf 28,4 im Jahre 1925 gestiegen ist, bleibt der Milchverbrauch der deutschen Großstädte durchschnittlich weit hinter dem Verbrauch der Großstädte unserer Nachbarländer zurück, wie nachstehendes Schaubild beweist: Täglicher Milchverbrauch auf de» Kopf der Bevölkeruug in: Die größte Dexbrauchsmenge in Deutschland weist Ulm mit 0,43 Liter, die kleinste Frankfurt a. M. mit einem Verbrauch von nur 0,11 Ltr. auf den Kopf ihrer Bevölkerung auf. Angesichts des hohen Wertes der in der Frischmilch enthaltenen Ncchrungsstoffe (Fett, Eiweiß, Milchzucker und Nähr salze) find im Interesse unserer allgemeinen Volksgesundheit alle Bestrebungen zu begrüßen, die auf eine Mehrerzeugung und vor allem auf einen Mehrverbrauch unserer deutschen Milch Hinzielen. Neben den Selbsthilfemaßnahmen -er deutschen Landwirtschaft sind zur Förderung leistungsfähiger Molkereien jedoch unbedingt Reichsmittel notwendig. Verschiedenes' Eine neue Art „Sport" i« Amerika. Es scheint, als ob die Amerikaner allmählich anfangen, die Trockenlegung des Landes vom Alkohol auch auf die Liebe zu übertragen. Es ivimmelt zur Zeit in allen Gerichtsstuben der Vereinigten Staaten von Herren, die im allgemeinen ganz ehrenwerte Männer sind, die man aber in Anklagezustand versetzt hat, weil sie es wagten, eine Dame auf der Straße zu belästigen. Es ist eine Art Sport gewiffer junger Amerikanerinnen geworden, solche Männer D« Landtote * Smstzei»« Zeit«»». zur Strecke zu bringen. Sie gehen durch die belebtesten Straßen mit einer Miene, die unternehmungslustige Herren geradezu einlädt, eine kleine Anknüpfung zu wagen. Im Augenblick aber, wo sie sich ein Herz fassen und die junge Dame anreden wendet sich diese an den nächsten Schutzmann und läßt den verunglückten Casanova festnehmen. Es ist nicht zum wenigsten die Schuld der amerikanischen Richter. daß die Verfolgung solch harmloser Abenteuerliebhaker beginnt, sich zur Groteske auszuwachsen. Diese Richter pflegen nämlich das junge Mädchen, das einen solchen Mann zur Anzeige gebracht hat. zu beglückwünschen. So kommt es den Damen allmählich vor. als ob sie zur Reinigung der öffentlichen Atmosphäre ein Wesentliches beitrügen. Es soll schon einigen von ihnen geglückt sein, auf dieser originellen Jagd nach dem Manne täglich bis zu drei Stück Beute zu erlegen Die Männer werden mit hohen Geld- oder auch Haftstrafen belegt, die sofort abzubüßen sind. Eine originelle Flucht. Der wegen Betrugs zu vier Monaten Kerker verurteilte Handelsangestellte Vuzar aus Wien ist auf originelle Weise aus dem Gefänains in Leoben entsprungen. Er war mit dem Aufräumen des großen Schwurgerichtssaales beschäftigt, stahl bei dieser Gelegenheit aus dem Nebenzimmer die Robe eines Staatsanwaltes, zog sie an und spazierte in aller Gemütsruhe beim Tor des Kreisgerichts hinaus. Der Torwart grüßte sogar und ließ den „Herrn Staatsanwalt" anstandslos paffieren. Als einige Zeit später die Flucht des Sträflings entdeckt wurde, war er bereits über alle Berge. Einem großartige« Schwindler fiel ein Garderobegeschäft in der Altstadt von Düsseldorf zum Opse. Der Käufer eines Anzugs von 110 Mark bezahlte mit einem Scheck über 310 Mark, der aus eine Len- neper Bank lautete. Es wurde vereinbart, daß vorher bei der Bank telephonisch Erkundigungen eingezo^en werden sollten. Der Käufer fand Gelegenheit, vom Dachgeschoß des Hauses aus sich in die Telephonleituug ciili,»chatten und den Ladenbesitzer über die Echtheit des Schecks zu beruhigen. Nach kurzer Zeit begab er sich wieder in den Laden, erhielt seinen Anzug und noch 200 Mark und wurde mit einem „Auf Wiedersehen!" verabschiedet. Als am nächsten Tage der Scheck bei der Bank eingelöst werden sollte, stellte sich heraus, daß jegliche Deckung fehlte. „Herr Ochs! — Frau Kuh!" Es ist dreißig Jahre her. In Berlin fand zu Ehren Ibsens ein großes Bankett statt, zu dem auch der Begründer hes Philharmonischen Chors, der damals 39j8hrtge Siegfried Ochs, der am 19. April das 70. Lebensjahr vollendete, eingeladen war, und ebenso die mit dem bekannten Prager Schriftsteller und Biographen Anton Kuh verehelichte Schauspielerin Lotte Lehmann. Die beiden Künstler kannten sich noch nicht. Als sie nun einander vorgestellt werden mutzten, brach stürmisches Gelächter aus. Denn die Vorstellung mußte ja lauten: „Herr Ochs! — Frau Kuh!" Es wird behauptet, Ochs habe sich am allermeisten darüber gefreut. Die „Schönheitskönigin" von Florida strengte vor kurzer Zeit einen Beleibigungsprozeß gegen eine Zeitung von Jacksonville an. weil diese behauptet hatte, daß sie häßlich sei. Der Redakteur teilte die Ansicht vieler Männer, nicht nur in Amerika, die oft bei dem Betrachten der Bilder der Schönheits-Königinnen nicht misten. wieso diese Frauen zu ihrem Ehrentitel gekommen sind und sich im Stillen sagen, daß sie eher den Titel Häßlichkeits-Köni- J " Samstag, den 23. Juni 1928. ginnen verdienen. Der Redakteur hatte aber den Mut. es nicht nur leise vor sich hin zu murmeln, sondern aufzuschreiben und in seiner Zeitung abdrucken zu lasten, so daß insgesamt zwei Jahren Gefängnisverurteilt, von denen ein Monat durch die Untersuchungshaft alsverbüßt erachtet wird. Die Kosten des Verfahrens trägt der Angeklagte. Der Protest gegen die Tabakspfeife. Jn Paris hat neulich eine Frauenversammlung getagt, die ein Thema ganz besonderer Art behandelte, und in der es äußerst lebhaft zuging. Die Mehrzahl der Teilnehmerinnen waren nämlich verheiratete Frauen, und der Zweck der Veranstaltung war eine Protestaktion gegen die allzu große Rauchlust der Männer im allgemeinen und gegen das Ueberhandnehmen der kurzen Tabakspfeife im besonderen. Letzteres führten die verschiedenen Rednerinnen aus zweierlei Ursachen zurück. Einmal ist durch das iranzösische Tabakmonopol und die allgemein mißlichen französischen Finanzverhältnisse der Pfeifentabak sehr oft das Einzige, was die Raucher erschwingen können, und zum anderen habe man es auch hier mit einer der vielen Erscheinungen der „Ameri- kanisterung" zu tun, die man täglich und überall in Paris beobachten könne, seit diese schöne Stadt nahezu ein amerikanischer Vorort geworden sei. — „Vor zwanzig Jahren", so sagte eine der Sprecherinnen, war die Pfeife bei unseren Männern so gut wie unbekannt, und selbst noch vor zehn Jahren galt es als durchaus unschicklich, in Damengesellschaft zu rauchen. Heute? Ach, meine Damen, wir sind das Land der Kultur — aber wo sind die guten Manieren der Männer hingekommen? Es ist nichts einzuwenden gegen die aristokratische Zigarre und gegen die künstlerisch graziöse Zigarette, es gibt viele Männer, namentlich unter den Geistesarbeitern sind sie zahlreich vertreten, die den Tabak als Anregungsmittel schlechterdings nicht entbehren können, und wir Frauen sind in diesem Fall verständnisvoll genug, Konzessionen zu machen, solange die Sache ihre Grenzen hat, und solange die Männer aus unseren Salons keine Räucherkammer machen. Aber was soll man dazu sagen, daß auch der Franzose, dieser bisher aufmerksamste und höflichste Ehemann der Welt, es sich jetzt ebenfalls angewöhnt, wo er geht und steht, eines dieser kleinen übelriechenden und einen beißenden Dampf ausströmenden Behältnisse im Mundwinkel hängen zu haben? Schon fängt er, gerade wie der Amerikaner, an, unaufhörlich mit seiner Pfeife herumzuhantieren, bald mutz sie gereinigt, bald gestopft, bald neu angezündet werden. Er betrachtet sie interessiert und sorgenvoll, während wir mit ihm sprechen, und das ist mehr und mehr der Grund, weshalb der Mann jetzt so oft nicht mehr auf das hört, was wir ihm zu sagen haben! — Als Nächstes wird auch der Franzose die schlechte Sitte annehmen, die Pfeife beim Sprechen nicht mehr aus dem Munde zu nehmen, so daß man sein undeutliches Gemurmel erraten muß. Aber dahin dürfen wir es nicht kommen lassen!" Den Schluß der Versammlung bildete eine mit ungeheurem Beifall aufge- nommene Resolution gegen die Tabakspfeife. — Ob's hilft? Der Streit um die Menzelbilder hat in der ersten Instanz mit der Verurteilung des bayerischen Staates geendet. Es handelt sich um 66 Werke Adolf Menzels, die die Nichte des Künstlers, Frl. Krigar Menzel, im Jahre 1908 dem bayerischen Staate zum Geschenk machte. Im Jahre 1925 verlangte der Vormund des entmündigten Fräuleins von der bayerischen Regierung wegen Ungültigkeit der Schenkung die Herausgabe der Kunstwerke, wobei er mitteilte, daß Frl. Menzel vermögenslos geworben sei. Nunmehr ist das schriftliche Urteil ergangen, das den Staat zur Herausgabe der 66 Menzel-Werke ver- pflichtei. 10150 Aus dem Reiche der Mode Gestickte Sommerkleider Bericht über sie beachtenswerteste« Neuheiten aus dem Reiche der Mode Wer nicht wie alle anderen aussehen möchte, sondern seinem Sommerkleidchen eine persönliche Note geben will, für den gibt ee wohl kaum etwas Geeigneteres als eine schöne Handstickerei, die auch dem einfachsten Boilekleidchen etwas Flottes und Schickes verleiht, die dem soliden Shantungkleid viel von seiner Steifheit nimmt und die dem zarten Crepe de Chine oder Crepe Georgette -Gewand zu ganz ausgesuchter Eleganz verhilft. Jedenfalls gibt es kaum eine andere Garnitur, die sich so eng der Kleidform anpaßt wie eine Handstickerei und auch in Bezug auf Farbstellungen sind hier die Möglichkeiten ungleich größer wie bei jeder anderen Ausstattung. Ebenso birgt die Handstickerei eine solche Fülle von Ausdrucksmöglichkeiten in sich, daß man jedem Zweck damsi dienen kann. Das helle Voilekleidchen für die heißen Tage, das man zum Aufenthalt im Freien für die Sommerfrische haben möchte, wird am zweckmäßigsten mtt natura- listsschen Blumensträußen in natürlichen Farben bestickt, wie die beiden Favorit-Modelle 1538 und 345 zeigen. Bei elfterem, das aus hellblauem Voile mtt rosa gebogtem Rock- und Pastenansatz besteht, Mt je ein kleines Biedermeierfträußchen einen Bogen, deren seitlich auffteigende Anordnung besonders graziös wirkt. Bei Fav.-Mod. 345, einem strohgelben Crepe de Chine- kleid, find größere und lleinere Buketts ungleichmäßig über das Ganze verteilt. Eine passende farbige Schärpe mit links herabhängendem Ende, sowie eine flatternde gleichfarbige Rückenschleife vervollständigen im Übrigen dieses reizende Kleid. Ganz abweichend von dieser Art ist die bordürenartige Anordnung der Stickerei auf Favortt-Mod. 1477, das mehr einen strengen Charatter trägt und fich demnach auch eher für Leinen oder auch Shantungseide eignet. Die Stickerei folgt hier der aparten Schnittform, deren lang herabgezogene, spitze Paffe in einem Mittelstreifen verläuft. Der untere Rockrand ist viermal in tiefe Stufen abgenäht, wodurch der enge Rock etwas mehr Stand erhält. Wieder einen anderen Genre repräsentieren die bulgarischen Stickereien, die fich nach wie vor großer Beliebthett erfreuen. Aus dem natürlichen Volkempfinden hervorgegangen, sprechen fie auch wieder bei den wettesten Kreisen an. Dabei find auch diese Muster durchaus anpassungsfähig, wie die beiden Favorit-Mod. 2097 — eine weiße, buntgestickte Voilebluse und 10150 — ein weißes buntbesticktes Restellleid für Keine Mädchen beweisen. In beiden Fällen ist die Paste ganz mit der bunten Stickerei bedeckt, die bei der Bluse in farbigen, der Pastenform folgenden Linien, bei dem Kinderfleid in farbiger Smocknäherei aus- ^ gleitet. Hier vervollständigen noch gefttckte Täschchen und, wenn man will, mit einem Rändchen gestickte Höschen in origineller Weise das höchst aparte Kleidchen. Bearbeitet und mit Abbildungen versehen vom Favorit-Verlag, Dresden-N.6. 1477 " Schnittmuster in allen Grütze» zum bequemen Rachschneider« find erhältlich R 1538