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Die dem Leiter der Handelsdelegation und seinen Gehilfen gegebenen Vorrechte seien damit aufgehoben und ihre Abreise aus England müsse gefordert werden. Dem rechtsmäßigen Handel zwischen beiden Ländern werde die Regierung keine Hindernisse in den Weg legen und die Arcos-Gesellschaft könne ihre Tätigkeit fortsetzen unter den gleichen Bedingungen, wie andere Handelsgesellschaften in England. Eine Anzahl Angestellter, deren Namen mitgeteilt werden sollen, würden Erlaubnis erhalten, in England zu bleiben. Die Rede schließt: Endlich hat die Regierung Seiner Majestät beschlossen, daß sie nicht länger diplomatische Beziehungen mit einer Regierung aufrechterhalten kann, die solch «inen Stand der Dinge, wie er enthüllt worden duldet und ermutigt. Die bestehenden Bedingungen zwischen den beiden Ländern sind hierdurch aufgehoben und ich habe die Forderung zu stellen, daß Sie sich selbst und Ihr Stab aus England innerhalb der nächsten zehn Tage zurückziehen. Ich weise den Vertreter Seiner Majestät in Moskau an, Rußland mit seinem Stab zu verlassen, und würde mich freuen, wenn Sie Ihre Regierung ersuchen würden, ihm, Minister Preston in Petersburg und Minister Paton in Wladiwostok die notwendigen Erleichterungen für ihre eigene Abreise und die ihrer Gehilfen zu gewähren. Genaust Vorkehrungen, über deren Einzelheiten Ihnen ordnungsmäßig Mitteilung gemacht werden wird, werden für Ihre und Ihres Stabes Abreise aus England und die der russischen Mitglieder der Handelsdelegation getroffen werden. D« englische Rote dem russisch«« Geschäftsträger überreicht. London, 28. Mai. Wie der Amtliche Britische Funk- fprnch meldet, ist gestern morgen dem russischen Geschäftsträger die Note der britischen Regierung, in der der Ab- druch der Beziehungen zwischen England und Rußland ausgesprochen wird, überreicht worben. Die Note wird morgen veröffentlicht werden. Die Moskauer Störenfriede. Eine Red« Baldnnns. London, 27. Mai. In einer konservativen Versammlung in der Albert-Hall kam Premierminister Baldwin u. a. auf den Besuch des Präsidenten Doumergue zu sprechen und sagte: Er hat hier gefunden, daß die Entente heute ebenso stark ist wie in den Tagen des Krieges unü vor dem Krieg. Ich zweifle nicht, daß er ebenso wie wir die tiefe Bedeutung fühlt, die dieser Entente durch die unerhörten Opfer an Menschenleben gegeben worden ist und daß sie, während sie vor Jahren dem Zweck diente, den Frieden aufrecht zu erhalten, jetzt einsteht für den Geist von Locarno, der in seiner höchsten Offenbarung die Ausrottung des internationalen Mißtrauens, den Verzicht auf nationale Eifersucht und die feste Absicht der Völker Europas verkörpert, für den Wiederaufbau und die Wiedererhebung unseres Kontinents zusammen zu arbeiten. Ueber China sagte Baldwin: Wenn die Chinesen sich von den Moskauer Störenfrieden freimachen können, werden sie keine Schwierigkeiten mit uns haben. Das größte Unglück. Chinas ist es gewesen, daß es in einer Zeit inneren Zwiespaltes, als es von nationalen Bestrebungen belebt war, mit denen wir in gewissem Grade sympathisieren, die Einmischung dieser mächtigen Oligarchie erlitten hat, die im Namen der Freiheit des Proletariats versucht, die Körper und Seelen der Millionen Chinas zu versklaven. Unser Beschluß, die diplomatischen Beziehungen abzubrechen, wurde nur wegen der unerträglichen Einmischung in unsere inneren Angelegenheiteft und wegen der feindseligen Tätigkeit der Moskauer Agenten in allen Teilen der Welt gefaßt. Der war nicht das Ergebnis, eines tiefgründenden Komplotts, das auf Schaffung einer Welt- front gegen Rußland hinzielt. Es ist ein Teil der Sowjetpropaganda, unsere Politik als kriegerisch hinzustellen. Ich wünsche deshalb nachdrücklichst zu erklären, daß der Abbruch der diplo- mati.che» Bczirhnnger in keiner Werse Krieg gegen Rußland bedeutet oder in sich begreift. Er behauptet, daß wir Leinen wetteren politischen Verkehr mit Moskau haben wollen. Aber wir sind durchaus für Fortsetzung des legitimen Handels zwischen beiden Ländern. Die bentsche Botschaft in London wahrt die rnsfischen Sowjetintereffen. Berlin, 28. Mai. Der Botschafter der Union der sozialistischen Sowjetrepubliken, Krestinski, sprach gestern im Auswärtigen Amt vor, um den Wunsch seiner Regierung zu übermitteln, daß die Reichsregierung angesichts des Bruches der Beziehungen zwischen der britischen und der Sowjetregierung die deutsche Botschaft in London mit der Wahrnehmung der russischen Interessen in England beauftragen möge. — Die Reichsregierung hat diesem Wunsche entsprochen. Resolution unc einige Abänderungsvorschläge wurden einer Unterkommission überwiesen. Professor Nagarski begrüßte als Berichterstatter über Vermittlung und Schlichtung die vorgelegte Resolution, die diese Probleme den Völkerbunbs- gesellschaftcn unü den Völkerbundsrat zum Studium empfiehlt. Die Engländer begründeten einen Gegenvorschlag, der sich für das Verbot des Krieges und den Zwang zur Schlichtung aller Streitigkeiten ausspricht, um die Sicherheit zu fordern. Die Entschließung über die Abrüstung und die Zuständigkeit des Völkerbundes wurden angenommen. Die Mnderheiten- kommission beschäftigte sich heute mit der Lage der griechischen Minderheit in Rumänien. Tie Erziehungskommission befaßte sich mit den cingebrachten Resolutionen, die fast alle mit geringen Aenöerungen angenommen wurden. Da die Kommissionsberatungen noch nicht beendet werden konnten, ist die nächste Vollsitzung auf Sonntagvormittag 10 Uhr verschoben worden. Hauptversammlung der Deutschen Lanowirtschastsgesellschaft J Dortmund, 28. Mai. Auf der 106. Hauptversammlung der Deutschen Landwirtschastsgesellschaft wurde gestern festgestellt, der bisherige Besuch der Ausstellung mit etwa 150000 Personen sei in den früheren Ausstellungen nur im Jahre 1924 in Hamburg übertroffcn worden. Weiter wurde beschlossen, die Ausstellung 1928 in Leipzig und 1929 in München stattfinöen zu lasten. Für die folgenden Jahre sind einstweilen Köln und Berlin vorgesehen. Die nächsten Herbstversammlungen der Gesellschaft werden in Magdeburg und Heidelberg stattfindem Das deutsche Agrarproblem. Ein' Red- des Reichsminist-rs Schiele Berlin, 27. Mai. Heute abend sprach Reichsminister Schiele vor der deutschen Weltwirtschaftlichen Gesellschaft über das Thema: „Das deutsche Agrarproblem." Wir seien in Deutschland führt« der Minister aus, in eine Epoche eingetreten, in den wir diejenige Energie, die wir bisher der Erweiterung der Industrie zugewendet haben, auch für die Förderung der Landwirtschaft anwenden müssen. Durch vermeidbare Einfuhr landwirtschaftlicher Produkte, sei unsere Zahlungsbilanz um hunderte von Millionen Goldmark belastet. Diesen großen Devisenbetrag könnten wir am ehesten durch eine Korrektur der Handelsbilanz von der Einfuhrseite her einsparen und zwar durch Derstärkung der heimischen Landwirtschaftsproduktion. Auf diese Weise werde auch die Bedeutung der Landwirtschaft als Abnehmer industrieller Erzeugnisse behoben und große Möglichkeiten für die Ansetzung neuer Arbeitskräfte würden erschlossen. Durch Ausbau und Vergrößerung des ländlichen Bildungswesens müsse die soziale Last des Bauern erhöht werden. Die Sozialpolitik müsse auf Begründung neuer ländlicher Arbeitsplätze und die Schaffung von Ausstiegmöglichkeiten eingestellt werden. Die Siedlung hat zum Ziele, eine zufriedene bodenständige Bevölkerung zu schaffen, die sich ihres Wertes und des Wertes ihrer Arbeit bewußt ist. Für ein deutsches Siedlungswerk, so schloß der Minister seine Ausführungen, biete der deutsche Osten wetten Raum. Die Siedlung darf nicht an die Stelle eines Stadtproletariats ein Landproletariat setzen, sondern sie hat ihr Ziel in der Ansetzung einer zufriedenen bodenständigen Bevölkerung. Das bayerische Zugspitzenbahnprojekt. München, 27. Mai. Die Frage der Erbauung einer bayrischen Zugspitzenbahn ist nunmehr einen entscheidenden Schrttt vorwärts gekommen. Das Konsortium von Münchner Banken dem zurzeit die Bayr. Bereinsbank, die Bayr. Hypothek- und Wechseldank, die Bayr. Staatsbank, das Bankhaus Merck, Finck u. Co, und die Deutsche Bank, Filiale München, angehören, hat seiner Aufgabe gemäß, die verschiedenen vorliegenden Projekte geprüft. Es ist zu dem Ergebnis gekommen, daß unter den für die Zugspitze gegebenen Perhältnissen grundsätzlich eine Standdahn, Bahnhof Garmisch-Partenkirchen über den Eibsee bis zum Zugspitzengipfel den Vorzug vor den Projekten Seilschwebebahn verdient und daß unter den vorhandenen Standbahnprojekten -der Entwurf von Ing. Peter (Schweiz) aus technischwirtschaftlichen Gründen am empfehlenswertesten erscheint. Dieser Entwurf sieht für die Strecke vom Bahnhof Garmisch-Partenkirchen bis zum Eibsee eine reine Reibungsbahn und für die Strecke vom Eibsee über das Platt zum Zugspitzengipfel eine Standseilbahn vor. Das Bankenkonsortium erklärte sich bereit, das Projekt Peter zu finanzieren, wenn von den interessierten staatlichen und kommunalen Stellen dem Projekt eine angemessene Unterstützung zuteil wird. Mit diesem Entschluß ist endlich das Problem einer Zugspitzenbahn aus der unliebsamen Sphäre jahrelang theoretischer Auseinandersetzungen herausgehoben worden, denn die verlangte Unterstützung wird den Banken sicher zuteil werden, und man rechnet oamit, daß nunmehr so bald mit dem Bau begonnen werden kann, daß die bayrische Zugspitzenbahn schon zu Beginn des nächsten Obemmmergauer Festspiels in Betrieb sein kann. Ende des sozialdemokratischen Parteitages Kiel, 28. Mai. In der gestrigen Verhandlung des Parteitages wurde zunächst das Ergebnis der Neuwahl des Vorstandes des Parteitages bekanntgegeben. Die Vorsitzenden wurden wiedergewählt: Wels mit 298, Hermann Müller mit 332 und Crispien mit 280 Stimmen. Auf Paul Loebe entfielen zwei Stimmen, auf Tr. Levi und Dr. Rosenfeld je eine Stimme. Die übrigen Mitglieder des Parteivorstandes wurden im wesentlichen wiedergewählt. Darauf erstattete das Parteivorstanösmitglied Crispien den Bericht über die Sozialistische Arbeiterinternationale. Kiel, 28. Mai. Auf dem sozialdemokratischen Parteitag wurde gestern die Entschließung Breitscheidt - Hermann Müller, nach der die Partei alle Teile friedlicher Verständigung, die auch unter der Herrschaft des Kapitalismus vorhanden find, pflegen will, einstimmig angenommen. Nach der Entschließung erblickt die Partei in dem Völkerbund ein Zur internationalen Arbeitskonferenz. Zur internationalen Arbeitskonferenz dpi). Am 26. Mai hat nach Abschluß der Weltwirtschaftskonferenz die 10. Internationale Arbeitskonferenz in Gens begonnen, die ungefähr drei Wochen dauern wird. Auf ihrem Programm stehen folgende Punkte: Tie Kranken- versichernng, die Freiheit der beruflichen Vereinigung und die Verfahren zur Festsetzung der Minöestlöhne. So sehr man die Regelung dieser Angelegenheit von allen Seiten begrüßen wird, glaube ich doch, daß auch bei diesem Kongreß, wie bei fast allen, kein positives Ergebnis zu erwarten ist. Die größte Schwierigkeit wird sich zweifellos schon aus der demokratischen Gleichheit aller Mitglieder ergeben, die gleiches Stimmrecht besitzen, einerlei ob Kleinstaat oder Großmacht. Es ist meiner Ansicht nach unmöglich, die Sozialpolitik von Honduras mit der Deutschlands auf eine Basis zu stellen, wie es diese Bestimmung des Arbeitsamtes zweifellos macht. Man nehme nur einmal an, daß auf dieser Konferenz, und wer kann das wissen, die Internationale Schiffahrtsregclung besprochen werden soll. Darf das kleinste Binnenland dieselbe Stimmenberechtigung haben wie eine Großmacht mit ausgedehnten Ueberseebesitzungen? Glaubt etwa jemand, daß sich die Vertreter Großbritanniens mit einer derartigen „Demokratie" einverstanden erklären würden? Aber diese Kurzsichtigkeit in den Statuten nicht allein läßt an einem positiven Erfolg des Kongresses zweifeln. Auch seine Arbeitsweise fft außerordentlich umständlich und keineswegs der Gegenwart angepatzt. Die erste Konferenzverhandlung dient immer ausschließlich der allgemeinen Bercttung des Gegenstandes. Sie entscheidet über die wichtigsten Grundsätze des Entwurfes für das Abkommen, das dann erst geschaffen werden muß. Sein Wortlaut wird, so wie er fertiggestellt ist, den einzelnen Regierungen zur Aeußerung übersandt. Ueber «ine Annahme oder Ablehnung des Uebereinkommens wird erst in der nächsten Konferenz beraten. Eine brennende sozialpolitische Frage, z. B. die Festsetzung der Minöestlöhne, die für die Entwicklung der Industrie und Wirtschaft in der nächsten Zeit zweifellos von Wichtigkeit sein wird, kann also erst auf der kommenden Konferenz endgültig geregelt werden, da die Vorbesprechungen noch nicht stattgefunden haben. Welche Nachteile aber derartige Verzögerungen bedeuten, kann jeder beurteilen, der den augenblicklichen Stand der erbitterten Lohnkämpfe und seine Gefahr für den Wiederaufstieg der deutschen Industrie kennt. Da auch über den zweiten Punkt der Tagesordnung, der Freiheit der beruflichen Vereinigung, keine Verhandlungen ans der letzten Tagung der Arbettskonferenz geführt «or- de» sind, können wir also nur noch von der Erledigung der Frage der Krankenversicherung «inen positiven Erfolg erwarte». Z» diesem Zweck sind die Ansichten von vierund- zwanzig, «ud noch zumeist europäischen, Regierungen zu einem «ericyr, Ser als Grundlage oer Erörterungen oienen soll, zusammengefaßt worden, der die Verhältnisse in den einzelnen Ländern schildert. Wenn auch bei den meisten Regierungen von einem Einverständnis prit dem Prinzip der Zwangsversicherung gesprochen wird, so ist dieses jedoch vielfach nur illusorisch. Tie nordischen Staaten besitzen ihre freiwilligen Privatversicherungen, die Schweiz besteht auf ihrer allgemeinen Volksversicherung und die romanischen Länder gewähren den Organisations-Berufsklas- sen gewisse Zuschüsse. Selbst in Italien, das sich so gerne als den Fortschrittler aus dem Gebiet der sozialen Bestrebungen bezeichnet, ist eine allgemeine Krankenversicheruckol nicht öurchgeführt. Es ist also wieder einmal Deutschland,, das eine vorbildliche Rolle auch im sozialpolitischen Leben der Völker spielt, da bei ihm die allgemeine Krankenversicherung schon seit vielen Jahren durch ein Gesetz eingeführt worden ist. Es war natürlich für die Konferenz keine leichte Aufgabe, aus den vielen eingegangenen Berichten das herauszuziehen, was man als allgemeingültig verwenden konnte. Besonders bei Ser Frage der Leistung ergaben sich außerordentliche Schwierigkeiten, z. B. die Bezugsdauer des Geldes und die Gewährung von Selbsthilfen. Wahrscheinlich wird man sich auf eine Invalidenversicherung einigen, die alle Versicherten in einzelnen Ortskassen zusammenaßt. Sogar eine Zweiteilung in Handel und Gewerbe und Landarbeiter ist vorgesehen worden, die in zwei Etappen erfüllt werden kann. Wie man aus diesen Ausführungen ersieht, ist man natürlich in Genf bemüht, die Anglegenheiten in einem für alle Länder zu befriedigenden Sinne zu erledigen. Jedoch glaube ich, daß das Arbeitsamt bei all seinem Eifer nicht die geeignete Instanz ist, bei der so wichtige Tinge geregelt werden können. Es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß von der parlamentarischen oder behördlichen Seite aus diese Angelegenheiten weit schneller und besser sowie dem Wesen und Bedürfnissen der deutschen Arbeitgeber- und Arbeit- nehmerschaft zuträglicher geregelt werden können. Immerhin kann man eine solche Konferenz begrüßen, soweit sie einen ausgedehnten und bedutungsvollen Gedankenaustausch über bas so vielseitige Problem der Sozialpolittk bringt. Eine doktrinäre oder gar diktatorische Position der Arbeitskonferenz wird man jedoch auf alle Fälle ablehnen müssen. Kommisfionsderatungen der Union der Dölkerbundsligen Berlin, 28. Mai. In der politischen Kommission der Union der Völkerbundsligen berichtete Professor Bovet- Schweiz über die Dezentralisation des Völkerbundes. Er warnte vor allzu theoretischen Versuchen, die Satzungen des Völkerbundes zu ändern. Professor Wehberg schloß sich namens der deutschen Liga für Völkerbund den Ausführungen des Vorredners im wesentlichen an. Die vorliegende Nr. 85. Jahrgang 1927. Ser Landbote * Sinsheimer Zeitung. Samstag, den 28. Mai 1927. unter den gegebenen Verhältnissen brauchbares Mittel zur Fricdensstcherung. Mit der Internationalen Schiedsgerichtsbarkeit und den Rüstungsbeschränkungen, führt die Entschließung aus, müsse endlich Ernst gemacht werden. Alle faschistischen Tendenzen seien eine internationale Gefahr. Das Agrarprogramm der Partei, das von neuem die Enteignung des Großgrundbesitzes zu Siedlungszwecken fordert, wurde ebenfalls einstimmig angenommen. In seinem Schlußwort betonte der Parteivorsitzende Wels, daß die Partei sich zum Staat bekenne, weil sie ihn besitzen wolle, daß sie ihn schütze, weil er ein gastliches Haus werden solle. Die Partei habe sich jedoch zum ewigen Kampf gegen den Kapitalismus entschloffen. Mit dcm Gesang des Sozial- demokratenmarschcs wurde der Parteitag geschloffen, an den sich jetzt noch eine besondere Frauenkonferenz anschließt. Die Leiferder Eisenbahnattentäter begnadigt Berlin, 28. Mai. Das preußische Staatsministerium hat, wie der Amtliche Preußische Pressedienst mitteilt, in seiner Sitzung vom 27. Mai d. I. entsprechend dem Vorschlag des Justizministers Tr. Schmidt beschlossen, das auf Todesstrafe lautende Urteil des Schwurgerichts gegen die beiden Urheber des Leiferder Eisenbahnattentats Schlesinger und Weber im Gnadenwege in lebenslängliches Zuchthaus umzu- mandeln. Maßgebend für den Vorschlag des Justizministers und den Beschluß des Staatsministeriums war der Umstand, daß sich nahezu alle mit der Untersuchung der Straftat, mit der Prozeßführung und der Gnadenfrage befaßten Instanzen und Personen für die Begnadigung der Verurteilten ausgesprochen hatten, so der Vorsitzende des Schwurgerichts und zwei Drittel der Mitglieder des Schwurgerichts, der Generalstaatsanwalt, der evangelische Gefängnisgeistliche und der Vorsteher des Gefängnisses. Deutsches Gut in Frankreich zurückgehaltW Berlin, 28. Mai. Die „D.A.Z." meldet aus Nürnberg, daß die Stadt Nürnberg ihre Lyoner Ausstellungsgegenstände nicht alle zurückbekommen hat. Die Ausstellungsgegenstände, die einen Versicherungswert von ustgefähr 80000 Goldmark hatten, hätten ungesehen, in Kisten verpackt, entgegengenommen werden müssen, und als sie in Nürnberg eintrafen, Hütte sich herausgestellt, daß nicht ein einziges von den wertvollen Objekten in ihnen enthalten war. Die 17 angekommenen Kisten enthielten lediglich einiges Ausstellungsmaterial des Stadtrats Nürnberg, Stadtpläne, Abbildungen von Schulhäusern und anderen städtischen Gebäuden, Material aus Schulausstellungen usw, während alles, was wirklichen Sach- und Kunstwert besaß, restlos hinter der französischen Grenze zurückgeblieben sei. Kriegsmmister a. D. von Stein f Berlin, 28. Mai. In der Nacht vom Mittwoch zum Donnerstag starb in seiner Villa in Lchnin Kriegsminister a. D. General der Artillerie Dr. von Stein im 73. Lebensjahr. General Hermann von Stein wurde 1864 zu Wedöersteüt als Sohn eines Pfarrers geboren. Er wurde Leutnant in einem Feldartillerieregiment, besuchte die Kriegsakademie und wurde 1888 und wiederum 1804 in den Generalstab berufen, dem er von da ab im größten Teil seiner weiteren Dienstlaufbahn angehörte. Seit 1903 war er Abteilungschef, 1910 wurde er unter Beförderung zum Generalmajor Oberquartiermeister, 4912' Kommandeur der 41. Division in Deutsch- Eylau. Zu Beginn des Krieges wurde General von Stein Generalquartiermeister und dann erlangte sein Name historischen Glanz, denn er Unterzeichnete die Gefechte auf dem Kriegsschauplatz, vor allem im ersten Abschnitt des Feldzuges während des stürmischen Vormarsches auf Paris. Im November 1916 wurde er preußischer Kriegsminister und blieb es bis zum Oktober 1918. Wien fordert Zollunion mit Deutschland. Wir«, 26. Mai. Bei der Zollaussprache im österreichischen Nationalrat erklärte der Abg. Tauschitz (Landbund), daß Oesterreich infolge seiner geographischen Lage stets einen starken Druck der Vieh und Getreide produzierenden Länder auszuhalten haben wird. Ein Entlastungsventil nach dem Westen, d. h. das Fallen der Zollschranken gegenüber Deutschland, sei daher notwendig. Der Gedanke der Zollunion sei Gemeingut der Mehrheit des österreichischen Parlaments geworden. In der Zollunion erblicke Oesterreich seine endgültige Rettung, sobald sie eine Vorstufe für den endgültigen Anschluß wäre. > Masaryk wieder gewählt. Prag, 27. Mai. Der bisherige Präsident B. G. Masaryk wurde im ersten Wahlgang mit 274 Stimmen für die neue siebenjährige Funktionsperiodc zum Staatspräsidenten wiedergewählt!, Anatol Wangerin Ein Roman für jung und alt von Amanda Klock. 5) (Nachdruck verboten.) Nach zwanzig Minuten war die Kriminalpolizei, welche sich im Amtsgerichtsgebäude befand, erreicht. Als Anatol durch den großen Torweg geführt wurde, durch den er heute einen wirklichen Verbrecher hatte schreiten sehen, und durch den man ihn, den völlig Unschuldigen, nun auch brachte, als fei auch er, wie jener, ein Auswurf der Menschheit, da entrang sich ein Schrei wildester Verzweiflung keiner Brust. „Erbarmen!" rief er, „warum schleppen Sie mich hierher — ich habe ja nichts getan!" Die Polizisten blieben nicht ohne Mitgefühl bei dem Klang dieser Stimme, die so herzzerreißend, so überzeugend aus der Tiefe der jungen Brust emporquoll. Was aber sollten sie tun? Sie waren nur die untersten Ausüber des Gesetzes; sie erfüllten ohne jeden Uebergriff nur ihre Dienstpflicht, wenn sie einen des Mordes Verdächtigten den Händen der Gerechtigkeit überlieferten. So betraten denn die Beamten mit ihrem Gefangenen das im Parterre gelegene Bureau der Kriminalpolizei; aber kaum hatten sie die Tür hinter sich geschlosien und Anatol freigegeben, als die letzten Kräfte des Aermsten dahin waren, und er besinnungslos zusammenbrach. Der amtierende Polizeiassessor Röllershausen, ein sehr menschenfreundlicher und gewissenhafter junger Mann, fragte nicht danach: ist der Eingebrachte ein überwiesener Schuldiger oder nur ein unschuldig Verdächtigter, verdient er Mitleid oder nicht? — er sah in ihm nur einen leidenden Mitmenschen, und sein erstes Gefühl war, ihm beizustehen Mit Hilfe des Schutzmannes legte er den bewußtlosen Knaben auf eine lange, im Zimmer befindliche Holzbank nieder, zuvor seinen eignen Mantel darauf ausbreitend; hierauf wusch er ihm Stirn und Schläfe mit frischem Waffer. „Gar nicht denkbar," murmelte der Assessor für sich, Ana- tols marmorweißes Angesicht studierend. „Dieser noch so junge Knabe, mit dem stolzen, kühnen Zug um die Lippen» Der Atbanienstrstt beigelvgl. Mussolinis Erklärung über Tirana. Belgrad, 26. Mai. Die dem Außenminister Alarinkowitsch nahestehende Pmwda bringt heute rin offenbar inspiriertes Telegramm aus Paris, demzufolge Mussolini durch den italienischen Gesandten in Belgrad dem jugoslawischen Außenminister den italienischen Standpunkt zum Vertrag von Tirana bekanntgegeben habe. Mussolini erklärte, daß Italien durch den Vertrag von Tirana nicht gegen die Balkanstaaten auftrete, sondern nur die wirtschaftliche Durchdringung Albaniens durch Italien sichern wollte. Mussolini ist der Ansicht, daß durch diese Erklärung der italienisch-jugoslawische Konflikt liquidiert worden sei. Es bleibe nur mehr die Frage zu klären, ob diese Erklärung Mussolinis beim Dölkerbundssekretariat registriert oder nur den Regierungen von London, Berlin und Paris, die in dieser Angelegenheit interveniert hatten, mitgeteilt werden soll. Wie in hiesigen politischen Kreisen verlautet, soll sich der italienisch-jugoslawische Konflikt nunmehr tatsächlich vor seiner Liquidierung befinden, und zwar auf der von der Prawda gemeldeten Grundlage. Es heißt, daß nach dem Abbruch der englisch-russischen Beziehungen die englische Regierung Wert darauf lege, daß alle Konfliktsstoffe in Europa beseitigt werden und dies erkläre auch die entgegenkommende Haltung Italiens. Volkszählung ln Rumänien. Bukarest, 23. Mai. In Rumänien wird seit Mitte April eine allgemeine Volkszählung durchgeführt, um endlich einmal Authentisches über die Bevölkerungszahl und -Zusammensetzung zu erfahren. Die Zählbogen sind klar gegliedert. Für die Richt- .umänen wichtig ist die Rubrik: „Origine ethnica" (völkische Abstammung). Man schrieb also nicht wie in ungarischer Zeit: „Bevorzugte Sprache", auch nicht „Muttersprache", sondern völkische Herkunft. Ein Grund für diese Formel bildete die Tatsache, daß in Neurumänien viele Leute nicht mehr die Sprache ihrer Herkunft reden, darunter, in Siebenbürgen und im Banat, nicht wenige Rumänen, die madjarisiert wurden, im Sathmarer Gau auch etwa 30000 ungarisierte Schwaben, im ganzen Lande fast eine Million Juden, die, sei es rumänisch (Altreich), sei es madjo- risch (Siebenbürgen und Banat), sei es deutsch (Bukowina), sei es russisch (Bessarabien) zur Umgangssprache haben. Zur Stunde werden die Bögen überprüft, die Zahlen summiert. Man ist allgemein gespannt auf das Ergebnis. Nicht zuletzt die Deutschen, die seit Jahrzehnten in Ungarn nur gefärbte Ergebnisse erlebten. Zu national. Katastern konnten sie sich leider noch nicht auffchwingen. Daß man kaum auf ein getreurs Spiegelbild der Dolks- zusammensetzung rechnen darf, so viel erscheint schon klar. Folgende Vorkommnisse — neben anderen — deuten es an. In Bes- sambien wurden jene deutschen Kinder, die nach 1918 geboren wurden, trotz ihrer deutschen Eltern als — Rumänen eingetragen. So geschah es auch dem Söhnchen des besfarabischen Deutfchenführers, Oberpastor Haase. Für das Deutschtum in Siebenbürgen und im Banat erfand ein Regierungsquerkopf folgenden Unterscheidungsmodus: Wer evangelisch ist, ist Sachse, wer katholisch Schwabe. Demzufolge würden Hermannstädter katholische Sachsen als Schwaben und Lieblinger (Banaler) evangelische Schwaben als Sachsen gezählt werden! Daß man überhaupt nach Stämmen, zählt und nicht lediglich Deutsche, soll angeblich der Welt Sand in die Augen streuen über die deutsche Gesamtziffer, da dann als „Deutsche" nur die Bukowinaleute, Bessarabier und Altreicher verbleiben. Im Banat machte man sich den Scherz, die Schwaben von Triebswetter als — Franzosen zu buchen, weil dort vor 150 Jahren auch französische Lothringer angesiedelt wurden, deren Nachkommen aber längst eingedeutscht sind! Im Sathmarer Gau wieder nehmen die Madjaren das Schwaben- tum für sich in Anspruch: mit allerhand Kniffen, nicht zuletzt mit Hilfe der madjaronischcn Geistlichkeit, die dort eine ganz gefährliche deutschgegnerische Macht ist, bewogen sie tausende Schwaben, sich als Ungarn zu bekennen. Da fuhr aber — angeblich — die Regierung dazwischen: sie soll bereits Zählung aller deutschen Sathmarer Namen als Deutsche verfügt haben. Das ZShlblatt König Ferdinands. Er bekennt sich als Deutscher. Bukarest, 24. Mai. Die Blätter veröffentlichen das Zählblatt, das König Ferdinand anläßlich der Volkszählung dem Oberbürgermeister von Bukarest einhändigte. In die Rubrik, in die die völkische Abstammung einzutragen ist, schrieb König Ferdinand, daß er deutscher Abstammung sei. Daran knüpften die deutschen Minherheitenblätter die Bemerkung, nun sei auch von allerhöchster Stelle bekannt worden, daß sich Treue gegenüber dem rumänischen Staate und deutsche Abstimmung auf das beste vereinigen lasse. die doch so viel Güte in ihrem mädchenhaft weichen Schnitt verraten, soll ein Verbrechen begangen haben, hinter diesen, geradezu ideal schönen Zügen sollte eine so grauenhafte, eine so schwarze Seele sich bergen? Ohne ihn gehört zu haben — ich kann an seine Schuld nicht glauben." Da es Röllershausen nicht gelang, Anatol ins Leben zurückzurufen, selbst mit Hilfe von Essigäther nicht, von welchem Wiederbelebungsmittel er für vorkommende Fälle ein Fläschchen in seinem Pulte aufbewahrte, so schickte er den Gerichtsdiener nach dem Gefängnisarzt. Wenige Minuten später war derselbe zur Stelle. Der Doktor betrachtete Anatol genau, dann befühlte er Brust und Herz. Hierauf zog er kurz entschloffen Geld aus der Tasche und sandte den Gerichtsdiener fort, Wein und Gebäck zu besorgen. „Der arme Junge," erläuterte er, „ist nicht nur moralisch zu Tode gehetzt worden, wie der fast christushaste Leidenszug in seinem Gesicht verrät, er muß auch einen ganzen Tag lang nichts genoffen haben. Sehen Sie doch die tiefe Grube, welche der Magen bildet." Infolge der sachkundigen Behandlungen des Arztes kam Anatol nach einigen Minuten wieder zu sich, war aber so schwach, daß er nicht vermochte, sich aufzurichten. „Ich weiß schon, wo es fehlt," meinte der Doktor, sich niederbeugend und ihn wohlwollend ansehend, „hast wohl seit zwölf Stunden nichts gegessen?" Anatol bewegte zustimmend den Kopf, zu sprechen vermochte er noch nicht. „Es wird gleich Brot und Wein kommen; da kannst du dich stärken.". Der Knabe, sich allmählich erst klar werdend, wo er sich befand, und weshalb er hier war, nahm seine Kräfte zusammen und erklärte mit großer Festigkeit: „Ich werde nichts genießen, was Sie mir auch anbieten mögen, ich muß sterben und ich will sterben, denn ich kann nicht mehr leben, seit alle Menschen glauben, daß ich meinen Stiefvater umgebracht habe." „Da wärst du schön unverständig," entgegnete der Affeffor in absichtlich strengem Ton: „bist du wirklich unschuldig. NachdeMWes zum Börsenkrach Bon Minister a. D. Hermann Dietrich, Mitglied des Reichstags. Der Veitstanz, in den die Börse mit ihren Auftraggebern in den letzten Monaten verfallen war. hat das von allen Einsichtigen längst erwartete Ende in dem Krach vom vorigen Freitag (13. Mai) gesunden. Zahllose kleine Börsen- spieler wurden geschädigt. Wie weit die großen auch mit hereingesallen sind, ist nicht ersichtlich, aber wenig wahrscheinlich. Eine Untersuchung ist eingeleitet, und die Tage her hat es Beschuldigungen geregnet gegen die Reichsregierung, den Staatskommiffar an der Börse, die Großbanken und vornehmlich Herrn Schacht. Während die Reichsregierung für sich glaubte, dadurch abtun zu können, daß sie erklärte, an den Vorgängen gänzlich unbeteiligt zu sein, hat Herr Schacht Strafantrag gestellt gegen ein Berliner Abendblatt, das ihm vvrwarf, er habe seine Geschäfte dabei gemacht. Wenil dieser Prozeß ausgetrageu werden sollte, so wird es vielleicht nicht deswegen geschehen, weil dieser Beleidiger Herrn Schacht am Zeug flicken will — ich bin überzeugt, daß Herr Schacht eine absolut saubere Weste anhat — sondern deswegen, weil man bei dieser Gelegenheit einige Herren der hohen Finanz, die man glaubt treffen zu können, vor Gericht aufmarschieren lassen und ausfragen will. Es könnte ja nichts schaden, wenn die umstrittenen Vorgänge gerichtlich geklärt würden. Was hier aber intereffiert, ist die sachliche Beurteilung des ganzen Vorganges. Da ist nun zunächst festzuhalten, baß einsichtige Menschen in allen Kreisen der wertpapierbesitzenden Bevölkerung schon längst wußten, daß die Kurse aller Tiviöendenpapiere seit Monaten in einer unvernünftigen Weise in die Höhe getrieben waren, so daß deren Kurs in keinerlei Verhältnis mehr zu dem günstigstenfalls zu erwartenden Zinsertrag stand. Es ist doch klar, daß etwas derartiges ein wirtschaftlicher Unfug ist, der auch nicht damit entschuldigt werden kann, daß mit Kapitalserhöhungen und ähnlichen Dingen gerechnet werden könne, die zunächst auch nur in der Phantasie bestehen. In diesem Sinne haben sich namhafte Leute der Wirtschaft und vornehmlich der Reichsbankprasident Schacht selber wiederholt geäußert. Aber niemand hat gehört, auch die Großbanken nicht. Nun hat allerdings die Reichsbank gehandelt. Die kritische Besprechung zwischen Herrn Schacht und einigen Herren der Stempelvereinigung hat am Mittwoch, den 11. Mai, vormittags, stattgefuuden und bis in den Nachmittag hinein gedauert. Jnfolgedeffen konnte die Stempelvereinigung an diesem Tag nicht mehr tagen. Sie tagte am Donnerstag, den 12. Mai, nachmittags und gab dann abends den berüchtigten Bericht heraus über die Einschränkung der Reportgelder, im Verfolg deffen die Börse am Freitag zusammenbrach. Hieraus ergibt sich zunächst, daß die Dinge sich so schnell abgewickelt haben, daß aus ihnen allein heraus die Wissenden kaum mehr Geschäfte für sich machen konnten. Das wäre höchstens am Donnerstag möglich gewesen, und damit entfällt an sich ein Teil der erhobenen Vorwürfe. Im übrigen aber mußte dieser Zusammenbruch kom»I men. Und es kann nicht der Vorwurf erhoben werden, daß! ihn Herr Schacht herbeigeführt hat, sondern höchstens der Vorwurf, daß er ihn zu spät herbeigeführt hat, daß es gut' gewesen wäre, wenn schon vor Monaten dem Treiben an der Börse, das geeignet war, zahllose ordentliche Menschen draußen, vornehmlich in der Provinz, zum Börsengeschäft zu veranlassen, Einhalt getan worden wäre. Allerdings kann sich der Reichsbankpräsident darauf berufe», daß er die gaoze Zeit wiederholt, auch öffentlich, gewarnt hat. Sonderbar mutet allerdings das Verhalten der Reichsregierung an, die gewiß — das mutz man ihr zugeben — gänzlich unbeteiligt ist. Gerade das aber ist das Bedenkliche. Halle nicht das Wirtschaftsministerium noch viel mehr als der Reichsbankpräsident, den die Börse direkt gar nichts angeht, dafür zu sorgen, daß nicht die kleinen Leute im Lande wieder einmal tüchtig hereingelegt und ausgebeutet worden? Wozu ist denn das Wirtschaftsmintsterium überhaupt da, wenn diese Dinge für dasselbe ohne Jntereffe sind? Nein, es ist ein bedenkliches Zeichen für die Geistesverwirrung, in der wir leben, wenn die Regiernng zusieht, wie Teile des erwachenden Mittelstandes in der Geldanlage gewiffenlos beraten und geschädigt werden. Für die deutschen Kapitalbesitzer aber muß man mit Betrübnis feststellen, daß ein erheblicher Teil von ihnen immer noch glaubt, es gäbe in der soliden Wirtschaft Möglichkeiten, ohne Arbeit seinen Besitz zu vermehren, und sich daher verleiten läßt, ohne bar zahlen zu können, also gegen Zahlung lediglich von Einschuß oder auf Grund von Kredit zu spekulieren. Die Börse ist der Ort. au dem man neu herauskommende Papiere verkauft, an der man eine Vermögensanlage Inacht oder wenn man bares dann wird das Gericht es schon herausbringen, wenn du dir aber das Leben nähmst, würde jeder glauben, du feist aus Furcht vor der Strafe in den Tod gegangen, und niemand wäre mehr von deiner Unschuld zu überzeugen. Hast du denn bestimmt ein gutes Gewissen, Knabe, kannst du au» deinem innersten Herzen heraus sagen: Mein Bruder beschuldigt mich mit Unrecht, ich habe meinen Stiefvater nicht in den Keller hinabgestoßen?" „Ja, das kann ich sagen, ich kann es vor Gott dem Allwissenden beschwören» daß ich meinen Stiefvater nicht in den Keller hinabgestoßen habe!" Kaum hatte Anatol ausgesprochen, so sank er wieder auf die Bank zurück, die heiße Glut verschwand von seinem Angesicht, und Marmorbläfle bedeckte von neuem Stirn und Wangen. Der Gefängnisarzt und Röllershausen streiften einander mit einem schnellen Blick, beide hatten die Ueberzeugung gewonnen, daß der Gefangene das Verbrechen, dessen sein Bruder ihn zieh, nicht begangen hatte, und sie wünschten von Herzen, seine Unschuld möchte sich baldigst Herausstellen. Auf Zureden beider Männer, die ihm Mut zusprachen, genoß Anatol von dem Weißbrot und dem Wein, welchen der Gerichtsdiener soeben gebracht, dann hieß der Beamte den Gefangenen abführen; für heute wollte er ausnahmsweise kein Verhör mehr vornehmen, bis morgen würde der arme Knabe sich hoffentlich etwas erholt haben. Anatol wurde über einen langen, gebogenen Gang geführt; hierauf öffnete sein Begleiter vermittelst eines Schlüssels aus dem Bunde eine Tür und ließ ihn eintreten. Der Knabe schauerte zusammen, als die kalte Luft, welche in dem schmalen Raum herrschte, sich auf seine bebenden Glieder legte. Anatol sank auf das harte Lager nieder, und bedeckte sich mit der dünnen» wollenen Decke» welche darüber gebreitÄ lag. Seine übergroße Ermattung und der ungewohnte Genuß des starken Weines bewirkten, daß er in einen mehrstündigen todähnlichen Schlaf verfiel. Gegen Morgen erwachte Anatol, von Kälte geschüttelt, versarK aber noch einmal in Halbschlaf. Wilde Träume Nr. 85. Jahrgang 1927. Geld braucht, Papier in solches verwandeln kann, die Börse ist also ein notwendiger Marktplatz für die Wertpapiere, aber die Börse ist keine Spielhölle. Zur letzteren war sie aber geworden. Wenn sie wieder zurückgeführt wird zu ihrer eigentlichen Aufgabe, so ist das kein Mißgriff, sondern ein großes Verdienst, und wenn der Bevölkerung das Spekulieren an der Börse ausgetrieben wird, so bedeutet das die Heilung von einer ge'ährlichen Krankheit, keinesfalls aber eine Schädigung der Volkswirtschaft. Warten wir ab, was jetzt kommt. Es macht beinahe den Eindruck, als ob man noch nicht genug gelernt und noch nicht genug Lehrgeld bezahlt habe. Hoffentlich finden sich die Dummen nicht, die noch einmal ihr Geld riskieren und gerisieneu Spekulanten, die rechtzeitig ihre Papiere wieder abstoßen, ihr sauer verdientes Geld in den Rachen werfen. Baden. Besuch des Reichskommiffars für die besetzte» Gebiete. Kehl, 27. Mai Der Reichskommmissar für die besetzten Gebiete, Frhr. Langwerth von Simmern in Begleitung des Grafen Adelmann und Ministerialrat Scheffelmeier von der badischen Regierung stattete heute dem Hanauerland und dem besetzten Brückenkopf Kehl einen Besuch ab. In Appenweier wurde der Reichskommissar von Herrn Lanörat Schindele- Kehl empfangen. Mit Autos wurde sofort die Fahrt nach dem Hanauerland angetreten und größere Ortschaften besucht. In Millstatt wurde ein kurzes Mittagessen eingenommen. Von dort kommend trafen die Herren nachmittags gegen V-’l Uhr hier ein, um sich nach Empfang durch die städtische Behörde sofort in den Bügersaal zu begeben, wo sie zahlreiche Vertreter aller wirtschaftlichen und kommunaler Jn- tereffengruppen des ganzen Hanauerlandes begrüßte. Der Bürgersaal hatte eine geschmackvolle Verzierung erfahren, was dem Besuch einen würdigen Charakter aufprägte. Herr Ministerialrat Dr. Kesselmeier überbrachte die besten Wünsche der badischen Regierung und ging dann kurz auf den Zweck des heutigen Besuches durch Herr» Freiherr Langwerth von Simmern ein. Hierauf ergriff Herr Landrat Schindele das Wort, um in kurzen Strichen die Entwicklung des Hanauerlandes bis in die Gegenwart hinein zu zeigen. Er zergliederte dann den Werdegang der Besatzung und kam damit auf die Abschnürung des Brückenkopfgebietes Kehl vom übrigen Reiche zu sprechen. In der wirtschaftlichen Krisis äußerte sich Herr Landrat dahin, daß er betonte, der Kehler Brückenkopf steht und fällt mit den wirtschaftlichen Beziehungen zu dem gesamten Reiche. Die Handwerker haben ihre geschäfttzchen Beziehungen vollständig verloren: alle aussichtsreiche Zugänge sind ihnen versperi und es ist so leicht erklärlich, daß gerade die Handwerker in größte Depression gekommen sind. Er kam dann auf den Kehler Rheinhafen zu sprechen, von dem wir nur ganz geringen Nutzen ziehen können. Wie ein Ungehuer droht uns die Erwerbslosigkeit, die hier in Kehl besonders zutage tritt. Trotzdem wir unter den schwersten Umständen eine deutsche Kultur aufrecht zu erhalten haben, werden wir nicht ablassen, dem deutschen Baterlande die-Treue zu wahren. (Lebhafter Beifall!) Hierauf erhob sich das Stadtoberhaupt, Herr Dr, Kraus, um dem Herrn Botschafter die Kehler Notlage und Wünsche vorzutragen. Besonders betonte er die außerordentliche Verantwortung, die die Gemeindeverwaltung gegenüber der Oesfentlichkeit zu tragen hat. Er ließ auch durchblicken, daß von den zuständigen Instanzen im Reiche für Kehl und das Hanauerland vielleicht zu wenig getan worden sei. Die Wohnungsnot sei ein Faktor, dem man hier in Kehl Gott sei Dank Rechnung getragen hat. Auch müsse alles daran gesetzt werben, um den Kulturbildner Schule zeitgemäß auszubauen. Als Vertreter der wirtschaftlichen und kommunalen Interessengruppen sprachen die Herren Christians, Kirrmann, Bürgermeister Baumert-Hesselhurst, Herr Postdirektor Stier und Herr Gewerbelehrer Kuß die sich alle in dem Wunsche einigten, daß der Herr Botschafter für sie die nötigen Schritte unternehmen wolle. Herr Reichskommissar von Simmern ergriff dann selbst das Wort,, um den zahlreichen Rednern in Kürze zu antworten. Er selbst könne auch nicht die vielen Wünsche, die ihm vorgetragen wurden, in Erfüllung gehen lassen, doch er werde alles tun, um in Berlin für das schwer bedrückte Hanauerland Unterstützung und Hilfe zu erwirken. Die im gleichen Tonfall vorgetragenen Worte des Herrn Reichskommissars, dem wir volles Vertrauen schenken, wurden lebhaft ausgenommen. Der Besprechung schloß sich eine Rundfahrt durch Kehl und des Hafengebietes an. — Abends wohnte der Rcichskommiffar mit Begleitung einem Gastspiel des Freiburger Stadttheaters an. Bertrrtcrversammlung des Skiklubs Schwarzwald. Offeuburg, 28. Mai. Ter Skiklub Schwarzwald hielt hier seine außerordentliche Vertreterversammlung ab, die von allen Ortsgruppen außerordentlich gut beschickt war. Im Geschäftsbericht wurde u. a. daraus hingewiesen, daß in diesem Jahre vom Ministerium nur 200 Mx. gegen früher 1300 Mk. zunächst zur Verfügung gestellt wurden und dann auf nochmalige Verwendung ein weiterer Zuschuß von 500 Mark. Versuche des Deutschen Skiklubs, das Arbeitsgebiet des Skiklubs Schwarzwald zugunsten des Mitteldeutschen Skiklubverbandes zu verkleinern, wurde energisch zurückgewiesen. Eine längere Aussprache betraf sogar die Frage der Errichtung eines Jugendheimes auf dem Feldberg. Die Frage, ob dieses Heim auch für Aeltere ausgebaut werden soll, fand dadurch eine Erledigung, daß sich der Feldberger Hof bereit erklärt hat, die „Harmonie" auszubauen, die dem Skiklub Schwarzwald zu billigen Preisen zur Verfügung stehen soll. Für die Errichtung eines Jugendheimes wurde eine Kommission bestimmt, die sich auch mit der Frage be- faffen soll, ob nicht^nur im Süden, sondern auch im mittleren und oberen Schwarzwald ein Jugendheim zu errichten sei. Zur Frage, ob Mitglieder und Ortsgruppen des Skiklubs Schwarzwald Veranstaltungen veröffentlichen dürfen, gegen die ein Staatsverbot erlassen ist, wurde in dem speziellen Fall des Skiklubs Kandel (Waldkirch), der aus dem Skiklub Schwarzwald ausgetreten ist und an dessen Veranstaltungen sich die Ortsgruppen Emmendingen und Lahr beteiligt hatten, beschlossen, daß den beiden Ortsgruppen Emmendingen und Lahr eine Verwarnung ausgesprochen wird. Außerdem hatten sich die Vertreter der genannten Ortsgruppen bereitzuerklären, weder offen noch in versteckter Weise an den Veranstaltungen des Skiklubs Kandel sich zu beteiligen. Die beiden Vertreter gaben die Erklärung ab, sagten aber, sie könnten nicht dafür bürgen, daß ihre Vereine auf dem gleichen Standpunkt ständen. Zum Punkt „Verschiedenes" kam zum Ausdruck, daß der Lehrkurs, wie er im letzten Jahre geschaffen war, eine ständige Einrichtung des Skiklubs Schwarzwald bleiben soll. Tie Austragung der Deutschen Skimeisterschaften und der Deutschen Heersmeisterschaft beginnt am 24. Februar 1828. Zur Frage des Jugendheimes ist noch nachzutragen, daß die _ Der Lavdbste ♦ Smsheim er Zei tung. Frage einer Lotterie für das Heim erwogen werden soll, so daß möglichst die Lose im Oktober noch ausgegeben werden können. Zum Streik an der Mannheimer Jngeuieurschnlc. Mannheim, 28. Mai. Bekanntlich war von der Direktion der Mannheimer Ingenieurschule der Unterrichtsbeginn auf den heutigen Freitagvormittag angesetzt. Nur wenige Studierende haben der Aufforderung Folge geleistet, doch wurde der Unterrichtsbetrieb in vollem Umfang ausgenommen. Eine Abordnung der Schülerschaft war in Karlsruhe beim Kultusministerium vorstellig geworden, wurde aber darauf verwiesen, daß die jungen Leute den Unterricht besuchen sollten, da das Ministerium vollkommen auf seiten der Stadt Mannheim und damit der Ingenieurschule stehe. Letzte Telegramme in Kürze. Woroschilow an die Schwarzmeer-Flotte. Riga, 27. Mai. Aus Moskau wird gemeldet, daß der Kriegskommiffar Woroschilow in Sebastopvl eingetroffen ist. Er hielt dort eine Parade der Schwarzmeer-Flotte ab. Nach Schluß der Parade hielt Woroschilow eine Ansprache an die Matrosen, in welcher er ihnen vorhielt, daß die Schwarzmeer-Flotte der Sowjetunion in der nahen Zukunft vor großen Aufgaben stehe. Der Flotte sei der besondere Schutz der Sowjetunion übertragen. Der Kriegs- und Revolutionsrat hat beschlossen, den Kommandeuren der Roten Armee die Gehälter auszubessern. Die geplanten Entlassungen von 6000 Offizieren aus der Roten Armee sind aus unbestimmte Zeit verschoben worden. Entgegen anderslautenden M-ldungen finden die Nachrichten von einer russischen Mobilisierung in Riga keine Bestätigung. Aus Rah und Fern. * Sinsheim, 28. Mai. (Pfingstpaketverßchr.) Die Deutsche Reichspost bittet, mit der Versendung der Pfingstpakete möglichst frühzeitig zu beginnen, damit Anhäufungen in den letzten Tagen vor dem Fest vermieden werden, die Verzögerungen zur Folge haben könnten. Es empfiehlt sich, die Pakete gut zu verpacken, die Aufschrift haltbar anzubringen und den Bestimmungsort unter näherer Bezeichnung der Lage besonders deutlich niederzuschreiben. * Sinsheim, 28. Mai. (Eine Reichszählung der Gebrechlichen.) Im Anschluß gn die Volkszählung von 1925 werden z. Zt. im ganzen Reich die Gebrechlichen gezählt. Die Erhebung soll über die Verbreitung der Gebrechen im deutschen Volk über die Erwerbsfähigkeit und die soziale Lage der Gebrechlichen sowie über einige medizinische Fragen Ausschluß geben. Die Anschriften der Gebrechlichen und die wesentlichen Angaben für ihre Personalbeschreibung ismd bereits bei der Personenftandsaufnahms vom 10. Oktober 1925 vurch eigene Angaben auf den Zählbogen ermittelt worden. Zur Beschaffung von zuverlässigen und in fürsorgerischer, medizinischer, sozialhygienischer, wirtschasts- und sozialpolitischer Hinsicht brauchbaren Ergebnissen müssen die von den Gebrechlichen selbst oder von deren Angehörigen gemachten Angaben genau überprüft und durch Beantwortung wichtiger Fragen ergänzt werden. Es sei noch erwähnt, daß die Angaben lediglich zu statistischen Zwecken verwandt werden, und daß über die im einzelnen Falle gemachten Angaben die Zähler zur Amtsverschwiegenheit verpflichtet sind. * Waibstadt, 26. Mai. (Die Generalversammlung des Berkehrsverein des Schwarzbachtales) erfreute sich der Teilnahme aller dem Verbände angeschlosscnen Gemeinden. Der seitherige Vorsitzende Herr Postmeister Diehm-Waibstadt erstattete den Tätigkeitsbericht, der Zeugnis von der großen Rührigkeit und Arbeit der Vereinsleitung ablegte. Uneingeschränkte Anerkennung wurde dem nunmehr aus unserem Schwarzbachtale scheidenden Herrn Postmeister Diehm für seine selbstlose aufopferungsvolle Hingabe für die Berkehrsinteresscn des Schwarzbachtalcs ausgesprochen. Die Neuwahl hatte folgendes Ergebnis: 1. Vorstand Konditor Karl Haaf, 2. Vorstand Ratschrciber Schumacher, Schriftführer und Rechner Buchdruckereibesitzer Konrad. Eine lebhafte Aussprache rief die von der Direktion der B. L. C. A. G. beabsichtigte Stillegung der Nebenbahn Neckarbischofsheim-Hüs- fenhardt hervor. Der Vertreter des Bezirksamts, Herr Regierungsassessor Goll, sowie die Vertreter der an der Nebenbahn beteiligten Gemeinden, insbesondere Herr Bürgermeister Ahlheim und Herr Echmidt-Neckarbischofsheim setzten sich lebhaft für alle zu ergreifenden Maßnahmen zur Erhaltung der Bahn ein. Der Verein selbst mußte sich nach Sachlage der Dinge vorläufig mit einem energischen Protest begnügen. J Neckarbischofsheim, 27. Mai. (Verschiedenes.) Das angesagte Konzert des Echwimm-Vcreins Mannheim findet wegen der Beerdigungsfeier nicht statt. — Heute verläßt uns Herr I. Eißler mit Familie, der letzte Aufseher am hiesigen Amtsgefäng- nis. % Reckarbischofsheim, 27. Mai. (Das Missions- und Gustao- Adolfsfest) des Kirchkreiscs Neckarbischofsheim wurde am Himmel- fahrtsfest beim herrlichsten Frühlingswetter in der schön mit Blumen geschmückten hiesigen Stadtkirche gefeiert. Die Beteiligung der Missionsfreunde war eine sehr große. Herr Pfarrer Hopp sprach das Eingangsgebet und begrüßte die Festgemeinde mit erhebenden Worten. Die gewaltige großzügige, inhaltsreiche Festpredigt von Herrn Geh. Kirchenrat D. Klein Mannheim bell tcktetc die Mistüns und Gustao-Adolfs-Ar.• t im der leuchtete die Missions- und Gustav-Adolfs-Arbeit im Licht der Zeitgeschichte und wies nach, daß nur der Christ, der vom Tod zum Leben durchgedrungen ist, ein rechter Mitarbeiter ist im Reich Gottes, denn er liebt den Bruder. Den Jahresbericht erstattete Herr Pfarrer Gilbert von Reichartshausen. Es hat aiMnehm berührt, daß man nicht nur Zahlen zu hören bekam, sondern auch recht erbauliche und gesegnete Worte. Herr Missionar Schweikart aus Indien berichtet an der Hanö der Apostelgeschichte über Widerstände und Fortschritte des Evangeliums in China, Indien und Afrika. Troß der Unterbrechungen durch den Weltkrieg zeigen sich jetzt offene Türen in der Heidenwelt, Mit großer Aufmerksamkeit folgten die Zuhörer den anregenden Ausführungen. Ein kräftig und frisch vorgetragenes Solo von Fräulein Ritter erhöhte die Feststimmung. Ausgezeichnetes boten der Kirchenchor mit Orgelbegleitung unter der Leitung des tüchtigen DirigeMen Herrn Lehrer Fle!g. Mit Gebet, Dank und Segen schloß der Ortsgeistliche Herr Pfarrer Hopp die schöne erhebende Festseier. Das Festopfer betrug 106 Mark. t Bad Rappenau, 27. Mai. (Konzert.) Gestern Abend fand hier im Gasthof zur Krone ein Konzcrtabend der Musikvirtupsen Brothers Darlington vom Albert Schumann-Theater in Frankfurt a. M. statt, der außerordentlicher Anklang fand. O Reckarbischofsheim, 27. Mai. (Gestorben.) Heute früh ist nach kurzer Krankheit Privatier Karl Zweydinzer im hohen Alter von 85 Jahren gestorben. Der Verstorbene war viele Jahre hindurch Besitzer der Bierbrauerei und Wirtschaft zur Linde, die er vor mehreren Jahren einem seiner Söhne übergab, um sich nach segensreichem Schaffen in den wohlverdienten Ruhestand zu begeben. Er erfreute sich allgemein großer Beliebtheit und Samstag, den 28. Mai 1927. Wertschätzung und war ein weit über die Ortsgrenzen hinaus bekannter und geschätzter Mann. O Reckargemünd, 27. Mai. (Verunglückt.) Heute Nachmittag kam an der gefährlichen S-Kurve am östlichen Eingang der Neckarbrücke ein Motorradfahrer mit einer Dame zu Fall, wodurch Rad und Fahrer über die Böschung geschleudert wurden. Die verletzte Dame wurde gleich von einem in Richtung Heidelberg zufahrenden Auto mitgenommen. ep Heidelberg, 24. Mai. (Der Evang. Pfarrverein), die Standesorganisation der evang. Geistlichen Badens, wird feine ordentliche Hauptversammlung am 6. und 7. Juni hier abhalten. Am ersten Tag (Pfingstmontag) findet abends eine vorbereitende Sitzung des Gesamtvorstandes statt; die Hauptversammlung am zweiten Tag wird durch eine Andacht von Pfarrer Maas hier eröffnet werden und sich mit den Berichten, mit den Wohlfahrtseinrichtungen des Pfarrvereins und mit der Besoldungsordnung und anderen Standesfragen beschäftigen. Die Verhandlungen finden im Gemeindesaal der Providcnzkirche statt. A Weintzeim, 27. Mai. (Merkwürdiger Vorfall.) Vom Gorr- heimer Tal erschien am Samstag vormittag plötzlich ein nackter Mann in der Stadt, der mit Oelfarbc bestrichen war. Da er vor Kälte so erstarrt ivar, daß er nicht sprechen konnte, wurde er ins Krankenhaus eingcliefert. — Mannheim, 28. Mai. („Du und das Tier!") In den Mittelpunkt seiner Werbetage für den Tierschutz, den 28. und 29. Mai an denen der Tierscbutzverein Männheim-Ludwigshafen. an die Oeffcntlickkeit herantritt, wird das große Sommerfcst am 28. Mai abends im Jriedrichspark gestellt werden, das schon ietzt nach den bisherigen Vorbereitungen zu schließen ein Ereignis zu werden verspricht. Dieses Fest, das eine Reichhaltigkeit in seiner Vortragsfolge bieten wird, wie das bei ähnlichen Festen bis jetzt noch nicht erreicht wurde, ist ein bunter Abend an dem hauptsächlich Mitglieder des National-Theaters Mitwirken. Am Nachmittag wird ein Kinderfest veranstaltet u. a. wird ein Kinderwagenkorso stattfinden, bei dem die am schönsten aus- gestatteten und geschmückten Kinderwagen prämiiert werden. Die große Werbeveranstaltung, die unter Alfred Landorys Leitung steht, will sich unter den Maiveranstaltungen als einen Weckruf dartun und alle Natur- und Tierfreunde stärken in ihrem schweren Kampf um den Schutz und das Recht der verfolgten Tierwelk. Der Reinerlös aus dem Feste soll zum Zwecke des Tierschutzes verwendet werden, und es hat sich gezeigt, daß die Künst dabei dem Tiere ihre sprichwörtliche Treue hält, wenn es gilt feine Not lindern zu helfen. Mögen reckt viele den Dank in der Weise zollen indem sie regstes Interesse den Veranstaltungen entgegenbringen. Am Sonntag, 29. Mai soll eine Straßensammlung die Ticrsckutztage beschließen. ** Mauuheim, 28. Mai. (Glockenweihe.) Die katholische Pfarrgemeinde Mannheim-Neckarau hat neue Glocken bekommen. Ein großer Festzug begleitete am Mittwoch.nachmittag die sechs neuen Glocken von der Bahn zum Marktplatz, wo Stadtpfarrer Berberich das neue Geläute , in Empfang nahm. Am Donnerstag nachmittgg fand die feierliche Weihe der Glocken durch Prälat Bauer statt. ** Mauuheim, 28. Mai. (Familiendrama.) Gestern nachmittag hat sich ein auf dem Waldhof wohnender 85jäh- riger Händler, dessen Frau ihn vor einigen Tagen verlassen hat, mit seinem zwei Jahre alten Kind in die Wohnküche eingeschloffen und hat ben Gaßhahn geöffnet. Noch rechtzeitig hat er aber die Küche verlassen und die Nachbarsleute znsammengerufen, worauf er zusammenbrach. Der herbeigerufene Arzt hat die Ueberführung des Mannes infolge Gasvergiftung in das Krankenhaus augeordnet. Das Kind trug keinen Schaden davon. Ans einem Brief soll hervorgehen, daß er die Absicht hatte, mit dem Kinde aus dem Leben zu scheiden. Lebensgefahr besteht nicht. ** Heidelberg,. 28. Mai. (70. Geburtstag.) Der ehemalige Ordinarius für Chemie an der Heidelberger Uni-' versität, Geheimrat Professor Dr. Theodor Curtius, kann* heute seinen 70. Geburtstgg begehen. Ein Vierteljahrhundert hat Theodor Curtius mit großem Erfolge an der Heidelberger Universität gelehrt, 1899 wurde er dorthin als Nachfolger Viktor Mayers berufen. Durch seine Entdeckungen ist Theodor Curtius auch im Auslanbe bekannt und berühmt geworden. Ihm ist u. a. die Auffindung des Hydrazin und die Entdeckung ber Stickstoff-Wasserstoffsäure zu danken. ** Ziegelhausc« bei Heidelberg, 28. Mai. (Das Auto im Neckar.) Ein Chauffeur aus der Pfalz wollte mit seinem kleinen beladenen Lieferwagen auf der Straße wenden, als plötzlich der Motor still stand. Der Chauffeur stieg aus dem Wagen, um nach der Ursache zu sehen. Als der Motor wieder funktionierte, fuhr plötzlich der Wagen rückwärts der Böschung entgegen. Die Gefahr erkennend, sprang der Chauffeur hinzu und zog eine Bremse. Der Wagen befand sich aber schon im Gleiten und sauste, allerdings mit vermin- bertem Tempo, die dort sehr steile Böschung hinunter in den Neckar hinein, ohne sich zu überschlagen. Nach kurzen Bemühungen konnte der Wagen wieder ans Land gebracht werden, ohne nennenswerten Schaden erlitten zu haben. ** Bruchsal, 28. Mai. (Motorradunglück.) Am vorgestrigen Abend verunglückten zwischen Monzingen und Neuenburg zwei Bruchsaler: der Mechanikermeister Karl Ricker und der Säger Bernhard Lampert. Eine scharfe Kurve konnte der fahrende Lampert nicht ganz nehmen, das Motorrad rannte auf die Böschung und beide Fahrer wurden mit dreifachem Ueberschlagen in das Feld geschleudert. Bei dem am Steuer sitzenden Lampert konnten äußere Verletzungen schwerer Natur nicht festgestellt werden, während Ricker als Soziusfahrer einen Bruch des Nasenbeins und des Unterkiefers sowie eine Rückenverletzung davontrug. ** Karlsruhe, 28. Mai. (Selbsttötungsversuch.) In der Nacht zum Donnerstag schloß sich ein in Rüppurr wohnhafter pensionierter Lokomotivführer in seine Küche ein und öffnete ben Gashahnen. Durch einen herbeigerusenen Polizeibeamten konnte die Türe gewaltsam geöffnet und der Lebensmüde an der Ausführung seines Vorhabens gehindert werden. Das Motiv ist unbekannt. ** Karlsruhe, 28. Mai. (Autounfall.) Der Führer eines Personenkraftwagens, ein verheirateter 44 Jahre alter Zahnarzt aus Pforzheim fuhr gestern abend kurz nach sieben Uhr in der Ettlinger Straße hinterm Hauptbahnhof auf der linken Seite der Fahrbahn auf ein in entgegengesetzter Richtung mit den Fahrrädern auf der rechten Seite stehendes Maschinenarbeitersehepaar, wobei die 45 Jahre alte Frau über den Kühler hinweg auf die Straße und deren Ehemann auf den Gehweg geschleudert wurde. Tie Frau wurde am Kopfe erheblich verletzt und mittelst Krankenauto in das' Städtische Krankenhaus verbracht. Der Führer des Krast- umgens wurde festgenommen. ** Freiburg, 28. Mai. (Besuch des Staatspräsidenten im Krüppelheim.j Staatspräsident Tr. Trunk besuchte mit seiner Gemahlin in Begleitung des Oberbürgermeisters Dr. Bender das hiesige Krüppelheim. Bei dem Rundgang durch das Heim erkundigten sich die Besucher eingehend nach den Verhältnissen jedes Zöglings. Beim Abschied wurden die Nr. 85. Jahrgang 1927. Der Landbote * Sinsheimer Zeitung. Vamstag, den 28. Mai 1V27. Zöglinge und das Heim von Herrn und Iran siaaisprasi- Lcnt Trunk mit einer dankenswerten Zuwendung bedacht. ** Lt. George« i. Lchw., 28. Mai. (Gasthofeinbruch.» Ei» Einbruchdiebstahl wurde vergangene Nacht hier im Gasthos zum „Schwarzmälder Hof" verübt. Die Diebe drangen in das Wirtschaftslokal und in die Metzgerei ein und entwendeten Fleisch- und Wurstwaren sowie Zigarren und Zigaretten. Auch ein in der Wirtschaft stehendes Fahrrad ließen sie mitlaufcn. ** Schöna«, 28. Mai. (Jahrestag.) Am 26. Mai jährte sich der Tag. an dem das Städtchen von einem großen Brand heimgcsucht wurde. Damals brannte ein ganzer Stadtteil nieder. Tank der Zuwendungen von Staat und städtischen Behörden gelang es, alles wieder aufzubauen. Man glaubt, noch im Laufe dieses Sommers damit fertig zu werden. ** Schweigern (bei Boxberg), 28. Mai. (Ein Autounglück.) Ein von Mergentheim kommendes Auto, das nach Würzburg wollte, hotte den Weg verfehlt und kam durch den niedergegangenen Regen beim Ortseingang ins Rutschen. Durch schnelles Bremsen überschlug sich dasselbe und stürzte die Straßenböschung hinab, wobei eine der Insassen, die Frau eines Geheimrats von Würzburg, schwer verletzt wurde. Dem Chauffeur wurde von der zerbrochenen Scheibe' die Hand erheblich verletzt. Die übrigen Insassen kamen mit dem Schrecken davon. ** Basel, 27. Mai. (Zur Verhaftung des Nationalbank- kassicrs Keßler.) Der wegen großer Unterschlagungen verfolgte Nationalbankkassier Keßler ist in London verhaftet worden. Keßler war an Ostern aus Zürich verschwunden. Am Gründonnerstag hatte man auf dem Zürichsee ein leeres Motorboot gefunden, das von dem als außerordentlich zmierlässigen geltenden Nationalbankagenten Keßler zu einer Ausfahrt benützt worden war. Anfänglich glaubte man, daß ihm ein Unfall zugestoßen sei. Später schöpfte die Polizei Verdacht, setzte sich mit der Leitung der National- banksiliale Zürich in Verbindung und eine Revision der unter Keßlers Obhut stehenden Bestände ausrangierten Noten ergab das Fehlen einer halben Million Franken, in der Hauptsache Tausendernoten. Man hatte auch erfahren, daß sich Keßler kurz vorher einen Paß hatte ausstellen lassen. Tie Fahndung setzte sofort ein. Sie ergab, daß der Flüchtling nach England gereist war, um dort in der Weltstadt London unterzutauchen. Nun hat ihn das Schicksal erreicht. Schweres Autounglück bei Friedrichsfeld Auf der Straße zwischen Seckenheim und Frieörichsfeld, wo in der Nähe der Arbeiterhäuser der Deutschen Steinzeugwarenfabrik eine scharfe Kurve beginnt, ereignete sich am Himmelfahrtstage, vormittags 11 Uhr, ein erschütterndes Unglück. Der Turnverein Seckenheim hatte einen Ausflug nach Diisberg unternommen. Ein Mitglied des Vereins, der 2? Jahre alte Schreiner E. Gärtner, hatte den Anschluß ersäumt und war mit seiner Braut, der Zigarrensortiererin Walter, unterwegs nach dem Bahnhof Friedrichs- fled, um von dort aus seinem Verein zu folgen. Sie befanden sich auf der rechten Wegseite, als ein Auto von rückwärts nahte. Anscheinend im Gespräch vertieft, wurden sie durch das plötzliche Erscheinen des Auros bestürzt und versuchten, nach links auszuweichen, machten aber gleich darauf einen Sprung nach rechts auf den Rasen (die Straße hat keinen Seitenweg). Der Chauffeur verlor aber anscheinend gleichfalls den Kopf und im nächsten Augenblick lag das Paar unter dem Wagen. Ihre Verletzungen waren so schwer, daß die beiden alsbald starben Sie zeigten vor allem schwere Kopfverletzungen mit großem Blutverlust. Dem jungen Mann war das Gehirn ausgetreten. Der Chauffeur, der 25 Jahre alte Friedrich Fischer, wurde festgenommen. Die Verunglückten wollten zu Pfingsten heiraten. Weitere Verhaftungen in der Knielinger Stratzenranbassäre. ** Karlsruhe, 28. Mai. Am Dienstag und Mittwoch erfolgten in der obengenannten Affäre weitere Verhaftungen. Auf der Chaussee Maxau—Knielingen wurde durch ein großes Beamtenaufgebot am Dienstag der Plattenleger Ludwig Rinck von Knielingen festgenommen, am Tage darauf mehrere Familienangehörige des Rinck, die in die Straßenräuberaffäre insofern verwickelt sind, als das Geld, mit dem der verhaftete Stratzenräuber Seifried über die französische Grenze fliehen wollte, bei den Rincks anscheinend versteckt gehalten worden war. Der Täter Seifried wurde mit dem Auto nach Knielingen gebracht, da man annimmt, daß hier das geraubte Geld vergraben liegt. Die Familienangehörigen Rincks, mit Ausnahme eines Bruders und einer Schwägerin, sind inzwischen aus der Haft atlassen worden. Tschitscheri« i« Frankfurt am Mai«. Frankfurt a. M., 28. Mai. Wie das „Berliner Tageblatt" aus Frankfurt a. M. meldet, ist Tschitscherin, aus Paris kommend, dort eingetroffen. Er hat sich dort wieder in ärztliche Behandlung begeben, um die vor mehreren Monaten begonnene Kur fortznsetzen. Pinedo gerettet. Berlin, 23. Mai. Wie die Abendblätter aus Rom melden, befindet sich der italienische Transozeanflieger de Pinedo an Bord des italienischen Dampfers „Superga". 84 Unfälle beim Badverg-Viereck-Renueu. Chemnitz, 28. Mai. Bei dem sogenannten Badberg-Vier- eck-Rennen, das am Himmelfahrtstag zum ersten Mal stattfand, ereigneten sich 64 Unfälle, bei denen es sich allerdings größtenteils um leichte Stürze von Fahrern und weniger schweren Unfällen des Publiums handelte. Bei dem Rennen der 1006 ccm-Motorräder wurde ein neunjähriger Knabe, der über die Straße lief, umgefahren und getötet. Der Fahrer wurde vom Rad geschleudert und erlitt ebenfalls ernste Verletzungen. Schweres Autounglück i» Frankreich. Paris, 28. Mai. In Lons le Saunier überschlug sich infolge Reifenbruches ein Auto, wobei drei der Insassen auf der Stelle getötet wurden. Mehrere Personen, darunter Frau Freemann, eine geborene Prinzessin von Bourbon, wurden schwer verletzt. Flugzeugabsturz in Frankreich. Paris, 28. Mai. Ueber Le Bourget stießen zwei Militärflugzeuge zusammen. Der Führer des einen Apparates wurde getötet, während der andere sich mit Hilfe feines Fallschirmes retten konnte. Schnellzug überfährt ein Auto. Paris, 26. Mai. Ein furchtbares Autounglück ereignet« sich in der Nähe von Arles. Der Schnellzug Marseille—Paris stieß an einem Straßenübergang mit einem Auto zusammen und zertrümmerte es vollständig. Die drei Insassen ein Arzt, eine Kmn- kenschwester und ein Landwirt, der für seine erkrankte Frau Hilfe hatte herbeiholen wollen, wurden sofort getötet. Schweres Eisenbahnunglück in Spanien. Bisher 11 Tote aus den Trümmern geborgen. Madrid, 26. Mai. In der Nähe des Bahnhofs Pulpi an der Grenze der Provinzen Almaria und Murcia ereignete sich ein schreckliches Eisenbahnunglück. Ein mit Erzen beladener Eisenbahnzug prallte auf einen Postzug von drei Wagen auf, die sämtlich zertrümmert wurden. Bisher wurden elf Tote und eben- foviele Schwerverletzte geborgen. Sturm in Norfolk. Norfolk, 26. Mai. Infolge eines Sturmes in den Bezirken von Norfolk und Portsmouth wurden 6 Personen getötet und mehr als 30 verletzt. Schweres Autounglück. Londou, 28. Mai. In Richmond, einem Vorort Londons, ereignete sich ein schweres Automobilunglück. Autodiebe leisteten der Forderung eines Schutzmannes, anzuhalten, keine Folge, sondern sprangen aus dem Wagen heraus, worauf das Auto in voller Fahrt weiterfuhr. Zwei Personen wurden getötet, mehrere schwer verletzt. Ein amerikanisches Schiff auf der Probefahrt gerammt 318 Mensche« in Todesgefahr — Hilfeleistung durch Nebel erschwert. Newyork, 28. Mai. Das amerikanische Schiff „Malolo" der Matson Linie ist auf einer Probefahrt beim Nantucket- Leuchtfeuer (Neu-England) von dem norwegischen Frachtschiff „Jakob Christensen" im dichten Nebel gerammt worden. Es sandte verzweifelte Radiohilfernfe ans. Das Master soll nach den spärlich einlaufenden Nachrichten bereits in 4 Fuß Höhe den Maschinenraum bedecken. An Bord befinden sich keine Passagiere, aber 310 Mann Besatzung. Das Schiff war der Matson Line noch nicht übergeben worden. Die Schiffe „Mauretania", „President Roosevelt", „Corinthia", Samaria", „Lancstria", sowie Zerstörer von Neu-London sind bereits zur Hilfeleistung abgegangen, können aber kaum vor Mitternacht bei der „Malolo" eiu- treffen. Die „Malolo" war das größte und schnellste Schiff, das jemals in Amerika gebaut wurde und sollte in den Pazi- fik-Hawai-Dienst eingestellt werden. Die letzten Meldungen über den Zusammenstoß der „Malolo" mit Jakob Christensen" besagen, daß beide Kestelräume und der Mascbiuen- raum der „Malolo" unter Wasser sind, so daß das Schiff unfähig ist, sich zu bewegen. Beim „Jakob Christensen" ist der Bug eingedrückt, doch kann er langsame Jabrt in Ricb- rung Newyork machen. Die Auffindung der „Malolo" ist durch dichten Nebel behindert. Zerstörer und Küstenwachtschiffe sind bereits um 6 Uhr nachmittags amerikanischer Zeit ausgelaufen. Der nächste Rettungsdampfer ist „Gulf- land" doch hat er den Dampfer „Malolo" bisher nicht finden können und mutz sehr vorstchtiq fahren, um nicht eine zweite Kollission herbeizuführen. Seeschlepper sind ebenfalls bereits unterwegs, um den Dampfer einzuschleppen, falls die Aussicht besteht, daß er über Wasser bleibt. Gasexplosion i« Texas. Rewyork, 28. Mai. In Sanford in Texas wurden bei einer Gasexplosion zwei Mann getötet, sieben verletzt und vier vermißt. Zwanzig Millionen Kubikmeter Gas entzündeten sich unter Entwicklung einer Stichflamme von hunder-, ten von Metern Höbe. ' 6piel-lau des Städtischen Theaters Heidelberg Montag, 30. Mai, 8—IOV 2 Uhr (A): Dover-Calais. Dienstag, 31. Mai, 8—10y 2 Uhr (Halbe Preise): Der Kaufmann von Venedig. Mittwoch, 1. Juni, 8—11 Uhr (E): Die Csardasfürstin. Donnerstag, 2. Juni, 8—10(4 Uhr: Das Ekel. Freitag, 3. Juni, 8—11 Uhr: Boccaccio. Samstag, 4. Juni, 8—10Vs Uhr (B): Der Mantel. Gianni Schicchi. (Erstaufführung.) Sonntag, 5. Juni, 8—lOtys Uhr: Dover-Calais. Montag, 6. Juni, 8—11 Uhr: Eine Nacht in Venedig. Neueste amtliche Kurse vom 27. Mai 1927. mltgeteilt von der Dereinsbank, e. G. m. b. H. Sinsheim. bnleiDu: in 0,0 Ablösunasschuld mit Auslosungsschein . ZU ohne Auslosungsschein . . 181/8 Bankaktie«: in o/o Bad. Bank . 153 Darmftädler- und Nationalbank ?»4 Deutsche Bank . . . 165 Deutsche Vereinsbank . lc6 Dresdner Bank . 164V2 Mitteldeutsche Kreditbank . 211 Retchsbank . 1671/2 Rhein. Eredttbank . . 1343/4 Siidd. Dtsconto Ges. . 150 Bergwerk»» Aktie» in 01 0 t arpener Bergbau . .193 alt Wcsteregeln . . . i6f> Mannesmunnröhrsnwerke. . 181 Mansfelder Bcrgb. u.Hüttenw. lHVt Oberschl. Etsenb. Bedarf . . I00Ve Phönix Bergbau u.Hüttenbetrieb 1241/3 Salzwerk Hellbronn . . — Bereinigte Königs- Laurahütte — Aktie« induftr. Unt« enehmungen: in 0/0 Allg. Elektr. Etamurak.tien 174 Badenia Wetnheim . — Bad. Elektrizität Mannheim . 0,0« Bad. Maschine« Durlach . . HI Cementwerk Heidelberg . 160,10 Daimler Motoren . . . lil Dtfch. Gold- und Silberschetde I 9 M /4 Elektr. Licht und Kraft . . lai Ematll. und Stanzwerk Ullrich 52 Farbeninduftrie ... 283 Fuchs Waag»« Stammaktien — Grttzner Maschinen Durlach . Ns Karlsruher Maschinen . . — Knorr Heilbronn . . . 192 Matnkraftwerke Höchst . . 1301/4 Neckarsulmer Fahrzeuaiverke . >2 »ft« Schuckert Elektr. Nürnberg . 174 Setltndustrte Wolfs ... 90 Südd. Zucker .... 1 451/4 Zellpost Waldhof Stammaktien 27ii / s Aktie» deutscher Transportanftalten: in Olo amburg. Amertk. Paketsahrt 130,10 etdelberger Straßen- u. Bergbahn 73 orddeutscher Lloyd . . 191 Devise«: Geld Brief New-Iork l Dollar 4,3152 4,2233 London 1 Pfund 20,48 30,53 Holland 100 Gulden 168,82 169,1« Schweiz 100 Francs 81.11 81.37 Wien 100 Schilling 59.32 59,44 Baris 100 Francs 16 507 16.647 Italien 100 Lire 23.03 23.07 Marktberichte. Schweinemarkt Eppingen vom 27. Mai. Der heutige Schweinemarkt war beschickt mit 335 Milchschweinen und 87 Läufern. Die Preise der ersteren waren 30—45, der letzteren 50—95 Mark. Schweinemarkt in Wiesloch vom 27. Mai. Der heutige Schweinemarkt war befahren mit 119 Stück Milch- fchweinen. Verkauft wurden 110 Stück. Niedrigster Preis 30 Mark, höchster Preis 55 Mark, häufigster Preis 38 Mark pro Paar. Heidelberger Wochenmarktpreise vom Freitag, 27. Mai. Kartoffeln 8—9 Pfg., neue ausl. Kartoffeln 20—25, neuer Wirshing 20—25, Blumenkohl 50—160, Rhabarber 10, Mangold 10, Spinat 18—20, Erbsen 60, Tastläpfel ausl. 120, Kirschen 70 bis 80, Kopffalat Stück 5—12, Schlangengurken 40—80, Rettig Et. 5—12, Rettig Bund8—10, Radieschen Bd. 8-10, Tomaten 100—150, Spargel 1. Wahl 100—120. 2. Wahl 70 - 80, 3. Wahl 56—60, Stachelbeeren 50. Karotten per Gebund 12 — 15 , große Gebund 75 bis 80, gelbe Rüben rotfleischig 10—12, rote Rüben 10—12, Kohlrabi 15 — 18, in- und ausländische Zwiebeln 18 — 20, Sellerie 1 Pfund 15, Meerrettig 1 Stange 20—60, Landeier 10—13, Landbutter 170—180, Erdbeeren, Ananas 20> Pfg. Evangelischer Gottesdienst. Sonntag, 29. Mai 1927. Exaudi. 12 IO Ahr : Gottesdienst. Etadtoikar Wülste i/ 2 ll Ahr: Christenlehre. Dekan Eisen 1 Ahr: Kindergottesdienst. Sladtoikar Wülste. Elektrische Installationen Beleuchtungskörper Grosse Auswahl Billige Preise! Elektr. Apparate Elektrizitätswerk und Farbenhaus Lehr Telefon 182 größte Produktiou der Welt bequeme Teilzahlung Reparatu rwerkstätte Anton Schmitt, Mechanikermeister, Sinsheim Tel. 176 Hauptstraße 554 Tel. 176 Bekanntmachung. Hundesteuer. In der ersten Hälfte des Monats Juni ist jeder über drei Monate alte Hund von den hier ansässigen Besitzern schriftlich oder mündlich bei der Stadtkaffe zur Versteuerung anzumelden und die Steuer nebst Zuschlag sofort zu entrichten. Die Steuer beträgt einschließlich Zuschlag für einen Hund jährlich 24 RMK. Alles Nähere ist aus der Bekanntmachung in den Anschlagkästen ersichtlich. Sinsheim, den 27. Mai 1927. Gemeinderat. Tüchllge Maurer gesucht. Zu melden vostbauleitung Sinsheim. 5 Jahre alte, gute Hotz- 0. Schafftob mit schönem Tochterkalb zu verkaufen. | oba beizi 1 I_ WAHEREtHTEjJ W» PA« Karl 6o«mer, Gr»«bach . Ein 3 eme«toichtrog 2Mir.lang, hat zu verkaufen Jakob Allgeier, Maurer Rohrbach bei Sinsheim. Hochdruck- Gartenschläuche nebst Zubehör Schlauchwagen Schlauchrollen j | Seit 53 Jahren billigste u. gute Bezugsquelle I GammiOppenheimer, Mannheim I E 3, 1 u. 17 Tel. 319 23 Gummi-, Asbest und Maschinenbedarfsartikel. — Vertreter gesucht. — Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme bei dem Hinscheiden meines lieben Mannes Hermann Weber^ Telegraphenassistent sage ich auf diesem Wege für die zahlreiche Leichenbegleitung sowie für die vielen Kranzspenden meinen herzlichen Dank. Besonderen Dank Herrn Oberpostmeister Brecht für seine ehrenden Worte am Grabe und Kranzniederlegung im Namen der Beamten und Angestellten des Postamts Sinsheim. Ferner danke ich dem Beichsverband der Deutschen Telegraphenbeamten, sowie dem Militärverein Sinsheim für ihre Kranzniederleguugen. Marie Weber, geb. Schmidt. Sinsheim, den 28. Mai 1927. BREMEN-CANADA Die Cintoanderung naefr Canada für CLngeßöripe dCCer Berufe freigegeben* Nähere Auskunft übet ^en und Abfahrten direkt nach ^ eilt Norätafseher 5 * ^ und sdüiz'-' ' Sinsheim: Georg Eiermann Ww., Eise....: r... Neckarbischofsheim: Max_Jeselsohn, Hauptstr. 4._ Schriftlettnng: H. Kecker: Druck und Verlag: ®. Keckerfch« Buchdruckerri tu Stmfccba. Rr. 85. Jahrgang 1927. Samstag, den 28. Mai 1927. Statt Panslawismus Osteuropaismus. Man hat jahrelang unter Panslavismus eine Bewegung verstanden, deren Ziel eS ist, Me flavischen Völker unter der Führung Rußlands politisch zu einem gemeinsamen Gebilde zu vereinigen. Die Entstehung des Panslavismus fällt in die zweite Hälfte des IS. Jahrhunderts. Durch die Vernichtung öG großen russischen Reiches und die Entstehung einer gänzlich neuen, der bisherigen Weltordnung fremden Macht im Osten, sind die panslavisttscheu Bestrebungen in Europa stark in den Hintergrund getreten. An ihre Stelle traten der Sowjetismus und der Balkanismus. Durch die trotz aller inneren Hemmungen zweifellos unaufhaltsam fortschreitende neue Staats- und Wirtschaftsreform in Rußland einerseits und durch die trotz aller Kongreffe der Kleinen Entente sich vollziehende Ausscheidung auf dem Balkan andererseits, ist die Frage des Panslavismus wieder akut geworden. Die außerordentlich gespannte Lage zwischen Moskau und London hat eine gänzlich neue Wendung in die europäische Politik getragen und sie hat der russischen Diplomatie das Signal zur Mobilisierung ihrer Europapolitik gegeben, die sie in der letzten Zeit in stiller Reserve gehalten hatte. Hinzu kommt, daß die russische Politik im fernen Osten festgefahren ist. Die türkisch-jugoslavischen Annähe- rungsbestrebungen geben klar zu erkennen, daß sich die Moskauer Regierung ihres türkischen Freundes und Verbündeten bedient, um möglichst noch vor Beginn der nächsten Völkerbunürats-Sitzung wieder einen Ersatz für den verloren gegangenen Einfluß auf die Weltpolitik in die Hände zu bekommen. Gelingt es der Sowjet-Politik, auf dem Balkan festen Fuß zu faffen — eine Tatsache übrigens, die dem Balkanismus den letzten vernichtenden Stoß erteilen würde —, so würde damit ein gänzlich neues osteuropäisches Problem aufgeworfen. Es wirb von verschiedenen Seiten darauf hingewiesen, daß durch ein Wiederfußfaffen der russischen Politik auf der Balkan-Halbinsel der alte, viel gefürchtete Panslavismus, nur in einem neuen Gewände wtederkehren würde. Ob sich diese Vermutungen bestätigen, wird allerdings in hohem Maße von der Einstellung der leitenden Balkan-Staatsmänner zu einer solchen Bewegung abhängen. Es ist darum nicht unintereffant, an dieser Stelle einige Ausführungen des tschechoslowakischen Außenministers Dr. Eduard Bcnesch, die mir dieser Tage überlaffen wurden, wiederzugeben: „Der Begriff Panslavismus wurde in seiner Vieldeutigkeit stets verschieden angewandt und rief schon dadurch schwere Mißverständniffe hervor. Die Erforschung seiner Geschichte und seiner Entwicklung zeigt, daß der politische Panslavismus vom Kampfplatz der europäischen Politik für immer verschwinden und baß das, was seine Gegner zu Unrecht Panslavismus heißen, in der politischen Terminologie endlich anders genannt werden sollte, damit den Mitzver- ständnissen oder dem absichtlichen Mißbrauch einer Sache, die ein Phantom ohne reellen Untergrund ist, ein Ende gemacht wird. Der sogenante „kulturelle Panslavismus" war vor dem Kriege in gewiffem Maße der politischen Ordnung in Europa, soweit die flavischen Völker nicht frei und vereinigt ntkren, eine Gefahr. Nach dem Weltkriege ist er etwas wesentlich anderes: er ist die kulturelle Beziehung der freien flavischen Staaten, wie wir sie auch bei den Angelsachsen, Romanen, Deutschen, Skandinaviern usw. sehen. Er wirb nicht verschwinden, und niemand hat bas Recht, sich dagegen zu wenden, noch braucht er ihn zu fürchten. Er füllt zusammen mit der internationalen Politik eines flavischen Staates zum anderen. Für mich gehört der politische Panslavismus, so, wie er vor dem Kriege aufgefaßt wurde, der Vergangenheit an, ebenso wie heute der Panrussismus tot ist und tot sein muß; bas andere, was bisher zu Unrecht Panslavismus geheißen wurde, will ich mit wahrem Namen genannt wiffen. Uebri- gens sind die'Balkanslaven heute frei und vereinigt, und man kann in Balkan-Fragen nicht mehr von Panslavismus reden. All dies hat, wie ich soeben angedeutet habe, durch den Weltkrieg, die neue Organisation Europas, die Befreiung und Vereinigung der flavischen Völker und die russische Revolution eine solche Wandlung erfahren, daß es nicht schwer sein wird, den richtigen Standpunkt einzunehmen. Aus all diesen Gründen war und bin ich gegen den Panslavismus. Ich betrachte ihn als tot. Wenn alle flavischen und nichtslavischen Nationen diesen Standpunkt begreifen, werden sie der Konsolidierung der neuen Berhältniffe in Europa und dem dauernden Frieden einen großen Dienst erweisen. Trotzdem bleiben Men oder wenigstens einigen flavischen Völkern manche gemeinsame materielle und geistige Fnter- effen: sie werden in Zukunft zu einer Zusammenarbeit füh- peinigten seine Seele bis zur Unerträglichkeit; unruhig, gleich einem Typhuskranken, warf er sich hin und her, und als es ihm endlich gelang, fein eingezwängtes Denkvermögen zu befreien von all den phantastischen Schrecknissen, als es ihm möglich wurde, die Augen aufzuschlagen, war er in glühenden Schweiß gebadet. Aufgeregt fuhr Anatol empor und lief, nach Atem ringend, die Zelle auf und ab. Allmählich aber wurde er ruhiger, der wilde Herzschlag sänftigte sich, als er in seinem Rückblick auf den gestrigen entsetzlichen Tag bei dem gütigen Polizeiasseffor angelangt war. Hatte dieser nicht gesagt. „Wenn du wirklich unschuldig bist, dann wird das Gericht das schon herausbringen?" So faßte er Hoffnung, faßte er Mut, vertrauend auf Gott und fein reines Gewissen. Fünftes Kapitel. Drei Monate waren vergangen. Rach vierzehntägigem, gänzlichem Stillstand in Anatols Sache erschien der Gerichtsdiener am späten Nachmittag des ersten Juni plötzlich wieder einmal in seiner Zelle, ihn zum Verhör zur Königlichen Staatsanwaltschaft abzuhvlen. Freudig sprang der arme Gefangene auf — vielleicht stellte sich heute seine Unschuld heraus; raschen Schrittes ging er neben dem uniformierten Beamten her. Der Gerichtsdiener, welcher des außerordenüich günstigen Eindrucks halber, den Anatol auf jeden Unbefangenen machte, nicht mehr recht an feine Schuld glauben konnte» erzählte ihm auf dem Wege über den Hof und den Korridor, daß der Zweite Staatsanwalt, der bis jetzt die Untersuchung geführt, seit einer Woche schwer krank liege, und daß er ihn deshalb heut zum Ersten Staatsanwalt, Herr von Odernitz, zu bringen habe. Hoffnungsvoll trat er in das Bureau des Staatsanwalts ein. An der rechten Zimmerwand faß vor einem ungeheuren Schreibtisch, belegt mit zahllosen Aktenbündeln, ein schon bejahrter Herr. Aus einem spitzig zugestutzten, grauen Vollbart sprang ein mageres, scharfes, wie mit einem Messer Der Landbote * Sinsheim» Zeitung. ren, die berechtigt fein wirb. Sie wirb nichts gemein haben mit dem, was vor dem Kriege allgemein als Panslavismus verkündet wurde, und was so viele Politiker abgeschreckt hat. Es wird dies eine Politik des Friedens sein und einer ihrer Grundsätze ist, in kulturellen und wirtschaftlichen Dingen die Verständigung und vernünftig« Zusammenarbeit mit den Deutschen zu suchen." Man steht also heut« in der Tschechoslowakei einer gemeinsamen Frontbildung aller flavischen Völker grundsätzlich nicht abgeneigt gegenüber. Wenn es Rußland gelingt, mit den anderen osteuropäischen flavischen Staaten zu einem Ausgleich oder gar einer Jntereffengemeinschaft in wirtschaftlichen und außeneuropäischen Dingen zu kommen, so wird — vorausgesetzt, daß die momentane Linie der europäischen Politik innegehalten wird — Deutschland naturwendig in den Kreis dieser osteuropäischen Staaten nicht nur wirtschaftlich und kulturell, wie Herr Dr. Benesch erwartet, sondern ohne Zweifel auch in hohem Maße politisch hinein- gezogen werden. Diese Entwicklung in Osteuropa und die Stimmen, die gelegentlich aus dem Munde führender Staatsmänner über sie laut werden, verdienen darum, in der deutschen Oeffentlichkeit mit allergrößter Aufmerksamkeit verfolgt zu werden. Die Haltung der osteuropäischen Staaten auf der nächsten Genfer Völkerbundstagung wird wahrscheinlich schon Gelegenheit geben, zu erkennen, wieweit die Entwicklung vorgeschritten ist, oder bester, wieviel Raum die russische Außenpolitik bereits auf der Balkanhalbinsel und in den sie nördlich begrenzenden Staaten gewonnen hat. Krieg und Revolution Von Mag. Pharm. B. B o h a c, Präsident der Prager Mustermeffe. Viktor Hugo sagte: „Wenn die Leute die riesenhaften Milliarden statt für Rüstungen für Kulturzwecke geben würden, wie weit wäre die Kultur der Menschheit gelangt, und wenn die Mathematiker ausrechnen würden, wieviel Kapital und Völkerarbeit Kriege und Revolution vernichtet haben, so wäre das weit mehr als hinreichend für den Völkerwohlstand". Dagegen, wenn wir die Weltgeschichte lesen, müffen wir Schopenhauer Recht geben, der behauptete, daß die Weltgeschichte ein roter Faden von Kriegsmorden, Räubereien, Foltern sowie Vergewaltigung des Schwächeren sei. Die Barmherzigkeit, das Recht und die göttlichen Gesetze werden ständig durch die menschliche Bestie niedergetreten, welche die besten Ideen erfindet, um auf diese Art morden und plündern zu können. Der Grund aller dieser Verbrechen ist das eingewurzelte Niedere im Herzen der Menschen und ihre Sucht nach Macht und Gold. Liest der Volkswirt die Weltgeschichte, so fragt er sich vergebens nach den Ursachen der Kriege. Die Kultur hat das Kainzeichen vom Antlitz der Menschen noch nicht verwischt, und der letzte Krieg und die Revolution hat uns gelehrt, wie der Mensch selbst mit dem höchsten Jntelligemzgrade unter das Niveau eines Wilden herabsinkt. Die Geschichte spricht ein eigenartiges Urteil, lobt den Alexander, der die Welt, ftemöe Völker, die ihn in keiner Weise schädigten, unterwerfen wollte. Was aber anderes führte ihn bis zu den Grenzen Indiens, als die Sucht nach Raub in einem reichen Lande, gerade so wie es Vasc'o de Gama, Francesco d'Almeida oder Alfonso Albuquerque getan haben? Und was führte die Römer dazu, daß sie Land um Land eroberten, bis ihnen fast die ganze damals bekannte Welt gehörte? Vielleicht führte das Anhäufen von Besitz in einer Stadt, in Rom, zur höheren Kultur, aber es lenkte auch von der ehrlichen, ordentlichen Arbeit und vom geregelten Leben ab. Brot und Zirkusspiele sPanem et circenses) begehrte das Volk, welches sich um den Staat und bas geregelte Familienleben nicht kümmerte. So mutzte notwendigerweise der Niedergang des Römischen Reiches erfolgen. Der berühmte Julius Cäsar, der gefeierte Hannibal und viele andere, alle mußten dem Schwerte erliegen. Millionen römischer, karthagischer und anderer Krieger mutzten vergeblich ihr Leben laffen. Es folgte die Herrschaft der Barbaren, welche die verkommene und verweichlichte Kultur Roms vernichtete. Dann kam Christus. Die Welt sollte begreifen, daß sie in Liebe, Barmherzigkeit, in Armut oder in müssigem Wohlstände leben solle, damit nicht das böse Element siege. Aber die Leut mordeten einander weiter, als ob Christus nie gelebt hätte. Dieser mordlustige Charakter des Menschen hat sich von Jahrhundert zu Jahrhundert noch gesteigert. Liest der Volkswirt die Geschichte, so kommt er auf die berühmte Zeit der Entdeckung neuer Länder. Columbus, Fernando Cortez, Pizzaro, Almagro, die Portugiesen, Spanier, Engländer, Holländer, ganz Europa, alle diese lockte das reiche Indien. Die ungeheure Menge von Gold und Silber geschnitztes Profil heraus. Er hielt den Kops, mit dem ebenfalls ergrauten, vollen Haar tief über ein aufgeschlagenes Aktenstück gebeugt. Hatte er den Eintritt der beiden Personen gar nicht gehört? Anatol war schüchtern in der Mitte des Zimmers stehen geblieben, den besorgten Blick in scheuer Frage auf das ihm zugewandte Profil gerichtet. Konnte er Gutes von hiefem Manne erwarten? In seinem Innern wollte kein freudiges „Ja" ertönen. Eben noch ganz in das Lesen seines Aktenstückes versenkt, flog der Kopf des Staatsanwalts unerwartet jäh herum, und seine runden, scharfen, wasserhellen Augen bohrten sich wie spitze Pfeile in Anatols Züge. Der Knabe, auf diesen geistigen Anfall nicht vorbereitet, wich erschrocken einen Schritt zurück, alles Blut entschwand aus seinem Antlitz. Der Staatsanwalt behielt ihn im Auge, wie die Schlange das Kaninchen, als wollte und könnre er schon mit diesem einzigen Blick ein Geständnis aus ihm her- auspresien. „Du bist also derjenige, der den sechsundsiebenzigjährigen Pfandleiher Balldorf hinterlistig ums Leben gebracht hat?" Anatol wurde fchwindlich vor Pein bei dieser Sprache, diesem Basiliskenblick; der vorige Staatsanwalt hatte viel freundlicher mit ihm gesprochen. „Erkläre mir die Gründe, aus welchen du den wehrlosen Greis meuchlings überfielst." „Das ist ja alles ganz anders, Herr Staatsanwalt," kam es endlich stotternd über des Geängstigten Lippen, „ich habe meinen Stiefvater nicht überfallen, ganz gewiß nicht; Sie können es mir glauben — es ist die Wahrheit." „Wenn ich es dir nun aber nicht glaube, da die Beweise für deine Schuld ein ganzes Aktenstück anfüllen? Hast du nicht am Vormittag des Todestages deines Stiefvaters, nachdem dein Schuldirektor dich als Fälscher vor ihm entlarvt, selbst ihm ins Gesicht geschrien: „Ich hasse dich, und werde dich Haffen und verabscheuen, so lange ich lebe!" Hast du das gesagt, oder hast du das nicht gesagt?" Wieder bohrte sich der Blick des Staatsanwalts in Anatols verstörtes Angesicht. „Ja, das habe ich allerdings gesagt, Mer meine Worte wurde das Unglück für die Ureinwohner Amerikas. I« einer Hand das Schwert und in der anderen den Alkohol, so wurden damals Eroberungen gemacht. Mord und Raub seitens der Europäer. Vergewaltigung und Folterung der unglücklichen Inkas und aller indianischen Ureinwohner. Vernichtung ihrer Kultur, Raub ihres Vermögens und Lebens, das nannte man Zivtlisierung Amerikas. Und was blieb den Portugiesen und Spaniern von allen diesen Schätzen, fragt der Volkswirt? Das reiche Spanien, welches einst durch feine blühende Landwirtschaft und den Welthandel hervorragte, verfiel, geriet in Schulden, das in riesigen Mengen eingeführte Gold und Silber sank im Werte, so daß schließ, lich der große Kaiser Karl V-, der Herrscher über ein Reich, wo die Sonne nicht unterging, sich oft in finanzieller Bedrängnis befand. Eine ungeheure Literatur würde es geben, wenn man alle diese Greuel und die Urfffchen des Niederganges beschreiben würde. Daß Europa durch den Weltkrieg einen Todesstoß erlitt und in der weiteren Entwicklung bis zu unserer Gegenwart schließlich in wirtschaftliche Abhängigkeit zu Amerika geriet, ist hinlänglich bekannt. Europa befindet sich heutzutage tu dem Stadium, wie einstmals das Römische Reich vor dem Untergange sich befand. Me maßlose Sehnsucht einiger Leute nach Macht, nach Versklavung der Menschheit durch Mithilfe der ärmsten Schichten, die zügellose Sucht nach Gold bringt Milli neu von Familien dem Verfalle nahe. Me Menschen . ben aus der Geschichte noch nichts gelernt. Es ist noch i.cht in Fleisch und Blut übergegange«, daß jeder Krieg, jede Revolution nur furchtbare Schäden gebracht und die Länder mit Leiden und Schmerzen erfüllt hat, aber nicht jenen nützte, denen man einreöete, daß der Krieg für deren Wohlstand und Aufschwung geführt wird. In volkswirtschaftlicher Hinsicht bildet jeder kriegerische und revolutionäre Umsturz einen großen Verlust, den die Zeiten erst nach und nach allmählich ausgleichen können. Jede Ge- walttat und Unterdrückung rächt sich in letzter Hinsicht an^ dem, der sie verursachte. Jeder Fortschritt, jede Erfindung, die vielleicht im Interesse der Menschheit gelegen ist, wird zum Leiden der Menschheit umgewandelt, solange dieselbe das Kainzeichen auf der Stirne tragen wirb. Der wahre Fortschritt, der Volkswohlstand, eine gedeihliche Existenzmöglichkett auch der ärmsten Schichten, ist einzig und allein nur dann möglich, wenn jeder Krieg und jede Revolution sowie jede Vergewaltigung unmöglich gemacht wird. Letztere haben stets nur einigen gewissenlosen Menschen genützt, die auf den Schultern der Menge sich zur Macht emvorschwangen und dann das Volk versklaven. Der ganzen Menschheit wird aber nur Frieden, Arbeit und der Kultus des Herzens der Brüderlichkeit und Barmherzigkeit von Nutzen sein. Das lehrt die Geschichte, das allein kann aus der Weltgeschichte der Volkswirt herauslesen. Die elschsische Autonomie Kt. Paris, 24. Mai. Dieser Tage war es ein Jahr her, daß der elsaß-lothringische Heimatbund zum ersten Male in die Erscheinung trat. Es ist ein Jahr der Leidenszeit gewesen für diejenigen, die da der Meinung waren, daß die Weltverbefferungsmethoben, die man beim Waffenstillstände als der zivilisierten Menschheit — zu der man Deutschland nicht zählte — Losungsworte ausgegeben hatte, auch von den Vorkämpfern für „Recht und Freiheit" verwirklicht würden. Nun das hehrste Evangelium, das damals verkündet wurde, das vom Selbstbestimmungsrecht der Völker, wurde überall da in die Tat umgesetzt, wo es galt, das alte Deutschland zu schwächen. Sobald dieses Selbstbestimmungsrecht aber auf Stämme deutschen Blutes Anwendung finden sollte, die mit der ganzen Kraft ihres heißen Herzens zu einander streben, stehen der Erfüllung „politische Gründe höherer Ordnung" gegenüber. Aehnliches mußte auch das elsässische Volk an eigenen Leibe verspüren, das — nicht ganz ohne unsere Schuld — zwar nicht zu dem Mutteistamme zurückkehren will, in dem es sprachlich und kulturell wurzelt, das aber die Heimat auch nicht in Frankreich sieht, von dem es Schranken der Sprache. Kultur und des Gemütes trennen. Weil dem so ist und weil sich dieser Bolksregung der Heimatbund angenommen Hat, ist dieser natürlich in Frankreich in höchstem Grade verdächtig, kann die Autonomiebewegung nur an dsn „Ufern der Spree" gewachsen sein. Ta das „elsässische Malaise" nicht gut abgeleugnet werden kann, weil es sich zu öffentlich im ganzen öffentlichen Leben des Elsaß äußert und seine Ausstrahlungen bis in bas Parlament hat, müssen es deshalb auch „die geschicktesten Agenten des Germanismus" sein, die die Ge- müteb im Elsaß trübten und die Unzufriedenen sammelten. So meint es wenigstens der „Temps". der immerhin im gereuten mich auch später, und ich wollte den Vater um Verzeihung bitten." „Aber dein Bruder erklärt, es gesehen zu haben, wie du ins Haus sprangst und den Greis, als er an der Kelleröffnung stand und dir den Rücken kehrte, hinabstießest." „Mein Bruder lügt — so wahr Gott lebt, er lügt! Ehe ich noch im Hause war, hörte ich schon seinen Absturz und seine Jammerrufe." Das Feuer der Wahrheit erleuchtete plötzlich hell sein verschleiertes Auge. „Du sagst, dein Bruder lügt. Lügt auch der Notar Rönnig, welcher gehört hat, wie dein Stiefvater kurz vor seinem Ende sagte: „So mußte es kommen — er haßte mich zu sehr." Aus diesen Worten geht hervor, daß der Sterbende gar md)t darüber erstaunt war, in dir seinen Mörder zu sehen, sondern daß er dich für durchaus befähigt zu solch einem Verbrechen hielt." ' In Anatols Angesicht stieg plötzlich ein heiße Blutwelle. „Herr Staatsanwalt," begann er in zitternder Erregung, „als mein Vater jene Worte sprach, da war er noch nicht wieder völlig bei Verstand. Erst ganz zuletzt kehrte ihm die Erinnerung zurück, da sagte er zu meinem Bruder: „Verruchter, du hast mich betrogen, dies Kind tat mir nichts zuleide, ich stürzte von selbst. Eine Feder und das Testament, ich will es durchstreichen. Anatol ist mein Erbe, er allein!" Ich habe das alles schon vor dem anderen Herrn Staatsanwalt ausgesagt." „Hast du einen Zeugen hierfür?" fragte er gelassen. „Jawohl, meinen Bruder, er stand ja dicht daneben!" „Dein Bruder hat unter Eid ausgesagt, daß der Sterbende, nachdem der Notar fort war, überhaupt nicht mehr zur Besinnung gekommen ist, auch der Herr Notar Rönnig hält ein nochmaliges Erwachen deines Vaters aus dem Todeskampfe, nachdem er den Keller verlassen, für unmöglich. Du möchtest mit diesem Märchen das Zeugnis deines Bruders gegen dich zerstören, du bist sehr pfiffig, bedenkst aber nicht, daß du nicht vor einer Person deines Alters, sondern vor einem erfahrenen Manne stehst. Ich sage dir hiermit, du tust am klügsten, ein offenes Geständnis abzulegen, denn verurteilt wirft du unter ollen Umständen." Nr. 85. Jahrgang 1927 . Gerüche steht, ein offiziöses Blatt zu sein. Allerdings kann sich auch er nicht der Erkenntnis verschließen, daß „die üble Stimmung und die Befürchtungen durch zu grelle Ungeschicklichkeiten und verwaltungstechnische Fehler hervorgerufen wurden." Leider ist es von dieser Erkenntnis bis zur Aufgabe des Irrtums ein weiter Weg, den man nicht immer zurnckfinöet. Nach dem Kolmnrer Prozeß bestand die offizielle Haltung darin, das Ende des Malaise zu verherrlichen und man glaubte mit dem „Vive la Franc" des Abbe Haegy ein peinliches Kapitel der Enttäuschungen abgeschlossen. Bald aber sah man ein, daß dieser Optimismus auf Bestellung oder aus Unverstand durch die Tatsachen sehr leicht desavouiert werden könnte. So verhehlt man sich in Paris keineswegs den — sagen wir einmal — unangenehmen Eindruck, den der letzte Brief Poincarss an den elsaßlothringischen Beamtenverbanö in den beiden annektierten Provinzen hervorgerufen hat. Die Beamten haben zwar ihren Vorsitzenden, den früheren Lehrer Rosee, geopfert, da sie eben bet dem durch Poincars anbefohlenen behördlichen Bruch mit den Beamten nur mehr ein beschämliches Scheindasein gefristet hätten, ohne aber ihre lebensanschaulichen und wirtschaftlichen Interessen irgendwie vertreten zu können. Man braucht sich nur an die rigorosen Maßnahmen erinnern, die im vergangenen Sommer gegen diejenigen Beamten ergriffen wurden, die das Manifest des Heimatbundes unterzeichnet hatten, um den Druck zu verstehen, der auf diese im „Lande der Freiheit" ausgeübt wird. Nun hat zwar erst vor kurzem der Heimatbund durch sein neues Manifest bewiesen, daß er sehr wohl noch auf dem Plane ist, trotzdem ihn die Pariser Presse just an seinem ersten Jahrestage begraben hat. Welche parteipolitischen Geschäfte aber mit den elsässischen Interessen getrieben werden, zeigt so recht die Pariser Rede des bekannten Maginot gegen die Rückkehr zum Kreiswahlrecht. Da sagt er u. a. „Mit diesem Wahlsystem, das kleine Wahlkreise zuläßt, könnte Deutschland mit allen Mitteln, über die es in gewissen Gegenden Elsaß-Lothringens verfügt, auf den Triumph neutralistischer Kandidaten hinarbeiten. Wollen wir diese Waffe unfern Feinden von gestern und den Neutralisten in die Hand geben, um Elsaß-Lothringen von Frankreich zu reißen, die noch das einzige sichtbare Zeichen unseres Sieges sind." EchteoderfalscheSelbstbczichtigung? Z«m Fall Friehe-Hölz. Aus Berlin wird uns geschrieben: Sechs Jahre sind vergangen, seitdem der Kommunistenführer Max Hölz zu lebenslänglichem Zuchthaus wegen der Aufstanösbewegung im Vogtland, wegen der Morttaten bei Halle und namentlich wegen der Erschießung des Gutsbesitzers Heß auf dem Gute Roitschgen in Gütsch verurteilt wurde. Alle Versuche, ein Wiederaufnahmeverfahren durchzusetzen, scheiterten bisher. Seine Gefährten aus jener Zeit sind inzwischen begnadigt oder haben ihre Strafe abgeseffen. Nicht also Max Hölz. Es scheint jetzt, als ob durch die Selbstbezichtigung des Bergarbeiters Erich Fliehe, der angibt, Heß erschaffen zu haben, eine neue Wendung in die Affäre Hölz kommt. Es wird nicht leicht sein, den wirklichen Tatbestand aufzudecken. Von dem Augenblick an, da Friehe zum ersten Male mit der Erklärung hervorgetreten ist, nicht Hölz, sondern er sei der Täter gewesen, liegt der Verdacht nahe, daß es sich um eine .falsche Selbstbezichtigung handele. Die Gründe hierfür können mannigfach sein. Zunächst, was wohl am naheliegendsten ist. ein begeisterter Fanatismus für Max Hölz, in dessen Schar Friehe gekämpft hat und der von seinen Anhängern außerordentlich geschätzt und geliebt wurde. Dann aber können auch — was nicht mit Bestimmtheit behauptet werden soll, was aber zum ersten Male im Oktober 1926 dem Berliner Rechtsanwalt Dr. Alfred Apfel die Erklärung abgegeben, er sei der Täter. Er erklärte sich bereit, sich freiwillig den Behörden zu stellen, wenn sür seine Frau und sein wenige Monate altes Kind gesorgt würde. Nachdem dies geschehen war, hat er am 3. November 1926 seine Angaben vor dem Notar Obornier zu Protokoll gegeben. .Friehe ist jetzt 25 Jahre alt. Er ist von kleiner Statur, .ziemlich schmächtig, ein in seinem Austreten ruhiger Mensch. ^Trotzdem kann man ihm wohl ohne weiteres glauben, daß ler sehr stark zum Jähzorn neigt, in diesem Zustand sich nicht »mehr selbst kennt und zu jeder Tat fähig ist. Daraus würde 'zweifellos, wenn er der Täter ist, für ihn folgen, daß er 'eine geringere Strafe zu besürchtcn hätte. ) Stellt man alle diese Motive zusammen, so kann man sich nur schwer des Eindrucks erwehren, daß hier tatsächlich eine falsche Selbstbezichtigung vorliegt. Es sollen aber immerhin, der Objektivität wegen, auch Friehes Angaben wiedergegeben werden. Er war zur Zeit des Märzaufstandes der Kommunisten als Bergarbeiter in Mansfeld beschäftigt und ging, als Hölz seine Truppe bildete, zu ihm über. Er beteiligte sich an allen Kämpfen, wurde auch einmal vorss der Sipo gefangen und gefeffelt, mußte aber, da starke Kommunistentruppen anrückten, zurückgelassen werden. Nach der Zersprengung der Truppen Max Hölz' bildete er mit dem Rest zusammen eine kleine Schar, die plündernd und raubend durch das Höllische zog, um sich die nötigen Nahrungsmittel zu verschaffen. So kam sie auch zu dem Gut des Hetz. Obwohl dieser beim Herannahen der Horde sofort die Tore geschlossen hatte, überkletterten einige die Mauern und verlangten Lebensmittel, Mäntel und Decken. Der Uebermacht nachgebend, fand sich Heß hierzu bereit. Trotzdem wurde er schwer mißhandelt. Nicht zufrieden mit den erzielten Erfolgen forderten nun die Kommunisten von Hetz auch noch Geld. In dem Augenblick als der Gutsbesitzer ins Kontor hiMberging, um das Geld zu holen, soll er nach Angaben Friehes in die Tasche gefaßt haben, um einen Revolver zu ziehen. Sofort schoß Friehe auf ihn, der getroffen zusammenbrach. Da Heß noch lebte, forderte Friehe einen anderen Kommunisten, Günter, auf. ebenfalls auf ihn zu schießen. Jetzt eröfsneten beide ein Feuer aus den schwer Verletzten, bis ihn eine Kugel tödlich traf. Den Aussagen des Friehe stehen die Angaben des Hauptbelastungszeugen Uebe gegenüber, der im Hölz-Vrozeß den Verlauf der Tat anders geschildert hat, worauf oie Verurteilung des Hölz erfolgt ist. Uebe hat inzwischen seine Aussagen widerrufen und erklärt, daß er seine Aussagen im Prozeß nicht mehr aufrechterhalte, sondern von der Unschuld des Hölz, von der Schuld Friehes überzeugt sei. Was man von den Angaben eines so wandlungsfähigen Zeugen zu halten hat, braucht nicht weiter auseinandergesetzt zu werden. Dies wäre vielleicht das schwerwiegendste Motiv zu Gunsten von Hölz, daß man auch den ersten Angaben Uebes nicht allzugroßen Glauben schenken darf. Nun bleibt noch eine Frage zu erörtern, wieso hat sich Friehe nicht eher gemeldet? Die Antwort ist rasch gefunden. Er soll angeblich schon in dem Prozeß gegen seinen einstigen Genossen Kleider die Tatumstände so haben schildern wollen, wie sie gewesen seien. Parteifreunde, denen gegenüber er sich entdeckte, sollten ihm seinerzeit abgeraten haben, weil er sich selbst nur schaden würde, Hölz aber nicht mehr nützen könne. Was an diesen Angaben wahr ist, wird zunächst der Untersuchungsrichter zu prüfen haben, deffen Vernehmungen Friehes man abwarten muß. Friehe hat nicht zum ersten Male mit den Behörden zu tun, er ist mehrfach vorbestraft worden, und zwar meistens sür die Taten, die er im Jähzorn begangen hat. Auch wegen seiner Beteiligung am Aufstand ist er bestraft worden, und zwar mit einem Jahre Festungshaft. Wie weit die Vernehmung Friehes auf das Wiederaufnahmeverfahren Hölz von Einfluß, sein wird, kann man im Der Laudbste * Sinsheimer Zeitung. nugenoucr nicyi uverjeyen. lLcyneßUH oarf man nicht vergessen, daß Ser Kommunisteuführer nicht nur wegen der Erschießung des Gutsbesitzers Heß verurteilt worden ist, sondern auch wegen einer großen Reihe anderer Taten, wie Plünderung, Raub, Brandstiftung usw. Immerhin wird man nicht abstreiten, daß es sich s. Z. um einen politischen Aufstand gehandelt hat und daß die Verurteilung zu lebenslänglichem Zuchthaus hauptsächlich auf die Erschießung des Heß zurückzuführen war. Verschiedenes. Jur Ursache des Kasseler Stratzenbahnunglücks Ueber die Ursache eines Stratzenbahnunglücks, wie ein solches in den letzten Tagen in Kassel leider wieder vorgekommen ist, gehen die Meinungen und Vermutungen sehr auseinander. Es soll hier im nachstehenden die Ansicht eines Praktikers zum Ausdruck gebracht werden, welche geeignet sein dürfte, der wahren Ursache näher zu kommen. Jeder Wagen des Straßenbahnverkehrs ist. sofern er der Neuzeit entsprechend gebaut ist, mit einem Abfederungssystem ausgerüstet, welches die Unebenheiten der Gleise sowie die harten Stöße abfangen soll. Zwischen dem Wagenkasten und den Achslagern besteht nun ein, dem Wagengewicht entsprechender Spielraum, das sogenannte Feöerspiel. Dieser Spielraum verringert sich nun mit zunehmender Belastung so lange, bis bei Ueberlastung das Spiel aufgehoben wird und der Wagenkasten aufsitzt. Jeder Wagen ist im allgemeinen mit einer Bremse ausgerüstet, die Anordnung dersxlben ist derart, daß die Klötze derselben im unbelasteten Zustande im Mittel des Rades oder 20 — 30 mm unterhalb desselben liegen. Bei zunehmender Belastung verändert sich dieser Zustand proportional derselben und dem vorhandenen Federspiel, d. h. die Klötze bewegen sich in senkrechter Richtung, während das Rad als starrer Gegenstand in seinem Zustande stehen bleibt. Was ist nun im Falle „Kassel" vor sich gegangen? Der Wagen ist auf der Höhe des Halteplatzes angekommen und war möglicherweise in diesem Moment schwach besetzt oder ganz entleert. In diesem Moment ist die Handbremse angezogen worden, bei im Radmittel liegenden Bremsklötzen, die Wagenführer und Schaffner verließen hierauf den Wagen. In der Zwischenzeit füllte sich der Wagen mit 38 Personen ä 75 Kg. — 2850 Kg.,' die Handbremse war nun nicht so fest angezogen, daß di« Reibung der Klötze der Belastung genügend Widerstand entgegensetzen konnte, sondern sie bewegten sich in senkrechter Richtung und näherten sich dadurch einem geringeren Radöurchmeffer, so daß allmählich die Bremswirkung aufgehoben werden mutzte, nachdem auch die Spannung im Bremsgestänge ausgelöst war. Die unausbleibliche Folge mußte sein, daß der Wagen auf dem abschüssigen Gleise ins Rollen kommen und so das Unglück herbeiführen mutzte. Daß die Bremse von einem sechsjährigen Kinde gelöst worden sein soll, halte auch ich für ausgeschlossen. Ei« Bruder des Fremdenlegionärs Klembt verhaftet. Er bezichtigt sich eines Mordes. Unter dem Verdacht der Spionage waren vor einiger Zeit in Polen ein polnischer Kunstschüler Pawliki und ein 29jähriger ehemaliger Kunstgewerbeschüler Peter Klembt aus Düsseldorf von der Kriminalpolizei festgenommen worden. Da der Verdacht sich als haltlos erwies, wurden sie wieder freigelaffen. Jetzt wollten sie wieder nach Deutschland gehen. An der Grenzübergangsstation Stensch aber wurden sie von der deutschen Polizei angehalten, da sie von der Berliner Kriminalpolizei wegen Schlasstellendiebstahls gesucht wurden. Zuletzt hatten sie einer Wirtin in der Dragonerstraße für 4000, Mark Gold- und Silbersachen und Kleidungsstücke gestohlen. Bei dem Verhör in Berlin, wohin sie gebracht worden waren, bezichtete sich Klembt plötzlich, daß er auf seinen Wanderungen nach Polen zu ein junges Mädchen erschossen und auf dem Oppelner Exerzierplatz verscharrt habe. Das Mädchen, das er den Namen nach nicht kenne, hätte sich ihm auf der Wanderung angeschloffen. — Die Mordinspektion nahm die Ermittlungen auf und setzte auch die Kriminalpolizei von Oppeln in Kenntnis. Deren Nachforschungen hatten ein vollständig negatives Ergebnis. Es ist auf dem Exerzierplatz weder eine Leiche gefunden worden, noch ist aus der Gegend, die in Betracht kommen könnte ein Mädchen verschwunden. Die Diebstähle in Berlin geben die Verhafteten zu. — Klembt ist ejn Bruder jenes ehemaligen deutschen Feldwebels und französischen Fremdenlegionärs Klembt, der als militärischer Ratgeber Abd el Krims, des Rifkabylen- führers, von einem französischen Kriegsgericht in Marokko zum Tode verurteilt worden ist. Er ist ein heruntergekommener Mann und scheint geistig nicht normal zu sein. Er wird zunächst auf seinen Geisteszustand untersucht werden. Ei« philosophischer Mörder. Aus London berichtet man: Gray, der zusammen mit seiner Geliebten Frau Snyders deren Ehegatten auf bestialische Weise ermordete und deswegen, wie schon mitgeteilt wurde, ebenso wie seine Komplizin zum Tode verurteilt wurde, scheint nicht nur ein abgrundtiefer Zyniker, sondern sondern auch ein selbstsicherer Philosoph zu sein. Dafür spricht sein Verhalten nach dem Verdikt der Geschworenen und nach dem Todesurteil. Als er und Frau Snyder des vorbedachten Mordes schuldig befunden wurden, was eine Verurteilung zum Tode unvermeidlich machte, sagte er zu einem Polizeikommissar, er finde das Urteil sehr vernünftig. Und in einer näheren Erläuterung dieser Worte führte er aus, die Jury habe auf Grund der Zeugenaussagen und des Beweismaterials, über das sie verfügte, nicht anders urteilen können als sie tat,- er, Gray, hätte, würde ihm das gleiche Material Vorgelegen sein, als Richter genau so gehandelt. Man muß zugeben,daß Gray vor den Geschworenen mit, verbissener Hartnäckigkeit um sein Leben gekämpft und stets daran festgehalten hatte, daß er nicht der eigentliche Schuldige sei, sondern die Mitangeklagte Frau Snyder. Auch in der Gerichtssitzung, in der das Todesurteil verkündet wurde, benahm sich Gray sehr gefaßt. Es war beiden Angeklagten klar, daß sie nach dem Ausspruch der Geschworenen dem elektrischen Stuhl überantwortet werden würden. Das Publikum, das sich vor dem Eingang m den Saal raufte, um Zeuge der Verlautbarung des Todesurteils sein zu können, war jedenfalls mehr aufgeregt als die beiden Angeklagten. Zuerst wurde das Urteil gegen Frau Snyder mitgeteilt. Sie stand zwischen zwei weiblichen Kriminalbeamten. Gray, den zwei Polizisten bewachten, befand sich einige Schritte von ihr entfernt. Am Tage vorher hatte er in seiner Zelle Besuch einer Schwester der Heilsarmee empfangen, mit der er betete. Gray nahm das Todesurteil ruhig auf. Er erklärte nachher, er habe mit seinem Leben bereits abgeschlossen und wolle dem rächenden Schicksal nicht in die Arme fallen. Ob er bei dieser Auffassung bleiben wird, darf man aber vielleicht doch bezweifeln. Die Vollstreckung des Todesurteils ist für die mit dem 20. Juni beginnende Woche angesetzt. Bis dorthin verbringen die Verurteilten die Zeit im Sing-Sing-Gesängnis^wo Samstag, den 28. Mai 1927. sie in verschiedenen Flügeln in sogenannten „Totenzellen" untergebracht sind. Das Datum der Exekution hat aber bloß formelle Bedeutung, denn durch eine Berufung an die höhere Instanz kann die Frist verlängert werden, so daß die Verurteilten noch Monate, vielleicht sogar noch ein Jahr und mehr am Leben bleiben können. Der Galgenhumor an schwarzen Börsentagen. „Haben Sie sich schon an Ihre neue Vermögenslage gewöhnt?" So begrüßten sich am letzten Samstagvorm-rtag teilnahmsvoll und verständnisinnig die Börsianer, die ähnliche Fragen schon an manchem schwarzen Börsentag der Deflationszeit und nach manchem Börsenkrach in der Zeit vor dem Kriege zu stellen gewohnt waren. Denn das ist bas Seltsame an diesen leidenschaftlichen Spekulanten, die oft in wenigen Monaten große Vermögen mühelos verdient haben» sie verstehen auch zu verlieren und das eigene Unglück noch dazu zu bewitzeln. So sah man einen bekannten Börsianer mit hocherhobener Hand merkwürdige Fingerbe- 5 wegungen ausführen: auf die teilsnahmsvolle Frage eines k Freundes, was er mit seiner Hand tue, antwortete er: „Ich 'kratze mir den Kopfl" — „Ja, haben Sie denn da oben j Ihren Kopf?" — „Weiß ich, wo mir der Kopf steht!" erwiderte der schwergeprüfte Spekulant, der soeben ein Vcr- mögen verloren hatte. So umfangreiche und tiefgehende Stürze, wie der, der sich letzthin an der Börse ereignet .,at, sind in den letzten Jahrzehnten an den deutschen Börsen, die doch in der Inflation und Deflation manchen aufregenden Tag gesehen haben, nicht erlebt worden. Der Neber- gang von der Papierwährung zur Goldwährung hat manches stattliche Jnflationsvermögen, das sich den veränderten Verhältnissen auf dem Kapitalmarkt nicht schnell genug anpassen konnte, nahezu vernichtet, und es ist noch in aller Erinnerung, wie die größten, scheinbar glänzend fundierten Konzerne zum Schrecken ihrer Aktionäre liquidieren mußten. Die Börse begrüßte die Besitzer der notleidenden Effekten an solchen Tagen mit der feierlichen Anrede: „Wie geht es Eurer Insolvenz?" — Diese Insolvenzen berührten doch immer nur verhältnismäßig kleine Kreise von Spekulanten. Man muß schon bis zur berüchtigten Gründerzeit zurückgehen, um auf ähnlich vernichtende Börsenkatastrophen wie die vergangen zu stoßen. So groß damals die Schreckensstimmung der Börsenbcsucher auch war, sie ließen sich doch ihren Humor nicht rauben. Als man einem bekannten Börsianer erzählte, daß die große Firma seines Freundes N. Bankerott gemacht habe, sagte er sofort entschlossen: „Dann gehe ich auch in Konkurs!" — „Haben Sie denn mit N. Geschäfte gemacht?" fragte man ihn besorgt. — „Nein, aber bei einer so hervorragenden Gelegenheit macht man ebenfalls Pleite!" Eine Pickwickicrfahrt mach hnndert Jahre«. Am 12. Mai 1827 fand die denkwürdige Gründungsversammlung des weltberühmten Pickwick-Klubs statt, der schon am nächsten Tage die ebenso berühmte Fahrt von London nach Rochester folgte, auf der es recht abenteuerlich zuging. Auf Golden Croß kamen die Freunde, Pickwick, Tupmann, Snoügraß, Smiggers und Winkle, zusammen, man bestieg dort „The Commodore", die Postkutsche, und nun ging es hinaus in die weite Welt, die in Rochester ihre Grenze hatte. Die Tatsache, daß hundert Jahre seit diesem bedeutungsvollen Tag verstrichen waren, benutzte der Dickensklub in London, die Dickens Fellowlhip, um die Gründnngsvcr- sammlung und die Fahrt nach Rochester zu rekonstruieren. Vornehme Herren wirkten da mit, so Sir Einest Wilde, Sir Walter Lawrence, Sir Frederick Macmillian und andere. Am frühen Morgen des 13. Mai fuhren die modernen Pickwickter auch tatsächlich hinaus ins Abenteuer. Die Postkutsche aus der Anfangszeit des 19. Jahrhunderts war sorgfältig nachgeahmt und die Mitglieder der Dickens Fellowshiv ausstaffiert wie die echten Pickwickter. Sie nahmen denselben Weg wie die unsterblichen Helden aus -Dickens' Roman, vom Golden Croß Hotel bei Charing Croß nach Rochester. Das Interesse der großen Pickwickgemeinde für diese Reise war sehr stark, hegt doch der Engländer noch immer eine stille Liebe für Fahrten in der Postkutsche. Gerade vorige Woche ist für Touristen ein Postkutschendienst wieder eröffnet worden, und zwar von Piccadilly nach Box Hill und zurück. Die „Old Berkeley", eine schöne Kutsche, bringt die Reisenden für ein Pfund Sterling über Hammer- smith Bridge und durch den Park von Richmond nach Box Hill. Russische Sitte« «nd Gebräuche. Trotz allen Neuerungen, die von der Sowjetregierung im russischen Dorf eingeführt sind, herrschen dort noch vielfach uralte Sitten und Bräuche, besonders bei der Brautwahl, die übrigens in jedem Lanübezirk nach eigenen Formen und Ueberlieserungen vor sich geht. Die Bauern lassen ihre Ehe allerdings vom Standesamt — einer Erfindung der Sowjetregierung, da Rußland früher nur die kirchliche Ehe kannte — aufzetchnen. Auch mit der Scheidung, einer bisher vollständig unbekannten Erscheinung, ist der russische Bauer vertraut geworden. Was aber das Freien betrifft, so hält sich der Bauer an Bräuche, die noch aus der Zeit der slawischen Völkerwanderung stammen und deren Beschreibung man schon bei den Chronisten des 9. Jahrhunderts findet. Eine derartige Werbung wird in einer sowjetrussischen Zeitschrift von einem Augenzeugen geschildert: Eine Schar Männer und Frauen betreten das Haus der Eltern der Braut. „Willkommen!" sagt der Anführer, s ; an einen überlieferten Text haltend. „Wollt ihr uns emp-. fangen?" „Habt ihr nichts Böses im Sinn", fragt der Wirt.! „Wir sind Kunden, ihr seid Kaufleute. Ihr habt Ware,' wir haben Geld!" lTas ist die sakramentale Formel der , Brautwerbung.» Wo ist der Freier, sagt die Wirtin. „Der ; Freier hat uns Vollmacht gegeben", lautet die Antwort. Jetzt wird die Aussteuer beraten. Die Weiber schreiben alles, was die Braut als Mitgift bekommt, auf. Es wird erbarmungslos gefeilscht. Die Braut bekommt einen Spiegel, fünf Kleider, einen Tisch, sechs Stühle, einen Grammophon — man will auch im russischen Torfe modern sein —, ein Tischservice aus Silber (wahrscheinlich „nationalisiertes" Eigentum eines liquidierten Gutsbesitzers), ein Bett, Bett- und Tischwäsche. Dann fragt der Vater der Braut, was der Freier für die Braut zahlen will: denn nach uralter slawischer Volkssitte muß die Braut entweder geraubt oder gekauft werden. Der Freier will für die Braut nur 50 Rubel (100 Mark) zahlen. Dafür will er aber der Schwiegermutter einen Pelz und Gummischuhe sowie dem Schwiegervater ein Faß „samogen" (selbstgebrauten Schnaps) schenken. Der Schwiegervater ist aber mit dem selbstgebrauten Fusel durchaus nicht einverstanden, er verlangt guten Wodka, der jetzt nach dem Volkskommissar Rykoff, der ihn in großen Mengen einzieht, „Rykoffka" genannt wird. Die Parteien geraten in Streit, die Werber drohen wegzugehen. „Hundert Rubel sind zu wenig für mein Prachtmädel!", brüllt der Alte außer sich vor Wut. In diesem Augenblick öffnet sich die Tür und es erscheint — Iwan, der Bräutigam selbst. „Seid ihr endlich einig?", fragt er. Alle blicken sich verschämt an. „Schon gut", ruft der Vater, nock etwas un-