Erscheint täglich mit Ausnahme der Feiertage. Bezugs-Prets: Durch diePost bezogen und durch den Briefträger und unsere Austräger frei ins Laus monatlich Goldmark 1.2Ü Der Bezugspreis ist im Voraus zu entrichten. ? ln Fällen von höherer Gewalt esteht kein Anspruch auf Lieferung der Zeitung oder auf Rückzahlung des Bezugspreises. Geschäftszeit 1/28 bis 5 Ahr Sonntags geschlossen. Fernsprech-Anschlutz Nr. 462 Postscheck-Konto Karlsruhe Nr. 68Ü3 Der Lünöbote Stnsheimer MM Leitung fs is General-Anzeiger für öas^^^Elfenz-unö §6rwarzbaclrtal Kettelte und verbreitetste Leitung di. -^egend. F)aupt-Hn|eigen-Blatt UIöd> entliehe Seilagen: Neue Illustrierte • Hus dem Retcb der flßode » Ratgeber für ksaus- und CandwirtTcbaft Anzeigen-Preise: Anzeigen: Die 33 mm breit, Millimeter-Zeile 6 Goldpsg. Reklamen r Die 92 mm breit« Millimeter-Zelle 26 Goldpfg. Grundschrist im Anzeigen- un» Textteil ist Petit. Bei Wiederholungen tariffester Rabatt, der bei Nichtzahlung innerhalb 8 Tagen nach Rech- nungsdatum oder bei gerichtlicher Betreibung erlischt. Anzeigen-Annahme bis 8 Ahr vormittags; größere Anzeigen müssen am Tage vorher aufgegeben werden. Bank-Konto: Bereinsbank Sinsheim e. G.m. b. L M 208. Samstag, den 22. Oktober 1927. 88. Jahrgang Der Streik im Braunkohlengebiet. Fortsetzung der Schlichtungsoerhandlungen im Bergarbeiterstreik Berlin, 22. Oktober. Die Schlichtungsverhandlungen im Bergarbeiterstreik sind gestern mittag 13.12 Uhr im Reichs- arbeitsministerinm wieder ausgenommen worden. Wie von beiden Parteien, den Arbeitgebern wie den Gewerkschaften, erklärt wird, hat sich an dem Stand der Verhandlungen seit dem Abbruch am vorgestrigen Abend nichts geändert. Auch Sonderverhandlungen haben gestern vormittag nicht mehr stattgefunden. Schlüsse betreffend die Dauer und das Ergebnis der Verhandlungen lassen sich nach Ansicht beider Seiten nicht ziehen. Im Senftenberger Bezirk ist die Lage die gleiche wie am gestrigen Tage, jedoch hat die Pfännerschaft den Kohlenbe- sörderungsbetrieb wieder ausgenommen, so daß die Stromversorgung vom Krankenhaus und Bahnhof Senftenberg fichergestellt ist. Die Anhalter Werke sind in etwas erhöhtem Maße wieder in Betrieb gekommen. Auf den alten Else- Werken konnten Renate und Eva ebenfalls stärker betrieben werden. In der Klettwitzer Gegend hat man „Weidmannsheil" wieder stillgelegt, weil die Arbeitswilligen herausgeholt wurden. Im Noröwesten des Reviers ist die Grube Wilhelm bei Beuterwitz im kleinen Umfang wieder ln Betrieb gesetzt worden. Bei den im Kreis Heyerswerda gelegenen Werken konnte die Grube Werminghof nicht wieder in Betrieb gesetzt werden. Das gleiche gilt für Klara 3. Reichswirtschaftsministerium und Kohlenpreise Berlin, 21. Oktober. Zu der Meldung, daß sich nach einem bei der Streikleitung in Halle eingegangenen Tele- Reichsfinanzminister Dr. Köhler begründet die Vorlage. Präsident Löbe eröffnet die Sitzung um 13 Uhr mit der Mitteilung, daß der Oberreichsanwalt beim Reichstage den Antrag gestellt habe, die Genehmigung zur Verhaftung der kommunistischen Abgeordneten Heckert, Koenen, Remmele, Stöcker, Hörnle, Pfeiffer und Schneller, die in den Hochver- ratsprozetz gegen die kommunistische Zentrale verwickelt sind, zm erteilen. Die Mitteilung wird von den kommunistischen Abgordneten mit stürmischen Protestrufen ausgenommen. Der Antrag selbst geht an den Geschäftsordnungsausschuß. Ter von den Demokraten eingebrachte Entwurf eines Rentnerversorgungsgesetzes wird dem Sozialpolitischen Ausschuß überwiesen. Ein von den Regierungsparteien einge- brachter Gesetzentwurf über die Zuckerung der Weine des Jahrganges 1927 wird in allen drei Lesungen angenommen. Danach wird für diese Weine das Höchstmaß der Zuckerung der Weine auf ein Viertel der gesamten Flüssigkeit erhöht «nd die Zuckerungsfrist bis 31. Januar 1928 verlängert. Es folgt dann die erste Beratung des Entwnrss eines Besoldungsgesetzes. Reichsfinanzminister Dr. Köhler weist bei der Begründung der Vorlage darauf hin, daß seit Dezember 1924, also seit drei Jahren, die Bezüge der Beamten nicht mehr erhöht worden seien. Die Aufbesserung dieser Bezüge sei längst als eine Staatsnotwenöigkeit anerkannt worden auch von führenden Kreisen der Wirtschaft. Schon vor dem Kriege waren die Beamten, besonders die unteren Gruppen, unzureichend besoldet. In der Inflationszeit und nachher war es in erster Linie den Beamten zu danken, daß stch die Stabilisierung der Währung verhältnismäßig glatt vollzog. Die auf Gold umgestellten Gehälter der Beamten blieben aber weit hinter den Sätzen von 1913 zurück. Während nachher andere große Tarifgruppen in der Lage waren, ihr Einkommen mehrfach zu verbessern, blieb der Beamte auf dem Stande des 1. Dezember 1924. Nicht nur um der Beamten willen, auch um des Staates willen mutz eine Aen- derung vorgenommen werden, denn ein immer weiteres Herabsinken der Beamten müßte dem Staate zum Schaden gereichen. Von seinem Auftreten, von seiner Zufriedenheit oder Unzuftiedenheit schließt die Bevölkerung auf diesen Staat und sein Wesen. Die Erhöhung der Beamtenvezüge muß selbstverständlich ihre Grenzen haben in der Leistungsfähigkeit und einer vorsichtigen Finanzwirtschaft des Reiches. Die Finanzen des Reiches müssen unter allen Umständen in Ordnung gehalten werden. Eine Erhöhnug der Beamteubezüge darf unter keiue« Umständen zu einer Defizitzvirtschast führen oder eine Stenererböbnng nach stch ziehe«. Erst dre Verbesserung der Wirffchaftslage hat die Voraussetzungen für den heutigen Regierungsentwurf geschaffen. Die Besserstellung soll die Mitzstände und Mißverhältnisse, die sich herausgestcllt haben, möglichst beseitigen und zu dem Grundsatz der Bezahlung nach der Leistung zurückkehren. Außerdem war darauf Rücksicht zu nehmen, daß durch die jetzige Reform auf Jahre hinaus Ruhe zu schaffen ist. Die in der Oeffentlichkeit bekanntgegebenen prozentualen Ausmaße der Aufbesserung sind in der Presse vielfach falsch wiedergegeben worden. Die Erhöhung der Gesamtbezüge beträgt im Durchschnitt aller Beamtengruppen etwa 16 bis 17 Prozent. Damit ist nach wie vor ein sehr großer Teil der Beamten vom Friedensrealeinkommen »och weit entfernt. Der organisatorische Neuaufbau der Besoldungsord- nung versucht den Wünschen Rechnung zu tragen, die sich während der letzten Jahre herausgestellt haben. Der Minister geht dann auf die Punkte eftr, in denen sich die Reichsregierung mit dem Reichsrat nicht geeinigt habe und bespricht besonders den Vorschlag des Reichsrates, ab 1. Oktober den Anteil der Länder an Einkommen- und Körpergramm der Reichswirtschaftsminister zu einer Erhöhung der Braunkohlenpreise entschlossen habe, erfährt die Tele- graphen-Union von gut unterrichteter Seite, daß das Reichswirtschaftsministerium als solches nach wie vor einer Erhöhung der Kohlenpreise ganz allgemein ablehnend gegenübersteht. Die Festsetzung der Kohlenpreise obliegt bekanntlich dem Reichskohlenrat. Der Reichswirtschastsminister selbst hat lediglich ein Vetorecht. Der Schiedsspruch inr Braunkohlenbergbau gefällt. Berlin» 22. Okt. Nach fast zweitägige«, außerordentlich schwierige« Verhandlungen zwischen den Beteiligte« des Lohnkonfliktes des Brannkohlenbergbanes fällte der vom Reichsarbektsminister bestellte Schlichter, Prof. Dr. Brahn» eine« Schiedsspruch, der dahin lautet, daß der Dnrchschnitts- tariflohn im Kernrevier mit Wirkung vom Tage der Wie, deranfnahme der Arbeit an von 5,26 Mark ans 5,80 Mark» also «m 66 Pfennige je Schicht erhöht wird. Die Lohnerhöhung in den übrigen Kern- «nd Randrevieren erfolgt in gleichem Verhältnis. Diese Regelung kan» erstmalig zum 81. August 1928 gekündigt werde«. Die Erklärnngsfrist für beide Parteien länst Samstagnachmittag 16 Uhr ab. Von Bergbanseite wird erklärt, daß dieser Schiedsspruch eine so außergewöhnliche Lohnerhöhung vorsieht, daß er die Notwendigkeit einer Preiserhöhung ««abwendbar mache. Entsprechende Anträge hierauf würde» in Kürze an die Organe der Kohlenwirtschaft gelangen. Ueber Annahme oder Ablehnung des Schiedsspruchs im mittelöeuffchen Braunkohlenbergbau kann zur Zeit nichts gesagt werden, da beide Parteien auf für heute einberufenen Konferenzen erst ihre Entscheidung treffen werden. Die Delegiertenkonferenz der Bergarbeiter wird in Halle tagen. schaftssteuer von 75 auf 80 Prozent zu erhöhen. Der Minister berechnet die jährliche Mehrausgabe unter Hinzurechnung der Kriegsbeschädigtenrentenerhöhung auf rund 310 Millionen. Die Decknngsfrage bedürfe natürlich peinlicher und sorgfältiger Prüfung. Die Mehrkosten in Höhe von etwa 155 Millionen für 1927 könnten für diese Zeit vom Reiche ohne jede Steuererhöhnng gedeckt werden. Die-Annahme, daß das Jahr 1927 mit einem Defizit abschlietzen werde, sei nicht zutreffend. Die ausführliche Darlegung der Finanzlage für die folgenden Jahre behält sich der Minister Mr den Haushaltsausschutz vor. Angesichis der besseren Wirtschaftslage des Reiches gehe «r sber davon aus, daß, wenn nicht außergewöhnlich schwere Rückschläge kommen, im nächsten Jahre die Mittel ohne Steuererhöhnng zu beschaffen sein werden. Der Minister stellt fest, daß auch der Etat für 1928 balanzieren werde. Reichspost und Reichsbahn seien gleichfalls in der Lage, die Mehrausgaben zu bestreiten. Bezüglich der Länder erklärte der Minister, daß bereits bei Abschluß des letzten Finanzausgleichs mit der Erhöhung der Bezüge gerechnet worükn sei. Gerade deshalb sei er damals den Lärchern bis zur Grenze des Möglichen entgegengekommen, was ihm von verschiedenen Seiten scharfe Angriffe eingetragen habe. Zu dem nicht^günstigen Finanzausgleich trete für die Länder noch die starke Entlastung auf dem Gebiete der Erwerbslosenfürsorge. Endlich werde sich auch die günstigere Wirtschaftslage in wahrscheinlich größeren Neber- weisnngen für 1928 an Länder und Gemeinden a«swirke«. Die Reichsregierung könne einer Revision des Finanzausgleichs daher nicht znstimmen. Die Regelung für die Gemeinden werde noch Gegenstand eingehender Prüfung im Ausschuß sei« müssen. Wenn die Länder jetzt noch besondere Mittel forderten, so verlangten sie im Grunde eine Garantie, die sie vor etwaigen wirtschaftlichen Konjunkturerscheinun- gen sichern soll. Der Minister geht dann auf die Auswirkungen der Befoldnngsvorlage anf die Preisgestaltung und die Wirtschaft ei«. Dem Beamten sei eine Erhöhung seiner Kaufkraft durch Preissenkung zweifellos angenehmer als die Erhöhung der Bezüge. Zweifellos seien da und dort Bestrebungen im Gange, eine allgemeine Lohnerhöhung und in ihrem Gefolge eine allgemeine Steigerung der Produktionskosten und der Preise durchzuführen. Tie Reichsregierung sehe hierin ein außerordentlich gefährliches Unterfangen. Die Löhne der Arbeiter seien seit Dezember 1924 um rund 27 bis 28 Prozent gestiegen, während die Beamtengehälter infolge der Erhöhung des Wohnungszuschuffes nur eine vier- bis sechsprozentige Erhöhung erfahren haben. Aus der Erhöhung der Beamtenbezüge, die nur eine Nachholung bedeute, könne nicht ohne weiteres die Notwendigkeit einer allgemeinen Erhöhung der Arbeiterlöhne gefordert werden. Tie Erhöhung der Konsumkraft der Beamten brauche sich auch keineswegs auf dem Gebiet des Preisniveaus ansznwirken. Unbedingtes Festhalten des gesamten Einzelhandels am gegenwärtigen Preisstand würde den Absatz fördern und dadurch einen reicheren Ertrag bringen als eine Preisheraufsetzung. Tie Reichsregierung habe sich bereits in mehreren Sitzungen mit diesen Fragen beschäftigt u. sei bestrebt, nachteilige Auswirkungen der Besoldungserhöhung hintanzuhalten. Sie warne aber auch dringend vor einer Teuerungspsychose, zu der kein Anlaß vorliegc. Ter Minister verweist auf die Indexziffern, die zu derartigen Befürchtungen keinen Raum ließen. Die Reichsregierung betrachte die Wirffchaftslage keineswegs mit übertriebenem Optimismus. Sie lehne aber auch den dumpfen, keine Erfolge sehenden Pessimismus ab, der stch da und dort breit mache. Das vergangene Halbjahr habe dem Ovtimismus und nicht dem Pessimismus Recht gegeben. Der Minister betont, daß alsbald eine planmäßige Vereinfachung der Verwaltung durchgeführt werden solle. Im Zusammenarbeiten mit dem Reichssparkommiffar sei diese Arbeit begonnen. Zum Schluffe setzte sich der Minister mit der Kritik an der Vorlage auseinander und betonte, daß es eine allen Wünschen gerecht werk-nde Besoldungsvorlage nicht gebe. Er sei in der Ansgestaltnng der Vorlage bis an die Grenze des Möglichen gegangen, «nd werde alle« Wünschen, die aus eine finanzielle Mehrbelastung hinanslanfen, aufs schärfste widersprechen. Der Minister bittet den Reichs- tag, die Vorlage mit möglichster Beschleunigung zu verabschieden, damit baldmöglichst Klarheit geschaffen werde und auch auf dem Beamtengebiete die Stabilisierung eintrete, die auf dem Gebiete der Währung mit Erfolg erreicht sei. Abg. Steinkopf lSoz.) erklärt, die Vorlage habe in der Beamtenschaft viel Enttäuschung hervorgerufen. Der Finanzminister habe damit ganz erheblich danebengehauen. Ein solches Durcheinander, soviel Proteste und Gegenvorschläge seien noch niemals dagewesen. Der Minister habe übertriebene Vorstellungen von der Höhe der Beamtenbezüge erzeugt und damit zu den Preissteigerungen beigetragen. Was herausgekommen sei, wirke unsozial. Tatsächlich erhöht stch das Gesamteinkommen in den unteren Gruppen um fünf, in den mittleren um sechs und in den oberen um neun Prozent. Damit ist nach wie vor ein großer Teil der Beamten noch weit entfernt vom Friedensrealeinkommen. Die Befolüungsordnung von 1920 hat sich im allgemeinen gut bewährt. In der Beamtenschaft wird es nicht verstanden, warum in der neuen Vortage von tyr avgewicyen wiro. su den Einzelheiten der Vorlage behalte stch die sozialdemokratische Fraktion ihre Stellungnahme für den Ausschuß und Verbesserungsvorschläge vor. Abg. Graf Westarp (D.N.) eist auf die schwere Notlage der Beamtenschaft und erklärt, daß seine Partei aus warmen Herzen das Möglichste tue. Ein unabhängiges, vor Sorge und Not gesichertes Berufsbeamtentum gehöre zu den unentbehrlichen Grundlagen des Staatslebens. Die Beamtengehälter müßten den Preis- und Lohnverhältnisse» angepaßt werden, umsomehr, als die Verschuldung in vielen Teilen der Beamtenschaft geradezu das Staatsinteresse gefährde. Der Entwurf enthalte gegenüber dem bisherigen Zustand wesentliche Besserungen. Gewisse Mängel der Vorlage seien aber noch abzustellen. Vorbildung und Leistung müßten stärker berücksichtigt werden. Deshalb bedürften besonders die Sätze der höheren Beamten der Nachprüfung. Verbesserungsbedürftig seien auch die Bestimmungen für die Beamten des Warte- und Ruhestandes und diejenigen für die Wehrmacht. Nicht genügend geklärt sei bisher die Frage der Deckung. Die Differenzen mit den Ländern müßten bereinigt «nd die berechtigte« Besorgnisse der Länder zerstreut werde«. Aufs sorgfältigste müsse man darüber wachen, daß der Steuerdruck nicht weiter anwachse, sondern auf ein erträgliches Maß herabgesetzt werde. Der Redner stimmte dem Minister ,u in der Forderung, unter allen Umständen eine Psychose der Teuerung und Inflation zu verhindern. Tie Vertretungskörperschaften der Beamten fordert der Redner dringend auf, sich der großen Verantwortung bewußt zu sein, die sie hätten, wenn sie die Forderungen überspannten und unerfüllbare Hoffnungen erweckten. Abg. v. Gnerard jZtr.) gibt für seine Fraktion eine Erklärung ab, in der gesagt wird, daß leider in den letzten Jahren infolge der großen Arbeitslosigkeit eine Besoldungsaufbesserung nicht möglich gewesen sei. Die Besserung der Wirtschaftslage, die steigende Einnahmen zur Folge hatte, Und die erheblichen Ersparungen an den Ausgaben ermöglichten jetzt die Neuregelung. Die Vorlage der Reichsregierung müsse vom wirtschaftlichen und finanziellen Standpunkt sorgfältig geprüft werden. Es muß insbesondere für genügend Sicherheiten gesorgt werden, nm eine Schwächnng der Kaufkraft z» verhindern. Unser ganzes Volk habe großes Interesse an einem arbeitsfreudigen und pflichtbewußten Berufsbeamtentum. Tie Bedenken einzelner Länder seien sorgfältig zu prüfen. In gemeinsamer Arbeit und durch entsprechende Maßnahmen der Länder müsse vor alle» Dingen eine großzügige Verwaltungsreform ln Angriff genommen werde». Abg. Dr. Scholz lD.V.P.> gibt gleichfalls eine Erklärung ab. in der der Reichsregieruug für die Einbringung der Vorlage gedankt und die Erwartung ausgesprochen wird, baß die Besolöungsreform möglichst rasch durchgeführt werde. Den Beschluß des Reichsrates auf Aenderuna des Finanzausgleiche lehnt die Fraktion ab. Sie verlangt vielmehr Senkung der Realsteuern und größere Sparsamkeit tu den Ländern. Für die oberen «nd mittleren Grnppen, die in der Vorlage benachteilig» seien, müsse der Anschuß noch Verbesserungen schaffen. Auch mit der Regelung für die Wartegeldempfänger und Ruhestandsbeamtcn sei die Fraktion nicht einverstanden. iSe werde auch hier Verbesserungen vorschlagen. Abg. Schnldt-Stegliy (Dem.) erklärt, daß seine Freunde der Vorlage mit außerordentlich gemischten Gefühlen gegenüberständen. Ter Redner fordert eine Reform des Orts- klassenverzeichnifles uird des Systems des Wohnungsgeldzu- Ichusses. Völlig ungerechtfertigt sei die starke Bevorzugung der hohen Militärpersvnen gegenüber den hohen Zivilbe- amtcn. Abg. Leicht (B.B.P.j hält die Besolduugsvvrlage vom be- svlöungstechnischen Standpunk aus in verschiedenen Punk- ten für verbesserungsbedürftig. Angesichts der scharfen Kritik großer Beamtenorganisationcn werde die Frage auch zu erörtern fein, ob die beabsichtigte organische Acnderung des Besoldungswesens notwendig und zweckmäßig sei. In der Teckungsfrage sei zu prüfe», ob die Teckungsmöglichkeiten absolut und dauernd gewährleistet »eien. Abg. Frick (Nat.-Soz.) erklärt, die Beamten verlangten mit Recht, daß wenigstens die Frieöensrealgehälter erreicht werden. Auch diese seien schon unzulänglich gewesen. Damit schließt die Aussprache. Dis Besold,»ngsvorla-e wird dem Ausschuß überwiesen. Die Befoldungövockage im Reichstag. Nr. 208. Jahrgang 1927. Der Landbote * Stnsheimer Zeitung. Samstag, den 22. Oktober 1927. Es folgt die Beratung der Novelle zn,n Reichsgesetz, die auch die Bezüge der Kriegsbeschädigten erhöbe« will. Hierzu gibt der Reicharbettsmintster eine Erklärung av, ln der er u. a. ausführt: Die Vorlage bezwecke die Anglei. tzung der Bersorgungsbezüge an die mit der Besoldungsreform geplante Aufbesserung der Beamtenbezüe. Es sei notwendig, vor allem eine Aufbesserung der unzureichenden Renten der Leichtbeschädigten herbeizuführen. Die Renten der Hinterbliebenen würden durch die Vorlage um 9,3 Pro. zent erhöht. Die Mehraufwendungen würden nach der Vorlage jährlich 205 Millionen betragen. Damit stiegen die Ausgaben für die Versorgung der Kriegsbeschädigten im nächsten Etat auf 1,8 Milliarden. Die darüber hinausgehenden Forderungen mancher Organisationen bezeichnet der Minister als Ausfluß hemmungsloser Agitation, die den Boden der realen Tatsachen verlasse. Die Interessen der Kriegsopfer würden dadurch nur geschädigt. Die Reichsregiernng sei mit der vorliegenden Novelle bis znr Grenze gegangen, die ihr durch die finanzielle Leistungsfähigkeit des Reiches gezogen sei. Abg. Thiel fD.V.P.) gibt für die Regierungsparteien und die Wirtschaftliche Vereinigung eine Erklärung ab, in der die Vorlage als ein bedeutsamer Fortschritt in der Versorgung der Kriegsbeschädigten und Kriegshinterbliebenen bezeichnet wird. Das Endziel, bas in der Versorgung angestrebt werde, könne allerdings auch heute noch nicht erreicht werden. Seit der Stabilisierung sei man mit jeder Novelle diesem Ziele näher gekommen. Die Erklärung wendet sich dann gegen die Forderungen des Reichsverbandes der Kriegsbeschädigten, der nur danach strebe, die Forderungen aller anderen Verbände zu übertrumpfen. Wollte man diesen Forderungen entsprechen, so würde das Ausgaben von 2% Milliarden bedingen. Die Regierungsparteien halten sich für die Ausschußberatung vor, weitere Verbesserungen der Vorlage herbeizn- führen. Abg. Rotzmauu fSoz.) erklärt, die vorliegende Novelle versuche, durch die verschiedenartige Bemessung der Erhöhung die einzelnen Versorgungskategorien gegeneinander aufzubringen. Am schlechtesten seien die Witwen und Eltern bedacht worden. Abg. Ziegler jDem.) fordert, daß man die Fragen der Kriegsbeschädigten frei von jeder Parteivolitik behandle. Der Redner hält gleichfalls wesentliche Verbesserungen der Vorlage im Ausschuß für notwendig. Darauf werden die Beratungen abgebrochen. Das Haus vertagt sich auf Samstag, l2 Uhr. Weiterberamng: Sozialdemokratische und Zcntrums-Jn- terpellation über den mitteldeutschen Bergarbeiterstreik,' kommunistisches Mißtrauensvotum gegen den Reichsarbeitsminister. Zur Tagesordnung erklärt Reichsarbeitsminister Brauns, daß, wenn noch in den heutigen Abendstunden das im Gange befindliche Schiedsverfahren im mitteldeutschen Bergarbeiterstreik zu einem Schiedsspruch führe, am Samstag die streitenden Parteien dazu Stellung nehmen mühten und er evtl, vor die Frage einer Berbindlichkeitserklärung gestellt sein würde. Unter diesen Umständen könne er sich von einer Behandlung im Reichstag nichts versprechen. Anders sei es, wenn der Schiedsspruch heute nicht mehr zustandekomme und die Verhandlungen ergebnislos verlaufen. Dann würbe er dem Reichstag am Samstag zur Verfügung stehen. Von den Oppositionsparteien werden Anträge auf Erweiterung der Tagesordnung gestellt. An der Abstimmung darüber beteiligen sich die Regierungsparteien nicht, so baß bei der Auszählung nur die Anwesenheit von 138 Abgeordneten festgestellt wird. Das Hans ist also beschlußunfähig. Eingriff Parker Gilberts. Berlin, 21. Okt. Die zweifellos neue Wendung, die die FragÄ der Beamtenbefoldung mit dem heutigen Tage in gewisser Beziehung genommen hat, hängt, wie man in unterrichteten Kreisen hört, unmittelbar mit einem bedingten Eingriff des Reparationsagen- len zusammen. Parker Gilbert hat sich heute mit einem Schreiben an die Reichsregierung gewandt, in dem er auf die Besoldungserhöhung zu sprechen kommt. Bon zuständiger Seite wird erklärt, daß es sich dabei keineswegs um einen formellen Einspruch handle, sondern vielmehr um die Mitteilung von Bedenken, die der Reparationsagent hegt. Ueber den Schrill des Reparationsogenten hört man in politischen Kreisen noch einige Einzelheiten, Es ist bisher allerdings nicht möglich gewesen, eine genaue Inhaltsangabe dieses Exposes, das über 40 Seiten lang ist, zu erhalten, da das Reichsfinanzministerium auf Anfrage ledig'ich die Antwort gab, daß man zurzeit iwch mit der Uebersetzung dieses Exposes beschäftigt sei. So viel hat man aber jedenfalls bereits erfahren können, daß Parker Gilbert zwar nicht gegen eine Besoldungsreform an sich Einspruch erhebt, jedoch die Trage an das Reichsfinanzministerium richtet, wie dieses sich die Deckung der Ein Frühlingstraum. 66) Eine Erzählung aus dem Leben von Fr. Lehne. Schlafen, Mary? Wie kann ich jetzt schlafen, wo mir das Herz so voll ist! Latz mich wachen, und lege du dich nieder, armes Mädchen!" „Nein, heute noch nicht! Aber morgen — nun gehen Sie, es ist schon spät!" „O Mary, sage doch „Du" zu mir) ich kann die fremde Anrede von dir nicht hören!" „Doch, Wolf! Es ist doch wohl besser so — wenn es mir selb« auch schwer wird", kam es zögernd von iyecu Lippe», „denken Sie an Ihre Frau!" „Meine Frau", sagte er bitter, „die schläft, während wir das Kind dem Tode abgerungen haben." Mary legte beschwichtigend ihre Hand auf seinen Arm. „Nicht ungerecht werde»! Ihre Frau ist krank: sie fieberte, als ich sie ins Schlafzimmer brachte — seien Sie gut zu ihr!" ; „Mary, sei nicht so fremd zu mirp ich kann es nicht ertragen! -Du nimmst Ella noch in Schutz? Du weißt wohl nicht, was st« uns angetan hat —" „— Ich will es auch nicht wissen: das ist vorbei! — Wolf, jetzt, möchte ich allein sein." Da war er wieder, der süße, bittende Ton, dem er niemals widerstanden. Er nahm ihre beiden Hände und führte sie an seine Lippen. „Süßes, süßes Weib", stieß er halb erstickt hervor. Dann fühlte sie sich plötzlich von seinen Armen umschlossen: sein Mund preßte sich heiß auf den ihrigen in einem langen durstigen Kusse — doch ehr sie recht zur Besinnung kam, war sie allein. Sie sank am Bettchen nieder, das Gesicht in den Händen rxerbor- gen. — Was sie längst tot und begraben wähnte — erstand wieder aus und verfolgte sie selbst bei der Erfüllung ihrer schweren Pflichten — es war die Sehnsucht nach Glück unk Liebe, nach seiner Liebe! Die Erinnerung an verflossene selige Stunden überkam sie mit Macht — o, wären nur bi« Mehransgaben vorstellt. In dem Expose wird darauf hingewiesen, daß Deutschland augenblicklich zwar eine guie Wirtschaftskonjunktur habe, daß diese blühende Konjunktur jedoch nur scheinbar sei, jedenfalls keine lange Dauer in sich berge. Es wäre infolgedessen falsch, Ausgaben, die im Haushalt nicht vorgesehen seien, sich durch den Reichstag bewilligen zu lassen, in der Hoffnung, daß diese scheinbar günstige Konjunktur foridauern werde, denn die Gefahr des Rückschlags bestehe. Die Gedankengangä des Reparationsagenten sind an sich nicht neu. Es wird nur viel bemerkt, daß er die Bedenken, die er mit der deutschen Finanzgebarung schon immer hatte, gerade im jetzigen Zeitpunkt formuliert der Regierung zur Kenntnis gebracht hat. Man wird daher zunächst die Stellungnahme der Regierung selbst abwarten müssen. Die gestrige Ministerbesprechnng. Berlin, 22. Okt. Die gestrige Ministerbesprechung, die um 16.30 Uhr begann und um 19.30 Uhr beendet wurde, galt ausschließlich laufenden Angelegenheiten. U. a. wurde besprochen, aus Ersparnisgründen die Gesellschaften der Reichsregiernng einzuschränken. Refirttatlofe Lohnverhandlungen der Reichsbahn. Die Verhandlungen zwischen der Reichsbahngesellschaft und den Vertretern der Eisenbahnarbeitern, die am Dienstag bei der den Vertretern der Eisenbahnarbeiter, die am Dienstag bei der Hauptverwaltung stattfanden, haben kein Resultat gebracht. Alle Argumente und Hinweise der Arbeitervertreter zur Begründung der so notwendigen Lohnerhöhung prallten am Generaldirektor, Herrn Dorpmüller, wirkungslos ab. Er erklärte, eine allgemeine Lohnerhöhung sei untragbar. Die Finanzlage der Reichsbahn gestatte eine allgemeine Lohnerhöhung nicht, weil die Lohn- und Gehaltserhöhung vom April dieses Jahres uno die Reparationslast sich im nächsten Jahr erst voll auswirken würden. Dazu komme, daß die Reichsbahn noch eine Reihe von Neuanschaffungen, die in diesem Fahr zurückgestellt worden seien, vornehmen müssej. Sie könne deshalb durch eine allgemeine Lohnerhöhung den Etat des nächsten Jahres nicht noch mehr belasten. Wo eine Angleichung der Löhne an die vergleichbaren Löhne der Privatindustrie notwendig sei, werde das geschehen. Zu einem Ausgleich mit Hilfe von Ortslohnzulagen sei Sie Reichsbahn bereit. Der Generaldirektor stellte den Organisationsvertretern anheim, sofort mit der Ortslohnzulageregelung zu beginnen. Diese verzichteten jedoch darauf und erklärten, daß sie das Ergebnis der Verhandlungen zunächst den Organisationsvorständen unterbreite» werden. Noch im Laufe dieser Woche nehmen die Organisationen zu dem negativen Ausgang der Verhandlungen Stellung: ihre Antwort an die Hauptverwaltung wird am kommenden Montag erstattet werden. i Drohende Aussperrung in der Zigarrenindustrie? Berlin, 20. Okt. In Sachsen, Schlesien und Westfalen ist ein Teil der Zigarrenarbeiter wegen Lohnforderungen in den Ausstand getreten. In Sachsen und Schlesien haben sich die Fabrikanten solidarisch erklärt und die Aussperrung sämtlicher Arbeiter angekündigt, wenn nicht in den nächsten Tagen die Arbeit allgemein wieder ausgenommen wiro. Diese Streiks kamen um so überraschender, als der Lohntarif vereinbarungsgemäß erst am 31. März 1928 kündbar ist. Da der Streik weiteren Umfang anzunehmen droht, hat die Leitung des „Reichsverbandes deutscher Zigarrenhersteller" vor einigen Tagen beschlossen, Ende Oktober für alle Betriebe die Aussperrung auf Mitte November anzukündigen, sofern bis dahin die „wilden" Streiks nicht beendet sind. Wichtig für Kriegsbeschädigte und Hinterbliebene In den letzten Tagen ging eine Notiz durch die Tagespreise. welche den Anschein hatte, als ob alle Rentenempfänger eine wesentliche Erhöhung ihrer Rente erhalten. Zur Aufklärung sollen diese Zeilen dinen. Von grundlegender Bedeutung ist der Entwurf in bezua aus den 8 27. Dieser Paragraph regelt die Grundrenten. Er erhält folgenden | Wortlaut: „An Grundrente und Schwerbeschädigtenzulage werden jährlich gewährt: bei einer Minderung der Erwerbsfäbiakeit um 30 v. Hundert 162 Mark Grundrente 40 v. Hundert 216 Mark Grundrente 60 v. Hundert 270 M. Grundrente und 36 M. Schwerbeschädigtenzulage 60 v. Hundert 324 M. Grundrente und 42 M. Schwerbeschädigtenzulage 70 v. Hundert 378 M. Grundrente und 54 M. Schwerbeschädigtenzulage 80 v. Hundert 432 M. Grundrente und 72 M. Schrver- beschädigtenzulaae 90 v„ Hundert 486. M. Grundrente und 108 M. Schwer- beschädigtenzulaae bet Erwerbsunfähigkeit 540 M. Grundrente und 144 M. Schwerbeschädigtenzulaae. In diesen Zahlen zeigt sich die Grundtendenz der ganzen Rentenerhöüuna. Die Schwerkriegsbeschädiatenzulage betrug Tage hier erst vorüber — sie waren so schwer, wie ste nie gedacht — doch jetzt hieß es ausharren, geduldig tragen!- Ein paar Tage waren vergangen. Haffos Kräfte waren aufs höchste erschöpft, und er mußte mit der größten Sorgfalt behandelt werden. Nur seinen Vater und Schwester llonsuelo ließ er an sich heran: sonst Haie er für niemand Interesse — ganz teilnahmslos lag er da. Gabriele lag krank zu Bett: sie hatte eine leichte Mandelentzündung, und ihre Nerven waren durch die ungewohnt« Aufregung so sehr mitgenommen, daß ihr der Arzt einige Tage Bettruhe anempfohlen hatte. Sie hatte Dfirry einige Bücher zur Zerstreuung gegeben, als diese in ihrem Zimmer war und die Umschläge erneuerte, sowie nach ihrem Befinden fragte. Wider ihren Willen mutzte ste das Mädchen bewundern, das unermüdlich in ihrer stillen, ruhigen Weise um ste sowohl wie das Kind bemüht war, und ihre Teilnahme war nicht ganz unwahr, wenn ste von Marys blassem, überwachtem Aussehen sprach.-Das Zusammensein mit Wolf warb Mary znr Oual und doch lauschte sie auf seinen Schritt, und ihr Herz schlug höher, wenn er zu ihr sprach. — An einem Abend spät, als sie das Kinüerfräulein zur Ruhe geschickt, die ihr tagsüber behilflich war und sie auch für einige Stunden ablöste, lag Mary auf der Chaiselongue in Haffos Zimmer. Das Lickt der Lampe auf einem Tischchen davor war durch einen Schleier gedämpft, so daß eine leichte Dämmerung herrschte. Haffo schlief ganz fest: so konnte sie es sich bequem machen: sie nahm die weiße Haube ab. löste sich das Haar und streckte sich lang aus. Sie fühlte sich zerschlagen und war froh, daß das Kind schlief — so konnte sie doch auch etwas ruhen: die Natur machte jetzt gebieterisch ihr Recht geltend, nachdem sie sich so lange hatte meistern lassen. Mechanisch blätterte Marn in dem Buche, nach dem sie auf das Geratewohl gegriffen hatte. Es war ein Gedichtbuch — ein ähnliches hatte sie von Wolf bekommen, das sie wie ein Heiligtum aufbewahrte. Da fiel ihr Blick auf das Gei- velsche Gedicht: Gar flüchtig rinnt die Stunde, Da in verschwieg'ncr Glut bisher einschließlich der Teurungszulaae von 23 Prozent 164.70 RM. im Jahre, während sie jetzt im Grundbetrag nur 144 RM. ausmacht. Es ist damit eine Herabsetzung der Schwerkriegsbeschädigtenzulage beabsichtigt. Der Grund ist nicht zu erkennen. Die einfache Pflegezulaae betrug bisher 43,95 RM. und soll künftighin 45 RM. betragen. Es ergibt sich eine Erhöhung von 1.05 RM. Die Hinterbliebenen sollen eine Erhöhung der Gebührniffe von 9,3 Prozent erhalten. Bisher gehörten zur Vollrente die Grundrente und die Schwerbeschstädigtenzulage. In Zukunft soll unter Boll- rente nur die Grundrente mit Ausgleichszulage zu verstehen sein. Eine Kriegerwitwe. die erwerbsfähig bezeichnet wird, in Wirklichkeit aber nicht erwerbstätig sein kann, erhält eine durchschnittliche Rente von 29.50 RM. Zu dem Regierungs- entwurf haben die im Reichsausschuß der Kriegsbeschädigten und Kriegshinterbliebenenfürsorge vertretenen Verbände erneut Stellung genommen und beantragt, den Hinterbliebenen die Heilbehandluna im Gesetz sicherzustellen und die Zusatzrente, die nur im Falle des Bedürfniffes unter gewissen Voraussetzungen gewährt wird, in die Grundrente einzubauen. Nach Abschluß der Reichstaasverhandlunqen werden wir eingehend Aufklärung geben. Die Organisationen geben sich der Erwartung hin. daß im 9. Jahre nach Abschluß des Krieges endlich eine befriedigende Versorgung erreicht wirb. Im Laufe des Monats November finden in sämtlichen Ortsgruppen des Amtsbezirks Rastatt Versammlungen statt, um jedem Kamerad Gelegenheit zu g?ben, sich mit dem Reichsversorgungsgesetz vertraut zu machen. Die römische Frage. Wieder auf dem toten Punkt. Rom, 20. Okt. Das fafzistifche Verordnungsblatt von heut« enthält eine Note, die als offizielle Antwort Mussolinis auf die beiden Artikel des vatikanischen „Osservatore Romano" über die römische Frage betrachtet werden kann. Darin wird gesagt, auf Grund der Artikel des „Osservatore" erscheine der Schluß berechtigt, daß die Frage der tatsächlichen politischen und juristischen Unabhängigkeit des Heiligen Stuhles nicht notwendigerweise an Bedingungen territorialer Art gebunden sei. Für das fafzistifche Italien komme eine Wiederherstellung der 1870 mit unermeßliche» Vorteilen für das moralische Prestige der Kirche von Rom aufgehobenen weltlichen Macht selbst in beschränktcm Umfange nicht in Frage. Im übrigen wird festgestellt, daß die bisherige Erörterung mit dem Heiligen Stuhl sich in würdigen Formen abgespielt habe und daß eine Lösung zwischen dem italienischen Staat und dem Heiligen Stuhl möglich erscheine. Allerdings warnt die Mitteilung zum Schluß vor übertriebenem Optimismus, sagt jedoch, dem saszistischen Regime, das noch das ganze 20. Jahrhundert vor sich habe, werde es vielleicht gelingen, die Regelung, ohne auf irgendein grundlegendes Recht des Staates zu verzichten, herbeizuführen, was dem demokratischen Liberalismus bisher nicht gelungen sei. Genf vor dem Auswärtigen Ausschuß Berlin, 22. Okt. Ter Auswärtige Ausschuß des Reichstages trat gestern vormittag unter dem Vorsatz des Abgeordneten Wallraf (D.N.) zu einer stark besuchten Sitzung zusammen, um zu den Genfer Verhandlungen Stellung zu nehmen. Weiter steht das Uebereinkommen und Statut über die internationale Rechtsordnung der Seehäfen auf der Tagesordnung. Von der Reichsregierung nimmt Reichs- anßenminister Dr. Stresemann an den Verhandlungen teil. Weiter find Staatssekretär Schubert und Staatssekretär Schmidt vom Reichsministerium für die besetzten Gebiete erschienen. Vor Eintritt in die Tagesordnung stellte der Vorsitzende Abg. Wallraf fest, daß die jetzige Sitzung bereits vor Beginn der diesmaligen Plenarverhandlungen von ihm anberaumt worden sei, und daß die Mitteilung eines Berliner Blattes, derzufolge es erst des Anstoßes von anderer Seite znr Einberufung der Sitzung bedurft hätte, jeder tatsächlichen Grundlage entbehre. Der Ausschuß trat dann in die Besprechung der Genfer Verhandlungen ein. die Dr. Stresemann durch einen eingehenden Bericht eröffnete. Der Auswärtige Ausschuß des Reichstages mußte nach längerer Beratung wegen der vorgerückten Zeit die Erörterung über die Genfer Verhandlungen unterbrechen. Er wird heute zur Fortsetzung der Debatte wieder zusammentreten. Eine Rede Chamberlains über den Völkerbund London, 21. Okt. In der Stadthalle in Colchester fand gestern das alljährliche Austern-Fest statt, an dem unter anderen Austen Chamberlain, Macdonalü sowie eine Reihe anderer Persönlichkeiten t eilnahmen. Der Chefredakteur des „Observer", Garwin, brachte bei dieser Gelegenheit eine« Toast auf den Völkerbund aus, dem er bei richtiger Handhabung großen Erfolg prophezeihte. Chamberlain bezeich- nete es in seiner Erwiderung als einen Fehler, die bisherigen Taten des Völkerbundes- zu unterschätzen. Er sei der Ueberzeugung, daß es heute keine Nation mehr gebe, die ihre Außenpolitik ohne Rücksicht auf den Völkerbund betreiben könnte. Die Existenz des Bundes habe den Krieg zwar Sich neiget Mund zu Munde Und Herz an Herzen ruht. Ihr ganzer wonniger Liebestraum erstand da vor ihr: die süßen seligen Stunden durchlebte sie noch einmal, und ließ die Macht der Erinnerung voll aus sich einwirken — um alles in der Welt mochte sie jene Zeit nicht ungeschehen machen — war sie eigentlich nicht glücklicher als Wolfs Gattin, für die er nichts übrig hatte? „Und doch, wiewohl sie Leiden allzeit zum Lohne gibt. Nie mag von Liebe scheiden, wer einmal recht geliebt. Er trägt die heißen Schmerzen viel lieber in der Brust. Als daß er nie im Herzen von solcher Lieb' gewußt!" las ste leise: ein sehnsüchtiges Lächeln lag um ihren Mund, und ihre Augen schlossen sich — ste war eingeschlafen. So fand sie Wolf nach einer Stunde: sie hatte ihn nicht eintrete» hören, so fest war ihr Schlummer. Lange stand er vor ihr und betrachtete sie. Wie bleich und durchsichtig sah sie aus, und doch welch friedlicher Ausdruck im Gesicht! Die weißen, kinderkleinen Hände waren in,der goldenen Lockenfülle verborgen, die wie ein Heiligenschein um das Köpfchen lag. Mit aller Macht drängte es ihn, das bolde Gesicht zu küssen: aber er widerstand — er wollte ihren Schlaf nicht stören. O Gott, wie liebte er dies Weib — bis zum Wahnsinn! Hatte er denn nur die Jahre ohne ste leben können?-Es war, als ob ob die Schlafende dies Anstarren fühlte? sie öffnete die Augen ein wenig — „Wolf?" kam es da leise wie fragend über die Lippen, und noch halb im Schlaf, strich sie das Haar aus dem Gesicht — „Wolf, du!" und sie richtete sich auf. Da konnte er nicht länger an sich halten: er setzte sick neben ste und zog die nur schwach Wiederstrebend« in seine Arme, auf seine Knie — wie in frühere» Zeiten, und wie in früheren Zeiten barg sie das Köpfchen an seiner Brust. So saßen sie lang« eng umschlungen, an nichts denkend, nur sich der Wonne deS Sichwiederhabens überlassend. Plötzlich fuhr sie auf — „Haffo?" — „Beruhige dich, Lieb, er sckläft ganz fest! - Und jetzt will ich dich haben, dich halten, wie früher — einmal nur, wenn ich nicht verrückt werden soll —", sagte er mit mühsam verhaltener Glut. tFortietzung folgt. $ - * 4 I k Nr. 208. Jahrgang 1927. Der Landbote * Sinsheimer Zeitung. Samstag, den 22. Oktober 1927. nicht unmöglich gemacht. Dieser sei jedoch durch die Existenz und die Tätigkeit des Völkerbundes zweifellos viel schwieriger geworden. Wenn der Völkerbund auf dem richtigen Wege fortfahre und seine Macht mit Mäßigung und Weisheit anwende, dann werde er in dem gleichen Maße an Einfluß und Macht gewinnen, wie es für die einzelnen Länder mehr und mehr unmöglich würde, der moralischen Aech- tung der Welt infolge Erklärung eines rieas oder Ablehnung der Schiedsgerichtsbarkeit zu trotzen. Ohne die große Arbeit des Völkerbundes wäre die wirtschaftliche Wiederherstellung Europas nach dem großen Kriege unmöglich gewesen. Der Bund habe bereits Großes geleistet für den Fortschritt der Nationen der sozialen Einrichtungen und Bedingungen, sowie für die internationale Zusammenarbeit. -Seine hauptsächlichste Aufgabe und der eigentliche Zweck bei seiner Gründung sei aber gewesen, den Frieden der Welt zu erhalten und zu sichern, und diesem Ziele müsse alles andere untergeordnet werden. Ramfey Macdonald sprach hierauf über die Notwendigkeit des industriellen Friedens. Er betonte, der Schrei nach Produktion habe keinen Sinn, solange die Produktion nicht mit einem entsprechenden Verbrauch Hand in Hand gehe. Die beiden beteiligten Seiten müßte» nun an die praktische Ueberwindung der Schwierigkeiten Herangehen und sich mit der Frage beschäftigen, wie in Zukunft eine Zusammenarbeit möglich sei. Er sei überzeugt, daß dieses Ziel erreicht werden müßte. Auch gestern kein Azorenflug des' Heinkel-Flugzeuges Lissabon, 22. Oktober. Das Heinkelflugzeug D 1220 ist gestern früh 6.48 Uhr in Lissabon gestartet. Es wurde jedoch durch einen Defekt am Motor gezwungen, nach zehn Minuten wieder auf das Wasser niederzugehen. Die Kanalschwimmerin Gleitze gibt »ns. London, 22. Oktober. Frl. Gleitze, di- gestern vormittag 4.28 Uhr vom Kap Grisnez zum zehnten Male für die Kanaldurchquerung startete, mußte etwa 8 bis 9 Meilen von Dover entfernt aufgeben. Letzte Telegramme ln Kürze. Die Schlichtungsverhandlungen im Bergbau sind gestern mittag im Reichsarbeitsministerium wieder ausgenommen worden. Aus dem Vitterfeldcr Streikgebiet liegen weitere Meldungen über Zechenstillegungen vor. Nach einer Mitteilung der Kreishauptmannschaft Leipzig ist auch gestern die Lage im Streikgebiet unverändert. Der Auswärtige Ausschuß des Reichstages trat gestern vormittag zu einer stark besuchten Sitzung zusammen, um zu den Genfer Verhandlungen Stellung zu nehmen. In Peking herrscht verschärfter Kriegszustand. Die Kriegslage ist unverändert. Me Stellung der süöslavischen Regierung gilt infolge der Forderungen der Demokraten als erschüttert. Ein neuer Fall, der an die Affäre Ruppoldt vom Amtsgericht Schöneberg erinnert, ist gestern beim Amtsgericht Chsrlottenburg aufgedeckt worden. Auch die 18. Partie Capablanea—Aljechin endete remis. Das Heinkelflugzeug „D 1220" startete gestern früh in Lissabon, mußte jedoch wegen Motordefektes gleich wieder niedergehen. Der Oberreichsanwalt hat beim Reichstag Antrag auf Zulaffung von Verhaftung mehrerer kommunistischer Abgeordneter gestellt, die in den Hochverratsprozetz gegen die Kommunistische Parteileitung verwickelt sind. Die Tagung des Zentral-Exekutivkomitees der Sowjetunion in Leningrad ist gestern mit einer Ansprache KatininS geschlossen worden. / Baden i Die badisch-pfälzische Presse auf der „Pressa". Kollektivausstellung südwestdeutscher Zeitungen. Der Vorstand des Vereins südwestdeutscher Zeitungsverleger — Baden und Pfalz — hat einstimmig beschlossen, sich an der von Mai bis Oktober 1928 in Köln stattfindenden Internationalen Presse-Ausstellung, der sogenannten „Pressa" durch eine Kollektivausstellung zu beteiligen. Eine hierfür eingesetzte Kommission hat bereits ihr« Arbeiten ausgenommen, und es darf erhofft werden, daß unter einheitlicher Führung und unter dem Zusammenwirken der berufenen Stellen des Staates, des Vereins und anderer daran interessierten Kreise einer der badisch-pfälzischen Presse würdige Ausstellung zustande gebracht werden wird. Wie wir hören, geht das Interesse über den Kreis der unmittelbar an der Ausstellung Beteiligten erheblich hinaus. Dies kann zum guten Gelingen der Sache nur äußerst erwünscht sein, damit die gesamte deutsche Tagespresse, speziell aber die südwestdeulsche Presse mit ihrer eigenartigen Struktur, eine ihrer Bedeutung würdige Vertretung aus der „Pressa". an der sich bekanntlich das gesamte Ausland in hervorragendem Maße beteiligen wird e hält. Aus Nah und Fern. * Sinsheim, 20. Okt. (Doppelstück der Steuererklamngsfor- mulare.) Bisher war es für den Steuerpflichtigen mit gewissen Schwierigkeiten verknüpft, ein Doppelstück der Steuere, klärungs- formulare vom Finanzamt zu Belegzwecken zu erhalten. Auf Antrag der Berufsvertretung des Einzelhandels hat jetzt der Reichsfinanzminister die Finanzämter angewiesen, ohne weiteres Vordrucke zu Einkommen-, Körperschasts-, Umsatz- und Vermox genssteuererklärungen in zwei Stücken den Steuerpflichtigen zuzusenden, welche dies bei dem zuständigen Finanzamt ein für allemal beantragen. * Sinsheim, 20. Okt. (Badischer Traintag in Durlach.) Der vorbereitende Ausschuß für den nächsten badischen Traintag in Durlach hat seine Werbetätigkeit wieder ausgenommen, nachdem es den Kameraden nicht vergönnt war, mit der Abhaltung des ersten badischen Traintages im Mai 1925 die erhoffte Enthüllung eines Ehrenmals für die teuren Gefallenen verbinden zu können. Wenn die Ungunst der Verhältnisse in den letzten zwei Jahren der Werbetätigkeit erhebliche Schranken auferlegte, so soll nunmehr, nachdem eine gewisse Stetigkeit und Aufwärtsbewegung zu erkennen ist, mit allen Mitteln darnach gestrebt werden, daß bis zu dem nächsten badischen Traintag die Einhüllung des nach dem Professor Alkerischen Entwurf zu errichtenden Denkmals (ähnlich jenem der Leibgrenadiere in Karlsruhe) gesichert ist. * Sinsheim, 20. Okt. (Zahlung der Bersorgungsrenten.) Entgegen der sonst üblichen Zahlung der Bersorgungsrenten am 29. dieses Monats für den kommenden Monat sind, wie vom Reichsbund der Kriegsbeschädigten mitgeteilt wird, die für Monat November fälligen Renten nach dem Reichsversorgungsgesetz, dem Altrentnergesetz und dem Kriegspersonenschädcngcs-tz (einschließlich der Vorschußzahlung auf die zu erwartende Rentene: Höhung für Oktober und November 1927) ausnahmsweise schon vom 27. Oktober an zu zahlen. % Neckarbischofsheim, 21. Okt. (Verschiedenes.) Am nächsten Sonntag verkehrt wiederum das Auto des Herrn Störzer auf den letzten Zug 11.59 in Sinsheim. Es besteht Aussicht, daß das Reichs- bahndetriebsamt gestattet, die hier gelöste Sonntagsfahrkarte auch für die Strecke Meckesheim—Sinsheim zu benützen. — Am kommenden Mittwoch wird das hier wohlbekannte Soloquartett für Kirchengesang von Professor Röthig-Lcipzig in der hiesigen Stadtkirche ein Konzert veranstalten. Allen Freunden kirchlicher Musik wird hiermit ein erlesener Kunstgenuß geboten. — Meckesheim, 21. Okt. (Silbernes Ehejubiläum.) Postmeister Diehm und Frau begehen am Sonntag das Fest der silberenen Hochzeit. Das Ehepaar genießt hier das beste Ansehen und weile Kreise werden an dem Jubelfeste, das jedoch Trauer um einen Sohn verdüstert, innigen Anteil nehmen. = Wiesloch, 21. Okt. (Verschiedenes.) Die Schülerinnen des St. Iosefshauses mußten auf vielseitigen Wunsch am Dienstag ihren am Sonntag gegebenen Theaterabend mit dem Schauspiel „Ida von Toggenburg" und dem Lustspiel „Eine gefährliche Krankheit" wiederholen. — Die Mitglieder des hiesigen Stenographenvereins, Frl. Kunigunde Spieß und Frl. Anna Heil, wurden bei dem am Sonntag in Weinheim stattgefundenen, von 400 Personen besuchten Bezirkswettschreiben mit Preisen ausgezeichnet. = Walldorf» 21. Okt. (Notlandung eines Flugzeuges.) Heute nachmittag mußte ein von Mannheim kommendes Flugzeug mit der Nummer D 1163 infolge eines Schadens an einem Benzinrohr auf dem Walldorfer Wiesengelände eine Notlandung vornehmen, die glatt vor sich ging. Das Flugzeug wird aller Voraussicht nach im Laufe des morgigen Vormittags zum Weiterflug starten. Beim Bekanntwerden der Landung strömte aus Walldorf und Nußloch eine große Anzahl neugieriger Zuschauer herbei. t Mannheim, 21. Okt. (Vorsicht mit Räucher-Apparaten!) In einem Hause eines Vorortes war auf dem Speicher ein Räucher- Apparat aufgestellt, der dort unbegreiflicherweise in Tätigkeit gesetzt wurde. Am Donnerstag vormittag entstand denn auck ein Brand auf dem mit entzündbarem Material angefüllten Speicher. Der rasch herbeigeeilten Feuerwehr gelang es noch rechtzeitig das Feuer zu unterorücken, bevor es weitere Ausdehnung annehmen konnte. t Neckarsulm, 21. Oktober. (Zwei Unglücksfälle.) Am Samstag nachmittag wurde der Arbeiter Schaubel von den NSU.-Werken auf der Straße nach Neuenstadt von einem Stuttgarter Auto überfahren und getötet. Schaubel fuhr mit seinem Rad auf der linken Straßenseite und ging trotz der Signale des Autos nicht nach rechts herüber. Als dieses dann rechts Vorfahren wollte, bog Schaubel scharf rechts ab und kam so unter den Wagen. Hierbei erlitt er einen Schädelbruch und starb alsbald. — Um dieselbe Zeit stürzte auf der Neuenstädter Straße, 2 Kilometer von Neckarsulm, ein Motorradfahrer. Ob der Sturz durch ein anderes Fahrzeug verursacht wurde, ist noch unaufgeklärt. Er wurde von einem Auto aufgefunden und mit leichteren Verletzungen ins hiesige Krankenhaus eingeliefert. ** Mannheim, 22. Oktober. (Aus Aufregung über den Umzug gestorben.) Als gestern vormittag kurz vor 7 Uhr der 72 Jahre alte Invalide Josef Fieger, Langstraße 77, mit den Vorbereitungen zu seinem Umzug nach dem Lindenhof beschäftigt mar, sank er plötzlich tot zu Boden. Die Aufregung über den Umzug, der ihn unglücklich machte, hatte ihn getötet. ** Mannheim. 22. Okt. (Stromversorgungen der Vorortbahnen.) Die elektrischen Bahnstrecken Mannheim—Heidelberg—Weinheim, Mannheim—Ladenbura—Schriesheim u. die Schnellbahn Mannheim—Heidelberg der Oberrheinischen Eisenbahn-Gesellschaft, die zum Teil noch iür den elektrischen Betrieb ausgebaut werden, werden von Ladenburg aus mit Strom gespeist. Die Umformerstation für die Stromversorgung des Netzes wird in dem Gebäude des früheren städt. Elektrizitätswerkes Ladenburg untergebracht, das, im Jahre 1902 erbaut, 1913 an das Kraftwerk Rheinau überging und stillgelegt wurde. Das Gebäude muß vergrößert werden und es werden darin drei Gleichrichter den 20 OM-Voltstrom in 1200 Volk Gleichstrom umwandeln. Die gesamte Station wird bis zum Frühjahr 1928 fertig sein, dock wird die Strecke Mannheim—Seckenheim bereits am 15. Mzember übergeben werden. ** Mannheim, 22. Oktober. (Zum Stehlen erzogen.) Die Cäcilie Kölbel war von frühester Jugend an zum Stehlen erzogen worden, das sie später dann auch nicht mehr lasten konnte. Die Diebereien brachten ihr schon viele Strafen ein. Das Gericht ließ Milde walten und verurteilte die Frau für ihre letzten Diebereien nur zu acht Monaten Gefängnis. ** Mannheim, 22. Oktober. (Teuer bezahlte Zeche.) Für seine Freigebigkeit mußte anfangs September ein 45 Jahre alter Herr dadurch bezahlen, daß er in einer Wirtschaft eine bicrlustige Gesellschaft freihielt. Darunter befanden sich zwei Frauen, die sich seiner sehr liebevoll annahmen. Als er nun ans Heimgehen dachte, fehlte ihm seine mit 1450 M. gespickte Brieftasche. Tie Männer, im anzen fünf, waren jedoch mit dem Geld aus dem Lokal verschwunden, saßen aber dafür gestern auf der Anklagebank. Es gab Gefängnisstrafen von 1 bis 10 Monaten. ** Heidelberg, 22. Oktober. (Einstellung des Verfahrens gegen Dr. Gumbel.) Das gegen den Heidelberger Privatdozenten Dr. Gumbel schwebende Landesverratsverfahren ist eingestellt worden, da Gumbel Nachweisen konnte, baß die von ihm gemachten Angaben über die Schwarze Reichswehr bereits bekannt waren. Nach einer Mitteilung des „Heidelberger Tagblattes" hat Gumbel seinen Lehrauftrag für Statistik wieder verliehen bekommen. ** Heidelberg, 22. Okt. (öOjähriges Bühnenjubiläum). Der Inspizient Georg Becker vom Heidelberger Stadttheater feiert am 4. November sein Mjähr. Bühnenjubiläum und zugleich seine 50jährige Zugehörigkeit zum Heidelberger Stadttheater. Am 4. November 1877 trat er als Chorsänger unter der Direktion Böllert unserem Bühnenverband bei und wurde 14 Tage später zum Inspizienten ernannt, als welcher er noch heute in gewissenhaftester Weise seinen Dienst ausübt. ** Gauangelloch, bei Heidelberg, 22. Okt. (Erneuter Einbruch in ein Pfarrhaus). Vorgestern Nacht wurde im kathol. Pfarrhaus etngebrochen und sämtliche Opferqelder und sonstige Weite gestohlen. Wahrscheinlich hängt der Diebstahl mit dem vor acht Tagen im Pfarrhause Gaiberg vorgenommenen Diebstahl zusammen, bei dem die Diebe 4000 Mark erbeuteten. Von den Dieben fehlt bis jetzt jede Spur. ** Badenweiler, 22. Oktober. (Todesfall.) Am Donnerstagabend starb hier ganz unerwartet der Freiburger Uni- versitätsprofeflor Geh. von Below, der in Baöenweiler zur Kur weilte. Geh. von Below, der im 70. Lebensjahre stand, galt als einer der bervorraaendsten Vertreter der mittelalterlichen und neuerlichen Geschichte an den deutschen Universitäten. Obwohl emeritiert hielt er noch Vorlesungen ab und hatte auch für das Wintersemester bereits wieder zwei Vorlesungen angesetzt. ** Zell a. H., 22. Oktober. (Verhaftung.) Ter 21jährige Salomon Breig von Oberharmersbach wurde verhaftet. Er hatte seinem Tienstherrn fünf Scheckformulare entwendet, gefälscht und bei verschiedenen Geschäftsleuten in Zahlung gegeben. ** Waldshut, 21. Okt. (200 Liter Milch auf der Straße). Heute vormittag wurde auf der Brücke vor dem oberen Tor ein Milchwagen von zwei durchgehenden Pferden umgeworfen. Zirka 200 Liter Milch ergoffen sich auf die Straße. ** Erzingen (Schweizer Grenze). 22. Okt. (Tödlicher Unfall. Das vier Jahre alte Söhnchen des Tierarztes Dr. Leiber stürzte bei einer benachbarten Familie in einen Kübel heißen Wassers. Das Kind erlitt so schwere Brandwunden, daß es starb. Teuer in einem Frankfurter Kino. Frankfurt a. M., 21. Oktober. Heute nachmittag gegen 3 Uhr drangen aus den Luna-Lichtfpielen in der Schäfergasse plötzlich große Stichflammen auf die Straße. Die Gewalt der Stichflammen war so groß, daß sie die Häuser der gegenüberliegenden Seite erreichten und die dortigen Geschäfte die Rolladen herunter- lassen mußten, um ein Uebergreifen des Feuers zu vermeiden!. Die gesamte Frankfurter Feuerwehr war bald zur Stelle und mußte die Sperrgitter abreißen, um in das Gebäude cindringen! zu können. Die Feuerwehr warf die brennenden Einrichtungsgegenstände auf die völlig abgesperrte Straße. Das Feuer fand in den zahlreichen Filmstreifen reiche Nahrung und hatte bald so weit um sich gegriffen, daß die Decken zum ersten und zweiten Stock durchbrachen. Das Gebäude ist dis zum zweiten Stockwerk völlig ausgebrannt. Erst gegen 5 Uhr konnte das Feuer gelöscht werden. Die Entstehungsursache ist unbekannt, der Schaden sehr groß. , Beim Spiele de« Bruder erschlagen. S«l a. N., 22. Oktober. Zwei Knaben des Gärtners Friedrich Ziegler waren bei einer befreundeten Frau, die auf dem Krautland mit Kartoffelernten beschäftigt war. Der älteste Junge machte sich mit einer Hacke zu schaffen und traf seinen jüngeren Bruder auf den Kopf, so daß dieser schwerverletzt ins Krankenhaus verbracht werden mußte, wo schon nach kurzer Zeit der Tod eintrat. Turnen» Sport und Spiel. Handball. Am morgigen Sonntag findet auf dem Spielplätze des Turnvereins Sinsheim die Berbandsspiele der 1., sowie Iugendmann- fchasten des Turnvereins Sinsheim gegen Turnverein Steinsfurt statt. Die Jugend spielt von 1—2 Uhr. Die 1. Mannschaft von 2—3 Uhr. Eintritt kostet 30 Pfennig. Neueste amtliche Kurse mitgeteilt von der Berelnsbank, e. G. m. b. H. Sinsheim, vom 22. Oktober 1927. ««leihe»: Ablösungsschuld mit Auslosungsschein ohne Buslosungsfchet« . ««»kaktle: Bad. Baut .... Darwstädler- und Nattonalbank Deutsche Bank .... DmttchcBcreinsbank Dresdner Banl Mitteldeutsche Kreditbank Rcichsbank .... Rhein. Ereditbank . . Sübd. Dtsconto Ges. in »/o 5I,S0 14 50 in W 170 216.50 156.50 »2 154,rO 228. 132 13» Cementwerk Heidewerg Daimler Motoren . Dtsch. Gow- und Siwerschetde Glektr. Licht und Kraft . Emaill. und Stanzwerk Ullrich Farbeninduftrte Fuchs Waggon Stammaktien Gritzner Maschinen Durlach . Karlsruher Maschinen . Knorr Hetwrorm . . . Mainkraftwerle Höchst . Neckarsulmer Fahrzeugwerk« . 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Bergbahn 6l Norddeutscher Lloyd . . 145 Devisen: Geld Brief New-Aork 1 Dollar 4.183» 4 1910 London 1 Pfund 20.334 20 424 Holland 100 Gulden 168,34 168.63 Schweiz 100 Francs 80.681/2 80 . 941 /a Wien 100 Schilling e»,o 2 59.14 Parts 100 Francs 16.427 16,467 Italien 100 Lire 22 . 871/9 22 sg»/a Heidelberger Marktpreise 0. 21. Oktober. Kartoffeln 6 Pfg., Weißkraut 10, Rotkraut 15, Wirsing 10, Rosenkohl 30—35, Blumenkohl 30—120, Mangold 8—10, Spinat 20—25, grüne Bohnen 35—60, gelbe Bohnen 40—55, Tafeläpfel erster Wahl 20—30, Tafeläpfel zweiter Wahl 10—20, Tafelbirnen erster Wahl 25—40, Tafelbirnen zweiter Wahl 10—25, Kochäpfel 8—10, Kochbirnen 8—15, Kopfsalat, Stück 10—15, Endivien, Stück 6—12, Feldsalat 1/1 Pfund 20—25, Schlangengurken 30—70, Salatgurken, Stück 15—35, Rettig. Stück 5—15, Radieschen per Gebund 7—10, Tomaten 30, Schwarzwurzeln 40—60, Pfirsiche, Weinbergpfirsichc 30, Zwetschgen 25. Karotten per Gebund 6—7, gelbe Rüben 10, Amerikaner Rüben 10, rote Rüben 10, weiße Rüben 8—10, Bodenkohlrabi 8—10, Kohlrabi, 1 Stück 5—10, Zwiebeln 12—15, Sellerie 10—25, Meerrettig 20—60, Pilze 30—40, Melonen 12—15, Kürbis 10—12, Landeier 14—18, Landbutter 190, Trauben 30—60, Quitten 20—25 Kastanien 20—30, Rüffe 35—40 Pfg. Evangelischer Gottesdienst. Sonntag, den 23. Oktober 1927. Kollekte für den Evang. -Frauenverband für Innere Mission. V2IO Uhr: Hauptgottesdienst. Bikar Becher. 1 Uhr: Kindergottesdienst Bikar Becher. Wetterbericht. Karlsruhe, 21. Oktober. In Baden war es gestern zeitweise heiter und meist trocken, nur Nordbaden bekam stellenweise leichten Regen. Der polare Luftvorstotz hat über dem Festland zu weiterer Druckaufwölbung geführt. Eine eigentliche Hochdrnckwetterlage ist dadurch nicht geschaffen; da im Westen bereits die Warmfront einer neuen Zyklone liegt und bei uns ab etwa 1000 Meter Höhe Westströmung herrscht. Voraussichtliche Witterung. So n n t a g: Wolkig, zeitweise anfheiternd, windig, kühl, mäßige Niederschläge. — Montag: Abwechfelntz heiter und wolkig, mäßige Niederschläge, windig, etwas finkende Temperatur. Im Gebirge Schnee. Sie sparen das Auskochen von teurem Suppenfleisch, MAGGI* ReiscWirüh' Würfel wenn Sie zur Herstellung von Fleischbrühe Maggi'S Fleifchbl-ahwarsel verwenden, l Würfel gibt durch Auslösen in 1/4 Liter kochendem Wasser vorzügliche Fleischbrühe Nr. 208. Jahrgang 1927. •• BREMEN-SUDBRASILIEN ■ Direkte Verbindungen mit den ■I Deutschen SiedtunQsQebieten Hl CLnfaufb&fen / Sao Trangisco Hl do Suf und fdo Qrcuide t Hl ßeruorraffende fZeisegefegenßeitm | mit dm bcÜebtm Dampfern des NORDDEUTSCHEN LLOYD BREMEN Kostenlose Auskunft erteilt: Sinsheim: Georg Eiermann Ww., Eisenbahnstraße 344.^ Neckarbischofsheini: Max Jeselsohn, Hauptstraße 4, Rheumatismus und Jschias sind beides Krankheiten, deren Schmerzen am schnellsten und sichersten durch Wärme gestillt werden. 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Also; AechtFranck zu jedem Kaffee» WIESE Eine Gabe von 626 K2-stz0M8SMSlH Je ha ergab einen Mehrertrag “ gegen nur gejauchte Wiese, der die Ausgabe fUr das Thomasmehl mit 268% verzinste. • Rat und Auskunft in Düngungsfragen durch den Verein derThomasmehl- erzeuger, Berlin W35 Verzinsung der Ausgabe für THOMASMEHL Thomasmehl auf Wies' urid Weid’ Schafft, daß euer Vieh gedeiht. I Eisu- % Betten Stahlmatratzen, Kinderbetten günst an Private Kat, 1910 frei. Eisenmöbelfabrik Suhl (Thur.) Druckarbeiten I iegilcher Art für eiaro war nämlich zu einer Nachbarin. Iran Henaff, in leidenschaftlicher Liebe entbrannt und er bedrängte sie immer heftiger, seinen Werbungen Gehör zu schenken. Doch die Frau, 6'e selbst schon aus der ersten Jugend längst heraus und eine ehrsame Mutter einer größeren Familie war, wollte nichts von seinen Werbungen hören und setzte seiner Leidenschaft hartnäckig Kälte und Zurückhaltung entgegen. Doch der Mann, seines ehrwürdigen Alters nicht eingedenk, gab sein Ziel nicht verloren. Immer häufiger kam es zu erregten Szenen und eines Tages vermochte er seine Leidenschaft nicht mehr zu zügeln und gab einen Revolverschutz auf die Widerspenstige, die hn nicht erhören wollte, ab. Glücklicherweise war der Schutz nicht tödlich, die Frau konnte nach einiger Zeit wieder hergestellt werden und dem Mann blieb das harte Schicksal erspart, noch in seinem Alter zum Mörder zu werden . . Aber er muß nun doch vor den Richtern seine unbedachte Tat verteidigen. Die S01. Fra« des Exsultans. Zu den am stärksten verheirateten, richtiger gesagt, verheiratet gewesenen Männern der Welt gehört zweifellos der Exsultan Mohammed VI., Ser gegenwärtig seine fürstlich bemeffene Reiste in Genf verzehrt. Der Harem des Exsultans umfaßte seinerzeit nicht weniger als 500 Frauen und Nebengemahlinnen, ein Rekord, der selbst von den meist- geschiedenen amerikanischen Filmgrößen auch nicht entfernt erreicht wurde. Ter Harem ist inzwischen allerdings aufgelöst worden, aber Mohammed VI, scheint trotz seiner fünf- hundertfachen Erfahrung immer noch den Geschmack an der Ehe nicht verloren zu haben. Er wird nämlich in den nächsten Tagen einer jungen Französin, Fräulein Juliette Le- peon, 22 Jahre alt und Tochter eines französischen Kaufmannes in Genf, angetraut werden, und zwar diesmal nicht nach mohammedanischem, sondern nach christlichem Ritus. Au richtig gehenden Geniahlinnen besaß Mohammed VI. allerdings nur vier, da dieses die Höchstzahl ist, die der Koran gestattet. Seit seinem Aufenthalt im Exil verlor der Exsultan eine dieser vier Flauen durch Selbstmord, während eine andere bei einem Eisenbahnunglück in Italien ums Leben kam. Trotz des Verlustes setoes Kalifats braucht der Exsnltan keine Nahrungssorg,» »u befürchten. Außer den 18 000 Pfund, die ihm K»mal Baicbo tährltch »ukommen läßt, verfugt er über persönliche Einkünfte, dke diesen Betrag vielfach übersteigen, so daß er sich mit allem möglichem Luxus umgeben kann und trotz seines Alters auch das Herz einer 22jährigen Französin gewinnen konnte. Er lebt aber recht einfachen einer kleinen Villa am Genfer See und seine Redienung besteht „nur" aus zwölf Personen. „Der Sultan und ich haben versucht, unsere Pläne geheim zu halten", so äußerte sich Fräulein Lepeon zu einem Interviewer. „Es muß aber wohl etwas über unsere Absichten durchgesickert fein ... Ich weiß, daß wir sehr glücklich sein werden. Es ist ja wahr, daß er alt genug ist, um mein Großvater sein zu können. Aber das hat nichts zu sagen. Er hat mir versprochen, daß wir uns nach den Flitterwochen, die wir an der Riviera zu verbringen hoffen, in Parts wohne» werden." Auf die Frage des Berichterstatters, ob es ihr bekannt sei. daß der Sultan einst einen Harem von fünfhundert Frauen hatte, antwortete die junge Dame, ohne sich lange zu bedenken: „Natürlich weiß ich das. Was geht es mich aber an? Eine taktvolle Frau fragt ihren Mann nicht über seine Liebesaffären vor der Ehe aus." Im übrigen mutz der Sultan, wenn er bereits fünfhundert Frauen in seinem Harem gehabt hat, sicherlich die Kunst verstehen, um eine einzige Frau glücklich zu machen. Die Trauung, zu der der Sultan außerordentliche Vorbereitungen trifft und die prunkvoll vonstatten gehen soll, wird wahrscheinlich in Genf stattfinden. Genaue Zeit und Ort werden jedoch vorläufig strena geheim gehalten. Ei« Ft«tz, der gefüttert wird. Das unermeßliche Sibirien, das nur zum geringen Teile erforscht und bekannt ist, ist reich an Geheimniffen und Ueberraschungen. Es ist erst wenige Monate her, seit ein bisher noch völlig unbekannter Volksstamm entdeckt wurde, aber auch von solchen Völkern, die bereits seit Jahren mit der Kulturwelt in Verbindung stehen, gelangen mitunter sonderbare Berichte an unsere Ohren. So erzählt ein Beamter der russischen Genosienschaftszentrale. der kürzlich die entlegensten Gebiete Oststbiriens bereiste, merkwürdige Bräuche der Ostiaken. _ . Dieses Volk feiert alljährlich im Sommer das Fest der „Flußfütterung". Tie Ostjaken leben vom Fischfang, daher hat sich feit Urväters Zeiten bei ihnen die Sorge um die Jagdbeute eingestellt. Durch die „Fütterung" der Flüffe glauben sie einen größeren Fischreichtum zu erzielen. Diese Fütterung besteht in einer heiligen Zeremonie und findet tm Beisein der ganzen Bevölkerung statt. Entlang dem Flutz- ufer werden reich geschmückte Tische aufgestellt und diese mit frisch gebackenem Brot, Kuchen. Butter und Krügen voll selbst gebrannten Wodkas beladen. Der Priester stimmt einen Gesang an, der, während er sich in tollen Tänzen windet, allmählich in ein tierisches Gebrüll übergeht. Sodann werden die geweihten Nahrungsmittel in den Fluß geworfen, wobei die Bewohner einen Gesang anstimmen, deffen Inhalt etwa folgender ist: „Iß dich satt, du lieber Fluß, trink so viel du magst und schenk und dafür recht viele Fische!" Den Höhepunkt bildet die Opferung einer geweihten Kuh der Siedlung und mit Blumen und Bändern geschmückt und vom Priester unter frommen Gebeten mit geweihtem Wasser überschüttet. Das Tier wird sodan» in den Fluß gestoßen, dort von zwei Männern festgehalten, während der Priester ihr einen krummen Dolch ins Genick stößt, so daß sich das Blut in das Wasier ergießt. Wen» das Tier verendet ist, wird es zerteilt, das Fleisch gekocht und jedem der Festgäste ein kleines Stück gereicht, das als Talisman das ganze Jahr hindurch aufbewahrt wird. Fell und Knochen werden im Flusse versenkt. Den Abschluß der „Flnßfütterung" bildet ein von wilde« Tänzen und Orgien begleitetes Zechgelage, das die Bewohner bis in den frühen Moraen vereint. Amüsement mit dem Telephon. Ein vornehmer Friseur in Genf, ein Mann, der den halben Völkerbund unter dem Messer hat. erhielt in der letzten Zeit fast täglich Waren, die er nie bestellt hatte. Man brachte ihm die köstlichsten Leckerbissen oder Gegenstände. die er kaum dem Namen nach kannte, ins Haus. Eines schönen Tages kam ein Zimmermann und wollt« ganz einfach das Schaufenster aus dem Rahmen heben, um es zu reparieren. Ein andermal kam aus einem weit entlegenen Stadtteil ein Arzt, der den Friseur durchaus impfen wollte. Als der Zimmermann und der Doktor erfuhren, daß der Friseur sie nicht gerufen habe, wurden sie furchtbar müde und es entstand ein solches Durcheinander, baß die Polizei einqreifen mußte. Da wurde denn herausgebracht, daß die Lieferanten des Friseurs Opfer eines schlechten Scherzes geworden waren. Nun forschte man nach dem Urheber dieses Scherzes und es wurde bald festgestellt, daß man es mit einer Urheberin zu tun hatte: es war ein reizendes junges Mädchen, das mit seinen Eltern ganz in der Nähe des Frijeursalons wohnt. Aus die Frage, was es denn mit der ganzen Sache bezweckt habe, antwortete das reizende junge Mädchen, daß es für sein Leben gern tele- phoniere und daß es sich beim Telephonieren ein wenig habe amüsieren wollen. Und nun wird das reizende Kind sein Amüsement wohl etwas teuer bezahlen muffen, denn der Friseur und andere haben Schadenersatzklagen einge» reicht. Und dazu kam noch der hochnotpeinliche Strafprozeß .. . Aus dem Reiche der Mode. üergitz niemals, mit welchem Material du arbeitest, und juche es stets ju der Wirkung, die er am besten zu erstlen vermag, zu benutzen. Morris. Wollstrickerei und -Hökelei — die Handarbeit des Tages Wohl keine Handarbeit in der heutigen Zeit hat so begeisterte Anhängerinnen, wie die Moll- strickerei und -Häkelei. Einesteils reizt das schöne weiche Material durch seine leuchtenden und zarten Farben zur Verwendung, andernteils geht die Arbett schnell von- ftatte», paßt sich also dem Tempo unserer Tage an, sodaß wohl darin das Geheimnis der Vorliebe für diese Handarbett liegt. Was strickt und häkelt man heute nicht alles! Nicht nur alle möglichen Dinge, die zur Ausschmückung und Behaglichkeit des Heirns dienen, werden mit Wolle und dem Spiel der Nadeln zustande gebracht, man strickt und häkelt, seitdem der Sport immer weitere Kreise zieht, auch Jumper. Westen, Kleider. Hüte, Mützen, Tücher, Schals, Jäckchen, kurzum, beinahe jedes Kleidungsstück. Ja. man beginnt sogar, die Unterkleidung selbst zu stricken. Die rechtsstehende Abblldung, Favorit-Modell 8124, zeigt einen modernen Schlupfrock, der in Zweidrahtwolle — weih, rosa, gelb, fliederfarben — mit Holznadeln gestrickt wird. Dies kann mit glatten Maschen geschehen, sodah eine Nadel rechts, die andere links gestrickt wird, wodurch das Muster auf der Vorderseüe vollständig glatt erscheint. Es kann aber auch eine Masche rechts und eine Masche links gestrickt werden, was den Vorteil hat. dah stch der Rock außerordentlich onschmiegt. Um den Anschluß in der Taille zu erreichen, wird in Gürtelbreite mü feinen Stahlnadeln gestrickt. In der Art des Unterrockes ist auch das Unterziehhöschen, Favorit-Modell 8114, zu stricken. Das reizende Bettjäckchen, Favorit-Modell Q ll& Nr. 7744, ist gleich dem Schal in der oberen linken Ecke in Gabelhäkelei herzustellen. Diese Arbeit ist sehr leicht und geht rasch von der Hand. Jede Gabelborde wird einzeln ge- arbeitet. Zuletzt werden die einzelnen Gabelborden gegen» fettig zusammengehäkelt, wie an der technischen Abbildung zu sehen ist. Erforderlich find für diese Häkelei eine 6, 8 oder 10 Zent .neter brette Gabel und eine Be »Häkelnadel. Carmen-, Schal-, Shetland-, Zephir- oder Fichuwolle ist das geeignete Material. Um den Effekt erhöhen, verbindet man die J77A4. y-i eiyvyen, verornoer man Gabelborden sehr gern mit ge- > dichter Häkel-Kunstseide. Diese angewendeten Geheimniffe der Herstellung verdanken wir dem Handarbeitsbuch „Die Gabel- hAelei" des Favorit-Verlages, Dresden. Eine aparte wärmende Hülle in Wollstrickerei gearbeitet und oielseittg verwendbar ist das obere Jäckchen, Fav.-Modell0154, ven oecoen crnoen wird der Rand ca. yandvreu 1 Masche rechts, 1 Masche UNIS geiincn. Lire ruitzauameu der Ränder werden zusammengenäht, wodurch ein Ärmelbündchen entsteht. Außerdem werden zur Formung de» Ärmels Bänder zum Zusammenbinden des Teils angebracht. Dieses boleroartige Jäckchen sicht sehr gut in zarten Tönen — rosa, mattgrün, fliederfarben — aus, doch auch in bunten Farben, streifenwch« ge» strickt, wirkt es recht apart. Bearbettet und mit Abbildungen versehen vom Favorit» Verlag, 6. Schnittmuster zu allen Abbildungen sind erhältlich beim Favorit-Verlag, Dresdcn-X 0.