Karlsruher Beobachter. Nr. L Donnerstag den 11. Januar 18LS Aus -er Zeit. — Heidelberg, 5. Jan. Die Angriffe, welche in einem öffentlichen Blatte eben so wohl gegen die meisten Professoren der hiesigen Hochschule als auch das Kuratorium der Universität und die Universttätsanstalten gemacht worden, haben ein sehr bedauerliches Verhältniß, um nicht zu sagen Zerivürfniß, unter den Professoren selbst hier hervorgerufen. 2» zwei scharf getrennten Parteien stehen sie sich einander gegenüber, da die Angegriffenen, ob mit Recht oder Unrecht lassen wir dahingestellt sein, von der Ansicht ausgehen, daß direkt oder indirekt diese Angriffe von ihren Kollegen herrühren. Gesteigert wird das oben bezeichnete Ver- hallniß unter den Professoren noch dadurch, daß jetzt von Seiten der Angegriffenen Verteidigungen in der Karlsruher Staatszeitung erscheinen, in welchen die Gegenpartei auch nicht gerade geschont wird, sonder» derselben ihre Schwächen und Mängel nachgewiesen werden. Auch von Seiten des Kuratoriums wird, wie man versichert, um sich gegen die.ihm gemachten Vorwürfe zu rechtfertigen, eine besondere Verteidigung noch erscheine». Sie wird besonders Aktenstücke enthalten, ohne persönlicher Gereiztheit irgend Raum zu geben. Außerdem wird aber auch die ganze Sache mehr in humoristischer Weise in einer eigene» Flugschrift dem Publikum mitgetheilt werden. Sie führt den Titel: »Spuck des Rattenkönigs in Heidelberg.« — Freiburg, 6. Jan. Das Verfahren gegen Struve und Blind ist nun so weit gediehen, daß Beide in Anklagestand versetzt und zur Aburteilung vor das Geschwornengericht gewiesen sind. Voraussichtlich wird sonach die Verhandlung gegen Ende dieses oder im Anfang des nächsten Monats beginnen. — Zu bedauern ist, daß der Sitzungssaal nur für eine geringe Zahl von Zuhörern Raum bietet. — Gengenbach, 5. Zan. Gestern Abend hat sich hier ein Unglück zugetragen, wie es so oft, trotz der häufigen Warnungen, vorkommt. Wir haben auf dem Durchmarsch Einquartierung bekommen. Zn der Stube eines hiesigen Küfermeisters steht das Gewehr eines Soldaten; ein Küfergeseüe, ein braver junger Mann, kommt hinein, hinter ihm der einzige Sohn seines Meisters, ein ebenso braver Bursche; jener nimmt das Gewehr, setzt auf den Hahnen ein Zündhütchen, wendet sich gegen den eintre- tenden Kameraden mit den Worten: »soll ich schießen?« drückt los und der etwa Mjährige kräftige Jüngling stürzt in die Brust getroffen todt nieder. — Frankfurt, 8. Jan. Die Reich-Versammlung hat in ihrer heutigen Sitzung über die Anträge und Petitionen wegen Aufhebung der Spielbanken. Hazardspiele, Lotterien und des Lotto't berathen und Beschluß gefaßt. Hinsichtlich der Hazardspiele wurde der Antrag des vvlkswirthschaftlichen Ausschusses auf motivirte Tagesordnung angenommen, in Betreff der Spielbanken folgendes vom Neichsjustizminister Mvhl beantragte --Gesetz über die Schließung der Spielbanken und Aufhebung der Spielpachtverträge in Deutschland betreffend» beschlossen: »Einziger Artikel: Alle öffentlichen Spielbanken sind vom 1. Mai 4349 an in ganz Deutschland geschlossen und die Spielxachtverträge aufgehoben.» Hinsichtlich der obigen Punkte eignete sich die Versammlung folgende Anträge des vvlkswirthschaftlichen Ausschusses an: 1) Die Klassenlotterien mit den vom Ausschuß der Bundesversammlung im Jahr 1845 begutachteten Verbesserungen ihrer Einrichtungen zwar für jetzt fortbestehen zu lassen, jedoch die provisorische Cen- tralgewalt zu beauftragen, auf deren Aufhebung in den Einzelstaaten thunlichst hinzuwirken; 2) Privatlotterien nur gegen Con- cession der Regierungen der einzelnen deutschen Staaten und lediglich zu gemeinnützigen Zwecken z» gestatten, zugleich aber 3) zu beschließen, daß die Errichtung neuer Klaffenlotterien gänzlich untersagt werde; 4) die Aufhebung des Lottos in allen deutschen Staaten, in welchen es noch besteht, zu beschließen und dieselbe von der provisorischen Centralgewalt in kürzester Zeit bewirken zu lassen. — Berlin, 5. Jan. Gegenwärtig ist die deutsche Frage bei unserem Kabinet wieder sehr in den Vordergrund getreten und der fast ausschließliche Gegenstand aller diplomatischen Verhandlungen. Das Kabinet Oesterreichs scheint mit dem unsrigen in dieser Frage Unterhandlungen angeknüpft zu haben, deren AuS. gang den Entscheid in der deutschen Oberhoheitsfrage abgeben dürfte. Man ist hier jetzt der Ansicht, daß in Frankfurt a. M. gar keine deutsche Kaiserwahl zu Stande komme» werde. ES wird sich wahrscheinlich daselbst für die Fürsten und das Volk in Deutschland nur ein Bundestag (!), mit einer gewissen Centralgewalt, bilden, an deren Spitze vorläufig der Erzherzog Johann noch bleiben dürfte. — Von den zusammengezogenen Landwehr» truppen ist bereits die Hälfte wieder in ihre Heimath entlassen worden. — Greifswalde, 4. Jan. Wie wir aus zuverlässiger Quelle erfahre», haben sich die beiden Mecklenburg» endlich zum Anschluß an den Zollverein (?) entschlossen und werden bis zum t. April d. I. hoffentlich schon alle Hindernisse beseitigt sein, die einem freien und ungestörten Verkehr zwischen beiden Staaten entgegenstehen. — Posen, 2. Jan. DaS Ministerium wartet nur auf die endliche Bestätigung der Schaffer'schen Linie durch die Nationalversammlung und Centralgewalt, um mit der administrativen Trennung vorzuschreiten. ES werden drei Regierungsbezirke Posen, Bromberg und Gnesen gegründet. Der letztere wird daS polnische Gebiet umfassen. — Leipzig, 3. Jan. Die Individuen, welche das Wapven det hiesigen österreichischen Generalkonsulat- abgerissen und zertrümmert haben, sind in der ersten Instanz zu zehnjähriger Zuchthausstrafe verurtheilt worden. — Sämmtlicde Landtagswahlen 10 find wohl zu drei Viertel auf entschieden Radikale und Republikaner gefallen. — Hamburg, 4. Jan. Oer patriotische Verein hat gegen die Annahme der deutschen Grundrechte prvtestirt und der Protest wird im Senat unterstützt. — Hamburg, 6. Jan. Die Räumung AlsenS scheint sich zu bestätigen; ein aus Schleswig zurückgekehrter Altonaer erzählt, daß man gestern im Hauptquartiere daselbst von der Räumung wie von einer unbestreitbaren Thatsache gesprochen habe. — Harburg im Hannoverschen vom 4. Jan. Heute ist hier ein Bataillon Herzog!, altenburgischer Truppen (1000 Mann stark) eingerückt und vorläufig einquartirt worden. — Wien, 3. Jan. Die aus der Walachei und Moldau hier eingehenden Berichte stellen immer mehr und mehr ein Zerwürfniß der Pforte mit Rußland in nahe Aussicht. Die Klagen über die Uebergriffe der russischen Machthaber werden immer lauter, den Vorstellungen der ottomanischen Regierung wird wenig Gehör gegeben, und ein offener Bruch der Gouvernements wird in den dortigen Gegenden als unvermeidlich gehalten. — Dagegen taucht in der Türkei die griechische Propaganda wieder aus und zwar ganz im Gegensatz zu ihren früheren Tendenzen sammelt sie antirussische Elemente um sich und strebt nach einem einigen Griechenthum mit Ausschluß des SlavismuS. — Wien, 5. Jan. Gestern Abend hatte sich allgemein das Gerücht von einer angelangten Kuriernachricht, die bereits erfolgte Uebergabe von Pesth und Ofen betreffend, verbreitet, das, wenn es sich auch noch nicht als wahr erwiesen hat, sich doch zur Stunde schon, nach den Ergebnissen des so eben erschienenen zehnten Armeebülletins, erfüllt haben dürfte. Das zehnte Armeebülletin berichtet nämlich: „Zufolge einer eben erhaltenen Mittheilung von dem Herrn Feldmarschall Fürsten zu Windisch-Grätz hat derselbe sein Hauptquartier am 3. d. M. nach Bieske und am 4- nach Bia, vier Stunden von Ofen, verlegt. Am 3. Januar, Nachmittags, kam eine von dem ungesetzlich fortbestehenden ungarischen Reichstag an Se. Durch!, gesendete Deputation im Hauptquartier zu Bieske an, welche aber von Se. Durch!, dem Feldmarschall als solche nicht angenommen und unbedingte Unterwerfung als der einzige Weg bezeichnet wurde, fernerem Blutvergießen ein Ende zu machen. — Der Banus hat mit dem ersten Armeekorps nach dem siegreichen Gefechte bei Moor, um den Rebellen Perczel, der sich nach der erlittenen Niederlage gegen Stuhlweißenburg zurückzog, und seine Vereinigung mit dem Re- bellen-Oberst Sekulich bewerkstelligen wollte, von dessen vermeintlicher Nückzugslinie nach Ofen abzuschneiden, seinen Marsch über Lovas Bereny fortgesetzt, wodurch Ofen am rechten Dvnauufer von unfern Vorposten umgeben ist. — Wien, 5. Jan. Es bestätigt sich, daß Deak im ungarischen Reichstag in einer entschiedeneren Opposition gegen Kos- suth auftritt, und man bezeichnet diesen ungarischen Staatsmann als denjenigen, welchem zunächst die bedeutendste Rolle in den Angelegenheiten seines Vaterlandes zufiele. — Wichtig ist die aus Semlin eintreffende Nachricht von dem Tode des Generals Supplikacz, der erst kürzlich zum Woiwoden, Feldmarschall-Lieute- nant und Geheimen Rath ernannt worden war. Er wurde bei einer Heerschau mitten in einer Rede von Brustkrämpfen befallen und konnte trotz aller Anstrengung kaum das erste Bauernhaus in Pancsova erreichen, wo er nach einigen Minuten verschied. — Schweiz. Die eidgenössischen Kommissäre in Tessin haben wieder zwei Noten von Radetzky erhalten. In der einen weigert er sich, mit der Tesstner Regierung in Verkehr zu treten, bis sie Len Beschluß der Bundesversammlung über Entfernung der Flüchtlinge vollständig vollzogen habe; in der andern droht er dem Kanton mit Wiederherstellung der Sperre. In beiden stützt er sich darauf, daß die Einschmuggelung von Waffen in die Lombardei fortdaure, so wie auch darauf, daß die Häupter des lombardischen Aufstandes, namentlich Mazzini, noch im dortigen Kanton seien und aus demselben die Truppen zum Ausreißen auffordernde Proklamationen hervorgehen. Letzteres sei durch die Ergreifung eines Mazzinischen Sendlings erwiesen, der zum Tode verurlheilt worden sei. Radetzkv übermittelte Anzeigen über das Versteck Mazzinis und über von Turin datirte Flugblätter an die lombardischen Rekruten. Hierauf wurde die Verhaftung MazziniS beschlossen. — Aus Graubündten. Von Italien erhalten wir wieder eine neue Sendung Flüchtlinge. Der Vortrab befindet sich bereits inner unserer Gränzen, und nach den Aussagen desselben sollen noch gegen 2000 folgen. Es sind Ließ alle junge Leute aus dem Veltlin und aus der Gegend von Bergamo, welche sich durch die Flucht der Konskription entziehen, die so eben begonnen- — Turin, 2. Jan. Unsere Regierung hatte an die französische das Ansuchen gestellt, ihr den General Lamvriciere als Oberbefehlshaber für die piemontesische Armee zu überlassen; allein dasselbe Mißtrauen, welches das republikanische Ministerium Ca« vaignac's bewog, den Marschall Bugeaud zu verweigern, macht. Laß die bonapartische Partei keinen ihrer Gegner ein so großes Heer in der Nachbarschaft kommandiren lassen will. Gioberti hat sich nunmehr an den General Betrau gewandt, welcher wahrscheinlich die nökhige Erlaubniß des Präsidenten zum Eintritt in den fremden Kriegsdienst erhalten wird. — Nicht nur hier, sondern auch in Palermo wird eine Fremdenlegion errichtet; es melden sich dazu vorzugsweise Deutsche und Polen, welche von Marseille aus auf französischen Schiffen nach Sizilien spedirt werden. — Rom, 31. Dez. Das Ministerium griff am 29. Dez. zu dem Aeußersten. Cs dekretirte die Berufung einer Constituente für den 5. Febr. 1819. Zahl der Abgeordneten 200, einer auf 20,000. Direktes und allgemeines Wahlrecht mit 21 Jahren. Wählbarkeit bei 23. Taggeld 2 Scudi, Verbot jedes Verzichtes auf diesen Lohn des Patriotismus (!). Der Beschluß wurde von den zwei noch übrigen Triumvirn, Camerata und Galletti, ebenso von den noch in Rom anwesenden Oeputirten genehmigt. Darüber laute Freude, Kanonen, Beleuchtung rc. ic. alles natürlich bezahlt. Man traut der Zukunft wenig! — Paris, 6. Jan. In der Nationalversammlung wurde gestern die Wähl von sechs Vizepräsidenten vorgenommen! gewählt sind: Bedeau, Corbvn, Goudchaur, Havin, Lamoricisre und Bil- lault. ES ist ein Sieg der Cavaignac-Marrast-Nationalpartei. — An der Börse ist man fest überzeugt, daß das Ministerium zurücktreten und einem Kabinet Platz machen werde, daS die Sympathien der Nationalversammlung in höherem Grade besitzt. Sonst dürfte man die herrschenden Schwierigkeiten schwerlich besiegen. Barrvl wird wahrscheinlich durch Mols ersetzt werden. — Die Republique und die Reform« haben bereits mit den Enthüllungen über die Boulogner Angelegenheit begonnen, und es werden bald noch weit geheim gehaltenere Dinge an den Tag kommen, wodurch die zur Zeit als tollkühn dargestellte Unterneh- mung nicht mehr in diesem Lichte erscheint. Die begünstigtsten Freunde Ludwig Philipps, so erfährt man, wußten um die Verschwörung, die nur durch die voreilige Ausführung mißlang. — Thiers und Mole, seit dem 24. Febr. die besten Freunde, speisten gestern Abend an der Tafel LeS Präsidenten Bonaparte. — Pari«, 6. Jan. In der gestrigen Sitzung der Nationalversammlung erhob Hr. Arvussard Beschwerde darüber, daß bei der Jnstallirung des Hrn. Zerome Bonaparte als Gouverneurs der Invaliden auch „Es lebe der Kaiser-- gerufen worden sei; in 11 einer solchen Aeußerung liege eine Verletzung der republikanischen Prinzipien, welche nicht unbeachtet gelassen werden dürfe. Die Versammlung schien jedoch die Bedenklichkeit des Hrn. Frvuffard nicht zu theilen, und eS blieb dessen Beschwerde ohne alle weitere Folge. — Gestern Vormittag ließ Louis Napoleon Hrn. A. Mar- rast, den Präsidenten der Nationalversammlung, in das Elysee- Nativnal zu sich bescheiden. Alsbald verbreitete sich das Gerücht, daß es sich um eine Aenderung des Ministeriums im Sinne des "National" handle. Wirklich scheint die Partei des »National» einige Hoffnung der Art zu haben. Die Sprache der Organe dieser Partei, des --National» und des »Credit», ist zum wenigsten in Betreff des Präsidenten der Republik selbst bedeutend milder geworden. — Straßburg, 7. Jan. Mit der Ernennung des Präsidenten der Republik ist eine Ruhe im öffentlichen Leben eingetreten, der man um so weniger gewärtig war, je mehr das Wahlergeb- niß die Vorhersehung der aufrichtige» gemäßigte» Republikaner getäuscht, und je mehr es die Erwartung ihrer Gegner über- troffen hat. Diese Ruhe verdankt man unstreitig der Klugheit der Besiegten und, man muß es eingestehen, auch der bisherigen Mäßigung der Sieger, so wie der versöhnenden, nachgiebigen und konstitutionellen Stellung der verfassunggebenden Versammlung und der neuen Regierung gegen einander. Jedoch ist nickt zu leugnen, daß eine gewisse politische Abspannung sich kund gibt, und daß das allgemeine Vertrauen nur mit Mühe zurückkehrt, wiewohl der Puls des gesellschaftlichen und staatlichen Körpers, der Handel ein wenig besser gehl und seine Hauxtadern, die Industrie und die Arbeit, mit neuen Lebenskräften durchströmt. — Seit dem neuen Jahre erscheint in utiserer Stadt eine neue Zeitung unter dem Titel: l.e IwmocrrNv äu Itbin. Der Titel zeigt schon die Tendenz dieses Blattes an, welches sechsmal wöchentlich in französischer Sprache und einmal in deutscher Sprache unter dem Namen: Rheinischer Demokrat veröffentlicht wird. Diese letztere Ausgabe ist besonders für die Landbewohner des El- saßes (?) bestimmt. Die erste Nummer hat die Erscheinung einer Subscrixtion zum Besten der Familie Robert Bluni's angekündigt. — London, 5. Jan. Der Lordlieutenant von Irland hat einen Theil der Grafschaft Donegal in Belagerungszustand erklärt. — AuS Alexandrien wird vom 21. Dez. berichtet, die beiden Söhne Ibrahim Pascha's, welche aus Frankreich dort eintrafen, hätten gleich nach ihrer Ankunft von Seiten des neuen Paschas Abbas den peremtorischen Befehl erhalten, binnen drei Stunden wieder abzureisen; sie hätten sich denn auch sofort, unter strenger Ueberwachung, an Bord des französischen DampfbooleS »Cgyptus» begeben. Etwas von der preußischen Landwehr und der preußischen Wehreinrichtung überhaupt. (Fortsetzung.) Etwas ganz Andere- als diese jährlichen Musterungen sind die kleinern und größer» Manöver. Schon bei Len erster» wird Die Landwehr in Regimenter und Brigaden zusammenberufen, erhält Waffen und Monlirungsstücke und exerzirt vierzehn Tage bis drei Wochen in verschiedenen Bezirken. Alle vier bis sechs Jahre wird nun aber «in sogenanntes großes Manöver abgehal- ten, an welchem ein oder'zwei Armeekorps Theil nehmen. Wenn es schon bei den gewöhnlichen Appells und kleinen Manövern schwer hält, Urlaub zu erhalten, so ist es dem Landwehrmann fast unmögtich, sich vom Dienst bei den großen Manövern zu befreien. Wer nicht die in's Kleinste eingreifende Pünktlichkeit des Landwehrinstituts kennt, begreift freilich schwer, daß es dem Einzelnen nicht möglich sein sollte, in der Masse zu verschwinden. Aber wie der Herr der himmlischen Heerschaaren die Haare auf unserem Haupte zählt, so weiß der Landwehrfeldwebel genau, wie es um jeden seiner Untergebenen steht. Er hat ihn vielleicht nie gesehen und weiß dennoch von der Farbe seiner Haare bis zum Untergestell des Körpers, die besonder!, Kennzeichen mit eingeschloffen, ganz genau, wie der Mann aussieht; ja seine Laster und Untugenden sind in den Annalen der Regimenter für ewige Zeiten niedergelegt, und diese Zeugen der Vergangenheit können oft recht unangenehm in die Gegenwart hinüber spielen. Die Landwehr kann unglaublich schnell zusammengezogen werten. Alle Vorräthe sind da; Uniformen, Waffen, Geschirre hängen, Nummerweise geordnet, in den Zeughäusern und sind rasch ausgegeben. Auf dem Bureau deS Landwehrmajors liegen gedruckte Cinberufungszettel unterschrieben bereit, in denen nur das Datum ausgefüllt zu werden braucht. So kommt denn an einem schönen Morgen mittelst Telegraphen von Berlin der Befehl, die Landwehr dieses oder jenes Armeekorps in kürzester Zeit zusammenzuziehen. Eine halbe Stunde darauf gehen Estafetten an die betreffenden Bataillonskommandanten, welche die Einbe- rufungszcttel augenblicklich ausfüllen und den verschiedenen Land- räthen übersenden. Diese wissen innerhalb vierundzwanzig Stunden jedem Manne diese geschriebene Ordre zuzustellen und haben außerdem die Verpflichtung, alsbald eine Bekanntmachung zu erlassen, nach welcher alle Pferde des Kreises an einem bestimmten Tage in die Kreisstadt gebracht werden müssen, damit dort die zum Dienst der Reiterei und des Fuhrwesens nöthigen und tauglichen ausgewählt werten. Zugleich sind vom Kommando des Armeekorps die Linienoffiziere bezeichnet worden, welche als Hauptleute und Negimenlskommandanten bei der Landwehr den Dienst versehen sollen. So kommt denn der Tag. der Alles in der Provinz in die größte Bewegung versetzt. Die Landwehrmänner ziehen von ihren Dörfern oder Städten in großen Haufen nach dem Versammlungsort, und wer nicht weiß, von was es sich handelt könnte an eine Völkerwanderung glauben. Da fährt nun dem ehrsamen Schmied- und Webermeister der alte muntere Handwerksbursche in die Knochen. Die bestaubten und längst vergessenen Attribute dieses lustigen Standes, das schwere Felleisen und der knotige Wanderstab werden hervvrgesucht, hinter dem Ofen hervor langt er eine alte Regimentsmütze, die er während seiner Dienstzeit getragen, und ist der Einberufene ein Reiter, so werten die Stiefeln schon zu Hause mit großen Sporen besetzt, damit man gleich auf dem Marsche sieht, er gehöre zu dem bei den Mädchen weit renommirteren Pserdevolke. Die Zeit vor dem Ausmarsche zu den Manövern ist eine Zeit der Thränen und der Nvth, und man könnte wirklich glauben, es gehe gegen den Feind und der Abschied sei auf Nimmerwiedersehen. Da werden alle zarten Verhältnisse noch einmal genau durchgemusiert, die schadhaften entweder ausgebeffert und für die Ewigkeit prv- longirt oder zerrissen. Wenn sich der Lantwehrmann freut, wieder einmal eine Weile mit seinen alten Kameraden lustig zu ver- eben und ein GlaS über ten Durst trinken zu dürfen, ohne daß er dafür zu Hause eine Gardinenpredigt erwartet,' so sehen die Zurückbleibenten dem Auszug der Soldaten mit weit minder behaglichem Gefühle zu- Weib und Kinder haben daheim nicht selten mit Nahrungssorgen zu kämpfen, und die Geliebte entläßt ihren Jüngling fast mit denselben Gefühlen, als sähe ste ihn den Kugeln des Feindes entgegen ziehen. Ach! und ste hat nicht Unrecht. In was für neue Verhältnisse kann er nicht kommen! und die Angriffe schöner Augen, denen sich sein Herz blos stellt, sind für ihre Liebe wohl gefährlicher, als die Kleingewehrfeuer. Die Kvmptvirchefs und die allen Handwerksmeister sind in diesen Tagen verdrießlicher als je; denn Feder, Elle und Nadel werden nicht mehr gehandhabt wie sonst; die jungen Leute erzählen einander von den Heldenlhaten, die ste auszuführen gedenken, singen Kriegs- und Schelmenlieder, und auf mancher Oberlippe erscheint vorwitzig ein, besonders bei den alten Kaufherren hoch verpönter Schnurrbart. Endlich gerathen die Kreisstädte in die lebhafteste Bewegung. Die Landwehrmänner sind angelangt und umstehen das Rathhaus in allerlei Kostümen- Ein geübtes Auge unterscheidet leicht die verschiedenen Handwerke und Waffenarien. Der Schuster trägt einen kurzen Rock, der Schmied einen langen, der ihm bis auf die Füße reicht, und der Schneider ist nach der neuesten Mode gekleidet. Die Artillerie und Reiterei halten sich gesetzt, so wie ste pflegen, und die Infanterie sucht sich ein Ansehen zu geben, indem ste am meisten lärmt und sich vor den Wirthshausthüren herumtreibt. Von hier aus zieht jede Kompagnie nach der Stadt, wo sich der Major aufhält und wo sich die Kammer befindet, von der der Landwehr die Uniformen und Waffen abgegeben werden. Auch die Pferde sind hier versammelt, und von den dazu kommandirten Reitervfsizieren der Linie werden von den tauglichen so viel« ausgesucht, als für die Cscadron nöthig sind. Jeder Cigenthümer erhält sodann für sein Pferd einen Cmpfangscheiu, worauf die Summe bezeichnet ist, die er während der Lauer der Manöver täglich für sein Pferd erhält. In einigen Kreisen beträgt die tägliche Miethe einen preußischen Thaler, in anderen sogar einen Thaler und zehn Groschen, und außerdem versteht es sich von selbst, daß jeder Schaden, der dem Pferde zustößt, sei es, daß das Thier bei der Zurückkunft lahmt oder gedrückt ist, dem Cigen- lhümer besonders vergütet wird. Welch große Koste» dem Staate schon hieraus erwachsen, ermißt sich leicht, wenn man bedenkt, daß oft die Escadrvnen und Regimenter, die sehr weit zum Sammelplatz heben, mit Einschluß der Manöverzeit, zwei Monate im Dienst sind. — Oie Mannschaft wird sofort equipirt und vom Gewehr bis zum Ueberzug deS Kochgeschirrs mit allem Röthigen versehe». Alle Landwehrmänner erhalte» nun ihre Ouartierbillets und haben für morgen Stunde unk Ort erfahren, wann und wo das Exerzieren beginnen soll. Am Einzug und dem Zusammentreten der Landwehr nimmt Alles in den Kreisstädten, von dem Alten, der das eiserne Kreuz auf der Brust trägt, bis zum kleinsten Schulknaben, den lebhaftesten Antheil. Dir Hauseigenkhümer haben lieber Landwehr im Quartier als Liniensvltaten und die Buben laufen den ankom- menden Soldaten entgegen, um ihnen Tschako und Waffen nachzutragen, was äußerst possierlich aussteht. Jetzt beginnen die Exerzitien, und nachdem sich die Leute erst wieder in der entwöhnten Kleidung etwas zurecht gefunden haben, erlangen ste in kurzer Zeit ihre frühere Fertigkeit im Gebrauch der Waffen. Da die Landwehr meistens au ältersn, kräftiger» Leuten besteht und gewissermaßen mit der Linie rivalistrt, so bemüht sich Alles, die Handgriffe und Bewegungen auf's Pünktlichste auszuführen. Gewöhnlich weiß es auch die Militärbehörde so einzurichten, daß auf demselben Platze ein Linienregimenk neben der Landwehr exerziert, wo dann letztere ihr Möglichstes thut, um nicht hinter den Rekruten zurückzubleiben. Beite Theile schielen eifersüchtig zu einander hin und jeder sucht den Andern an Genauigkeit zu überbieten. Der Haufe der Zuschauer, die sich immer sehr zahlreich einfinden, ist in gleicher Erregung und tritt bald zu diesem, bald zu jenem Korps, je nachdem da oder dort das Exerzitium exakter und prompter ausgeführt wird. Wie bei einem Wettrennen feuert der Volkshaufe beide Parteien durch lautes Geschrei zu immer größerer Anstrengung an, und das Regiment, das nach dsr Ansicht des Demos am besten exerziert har, wird mit lautem Jubel nach der Stadl zurückbegleitet. Die Menge, in der die Meisten selbst Soldaten waren, irrt sich selten, und wenn der Sieg gewöhnlich der Landwehr zuerkamit wird, so ist Ließ nicht Parteilichkeit; man muß im Allgemeinen wirklich anerkennen, daß die gesetzten, ruhigen Männer der Landwehr nach wenigen Tagen besser exerzieren, als die jungen Leute der Linie. Mit der Reiterei hält es freilich etwas schwerer wegen der fehlerhaften, kaum gerittenen Pferde. Diese Thiere kommen vom Wagen des Fiakers, vom Pfluge teö Bauern, aus den Ställen der Vermiether und haben alle möglichen Untugenden an sich, hauptsächlich die, daß ste neben fremden Pferden nie ruhig gehen und einander vorauseilen wollen, wodurch ein beständiges Anprellen, Vvrspringen und so ein Zerreißen der Fronte entsteht. Doch schon während der Vorübungen, welche etwa vierzehn Tage dauern, gewöhnen sich die Pferde, mit einigen Ausnahmen, an einander, und es wird bald möglich, selbst in schnellerer Gangart mit dem Regimente verziehen. In diesem Zeitpunkte ist, was die Haltung und das militärische Aussehen betrifft, der Landwehrmann von dem Liniensoldaten nur dadurch zu unterscheiden, daß ersterer viel kräftiger und energischer auflritt.und einen größer« Bart trägt als dieser, der kaum erst in daS Alter getreten ist, wo uns die Natur diesen Gesichtsschmuck bewilligt. (Schluß folgt.) , Verschiedenes. — Eine schwimmende Eisenbahn. In Großbrittanuien, wo es bereits einen Tunnel unter der Phemse und eine Eiseu- bal,„brücke über Meeresarme, nämlich über die sogenannten Menai-Straits, gibt, so daß dort die großen Seeschiffe über Menschen und Wagen, hier aber die Wagen mit Menschen über den mit vollen Segeln fahrenden Seeschiffen sich bewegen, soll nun auch noch ein drittes, fahrendes Wunder, eine schwimmende Eisenbahn, zu Stanke kommen- Diese wird über den Taystrvm in Schottland für die Cdinburg-Nordeisenbahn erbaut, und zwar durchgehends von Eisen, in einer Lange von 180 Fuß, bei einer Breite von 35 Fuß, so daß drei Bahngeleise neben einander sich befinden und die schwimmende Bahn nöthigenfaUS einen Zug von 500 Fuß Länge aufnehmen kann. In Bewegung gesetzt wird sie durch Dampfmaschinen von 250 Pferkekraft, während an beiden Ufern des Tay, bei Brvughty-Ferry, wo der sonst noch viel mächtigere Strom nur anderthalb engl. Meilen breit ist, stehende Maschinen aufgestellt sein werden, um den Zug an daS viel höhere Ufer auf die feste Bahn hinauf zu ziehen oder ihn in die schwimmende Bahn hinab zu leiten. Hr. Robert Napjer ist der Erbauer dieser schwimmenden Bahn, die bereits in wenigen Wochen eröffnet werden soll. Redigirt und gedruckt unter Verantwortlichkeit der Ehr. Fr. Müller'schen Hvfbuchhandlung.