Karlsruher Beobachter Nr. L. Donnerstag den 8. Januar 1846 Mi ss C a p r i c e. (Fortsetzung.) So vergingen einige Wochen. Wir wollen uns durchaus nicht in ein Detail einlassen, zu erzählen, wie Liese verflossen. Meinen Bernhard kennen die Leser bereits, Helene werden sie im Verlaufe der Erzählung noch kennen lernen. Es war Nachmittags. Beide saßen wieder zusammen und lasen, da sprang plötzlich die Thüre auf, und Alfred trat herein. Bruder Alfred trat ein, aber nicht so langweilig, wie es sonst seine Art und Weise war; im Gegenthecke, ec schien sehr aufgeregt und guter Laune zu sein. Eingepackt, Schwester, eingepackt! rief er fröhlich, es geht nach England, in acht Tagen reisen wir ab. Wir reisen? fragte Helene überrascht. Bernhard erblaßte. Ja, ja, wir reisen, sagte Alfred, es sind Briefe eingelaufen, unsere Anwesenheit ist dringend nvthwendig, es wäre zu weilsäufig, Dir es auseinander zu setzen; genug, wir reisen. Ich habe sy eben an Master Harry geschrieben; in acht Tagen kann er hier sein, um den Bau fortzuführen; dann reisen wir. So bald? fragte Helene, und ihr Blick traf den armen Bernhard; einem solchen war der seinige noch nicht begegnet. Alfred ging rasch im Zimmer auf und nieder, ebenfalls ganz gegen seine sonstige Gewohnheit. Bernhard ergriff seinen Hut. Sie kommen doch morgen gewiß? sagte Helene zu ihm. Er verbeugte sich schweigend. Machen Sie sich doch für die letzten Tage ihres Hierseins von allen Geschäften frei, sagte sie weiter, es gibt hier so viele hübsche Gebirgspartien, die wir noch nichts besucht haben, ich möchte sie alle besuchen, wer weiß, ob ich je wieder nach Ahausen komme; Sie begleiten mich doch wohl auf diesen Ausflügen? Bernhard konnte nicht ein Wort Hervorbringen. Cr ergriff ihre Hand, er drückte sie an seine Lippen, er stürzte fort. Der Mensch ist verrückt, sagte Alfred lachend. Das ist er nicht, erwiderte Helene. Er ginge wohl vielleicht selbst gerne mit nach London? meinte der Bruder. Wohl möglich, sagte die Schwester. — Hätte Master Al- tted Acht gegeben, so hätte ihm ein diese Worte begleitender Teufzer nicht entgehen können; so rief er aber lachend: Glaub's armen Teufel, ist ein vertracktes Leben in dem deutschen Ahausen, in London lebt es sich ganz anders. 4 . Mr wollen uns bei den letzten acht Tagen, welche Bernhard größtentheils in der Gesellschaft der reizenden Miß verlebte, nicht zu lange aufhalten; wir hätten in Erfüllung der unangenehmen Pflicht eines getreuen Berichterstatters nur ein sehr trübseliges Bild von der Gemüthsbeschaffenheit des Armen zu geben, welche in dieser Zeit, eben noch dadurch an düsterer Färbung zunahm, da von Stunde zu Stunde der Augenblick näher rückte, in dem er sie zum letzten Male — zum letzten Male sehen sollte. Es liegt etwas Grauenerregendes in dem Gedanken: zum letzten Male sehen! Er erschüttert die Seele des gemüthreichen Menschen, er trifft ihre zartesten Fasern mit schneidender Schärfe. Wer hätte nicht schon Vater, Mutter, Schwester, oder sonst das Eine oder Anders seiner Lieben zu Grabe begleitet und nicht das Gefühl: Dich sehe ich nicht mehr, kennen gelernt? und ist eS nicht dasselbe, wenn uns ein geliebtes Wesen verläßt, indem wir wissen, daß bald Länderstrecken und Meere für immer zwischen uns liegen werden? — Es gibt starke Geister, welche die Sache in dem einen Falle leichter nehmen, in dem andern sich mit den Glaubenslehren ihrer Religion zu trösten wissen, aber deren gibt eS nicht so viele; die meisten sind denn doch Menschen, aus der Mutter Erde geschaffene Wesen, auch teßwegen am Irdischen klebend, und diese trifft der Gedanke »zum letzten Male sehen" mit ganzer Gewalt. Bernhard gehörte nicht zu jenen sogenannten starken Geistern, er fand nicht Trost in klügelnden Vernunftgrünken, er suchte auch nicht darnach, er war blos gemülhreicher, liebender Jüngling und gab sich ganz dem schmerzlichen Gedanken hin, sie, die er aus voller Seele, mit all der Gewalt eines 'jugendlichen, reinen Gemüthes liebte, bald auf immer zu verlieren. Er wußte es, daß er hoffnungslos liebte, er hatte auf keine Gegenliebe zu rechnen, es war für ihn ein schmerzlicher Gedanke; aber jetzt zog sie fort, weit über Land und Meer, kam nie wieder, er sollte sie nie mehr sehen, dieser Gedanke war noch schmerzlicher für ihn. Helene mochte wohl auch Mitleid fühlen, sie war durchaus nicht in guter Laune; sie, die sonst Heitere, war die letzten Tage ihres Beisammenseins ernst, trübe — oder traf sie vielleicht doch auch der Gedanke an den Abschied: „für Immer" schwerer, als sie es ihm zeigen, sich selbst eingestehen wollte? Dieser Tag des Abschiedes kam. Am frühen Morgen stand der Reisewagen vor dem Thors. Die *»*hauser hatten sich zu- sammengenvmmen; sie hatten ihrem Mitbürger, der, wie sie sich stolz brüsteten, auch zugleich Londoner Bürger war, die vier besten Pferde der Stadt vorgespannt, um ihn zur nächsten Poststation zu befördern.-Master Alfred saß bereits im Wagen, die Kappe von Seehundsfell über die Augen gezogen, seine kräftigen langen Glieder in einen Macintosh eingewickelt, er halte sich vorgenommen, auf der Reise größtentheils zu schlafen. Am Thore stand Sir Robinson, umgeben von den Honoratioren der Stadt, welche sich, um Abschied zu nehmen, versammelt hatten. Miß 10 Helen fehlte noch. Sie war noch oben in den Zimmern. Bei ihr war Bernhard. Helene stand vor dem Spiegel, um den Capuchon aufzusetzen. Sie band die Schleife zu und wieder auf, dem Anscheine nach konnte ste mit ihrer Toilette durchaus nicht zu Stande kommen, waS doch sonst ihre Sache nicht war- Am Tischchen stand Bernhard. Er hatte Byrons Werke in der Hand. Helene hatte ste ihm zur Erinnerung an die LesestunLen gegeben. Er starrte tiefsinnig vor sich hin. Zu sagen, welcher Art die Stimmung seiner Seele war, ist wohl nicht nöthig; der fühlende Leser kann sich dieses wohl denken. Er blickte nach ihr hin, jetzt hatte sie die Hutschleife unter dem Kinne gebunden, jetzt wird sie sich zum letzten Lebewohl umwenden, zum letzten Male wird er in das schone Blauauge schauen, zum letzten Male wird er den Klang ihrer Stimme vernehmen, ste wird die Stiege hinabeilen. Er wollte nicht im letzten Augenblicke eine Schwäche zeigen, er wollte sich erkräftigen, männlich stark zeigen, er blätterte im Buche, der Zufall wollte es. daß er eben jetzt die ,,kr;äs of äkväos" aufschlug, da fiel sein Blick auf das Motto, oder was erblickt sein thränenumflortes Auge: Das „never wet vr never partoä, rve liaä ne' er been drolrenbesrteä!" war mit dem feinen Striche eines Bleistiftes unterstrichen, und darunter stand recht fein und zart, aber doch leserlich geschrieben: „bare tlie 'veil, mäsnr kerukarä, kor ever!" da hielt er sich Nicht länger, er stürzte hin zu ihr, ergriff ihre Hand, und das aufgeschlagene Motto ihr vorhaltend, rief er mit gebrochener und doch jubelnder Stimme! Haben Sie dieses geschrieben, Helene? haben Sie dieses gejchrieben? . . ist es Wahrheit, nicht nur Scherz, den sie mit dem Armen im Augenblicke des Scheidens treiben? O, sagen Sie. Ihre Worte können mir einen Himmel eröffnen! — Da besiegte die Gewalt des Augenblickes das Herz, da sank das starre Bollwerk, welches weibliche Caprice zarten Gefühlen vvrgezogen hatte, ein reicher Thränensirom entstürzte ihrem Auge. Leben Sie wohl, Bernhard! hauchte sie leise; sie wollte fort, aber sie vermochte es nicht, sie wankte, sie mußte sich am Spiegeltische halten, - da schlang er den Arm um sie. Helene, Du liebst 'mich? fragte er drängend, Du liebst mich? v, warum hast Du es mir nicht längst gestanden? es lag an Dir, mich zum glücklichsten Menschen zu machen. Sie hatte für einen Moment den Kopf an seine Brust gelehnt, aber nur für einen Moment. Plötzlich erhob sie sich, sie lächelte durch die Thränen durch. Wir sind doch recht kindisch, sagte sie, wir lassen uns Lurch die Nvthwendigkeit des Abschiedes zu einer Erklärung Hinreißen, die wir vielleicht Beide in Kurzem bereuen würden. Das soll aber nicht sein. Adieu, lieber Bernhard, wir sehen uns wieder, London liegt ja nicht außer der Welt, in England leben ja auch Menschen, noch überdies Menschen, mit Lenen Sie recht gut sprechen können. Ich bin gewiß. Sie in London zu sehen, jetzt begleiten Sie mich zum Wagen. Sie reichte ihm ihre Hand zum Kusse. Er drückte sie unzählige Male an seine Lippen. Er konnte den Gedanken der Trennung nicht fassen. Kommen Sie, Bernhard, sagte Helene mit wieder gewonnener Ruhe; aber es soll Niemand bemerken, Laß wir so kindisch gewesen sind. Sie hauchte auf ihr Taschentuch und hielt es an ihre Augen; dann aber legte sie ihre Hand an seinen Arm. Kommen Sie, oder ich gehe allein, sagte sie ganz ernsthaft. Er begleitete sie an Len Wagen. Auf Wiedersehen in England! flüsterte sie ihm leise zu und war mit einem flüchtigen Satze im Wagen. kere well, sagte Sir Robinson zu Bernhard und schüttelte ihm mit biederer Herzlichkeit die Hand. „r»r° well, schnarrte Master Alfred aus seiner Kappe von Seehundsfell hervor, und dorthin rollte der Wagen. Einen Augenblick noch stand Bernhard und starrte dem dahin rollenden Wagen nach, dann aber eilte er flüchtigen Fußes über den Stadtplatz zum Thvre hinaus, und als er dann draußen war in seiner lieben Waldeseinsamkeit, da warf er sich unter einen Baum nieder und ließ den Kopf in Len schwellenden Rasen sinken, und wie er Len Blick nach oben wandte, La glaubte er in das Tiefblau ihres Auges zu schauen, und wie der Sang der buntbesiederten Waldbewohner in sein Ohr drang, da vermeinte er ihre süße Stimme zu vernehmen; aber da tauchte auch die Erinnerung an alle jene schmerzlich süßen Stunden, die er in ihrer Gesellschaft verlebt, in seiner Seele auf, da erwachte der Gedanke mit neuer Gewalt: ich werde nie mehr in diesen Himmel schauen, nie mehr diese Töne vernehmen, und er drückte sein Gesicht in den schwellenden Rasen und weinte bittere Thränen. 5 . Wir wollen die reizende Miß in Gesellschaft ihres Vaters und Bruders ihren Weg verfolgen lassen und nur erwähnen, daß die ganze Reisegesellschaft glücklich und ohne Gefährdung an ihrem Ziele, in der nebelduftigen und steinkohlendampfenden Themsestadt, eintraf. Die Reise ward so monoton, so ohne jedes Abenteuer zurückgelegt, als man sich heut zu Tage nur immer einen Ausflug von Deutschland nach England im eigenen bequemen Reisewagen, an welchem von Station zu Station frische Postpferde vorgespannt werden, und endlich mittelst des Dampfschiffes die weite Meeresfläche durchkreuzend und dann die Themse aufwärts, denken kann. Nicht einmal ein Wagenrad brach, nicht der kleinste Seesiurm war zu überstehen, also monoton genug, aber Miß Helen war auch reiseunlustig genug, wenn man anders Liesen Ausdruck gebrauchen dürfte, gar nicht so heiter und fröhlich, wie sie es sonst wohl, namentlich auf einer Reise, war, und wenn Vater Robinson nicht mit hundert Planen im spe- culativen Kopfe beschäftigt gewesen wäre, und wenn nicht Bruder Alfred seinen Vorgesetzten Entschluß, größtentheils zu schlafen, so konsequent durchgeführt hätte, so hätte es sicher dem Einen oder Andern auffallen müssen, daß ihre Reisegefährtin in Wahrheit gar nichts zur Verkürzung des Weges von ***hausen nach London durch die ihr sonst eigene heitere Laune beitrage, sondern im Gegenlheile sich größtentheils einsylbig und ernst verhalte und weder den Vater in Verfolgung seiner spekulativen Gedanken, noch den Bruder jn seinem gemächlichen halb Schlafen, halb Wachen zu stören sich bemühte. Sie kamen a'so glücklich in London an; wir müssen sie aber auch hier sogleich verlassen und wieder nach ***hausen zurückkeb- ren, um zu erfahren, wie es mit dem armen, vereinsamten Bernhard stehe. Der Fvrtreisende ist in jedem Falle vor dem Zurückbleiben den der Begünstigte. Ist einmal der schwere Augenblick des Abschiedes überstanden, so rollt er in die Welt hin, Städte wechseln mit Städten, Gegenden mit Gegenden, Ereignisse mit Ereignissen, — er trifft beständig auf neue Gegenstände, aus neue Gegenden, auf so vieles Interessante, was seine Neugierde reizt, seine Miß' begierde erhöht und befriedigt, er wird mit neuen Menschen bekannt; er sieht, er hört immer wieder Neues, ihm bisher Fremdes, Unbekanntes, ja, er kommt gar nicht zur Muße, an die, welche er verlassen hat, zu denken, und geschieht dieses, so nur auf Augenblicke, die eben so schnell wieder in dem Strome der 11 chüt- »VN dem süßes >ußen unter > Ra- aubte Sang i ver- e auch er in te der Him- wückte bittere DaterS ahnen, mg an senden e jedes immer deque- frische Oamps- Themse h, nicht genug, ran an- !ec und e, war, im ste- Bruder schlafen, , Einen Wahren nach sondern lalle und edanken, m, halb sie aber arückkeb' insamten kbleiben oe§ M- wechseln .jgnissen, egenden, ne W>b' scken be- w Frem- an die, so nur wme der Abwechselung untergehen, oder doch wenigstens durch diese an ihrer Schärfe verlieren. Anders ist es mit dem Zurückgebliebenen. Er bewegt sich in demselben Orte, nur unter denselben Menschen; er hat täglich dieselben Verrichtungen, dieselben Obliegenheiten zu erfüllen, aber Eines fehlt ihm dabei: der Abgereiste; er wird nicht zerstreut durch Gegenden, durch fremde Menschen, durch interessante Ereignisse, er trifft täglich auf das Tagtägliche, aber dieses erinnert ihn auch immer wieder und um so lebhafter an ein theures Wesen, welches mit ihm vordem dasselbe durchlebt hat, und welches nun in weiter Ferne von ihm lebt. Daß dieses um so schmerzlicher unfern Bernhard traf, werden wir, die wir einen klaren Einblick in sein Gemüth gemacht haben, nicht einen Augenblick bezweifeln, und wenn wir einerseits bereits zu Gunsten der reizenden Miß erwähnt, daß die Reise keineswegs auf sie so zerstreuend einwirkte, daß der Gedanke an einen Zurückgelassenen vollkommen in dem Strome der Abwechslungen untergegangen wäre, so müssen wir um so mehr dem Gemüthszustande eben dieses Zurückgelassenen unser Mitleid schenken. Bernhard war in ***hausen geboren und zum Jüngling gereift. Das Städtchen, das wiesenreiche Thal, vom anmuthigen Forellenbache durchschnitten, der Lichte Tannen- und Föhrenwald mit seinem geheimnißvvllen Dunkel und den so vielen Kreuz- und Querwegen, die nahen Hügel und Höhen mit ihren Schluchten und Ertgängen, das war seine Welt gewesen, und über diese hinaus halte die Fantasie des Knaben nie verlangt; hier hatte er Freude und Leid genossen, doch des ersteren wohl mehr Äs des zweiten; nur ein Mal hatte ihn dieses schwer getroffen, ki war, als seine Mutter, seine gute, liebe Mutter starb, aber W so werther war ihm bann auch dieser Erdstrich, auf welchem er lebte. Draußen vor der Stadt, auf dem Friedhofe im Wie- senlhale, da ruhte ja die Theuere im kühlen Bette, und er konnte ihre Ruhestätte besuchen, so oft er nur wollte, und er that eS recht oft. Bernhards Vater war ein ächlec Deutscher und dabei ein tüchtiger Schulmann; es lebten wohl Wenige im Städtchen, die nicht von ihm gelernt hatten, aber er war auch ein herzlieber Vater, und als sein treues Weib gestorben war, da pflanzte sich seine ganze Liebe auf den Sohn, auf den kleinen Bernhard über, und dieser erlernte dann von ihm die wahre Schulmannskunst; den deutschen Biedersinn halte er ohnedies vom Vater, das weiche Gemüth von der Mutter ererbt. Deß- wegen liebte aber auch Alles Schulmeisters Bernhard, und es war kein Zweifel, sollte der Vater einst sterben, daß der Sohn sein Nachfolger auf diesem einträglichen Posten würde. Schade, daß der junge, talentvolle Mann in diesem Reste verkümmert, hatten so Manche gesagt, welche ihn näher kennen gelernt und aus ihm so Manches herausgefunden halten, was iie hinter dem jungen Schulmeister nicht gesucht hätten. Und warum soll es wohl Schade sein? hatte aber dann der Vater erwiederl. Kann ein Mensch, dem Gott Talente geschenkt hat,' nicht in einem kleinen Städtchen so viel Nutzen bringen, als in einer Weltstadt? Sollen in **Hausen nur Dummköpfe Hausen? Er wird hier seinen Pflichten vielleicht besser Nachkommen und eifriger mit dem Pfunde wuchern, welches ihm verliehen worden, -US in der großen Welt draußen, in welcher er unter der Menge " umerginge. (Fortseyung folgt.) Aus -er Zeit. — Karlsruhe, 6. Jan. Wir sind nunmehr in der Lage, über den Unglücksfall, der sich auf der badischen Eisenbahn bei St. Ilgen am 2. d. M. ereignete, nach amtlichen Berichten genauere Auskunft zu ertheilen. Unter den Verwundeten befinden sich 10 männliche und 3 weibliche Personen. Von Len Ersteren erlitten Einer einen Bruch beider Oberschenkel, ein Anderer einen solchen des rechten Unterschenkels und des linken Ober- und Unterschenkels, ein Dritter des linken Unterschenkels und des rechten inneren Knöchels des Unterschenkels, ein Vierter des linken Oberschenkels nebst Zerreißung des scro!um, die Uebrigen Quetschungen, Luxationen, Beschädigung der Zähne oder Brandwunden. Die Verletzungen der weiblichen Reisenden sind leichtere Quetschungen. Von sämmtlichen Verwundeten liegt nur einer lebensgefährlich darnieder. — Hinsichtlich der Veranlassung und des Herganges des Zusammentreffens der beiden Wagenzüge können wir uns auf Len deßfallsigen Bericht vom 3. d. M-, welcher nach den bisherigen Ermittelungen der Wahrheit gemäß ist, beziehen. (K. Z.) — Die Nachrichten über die Gesundheit des Kronprinzen von Hannover lauten nicht sehr erfreulich. Er war in Folge der letzten Operation, die nichts half, fast lebensgefährlich krank. Die Aerzte sollen keine Hoffnung mehr haben, daS Augenlicht wieder herzustellen. — Bremen, 2. Jan. Das Wochenblatt der New-Dorker Schnellpost meldet betrübende Nachrichten aus Texas. Wir lassen dahin gestellt sein, ob es wahr ist, daß in der von dem deutschen Adelsverein beabsichtigten Niederlassung große Unzufriedenheit herrsche, weil die Ansiedler das ihnen zugesagte Land noch nicht erhielten. Der »Neworleans deutsche Courrier" bestätigt übrigens diese Angabe und will wissen, die Cvlonisten hätten noch gar nichts angebaut, würden auch bis zur nächsten Ernte noch mehr Mangel leiden. — Im Anfänge November ritten zwei Beamte der Colonie, Hauplmann von Wrede und Lieute- nant Klaren, begleitet von dem Cvlonisten Wessel, von Neu- Braunfels nach Austin. Ungefähr 25 englische Meilen von letzterer Stadt wurden sie, eben damit beschäftigt, einen Platz zum Nachtlager auszusuchen, bei einbrechender Dämmerung von Indianern überfallen. Wessel war gerade mit seinem Pferde zu einer nahen Quelle gegangen, als das Geschrei der Indianer in sein Ohr drang. Als er sich umwandte, sah er die Herren von Wrede und Klaren fallen. Er nahm rasch sein Gewehr, ergriff die Flucht und erreichte, nachdem er einen der ihm nachfolgenden Indianer niedergeschossen hatte, die Stadt Austin. Oie von dort nach dem Bluiplatze eilenden Gränzer begruben die Schlachtopfer, und nun erheben sich in jener gefährlichen Prairie zwei neue Gräber skalpirter Männer! Herr von Wrede ist derselbe, welcher in Deutschland ein Buch über Texas drucken ließ. — Wien, 1- Jan. Der Kaiser von Rußland, welcher vorgestern Abend hier angekommen, und im Hotel des russischen Gesandten, Grafen Medem, abgestiegen war, hat gestern Vormittag die auf dem GlaciS in Parade ausgestellten Truppen der hiesigen Garnison und einiger aus den nächsten Orten herbeigezogenen Bataillone besichtigt. Unter dem ausgestellten, bei 15,033 Mann starken Truppencvrps 'vefand sich auch das hier garnisonirende Husarenregiment des Kaisers Nikolaus, das sein hoher Inhaber > selbst an dem Kaiser von Oesterreich vorüberführte. ! — Wien, 2. Jan. Der Kaiser von Rußland ist heute früh ^ um 8 Uhr mit der Eisenbahn über Olmütz in seine Staaten zu- 12 rückgekehrt. Nachdem er gestern dem Fürsten Metternich eine mehrstündige Audienz ertheill hatte, wurde das Offiziercvrps seines Regiments empfange». Das Diner nahm der Kaiser bei Hof ein, und beurlaubte sich sodann bei der kaiserlichen Familie. Dem Erzherzog Franz, ältesten Sohn des Erzherzogs Franz Karl, ertheilte Kaiser Nikolaus den St. Andreasorden. — Panis, 2. Jan. Die Blätter bringen heute die Neujahrs- Beglückwünschungen an den König und die Königlichen Antworten. Im Namen des diplomatischen Corps sprach der päpstliche Nuntius vornämlich von den Segnungen des Friedens, durch dessen Erhaltung die Kabinete den Dank der Well sich erworben haben. Der Herzog Pasquier rühmte, als Sprecher der Pairs- kammer, die hohen Verdienste des Königs der Franzosen um Frankreichs Wohlfahrt und Ruhe, die Erfolge, die er durch vollendete Weisheit errungen, und die wohlthuender seien, als die mit der Spitze des Schwerts erfochtenen. Der König erwie- derte, die Aufgabe für die Zukunft sei leichter; es gelte jetzt blos, zu verhindern, Laß die errungenen Wohlkhaten wieder entschlüpfen durch Verlockung der Nation in verderbliche Täuschungen. In der-Antwort an Hrn. Sauzet, den Präsidenten der Abgeordnetenkammer, äußerte der König gleichfalls seine Freute und seinen Stolz' darüber, daß das Staatsschiff, unter der kräftigen Mitwirkung der Abgeordnetenkammer, die Stürme überstanden habe, und glücklich in den Hafen gebracht sei. Der König versprach, mit Hülfe der Kammer und der Nation, Frankreich seiner hohen Bestimmung entgegenzuführen, auch fernerhin, wie bisher, das Wohl von Arm und Reich zu sichern, alle Freiheiten des Landes aufrecht zu erhallen, alle Klassen der Gesellschaft sie werthschätzen zu lehren, da aus sie alle errungenen Vortheile gegründet seien. — Paris, 3. Jan. In der heutigen Sitzung der Deputir- tenkammer legte der Marineminister einen Gesetzentwurf für Bewilligung eines Cretits von 93 Millionen für Schiffsbauten und für Verxrovianlirung der Häfen vor. Die Vorlage dieses Gesetzentwurfs brachte große Sensation in der Kammer hervor. — Das Unwohlsein der Königin Marie Amalie, ein Brust- leiden, soll einen ernsteren Charakter angenommen haben. — Von Malta wird geschrieben: „Die letzte Post hat den Befehl von Seiten der englischen Regierung überbrachl, daß die Fortificationen dieser Insel sofort ausgebessert und tausend Maurer dabei verwendet werden sollen. Das Fort Cottonera soll vollendet, mehrere neue Werke sollen ausgeführt werden. Diesen Demonstrationen legt man hier einige Wichtigkeit bei. — Nachrichten aus Konstant! nopel zufolge, war der neue Minister der auswärtigen Angelegenheiten, Reschid Pascha, am 11. v. M. in der Hauptstadt des osmanischen Reichs eingetroffen. Verschiedenes. — Die Wochenschrift, welche auf Befehl des Convents in den Revolutivnsjahren geschrieben wurde, um der ganzen Republik die Großthaten ihrer Vertheidiger zu erzählen, meldete im Jahr 1794 Folgendes: Ein französischer Nationalgardist wurde in einer Schlacht mit den Spaniern Lurch die Gurgel geschossen, und die Kugel blieb im Hals stecken. Der durch die Gurgel Geschossene hatte nicht allein die wunderbare Gegenwart des Geistes, die Kugel aus dem Hals zu ziehen und in seine eigene Flinte zu laden, sondern noch den weit wunderbarer» Scharfblick, mitten im Getümmel der Schlacht, und unter Len vielen lOOOSchüffen -auf ein Haar herauszufinden, welcher Spanier ihm das Loch in die Gurgel geschossen habe; dem lief er nach und tödtete ihn mit seiner eigenen Kugel. — Der Pariser ärztliche Congreß hat in einer seiner letzten Sitzungen den Beschluß gefaßt: darauf anzutragen, daß kein ausländischer Arzt in Frankreich prakticiren dürfe, wenn er nicht vorher dort die 6 Fakultätsexamina durchgemacht und in allen gut bestanden habe. Dieser Vorschlag ging von einem Herrn Malgaigne aus, der behauptete, nur in Frankreich gebe es eine ärztliche Wissenschaft, im Auslande herrsche nur medicinische „Barbarei," und man müsse die „Seiden" derselben nicht ein- dringen lassen- — Ein eigenthümlicher Brauch kommt im Pader- bvrnschen im Gefolge der alljährlichen Freischießen vor. Der Tag nach demselben ist nämlich dem Frauenschießen gewidmet, eine galante Sitte, die man in dem entlegenen Westphalen am wenigsten suchen sollte, und die sich anmuthig genug ausnimmt. Morgens in aller Frühe ziehen alle Ehefrauen der Gemeinde, unter ihnen manche blutjunge und hübsche, von dem Edelhofe aus, in ihren goldenen Häubchen und Stirnbändern, bebändert und bestraußt, Jede mit dem Gewehr ihres Mannes auf der Schulter. Voran die Frau des Schützenkönigs mit dem Abzeichen ihrer Würde, den Säbel an der Seite, wie weiland Maria Theresia auf den Kremnitzer Dukaten; ihr zunächst die Fähnrichin mit der weißen Schützenfahne; auf' dem Hofe wird Halt gemacht, die Königin zieht den Säbel, commantirt — rechts — links — kurz, alle militärischen Evolutionen. Dan» wird die Fahne geschwenkt, und das blanke Regiment zieht mit einem feinen Hurrah dem Schießplätze zu, wo Jede — Manche mit der zierlichsten Koketterie — ihr Gewehr ein paarmal abfeuert. Nun marschieren Alle unter klingendem Spiele nach der Schenke, wo es heute keinen König gibt, sondern nur eine Königin und ihren Hof, die Alles anortnen, und von denen die Männer sich heute Alles gefallen lassen müssen. — Das französische Ministerium des Handels und der Gewerbe läßt Versuche im Großen mit Spiritusheizung machen, man will versuchen, die Dampfkessel der Lokomotiven auf diese Art zu erhitzen. Im Kleinen ist Spiritus ein wohlfeileres Brennmaterial als alles andere, man macht das Wasser zum Kaffee kochend, man bereitet Beefsteaks und Carbonake, man macht Rühreier und Setzeier in blechernen Gefäßen, wohlfeiler über einer Spiriruslampe, als bei Hvlzfeuer, — allein ob man in der Menage eines Regiments, in der Küche eines Schiffes mit. tausend Mann rc. die großen Kessel mit Sauerkraut und Pökelfleisch auch so wohlfeil mit Spiritus Heizen würde, wie mit Holz oder Steinkohlen, dürfte doch wenigstens zweifelhaft sein. — 'Noch im Jahr 1601 ward in Frankreich einem künstlich abgerichteten Pferde der Prozeß gemacht und es sollte als vom Teufel besessen verbrannt werden. Auflösung des Mthsels in Neu. 1. Wink. Redigirt und gedruckt unter Verantwortlichkeit der Ehr. Fr. Müller'schen Hokbuchhandlung.