Wohl ward schon Manches mir ge- nommen Das lieb mir war wie Augenlicht, Doch Eines ist noch nicht gekommen Und bete: daß dieß komme nicht. Diß wär', o Herz! vor mir dein Sterben. Was wär' ich dann noch in der Welt? – Ein unter's Dach geworfner Scherben Wär' besser dann denn ich bestellt. Diß wär', o Herz! vor dir mein Scheiden, Was wärst du dann? ich glaube fast Nichts wärst du als ein stummes Leiden, Ein von dem Baum gerissner Ast. O ließe Gott doch nie geschehen Daß zwey so innig lieben sich, Daß wenn das Eine müßte gehen Das andere fortathmet siech! Schlag' Gott solch' Lieben den die Wunde des Todes doch zur gleichen Stund' Daß noch im Todt, treu ihrem Bunde, Ein Sarg, sie dekt, Ein Grabesrund! Justinus Kerner. NB. Vor zehen Jahren geschrieben. J Kerner Morb. 6. Ag. 54. An Herrn von Lasberg. Es steht an Deiner Burg am Thor Ein alter schwäb'scher Troubadur Fleht um zwey Stunden Einlaß nur, O schieb ihm keine Riegel vor! Manch Wanderer hat ihm gesagt Hier wohnt noch alte Biederkeit Hier wohnt noch alte deutsche Zeit Tret ein du den die neue plagt! – Hier steht er, will nicht eilen fort, Ihn hat die Zeit recht müd gemacht, Sein Auge dekt schon halbe Nacht Schaff Licht ihm durch dein liebes Wort! Justinus Kerner aus Weinsberg. zu Meersburg am 19. Heumonats. 1850. JvL.