Die Zustände in der Hausindustrie. 121

behäbiges Ten,ho. Auf dem Lande wurden Ketteneinhängerinnen ange­troffen, die zu zweit oder dritt zusammensitzen und ihre Arbeit plaudernd verrichten, ohne sich im geringsten anzustrengen. Die Arbeitsintensität der Vürsteneinzieherinnen ist in der Hausindustrie häufig eine geringere als in den geschlossenen Betrieben; auch bei den Heim­arbeiterinnen der Rheinischen Gummi- und Zelluloidfabrik ist diese Er­scheinung zn bemerken.

J>M Gegensatz hierzu findet manchmal starke Anspannung der Kräfte statt. Die hausindustriellen Silberbrüniererinnen leisten in der Zeiteinheit mehr als die Arbeiterinnen in der Fabrik; sie verdienen in der Stunde über 30 und begnügen sich mit einer durchschnittlichen täglichen Arbeitszeit von 3 Stunden. In einer weniger glücklichen Lage sind Heim­arbeiter mit geringeren Stücklöhnen; sie müssen oft intensiv arbeiten und zugleich die Arbeitsstunden weit ausdehnen. Wenn die Not des Lebens drängt, wird mit fliegender Hast gearbeitet und die Nacht zum Tag gemacht. Wo täglich abgeliefert und gezahlt wird, muß der Verdienst oft sofort zur Beschaffung von Lebensmitteln verwendet werden. Eine Frau arbeitete nüt ihrem Manne die ganze Nacht hindurch, um morgens einen Posten Knöpfe abliefern zu können; die Vorhangnäherinnen in Stetten a. k. M., die ihren Verdienst täglich erhalten, leben von der Hand in den Mund und arbeiten daher aus Leibeskräften. Für Frauen, welchen die Besorgung von Haushalt und Kindern obliegt, bedeutet eine sechs- bis achtstündige hausindustrielle Tätig­keit oft eine tägliche Gesamtarbeitszeit von sechzehn bis achtzehn Stunden und völlig unzureichende Nachtruhe. Am Beispiel der Brüniererinnen ist gezeigt, von welch eminenter Bedeutung höhere Löhne sind. Eine Vorhang­stickerin, Trikot- oder Korsettnäherin auf dem Heuberg hat mehr als 15 Arbeitsstunden nötig, um den Verdienst von 90 Pfg. zu erreichen, den die Silberbrüniererin in drei Stunden erzielt. Wenn dis Arbeit pressiert, arbeitet ein hausindustrieller Steinbohrer in Waldkirch von früh 4 bis nachts

11 Uhr. Ein Holzschuhmacher in Steinmauern arbeitet bei großer Nachfrage bis 12, 2 und 3 Uhr oder gar die gawze Nacht hindurch. In der Uhren- hansindustrie sind Arbeitszeiten von 14 bis 16 Stunden keine Seltenheit; früher kamen noch längere Arbeitszeiten vor. Lange Arbeitsstunden sind in der Seidenbandindustrie üblich, in der Hochflut der Aufträge bis zu 18 Stunden. Eine Frau in Weinstein, ist von früh 6 bis nachts 11 oder

12 Uhr mit Stuhlflechten beschäftigt; eine andere bleibt, wenn es nötig ist, bis morgens 3 oder 4 Uhr bei der Arbeit. In der Textilheimarbeit in Säckingen arbeiten die Frauen, welche am Tage durch den Haushalt abgehalten sind, bis in die tiefe Nacht, ebenso die Heimarbeiterinnen einer Konstanzer Segeltuchweberei. In der Kartonageindustrie zu Lahr werden die Arbeitsstunden zum Teil bis in die späte Nacht, ja in die frühen Morgen­stunden vor dem Schlafengehen ausgedehnt; nicht wenige Frauen sind mit Arbeitsstunden sehr überlastet, ohne daß das Arbeitseinkommen auch nur annähernd befriedigend erscheint. Lange Arbeitszeiten wurden auch in der Zigarrenhausindustrie und in der Bürstenhausindustrio bekannt. An die Grenze der Möglichkeit geht eine Bürstenpoliererin in Donaueschingen , die im Sommer von früh 3 oder 4 Uhr bis nachts 9 oder 10 Uhr, im Winter von früh 3 bis 1 Uhr nachts täglich 18 bis 19 Stunden arbeitet, um einen Wochenverdienst von 8 bis 10 M., einen Stundenverdienst von> 8 Pfg. ein-