mehr in die Kirche, Gott fragt ja doch nichts nach dir; die es gut haben, mögen in die Kirche gehen; ſie haben auch die Kleider dazu; du müßteſt dich ja ſchämen mit deinem elenden Kittel unter dem Sonntagsſtaat der andern Leute.“— Und ſo gibt mancher Arme die Religion auf, verbittert gegen Gott und die Menſchen, hat es elend in dieſer Welt und hat es noch elender in der andern Welt, wenn er ohne Religion ſtirbt.
Es gibt ein Ding, was bei den Apothekern verkauft wird; man heißt es Chloroform. Dieß brauchen die Doktoren bei Kranken, damit ſie ihre Schmerzen weniger oder gar nicht inne werden Nun gibt es auch ein Chloroform, nach welchem alle Tag viele arme Leute greifen, um ſich Ver⸗ druß und Elend zu erleichtern; dieß iſt aber viel wohlfeiler, als dem Apotheker ſeines, man be kommt es beim Krämer, Bäcker oder Wirth— es iſt der Schnaps. Ja gerade die Aermſten greifen am liebſten nach dem Schnapsglas; ſie wollen ein wenig ſich vergeſſen und eine Stunde lang fröhlichen Traum haben. Was dabei heraus— kommt und wie fürchterlich theuer das Schnaps⸗ vergnügen ſich zuletzt bezahlt macht, das habe ich in den Kalendern vom Vaterunſer hell und aus—⸗ führlich ans Licht geſtellt, ich meine unter dem Artikel: Gib uns heute unſer tägliches Brod.
Sodann lauft der großen Armuth auch noch eine andere Verſuchung nach, wie der eigene Schatten, das iſt die Verſuchung zu ſtehlen. Wenn ich in einem Wirthshaus übernachte und mor— gens in aller Frühe weiter reiſe und über den Gang gehe und ein Paar Stiefel vor einer
Zimmerthüre ſtehen ſehe, ſo fechtet mich das gar
nicht an, ſo wenig als ein abgelöſchtes Zünd— hölzel. Wenn aber ein Handwerksburſch die Stiefel ſieht, der ſchon Wochen lang wandert und ſeine Sohlen durchgelaufen hat und das Oberleder Löcher hat und es ſchneit und regnet, und es iſt gerade Niemand auf dem Gang und unten iſt das Hofthor offen: ja das iſt etwas anderes. Der kann ſchon Verſuchung kriegen, ganz ſtill die Stiefel zu faſſen und mitzunehmen. — Frage einmal einen Aufſeher in einem Zucht⸗ haus oder in einem Gefängniß, aus was für einem Stand die meiſten Inwohner ſind: du wirſt eben hören, daß es größtentheils arme Leute ſind. Viele davon ſind zwar vor Gott meiſtens lang nicht ſo ſchlecht, als manche Reiche, die nie in's Zuchthaus kommen; aber die Armuth hat ihnen
hinterrücks einen Stoß gegeben, daß ſie in Kri— minalſünde hineingeſtolpert ſind. Wenn aber das Stehlen auch nicht herauskommt, ſo iſt es meiſt noch verderblicher. Es ſchiebt einen Riegel vor, daß ſich der Menſch nicht mehr bekehrt und er ein Gefangener des Teufels iſt. Denn Wenige, welche geſtohlen haben von größerem Werth, mögen es zurückerſtatten; darum können ſie auch keine gültige Losſprechung mehr bekommen und leben und ſterben in der Sünde.
Und doch bin ich noch nicht fertig mit den Uebeln, welche die Armuth ausbrütet. Schön ſein, das möchten die meiſten, junge und auch ältliche Perſonen. Und doch iſt für ein armes Mädchen, wenn ſie ſehr ſchön iſt, dieß meiſtens ein großes Unglück, gar in der Stadt. Ich will nicht umſtändlich erzählen, wie dieß gemeint iſt; erfahrene Leute wiſſen ſchon, warum und wie gerade Armuth die Schönheit ſo gefährlich für die Jungfer macht.— Wenn ferner der Fabri kant keine Religion hat oder noch einen Haß dagegen, und kommandirt gegen das dritte Ge bot, daß die Arbeiter an Sonn- und Feiertagen arbeiten müſſen unter Strafandrohung, wer nicht
kommt, werde entlaſſen oder es werde ihm am
Lohn abgezogen: da hat der Arbeiter eine ſchwere Verſuchung, ſelbſt wenn er bisber ein ordent licher Katholik war. Er denkt: Ich habe Frau und Kinder, ein Handwerk kann ich nicht, was will ich machen? Ich muß mich ducken. Und ſo übertritt der Arbeiter das Gebot Gottes, um das Gebot des gewiſſenloſen Fabrikanten zu be folgen. Die Armuth hat ihn in das Garn des Teufels getrieben.— So iſt es oft auch mit den Dienſtboten, Geſellen und andern Arbeits leuten— ſo manche verkaufen ihre Religion und Seele um geringes Handgeld, das ihnen vom Teufel und ſeinem Geſind angeboten wird.
Phariſäer⸗Gedanken.
Dieß wäre ungefähr ſo eine Abbildung, wie es mit den armen Leuten ſteht. Jetzt wäre die Nutzanwendung zu machen; die will ich aber vorerſt nicht für die jämmerlich Armen machen, ſondern für die, welche reich ſind, und für die mittelmäßigen, und für die, welche wenigſtens ſo viel haben, daß ſie den blauen Kalender kaufen können. Vom Geben und Helfen wollen wir ſpäter reden; meine Nutzanwendung geht
IYn