482 Verhandlungen der zweiten Kanimer. Füuͤnfunddreißigſte öffentliche Sitzung, am 4. Juli 1839.

allgemeinen Beluſtigungsorte fehle; ich halte es nicht für gut, daß in den Gaſthöfen Bälle ſind, wo die Fremden hernach die ganze Nacht hindurch geſtört werden. Es wird allen Einwohnern der Reſidenz bekannt ſein, daß ſie ſonſt jeden Sonntag hinaufgingen, und daß von Straßburg und der ganzen Umgegend eine Maſſe von Menſchen kam, da waren Bälle von 5—600 Perſonen, und hochgeſtellte Ade— liche, ſogar Fürſten , verſchmähten es nicht, ſich unter dem Publikum zu vergnügen. Ich weiß, wie ein alter Fürſt mit anderen fürſtlichen Perſonen getanzt hat unter jungen Leu— ten, und es ging Alles gut her. Wie kann aber jetzt ſo et— was zu Stande kommen? Wo foN jegt ein folher Ball Statt finden? ber gröpere Conyerfationsfaat ift niht dazu geeignet, Der ift beftellt mit Spieltifhen, und da unterhal ten fich die Fremden, wele da find. Wo folen fie anders hingehen? E3 Hat aber einen wefentlihen Vortheil nidt nur fúr Baden, fondern auh fürs ganje Land, wenn all- gemeine Bäle Statt finden, wenn jedesmal 5—600 Perfo- nen aus Der Umgegend hinfommen, ja auh aug dem Mus- lande, und wenn ber Herr Regierungs- Commiffär dahin wirken könnte, daß wieder Bälle in dem großen Saale ein— geführt werden, ſo würde das ganze Publikum befriedigt, nicht nur aus den höheren, ſondern auch aus den mittleren Ständen.

Miniſterialrath v. Marſchall : Ich habe bereits be— merkt, daß dieſe allgemeinen Bälle im großen Saale keines— wegs aufgehört haben, und daß dieſe Fonds, welche die Regierung für Baden verwendet, nur für die Allgemeinheit verwendet werden.

Sander: Täuſchen wir uns ja nicht über die Dinge in Baden. Der Abg. Jörger hat Recht, wenn er ſagt, daß die Fremden in dem Converſationshaus zum Spiel ſo zuſagen verlockt werden. Es liegt dieß aber in der Natur der Sache. Meine Herren! Wenn Sie einen Pacht von etlichen Vierzigtauſend Gulden einnehmen wollen, ſo müſſen Sie dem Pächter die Möglichkeit laſſen, den Pacht wieder heraus— zubringen, und das Spiel anderen Vergnügungen vorzu— ziehen und gegen ſie zu begünſtigen.

Jörger(einfallend): Solche Vergnügungen haben doch früher auch ſtattgefunden.

Mohr: Ich kann kaum glauben, wie die Redner dar—

auf kommen, daß ich den Wunſch ausgeſprochen habe, den hohen Aufſchwung des Bades niederdrücken zu wollen. So viel iſt mir bekannt, daß es gerade dieſer Aufſchwung iſt, der nicht nur für die Umgegend, ſondern für das ganze Land Vortheil hat; aber große Bäder werden wieder klein, ſie ſind immer einem Wechſel unterworfen. Wo Lurus herrſcht, wo die Zahl der Reicheren die größere iſt, da wer— den die Reicheren auch den Ton angeben. Es geht in Ba— den ſo, wie überall. Die Verwendungen der Regierung zu Bädern ſind in der Regel zu allgemeinen Zwecken; iſt aber die Zahl der Reicheren überwiegend, da bleibt die nie dere Klaſſe in den Hintergrund gedrängt.

Jörger: Ich bin weit entfernt, die Anſtalten, welche die Regierung für Baden ins Leben gerufen hat, nicht an— erkennen zu wollen. Ich erkenne ſie wirklich mit großem Danke an, und es wäre ungerecht, wenn man nicht aner— kennen wollte, daß auch in Beziehung auf den Mittelſtand viel geſchehen ſei. Ich habe nur geſagt, daß Alles mög— lichſt neben einander geſtellt werden ſollez daß weder der höhere noch der niedere Stand ſich gedrückt und unheimiſch fühle.

Poſſelt: Ich muß zur Unterſtützung deſſen, was der Abg. Jörger geſagt hat, auf Wiesbaden hinweiſen. In Wiesbaden iſt auch eine ſolche Reunion, abgeſchloſſen den Abonnenten offen ſtehend. Dagegen iſt der Kurſal zum allgemeinen Gebrauch, und es wird in Wiesbaden ſo viel geſpielt, als in Baden-Baden . Die Spiele ſind in den Räumen, daneben ſind Bälle, welche an Sonntägen von den Bewohnern Frankfurts und Mainz zahlreich beſucht werden.

Miniſterialrath v. Marſchall : eben ſo.

Jörger: Der große Saal wird nie zum Tanzen, ſon— dern nur zum Spiel und zur Converſation genommen; es ſind früher Abtheilungen gemacht worden, auf der einen Seite ſtanden die Spieltiſche und in der anderen Hälfte des Saales waren die Bälle.

Miniſterialrath v. Marſchall : Ich möchte fragen, ſeit wann dieſe Einrichtung aufgehört hat? Jörger: Seit mehreren Jahren.

Es iſt in Baden

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