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Nro. 248.
1870.
Politische Rundschau.
Offeuburg, 21. Okt. Immer schöner werden die Enthüllungen aus Napoleons Papieren über die Verkommenheit der Herrschenden und Beherrschten: nichts als Bestechung und Käuflichkeit bis herab zu dem Aufwiegler Napoleon Gaillard, der in allen Kneipen die Absetzung der Dynastie verlangte und jährlich dafür 5000 Fr. erhielt! Kann man sich da noch über etwas wundern? Pietri, der Privatsekretär des Exkaisers, der behauptet hat, sein Herr sei so uneigennützig, daß er gar nichts für sich angelegt habe, erhält aus eben diesen Papieren bis jetzt schon nicht weniger als über 60 Millionen nachgewiesen. — Nicht nur die Engländer, auch die Jtaliäner wahren die Neutralität schlecht; jene liefern nicht nur wie diese Waffen sondern auch Freischärler an Frankreich . — Nun ist auch der große spanische Republikaner Castelar, vor kurzem noch von deutschen Demokraten mit Zu- ' schritten beehrt, in Tours mit seinem Redeschwall ausgetreten und hat über die preußischen Horden geschimpft, die man nur über den Rhein zurückjagen dürfe, um allen Romanen boä Glück der Republik zu bringen. Ja, jagt sie nur zurück! — Von dem französischen Gene- Bmrrbaki, MsehiLhaber dir Anrd^ i» Metz , wurden in letzter Zeit allerlei geheimnißvolle Geschichte» erzählt, wie er durch. Betreiben und Vermittlung eines geheimnißvoücn Unbekannten aus Metz gelaffen worden, nach England zur Kaiserin gekommen sei, sich aber geweigert habe, ihren Prinzen wieder mit nach Metz zur Armee zu nehmen, da keine Arkriee mehr diese Schande ertrage. Nach andern Angaben wäre Bour- baki verkleidet aus Metz entkommen und trage nun der Republik seine Dienste an, die ihm aber nicht traue. — Die „N. Fr. Presse" brachte die Nachricht, Preußen und Baiern seien jüngst wegen der Auspflanzung ihrer Fahne auf einer gemeinsam eroberten Kanone in blutigen Streit gcrathen. Die „Neue Würzb. Ztg." berichtet dahin, daß der Befehlshaber entschieden habe, es dürfe gar keine Fahne aufgepflanzt werden, worauf die Soldaten sich zufrieden gegeben und allerdings ein innerliches Bad von Traubenblut genommen hätten. Hoffentlich werden die nun im Hauptquartier versammelten Diplomaten auch die Farbenfrage zur Entscheidung bringen und damit auch solche Streitanläfle beseitigen. —
Berlin , 17. Oct. Zum Beweis, daß in der deutschen demokratischen Partei nicht alles mit Jacoby gegen den Rückerwerb von Straßburg und Metz stimmt, führt die Nordd. A. Z. u. a. eine Aeußernng Harkorts an, der sich am Schluffe eines in der Westfäl. Z. veröffentlichten Brieses folgendermaßen ausspricht: „Ohne Zweifel, mit oder ohne Landabtretung, werden die Franzosen nach dem Frieden sich heiser schreien nach Rache für Waterloo, für Sedan und Paris . Sie werden sich für „die Enkel der Riesen von 1792" halten; Alles gut, nur drei Schritte vom Leibe! Sicherstellung für die Zukunft ist unser gerechtes Begehr. Straßburg und Metz sind die stets drohenden Aüsfallthore gegen uns, „vom Kaiser und dem Reich geraubt", sang Vater Arndt. Dieses gestohlene Gut fordert nicht Graf Bis marck , sondern Deutschland zurück, um den fränk. Einbrüchen einen starken, eisernen Riegel vorzuschieben; dann mindern wir unsere Militärkosten um viele Millionen und hören ohne Furcht den
gallischen Hahn krähen. Straßburg und Metz sollen die Vorposten der Wacht am Rhesn sein und das vergossene Blut unserer Söhne der Kitt der Eini steit d>r deutschen Stämme."
Florenz , 18. Okt. Thiers ist heute nach Tours abgereist. Derselbe empfing gestern die Besuche der Minister Sella und Lanza. Der Finanz- minister ist nach Rom abgereist.
Bor Paris , 17. Okt. Man telegraphirt dem „Frkf. I.": die Sekretäre der amerikanischen Gesandtschaft Moor und Hofmann erhielten die Erlaubniß, die preußischen Linien zu passiren. — Die Friedensverhandlungen zwischen Bazaine „als Bevollmächtigter der Regentin" und Ver sailles nehmen die allerbestimmteste Gestalt an. Die Stimmung verräth hier seit der Einnahme von Soissons die Sehnsucht nach Frieden.
Brüssel, 15. Okt. (F.J.) Der hier eingetroffene Siecle vom Donnerstag bringt von einem sich nennenden Eingeweihten (Max Pohl) ein sehr detaillirtes Verzeichniß aller vom Exkaiser seit 1854 gemachten ausländischen Kapitalsanlagen unter der Anführung des Namens aller vermittelnden Bankiers. Der Gesammtbetrag des Kapitals beläuft sich auf 66 Millionen. Der Siecle enthält ferner eine Mittheilung aus Cherbourg, wonach im dortigen Hafen 750 Ge- wehrkistLL..LUH,EnIland emgetroffen sind, theilt mit, daß demnächst General . Ducrot mit dem Luftballon in Südfrankreich einzutreffen gedenke. Mit Cremienx hat auch Garibaldi Tours verlassen. Leboeu f hat Angesichts der drohenden Haltung der Bevölkerung von Jersey sich genöthigt gesehen, die Insel auf's schleunigste zu verlaffen.
Vom Kriegsschauplatz.
Der Pr. St.-Anz. gibt folgende Statistik über die Beschießung von Straßburg : Es sind während der förmlichen Belagerung von Straßburg 8 verschiedene Geschützarten preußischerseits und deren 4 badischerseits in Thätigkeit gewesen und zwar im Ganzen 241 Geschütze, nämlich 30 lange gezogene 24Pfünder, 12 kurze gezogene 24Pfünder, 64 gezogene ILPfünder, 20 gezogene 6Pfünder, 2 gezogene 21Centimeter-Mörser, 19 50pfündige, 20 25pfündige und 30 7pfündige glatte Mörser; diesen sind zur Beschießung der Zitadelle badischerseits hinzuzusügen 4 25pfündigc Mörser, 8 60pfündige Mörser, 16 gezogene 12- Pfünder, 16 gezogene 24Psünder. Von den genannten 241 Geschützen sind im Ganzen 193,722 Schuß und Wurf in die Festung gefeuert worden, und zwar 162,600 von den 197 preuß. u. 31,122 von den 44 bad. Geschützen. Es sind dies gewesen: 28,000 Granatschuß aus dem langen gezogenen 24Pfünder, 45,000 Granatschuß a. d. gezog. 1.2Pf., 8000 Granatschuß a. d. gezog. 6Pf., 5000 Shrapnelschuß a. d. gezog. 24Pf., 11,000 Shrapnelschuß a. d. gezog. 12Pf., 4000 Shrapnelschuß a. d. gezog. 6Pf., 3000 Langgranatschuß aus den 15Centimeter-Kanonen, 600 Langgranatwurf aus 21Centimeter-Mörsern, 15,000 50pfündige, 20,000 25pfündige, 23,000 7pfündige Bombenwürfe aus glatten Mörsern. Diese Summen ergeben als statistisches Resultat, daß in de» 31 Tagen des förmlichen Angriffs auf Straßburg im Ganzen also 193,722 Schuß und Wurf, durchschnittlich demnach an jedem Tage 6249, in jeder Stunde 269, in der Minute also fortlaufend 4—5 Schuß oder Wurf in die Festung gefeuert worden sind. Bei dieser Gelegenheit ist noch zu erwähnen, daß das Gewicht
der einzelnen Geschoffe nicht nach deren Eisengewicht, sondern nach dem einer steinernen Kugel von gleicher Größe (in einzelnen Fällen auch nach dem Durchmesser) bestimmt wird, so daß beispielsweise daß Gewicht der 7—50pfündigen Bomben im Verhältnitz ihres Kalibers bis 180 Pfund steigt.
— Nach der „Main-Ztg." werben im Lager vor Metz alle Vorkehrungen zur Uebexwinterung der Truppen getroffen.
In der Nähe von Etzrrnah hat am 11. Oct. ein Eisenbahn-Unfall statlgefunden, der durch das Aufreißen der Schienen von Seiten der Bevölkerung veranlaßt worden war. Der Zug beförderte kranke Soldaten, wovon 3 getödtet und einige 20 verwundet wurden. Man hat sofort einige verdächtige Personen festgenommen und eine Untersuchung gegen sie eingeleitet. Um ähnlichen Fällen vorzubeugen, müssen jetzt (wie man der „Köln . Ztg." schreibt) alle Ortschaften an der Eisenbahn Geißeln stellen, welche stets in den vordersten und daher am meisten gefährdeten Wagen auf jedem Eisenbahnzug mitgeführt werden. Kommen daher ähnliche schändliche Zerstörungen der Bahn wieder vor und verunglückt ein Zug, so sind diese französischen Geißeln stets diejenigen Personen, welche ihr Leben einbüßen.
Bersailles, 13. Oct. Noch erwiedern unsere Artilleristen das Feuer der Vertheidiger von Paris nicht; denn sie meinen, sie hätten für ihr Pulver beffere Verwendung, wenn erst die Musikanten von der Artillerie mit den gewaltigen Bässen der Belagerungsgeschütze die Melodie zu dem letzten Tanze mit den Franzosen ausfpielen. Gestern kam wieder ein Dutzend dieser veritab- len Instrumente zur Umblasung der Mauern des modernen Jericho hier durch; ehe aber das ganze Orchester versammelt ist und der Ober- seldherr den Taktirstock in die Hand nehmen kann, dürften noch 8 bis 14 Tage verstreichen.
(B. Volksz.)
Bersailles, 18. Oct. General Werder meldet: Der vor mir befindliche Feind zog sich bei Annäherung diesseitiger Truppen fluchtartig auf Belsort und mit Bahn auf Dijon zurück. Die Eisenbahn Vesoul-Belfort ist dieffeits unterbrochen. Die vom Terrorismus befreiten Einwohner zeigen sich sehr entgegenkommend. Etwa 500 gefangenen Mobilgarden gelang es, in der Gegend von Chateau-Thierry am 16. H. während eines Angriffs der Franctireurs zu entkommen.
v. Podbielski.
— Ein Auszug aus den Papieren der Tui- lerien konstatirt, daß nach dem 2. Dezember 26,642 Personen verhaftet und von denselben 14,1 l8 deportirt, verbannt oder eingesteckt wurden. Kriegsbericht vom 10. Oct.: sehr lebhaftes Gefecht der Mobilgarden mit dem Feinde in der Ebene von Noisy und Montreuil . Zwei feindliche Kanonen wurden von den Forts demolirt Die Soldaten zeigen im Feuer überall die größte Entschloffenheit.
Tours , 17. Okt. (Fr. I.) Die „France " fordert ganz Frankreich zur Subskription für Sträßburg auf. — Die französische Armee bei Besanyon will sich der Führung Garibalhi's und der anderen Italiener nicht fügen; deshalb hat sich Gambelta dorthin begeben.
Telegraphische Nachrichten.
Berlin , 18. Oct. Die Kreuzz. bestätigt, daß der französ. General Boyrr aus Metz am 14. d.