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John Bull Gradaus über daS Koffuthfieber.
Die Londoner Gemeindebehörde har bekanntlich beschlossen, dem ungarischen Agitator eine Adresse zu überreichen, und ein gewisser Hr. Gilpin war eS, der den Antrag stellte. Der Londoner ..Herold" veröffenilicht nun an diesen Hrn. Gilpin ein pseudonymes Sendschreiben des John Bull Slick (etwa: John Bull Gradaus) voll gesunden Witzes und Menschenverstandes, dessen wesentlichen Inhalt wir als Präservativ gegen etwaige deutsche Kvffuthschwärmerej hier mit- theilen:
,.Hr. Gilpin! Sie haben eine Adresse an K o ssu t h beantragt und durchgesetzt; ich adressire ein paar Worte an Sie. Daß Sie, ein achtbarer Londoner Bürger, Dies ge- than, überrascht mich; aber daß Sie unterstützt wurden, setzt mich in Staunen. Ich glaube nicht, daß Sie wissen, wer dieser Koffuth ist, oder welches feine Grundsätze waren; ich vermuthe wohl, daß Sie die ganze ungarische Frage nicht verstanden oder rückwärts gelesen haben; denn Koffuth, weit entfernt, die Freiheiten oder da» Wohl Ungarns befördert zu haben, war dessen größter Feind, hat es für ganze Men- fchenakter zurückgeworfen. Koffuth ist Socialist . Die Reformer in Ungarn waren eine Klaffe wahrer Patrioten, den großen Szechenyi an der Spitze — keine revolutionären Bramarbasse — sie waren Reformer und Nichts mehr. Aber als diese Ehrenmänner bis zu einem gewissen Punkt gelangt waren, so fanden sie, daß sie ein wildes Roß ritten, das mit ihnen durchging, und Koffuth und seine Socialisten rissen die Gewalt an sich, erklärten Krieg und verloren die Sache Ungarns . Szechenyi, der wahre, ebrenwerthe Regenerator Ungarns , starb an gebrochenem Herzen, als er sein Vaterland in einen mörderischen Bürgerkrieg gestürzt sah. Eitelkeit und Dünkel waren die vorherrschenden Charakterzüge Kvffuth's.
„Wissen Sie, Hr. Gilpin, wie dieser wunderbare Koffuth die Mittel des Kampfes sich verschaffte? Ich will cs Ihnen sagen. Er führte Druckerpreffen mit sich, um Papiergeld in maaßlosem Umfange zu machen. Er schuf Millionen solcher Zettel, und nöthigte alle Ungarn , ihre Güter dafür herzu- geben, bei Strafe des Galgens. Wie ein Londoner Kaufmann, wie Sie, für ein solches System schwärmen kann, begreift ich nicht. Ich gedenke des berühmten 10. April, wo jeder Bürger Londons , der von seiner ehrlichen Arbeit Etwas zu hoffen oder zu beschützen hatte, sich aufmachre, um Leben und Eigenthum gegen die Chartisten und Koffuthisten zu vertheidigen. Wahrscheinlich ließen Sie, der sie Etwas zu verlieren haben, sich damals selbst als Constabel beeidigen.
„Was sagt man jetzt im Ausland zu diesen englischen Narrenstreichen? Man sagt: „Ihr Engländer habt eure Freude daran, euch in fremde Dinge zu mischen; ihr selbst lebt da auf eurer Insel, und die Leute auf dem Cvnkinenre müssen euch ungeschoren lassen; ihr haßt die Revolution in England, aber ihr schürt sie in allen andern Ländern." Und Das ist wahr; aber Das ist auch ein unseliges System, welches die Engländer auf dem Festlande verhaßt macht. So machen's die Leute wie Sie, Hr. Gilpin. Aber cs schmeichelt Ihnen, Ihren Namen gedruckt in den Blättern zu lesen; darin liegk's. Hr. Gilpin, kehren Sie vor Ihrer Thüre und überlassen Sie die fremde Politik Denen, die sie verstehen. Wäre es Koffuth gelungen, Deutschland und Un garn zu revolutioniren, so wären wir aller Wahrscheinlichkeit nach in einen Krieg verwickelt worden. Unsere Narivnal- schuld vom letzten Krieg her wäre um einige Hundert Millionen bereichert worden. Wie hätte Ihnen und Ihren Col- legen im wohlweiftn Gemcinderath Das geschmeckt? Es ist Dies ein. Punkt, den sie überlegen sollten, ehe Sie lange Reden machen.
„Und noch Eins, Hr. Gilpin! lassen Sie sich sagen ober das Elend, in welches ein solches Benehmen die armen Tropft stürzt, die von englischen Wühlern sich gängeln lassen.
Da war vor Kurzem noch ein sehr bekannte- Haus, .Holland-Haus genannt, nahe bei Kensington . Da wohnten Wühler ersten Rangs; sie zettelten Revolutionen an in allen Theilen der Welk, insbesondere in Italien und Spanien ; ihre betrogenen Werkzeuge erhoben die Waffen, wurden besiegt, bingerichtet, eingekerkert. Sie verfluchten den Augenblick, wo sie den abgeschmackten Lehren des Holland -Hauses Gehör gelfthen; aber während diese „Patrioten" so im Unglück saßen, da saßen die Freibürger vom Holland-Haus ruhig und sicher in Kensington , schwelgten in den Leckerbissen der Jahreszeit, und dachten nicht des Looses ihrer Schlacht- opftr, die in Ketten an trockener Rinde nagten. Bitterlich fluchten sie Holland -Haus und Cons. Sydney Smith sagte: „Die dicke Herrin dieses Hauses war solch eine Masse von Revolution, daß, wenn der Lordmayor ihr die Ausruhracte hätte verlesen lassen, sie plötzlich — auseinander gegangen wäre." Hr. Gilpin, Sie sind ein wohlbeleibter Herr; es könnte Ihnen ein Gleiches pasflren.
„Und nun ein Wort von Oesterreich . Lesen Sie die Geschichte des französischen Revolurionskriegs von 1793 bis 1815. Oesterreich war der Feind Robespierre's und Napv- leon's; Oesterreich war Englands Bundesgenosse in der Sache wahrer Freiheit gegen die Revolution. Oesterreich rettete durch die Kriegserklärung von 1809 eine brittische Armee in Spanien . Und bas ist die Regierung, welche die HH. Gilpinö heute tadeln, Englands alten Alliirten, das große Bollwerk des Continenrs gegen die gewaltige Macht von Englands größtem Feind — und dieses Bollwerk will der G i l p i n i s m u s zerstören! Diejenigen, welche in Un garn ein Sigenthum besitzen, und ihm wohl wollen und heilsame Verbesserungen (nicht Revolution) wünschen, werden Ihnen, Hr. Gilpin, und dem stolzen Maire von Southamp ton mit seinem Penny-Phaeton, schwerlich danken; glauben Sie mir, Sie Beide tdäten besser, die Nase in Ihre eigenen Geschäfte zu stecken. Die Fonds stehen jetzt auf 96 ; wenn Koffuth, Mazzini, O'Connor und O'Brien gesiegt hätten, so stünden Sie auf Null, Hr. Gilpin. Der Gemeinderath von London hat viele Feinde; nur die Conservariven sind seine Freunde. Möge dieser letzte Narrenstreich das Band der Freundschaft nicht zerrissen haben. Hr. Anderton har Euch gewarnt; Ihr beharrtet, und ich kann nur hoffen, daß die Folgen mehr vorübergehend, als verhängnißvoll sein werden. Zhr gehorsamer Diener, Hr. Gilpin." (K. Z.)
Ein unbekanntes Thier.
Ich bin, so erzählt ein Russe, in Krementschug, einem Städtchen am Dniepr , geboren, welches unter andern auch ein kleines naturhistorisches Museum besitzt, das heißt einige Wölfe von seltener Größe, versteht sich ausgestopfte, ein Elenthier, einige Mammuthknochen, einheimische Vögel, ein Paar Zobel und einige Erzstufen. Hinter den halb verblichenen Scheiben eines Wandschrankes bewundert man, in Spiritus gesetzt, in einem Glasgefäß ein scorpionaniges Thier von ungewöhnlicher Größe, dessen Hintertheil stachelartig zuläuft; auf dem Glas liest man die Aufschrift: ein unbekanntes Thier! Auf meine neugierige Frage, wie diese« Thier hieher komme, erzählte uns der Führer Folgendes- Auf dem alten Rlttersitz, welcher dort aus der Anhöhe am Dniepr liegt und ,etzt herrenlos in Ruinen zerfällt, lebte vor langer, langer Zeit ein ebenso liebenswürdiger, als gastfreier Edelmann. Die weiten Räume seines Herrenschloffes reichten nicht hi» zur Aufnahme Derer, die der Ruf der Gutmüthigkeit.des EigenrbümerS herbeilockte. Da geschah es, daß eines Tages nach einer durchschwärmten Nacht beim Frühstück einer der Gäste fehlte. Da dies sehr häusig sich ereignete, so zog die Gesellschaft, um den vermeinten Langschläfer nicht zu stören, ohne diesen zur Jagd hinaus. Als aber der Fehlende auch bei der Mittagstafel nicht erschien, da zogen die lustigen Kumpane, die Humpen in den Händen,