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Badener Tagblatt

Mittwoch'. den 12. September 1945

•tnai eigenen Verwaltung, einer eigenen Re­gie rung flbexkiMen?

Es ist allzu evident, daß sich ein Volk vom Scheine hinreißen läßt. Man braucht es nur su verstehen, die Endziele eines Programms als idealistische hinzustellen, um eine Beru- higung der Masse hervorzurufen und ihre Aufmerksamkeit von den tatsächlichen Hand­lungen ablenken. Wer mit solchen Fiktionen arbeitet, hat gewonnenes Spiel, solange ein gewichtiger Teil des Volkes träge abseits steht und nicht dazu zu bringen ist, politisch Su denken und verstehen zu lernen. Die Er­ziehung zum politischen Denken ist eine Auf­gabe, der wir uns unterziehen müssen, denn wir können an den gegenwärtigen Ereignis­sen ablesen, dgß von dem Erfolg solcher Bemühungen unser künftiges Schicksal als Volk nicht nur, sondern als Nation abhängt. Die Überwindung der Fiktion ist das, was von uns gefordert wird, die saubere und end­gültige Liquidierung des Vergangenen. Das aber ist eine Erziehungsfrage, denn die For­derung wird an jeden Einzelnen gestellt und führt zu jenem ethischen Endziel, wo es gilt, sich selbst zu überwinden.

Dprt wo sich heute oder morgen wieder Parteien bilden, wird man um diese grund­sätzlichen Erkenntnisse nicht herum kommen. Das politische Denken muß gepflegt, das po­litische Gewisen geweckt werden. An die Stelle grundsätzlichen Gehorsams darf die freiwillige ünterordnug treten, die Unterwer­fung der Überzeugten, der Gewonnenen, nicht aber der durch Furcht und Gewalt Gezwun­genen. An die Stelle der nur organisatori­schen Erfassung darf die geistige Be­zwingung der Masse treten, so daß ein jeder weiß, wozu man ihn ruft. Teilhaben an der Politik ist zugleich Forderung und Abhilfe, wenn es darum geht, das deutsche Volk wieder an jene Stelle zu setzen, die ihm un­zweifelhaft gebührt, und von dem Abgrund wegzureißen, in dem es zum .Teil noch schwan­kend steht Die Öffentlichkeit politischen Ge­schehens spielt dabei ihre bedeutende Rolle, denn sie ist geeignet, Mißtrauen zu beseiti- tigen und auch in der Form der Pressefrei­heit, die uns durch die Beschlüsse der Pots-

Wiedereröffnung der Universität Marburg

Frankfurt a. M. — Nach der Heidelberger wurde auch die Marburger Universität als zweite in Deutschland am 10. September wieder eröff­net Der Anfarv? wird in Marburg mit einem Aufifrischungakuns für 17S junge deutsche Aerzte gemacht wenden.

Französische Besatpingstruppe wird verringert

Parts. — Wie der französische Kriegsmlnl- Stei Diethehn in einer Pressekonferenz be­kanntgab, werden die in Deutschland stehen­den Truppen auf 350 000 Mann herabgesetzt.

Neue Rheinbrücken

Köln . Eine neue Stahl-Hängebrücke über den Rhein soll an Stelle der völlig zerstörten Ho- henzollembrücke gebaut werden. Die Brücken tu Arnheim , Wesel und Xanten sind verstärkt und gegen Treibeis gesichert worden.

Weiter» Verhaftungen

München. * — Im Laufe der vergangenen Woche wurden zahlreiche Nazis in München festgenom- men. Unter ihnen befinden sich Julius Trol von der Gestapo , Wilhelm Gutbrod , ehemaliger MIHtängouverneur in Polen , Taseo Frei, Be­fehlshaber der SS im Lager Buchenwald und ehemaliger Kreisleiter von Wien , sowie Frie­drich Bemsold, Generalleutnant der Polizei.

Herstellung von Haushaltungsgegenständen

Bad Nauheim . — Die Fabriken des Wesertals, die noch vor einigen Monaten für die Luftwaffe arbeiteten, werden in allernächster Zeit Haus- haltungsgegenstände h erstellen. Trotzdem diese Fabriken stark beschädigt wurden, sind sie in der Lage, mit'den noch vorhandenen Maschinen Serienarbeit an lehrten.

damei Konferenz zugesichert wird, aufklärend und erziehend zu. wirken. Nicht nur die Pres­se- und Redefreiheit wird in den Endverlaut­barungen der Potsdamer Konferenz dem deut­schen Volke zugesichert, sondern auch die Möglichkeit, sich vorzubereiten, »ein Leben auf einer demokratischen Grundlage wieder aufzubauen. Die regionale Entfaltung des Verwaltungswesens soll besonders unter­stützt werden, und da und dort tauchen ln Rundfunk und Presse bereits die ersten Er­klärungen der höchsten alliierten Stellen auf, des Inhalts, daß die Deutschen lernen müß­ten, sich selbst zu regieren.

Es ist also bereits ein sichtbarer Weg, der gewiesen -wird und der beschriften werden muß. Es ist an uns, die Fingerzeige richtig zu deuten und die Situation so zu erfassen, wie sie wirklich ist. Dazu ist aber Voraussetzung, daß alle die blassen Gespenster, die nichts

hören und sehen vollen, endlich zu blutvollem Leben erwachen, sich ihrer Mitverantwor­tung bewußt werden, den Ballast Ihrer soge­nannten Erfahrungen abschütteln, mit dem sie -vöx der Geschichte blamiert sind, und der je­denfalls verhindert, daß sie ganz frei, ganz unbelastet den neuen Dingen zu Leibe rücken. Dazu gehört, daß offen und öffentlich gehan­delt und diskutiert. wird, und daß mit der voranschreitenden Vernichtung aller politi­schen Heuchelei auch endlich die Furcht in jeglicher Gestalt gebannt und verlacht wird, die die Menschen mißtrauisch und die Völker zu gegenseitigen Feinden macht. Dazu ge­hört aber auch, daß aus dem angeblich .fer­tigen* Bürgertum ein Bürgertum geistiger und politischer Kultur ersteht, das Imstande ist, die neuen Verantwortungen zu begreifen und zu tragen.

De. Wlngenroth

AUS ALLER WELT

Japan verheimlicht Kriegsverluate London . — Die von Japan bekanntgegebene Zahl von 810 000 Toten, die angeblich die Ge- eamtverluete Japans während des Krieges dar- •teilen sollen, wind in London als lächerlich be­zeichnet Gut informierte Kreise schätzen «e tatsächlichen Verluste Japans auf 1500 000, Mann. Die von Japan angegebene Zahl ent­spricht kaum der Hälfte der japanischen Ver­luste, die die Alliierten allein im Feldzug auf den Philippinen festgesteilt haben. Außerdem verloren die Japaner in Burma und auf Okinawa 426 000 Mann und 120 000 weitere auf den übri­gen Paziifikinseln. Hinzu kommen die Verluste Mi acht Jahren Ghinakriag, sowie diejenigen der Mandschurei bei den letzten Kämpfen ge­gen die Russen.

Kriegsverbrecher Pfitzner hingeriehtet Prag . — Josef Pfitzner , etellv. Bürgermeister der Stadt Prag vom 1939 bis 1948, wurde als Kriegsverbrecher zum Tode verurteilt und hm- gerichtet.

Leopold III. kann sieh in der Schweiz nieder- lassen

Bern . — Der Bundesrat und die Genfer Re­gierung haben ähr Einverständnis zu einem pro­visorischen Aufenthalt König Leopolds und sei­ner Familie in der Nähe von Genf gegeben. Die belgische Regierung hat keinen Einspruch dage­gen erhoben.

Nene belgische Arme»

Brüssel . — Im Verlauf einer Pressekonferenz sprach ein Offizier des Verteidigungsministers über die Reorganisation der belgischen - Armee, die nicht mehr als 75 000 Mann umfassen werde. Belgien wird am der Besetzung Deutschland » wahrscheinlich bereite Ende dieses Jahres teil­nehmen. Die Beeatzungstruppen werden 50 000 Maim umfassen.

* Notlage In Ungarn

London . — Der ungarische Premierminister Bela Miklos gewährte dem Korrespondenten von „News Chronicle“ ein Interview. Nach diesem beabsichtigt er, bis in 23i Monaten allgemeine Wahlen durchzuführen. Auch ent­warf er ein sehr düsteres Bild von der au­genblicklichen Lage in Ungarn . „Unsere Fa­briken und Maschinen“, sagte er, „haben un­ter den Kriegseinwirkungen und Plünde^un- en stark gelitten. Unsere Produktionskapazität eträgt nur ,noch 21 % gegenüber der Vor. kriegszeit. 70 °/o der Industriearbeiter sind ar­beitslos. Der Transport liegt fast ganz danie­der, denn Ungarn hat kaum noch 5 "/» seines rollenden Materials der Vorkriegszeit, Auch die Landwirtschaft hat sehr gelitten. Die Vieh­bestände sind um 75 •/• vermindert.

USA und Bulgarien

London . — Reuter meldet aus Sofia , 'daß der olitische Vertreter der Vereinigten Staaten ia ulgarien dem bulgarischen Ministerpräsiden­ten eine Note überreicht, worin die bulgari­sche Regierung zu ihrem Beschluß, die Wah­len zu vertagen, beglückwünscht wird. In der Note wird die Erwartung ausgesprochen, daß die künftige, aus den Wahlen hervorgehend« Regierung wirklich repräsentativ sein wird.

Verstaatlichung der tschechoslowakischen Industrie

Prag . — 73 Prozent der tschechoslowakischen Schwerindustrie werden im September ver­staatlicht werden, erklärte Industrieminister Lausman. Nachher sollen auch die Banken verstaatlicht werden. Die bisherigen Eigen­tümer der verstaatlichten Betriebe erhalten innerhalb sechs Monate eine Entschädigung und zwar auf der Grundlage des Handelswer­tes der Betriebe, vom 29. September 1938. Fc^-

g ende Industriezweige weraen verstaatlicht:

ergwerke, Elektrizitätswerke, Gaswerke, Ei­senhütten, Hochöfen, Gießereien, — sofern sie mehr als 40 Arbeiter beschäftigen —, Maschi­nenfabriken, Kunstdüngerfabriken Kautschuk­ersatzfabriken und Oelraffinerien.

Pastor Niemöller über die Zukunft Deutschlands

Frankfurt. — Pastor Niemüller erklärte ei­nem Vertreter de* United Preß,

dl® deutsdhe Kirche müsse von jetzt an als Treuhänder der nationalen Politik Deutschlands fungieren, um der Bevölker­ung die Menschenrechte dauernd zu si­chern und zu verhindern, daß der Natio­nalsozialismus oder eine ähnliche totali­täre Weltanschauung sich noch einmal durchsetzt.

Weiter erklärt Niemöller, er sei für eine star­ke, konstante demokratische Exekutive, die von einer demokratischen Legislative unter- stüfct werde. Die für Deutschland geeignete demokratische Staatsform sei bisher noch nicht gefunden worden. In der Demokratie, die Deutschland braucht, muß es als korre­spondierende Gewalt zu der Verantwortung des Volkes eine starke Präsident­schaft geben, die nicht durch eine zeitwei­lige Mehrheit umgestoßen werden kann. Wei­ter schlug Niemöller vor, die deutsche Kirche solle sich zwar nicht an der Regierung be­teiligen, aber doch ihren moralischen

Aus der Wirtschaft

Automobilwerke Fallersleben arbeiten wieder Herford . — Die Alliierte KanfaroLlkommiseion hat veranlaßt, daß die Automobilwerke « Fal­ lersleben , die den Volkswagen heretellen sollten, ihren Betrieb wieder aufnehmen. Die emgegan- genen Aufträge belaufen sieh auf 20 000. — Bis Ende dieses Jahres werden wahrscheinlich 4000 Wagen hergestellt sein. Sie werden an deutsche Aerate und Personen in lebenswichtigen Betrie­ben geliefert.

Eisenbahnwaggons für Kohlentransporte Krefeld . — Drei bedeutende Waggonfabriken in der britischen Besatzungszone stellen Wag­gons für den Kohlentransport vom Ruhrgebiet nach allen Teilen Deutschlands hef.

Aethiopien gewährt Ausdeutung der Oel - Vorkommen

Nenyork. — Abessinien hat der amerikani­ schen Gesellschaft ,,The Sinclair oil Corporation“ für 50 Jahre das ausschließliche Recht zur Aus-, beutung des Petroleum-Vorkommen erteilt.

Ende der Rationierung In den USA Nenyork. — Der Direktor der Preiskontrolle hat den Kongreß davon in Kenntnis gesetzt, daß die Mehrzahl der Rationierungsmaßnahmen wahr­scheinlich noch ln diesem Jahre aufgehoben wird. Die Preis- und Mietkontrolle werde jedoch weiter bestehen, bis die- Lnflationsgefahr ver­schwunden sei,

Plpe-Ltnle am Panama-Kanal Nenyork

. — Das Marineamt teil# mit, daß es zum Teil den Bau einer doppelten Pipe-Linie über den Isthmus von Panama zur Sicherstel-

Elnfluß auf die^ wichtigen Entscheidungen ausüben. Über die

Umerziehung der Hitler-Jugend

befragt, bemerkte Niemöller: .Die jungen Leute, die in Deutschland die letzten Monate des Krieges mitmachten, sind vom National­sozialismus geheilt, weil sie alle diese Vor­gänge selbst mit ansehen mußten. Anders verhält es sich mit den Kriegsgefangenen. Für sie ist die Lage viel schwieriger, weil sie aus Ehrengründen keine andere Alternative sehen und sich krampfhaft an den National­sozialismus klammern. Auch sie werden je­doch auf andere Gedanken kommen, wenn sie zurückkehren und sehen, was das Volk durchmachen mußte. Allerdings hat sich der Keim des Nationalsozialismus so weit entfaltet, daß es wohl niemals mehr möglich sein wird, ihn vollständig auszurot­ten. Das Hauptproblem wird es daher sein, Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen, die die Chancen für eine Rückkehr des Natio­nalsozialismus auf ein Minimum herabsetzen

lung des Brennstoff« für die amerikanische Ma­rine des Stillen Ozeans fertiggeetellt hat. Ob­wohl sie nicht fertig war, hat sie schon wäh­rend des Krieges sehr große Dienste geleistet. Die Herstellungskosten betragen zwanzig Mil­lionen Dollar.

Die Weizenfrage In Kanada

Ottawa . — Wie verlautet steht Kanada zum ersten Mal seit 20 Jahren vor einem Weizen­problem. Die Weizenprodnktiom wird nicht aus­reichend sein, um den Gesuchen aller Länder gerecht zu werden. Die schon eingegangenen Verpflichtungen werde* erfüllt, jedoch kann Kanada gegenwärtig keine neuen Bestellungen entgegennehmen.

Neue Agrarreform In Sachsen

Dresden . — Des Präsident der Sächsischen Landesregierung, Dr. Huebele hat ein Dekret un­terzeichnet das die Zerstückelung der Güter über 100 ha und die Einziehung der Ländereien, die Kriegsverbrechern und notorischen Nazis gehö­ren, Vorsicht. Diese Güter werden' mit je fünf Hektar für die Interessenten verteilt Sie blei­ben während der Dauer der Abzahlung steuer­frei und die Besitzer, die frei Über das Land verfügen können, sind nur verpflichtet, vor Jah- reeschliuß mindestens 10 */« des Kaufpreises zu zahlen.

. Rekordgetreideernte in USA

Washington . — Wie das amerikanische Land- wirtechafteminieteriuim mitteilt, rechnet man dies« Jahr mit einer reichen Getreideernte, na­mentlich für Weizen und Hafer scheint eine Re­kordernte bevorzusteheni

luuiwimnimiiiinHiiiiiiiiiiiiMiiiminiiiinmiiHHmiimmiiiiiiiiminniiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiiiii'iiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiimiiiiNiiiiiHiiii iiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiMiiiiiiiiiiiiiiumiiiiiiiuiiiiiiiiiiiiiiiiuiiiiiiiiiiiiiiuiiiiiiiimiiiiiiiiiiitiiiiiiiiiiiiiiuimiiiiiiiiMiiiiuiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimmB

TEINIDIHIÄL / Von Otto Flake

im März 1842 brach Henri B e y 1 e , französi­scher Konsul in Civitavechia, der sich als Verfasser einiger nicht sehr gelesener Bücher de Stendhal nannte, in'Paris auf der Straße zusammen und starb am folgenden Tag.

Die Beisetzung fand auf dem Friedhof von Montmartre statt. Dem Sarg folgten nur sein Vette,r Romain Colomb und Prosper M4rim4e. Familie Unterließ er nicht, und di^ Verstei­gerung seiner Habe ergab weniger als vier­tausend Franken. Damit schienen die Akten über ein- Leben von nicht ganz sechzig Jahren sich, zu schließen.

Wohl hatte Stendhal gehofft, daß man ihn um 1880 oder 1900 lesen werde, aber sicher war er seiner Sache nicht. Sein Stil entbehr­te des Pathos, das damals als poetisch galt und seine Ideen waren monomanisch; den Parisern sprach er nur Eitelkeit zu, den Fran­zosen gar die Fähigkeit zur Leidenschaft ab, Und sein Grabstein trug eine italienische In­schrift, durch die er sich als Mailänder, das heißt Außenseiter seiner Nation, ausgab.

Cplomb war der Verwalter des literarischen. Nachlasses. Es gelang ihm, einen Verleger für die erste Gesamtausgabe zu finden. • Weit entfernt, dieser Bezeichnung zu entsprechen, umfaßte sie immerhin 18 Bändchen, die 1854 bis 1855 mit einem Vorwort von M4rim4e in Paris erschienen. Damit begann eine Revision des Urteils, die innerhalb zweier Generatio­nen zu einer erstaunlichen Umwertung führte. '

Am Anfang stand Tains, der seine Milieu­theorie bei Stendhal vörgebildet fand, und am Ende Bourget, der Stendhal zum Klassiker der psychologischen Schule machte. Zola pahm ihn für den Naturalismus in Anspruch, die Neuromäntiker wiederum für das Erst­geburtsrecht des Gefühls, der Leidenschaft und des unbürgerlichen. Individualismus: der Januskopf Stendhals prägte seine beiden Profile aus.

Im deutschen Sprachbereich schätzte ihn Jakob Burckhardt und fand Nietzsche die ent­scheidenden Worte. Aber erst als das auto­

biographische Material ans Lieht kam, er­kannte man, was Stendhal Ist: ein großer Subjektiver. Aller Reiz geht von der Persön­lichkeit aus, das Werk verweist auf die Ge­stalt des Schöpfers, auf eine einprägsame geistige Haltung.

Den ersten eindringlichen Essai über Stendhal schrieb bei uns Wilhelm Weigand 1903 und 1911." Als Übersetzer betätigten sich vor allem Arthur Schurig (Inselverlag) und -Friedrich von Oppeln-Bronikowski (Propyläen- verlag ). 1913 begann bei Champion in Paris die große Gesamtausgabe.

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Stendhals Leben gliedert sich ungezwungen in vier Abschnitte. Der erste umfaßt die Ju­gend, von 1783 bis 1799. Der zweite reicht bis zum Sturz Napoleons , dem er zuerst als .Dra­gonerleutnant, später als Armeebeamter dient. Im dritten Abschnitt, 1815 bis 1830, ist Stendhal Privatmann, der mit einer beschei­denen Pension teils in Italien , teils im Paris der Restauration lebt. Nach der Julirevolution machte man ihn zum Konsul in Italien ; von diesen zwölf Jahren verbrachte er einige auf Urlaub in Paris .

Die Geschichte des ersten Abschnitts (1890 veröffentlicht) hat er selbst geschrieben, als Rückblick aut .Das Leben des Henri Brulard*: er liebte Decknamen und trieb einen ver­schwenderischen Gebrauch damit. Diese Au­tobiographie ist eine Fundgrube für Psycho­analytiker. Wie immer trifft eine mitgegebene Grundlage, ein Naturell oder Temperament, mit Zeitumständen und Milieu zusammen. Der Auseinandersetzung, dem Druck der Kompo­nenten, entsteigt die Lebenskurve, das sich formende Schicksal.

Das Naturell ist das des Künstlers — reiz­bar, empfänglich, weiblich, sensitiv. Der Fall liegt ähnlich wie bei Goethe. Auch Stendhal gehörte zu den Juristensöhnen, die Familie zum Patriziat von Grenoble , der Hauptstadt des Daup’'-4. Gre cble hatte ei­nen souveränen P--‘ ' ■'{, d 3 Parlament.

An ihm wirkte der Vater als Advokat« die

Parlamentsrobe rechnete sich zum AdeL

Der Knabe hat eine intensive Bindung an die Mutter, die er mit sieben Jahren verliert. Der Vaterhaß, der ihn sein Leben lang beglei­ten wird, verbindet sich mit der Auflehnung gegen die Strenge, die ihn von andern Kin­dern fernhält. Den Royalismus der Familie beantwortet er durch republikanische Gesin­nung, den Klerikalismus durch antikirchliche.

Diese Reaktionen des Zehnjährigen sind so entschieden, daß man von nachträglichen Zu­rechtlegungen gesprochen hat. Aber in die­ser weichen Natur sitzt ein unzerstörbarer Kern, der die Ichenergie birgt. Es macht Stendhal in keinem Alter etwas aus, völlig anders zu sein, als die herrschenden Ideen es verlangen. So wird er alle seine jungen Leute gestalten: reif» hat er nie zum Helden gewählt.

Traumatische Spuren fehlen nicht, aber von einem Riß in der Seelensubstanz kann keine Rede sein. Sein Ehrgeiz ist schwach, sein Ichgefühl stark entwickelt: aus solcher Anlage entstehn nicht, die Streber, sondern die Individualisten.

3 *

Die Ichenergie tritt bei Stendhal nicht bös­artig, scharf, schroff, "schneidend auf, sondern mit nachtwandlerischer Sicherheit und naiv. Zwar verurteilt ihn der Mangel an Berech­nung ln späteren Jahren mehr und mehr zur Einsamkeit, aber im Grunde ist er ein lie­benswürdiger, sozialer Mensch, der Men­schennähe sucht. Und darin wenigstens wirkt er nicht nordisch, sondern romanisch, mittel­meerländisch —, »in Mozartliebhaber, der an Beethoven vorübergeht.

Der Mann also, der zum Ahnherrn der son­dierenden Psychologie, der Selbstkontrolle, der Bewußtheit werden wird, besitzt eine in­stinkthafte, einfache Natur. Nicht zufällig glaubt er an eine Überlieferung, wonach sei­ne Vorfahren mütterlicherseits Italiener gewe­sen seien — Italiener des Barock mit einem spanischen Einschlag, von der Lebensfreude zum Verstiegenen ist auch nur ein Schritt.

Er kommt mit einem Minimum von Grund- ideen gys« dm St S&eiftSÜs btzf Helvötiue, an­

dererseits bei Rousseau findet. H&lv4tius lehrt den nicht ungefährlichen Sensualismus, dem in gerader Linie der ödeste Materialismus entsprang. Der Mensch ist hier kein metaphy­sisches Geschöpf, er gehorcht seihen Rei­zungen und sucht den Genuß. So dachte auch Stendhal aber auf eine delikate und char­mante Art. Eine gute Fee hatte ihm Natur mit­gegeben, Natur im Rousseauschen Sinn. Die Zivilisation bringt nur Eitelkeit, Galanterie, Oberflächlichkeit hervor, die Natur aber ver­weist auf die Tiefe des Gefühls, auf den Mut zur Leidenschaft.

Wie Rousseau nun spielt Stendhal zeitle­bens die Leidenschaft gegen die Galanterie aus, glaubt aber keinen Augenblick, wie der Genfer , daß der aufgeklärte Mensch je bes­ser wird und die Defekte des Gesellschafts- Zustandes hinweglegt. Stendhal glaubt nicht an das Glück durch Umkehren und Reformen, er bleibt Realist. Nur der Einzelne, der den Instinkt für das Richtige besitzt, kann für sei­ne Person Glück anstreben, im übrigen über­läßt er die Welt ihrem Lauf.

Stendhal belehrt also nicht. Er gibt nur dem etwas, der ihn erfaßt. Zur Rede gestellt, würde der kleine und früh schon dickliche Mann mit größter Höflichkeit geantwortet haben: Bitte, streiten wir nicht, machen Sie es wie ich, er­leben Sie sich, dazu sind wir da.

Zuerst und immer wieder will er fühlen. Danach sammelt er Einsichten in die Natur des Menschen. Er wird nicht müde, das selt­same, das verschrobene, das groteske Gebil­de zu studieren, und so gehören zum B e y- lismus oder Egotismus sowohl die For­derung, , die Empfindungen zu genießen, als auch die, sie in Erkenntnisse zu verwandeln, ln einen Schatz der selbsterworbenen Ein­sichten.

Das ist eine enge, aber sichere Basis; wie ein antiker Mensch kommt er mit Epikur und Zeno, mit Philosophien der Praxis aus. Wäre Stendhal ein armer Teufel gewesen, so hätte er sich an der Welt, die das Ich nicht liebt, wund gestoßen. Den jungen Mann von Fami­lie hoben die Beziehungen über die lauern­den Gefahren hinweg.

V {Schluß folgt)