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Badener Tagbio«

Samstag, des l Februar 1S<9

Derthold von Deimling /

Ein General, der Friedensreden hält und ge­gen den Krieg und die bewaffnete Auseinan­dersetzung Stellung nimmt, war nach dem er­sten Weltkrieg eine außergewöhliche Erschei­nung, die die Gemüter von links bis rechts ln Erregung versetzte.

General von Deimling, der Anfang Februar 1944 im Alter von last 91 Jahren in Baden- Baden gestorben ist, stand Jahrelang im Mittelpunkt gehässiger Fehden. Von seinen Berufskameraden wurde ihm be­scheinigt, daß sein Kompromißfrieden, mit dem er den Hereroaufstand beendigte, eines preußischen Offiziers, auch wenn er aus Karls­ ruhe stammt (wo man aus Tradition schon immer demokratisch war), nicht würdig sei.

Heute glauben wir zu wissen, daß Deimlings [Wesens- und Sinnesänderung auf seine Erleb­nisse während des Kampfes in Südafrika zu­rückzuführen ist. Bestärkt in diesen seinen langsam der Veränderung unterworfenen Grundanschauungen wurde er durch Verlauf und Ausgang des ersten Weltkrieges, wo es sich erwies, daß alle kommenden Kriege die Gefahr der totalen Vernichtung von Völkern und Rassen heraufbeschwören würden.

„ Man hat vielfach die Meinung gehört, Deim­ling habe sich aus Enttäuschung, vielleicht auch Ressentiment oder persönlichem Gel- * tungsbedürinis der Demokratie zugewendet.

Der bitter kalte Wind, der durch die Pariser Straßen wehte, konnte die Schauspieler der „Comödie Francaise' nicht davon abhalten, sich vollzählig auf dem Friedhof Pöre Lachaise einzufinden. Sie versammelten sich am Grab­mal Moliöres und schmückten es mit Blu­men. Yonnel, der repräsentativste der Schau­spielertruppe trug die Verse la Fontaines vor, die dieser anläßlich des Todes seines intim­sten Freundes, des bedeutendsten französi­ schen Lustspieldichters verfaßt, hat. Die Feier zu Ehren des 324. Geburtstags Moliöres war schlicht und einfach, aber sie gehört zu den unumstößlichen Traditionen des „Thöütre Francais', auch „Comödie Francaise* ge­nannt, und wiederholt sich ln ähnlicher Form jedes Jahr.

Möllere hat es verdient, daß Frankreich und die Welt seiner nicht nur bei solchen Anlässen gedenken. Er war ein großer Dramatiker und Schauspieler und man betrachtet ihn mit Recht als den Begründer der „Comödie Francaise".

E Bis zur letzten Stunde widmete er sich seiner Kunst und starb auf den Brettern wie der Sol­dat auf dem Kampfplatz.

Am 10. Februar 1673 gelangte sein letztes Werk „Der eingebildete Kranke " zur Erstaufführung. Moliöre, der wirklich lei­dend war, hatte die Titelrolle übernommen. Die Aufgabe war überaus anstrengend, denn Argon ist fast immer auf der Bühne. Am Tag der vierten Vorstellung fühlte er sich beson­ders schwach. Seine Freunde beschworen ihn, •r möge nicht spielen und sich etwas Ruhe gönnen.

„Wie kann ich das", antwortete er ihnen, „wir haben SO Arbeiter, die von ihrem Taglohn leben. Was sollen sie tun, wenn nicht gespielt wird? Ich würde mir einen Vorwurf machen, wenn ich sie an eipem einzigen Tag um ihr Brot brächte, solange ich noch Kraft habe, es ihnen zu bieten."

Die Vorführung wurde auf eine frühere Stunde festgesetzt. Auf offener Bühne hatte Moliöre einen heftigen Hustenanfall, der in einen Brustkrampf ausartete, das Publikum hielt die Szene für besonders gelungen und klatschte rasend Beifall. Es gelang Moliöre seine.Rolle zu Ende spielen, aber er fühlte sich sehr krank. Er klagte über Frost und seine Hände waren eisig, ln einer Sänfte wurde er nach Hause getragen, wo er sich sofort zu . Bett legte. Um 10 Uhr packte ihn ein furchtba-

3um 2inöcnfrn an hm basischen "SAmpfer

für Frieden und Völkerverständigung

Wohl war Deimling vorzeitig entlassen wor­den. Wohl mag er an einen weiteren Aufstieg gedacht haben, als Unstimmigkeiten mit der Obersten Heeresleitung seine Entlassung durch den Kaiser zwar in allen Ehren, aber doch auch halb in Ungnaden herbeiführten. Mit dem höchsten Orden, dem Pour le mörite, ausgezeichnet, in den Adelsstand erhoben, als soldatische Erscheinung untadelig, ja straff, bekannt durch äußere Strenge und mensch­liche Gesinnung, verwundet in zwei Kriegen, steht der Mensch, Politiker und General vor uns, in seinen wesentlichen Charakterzügen überschaubar, wenn auch sein Wandel vom General zum Pazifisten nicht völlig erhellt werden kann.

Deimling war ein Friedens-Freund, ein über­zeugter Demokrat und ein Mann des Aus­gleichs, der Verständigung auf internationaler Basis.

Heute müssen wir — leider posthum — Ge­neral von Deimling zu denen zählen, die ge­gen alle Anfeindungen und gehässigen An­griffe recht behalten haben. Gelassen und überlegen, blieb er der schlichte Mann, der er war, von dem Glauben beseelt, daß seine Zeit kommen werde. Sie ist gekommen und wurde vom deutschen Volke teuer bezahlt 1 — u —

rer Husten, auf den ein Blutsturz folgte. Er bat seinen Pflegesohn, den Schauspieler Ba­ ron , seine Frau herbeizurufen, die sich in ei­nem anderen Teil der Wohnung befand. Zwei Nonnen weilten am Lager des Kranken und waren die einzigen Zeugen seines Abschieds vom Leben. Gattin und Pflegesohn kamen zu spät.

Yonnel hätte am Grabe Moliöres auch ande­re Verse, die anläßlich des Todes des Dich-

Wflhelm Furtwängler, dessen Künstler­tum über jeden Zweifel erhaben ist und des­sen charaktervolle Menschlichkeit in den ver­gangenen 12 Jahren von Mund zu Mund rüh­mend genannt wurde, soll nach einer UP-Mel- dung in der Zeitung „Stars and Stripes' auf seinen alten Platz als Dirigent der Berliner Philharmoniker 'zurückkehren.

Die frühere Nadmcht, wonach Furtwängler von der Schweiz nach Österreich ausgewiesen werden sollte, scheint auf einem Irrtum oder einer Falschmeldung zu beruhen.

Die Musikfreunde in Deutschland dürften einmütig erfreut sein, zu hören, daß mit der Möglichkeit der Rückkehr des großen Dirigen­ten von internationalem Rang zu rechnen ist.

Es ist kurz nach dem Zusammenbruch Deutschlands viel Ungereimtes über Furt- wänglers angebliche Haltung berichtet und geschrieben worden. Jetzt hört man, wie gro­ße ausländische Künstler für Furtwängler ein- treten und seine unerschrockene Haltung ge­rade den Machthabern des untergegangenen Systems gegenüber hervorheben.

Der berühmte amerikanische Geiger Y e h u- di Menuhin war einer der ersten, der öf­fentlich für den großen deutschen Dirigenten eintrat.

Soeben veröffentlicht der weltberühmte pol­nische Geiger Bronislav Huberman ei­nen Brief, den er 1933 an Furtwängler ge­schrieben hat und worin et die verständnis­volle und tapfere Haltung Furtwänglers aner­kennt, wenn er auch die an ihn ergangene Einladung, in Deutschland zu gastieren, ab­lehnen mußte mit Rücksicht auf die Diffamie­rung, die seinen jüdischen Glaubensgenossen gegenüber von Staats wegen betrieben wurde.

Furtwängler hatte u. a. geschrieben: „Jeder

ters geschrieben wurden, vortragen können, jene die von Boileau stammen und die wie ein ewiger Vorwurf klingen:

„Bevor wir, und nach vielen Bitten nur,

Moliöre in seinem Grab geborgen hatten.. .*

Diese bitteren Worte stehen in einem Brief Boileaus an Racine, beide intime Freunde Moliöres. In der Tat verband Moliöre, Boileau , Racine und la Fontaine eine Dichterfreund­schaft, wie sie nur ganz selten Vorkommen dürfte. Boileau spielt in den Versen auf die unerfreulichen Vorkommnisse an, die der Be­stattung Moliöres vorangingen. Ein Schau­spieler hatte kein P»icht auf ein kirchliches Be­gräbnis, es sei denn, er habe vor seinem Tode in Anwesenheit eines Geistlichen seinem „infamen Gewerbe" reumütig entsagt. Moliöre hatte keine Zeit gehabt, diese Erklärung ab­zugeben. Man hatte zwar zu zwei Geistlichen geschickt, allein diese weigerten sich, zu dem Exkommunizierten zu gehen und ein Dritter kam zu spät.

Die Witwe Moliöres wandte sieh deshalb mit einem Gesuch an den Erzbischof von Pa­ ris und eilte, als auch diese! jjire Bitte ab­schlug, nach Versailles , um sich dem König zu Füßen zu werfen. Diese peinlichen und auf­regenden Verhandlungen nahmen mehrere Tage in Anspruch. Schließlich gestattete der Erzbischof, der wohl einen Wink von Versail­ les erhalten hatte, die Beisetzung, doch stellte er noch harte Bedingungen.

Die Leiche durfte nicht in eine Kirche ge­bracht werden, keinerlei religiöse Handlung durfte am Sarge stattfinden, und das Begräb­nis konnte erst abends, gleichsam verstohlen, vorgenommen werden. Die geistliche Beglei­tung des Leichenzugs hatte sich nur auf zwei Priester zu beschränken und jeder Gesang, jede Musik zu unterbleiben.

Dieses einem der berühmtesten Söhne Frankreichs angetane Unrecht, das auf den damaligen Sitten und Gebräuchen beruhte, versucht die Nachwelt seit Jahrhunderten durch besondere Ehrungen wiedergutzuma­chen.

wirkliche Künstler soll in Deutschland tätig sein und nach Maßgabe seiner Fähigkeiten gewürdigt werden können." Furtwängl^ bat Huberman, die trennende Wand zu durch­brechen und in einem berliner Konzert mitzu­wirken.

Aus dem Antwortbrief Hubermans zitieren wir folgende aufschlußreiche Stelle: „Lassen Sie mich zunächst meine Bewunderung aus­sprechen für die Unerschrockenheit, die Ziel­bewußtheit, das Verantwortungsgefühl und die Zähigkeit, womit Sie Ihre im April begonnene Kampagne um die Rettung des Konzertwesens vor der drohenden Vernichtung durch die Ras­senreiniger geführt haben. Wenn ich Ihrer Aktion — der einzigen im heutigen Deutsch­ land , die zu einem positiven Resultat geführt hat — die Taten Toscaninis (Absage an Bay­ reuth ), Paderewskis (Pariser Hilfskonzert) und der Brüder Busch an die Seite stelle, alle dem gleichen Solidaritätcgeiühl, der gleichen Sor­ge um den Bestand unserer Kultur entsprun­gen, dann erfaßt mich ein Gefühl des Stolzes, mich auch Musiker nennen zu dürfen."

Auch Furtwänglers frühere Sekretärin, Dr. Bertha G e i s s m a r, tritt in einem englisch geschriebenen Buch (Tue bafon an the jack­boot — Dirigentenstab und Kommisstiefel) für ihren Meister ein. Sie mußte 1933 als „Nicht­arierin "Deutschland verlassen und wurde 1935 Thomas Beechams Mitarbeiterin. Sie schreibt u. a.: „daß hinter Furtwänglers scheinbarem Nachgeben im Kampf mit dem dritten Reich sein Künstlertum hell und rein leuchtete."

Mit der angeblichen Ausweisung Furtwäng­lers aus der Schweiz befaßt sich die von den Franzosen in Berlin lizensierte Zeitung „D e r Kurier*.

Die Zeitung berichtet, daß Furtwängler eine

Baden-Baden bekomme

wieder ein >)ändicees Tbea^er

Im Einvernehmen mit dem von General Schmidtlein ernannten Chef der Gene­raldirektion Literatur-Musik-Theater, Prof. P f r 1 m m e r. und mit Zustimmung des Ba­ dischen Innenministers und des Oberbürger­meisters der Stadt Baden-Baden , hat die Bä­der- . und Kurverwaltung Paul van der H u r k zum Intendanten der Theater der Stadt Baden-Baden berufen. Ihm zur Seite steht eine Theaterkommission, der neben ProL Dr. Ptriomer oder seinem Stellvertreter die Mitglieder des Kulturratss Dr. von P r i 11 w i t z und G a f f i o n, Dr. AI» bredit Sdiönhals und Dr. Hans C a 1 w e r angehören, der zugleich Vertreter der Stadt ist, sowie Verwaltungsamtmann Steide! a's Bevollmächtigter der Bäder- and Kurverwal­tung..

Zu diesem erfreulichen Anlaß bringen wir demnächst eine ausführliche Würdigung un­seres Theaierlebens, wie es sich im Laufe der letzten Jahrhunderte entwickelte.

F. B.

mmmniniili'iMnimtimiiimmmiiiHntmiimitniiiHiiimiimiiiimtf Lanze für den verfemten H t n d e m i t h, für Bruno Walter , Klemperer und Max Reinhardt gebrochen habe. „Bei ofiiziellen Anlässen hat Furtwängler sehr selten dirigiert Selbst auf der Deutschen Kuiturwoche wäh­rend der Pariser Weltausstellung 1937 er­schien die Berliner Siaatsoper ohne ihn. Zu sehr hatte er sich mit dem Gewicht seiner Per­sönlichkeit dafür eingesetzt, daß jeder Künst­ler, gleich welcher Rasse und Nation, in Deutschland tätig sein wird und muß. Für uns war Furtwängler stets ejn Inbegriff der Kräfte, um die sich ein stiller, aber spürbarer Wider-* stand gegen den Ungeist des Hitlertums ge­sammelt hatte."

Mit allen Musikfreunden hoffen auch wir, daß Wilhelm Furtwängler nach harten Zeiten der Prüfung und ungerechtfertigten Anfein­dung wieder in Deutschland zu hören sein wird. Seine Kunst ist der Ausdruck jenes Deutschland , das einmal wieder die dunkel­sten Zeiten unseres Schicksals überstrahlen wild. — u —

tRuftur ehren

Neben Otto Flake , Werner Bergen- g r u e n und Ina Seidel werden im Rahmen einer Vortragsreihe in Tübingen verschie­dene Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und der Universitäten unter dem zusamrnen- fassenden Begriff „Besinnung" das Wort ergreifen.

Im Pariser Verlag „Au Divan" ist eine bis­her unveröffentlichte Arbeit von Andrö Gide über den französischen Maler Nicolas P o u s - sin erschienen. Das Werk, das in einer klei­nen Auflage in luxuriöser Ausstattung heraus- gekommen ist, ist mit 116 Reproduktionen geschmückt.

TVrliicjßttacbrKfrtcn

Dem Verleger wissenschaftlicher Werke, Gustav Fischer in Jena , wurde die Ver­lags-Lizenz erteilt.

Die von Siegfried Jacobssohn gegründete und später von Carl von O s s i e t z k y ge­leitete Berliner Wochenzeitschrift „Die W e i t- bühne" wurde von der britischen Militär­regierung für die Witwe Ossistzkys lizensiert

Runst

Im Rahmen der eisten seit Kriegsende in Chemnitz stattiindenden Kunstausstellung im Schloßbeig-Museum werden 100 wiedergeiun- d.ene Bilder von Käthe K o 11 w 11 z gezeigt Diese Arbeiten, die in einem sogenannten „Kunst-Giftschrank* aufbewahrt worden wa­ren, sind Jetzt von dem Direktor der städti­schen Kunstsammlung, Scheiber - Weigand, aufgefunden worden.

Ein großer Mensch und Dünstier /

Dehrt Furtwängler zurück?

blieb an der Tür sieben und hörte mit Ein zweites Lied erlaubte sie, ein drittes nicht mehr. Für die Herren gab es Rotwein und Whisky, für Botho nur ein einziges Gläschen Eierkognak. Sie entschuldigte ihre Tyrannei, Flüssigkeit mute dem Herzen unnötige Arbeit zu. Dann ließ sie die jungen Leute wieder al­lein.

„In Liebe gefangen. In Sorge bewacht", sag­te Botho, „wie gern wäre ich heute abend ins Konzert gegangen, wie gern auch Frau Mama. Ich rechnete ihr vor, daß wir um halb elf zu­rück sein könnten, sie aber, daß es trotzdem elf Uhr wird."

„Es gibt schlimmere Gefängnisse als die­ses", tröstete Wenzel, seine Hand umzog den heiteren warmen Räum.

„Der Salon, mir abgetreten damit ich und die Ahnen einander nicht aus den Augen las­sen", erwiderte Botho und wies auf die Por­träts an den Wänden. Es waren Hofleute und Militärs, blonde Frauen und die römische Großmutter, der er so sehr glich.

„Seltsam, wieviel ein Bild geben kann", meinte er. „Sooft ich das Zimmer betrete, su­chen wir uns mit dem Blick. Sie ist die- einzi­ge junge Frau in diesem Hause. Ich deutete Mama an, daß wir ein Dienstmädchen neh­men könnten, das Schürzchen und Häubchen trägt, aber es bleibt bei dem Trampel, der uns massiv beglückt. Pardon, Ludolf — Verzei­hung, Wenzel, es sieht aus, als jammere ich euch etwas vor. Jeden verlangt es nach dem, was er nicht entbehren kann —mir ist es ein Salon, in dem man mich empfängt, ist es eine junge Frau, der ich einmal im Tag die Hand küssen darf."

Er erzählte von der strengen Vorschrift, der Ihn der Sanitätsrat unterwarf Frühstück im Bett, danach nochmals Schlaf, ln den Mittag- stunden ein Spaziergang, der mit leichten Steigungen im hügeligen Gelände verbunden war, später eine Stunde Rute, darauf etwas Geselligkeit, am Abend kein Ausgang, Schlaf­zeit spätestens um zehn — schwächster Punkt ln diesem. Programm die Geselligkeit Wohl

kamen zur Mama täglich eines oder zwei der adligen Fräuleins, deren es zwölf Dutzend gab, doch was half es ihm? Von Nonnen un­terschieden sie sich nur dadurch, daß sie Ausgang hatten.

Wenzel nahm, während Botho sich so dar­legte, ein Buch vom Schreibtisch auf. Es war die Karthause von Parma , ein Stendhal -Band.

„Kennst du ihn?" fragte Botho.

„Anderes, nicht diesen Roman."

„Wenn du Stendhal kennst, ist alles zu mei­nem eigenen Fall gesagt. In der Liebe zu Ita­ lien sind wir uns gleich, in der Verehrung Mo­ zarts auch, am meisten im Bedürfnis nach der Gesellschaft einer Frau. Stendhal ist mir der beste Freund — merkwürdig, wie leicht man sich selbst erklären kann, wenn ein Vorbild zur Verfügung steht."

„Dir kann geholfen werden", sagte Wenzel, griff in seine Tasche und entfaltete einen Brief. „Den habe ich heute erhalten, von Frau Jörg, ddr Mann ist Hotelier, du weißt. Sie erkundigt sich, ob ich ihren Donnerstagnachmittag ver­gesse, fordert mich zum kommenden auf und erwähnt die bei ihr geübte Sitte, die jedem Gast erlaubt, selbst einen mitzubringen — nur^einen, was vernünftig ist. Ich habe also die*Wabl zwischen Ludolf und dir —"

Ludolf hob abwehrend die Hand: „Ich habe kein Bedürfnis, noch Fremde kennenzulernen, nimm Botho mit."

„Die Hotellerie in Ehren", sagte Botho, Wen­zel unterbrach ihn:

„Gewiß, das ist kein Stendhal-Sajon, aber vielleicht wirst du angenehm enttäuscht. In einer Nachricht teilt Leonille Fav mit, daß auch sie da sein wird."

„Leonille — ich bitte dich. Wer mag das sein?"

„Eine gescheite Bucklige, weitgereist und sehnsüchtig nach einem befriedigenden Um­gang wie du."

„Tont mieux, vielleicht auch tont pis , wir werden also eine Dame aus Porzellan und eine mit einem Buckel sehen. Und nun genug von mir, von dem viel zu lange die Rede war.

Ludolf, du gehst nach Transvaal . Kennst du James Bryce , Viscount of Dechmont, der die Impressions oi South Afxica geschrieben hat?- Im Auswärtigen Amt lasen wir sie mit Eifer; ein vorzügliches Buch, das du mitnehmen soll­test. Englisch versiehst du?"

„Ein wenig, und eben verhandle ich mit Herrn Siaerk, einem Reallehrer von hier, da­mit er meine Kenntnisse auffrischt."

Sie plauderten noch eine halbe Stunde, dann trat die Freifrau ein und schnitt, eine müt­terliche Parze, die Fäden dieses Abends durch.

„Kommen Sie bald wieder!, sagte sie zu Wenzel, „grüßen Sie ihre Eltern und fragen Sie, ob ich demnächst Fräulein Lina zu einer Tasse Tee bitten darf."

„Ein guter Gedanke", meinte Botho, und Wenzel sah den Blick, den Mutter und Sohn tauschten. Natürlich, auch sie hatten von der Entlobung gehört. Die Freifrau gab Botho ein Zeichen, er ging mit Ludolf voran. Sie wandte sich an Wenzel.

„Nicht aus Neugierde, aus Teilnahme er­lauben Sie mir die Frage: Das liebe Mädchen ist gefaßt?"

„Durchaus. Es isf alles erledigt und vorbei."

„Gott sei Dank. Der junge Mann benahm sich töricht?"

„Sehr töricht.*

„Und wenn sie sich begegnen?"

„Schaut er vermutlich fort. Merkwürdiger­weise habe ich ihn noch nicht auf der Straße getroffen, obwohl schon bald zwei Wochen vergangen sind und Baden ein kleiner Ort ist."

Am nächsten Morgen erwähnte Wenzel am Frühstückstisch, daß er heute im Papierge­schäft von Salzer die zwei amerikanischen Schreibmaschinen ansehen wolle. Der Vater fragte erstaunt, ob er die Absicht habe, seine Schriftsätze auf der Maschine schreiben zu las­sen. Wenzel erwiderte, in London sei es schon gang und gäbe, und ihm mache es nichts aus, in Beden der erste Anwalt zu sein, der die­sem Beispiel folge. Damit schade er sich eher.

als daß er sich nütze, gab der Vater zu beden­ken, der Richter und der Klient wüßten bs'de, was sie an einer soliden Kanzleischriit hät­ten —

„Und überdies, wie willst du hier einen Schreiber linden, der die Maschine bediene» kann?"

„Er ist schon gefunden. Der Kanzlist, der bei mir einiritt, hat sich bereit erklärt, diese Kunst zu lernen, und ich lerne sie mit ihm."

Der Vater schüttelte' den Kopf grd fand, das Zeitalter mechanisiere sich immer mehr. Wenzel sah die Maschinen an, die einzigen, die es in Baden gab, und erstand die e.ne. Der Lehrling setzte sie aut ein Wägelchen, Wenzel und Meister Salzer schritten voran, so ging es nach der Luisenstraße. Irr-dsr Woh­nung wurden gerade die elektrischen Leitun­gen gelegt. Herr Salzer spannte einen Bogen ein und zeigte die Handhabung, so gut er sie verstand.

„Sie müssen wissen, daß man in Amerika mit allen zehn Fingern schreibt. Bis man das bei uns lernen kann, fließt wohl noch viel Wasser die Oos hinab."

Herr Salzer ging, und Wenzel übte ein» Stunde lang. Zuletzt konnte er die Einladung Frau Jörgs mit einem leidlichen Brief beant­worten, er klebte eine der neuen Germania - marken darauf.

Unterdessen näherte sich in der Sophien­straße Botho dem Matscheksohen Haus. Vot der Tür begegnete er Lina, die auf dem Weg zum Metzger war. Er zog den Hut, sie blieb zögernd stehen und fragte das, was sie nicht fragen wollte: wie es ihm erging.

„Ich fühle mich so ausgezeichnet, daß Ich Wenzel einen Besuch zudachte —'

„Wenzel ist in der Luisenstraße. Sie kennen das Haus?"

„Gewiß. Ich —*

Sie streckte ihm die Hand hin: „Auf Wie­dersehen, Herr von Kaus."

(Fortsegung folgt)