Kr. 96
BADENEB TAGBLATT
Freitag, den 11. Juli 1947
Dr. Hermann F. Geller l
Preise - Ulme
Dm zentrale Weltproblem
Die Welt der letzten Jahrzehnte ist überreich an Kriegen, Revolutionen, Aufständen, sozialen Unruhen und Streiks. Es gibt kaum ein Volk, das im Lauf der letzten 30 Jahre nicht von Ereignissen solcher Art erschüttert worden ist. Zweifellos hat die t e c h n i s c h e Entwicklung in unserem Zeitalter die Beziehungen zwischen den Menschen und zwischen den Völkern in einem Umfang und einem Tempo umgestaltet, wie es früher niemals der Fall gewesen ist. Diese Beziehungen haben im wirtschaftlichen und sozialen Bereich empfindliche Störungen des Gleichgewichts bewirkt Auf sie geht letzten Endes die heutige Unruhe in ' der Welt zurück.
Diese Störungen haben vor allem die wichtigste und entscheidende Beziehung zwischen den Menschen eines Volkes und damit zugleich zwischen den Völkern völlig aus dem Gleichgewicht gebracht: die Beziehung zwischen dem Arbeitseinkommen und den Kosten der Lebenshaltung, also zwischen Lohn und Preis. Besteht zwischen Löhnen und Preisen ein soziales Gleichgewicht, dann ist die Wirtschaft gesund und blüht. Das Lohn-Preis- Verhäitnis ist daher das zentral« Problem der Wirtschaft und der Politik aller Völker und aller Zeiten.
Wenn heute in Deutschland , Frankreich , England und den meisten anderen europäischen Ländern, vielfach auch in anderen Erdteilen, immer stärker die Forderung nach Sozialisierung der Wirtschaft oder einiger Zweige derselben, nach Verstaatlichung und maßgeblichem Einfluß der Schaffenden, ihrer Gewerkschaften und der Verbraucher auf Betriebe und Verwaltung erhoben wild, ist das die Folge davon, daß das Lohn-Preis- Verhältnis aus dem Gleichgewicht gekommen ist, daß der Arbeitsverdienst nicht mehr genug Kaufkraft besitzt. . Haben wir eine weitschauende, in sozialem Sinn verantwortungsbewußte Unternehmerschaft, oder aber eine Staata- führung, die bei den Unternehmern das soziale Verantwortungsbewußtsein zu sichern vermag, so erhebt niemand den Ruf nach Verstaatlichung oder Sozialisierung.
Es ist die oberste -Pflicht der Wirtschaftspolitik Jedes Volkes, ein soziales Verhältnis zwischen Löhnen und Preisen wieder herzustellen und zu behaupten Der Weg dazu heißt:
1. Vermehrung der Gütererzeugung, die zugleich mehr Einfuhr an Notwendigem und mehr lohnende Ausfuhr ermöglicht,
2. Verminderung der arbeitslosen Einkomm «n,
3. Abbau Rer volkswirtschaftlichen Kostenhy- potheken und Ausschaltung der Verlustquellen.
Alle drei Wege sind gleich wichtig und die Wirtschaftspolitik eines Staates ist nur gut, wenn sie diese drei Ziele ehrlich und erfolgreich ansteuert. Mehr erzeugte Güter beseitigen den Hunger und den Mangel auf allen Gebieten, die beide das Kennzeichen unserer heutigen Lage sind. Die Folgen des Kriegs haben aber elementare Voraussetzungen beseitigt, unter denen allein eine Vermehrung der Gütererzeugung möglich ist. Es gilt daher, zunächst einmal diese unerläßlichen Voraussetzungen wieder zu schaffen. Dazu gehört in erster Linie eine ausländische Kredithilfe, die es unsefer Industrie ermöglicht, ihre leeren Rohstofflager wieder zu füllen und die zugleich die Unterernährung der Bevölkerung beseitigt. Es gehören dazu ferner die Senkung des unerträglichen Steuerdrucks und die• Schaffung eines ge- 'sunden Geldwesens. Mehr Warenerzeugung, ausreichende Nahrung, gesundes Geld und vernünftige Steuersätze sind auch die Mittel, welche die Preisbeziehungen zwischen Rohstoffen, Halbwaren, Fertigwaren, Verkehrs- und Dienstleistungen aller Art wieder vernünftig gestalten werden, die heute völlig außer Rand und Band geraten sind.
Manche meinen, solche Gesundung lasse sich einfach dadurch erreichen, daß man die „freie" Wirtschaft wieder herstellt. Ein solcher Versuch würde nur zu weiteren sozialen Spannungen, Opfern und Verlusten führen und würde das Ziel doch niemals erreichen können.
Andere meinen, es werde uns der gesunden Wirtschaft näher .bringen, wenn wir weitgehend sozialisieren oder verstaatlichen. Es gibt tatsächlich weite Gebiete der Wirtschaft und des Verkehrs, die aus guten Gründen besser in die Hände des Staates oder der Gemeinden, oder aber sozialer Gemeinschaften gelegt werden. Sofern aber Sozialisierung Oder Verstaatlichung die Nebenwirkung haben, den Verwaltungsaufwand zu steigern und
Frau von Stael
Zu ihren 130. Todestag am 14. Juli
Das Zeitalter vom Ausbruch der französischen Revolution bis zur Verbannung Napoleons nach St. Helena ist überreich an politischen Berühmtheiten und Geisteshelden. Inmitten dieser Männerwelt steht eine Frau, die den Anspruch erhob, den Größten der Zeit zugezählt zu werden und an dem Ringen um ein neues Europa als Kämpferin für die Freiheitsidee teilzunehmen: Madame de 8ta?i, die Töchter des Genfers Necker, der als letzter Finanzminister im Angien Regime durch unheilvolle Maßnahmen das Seinige zum Untergang des Königtums beigetragen hatte. Diese Frau wurde'Napoleons gefährlichste Gegnerin. Geschah es aus schweizerischer Freiheitsliebe und aus Abneigung gegen den Despotismus, daß sie den ersten Konsul und Kaiser der Franzosen bekämpfte, so waren doch auch zugleich persönliche Motive im Spiel. Die Tochter Neckers hatte sich einst Hoffnungen gemacht, sie könne mit ihrem stürmischen Temperament, ihren Geistesgaben und ihrem Millionenreichtum die schöne Josefine bei Napoleon ausstechen. Sie verfolgte den aufstrebenden Bonoparte mit ihren 'Werbungen und überfiel ihn bei einem Interview mit der indiskreten Frage: „Welche Frau lieben Sie am meisten?“ „Die meinige“, sagte er trocken. „Aber welche Frau schätzen Sie am meisten?“ „Diejenige, die die meisten Kinder zur Welt bringt.“ Das war die Antwort eine« Generals, der seine Rekrutendepots im Sinn hat.
ln ihren Salons wie in ihren Büchern trieb die Gattin und spätere Witwe des schwedischen Gesandten Baron v. Stael-Holstein eine unermüdliche Opposition gegen den Korsen, nachdem sie als erste
Mann jipfl gallj» dUTChSChaUt hatte.
Wirtschaft und Arbeit
den Behördenapparat auf zublähen, würden sie den Grunderfordernissen sozialer Wirtschaft entgegen wirken. Ihr sozialer Wert oder Unwert mißt sich daher an dieser Wirkung.
. Sind die Voraussetzungen für eint erhöhte Gütererzeugung wieder geschaffen, so gilt es, alles abzuhauen, was die Kosten der Erzeugung, der Beschaffung (Einfuhr) und der Verteilung (durch Handel, Verkehr, Kredit) der Güter erhöht. Dazu gehören z. B. auch die hohe Zwischengewinne des Handels, zu hohe Verkehrstarife und Zolltarife, vor allem aber gehören dazu überhöhte Kosten der öffentlichen Verwaltung.
Die Auseinandersetzungen auf der Genfer Welt- handelskoaferenz haben wieder gezeigt, daß es manchen Staatöl schwer fällt, von ihrem Wirtschaftsegoismus los zu kommen. Sie glauben ihre sozialen Probleme am bequemsten durch einen Industrie-Protektionismus mit Hilfe hoher Zölle, Einfuhrverbote und Währungsmanipulationen oder auch durch einen Agrar-Protektionismus lösen zu können. Sie bedenken dabei nicht, daß die Schäden und Verluste, die sie damit anderen Völkern zufügen, wieder auf sie selbst zurück fallen müssen. Dia wirkliche Befreiung der Weit, nicht nur
K. BADEN-BADEN — Durch den Abschluß des Emser-Abkommens hat sich die Lage der badischen Tabakindustrie entscheidend gebessert. Wie Staatssekretär Dr. Leibbrandt, Leiter des Badischen Wirtschaftsministeriums, erklärte, sichern die im Abkommen festgesetzten umfangreichen Liefermöglichkeiten der badischen Tabakin d'ji strie die Existenz. Die Änderung in der Verteilung der Rohtabakkontingente zu Gunsten der Zigarren und Stumpen hatte die Tabakindustrie in der letzten Zeit ernstlich bedroht. In dem Emser Abkommen ist die Lieferung von Tabak-Fertigwaren im Wert von 9,1 Mill. M und von Rohtabak, Rippentabak und Rauchtabak für 2,2 Mill. M festgesetzt worden. Die Tabakwaren werden in den ausführenden Ländern banderoliert und voll versteuert, was diesen rund 40 Mill. M Tabaksteuer einbringt.
Für die Vertreter der französischen und der britisch-amerikanischen Zone war es in Bad Ems nicht einfach, den wirtschaftlichen Belangen der einzelnen Industrien sowie den Bedürfnissen der Zonen gerecht zu werden. Das Düsseldorfer „Han delsblatt “ bringt dazu folgende Ausführungen:
„Ein besonders schwieriges Kapitel, das nur für den Laien einfach ist, Ist die Tabakfrage. Denn die französische Zone hat doch den Rohtabak und die Doppelzone braucht ihn dringend, wenn sie überhaupt die Raucherkarten honorieren will. Und trotzdem ist gerade diese Frage die schwerste Hürde vor dem Ziel der Interzonenvereinbarung gewesen. Es geht in der Tabakfrage zunächst einmal um die Beschäftigung der Tabakarbeiter. Die Industrie einer jeden Zone legt Wert darauf, ihre Kapazität so weit wie möglich auszunützen. Gerade in der Tabakindustrie mit der vielen Heimarbeit sind hiermit schwerwiegende soziale Fragen verknüpft. Die französische Zone sagt, die Tabakverar-
WALDSHUT — In einer Bauernversammlung, die hier in Gegenwart von Staatssekretär Hilbert, Präsident Lambert Schill , Märzhausen, und des Vizepräsidenten des landwirtschaftlichen Hauptverbandes, Klaus Bischoffingen, stattfand, sagte Staatssekretär Hilbert, daß die diesjährige Boden- benutzungs-Erhebung, der man die notwendige Wahrhaftigkeit zutraue, auch wirklich für die Festsetzung der Ablieferungsumlagen anerkannt werde. Die hieraus errechneten Umlagen würden zwar hart, aber erträglich sein. Präsident Schill erklärte, daß infolge der Düngemittelknappheit die Bodenfruchtbarkeit um 30 vH gesunken sei, außerordentlich verschlechtert, die Preise für landwirtschaftliche Produkte und Vieh hätten gegenüber den Bedarfsartikeln einen Tiefstand wie nie zuvor erreicht. Die bisherige Veranlagungsmethode sei nicht mehr tragbar. Er wünscht ein Verfahren, das der in der englischen Zpne geübten Methode angepaßt werde. Jeder Hof soll entsprechend seiner Größe und Leistungsfähigkeit eine normale Ablieferungsauflage gegen normale Geldvergütung erhalten. Was der Hof dann darüber
von kriegerischer, sondern auch von sozialer Unruhe (die beide der gleichen Quelle entstammen), ist nur zu erreichen, wenn sich die Völker ernsthaft, jedes für sich und alle gemeinsam, um die Wiederherstellung eines sozialen Verhältnisses zwischen Einkommen und Lebenshaltungskosten bemühen.
Ob das östliche kommunistische oder das westliche sozialistische System in Europa u. der Welt politisch siegen werden, wird einzig und allein davon abhängen, ob es der westlichen Weit gelingt, das Lohn-Preis-Problem organisch zu lösen. Soweit europäische Arbeiter zum östlichen Kommunismus hinneigen, ist das der Ausdruck dafür, daß sie der westlichen Welt die Kraft oder den Willen nicht Zutrauen, das Problem in sozialem Sinn zu lösen. Nur so vermag der Volkswirt das heutige Ringen zu sehen. Das Lohn-Preis-Problem steht greifbar oder auch weniger sichtbar hinter allen Weltkonferenzen, mögen sie sich mit dem Welthandel, dem Wiederaufbau Europas und Deutschlands , oder mit der Sicherheit und dem Weltfrieden befassen. Die technische Entwicklung aber «teilt dieses zentrale Problem jeden Tag von neuem. -
beitungsindustrie spiele anteilmäßig bei ihr eine ganz andere Rolle als in der Doppelzone. Außerdem ist Tabak einer der wenigen Rohstoffe, in dem die französische Zone besser versorgt ist als die Doppelzone. Warum soll sie hierbei nicht zuerst an sich denken, wie das ja auch die anderen Zonen in so vielen Fällen tun, ln denen sie nun einmal infolge der zufälligen Zonengrenzen die Vorhand haben? Es ist nach langem Bemühen gelungen, in dieser schwierigen Frage durch Abwägen des Gewichtes, das diese Industrie im Aufbau beider Zonen hat, einen Ausgleich zu finden. Etwa die Hälfte der Tabakmenge geht als Rohtabak herüber, die andere Hälfte in Gestalt von Zigarren.
Mit dieser Regelung war aber noch nicht jede Schwierigkeit gelöst Es schloß sich an der Streit um die Tabaksteuer. Die Doppelzone sagte hielzu, daß es sich hier um eine Verbrauchssteuer handle, die logischerweise nur dort erhoben werden kann, wo verbraucht wird. Die französische Zone machte geltend, daß sie auf diese Einnahme auf keinen Fall verzichten könne. Die nähere Betrachtung ergibt, daß das nicht zu bestreiten ist. Die Finanzen der Länder der französischen Zone sind weit mehr angespannt als die in der Doppelzone es vorläufig noch sind. Einmal ist die Finanzkraft der Wirtschaft in der französischen Zone an sich geringer und dann sind die Lasten wesentlich größer, die der Länderhaushalt zu tragen hat. Man ist daher auf den Ertrag der Tabaksteuer angewiesen.
Gott sei Dank ist ein Ausgleich jetzt in dem neuen Emser Abkommen dadurch getroffen, daß die Doppelzone der französischen Zone einerseits entgegenkam und andererseits die französische Zone sich verpflichtete, keine Tabakwaren mehr ohne Zustimmung des Empfängerlands freizugeben.“
hinaus noch abliefere, werde ihm in Form lebenswichtiger Güter erstattet. Die größte Gefahr erwachse der Landwirtschaft daraus, daß ein großer Teil des Volkes ihre Lage und die Grenzen ihrer Möglichkeiten nicht erkenne. Die Folgen einer ungörechten Behandlung der Landwirtschaft zeigten sich bereits in einer neu einsetzenden Landflucht
Landtagsabgeordneter Klaus, Bischof fingen, sprach über die Probleme der Agrarreform, die 'Sich in der Beseitigung einer ungesunden Parzellenwirtschaft, in der Aufteilung großer Familiengüter und in einer Ordnung der Wald Verhältnisse aus wirken müßten. Große Holzhiebe müßten so angesetzt werden, daß durch sie zu Kulturland geeigneter Waldboden freigemacht und andererseits ungeeignetes Kulturland zur Aufforstung bereitgestellt würde. Nur auf diesem Wege könne bäuerliches Neuland gewonnen und die vielfach auftretende Unwirtschaftlichkeit in der heutigen Bauernwirtschaft beseitigt werden.
Eine Entschließung, die eine Änderung der Veranlagungsmethoden fordert, wie sie Schill in seiner Rede angedeutet hatte, wurde einstimmig angenommen.
Das deutsche Erdöl
ast. HAMBURG — Wenngleich in fast allen nordwestdeutschen Ölfeldem die Förderung kn Mai gegen den Vormonat zunahm, konnte der starke Ausfall in den Winteraaonaten noch nicht wieder aufgeholt werden. Es ist daher kaum zu erwarten, daß das Gesamtergebnis von 1946 (642 439 t) in diesem Jahre erreicht wird, zumal die Mai- Monatsleistung mit 50 493 t noch unter dem Durchschnitt dos Vorjahres (53 536 t) liegt. Im M a i ereichte die Erdölproduktion im Gebiet Schle6wig-Kolstein-Hamburg 8 572 t, im Gebiet Hannover 32 001 t und im Ems land 9 920 t Die Gesamtproduktion Januar bis Mai 1947 betrug 22 714 t.
Erhöhte Bohrleistungen im April und Mai
Trotz des Fehlens einfachster Ersatzteile ist es den deutschen Erdölgewinnungs-Gesellschaften gelungen, die Tiefbohrleistungen im April und Mai zum ersten Mal seit der Kapitulation über die 10 000- Meter-Grenze zu bringen. Im Februar waren nur 1756 m gebohrt worden, im Jahre 1946 zusammen 79 676 m, d. h. 6 640 m im Monatsdurchschnitt. Im Mai wurden 10 483 Bohrmeter erzielt, in den 5 Monaten Janüar bis Mai 1947 33 984 m.
Adorf - jüngstes deutsches Erdölfeld
In dem Gebiet zwischen der holländischen Grenze und der Ems, nordwestlich der Stadt längen, liegt das jüngste deutsche Erdölfeld Adorf . Im Oktober 1946 wurde hier die Tiefbohrung der Preussag zwischen 1240 und 1340 m Tiefe fündig. Eine zweite Bohrung ist im Abteufen begriffen. Die Reeerven des Fäldes werden auf nicht weniger als 930 000 t Rohöl geschätzt, wovon 50 000 t bereits sicher durch die erste Bohrung nachgewiesen wurden. Der Aufbau der Förder- und Verladeanlagen scheiterte bisher an Materialmangel, verursacht vor allem durch die zu geringen Stahlzuteilungen an die Erdölindustrie.
Die neue Getreidekonferenz
AEP. Am 9. Juli hat in Paris die neue internationale Konferenz begonnen, die sich mit den aus dem Weltmangel an Getreide ergebenden Problemen zu befassen hat. Veranlassung zu der Tagung hatte der amerikanische Landwirtschaftsminister Clinton P Anderson gegeben, welcher vorschlug, daß all« Getreideeinfuhrländer dringend Maßnahmen ergreifen sollten, um ihre Produktion 1947 zu steigern und gleichzeitig im Rahmen der Möglichkeit ihre eigene Getreideration zu verringern. Das Hauptziel der Konferenz wurde so definiert, sie solle all« Länder auf die Weltgetreidenot aufmerksam machen, die 1947/48 wesentlich stärker würde als 1946 47. Es handelt sich daher darum, gemeinsame Maßnahmen zu beschließen, durch welche die noch bestehenden Vorräte so verteilt werden, daß der Übergang von einer Kampagne zur anderen erleichtert wird.
Ein Verfahren der Lahrer OelmSUe
g. BADEN-BADEN — Die Lahrer Ölmühle Wilhelm Schmidt preßt mit Genehmigung des Badischen Ernährungsministeriums nach ihrem besonderen Verfahren aus Kirschkernen ein hochwertiges Speiseöl, das nicht bewirtschaftet wird. Der Einlieferer der Kerne erhält daher die volle Ölausbeute zurück, d. h. 15—20 vH des Kerngewichts. Von der Mindestmenge an Kernen, die angenommen werden, nämlich 2°/- kg, erhält der Einlieferer also 375 bis 500 Gramm öl. Die Kerne müssen vom Einlieferer gewaschen und getrocknet werden, am besten im Backofen bei über 70 Grad. Es wäre zu wünschen, daß alle Ölmühlen des Landes sich dieser Aktion anschließen und daß dieselbe auch auf die Steine und Kerne der anderen Obstsorten ausgedehnt wird. Es handelt sich allein für Südbaden tun viele Tonnen Speiseöl, die zusätzlich gewonnen werden können. Wer will es verantworten, sie unter den heutigen Ernährungsverhältnissen umkommen zu lassen?
Sächsische Industrie erhält RaBland-Anfträge
bn. BERLIN — Meldungen aus Sachsen zufolge haben viele sächsische Firmen, die auf der Leipzi ger Messe ausgestellt hatten und lieferfähig sind, von der Militärregierung in Dresden die Aufforderung erhalten, bemusterte Preisangebote abzugeben. Die Preise müssen dem Stand von 1944 angepaßt sein. Nach Festsetzung der Lieferkapazität haben die einzelnen Firmen, besonders Textil-, Lebensmittel- und Maschinenfabriken Aufträge erhalten, die ihre volle Kapazität auf längere Sicht beanspruchen, so daß an Liefermöglichkeiten für den zivilen deutschen Verbrauch vorläufig nicht zu denken ist
Emser Abkommen beendet Tabak-Krieg
Der Ausgleich mit der amerikanisch-britischen Zone
Sie fühlte auf dem Grunde seines Wesens kalte Verachtung und eine tiefe Ironie, vor der nichts bestand, nicht das Erhabene noch das Schöne, nicht einmal sein Ruhm: „Ich habe bedeutende Männer genug gesehen, auch wilde Naturen,. aber die Furcht, die ich vor diesem empfinde, ist besonders. Dieser nämlich ist weder gut noch böse, weder sanft noch grausam. ' Er ist mehr und auch weniger als ein Mensch. Er haßt nicht mehr, als er liebt, für ihn existiert nur er selbst, alle andern sind Nummern. Ein großer Schachspieler, für den die Menschheit den Gegner darstellt, den er sich vornimmt, schachmatt zu setzen."
In der gewitterschwülen Zeit, in der Bonoparte seinen Übergang von der Diktatur zum Kaisertum vorbereitete, erschien ihr Briefroman „Delphine“, der sie weltberühmt machte und ihr zugleich die Ungnade des Allgewaltigen eintrug. Schon die Widmung „Dem schweigenden Frankreich “ hatte etwas Aufreizendes. Den Inhalt des Buches verdammte Bonaparte als unsozial, unmoralisch, unreligiös und, was das schlimmste war, pro-englisch. Sie schien alles herabzusetzen, was ihm teuer war und alles zu verherrlichen, was er haßte. Aus Frankreich ausgewiesen, trat sie im Winter 1803 ihre große Entdeckungsreise nach Deutschland an. Von unterwegs schrieb sie an ihren Vater nach Genf : „Man versichert mir, daß ich in Sachsen herrlich empfangen werden soll. Das kann wohl bei einzelnen Privatpersonen der Fall sein. Aber ich habe Grund zu fürchten, daß die Höfe mein Zerwürfnis mit «Mm ersten Konsul, meinen Republikanismus und meinen Geist übel aufnehmen, denn das zusammen ist mehr als'nötig, um sich vor mir zu entsetzen." Im Weimarer Dichterkreis wie auch am Hofe fand sie die beste Aufnahme, ihr kolossalischer Geist, ihr Wissen, ihre Beredsamkeit flößten den Männern teils Bewunderun^jtgils Schrecken ein. Am meisten
verdankte sie Schiller, der seine Arbeit am Teil unterbrach, um die berühmte Pariserin in die Gedankenwelt des deutschen Idealismus einzuführen. Auf der Weiterreise machte sie in Berlin die Bekanntschaft August Wilhelm v. Schlegels, der sich ihr mit seiner ganzen Person in einer seltsamen Vertragsurkunde verschrieb und sie als Hofmar- sghall und gelehrter Ratgeber bis an ihr Lebensende durch ihr ruheloses Emigrantendasein begleitet hat.
Die Abwesenheit Napoleons im Feldzuge 1806 7 benutzte sie zu dem Versuche, sich wieder nach Paris einzuschmuggeln. Doch Napoleon ließ sie durch seine Geheimpolizei beobachten und vereitelte ihre Pläne. Ihre neuen Gesuche um Aufenthaltserlaubnis wurden gbvewiesen, „weil sie im Stande ist, Leuten das Denken beizubringen, die es nicht konnten oder verlernt hatten.“ Sd kehrte sie auf ihr Schloß Coppet bei Genf zurück und vollendete ln jahrelanger Arbeit ihr Hauptwerk „De l’Allemagne“, das den Franzosen einen Begriff von deutscher Geistes- und Wesensart vermitteln sollte. Atzermals stahl sie sich nach Frankreich hinein, um den Druck ihres Buches zu überwachen und, wenn möglich, wieder in Paris Fuß zu fassen. Aber ihre Reise endete vorzeitig durch einen Ausweisungsbefehl, Frankreich binnen 48 Stunden zu verlassen, während zugleich ihr neues Buch beim Verleger beschlagnahmt und als staatsgefährlich verboten wurde. Völlig geschlagen, flüchtete sie wieder nach Coppet . Aber ihre Stunde war nicht mehr fern.
Den Höhepunkt ihrer Laufhahn erreichte sie anläßlich des russischen Feldzuges. Sie kam noch vor Napoleon nach Moskau und flüchtete von da nach Petersburg , wo ihr bei Hofe der Freiherr von Stein begegnete, auch er ein Verbannter. Die beiden erbit tertsten Gegner Napoleons schlossen
Bekanntschaft miteinander. Stein bewunderte die prachtvollen Augen der Stael, aus denen Blitze schossen und die es vergessen ließen, daß die hochgebaute, robuste Schweizerin alles andere als schön war. In Europa , so sagte man, gab es'damals nur noch drei unabhängige Mächte: Rußland , England und Madame de Stael . Auf der Weiterreise gewann sie in Stockholm den schwedischen Kronprinzen Bemadotte für den Anschluß an die Koalition. In London glänzte sie bei Hofe und erfüllte alle Salons mit ihrem Redeschwall, Hier lernte sie auch Lord Byron kennen. Ir berichtete über sie: „Ihre Bücher sind wundervoll, aber ihrer Gesellschaft gehe ich aus dem Wege. Sie schreibt Oktav und redet Foliant.“ —
Im April 1814 dankte Napoleon ab, im Mai zog Frau v. Stael mit der Miene der Siegerin in Paris ein und veranstaltete einen Empfang, bei dem sich alles versammelte, was an berühmten Namen in Paris anzutreffen war, voran Zar Alexander I .. Dennoch war das Frankreich der Restauration nicht die passende Daseinswelt für eine Republikanerin. Vieles war in Paris nicht so, -wie sie es in zehn langen Exiljahren sich gewünscht, und was sich erfüllt hatte, kam auf alle Fälle zu spät. Enttäuscht zog sie sich auf ihr Schloß am Genfer See zurück und starb drei Jahre später in Coppet am franzö sischen Revolutionstag.
Über allem, was Europa der Schweiz zu verdanken hat, leuchtet der Name dey großen Europäerin, der Frau mit dem mannhaften Charakter und Verstand, die den Gedanken dar menschlichen Freiheit und Selbstbestimmung durch alle Länder «ad Hauptstätte unseres Erdteils verkündet und die Verständigung der Völker im Geiste der Demokratie nach dem von ihr bewunderten Verbilde Großbritanniens ihr Leben lang gefördert bet.
Claus Woldemar Schrempf