Seite
  

Seite 2

Badische Volksstimme

Sonntag, den 14. Jnli 194«

Druck von Osten — Druck von Westen?

Dr. Schuhmacher und die Presse in den Westgebieten spricht sehr viel von einem „Druck in der Russischen Zone”, um einen anderen Vorgang zu vernebeln, nämlich den Druck vom We­sten aus. Die neuesten Ausführungen Dr. Schuhmacher’s über die nächste Zu­kunft Deutschlands lassen darauf schlie­ßen, daß, was seine Person anbelangt, seine Behauptung sehr wohl Gültigkeit hat, daß alle parteipolitische Tätigkeit in Deutschland nichts anderes darstelle, als einen verlängerten Arm der jeweiligen B j- satzungsmacht. Dr. Schuhmacher liefert lediglich eine volkstümliche Umrahmung für verschiedene Konzeptionen westlicher Herkunft.

Schon aus einem Bericht der „New York Herald Tribüne” vom 24. Mai 1946, war zu entnehmen, daß ein noch weitgehenderer Einfluß auf die Politik der SPD bevorstehe. Abgeordnete der Labour-Regierung erklär­ten auf einer Konferenz in der englischen Stadt Clacton , . daß sie die Trennung Deutschlands in separate Einfluß-Sphären, Ost und West beabsichtigen, und eine Re­vision des Potsdamer Abkommens verlan­gen werden. Deshalb verlangen die eng­lischen Sozialisten die Ablehnung jeder Zusammenarbeit mit den Kommunisten und die Organisierung der Sozialdemokra­tischen Partei auf antikommunistischer Basis. Damit waren allerdings nicht alle Vertreter einverstanden.

Das schaffende Volk Deutschlands darf jedoch diese Vorgänge nicht übersehen, um imbeirrt seinen geraden Weg gehen zu können, mit der einzigen Orientierung: Deutschland !

Englische Abgeordnete bei Dr. Schumacher

i.

In einer unlängst gehaltenen Rede sagte Dr. Schuhmacher:

„Deutschland ist dementsprechend nicht in der Lage, irgend eine zentral geführte politische Partei zu haben, es sei denn, es wäre eine politische Partei, die ihre In­struktionen von einem Ort außerhalb Deutschlands bekommt”.

II.

Aus Hannover wird unter dem 26. Juni 1946 berichtet, daß einige Abgeordnete der britischen Arbeiterpartei unter Führung von Morgan Philips am 22. Juni 1946 zu einer Besprechung mit Dr. Schuhmacher in Hannover eintrafen. Die Abgeordneten der Labour-Party ließen sich von Dr. Schuh­macher eine Darstellung der politischen und wirtschaftlichen Lage Deutschlands geben.

Über den weiteren Inhalt der Bespre­chungen wird Stillschweigen bewahrt

Großgrundbesitz im Westen

Die britische Militärregierung hat die Kontrolle allen lapdwirschaftlichen Privat­besitzes über 500 ha angeordnet. Das wird ein Drittel der landwirtschaftlich bebauten Fläche in der britischen Zone überhaupt ausmachen. Der Einwand, daß eine Boden­reform, wie in der SU-Zone, im Westen nicht durchgeführt werden könne, weil es ja fast keinen Großgrundbesitz gäbe, steht demnach auf sehr schwachen Füßen.

Eine neue Zeitschrift Dl« Grundlagen dGS IdarillSinUS

^Seitdem Ostern 1946 auf dem Vereini­gungsparteitag in Berlin die Gründung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands historische Tatsache geworden ist, war die wesentlichste Voraussetzung für den Auf­stieg der Arbeiterklasse und des deutschen Volkes geschaffen. Es ist die geschichtliche Aufgabe der Einheitspartei, unserem Volk aus dem ihm von den Hitler -Banden zu- rückgelasenen Trümmerhaufen wieder ein lebenswertes Dasein zu ermöglichen.

Auf diesem Fundament, das nach den Worten des Vorsitzenden der SED , Wil­ helm Pieck , der unerschütterliche Fels ist, auf dem sich das deutsche Volk wieder eine glückliche Zukunft erobern wird, baut auch die theoretische Monatsschrift für So­zialismus, die Einheit, auf.

Diese Zeitschrift, bisher vorn Parteivor­stand der SPD und dem Zentralkomitee der KPD gemeinsam . herausgegeben, er­scheint nach der Vereinigung als das wisser schaftliche Organ der geeinten So­

zialistischen Arbeiterbewegung in Deutsch­ land .

Vor uns liegt das erste Heft dieser Zeit­schrift. Es enthält wichtige Aufsätze über die materiellen Grundlagen des demokra­tischen Neuaufbaues (Max Seydewitz ), über unsere Stellung zum Eigentum (Fred Oelssner ), über die Stellung des Geistes­arbeiters zur sozialistischen Einheit, (Dr. H. Acher), über Marxismus und Forschung (Dr. L. Ratzel), und über die Rolle der Persönlichkeit in der Geschichte (K. Hoff- mann). Andere Aufsätze setzen sich mit grundlegenden Arbeiten von Marx und Lenin auseinander und geben damit jedem- wirklichen Marxist das geistige Rüstzeug für die harte Arbeit um den demokrati­schen Neuaufbau Deutschlands .

Was in der Ostzone geschehen ist, muß auch in den Westzonen Wirklichkeit wer­den. Erste Voraussetzung dafür ist, das in den Zeiten des Bruderkrieges gewachsene Mißtrauen zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten zu beseitigen. Jeder, dem das Schicksal Deutschlands und Europas am Herzen liegt, hat seinen Teil bei der Lösung dieser Aufgabe beizutragen. Dazu gehört auch — und wir sagen dies vor allem den jungen Antifaschisten — sich das geistige Rüstzeug zu verschaffen, um vor­behaltlos für die Zusammenarbeit aller Marxisten wirken zu können.

Zu beziehen unter Streifband direkt beim Verlag Einheit GmbH., Berlin C 2, Wallstraße 76-79 gegen Voreinsendung von 0.50 RM pro Nummer (Einschreibebrief).

Die Ruinen, die Europa bedecken, sind das Erbe des faschistischen Imperialismus, durch dessen Verbrechen sich Deutschland aus da- Völkergemeinschaft ausgeschlossen hat.

Voraussetzung der kommenden Verstän­digung ist ein auf Fundamenten echter Freiheit und wahrer Demokratie ruhender Sozialismus.

Karl Marx und Friedrich Engels haben das Ziel gezeigt, Lenin und Stalin haben bewiesen, daß die wissenschaftlich mate­rialistische Weltanschauung nicht Theorie, sondern eine Anleihe zum praktischen Handeln ist.

„DieseWeltanschauung heißt darum dialek­tischer Materialismus, weil ihr Herange­hen an die Naturerscheinungen, ihre Me­thode der Erforschung der Naturerschei­nungen, ihre Methode der Erkentnis dieser Erscheinungen die dialektische ist, und weil ihre Deutung der Naturerscheinun­gen, ihre Theorie die materialistische ist."

„Der historische Materialismus ist die Ausdehnung der Leitsätze des dialek­tischen Materialismus auf die Erforschung des gesellschaftlichen Lebens, die Anwen­dung der Leitsätze des dialektischen Mate­rialismus auf die Lebenserscheinungen der Gesellschaft, auf die Erforschung der Ge­schichte der Gesellschaft”

Die Schriften, in denen die Lehren dieser erhaben-revolutionären Weltanschauung gezeigt werden, sind in den hinter uns lie­genden Jahren des Terrors vernichtet wor­den,'so daß wir auch hier vor einem An­fang stehen. Manches ist geschehen, bei weitem nicht alles.

An dieser Stelle soll laufend über Neu­erscheinungen berichtet werden, die der kennen muß, der es mit der Verwirk­lichung echter Demokratie ernst meint

Mannheimer Spruchkammer arbeitet fieberhaft

Bis zum 31. 7. 46 müssen alle belasteten Personen, auch Mitläufer, deren Fälle von der Spruchkammer noch nicht bereinigt sind, entlassen werden. Die Mannheimer Spruchkammer ist z. Zt damit beschäftigt, eine größere Anzahl von Fällen, angeblich nur Mitläufer, bis zu diesem Datum im schriftlichen Verfahrenswege zu erledigen. Es heißt zwar, daß es sich nur um Personen handle, an deren Weiterbeschäftigung die Allgemeinheit interessiert sei. Aber wie will man denn die Tatsache erklären, daß beispielsweise Nazibeamten, die seit länge­rer Zeit schon ihren Dienst quittieren muß­ten, jetzt schon von ihren Dienstvorständen die Zusage erhalten haben, daß sie noch in diesem Monat ihre alten Stellungen wieder einnehmen könnten? Aber auch jene, die z. B. in städtischen Betrieben vorläufig ihre Stellung verlassen mußten, aber einen Warteposten bezogen haben, d. h. die an irgend einem anderen Amt angeblich als „einfache Arbeiter“ weiterbeschäftigt wur­den, setzen ihre gane Hoffnung auf die Tätigkeit der Spruchkammer im Monat Juli. Schon bevor diese Institution regulär zu arbeiten beginnt, scheint sie sich in der Hauptsache nicht mit der Reinigung unseres öffentlichen Lebens vom Nazismus, sondern mit der Reinwaschung der Nazis zu befas­sen. Wir sind im Besitz zuverlässiger Nach­richten darüber, daß, gefördert von ver­schiedenen Stellen, die Wiedereinsetzung bekannter nazistischer Persönlichkeiten be­absichtigt ist. Die Mannheimer Antifaschi­sten werden gerade in den nächsten Wochen besonders wachsam sein müssen, um die Pläne der Reaktion zu verhindern.