Samstag, 20. Juli 1946

Nummer 6 — Seite 3

Neuwerden

der deutschen Wirtschaftsstruktur

Der Import- und Exportplan des Kontrollrats — Die kommenden Entscheidungen Die in der letzten Woche zu Ende gegangene, ziemlich feststehende Summe von etwa 1,5 Milliar-

Konferenz hat zum Schlüsse eine lebhafte Erör­terung der deutschen Fragen gebracht, vor allem auch Vorschläge über Verbesserungen des Inter- zonen-Handels und eine Nauankurbelung der Ein- und Ausfuhr, die ihrerseits von einer Abgrenzung der Reparationsleistungen und der Erzeugung für den eigenen Bedarf abhängt. Der englische Außen­minister B e v i n hat dabei vorgeschlagen, den Überschuß in einer Zone, der sich aus der laufen­den Produktion ergibt, zur Ausgleichung eines De­fizits in einer anderen Zone zu verwanden, und ihn nur dann als Reparationsleistung auszuführen, wenn in anderen Zonen die Zahlungsbilanz keinen Fehlbetrag mehr aufweist. Der Bevin-Plan wurdet zwar von Molotow in verschiedenen Punkten ab­gelehnt, dennoch ist nun die Diskussion über diese aktuellen deutschen Wirt­schaftsfragen in Fluß gekommen und wird wohl bis zur neuen Konferenz der Außenminister im Spätherbst, die sich

mit der Fixierung eines neuen deutschen Statuts und den deutschen Wirtschaftsfragen beschäftigen soll,

zu festeren Planungen gediehen sein.

Für die nächste Zeit ist der große Pro­duktionsplan des Kontrollrats, der vor einigen Wochen veröffentlicht wurde, die ein­zig maßgebliche Richtschnur für langfristige und kurzfristige Unternehmungen. Dieser Plan, der auch den Export und Import regelt, wird für die deutschen Wirtschaftszweige solange maßgebend sein und sicherlich auch zu einem großen Teil in die definitiven Bestimmungen übernommen wer­den, die sich bei den nächsten Verhandlungen er­geben. Der Produktionsplan des Kontrollrates sieht vor, daß gegenüber der Industriekapazität von 1938 ein um 45 bis 50 Prozent niedrigerer Stand erreicht werden soll, der ungefähr den Verhältnissen von 1932 entspricht. Dies würde für den allgemeinen Lebensstandard eine etwa 3 0- prozentige Senkung gegenüber dem Vorkriegsniveau bedeuten. Bei einem Ver­gleich zwischen den Produktionsziffern und dem Außenhandel, der der deutschen Wirtschaft künf­tig gestattet werden soll, stellt man fest, daß dSr Anteil Deutschlands am Welthandel stärker be­schnitten wird als die gesamte Produktionskraft.

Die Ausfuhr wird in Zukunft durch die Einfuhr bedingt. Deutschland kann sich also nicht — neben der Deckung des Bedarfs an Rohstoffen und Le­bensmitteln — aus dem Welthandel Devisen­reserven schaffen,' sondern muß

eine äußere Bedarfsdeckungswirtschaft treiben. Es ist ziemlich genau fixiert, was für die Lebensmitteleinfuhr abgezweigt werden muß. Eine

den Mark verbleibt für die Einfuhr von industriellen Rohstoffen, Halb­fabrikaten und Fertigfabrikaten. Im Jahre 1932, dessen Lebensstandard bei der Neu­regelung zum Vergleich herangezogen wird, hat Deutschland für etwa 2,4 Milliarden Mark Roh­stoffe und Halbfertigwaren und für 727 Millionen Fertigfabrikate eingeführt. Von der Ausfuhr, die etwa 5,7 Milliarden Mark betrug, entfielen 4,5 Milliarden auf Fertigwaren. Deutschland war

demnach ein ausgesprochenes Veredelungs­land. Danach will man auch künftighin den Außenhandel einrichten, weil hier eine große Er­giebigkeit der Ausfuhr möglich ist.

Der Einfuhr- und Ausfuhrplan ist zweifellos sehr sorgsam erörtert und ausgearbeitet worden. In verschiedenen alliierten Kommentaren wird aber darauf hingewiesen, daß sein Gelingen und Funk­tionieren von einer Regelung des wirtschaftlichen und politischen Statuts abhängig ist, die in den nächsten Monaten erwartet wird. Eine offene Frage ist es auch noch, ob Deutschland für jenSn Export, auf den es in den kommenden Jahren an­gewiesen ist, entsprechende Märkte finden wird. Die nächste Zukunft wird darauf die ersten Aus­künfte geben. Die erwarteten politischen Lösungen sind mit den wirtschaft­lichen eng verbunden.

650sMillionentfDollartfKredit für Frankreich

Der Direktor der Export- und Importbank, Chesney Martin , der für die USA . das ameri­ kanisch -französische Kreditabkommen unterzeich­net hat, erklärte hierzu unter anderem: „Das Kre­ditabkommen über 650 Millionen Dollar, die Frank­ reich von der Export- und Importbank zur Ver­fügung gestellt werden, und das am Samstag in Washington unterzeichnet wurde, ist dazu be­stimmt, den wirtschaftlichen Wiederaufbau Frank­ reichs , das durch den Krieg verwüstet wurde, zu unterstützen.“

Martin führte weiter aus: „Der Kredit läuft bis zum 30. Juni 1948. Die Bedingungen sind die glei­chen, wie sie bei der Export- und Importbank üb­lich sind, das heißt, die Summe ist in halbjähr­lichen gleichen Raten bei 3 Prozent Verzinsung jährlich vom 1. Januar 1952 ab innerhalb 20 Jah­ren zurückzuzahlen.“

Der Verwendungszweck dieses Kredits verteilt sich wie folgt: 470 Millionen Dollar sind für den Ankauf von amerikanischem Material be­stimmt, 100 Millionen Dollar für den Ankauf von Rohstoffen und der Rest in Höhe von rund 80 Millionen Dollar für die Bezahlung der Unkosten, die mit den oben angeführten Einkäufen in Zu­sammenhang stehen: Entlohnung des amerikani­ schen Personals, Seetransporte usw. Diese Ein­käufe werden von französischen privaten Import­unternehmen getätigt, außer in den Fällen, in denen es sich um Gebrauchsgüter handelt, die noch der Kontrolle der französischen Regierung unter­stehen.

Auf Antrag Frankreichs sieht das am Samstag veröffentlichte Abkommen vor, daß die Export- und Importbank damit einverstanden ist, daß die Kreditbriefe der französischen Handelsbanken garantiert werden. Alle Einkäufe, die von Privat­firmen getätigt werden, sind vertraglich gegen Transportrisiko varsichert Die Zahlung der Ent-

Beginn und Dauer der 21er~Konferenz

Schädigungen für Verluste ist in Dollar vorge­sehen.

Martin wies darauf hin, daß der 650-Millionen- Dollar-Kredit für Frankreich gleichzeitig mit der Unterzeichnung der Wirtschafts - und Fi­nanzabkommen zwischen Frankreich und den Vereinigten Staaten durch Leon Blum gebilligt wurde. Er erinnerte außerdem daran, daß die Export- und Importbank bereits im letzten Jahr Frankreich einen Kredit von 650 Mil­lionen Dollar gewährt hat.

Vierparteienregierung in Belgien ?

Regierungsnaeubildung — Um Leopold III .

Das belgische Kabinett van Acker, eine Koa­litionsregierung der Sozialisten und Liberalen, ist bei einer Abstimmung im Senat in der Min­derheit geblieben und hat seinen Rücktritt er­klärt. Der tiefere Grund der Regierungskrise ist darin zu suchen, daß die Wirtschaftspolitik der Regierung, die darauf ausging, die Preise zu senken und die Löhne und Gehälter auf ihrem gegenwärtigen Stand zu halten, von einem gro­ßen Teil der Kammer nicht gebilligt wurde und auch Gegnerschaft bei einem Teil der eigenen Anhänger fand.

Als Ausweg aus der Krise wird vielfach eine sozialistisch-katholische Koalition — wie in Holland — empfohlen, doch steht dem zunächst noch die unterschiedliche Beurteilung der Königsfrage im Wege. Ein großer Teil der Christlich-Sozialen tritt noch für Leopold IIIL ein, während die Sozialisten scharfe Gegner des Königs sind.

Nach dein neuesten Mitteilungen aus Brüsseler politischen Kreisen soll die Bildung einer Regierung aus sechs Katholiken, sechs Sozialisten, drei Liberalen und drei Kommunisten beabsichtigt sein. Ein katholischer Parlamentarier teilte mit, daß die Vorbedingung für jede katholische Mit­arbeit eine Verständigung zwischen allen Parteien sei, die ermöglicht, eine Formel für die Durch­führung

Von den 21 Mächten, die an der kommenden Friedenskonferenz teilnehmen werden, befanden sich 20 im Krieg mit Italien , zwölf mit Bul­ garien und Ungarn , elf mit Rumänien und zehn mit Finnland . Eine der Mächte, die an der Konferenz teilnehmen, Norwegen nämlich, be­fand sich mit keinem dieser Staaten im Kriegs­zustand. Der Plan für die Geschäftsordnung, die für die Konferenz maßgebend sein soll, sieht vor, daß in gewissen Kommissionen, vor allem in den­jenigen, die sich mit den Grenzfragen zu be­fassen haben, nur diejenigen Mächte vertreten sind, die sich mit dem Staat im Kriegszustand be­fanden. dessen Grenzen vor dieser Kommission zur Diskussion stehen.

Die Friedenskonferenz

beginnt am 29. Juli und wird nach offiziellen

Schätzungen bis zum 3. oder 4. September dauern.

Die ersten zehn Tage werden mit Debatten über die Geschäftsordnung ausgefüllt sein, nach der sich die Vollkonferenz abwickeln soll. In dem dar­

auffolgenden Wochen werden vor allem die Kom­missionen tätig sein. Es ist damit zu rechnen, daß es dabei zu besonders schwierigen Debatten kommen wird. Unmittelbar nach Abschluß der 21er-Konferenz wird die Viererkonferenz in Paris zusammentreten, um die Friedensver­träge mit Italien , Bulgarien , Ungarn . Rumänien und Finnland auszuarbeiten. Obwohl die Ge­schäftsordnung für diöse zuletzt genannte Vierer­konferenz noch nicht festgelegt ist, kann doch damit gerechnet werden, daß die Ausarbeitung des Friedensvertrags mit Finnland von den Außenministern der UdSSR , und Großbritanniens allein vorgenommen wird, während die Friedens­verträge mit den Balkanstaaten von den Außen­ministern der UdSSR., Großbritanniens und USA. , und der Friedensvertrag mit Italien von Frank­ reich zusammen mit seinen drei Alliierten zur Ausarbeitung gelangt,.

In diplomatischen Kreisen wird erwartet, daß die Unterzeichnung der Friedensverträge vor dem 23. September, dem Datum für die Zusammen­kunft der Generalversammlung der Vereinten Na­ tionen , erfolgen kann.

einer Volksbefragung in der Königsfrage

zu finden. Er fügt hinzu: Der König würde aus dem Ergebnis dieser Volksbefragung die Folge­rungen selbst ziehen.

Van Acker glaubt, daß das Land eine stabile Regierung nötig hat. Aber es ist offensichtlich, sagte er, daß eine solche Regierung nur unter Beteiligung der Katholischen Partei denkbar ist, die ihr eine solide Mehrheit sichern würdet

Der Prinzregent empfing die Führer der ver­schiedenen” Kammerfraktionen und van Acker. Man soll die Hypothese einer Vier-Parteien- Regierung erwogen haben.

Amerikanische Pakete für Deutschland

Die Abteilung für Internationale!, Handel des amerikanischen Handelsministeriums hat, wie ein .amtlicher Sprecher am Samstag erklärte, die Verschickung von Geschenkpaketen mit Nahrungsmitteln und Kleidung an Deutsche in dar amerikanischen Besatzungszone gestattet.

Notgebiete Europas und Indiens

Ein Viertel der Menschheit lebt von Hunger­rationen

Ein volles Viertel der Bevölkerung der Erde lebt gegenwärtig von Hungerrationen, erklärte der amerikanische Handelsminister Henry Wal* lack während einer Ansprache an eine ameri­ kanische Jugendkonferenz, die sich mit dem Er­nährungsproblem beschäftigt. Allein in Europa gebe es 150 bis 200 Millionen Menschen, deren Lebensmittelrationen nicht zur Erhaltung ihrer Gesundheit ausreichten. Die Ernährungs­krise in Europa komme in ihrer Schwere noch nicht an die in Indien herrschende Hun­gersnot heran. Wenn nicht noch vor Einbringung der nächsten Ernte Hilfe nach Indien gelange, würden dort 15 Millionen Menschen Hungers ster­ben. In China sei die Ernährungslage fast so ernst wie in Indien .

Wallace wies darauf hin, daß nach Aushebung der Preiskontroll-Bestimmungen in den Vereinig­ ten Staaten für Fleisch, Butter, Eier und Milch die Nachfrage nach Brot und Getreide zu Futter­zwecken noch ansteigen würde, damit aber stände noch weniger Getreide für die menschliche Er­nährung zur Verfügung.

England verstaatlicht seine Kohlengruben

Der Gesetzesvorschlag über die Nationalisie­rung der Kohlenindustrie wurde vom britischen Parlament endgültig angenommen und bedarf nur noch der Bestätigung durch den König.

Internationale Gewerkschaftsvertreter über Deutschland

Eine aus Vertretern des Weltgewerkschafts­bundes zusammengesetzte Kommission, die im vergangenen Februar eine Rundreise durch die vier Besatzungzonen Deutschlands unternommen hat, wird in der nächsten Woche nach Berlin kommen, um dem Direktorat der Arbeitsverwal­tung des Allierten Kontrollrats einen Bericht ihrer Reise vorzulegen.

Ein erster Zwischenbericht war dem Direkto­rat bereits im vergangenen März unterbreitet worden, während die jetzt ausgearbeitete end­gültige Fassung auf der Moskauer Konferenz des Exekutivausschusses des Weltgewerkschaftsbun­des gebilligt wurde und dem Direktorat der Ar­beitsverwaltung auf englisch , französisch _ und russisch vorgelegt werden soll. Der Bericht macht eingehende Angaben über die materiellen Lebensbedingungen der deutschen Bevölkerung in den vier Zonen, über die politische Säube­rung, den Stand der Gewerkschaften und andere auf der Rundreise gewonnene Ein­drücke.

Wirtschaft kurz gemeldet

Günstige Aussichten für die Zudterrübenernte in de# amerikanischen Zone. Die Aussichten für die Zuckerrüben­ernte in der amerikanischen Zone weroen von landwirt­schaftlichen Sachverständigen der amerikanischen Militär# regierung auf den zwei- bis dreifachen Ertrag der Vor­jahresernte geschätzt. Die Zuckerrübenkampagne be­ginnt im Oktober und endet gewöhnlich im Dezember, allerdings verschlechtern sich die Aussichten der Zucker- gewiunung insofern, als nur etw„_ 28 Prozent der zue Extraktion des Zuckers benötigten Kohlen zur Verfügung stehen.

Verluste der Rheinflotte. Von den ehemals insgesamt 8855 Rheinschiffen mit einem Gesamtladevermögen von 6,15 Mill. Tonnen sind heute nur noch 4641 Einheiten mit 3,05 Mill. Tonnen fahrtüchtig. Von weiteren 2118 Schiffen hofft man, daß sie im Laufe der Zeit repariert werden können. Die größte Rheinflotte besitzt heute Holland mit 2600 fahrbereiten Einheiten und einer Gesamttonnage von 1,8 Mill. Tonnen.

Schweden paßt seinen Wechselkurs der amerikanischen Dollarabwertung an. Die Schwedische Reichsbank hat am Freitag eine Herabsetzung des Dollarkurses um rund 14 Prozent gegenüber dem seitherigen Stand vorgenom­men, um inflationistischen Tendenzen, wie sie infolge der Aufhebung der Preiskontrolle in den Vereinigten Staaten auch für Schweden wirksam werden könnten, rechtzeitig zu begegnen. Schweden folgt mit dieser Maßnahme, die auch eine vorübergehende Genehmigungspflicht des schwedischen Währungsamtes zum Ankauf fremder Devisen einsdiließt, dem Vorgehen Kanadas , das seine Währung bereits am 5. Juli der amerikanischen Preisbewegung angepaßt hatte..

Sozialversicherung in der Türkei . Ein Sozialversidie- rungsgesetz ist zum erstenmal in der Geschichte der Tür­ kei für das ganze Land in Kraft getreten. Wie das tür­kische Arbeitsministerium bei diese Gelegenheit bekannt­gab, werden rund 300 000 Arbeiter, Männer und Frauen» unter das Gesetz fallen, das eine Unfall- sowie Krank* heits- und Schwangerschaftsversicherung umfaßt.

ZJNOTSCHKA

EINE NOVELLE VON ANTON TSCHECHOW . (Schluß)

Von allem was ich gesehen, begriff ich nur, daß Sascha und Zinotschka sich geküßt hatten. Das ist unanständig. Wenn Mama das erfährt, werden sie beide nicht leer ausgehen. Weil ich nun, wie gesagt, gescheiter war, als ich aussah, so saß ich über meinem Aufgabenbuch und dachte und grübelte. Auf meiner Fratze schwamm ein triumphierendes Grinsen. Einerseits war es angenehm, im Besitze eines fremden Geheimnis­ses zu sein, anderseits war auch das Bewußtein, daß solche Autoritäten wie Sascha und Zinotschka von mir jetzt jederzeit der Unkenntnis der elemen­tarsten Anstandsregeln bezichtigt werden können, nicht unangenehm. Jetzt sind sie in meiner Macht, und ihre Ruhe hängt durchaus von meiner Großmut ab. Ich werde es ihnen schon zeigen!

Als ich schlafen ging, kam Zinotschka wie ge­wöhnlich herein. Ich sah ihr hübsches, glück­liches Gesicht und schmunzelte.

„Ich weiß!“ sagte ich grinsend. „O — o — o!“

„Was wissen Sie?“

„O — o! Ich habe gesehen, wie Sie sich bei den Weiden mit Sascha geküßt haben ... Ich ging Ihnen nach und sah alles . . .“

Zinotschka zuckte zusammen wurde rot und von meiner „Anspielung“ getroffen, sank sie auf den Tisch.

„Ich habe gesehen, wie Sie sich . . . geküßt haben . . .“ wiederholte ich kichernd und mich an ihrer Verlegenheit weidend . . . „Aha! Ich werde es Mama sagen!“

Zinotschka sah mich längere Zeit kleinmütig an, ergriff dann, als sie sich überzeugt hatte, daß

ich wirklich alles wußte, meine Hand und flü­sterte mit bebender Stimme:

„Petja, das ist gemein ... Ich flehe Sie um Gottes willen an . . . Seien Sie ein Mann . . . sagen Sie niemand was . . . Anständige Leute spionieren nicht . . . Das ist gemein ... Ich flehe Sie an . . .“

Dank mir schlief sie die ganze Nacht nicht und kam zum Morgentee mit blauen Ringen unter den Augen . . . Als ich nach dem Tee Sascha begegnete, hielt ich es nicht aus und prahlte schmunzelnd:

„Ich weiß! Ich habe gesehen, wie du gestern Fräulein Zina geküßt hast.“

Sascha sah mich an und sagte:

„Du bist dumm.“

Er war nicht so kleinmütig wie Zinotschka, und der Effekt gelang mir daher nicht. Das reizte mich aber noch mehr. Warte! dachte ich, ich werde es dir schon zeigen ...

Es verging eine Woche. Das fremde Geheim­nis reizte und quälte mich wie ein Splitter in der Seele. Ich wollte es, koste es was es wolle, ans­plaudern und mich an dem Effekt ergötzen. Und endlich, eines schönen Mittags, wo wir recht viel Besuch hatten, schmunzelte ich blödsinnig, bückte Zinotschka hinterlistig an und sagte:

„Ich weiß . . . O — o — o! Ich habe gese­hen . . .“

„Was weißt du?“ fragte die Mutter.

Ich blickte Zinotschka und Sascha noch hinter­listiger an. Man hätte es sehen müssen, wie das Mädchen aufflammte, und was Sascha für wü­tende Augen machte! Ich biß mich auf die Zunee und fuhr nicht fort. Zinotschka erbleichte all­mählich, preßte die Lippen zusammen und aß nicht mehr. Am selben Tag, während der Abend­stunden, erblickte ich in Zinotschkas Gesicht eine eigentümliche Veränderung. Es schien strenger, kälter, wie aus Marmor, und die Augen sahen so seltsam mir geradeaus ins Gesicht Ihren Aus­

druck begriff ich sehr wohl, als Zinotschka plötz­lich, mitten in der Stunde, die Zähne zusammen­biß und stammelte:

„Ich hasse Sie! Oh, wenn Sie Abscheulicher, Gemeiner, wüßten, wie ich Sie hasse, wie wider­wärtig mir Ihr geschorener Kopf, Ihre gemeinen, abstehenden Ohren sind!“

Dann, meine Herren, sah ich des Nachts, wie sie an mein Bett herantrat und mir lange ins Ge­sicht blickte. Sie haßte mich leidenschaftlich und konnte ohne mich nicht mehr leben. Das An­schauen meiner verhaßten Fratze wurde ihr zur Notwendigkeit.

Ich beschloß, daß es am besten sei, Mama zu klagen. Ich erzählte, daß Sascha und Zinotschka sich geküßt hatten. Ich war dumm und dachte nicht an die Folgen, sonst hätte ich wohl ge­schwiegen ... Mama war von meiner Mitteilung ganz entrüstet und sagte:

„Das geht dich nichts an. Du bist noch zu jung, um darüber zu sprechen ... Übrigens ein gutes Beispiel für Kinder!“

Meine Mutter war nicht nur tugendhaft, son­dern auch taktvoll. Um keinen Skandal zu machen, kündigte sie Zinotschka nicht sogleich, sondern drängte sie langsam und allmählich aus dem Hause.

Zinotschka wurde bald darauf die Frau meines Bruders. Es ist Zinaida Nikolajewna, die Sie ja alle kennen. Hernach traf ich mit ihr zusammen, als ich schon Fähnrich war. Trotz allen Anstren­gungen konnte sie in dem bärtigen Fähnrich den gehaßten Petcha nicht mehr erkennen, behandelte mich aber doch nicht sehr verwandtschaftlich ... Und auch jetzt noch, trotz meinem gutmütigen Bäuchlein und der demütig schimmernden Glatze, sieht sie mich immer noch schief an und fühlt sich nicht recht behaglich, wenn ich meinen Bru­der besuche. „Augenscheinlich rostet alter Haß ebenso wenig, wie alte Liebe. ,,“ ,

Im Zeichen regen Kunstlebens

Kulturbrief aus Baden-Baden

CMD. Lessing führte Mozarts D-Dur-Smfonie, Debussy * „La wer" und Strawinskys „Feuervogel" wie in Baden- Baden mit seinen Philharmonikern des Südwestfunks. so in Konstanz (Kunstwochen) und Berlin (Philharmoniker) zum Siege und begleitete die überragende Pianistin Mo- nique de la Bruchollerie. Während seiner Konstanz - und Berlinfahrt hatten wir zwei Gastdirigenten: zwischen seinen Pariser , Schweizer und Scheweninger Triumphen brachte Otto Klemperer (Los Angeles , Kalifornien ) Mozarts Haffner-Serenade, Arthur Honeggers Streicher­sinfonie 1941, Glucks Ouvertüre zu „Iphigenie in Aulis^ und Beethovens V. Sinfonie zu stärkster Wirkung; Frank*» furts Rundfunkdirigent Hans Blümer gestaltete über­zeugend Berlioz’ „Phantastique" und setzte sich für Hinde^ miths „Amor und Psyche" ein. begleitete auch die sym* pathische junge Geigerin Alice Schoenfeld zu Mendels­ sohns Violinkonzert. Die Cembalistin Renate Noll erfreute mit Bachs F-molI-Konzert, Kapellmeister Afimus .dirigierte Haydn , die Moliere-Suite von R. Strauß und das hier 1938 uraufgeführte (Internationales Musikfest) Divertimento de* Schweden Larsson. Der französische Rundfunkchor sang, von Marcel Couraud lebendig geführt, entzückende Chant* von Janequin bis Debussy und Raval.

Das Theater der Stadt unter seinem neuen Intendanten Paul van der Hurk holte nach umstrittenen Anfängen mit Schillers „Kabale und Liebe " und Röslers platter „Philine" durch Unterhaltsames (Scribes „(das Wasser", Neuners „Lebenslängliches Kind") und Alsberg-Hesse» „Voruntersuchung" auf, wie durch eine Hauptmann- Gedenkfeier mit ausgewählten Dramenproben. Her­ bert Tjadens sprach über den Dramatiker im Wandel seiner acht Jahrzehnte. — Nach der verlängerten Aus­stellung „Frankreich-Baden im Spiegel der. Geschichte 1660 bis 1860" folgen zwei weitere: französische Jugendver­bände zeigen der deutschen Jugend ihre Entwicklung und Arbeiten anf allen kulturellen Gebieten; in den Städt. Sammlungen sieht man Zeichnungen und Aquarelle des Saarländers Frank. Als Gäste des Kulturrats sprachen der Dichter Herb. Eulenberg und Prof. Dr. Ernst Barthel (Köln , Oberkirch ), der die Bedeutung des Platonismus fü^ die Gegenwart verfocht, £, B*