Samstag, 20. Juli 194z

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Nummer 6 — Sette 5

KULTURSPIEGEL

Das Kind nach zehn Jahren

Von Karl Bröger

Nie hätte die ehrenwerte Frau Philomela Roth gehofft, daß ihr dieses hohe Glück zuteil würde. Öfter war sie schon die Zunge von wichtigen Ereignissen gewesen, doch eine interessantere Botschaft als diesmal durfte sie noch nicht ver­künden.

verdammten Teppich, der an allem schuld sei, und ging in die Küche hinaus, um Tee zu brauen...

Das ist die Geschichte vom kleinen Ludwig Dubs, der seine Eltern zehn Jahre warten ließ, ehe er zu ihnen kommen mochte. Es ist auch das

einzige Kind geblieben, und sein Vater vergißt nie, wenn er von ihm erzählt, so zu schließen:

„Ich war wütend auf den Bengel, aber was hat's geholfen? Am dritten Tag schon bin ich vor ihm auf den Knien gelegen. Was sagen Sie dazu?“

Mißbrauch einer Wissenschaft

Ihr gutes, breites Gesicht strahlte in seligem J* iderschein der Neuigkeit. W ie sie so die Nach­barschaft abrannte mit flatternden Schurzbändern, glich sie täuschend einer vom Nest aufgescheuch­ten Henne. In jedem Hause erzählte hrau Phi■<■>- mela von dem Kinde, das zehn Jahre verspätet in unserm Jammertal angekommen ist.

„Und denken Sie bloß, er schämt sich und 8’6ht allen Bekannten aus dem Weg! Weil er nämlich Spötteleien fürchtet! Na, diese Männer!“ Bald ging im ganzen Viertel ein großes Gak- kern an, und wo sich zwei Frauen trafen, steck­ten sie die Köpfe zusammen und mühten sich redlich, dem Kind der Eheleute Dubs ein Ei in die Wiege zu legen.

Dieses Kind war vor drei Tagen geboren wor­den und ahnte nichts von der Aufregung, die seine Geburt hervorrief.

Es lag in einem weißen Steckkissen an dür Seite der Frau Gertrud Dubs, die mit einem schwachen, verlegenen Lächeln zu ihrem Manne aufsah, der bei ihrem Bett saß und ein nach­denklich finsteres Gesicht schnitt.

Christian Dubs war ärgerlich, wirklich sehr ärgerlich, und er wußte auch warum.

Zehn Jahre waren sie nun verheiratet und hat­ten eine sehr bequeme, ruhige Ehe geführt. An- mngs ging ihr Sehnen wohl auch nach einem Kjpde, aber Jahre einer unerfüllten Hoffnung schläferten den Wunsch sachte ein. Sie hatten sich damit abgefunden, daß sie allein bleiben müß­ten, hatten sich den Vorteil dieses Zustandes ge­genseitig eingeredet und richteten dann ihr ganzes Leben danach. Manchmal kam es ihnen ja vor, als ob sie sich unmerklich immer weiter voneinander entfernten, und ein Erschrecken fiel in ihre Ge­müter. Doch gingen solche Anwandlungen immer schnell vorüber, weil sie beide glücklich bean- lagta Naturen sind.

Die Eheleute Dubs legten ihr Leben nebenein­ander an und ihr Verhältnis war das von zwei guten Nachbarn, die über den Zaun ihrer Gärten weg freundlich zusammen plaudern, wenn es nichts mehr zu reden gibt, das Gespräch beenden und vom Zaun zurücktroten. Hie und da öffnete wohl auch eins dem andern die Tür des eigenen Gartens, doch wußte jedes, daß es auf diesem Boden nur Gast ist. und zog sich nach einer Plauderstunde wieder auf den eigenen Grund zurück.

So vergingen Jahre. Nach außen führten die Dubsleute eine stille, von Stürmen ziemlich ver­schonte Ehe. In Wirklichkeit bestand diese Ehe aber nur in dem gemeinsamen Hausstand. Mensch­lich entwickelten sich Christian und Gertrud Dubs mehr und mehr zu Hagestolzen, denen das seltene Glück helfend zur Seite stand, daß eins die Sonderbarkeiten des andern in ruhiger Freund­lichkeit ertrug. Und sie hatten alle beide ihre Steckenpferde! Christian züchtete Tauben, Ger­trud trug ihre Freude und Liebe zu den Blumen. Die Zeit war wie Rost auf ihr Blut gefallen und überzog das ehedem blanke Metall ihrer Gefühle.

Dann war dieses Wunder eingetreten.

. Christian Dubs sann nach, wie es denn eigent­lich geschah, und seine Gedanken kamen immer wieder auf einen bestimmten schönen Sommer­abend zurück. Was war nur damals in Gertrud aufgewacht? Noch heute glaubte er, die weiche, behutsame Zärtlichkeit zu fühlen, mit der sie ihn an jenem Abend umgeben hatte.

Daß jedoch das daraus werden sollte, hatte Ihm bis in die letzte Zeit Kopfschütteln verur­sacht. Der Beweis lag offen am Ta», und eben schickte er sich an, lebendig zu werden.

Christian Dubs war wirklich sehr ärgerlich.

Wie kam dieser kleine Balg, der aussah wie ein gesottener Krebs, zu solch abgefeimter Bosheit? Macht ihn ohne viel Umstände zum Vater und reißt ein, was man sich in zehn langen Jahren mühsam zunaß gezimmert hat!

Was, auch heulen will der Bengel noch?

Dazu hätte wahrhaftig er — Christian Dubs — mehr und bessere Gründe. Verwöhnt durch ein Jahrzehnt der Stille war es ohne weiteres erklär­lich, warum Christian Dubs so wütende Gesich­ter schnitt, als _ sein Sohn kräftig loskreischte. Kindergeschrei ist jedem anständigen Mann ein Greuel, wieviel mrrtr noch ihm, der Beschaulich­keit über al’es stellt!

Gertrud, in der alles aufgewacht war an Müt­terlichkeit. was zehn kinderlose Jahre ge c ehlum- nrit hatte, sah mit ruhigen Augen in das un­wirsche Gesicht ihres Mannes.

„Gib mir doch den Tcof her. Christian! .... Ja, den mit Tee . . . Obacht, der Tee muß noch ziemlich heiß sein.“

Christian pende'te, den Topf hoch in der Rech­ten, äußerst gewissenhaft heran, übersah jedoch vor lauter Vorsicht und Aufmerksamkeit den Teppich, strauchelte und — da lag er auch schon neben dem Bett

Gleichzeitig schrillte ein schreckliches Gebrüll los. Ein umhersoritzender Tropfen mußte das Kind getroffen haben.

Ängstlich richtete sich Gertrud im Bett hoch, um nachzusehen, aber noch viel schneller war Christian auf den Beinen. Die Ärgerlichkeit in seinem Gesicht war wie weggewaschen. Leichen­blaß beugte er sich über das Kind, nahm mit täppisch zu greifenden Fingern die kleinen Hände und blies aus vollen Backen die übrigens ganz harmlose Brandstelle.

Es war em denkwürdiger Augenblick, als Chri­stian sein Pusten einstellte und sich aufrichtete. Da sah er nämlich das halb verwunderte, halb gerührte Gesicht Gertruds vor sich und merkte nun, daß er sich verraten hatte. Schleunigst wollte er wieder seine sauertöpfische Miene aufsetzen, was ihm aber gar nicht gelang, fluchte auf den

Hitlerische Verfälschung der Vererbungswis senschaft — Biologie gegen den Fortschritt

Nachdem wir in der letzten Ausgabe des „Kul­turspiegels“ die Entwicklung der Vererbungs­wissenschaft von Lamarck bis zum Jahre 1933 dargelegt haben, ist es heute unsere Aufgabe, zu zeigen, wie das nationalsozialistische Regime eine Wissenschaft unterdrückte bzw. verfälschte, um parteipolitische Vorteile zu erzielen. Man ging gegen die Biologie genau so vor. wie man es in allen anderen Zweigen des öffentlichen Lebens und der Wissenschaft tat: Man diktierte einfach eine „Haltung“, die den Machthabern in ihr Kon­zept paßte.

Die Lehre von der direkten Anpassung und der Vererbung erworbener Eigenschaften wurde unter­drückt. Wie man dabei mit „Beweisen umging, zeigte seinerzeit ein Lehrbuch, in welchem einem auf einen Baum okulierten Pfropfreis diese Trans­plantation als „erworbene Eigenschaft“ angerech­net und aus dem Umstand, daß es nun nicht sofort die Früchte der Wirtspflanze hervorbringt, der „Schluß“ gezogen wurde: erworbene Eigenschaf­ten vererben sich nicht!

Die Frage aber, die sich für jeden, der diese Vorgänge verfolgte, unabweisfich erhebt, ist diese: welches war der Grund, daß der Nationalsozialis­ mus ein biologisches Theorem, welches wissen­schaftlich nicht nur keineswegs negativ entschie­den, sondern experimentell wie theoretisch zuneh­mend erfolgreich unterbaut worden war, mit den ihm eigenen Methoden aus der Welt schaffte? Nach der bekannten und oben gekennzeichneten Haftung des Nationalsozialismus in wissenschaft­lichen Din»en ist dieser Grund nur in einer prak­tisch politischen Zweckdienlichkeit zu suchen, welch? den Machthabern 'und ihren afterwissen­schaftlichen Heloten durch die Lehre von der pro­gressiven Vererbung verteilt werden mußte. Mit anderen Worten:

das Problem der Vererbung erworbener

Eigenschaften paßte nicht in das politische

Alibi der offiziellen Vererbungswissenschaft.

Für die nazistische Wissenschaft gab es nur eine Weitervererbung bereits ererbter Eigenschaf­ten. Die „Erbmasse“ war folglich ewig und unveränderlich, also konstant. Dieser Grundsatz der konservativen Vererbung ist nichts anderes als die Konseauenz der Weismannschen Doktrin von der „Kontinuität des Keimplasma“. Sie führt schließlich zur Aufgabe des Entwicklungsgedan­kens überhaupt und zum alten primitiven Dogma von der Konstanz der Arten zurück, wofür sie weiter nichts als ein anderer Ausdruck ist. Denn wenn die Keimbahnen ewig und unveränderlich und artsoezifisch sind, so haben sie von Anbeginn an bereits so bestanden. Dann ist aber jede Ent­wicklungsidee illusorisch, vor allem die schöpferische Weiterentwicklung des Menschengeschlechts.

Diese These paßte aber haargenau in das so­zialpolitisch-konservative Programm der Haupt­stützen des Nationalsozialismus, der Aüo'rtunker, Industrieritter und Finanzma»naten. Nicht nur sollte jede Art ihr spezifisches Keimplasma haben, sondern jeder einzelne Mensch sollte durch seine „individuelle Keimbahn" von vornherein deter­miniert sein. Knecht war also schon „von Ge­

burt“ Knecht Herr „von Geburt“ Herr. Erster« war „von Natur aus“ ebenso zur Lohnarbeit vor­ausbestimmt wie letzterer für den Besitz. Jene Klassenscheidung, die man nach außen hin so heuchlerisch bekämpfte, jene Scheidung in Herren­tum einerseits und Knechtstum andrerseits, war damit zum naturwissenschaftlichen Begriff gewor­den. Man wollte ein „ewiges, ehernes Gesetz“ Vortäuschen, an dem, ähnlich wie an den Planeten­bahnen, nicht mehr zu rütteln war.

Für die Justiz ergaben sich hieraus folgende Konsequenzen: Da jeder Mensch durch sein Keim­plasma determiniert, so ist auch das Verbrechen verewigt.

Welch herrlicher Vorwand für die Liquidierung

von politischen Gegnern — denn diese sind die

Hauptverbrecher — durch Sterilisation, Hand­beil und Konzentrationslager!

Der Verbrecher muß wieder Verbrecher erzeugen, denn es liegt nun einmal in dieser „Keimbahn“. Also weg mit dieser Sorte! Er kann sich ja auch nicht bessern. Seine „Keimbahn“ ist ihm im Wege, und sollte ihm die Erwerbung besserer Eigenschaften trotz allem gelingen, so kann er sie auf keinen Fall vererben. Humanität dem Verbre­cher gegenüber würde den Glauben an dessen Besserung, d. h. fortschrittliche Entwicklung in sich schließen. Diese gibt es zwar laut „Keimbahn“ nicht. Also war nach dieser These jede Humani­tät unangebracht. Hitler brauchte Blut, um seine Herrschaft zu konsolidieren. Nur ein Mann seiner Psyche konnte seine Art politischen Systems auf­rechterhalten. Bei jeder Gelegenheit läuft ihm der Mund davon über, wovon das Herz voll ist.

. Blut und Boden “, „Blut und Ehre“, ..Blut und Rasse“. Dieses ewige Spielen mit dem Wort Blut hat keineswegs nur symbolische Bedeutung, es ist vielmehr psychoanalytisch verankert. Das Blut der Hitler justiz aber ist aufgrund der Keimolasmatheorie geflossen, ob man das nun wahrhaben will oder nicht.

Wenn schon der einzelne Mensch seine Keim­bahn vorp-ezeichnet hat, um wieviel mehr trifft dies dann für die stärker divergierenden Rassen zu. Durch ihr „kontinuierliches Keimolasma“ sind die Nationen ewig und unveränderlich. Wer kennt nicht die Schlagzeilen vom ..ewigen Deutschland“, vom „ewigen Japan “! In dieser Fassung sind die Nationen nicht mehr bürgerliche Konglomerate, sondern naturwissenschaftliche Einheiten, welche den höchsten Chauvinismus rechtfertigen. Man bemerkt auch hier sofort die Tendenz, eine oppor­tune Sache zum unabänderlichen Naturgesetz zu stempeln, wie dies zuvor für das Herren- und Knechtstum gezeigt wurde. Gleichzeitig kann man sich dabei heuchlerisch auf die böse Natur als höchste Instanz berufen, die das alles angeb­lich so eingerichtet hat, und lenkt so den Zorn der Sklaven tunlichst von sich ab. Es ist klar, daß der im Keimplasma verewigte Separatismus der Nationen jeden wirklich ernst gemeinten Ge­danken an eine Veredelung der Menschheit aus­schließt und den Krieg in sich birgt. Aber man kann sich ia hinter d»r Natur verstecken, in­dem man die allbekannte Propagandawalze dreht: Krieg war immer und wird immer sein. Wenn schon innerhalb eines Volkes die Divergenz der

Die Brücke

Von Werner Granville-Schmidt

Ober den Bach, der sich durch unser Dorf schlängelt, führte eine bescheidene, steinerne Brücke.

Schmal war sie, daß sich kaum zwei Wagen auf ihr begegnen konnten, und schmucklos war sie, wie eben wohl die meisten Dorfbrücken sind.

Dennoch hatte ich sie liebgewonnen und ver­weilte gerne auf ihr ein paar Minuten; denn stän­dig wechselte das Bild, das sich von ihr dem Auge bot.

Da war der Bach, der mich immer wieder fes­selte: sei es im Sommer, wenn er kristallklar und friedlich zwischen bemoosten Ouadern dahin­rieselte: ein Tummelplatz für die Dorfjugend; sei es im Herbst, oder zur Schneeschmelze, wenn er Hochwasser führte und die schmutzig-braunen, rauschenden Fluten das enge Bett zu sprengen drohten, sei es im Winter, wenn die reifüber­zuckerten Trauerweiden, die seinen Lauf beglei­teten, seine Wasser schwärzer erscheinen ließen.

Da war es zum anderen das Dorf selbst mit den stattlichen Häusern, das gerade von der Brücke aus seine verborgensten Reize entfaltete.

Seht die behäbigen Gasthöfe mit den kunstvoll »eschmiedeten Gewerbezeichen, den lustig-bunten Fensterladen und Blumenkästen, in denen bren­nende Geranien und Fuchsien, weiße und blaß­blaue Gottesaugen dem Wanderer ihren Gruß ent­bieten. Wie leuchten ihre alten Mauern im Son­nenlicht: wie wirken sie fremd und unwirklich hinter dem wabernden Vorhang der steigenden oder fallenden Nebel; wie re»en sie unsere Phan­tasie an, wenn der volle Mond sie mit milchi­gem Glanz überflutet und den Kalkbewurf zu prunkvollem Marmor verzaubert.

Ja, so sah ich meine Brücke, und so lebte sie in meiner Erinnerung, als ich im Felde weilte, während die Kriegsfurie über das Heimatdorf hinwegraste.

Nun kam ich aus amerikanischer Kriegsgefan­genschaft zurück, und einer meiner ersten Wege galt meiner alten Brücke.

Doch nur einen wüsten Trümmerhaufen fand ich vor. Wie von Gigantenfaust verschleudert deckten zersplitterte Quadersteine das Bachbett und die Anfahrtswege.

Nicht den rauschenden, pfeifenden Artillerie­geschossen. nicht den stählernen Rachevögefn, die Tod und Verderben aus der Luft herabsandten, fiel meine Brücke zum Opfer, sondern der klein- stfrnigen Wichtigtuerei von Auch-Strategen die den steinernen Boden sprengten, als dieses Unter­nehmen schon jeden Sinn verloren hatte in den Augen der Klarsichtigen, weil die Zeit erfüllt war.

Was jene erreichten, war nur, daß die umlie­genden Häuser zusammenstürzten, und daß dem entstellten Antlitz unseres Dorfes neue, tiefe Nar­ben gerissen wurden.

Warum ich dies alles erzähle? — Viele hundert Dörfer in den deutschen Gauen haben vielleicht solch gesprengte Brücke, und niemand hält es für wert, darüber eine Zeile zu opfern.

Und dennoch möchte ich es hinausrufen aus dem engbegrenzten Dorf in die Weite, denn diese Brücke zeigt mir den Weg, den Deutschland ge­gangen — und den Deutschland gehen wird!

Mutwillig, sinnlos zerstört lag die Brücke vor meinen Augen; ein einziger, bitterer Vorwurf und eine Mahnung zugleich: über Trümmer findet den Weg zu etwas Besserem — lasset auf den Auf­stieg nach dem beispiellosen Niedergang nicht all­zulange warten!

Nun also werkten sie; die Männer des Dorfes. Tag für Tag räumten sie die Trümmer, die dem Auge so wehtaten und den Verkehr behinderten, fort; Tag für Tag konnte man das Werden der neuen Brücke verfolgen.

Breiter und schöner ist sie, und wenn erst die Häuser neu erstanden sind — schon jetzt schaßen fleißige Hände in Mauerwerk und Gebälk — dann wird das Dorf sein friedliches heimeliges Gesicht wiedergefunden haben.

Und wie in meinem Dorf, so möge es sein in jedem Städtchen und in jeder Stadt

Jahre werden vergehen; doch allenthalben wol­len wir schönere Brücken in eine friedvoll neue Zeit bauen.

Flügelt ein kleiner blauer Falter vom Winde verweht,

Ein perlmutterner Schauer,

Glitzert, flimmert, vergeht.

So mit Augenblicksblinken,

So im Vorüberroehn

Sah ich das Glück mir minken,

Glitzern, flimmern, vergehn.

HeimasB H e « .»

Keimbahn Herren und Knechte festlegt, um wie­viel mehr müssen sich unter den noch unter­schiedlichen Nationen

Herren- und Knechtsvölker

heraussteifen. Selbstverständlich werden und müs­sen kraft ihrer überlegenen Keimplasma die er- steren die letzteren unterjochen. Sie haben die vom Keimplasma diktierte „Determinante“ hierzu und müssen ihre angebliche Bestimmung erfüllen. Die Menschheit kann auch dem Krieg aus eigener Kraft gar nicht begegnen, denn sonst müßte sie in ihrer großen Masse eine Eigenschaft erwerben und auf die Nachkommen vererben, nämlich einen höheren Grad von Intelligenz. Das kann sie jedoch laut NSDAP. -Doktrin nicht. Also gibt es ohnehin im­mer wieder Krieg, und der Nationalsozialist wäscht seine Hände in Unschuld.

Die Konsequenz für das Erziehungswesen haben wir damit bereits angeschnitten. Man kann in Kants Ausdrucksweise die Frage stellen: Wie ist bei Negierung der progressiven Vererbung wahre Erziehung möglich? Nun ist die Erziehung ein formales Prinzip und bedeutet eine Steigerung des Grades der Intelligenz und Moralität. Ihr Pro­dukt, die Bildung, besteht, obwohl durch mate­rielle Kenntnisse geschult und gewonnen, nicht aus diesen an sich, sondern in der dadurch er­reichten Steigerung der Urteilskraft. Das heißt aber nichts anderes als „eine Eigenschaft e r- werben“. Daß sie auch vererbt wird, zeigt die Statistik. Man darf hier nicht einwenden, daß bei dem hoch entwickelten Stande des Erziehungs­wesens vor 1938 die progressive Vererbung schon längst ein Volk von Genies hätte heranzüchten müssen. Man vergesse nicht, daß wir die Erzie­hung als systematische Kulturform erst seit weni­gen hundert Jahren haben, welche für die von der Entwicklung benötigten Zeitspannen noch sehr wenig bedeuten. Hier stoßen wir übrigens auch auf den Grund für die Schwierigkeit der Beibrin­gung experimenteller Beweise für die progressive Vererbung: die Lebensdauer des experimentieren­den Forschers ist für seine Aufgabe zu kurz. Wollen wir aber die Erziehung in diesem neuen Zusammenhang als ein mehrhundertjähriges Ex­periment betrachten, so müssen wir uns ehrlich eingestehen, daß es keineswegs vollkommen, noch nicht einmal hochentwickelt war. Namentlich ge­hörte zu den sogenannten „unkontrollierbaren Faktoren“ die Abhängigkeit der Objekte vom Geldbeutel, welche die erforderliche Allgemein­heit des Experiments beeinträchtigt.

Das Erziehungssystem des Faschismus stellt« die Kenntnisse an sich in den Vordergrund. Man wollte keine Vervollkommnung des Denkens, son­dern einen bestimmten materiellen Kenntnisstand zur Erreichung einer bestimmten Stellung oder Funktion. Nachdem die Wissenschaft den entspre­chenden materiellen Weg gegangen war, konnte man für die Erziehung nichts anderes erwarten. War die Wissenschaft für den Staat nur eine mel­kende Kuh, so ist völlig erklärlich, daß eben der­selbe Staat das Verhältnis derjenigen, die sich der Wissenschaft näherten, nur nach denselben Ge­sichtspunkten bestimmen konnte.

Das bedeutete aber die Aufgabe des Bildungs­prinzips.

Man lernte um materieller Ziele willen. Jener Idealismus, der den Studierenden um der Sache se’bSt willen antreibt, und der allein Bildungswerte hinterlassen kann, war verschwunden.

Zusammenfassend läßt sich folgendes sagen: Die Biologie konnte an materiell - handgreiflichen Früchten, abgesehen von einigen Pflanzenzucht­ergebnissen, der nationalsozialistischen Staatspar­tei so gut wie nichts bieten. Sie hat ihr jedoch in Gestalt der konservativen Erblehre, ihrem politi­schen Alibi, ein Instrument von entsetzlich aktuel­ler „Gegenwartsnahe“ in die Hand gespielt. Wir haben dessen Auswirkungen in zwölf bitteren Jahren zu spüren bekommen, die Auswirkungen der Tatsache, daß eine wissenschaftliche Doktrin sich zum Medium eines politischen Systems ma­chen ließ.

Keine Äußerung des Nationalsozialismus war mehr geeignet, den tatsächlichen Kern seines Sy­stems so zu enthüllen wie seine Stellung zu den Vererbungsfragen: eines Systems des be­wußten und zweckbedingten Auf­richtens von Hindernissen gegen­über jeder Weiterentwicklung des Menschen, im einzelnen wie in sei­ner Gesamtheit. C. Fr. Schmitt

Die Aasitellnng Frankreich -Bade*, an *vk zehn Wochen verlängert, nonnte die Aus­stellung „Frankreith-Baden im Spiegel seiner Geschieht# 1^0—1860“ im Kurhaus Baden-Baden etwa 12 000 Besucher zählen Als Nachklang wird eins ihrer Ausstellungsstücke, die Originalpartitur der „Hymne an den Rhein “, Kantate des französischen Dichters Joseph Mery , vertont von Berlins* Freund Ernest Rever. durch die Philharmoniker des Südwestfunks unter GMD. Lessing mit dem verstärkten Ip^ngelischen Kirchenchor. dem Bariton Walter Hänse und der Sopranistin Uta Gral in neuer deutscher Übersetzung uraufgeführt.

Die Salzburger Festspiele beginne» Jffl 1. August, In diesem Jahr werden die Salzburger Festspiel « wieder stattfinden. Sie beginnen am 1. August. Das von der Direktion der Bundestheater vorgesehene Programm wird sie zu einer Veranstaltung ersten Ranges machen Außerdem wird das Wiener Phiihartnn* nisehe Oyeh*st«r unter der Stabführung von Prof. Kripps eine Reihe von Konzerten geben. Auch werden Österreichische und ausländische Dirigenten, unter letztere» vor allem Charles Munch , bei den Festspielen an­wesend sein.