Mittwoch, ,7. September 1447

Nummer 74 — Seite 3

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Offenburg im Zeichen der Revolutionsfeier 1847/48

Offenburg stand am Samstag unter dem Zeichen des Gedenkens an jene zweihundert revolutionä­rer Männer, die am 12 .September 1947 jene be­kannten dreizehn Artikel verkündeten, in denen Sie Rechte und Freiheiten forderten, die das ba­dische Volk in den rückliegenden Jahren verloren hatte. Dem Rufe der Stadtverwaltung waren viele Demokraten und Sozialisten gefolgt. Nicht nur von Offenburg und Umgebung. In ganz Baden und da­rüber hinaus hatte die Offenburger Gedenkfeier größtes Interesse gefunden.

Schon in den frühen Morgenstunden versam­melte sich ein größerer Kreis von Männern, die der Kranzniederlegung an den Gräbern verdienter Demokraten

auf dem Friedhof

beiwohnten. Unter den Versammelten befand sich auch der Landesvorsitzende der Sozialdemokrati­schen Partei Badens, der Genosse J ä c k 1 e, Sin­gen. In der stimungsvollen Kapelle der Offen-, Bürger Totenstätte hielt der um die Gesamtver­anstaltung verdiente Buchdruckereibesitzer Franz Huber die Gedenkrede. Alte Offenburger Na­men von gutem Klang, deren Träger als Freiheits­

kämpfer und aufrechte Demokraten im Volke weiterleben, fanden ihre verdiente Ehrung, So die Bürgermeister Ree und Volk, die Demokraten und Sozialisten Buß, Schaible, Johann Baptist Geck, Adolf Geck , Monsch, Oskar Muser und andere. Franz Huber verstand es in ausgezeich­neter und prägnanter Art das Offenburg alter Zeit aufleben zu lassen in denen jene Männer standen, zu deren Ehrung man erschienen war. Stimmungsvolle Musik gab der Feier einen wür digen Rahmen.

Der Vormittag vereinigte in der Stadthalle die Offenburger Jugend zu einer großangelegten

Jugend-Feierstunde

die unter der Leitung von Studienrat Braun­stein einen feindrucksvollen Verlauf nahm. Die Jugend bestritt ihr Programm selber. Und das in einer Art, an der man sich freuen konnte. Musik und Gesang wechselten in bunter Folge. Im Mittelpunkt der Feier stand eine Ansprache des Prof. Dr. K ä h n i.

Zu einem politischen Höhepunkt gestaltete sich dann die

Kundgebung in der Stadthalle

>m Nachmittag, zu der eine große Anzahl Gäste, darunter auch der Herr Gouverneur Robert und der französische Sozialist Grumbach erschie­nen waren. Nachdem die Klänge eineg Bläser­chors verklungen waren, sprach

Bürgermeister Ernst

herzliche Worte der Begrüßung und knüpfte da­ran den Dank an alle, die in aufopfernder Mühe

send in die Zukunft des badischen Volkes. Cha­rakteristisch für die innere Stärke der Forderun­gen ist die Tatsache, daß sie alle beginnen mit der Forderung „Wir verlangen“. Und doch, so groß die Entrechtung des Volkes gewesen sein mag, so hart die Knechtung den Bürger drücken mußte, das Ausmaß der Rechtlosigkeit der Hit­lerzeit wäre den Männern der Offenburger Ver­sammlung unfaßbar gewesen. Heute wollen wir Und Arbeit die Offenburger Gedenkfeier erstehen im Rahmen der Selbstregierung des Volkes das

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ließen. Der heutige Tag, so sagte Bürgermeister Ernst, gelte der Erfüllung einer Dankespflicht ge­genüber jenen Männern, die vor hundert Jahren Ihr freiheitlich demokratisches Wollen verkünde­ten und damit den Anstoß gaben zu dem großen Ringen um die Freiheit, das ganz Deutschland er­faßte. Sodann nahm das Wort

Staatspräsident Wohieb

Die Zusammenkunft der zweihundert aufrechten Mänher, die vor hundert Jahren ihr Wollen in dreizehn formulierten Punkten propagierten, war das Vorspiel zu dem Geschehen in den folgenden Jahren 1848/49. Das badische Volk litt unter einem jahrelangen Druck der Reaktion, so daß eine Auslösung kommen mußte. Es war ein frei­heitlich gesinntes Bürgerttfm. das sich damals er­hob. Aber schon war auch zu erkennen das langsam anwachsende Proletariat, das sich mit der xunehrhenden Industrialisierung bildete. Die drei­zehn Forderungen wurden gestellt, um geschmä­lerte Rechte wieder zu erlangen. Darüber hinaus aber griffen die Forderungen auch richtungwei-

Streben der Zweihundert von 1847 ergänzen und wie diese der Welt verkünden: Wir verlangen die Anwendung der Menschenrechte. Wir verlangen den Frieden. Wir verlangen die Eingliederung'in eine Konföderation Europas.

Im Anschluß an die Rede des Staatspräsidenten nahm das Wort

Landtagsabgeordneter Vortisch

Er begann mit einer Untersuchung der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse, aus denen der Aufbruch der Männer von 1847 möglich war. Die Mitte des vergangenen Jahrhunderts fand ein ent­rechtetes Bauerntum, ein gedrücktes Bürgertum in . den Städten, und daneben das Erstehen eines sogenannten vierten Standes. In ausgezeichneten geschichtlichen Darlegungen präzisierte der Red­ner das Streben der Völker nach mehr und ver­fassungsmäßig verankerter Freiheit Die in Baden entstandene Atmosphäre der Rechtlosigkeit und Umbiegung der Verfassung führte zu dem „Of­fenburger Ruf", ausgehend von Männern wie Hek- ker, v. Struve, Brentano usw. Dieser Ruf war

der Auftakt zur Revolution. Das Wollen der Ru­fer ist gescheitert. Es wurde das Opfer militäri­scher Gewalt. Der einstigen Weimarer Republik ist es nicht geglückt, die so verheißungsvollen Freiheitsbestrebungen zu verwirklichen. So kam Hitler und seine verhängnisvolle Zeit Wir müs­sen erkennen, wie unendlich weit wir heute zu­rückgeworfen sind. Wir haben das kostbare Gut ler Freiheit nicht zu verwalten vermocht. Das ergibt für uns die Verpflichtung, alles einzuset­zen, um Schulter an Schulter mit der Welt den Menschenrechten wieder Geltung zu verschaffen. ♦

Den Ausführungen des Abg. Vortisch folgte die mit Spannung erwartete Rede des sozialdemokra­tischen französischen Abgeordneten 8. Grum­bach, die wir unten im Wortlaut wieder- gebea Ihm folgten die Sprecher der vier poli­tischen Parteien. Für die Sozialdemokratische Partei sprach der Genosse Bürgermeister Franz Geiler - Freiburg , für die Kommunistische Par­tei Redakteur Dr. Bitte], der anhand geschicht­licher Untersuchungen den Nachweis führte, daß die Forderungen von 1847 konform gehen mit den späteren Kampfzielen der Arbeiterbewegung. Für die demokratische Partei sprach dann Frau Dr. Teutsch -Freiburg und für dis»BCSV Ministe­rialrat FI a i g - Freiburg.

Bürgermeister Geiler

gab seiner besonderen Freude Ausdruck, auf Of- ienburger Boden, mit dem er besonders verwach­sen ist, der Männer der badischen Revolution gedenken zu können.* Es darf uns mit Stolz er­füllen, daß der damalige Weckruf an das deut­sche Volk von unserer engeren Heimat ergan­gen ist. Die politischen Verhältnisse in jenen Tagen hatten das Volk rechtlos gemacht und stan­den in Widerspruch zu den Grundsätzen des Christentums. Dem Volk fehlte die Kraft und Verbundenheit. So kam das bittere Ende. Der Mahnruf Freiligrath's könnte auch, heute, hun­dert Jahre später, geschrieben sein. Die Toten der Kriege und der nazistischen Herrschaft mah­nen uns, erkämpftes Freiheitsgut zu schützen. Zu diesem Schutz fühlte sich verpflichtet die große, nach den Revolutionsjahren erstandene Ar­beiterbewegung. Noch einmal versuchten Bis­marck und Puttkammer sich ihr entgegenzustel- Ihr Beginnen war vergebens. In stet!

Kämpfen wurden Fortschritte erzielt. Leider at fehlte dem Volke die innere Kraft, die Weimarer Republik zu sichern. Nun stehen wir, nach Hit­ lers furchtbarem Verbrechen, und Ende, wieder im Sturme der Zeit, in der besondes auch der Frau besondere Pflichten erwachsen. Es gilt, alle gutwilligen Kräfte des Volkes za sammeln um die Achtung der Welt wieder erringen zu kön­nen. Eines aber müssen wir erkennen: Der Weg zur endgültigen Gesundung des Volkes geht nur über den Sozialismus I

Der französische Sozialist Grumbach sprach!

Frankreich und Deutschland sind vom Schicksal als Nachbarn bestimmt - Der Weg zur Gesundung Europas geht über ein gesundes Deut s c h l and

Es war mir eine große Freude, als ich vor einigen Wochen eingeladen wurde, an dieser Feier teilzunehmen. Und trotzdem fragte ich mich zunächst: „Wird es kein Mißverständnis sein? — Wird nicht doch irgendwo ein Gefühl bestehen, das nicht zum Ausdruck kommt? Wird man es nicht da und -dort unnatürlich finden wenn in einem besetzten Land einer der Träger der besetzenden Nation an einer Feier teilnimmt, die eine Gedenkfeier ist für jene Männer, die vor hundert Jahren zum Unglück des deutschen Volkes eine Niederlage erlitten haben in ihrem Kampf um die Demokratie?“ Wie ich mich dazu stelle mögen Sie daraus ersehen, daß ich keine geschriebene Rede mitgeb rächt habe, und es soll auch kein Wort zu lesen sein, das den einen ver­letzen und den andern enttäuschen könnte.. Und doch stelle ich hier wieder die Frage, ist dies der Platz eines Mannes, der französischer Par­lamentarier ist, der Vorsitzender der Außenpoli­tischen Kommission der Kammer ist, ist dies sein Platz auf dieser Tribüne? Und die Antwort will ich Ihnen ganz offen zum Ausdruck bringen:

Ich würde es für unwürdig halten, wenn in die­ser Zeit der schwersten Nöte ein Redner von drau­ßen mit leisen Floskeln an Sie rühren wollte und Sie werden mir verzeihen, wem, ich die Ge­legenheit benützen will, als französischer Par­lamentarier, der sich seiner Verantwortung be­wußt ist, um Ihnen ganz offen zu sagen, warum ich mich doch entschlossen habe an dieser Feier teilzunehmen:

Weil nun einmal das Schicksal unserer beiden Völker tragisch verbunden ist, weil nun ein­mal Frankreich und Deutschland immer Nach­barn sein werden, weil seit allzu langer Zeit die Unsicherheit auf uns lastet, weil Frank­ reich dreimal von deutschen Armeen besetzt war, weil heute — im Augenblick wo selbst das große und reiche englische Volk hungert, weil heute das einst so reiche und glückliche Frankreich Hunger hat, weil das deutsche Volk und das badische Volk Hunger haben, weil heute auf der ganzen Welt ein Chaos lastet, aus dem die Weit gerissen werden muß, wenn man noch etwas retten will! (Star­ker Beifall).

Und wenn auch heute noch Vorwürfe laut wer­den, die teils stark berechtigt, teils weniger be­rechtigt sind, so gebe ich mir doch das Recht, hier zu stehen. Wenn jene Versammluhg am 12. September 1847 gekrönt worden wäre von dem Erfolg, von dem man damals in Offenburg »räumte, und die Einheit des deutschen Volkes «schaffen hättte, und wenn es nicht das mili­tärische Gesetz gewesen wäre, das dem deut­schen Volk die Einheit gebracht hätte, sondern wenn es die Demokratie gewesen wäre, die diese Einheit geschaffen hätte,

dann wäre die Weit nicht dort, wo sie heute ist — im Chaos! (Stärkster langanhaltender Beifall)

Dann würden wir heute nicht von Wiederaufbau red«, müssen, von dem Suchen- nach dem Weg, von dem Streben nach einer Menschheit, die die­sen herrlichen Namen verdient! In dem eigens zu diesem Tage gedruckten Buche steht u. a.: „Wenn diese Bestrebungen damals zum Siege ge­führt hätten, wäre vielleicht der Lauf der Nie­schichte ein anderer gewesen!“ Mich stört das Wort „vielleicht". Ich bin jedenfalls der Ansicht, der Verfasser hätte ruhig schreiben können, ohne als Prophet zu erscheinen, daß der Lauf der Ge­schichte bestimmt ein anderer gewesen wäre. (Lebhafter Beifall). Denn stellen Sie sich vor — es wäre ja leicht möglich gewesen, daß jene Män­ner in Offenburg Erfolg gehabt hätten, und jene Männer in der Paulskirche in Frankfurt , denn es war doch ihr Ziel, Deutschland die Freiheit zu bringen und die Einheit der Nation, so wie das heute noch ihr Ziel istl Aber es kam an­ders — und ich habe die Trauer in ihrer An­sprache wohl gefühlt, Herr Bürgermeister, ich habe verstanden, Herr Staatspräsident, wenn Sie von Menschlichkeit sprachen, ich habe Sie ge­hört, Herr Vortisch, wenn Sie sagen wollten, daß diese Demokratie auch heute noch das Ziel der besten Deutschen ist! Und welche sind dies? Diejenigen, die sich nicht mitschuldig gemacht haben an den zwei Kriegen, an dem Zustandekom­men eines Regimes, das einzigartig ist in seinem Verlauf und dem Elend, das es brachte über die Welt, das aber auch nur möglich war durch das Elend des deutschen Volkes in einer Masse von sieben Millionen Arbeitslosen, die sich auf einen Weg führen ließen, der sie ins Unglück führte.

Ich habe 20 Jahre lang den Sitzungen des Völkerbundes beigewohnt, auch der ‘denkwürdigen Sitzung Ende 1926, wo unter Stresemann das deutsche Volk in den Völkerbund aufgenommen wurde, ich habe aüch der Sitzung beigewohnt, als die Boten Hitlers den Auszug aus dem Völ­kerbund vollzogen und der Bruch vorbereitet wurde. Warum? Weil es galt, den Krieg vorzu- bereiten, glauben Sie es mir! (Beifall)

Deutschland, Italien und Japan hatten sich zum Kriege entschlossen und so traten sie aus dem Völkerbund aus, und sie sind die ein­zigen, die es getan haben, sie mußten es tun,, um den Krieg vorbereiten zu können. (Beifall)

Was aber wäre geschehen. Wenn Deutschland eine Republik geworden wäre? Es wäre kein Krieg 1870 entstanden, das Elsaß wäre nicht von Frankreich losgerissen worden, Deutschland wäre nicht von den Preußen regiert worden (Beifall). Deutschland hätte P/eußen aufgesogen und in seine vorbildlichen Ideen eingespannt, aber diese Idaen sind zerstört worden, weil es damals nicht gelang, der Demokratie zum Siege zu verhelfen-

Aber ich möchte auf eines aufmerksam‘machen: Wenn in Deutschland immer wieder die demokra­tische Idee besiegt wurde, so kam es in Frank­ reich immer wieder zum Siege der republikanisch­demokratischen Ideen, für die sich die Völker begeisterten.

Das deutsche Volk war steh nicht bewußt, was die Freiheit bedeutet! Man kannte sie nicht, das Volk war nicht dazu erzogen (Zustimmung). Und das ist die Trogödie der deutschen Demokratie, daß in Eurem Lande die Demokraten immer nur dann am Ruder zu sein scheinen, wenn das Land besetzt ist! Die Jugend, die die Geschichte nur oberflächlich kennt, ist in der Gefahr, daß sie das Elend, die Besetzung, den Hunger und die Unterdrückung gleichsetzt mit Demokratie! So wird sie sich natürlich nie begeistern für eine Verständigung zwischen dem deutschen und dem französischen Volk. Allen diesen möchte ich Zu­rufen: „Verwechselt nicht die Begriffe!* Weil die Demokratie in Deutschland nicht gesiegt hatte, weil es keine Republik mehr hatte, weil es kein republikanisches Regime hatte, weil es seine Weimarer Republik zerstört hatte, weil es die ganze Welt zu Sklaven machen wollte, deshalb habt Ihr' jetzt das harte Schicksal eines besetzten Landes, wie wir es vier Jahre lang gehabt haben, besetzt bis in den letzten Bauernhof hinein. Wir haben es erlebt, mein eige­nes Schicksal war es auch, ich kenne es — als ich zuriiekkam fand ich nichts mehr, kein Haus, keine Wohnung, keine Möbel, »eine Erinnerun­gen —

Aber das ist das Schicksal von Millionen, weil

Deutschland eine Verräter-Regierung hatte — vergessen Sie es nicht (Beifall)

Wir müssen große Anstrengungen machen, um ans zu verstehen, ich weiß, es ist ja schon in den einzelnen Familien schwer, sich zu verstehen, aber um wieviel mehr ist es notwendig, daß die großen Völker jpid Nationen sich gegenseitig ver­stehen! Die Franzosen wissen es, wag es heißt, besetzt zu sein, keine richtige Freiheit zu haben, ich verstehe die Trauer, die aus Ihrer Ansprache sprach, Herr Bürgermeister, aber leider sind nicht alle objektiv. Aber auch in Frankreich herrscht große Not, trotz aller Sonne, die nun dieses Jahr auch noch aus dem südlichen Frankreich nach Baden gekommen zu sein scheint. Wir verstehen weicher Druck lastet auf allen Menschenherzei»

Wenn wir von Kohle sprechen, so müssen wir es tun, wir müssen unsere Produktion wieder in die Höhe bringen, denn unsere Produktion wurde durch die deutsche Besatzung zerstört Wir müs­sen mit Objektivität, Gleichmut und mit Sach­lichkeit an den Wiederaufbau von Europa heran- gehen. Ohne Deutschland ist dieser unmöglich! jedoch ein Vorzug Deutschlands wäre eine mo­ralische Gefahr, der Ausgleich muß gefun- I

den werden für Deutschland und seine neue De­mokratie und seine neife Republik , die auf eine wieder gesundete Volkswirtschaft zu stellen sind.

Deutschland muß genügend produzieren, daß es dem Ausland bezahlen kann, was es kau­fen muß, und daß es auch seine Reparationen bezahlen kann, von denen man es nicht be­freien kann, die aber in vernünftiger Weis« festgesetzt werden müssen. Es muß gelingen, die Völker wieder in ein Gleichmaß zu bringen.

Sie sollen nicht sagen, daß ich von Blumen spreche, welche in Wirklichkeit Disteln sind, aber die 12 Jahre Hitlerregime, mit allem, was sie an Bestialität hervorgebracht haben, haben in den Augen der Welt das ganze deutsche Volk zu Mit­schuldigen seiner Verbrecherregierung gemacht Es sind langjährige und geduldige Anstrengungen zu machen, um dieses Mißtrauen zu zerstören, das ist die Tragik der deutschen Demokratie — aber kein Volk soll ausgeschlossen sein von dieser Gemeinsamkeit. Stellen Sie sich vor, wenn diese Revolution nicht gelungen wäre zwischen diesen beiden Kriegen! Wenn das Geld, das Amerika in seinen Anleihen nach Deutschland goß, nicht für die Aufrüstung verbraucht worden wäre, wenn diese Herren vom Rheinland , von der Saar und der Ruhr nicht ihie Stellung zur Förderung des Nationalsozialismus gebraucht hätten, stellen Sie sich vor, wenn die großen politischen Parteien im Angesicht der drohenden Hitlergefahr sich ge­einigt hätten (lebhafte Zustimmung) und angesichts der Hitlerreden, die keinen Zweifel ließen über sein Wollen, Hitler, der gesagt hat, daß er nicht gewinnen könne, ohne das Volk selbst,

wenn diese Parteien sich hätten einigen kön­nen dann wäre es nicht zum Kriege gekom­men (Starker Beifall) und heute würde Europa nicht verwüstet sein, Deutschland würde nicht in Trümmern liegen, Sie würden keine Be­satzung haben, England würde nicht gezwun­gen sein, sich um Hilfe an Amerika za wenden!

Das ist die Verantwortung, die auf denjenigen lastet, die das Vertrauen eines 70-Millionen-Vol- kes mißbraucht haben mit Weltteherrschungsideen ohne zu sprechen von den 5,5 Millionen Juden, die durch dieses Land umgekommen sind. Alles dies lastet nun auf dem Ruhm des deutschen Volkes und das ist die Tragik des deutschen Vol­kes. Und trotzdem muß es ein Ende nehmen! Niemand weiß, wie lange die Besatzung dauert, aber sie wird bestimmt nicht so lange dauern, als viele glauben. Man muß die deutsche Ar­beitskraft richtig einsetzen und die Menschen zur Demokratie führen. Dann wird sich das wahre Bild des deutschen Volkes zeigen, das seiner großes Philosophen, seiner Dichter und Musiker würdig ist Dann soll das deutsche Volk die ,Ode an die Freude “ wieder lesen, ohne daß es sie als einen Hohn auf die Wirklichkeit empfin­den muß, dann soll die IX. Symphonie nicht mehr nur ein Traum sein, wie unter Hitler, wo es nicht hieß: „Seid umschlungen“ nein, sondern seid ver­sklavt, Millionen I Da gab es keine Freude aus Elysium, sondern da gab es Rassenhaß! Und es ist nötig, daß dieses deutsche Werk endlich nach einem Jahrhundert und darüber hinaus verwirk­licht wird.

Frankreich hat kein Interesse daran, ein zer­rissenes Deutschland zu sehen. Ich wieder­hole, was ich in Frankreich gesagt habe, im Parlament: Frankreich und die Welt haben di« gleichen Interessen und betrachten auch Deutschland und Frankreich als die Verstän­digungsbrücke zwischen allen Völkern

Mögen sich darüber die Völker im Klaren sein, die die entscheidenden Worte zu sprechen, haben, und die endlich ein Statut schaffen sollen, das den Frieden festlegt, die größte Verantwortung liegt bei den Vereinigten Staaten und bei Ruß­ land . Ein in zwei Teile gerissenes Europa und ein ebenso zerrissenes Deutschland ist ein Un­ding und eine große Gefahr, über die der Kriegs?- gott nur vergnügt grinsen würde! Wir wollen den Kampf gegen di e Kriegsgefahr aufnehmen und wir wollen in einem einheitlichen Deutschland di« Garantie für «ine bessere Zukunft sehen.

Und so wollen wir der Männer von 1847 ge­denken in der Hoffnung, daß in 100 Jahren wie­der Gedenkfeiern abgehalten werden, wo die Red­ner dann frohen Herzens sagen können v „Dies­mal haben wirs geschafft!“ Stürmischer Beifall)

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Der Abend brachte sodann die von allen er­wartete

Neunte Symphonie

von Ludwig van Bethoven . Verschiedene Männer­chöre unserer Stadt, Kirchenchöre von Offenburg und Umgebung, Jugend und eine starke musika­lische Besetzung hatten sich eine große, mühevoll« aber dankbare Aufgabe gestellt. Musikdirektor Peter S e e g e r führte diese Aufgabe zu e.ner glänzenden, imponierenden und künstlerisch werf­vollen Lösung. Stumm und ergriffen lauschte-die Menge des vollgefüllten Saales den ersten Sätzen des Werkes, um dann mitgerissen von dem Ju-. bei der Töne innerlich entflammt dem genialen Meister zu folgen. Jauchzend und jubilierend, immer gewaltiger erfassend, wurden die Hörer be­herrscht, um dann unter dem glanzvollen Ende der Musik ein herrliches Erlebnis mitzunehmen. Den Mitwirkenden und ihrem Dirigenten herz­lichen Dank.

Nun sind die Tage der Erinnerung an die „Ent­schiedenen Verfassungsfreunde“ und ihr Wirken vor hundert Jahren verklungen. Möge es den Menschen der Gegenwart gelingen, aus Not und Elend hinüberzuschreiten in eine bessere Zukunft, in der die Menschenrechte, die nach der Erstür­mung der Bastille so verheißungsvoll verkündet wurden, auch iür unser Volk ihre Geltung er­halten. M.

VM

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