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Samstag, % September WS

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Gold an Bord,

Von Alexander Keller

Als die „Cäcilie Droste“ Schanghai anlief, kamen zwei Chinesen zu Kapitän Dill. „Sie sind uns empfohlen worden“, sagte der eine — er bannte sich Hsu-Fing —, „und wir möchten Ihnen drei Kisten Gold anvertrauen. Das Gold soll nad\ Manila gebracht werden ...“

Dill nickte. „Ich habe nichts dagegen. Brin­gen Sie alle Papiere und so weiter — und das Gold ... dann reden wir weiter ... wer ist der Herr da?“ Dill wies auf den zweiten Chinesen, der bisher stumm dagesessen war.

„Herr Tschu-Ming“, entgegnete Hsu-Fing. „Er spricht nur chinesisch.“ Am Nachmittag kamen die beiden Chinesen wieder und brach­ten drei Kisten Gold an Bord. Kapitän Dill las die Papiere — sie waren in Ordnung —; dann befahl er, die Kisten in seine Kajüte zu stel­len. Hsu-Fing wollte eine lange Erklärung ab­geben, aber Kapitän Dill unterbrach ihn.

„Ich habe alles gelesen und verstanden“, meinte er ungeduldig. „Das Gold darf nur bei­den Auftraggebern ausgefolgt werden, niemals einem allein. Ich werde mich danach richten. Auf Wiedersehen ...“

Die „Cäcilie Droste“ sollte am nächsten Abend die Anker lichten. Am Vormittag kamen die Herren Hsu-Fing und Tschu-Ming an Bord.

„Wir bitten Sie um Entschuldigung“, sagte Hsu-Fing, „aber unvorhergesehene Umstände zwingen uns, das Gold wieder an uns zu neh­men. Wir werden Sie natürlich entschädigen.“

„Nehmen Sie Ihre Kisten und gehen Sie von Bord“, knurrte Dill. „Ich werde sie am Nach­mittag abholen lassen“, sagte Hsu-Fing.

„Solche Sachen liebe ich ganz besonders“, wetterte Dill. „Warum, zum Teufel, sind Sie denn jetzt gekommen?“

„Weil wir — laut Vertrag — alle beide an­wesend sein müssen, wenn das Gold behoben wird. Wir waren jetzt bei Ihnen, die Sache ist in Ordnung. Sie können daher am Nachmittag die Kisten anstandslos unserem Bevollmächtig­ten ausfolgen

Eine Stunde vor Abfahrt der „Cäcilie Droste“ kam ein Mann mit einem Zettel, und Dill über­gab ihm die drei Kisten. Am Ufer stand Hsu- Fing und winkte dem Kapitän herzlich zu ...

Einen Monat später kam die „Cäcilie Droste“ wieder nach Schanghai . Unmittelbar nach dem Anlegen kletterte Herr Tschu-Ming an Bord, begleitet von einem Dolmetsch. Dill fragte die beiden, was sie wollen. „Die Goldkisten“, sagte der Dolmetsch, „die die Herren Tschu-Ming und Hsu-Fing Ihnen übergeben haben ... Herr Hsu-Fing ist zwar augenblicklich abwesend ...“ Kapitän Dill bekam einen roten Kopf. „Die Kisten habe ich am Tage nach der Übernahme den beiden ausgefolgt.“

„Davon weiß Herr Tschu-Ming nichts“, sagte der Dolmetsch. „Laut Vertrag sind die Kisten' nur beiden Herren auszufolgen gewesen. Sie haben sie einem ausgefolgt.“

„Tschu-Ming hat aber zugestimmt“, schrie Dill erbost.

„Keineswegs“, entgegnete der Dolmetsch. „Sprechen Sie denn chinesisch? Sie werden un s eine Entschädigung zahlen müssen. Wir ver­langen 30 000 Dollars.“

„Ich werde keinen Pfennig bezahlen“, knurrte Dill.

Er ging zum deutschen Konsul; dieser machte ein bedenkliches Gesicht. „Ich fürchte, Sie wer­den bezahlen müssen“, sagte er. „Man hat Sie betrogen, das ist klar; aber Sie sind im Un­recht ... Wenn es Ihnen nicht gelingt, diesen Hsu-Fing zu finden, sind Sie aufgesessen.“

Am Nachmittag erschien wieder Herr Tschu- Ming und sein Dolmetsch. „Haben Sie die 30 000 Dollars?“ fragte der Dolmetsch.

„Nein“, entgegnete DM freundlich. „Warum soll ich zahlen?"

„Weil Sie die Kisten nicht mehr haben.“

„Sie Döskopp“, lachte Dill, „die Kisten stehen in meiner Kajüte — Sie können sie jeden Augenblick haben.“

„Dann geben Sie sie her ...“

„Ich bin nicht verrückt“, schrie Dill und hielt dem Dolmetsch den Vertrag unter die Nase. „Ich darf das Gold nur beiden Herren ausfol­

gen. Rufen Sie Herrn Hsu-Fing, und Sie be­kommen die Kisten ... und jetzt — raus!“

Seit drei Jahren sucht Herr Tschu-Ming Herrn Hsu-Fing, der ihn betrogen hat. Kapitän Dill fährt noch immer zwischen Manila und Schang­ hai auf und ab. In seiner Kajüte stehen drei Kisten.

„Sie sollten das Gold wirklich nicht so offen stehen lassen, Kapitän“, sagte eines Tages der Erste und wies auf die Kisten.

„Es ist nur Sand drin“, entgegnete Dill. „Für alle Fälle!“

Der größte Staatsmann

Churchill hatte bis vor kurzem einen Schwie gersohn, den er nicht ausstehen konnte. Der junge Mann, Schauspieler von Beruf, bemühte sich, diese Abneigung zu überwinden, aber seine Anstrengungen blieben ohne Erfolg; Schließlich — es war nach einem offiziellen Diner in Che- quers, Churchills Landsitz — fing er sogar an, von Politik zu reden und rühmte die Erfolge des „größten Staatsmannes der Gegenwart“, womit er offensichtlich seinen Schwiegervater meinte. Churchill , sonst für Schmeicheleien empfäng­lich, hörte ihn schweigend an. — „Habe ich nicht recht, Sir?“ fragte der junge Mann, als er keine Antwort erhielt. „Nein“, sagte Churchill . — „Nun, wer ist denn nach Ihrer Ansicht der größte Staatsmann unserer Zeit?“ — „Musso­ lini “, erwiderte Churchill prompt. — „Großer Gott, nein, das ist nicht Ihr Ernst! Warum ge­rade Mussolini ?“ — „Sehr einfach“, meinte Churchill und zog genießerisch an seiner Zi­garre, „weil er als einziger von uns allen Ver­stand genug besaß, seinen Schwiegersohn er­schießen zu lassen.“ K. H.

Schnellzug nach Hamburg /

Von Jo Hanns RösIer

Heute morgen ist Hugo Knall und Fall ver­setzt worden. Von Hof nach Hamburg . Zehn Jahre war Hugo in Hof gewesen, zehn Jahre hatte Hugo Hof gut gefallen, heute kam nun die Versetzung. Wer tauscht nicht gerne Hof gegen Hamburg ein? Hamburg , die große Stadt am großen Meer, die Stadt der tausend Mög­lichkeiten? Hingegen auch Hof ist nicht zu verachten, auch die Saale hat Wasser, und in Hof wohnen sehr treffliche Menschen. Vor allem waren es Otto und Bruno, seine zwei Freunde, von denen Hugo der Abschied höchst schwer fiel. Sie sollten die letzten sein, die ihm die Hand drückten, sie sollten ihn zur Bahn bringen und den Abschiedsschoppen mit ihm trinken. Deswegen schrieb ihnen Hugo einen Brief, in dem zu lesen stand:

„Teure Freunde! Morgen nachmittag drei Uhr verlasse ich unser schönes Hof für immer. Feiert mit mir den Abschied und findet Euch pünktlich vormittags zehn Uhr auf dem Haupt-

Saifon in Salzburg

Salzburgs barocker Zauber ist geblieben. Schloß Mirabell präsentiert sich mit seinem prachtvollen Garten, und die Kriegswunden sind verharscht ... bis auf die Domkuppel und das verschwundene Wohnhaus der Familie Mozart am Makartplatz blieb alles erhalten. Immer noch träumt jnan in Salzburg den Traum des Südens. Der Festspiel­besucher genießt die Andachts- und Feierstimmung unter strahlender Augustsonne.

Die Amerikaner überwiegen mit ihren Luxus­wagen und -toiletten unter den rund 3000 Festspiel* gasten. Der Dollar regiert zur Freude der Salz­ burger , die sich von der neuen Saison den stärksten Erfolg nach dem Kriege erhoffen, die Stunde als Richtschnur für gepfefferte Preise. Der Schilling Kt knapp, doch auch die D-Mark ist erwünscht, begehrt ... fünf Schilling zahlt man für eine, und datür kann man sich ein Mehrfaches kaufen als daheim. Ja, es ist nicht zuviel behauptet, wenn man feststellt, daß Dollar und D-Mark bereits in hef­tigem Konkurrenzkampf lagen. Leider hat die Militärregierung mit ihrem kürzlich«! Verbot des beliebten „kleinen Grenzverkehrs“ durch diese Rechnung für „reichsdeutsche“ Gäste einen emp­

findsamen Strich gezogen. Der Erfolg: zunächst blieben an fünfzig Plätze bei der „Welturauffüh­ rung “ von Carl Orffs „Antigone“ unbesetzt ...

Die „Auffahrt“ setzte in buntem Farbenrausch zur Freude der staunenden Salzburger zur Felsen- reitsohule ein, wo die „Zauberflöte“ durch Furt* wängler mit den Wiener Philharmoniker zu groß­artigem Menschheitsmythos aus Musik geformt wurde. Ein weiterer Erfolg wurde Beethovens „Fidelio “ (mit Kirsten Flagstads herrlich gereifter Leomore und Julius Patzaks Florestan). Den künstlerischen Höhepunkt bot Prof. Baumgartners liebevolle Erneuerung der zu Unrecht vergessenen Spätoper Mozarts „Titus“. Aufsehen erregte die einzige Uraufführung, Carl Orffs „Antigone“ zur Hökierlinschen Nachdichtung der Sophokleischen Tragödie. Hier ist ein neuer Versuch zur Intensi­vierung des hymnischen Wortes durch seltene zau­berische Klangreize. Hofmannsthals „Jedermann “ in der alten Reinhardt -Inszenierung vor der ba­rocken Dcmfassade mH Helene Thimig , Attila Hörbiger , Ernst Deutsch und Werner Krauß hat nichts von seiner aufrüttelnden Gleichniskraft ein- gobüßt K. K.

bahnhof in Hof ein! Dort wollen wir noch ei­nigen Flaschen Wein den Hals brechen. Bis dahin Gott befohlen! Euer alter Kumpan Hugo.“

Wer zählt die Gläser, nennt die Flaschen, : die auf dem Tisch der drei standen. Es war ein gewaltiges Abschiednehmen, noch einmal wurde die alte Freundschaft gefeiert, noch ein­mal die alten Erinnerungen ausgetauscht. Und jedesmal erhob man das volle Glas und leerte es bis zum Grund. Der Wirt wartete schon mit einer neuen Flasche, die Köpfe dampften, die Kehlen zischten, man sang und pfiff und lachte und klopfte sich immer zum Abschied auf die Schulter. Denn bald nahte die Stunde der Trennung. Schon war es zwei Uhr geworden, jetzt gar halb drei, der Zeiger der mächtigen Bahnhofsuhr eilte unaufhaltsam vorwärts, ! immer noch einmal füllte man die Gläser, bis i schließlich der Wirt mahnte:

„Wenn die Herren noch den Schnellzug nach Hamburg erreichen wollen — es ist höchste Eisenbahn!“

Auf dem Bahnsteig stand der Schnellzug nach Hamburg Schon gab der Stationsvorstand das Abfahrtszeichen, schon öffneten sich die Bremsen, schon drehten sich die Räder, schon begann der Zug sich in Bewegung zu setzen — da stürzten wie wild drei Männer durch die Sperre. Sie liefen, was sie konnten, den Zug einzuholen. Zwei von ihnen gelang es, in letz­ter Minute schwangen sie sich auf das Tritt­brett und kletterten ins Abteil. Nur der dritte versagte. Verzweifelt blieb er am Bahnsteig zurück. Traurig sah er dem davonfahrenden Zug nach. „Das ist ja furchtbar!“ stöhnte er. „Das ist ja schrecklich! Das ist ja fürchterlich!“

Der Schaffner trat zu ihm und tröstete ihn:

„Das läßt sich leider nicht mehr ändern, guter Mann!“

„Das ist ja furchtbar! Das ist ja schrecklich! Das Ist ja fürchterlich!“

„Wenigstens Ihre beiden Freunde haben den Zug noch erreicht!“

Da stöhnte der Zurückgebliebene laut auf und sagte:

„Das ist es ja eben! Die wollten Ja gar nicht mitfahren! Die haben mich ja nur zur Bahn gebracht!“

SINKENDE NACHT

Die Wiese rundet sich in grüner Bucht, die Dämmerung spinnt Fäden feucht und weiß, und jeder Halm trägt Blüten stumm und Frucht, die Grille zirpt, der Tag war hoch und heiß.

Nun geht er müde hin und ohne Eile, ein kleiner Käfer flog von meiner Hand, die blassen-Sterne blinzeln eine Weile und schauen ruhig nieder auf das Dana.

Vom Saum des Himmels steigt in klarem Schliff des Mondes Sichel auf in stiller Pracht und schwebt und schwimmt, ein schmales

schlankes Schiff,

mit meinen Träumen in die neue Nacht. —

Rudolf Ha betin

Caspar David Friedrich

Zu seinem 175. Geburtstag am 5. September

Caspar David Friedrich wurde 1774 in Greifs­ wald geboren. Die Ostseelandschaft von Vor­pommern und Rügen übte auf den Knaben einen nachhaltigen Einfluß aus, der noch in sei­nem späteren Schaffen spürbar ist. Der Zwan­zigjährige besuchte die Akademie von Kopen­ hagen , um dann vier Jahre später nach Dresden überzusiedeln, das er, von einigen Reisen ab­gesehen, bis zu seinem Tode nicht mehr ver­ließ. Außer Philipp Otto Runge trat er auch dem romantischen Dichterkreis um Tieck und Novalis nahe. Er selbst wurde das Haupt der romantischen Malerei seiner Zeit, die in Dres­ den ihren ersten bedeutenden Sammelpunkt fand. — Nach seinem Tode am 7. Mai 1840 wurde seine Art rasch unmodern und von den effektvolleren Werken der Düsseldorfer Schule verdrängt. Auch das spätere 19. Jahr­hundert, dessen künstlerischer Geschmack mehr auf die große pathetische Pose und die äußere Wirkung zielte, konnte den ganzen auf Ver­innerlichung gerichteten Werken Friedrichs kein Verständis entgegenbringen.

Caspar David Friedrichs Liebe gilt vor allem der Landschaft. Die Haltung, mit der er als Künst­ler der Landschaft gegenübertritt, hat er selbst mit den Worten gekennzeichnet: „Der Maler soll nicht bloß malen, was er vor sich sieht, sondern auch, was er i n sich sieht.“ Mit echt romanti­scher ' Aufgeschlossenheit suchte er das Ganze einer Landschaft zu erfassen. In einer geheim­nisvollen Wechselwirkung sah er sich selbst als einen Teil der Landschaft und die Landschaft wiederum als Offenbarung und Gleichnis eines Größeren.

Im Süden, dem damals die Sehnsucht aller Künstler in Deutschland galt, ist er nie ge­wesen. Das eigene Land war ihm genug; seine Berge und Küsten zu schauen, zu erleben und künstlerisch zu gestalten, war sein Lebens­inhalt; und das Werk, das daraus reifte, ward sein Vermächtnis an die Nation, dessen wir uns zu seinem 175. Geburtstag dankbar erinnern.

Dr. O. Gillen.

Gränes Blut

Blut ist nicht immer rot. Bei den meisten In­sekt«! ist es vielmehr gelblich, grünlich oder völlig farblos.

Man schaut wieder auf den deutschen Film!

Der deutsche Film kann mit seinem Absciineiden bei den Filmfestspielen ta Venedig se , hr _. zl t* frieden sein. Das ist die übereinstimmende Mei­nung der italienischen Presse. Nach den Satzungen durfte Deutschland nur mit zwei Filmen vertreten sen. Doch be’ide wurden durchschlagende Erfolge. Besonders die „Berliner Ballade“ riß das internationale Publikum im Filmpalast auf dem Lido zu Begeisterungsstürmen hin. Aber auch die „Mädchen hinter Gittern“ überragten nach Ansicht der führenden Italienischen Kritiker erheblich das — in diesem Jahre allerdings nicht sehr hohe — Durchschnittsniveau. Andere Länder schnitten erheblich schlechter ab. Namentlich Österreich erlebte mit dem Pabstfilm „Geheimnis­volle Tiefen“ einen eklatanten Mißerfolg. Audi von den je vier englischen und französischen Filmen fand mehr als die Hälfte keinen Anklang. Nur di© Amerikaner konnten mit allen ihren Filmen ein­deutige Erfolge buchen, ftalien hat sich seine vier Filme für die letzten Festspieltage aufgespart.

PLATIN im RIO BLANCA

BOHm TOB HERMIM HILGEMDOHFF 8

Er nahm eine Taxe und fuhr zu dem großen Bürohaus, wo der Makler seine Geschäftsräume hatte. Ein Paternoster brachte ihn an das sie­bente Stockwerk. Es war ziemlich still in dem geräumigen Gebäude. Die meisten Betriebe schienen schon geschlossen zu haben. Würde er den Makler überhaupt noch antreffen?

Vor einer Tür, neben der in goldenen Buch­staben „Juan Cicharro“ stand, machte er halt. Sie war nicht verschlossen, also mußte noch jemand da sein. Er trat in ein. großes Warte­zimmer, das mit bequemen Sesseln ausgestattet war. Die Vorhänge waren fast zugezogen, so daß ein angenehmes Halbdunkel herrschte. An der einen Seite des Raumes befand sieh ein Schreibtisch, über dem ein kleines Schild hing. „Anmeldung“ stand darauf. Aber das Zimmer war leer. Auf dem Schreibtisch lag ein Stroh­hut, der der Senorita gehören mochte, die die Anmeldung besorgte. In einem Aschenbecher qualmte eine Zigarette in einer langen, silber­nen Spitze. Mitten auf dem Tisch lag ein gro­ßes Buch auf geschlagen. Wahrscheinlich wur­den hier die Anmeldungen eingetragen. Also war die Senorita noch da und vielleicht auch ihr Chef. Sicher würde sie gleich wieder er­scheinen. Christian Malten nahm in einem der Sessel Platz, um geduldig auf die unbekannte Schöne zu warten.

Aber er schien nicht der einzige verspätete Besucher zu sein, denn plötzlich ging die Tür auf, und ein Mann schritt schnell durch den Raum. Der mußte es aber eilig haben. Er war­tete nicht auf das Fräulein; sondern ging ohne anzuklopfen gleich zu Sefior Cicharro hinein. Erkennen konnte Malten ihn nicht, denn der Fremde hatte seinen Hut tief in das Gesicht 1 gezogen. Malten wartete und wartete. Schließ­lich wurde es ihm zu langweilig. Wo mochte die Dono sein? Hatte sie inzwischen ein kleines

Rendezvous? Und war der stürmische Herr von vorhin vielleicht der gewaltige Makler selber?

Er näherte sich der Tür, durch die der andere verschwunden war. Auf sein Klopfen bekam er keine Antwort, so daß er unaufgefordert ein­trat Er befand sich aber nicht in einem Zim­mer, sondern auf einem langen Gang, der viele Türen hatte. Eine Glastür war nicht ganz ver­schlossen und er hörte deutlich Stimmen da­hinter. Er trat unwillkürlich näher.

„Cicharro“, hörte er eine fette, unsympathi­sche Stimme sagen. „Sie werden morgen an der Börse alles an Edelmetallaktien aufkaufen, was greifbar ist.“ — „Wir werden sie nachgewor­fen bekommen“, sagte eine andere Stimme.

Die fette Stimme lachte blubbernd: „So hatte ich mir das auch gedacht, ja, ja.“ — „Natürlich werden die Aktien wieder steigen, sobald wir sie alle aufgekauft haben“, hörte Malten wieder den anderen. Es mußte wohl der Makler sein.

„Das geht Sie einen Dreck an, Cicharro. Sie haben meinen Auftrag, und damit basta! Sie kaufen zu den Preisen, die morgen notiert wer­den.“ — „Es wird Sie nicht gerade ein Ver­mögen kosten“, war die sachliche Antwort Cicharros.

„Kaufen Sie nur nicht allein", fuhr die fette Stimme fort. „Lassen Sie durch Mittelsleute aufkaufen. Man könnte sonst hinter den Dreh kommen. Vorsichtig sein und kaufen, kaufen, kaufen!“ — „Ich garantiere Ihnen, daß Sie mor­gen mittag den großen Teil aller Edelmetall­aktien in der Hand haben werden.“

„Das ist ja auch meine Absicht“, blubberte der Dicke wieder los. — „Wollen Sie dann bitte diese Kauforder unterschreiben?“

Ein Papier raschelte.

„Ihre verfluchte Federfuchserei, Cicharro!“ „Ordnung muß sein“, lautete die lakonische Antwort. Dann kratzte eine Feder. Und jetzt begann wieder die unsympathische Stimme.

„Cicharro, wenn je mein Name bekannt wird, dann Gnade Ihnen Gott !“

Eine Drohung lag in der Stimme, die sogar Malten vor der Tür nicht mißverstehen konnte.

„Sie wissen, daß ich immer peinlich korrekt bin. Ich kenne Sie und werde mich hüten.“

Der andere lachte, aber dieses Lachen klang gefährlich. — „Ihr Glück, mein Lieber.“ — „Werden Sie übrigens an der Börse sein?“ fragte der Makler.

„Haha, ich werde mich hüten! Ich fliege mor­gen früh ins Innere auf meine Estaneia. Ich will nicht bei dem Krach dabei sein.“ — „Si­cher wird es morgen Heulen und Zähne­knirschen geben. Die armen Teufel . .

„Papperlapapp, wer hat sie geheißen zu spe­kulieren,“ fiel ihm der Dicke ins Wort.“ — „Und was tun Sie?“ war die kühle Frage des Maklers.

„Das geht Sie einen Dreck an! Und nun adios, amigo!“

Schritte näherten sich der Tür. Malten fuhr zusammen. Caramba! Auf keinen Fall durfte er hier gesehen werden! Er preßte sich gegen die Wand. Die Tür flog auf und verdeckte ihn da­bei. Mit klopfendem Herzen stand Malten da.

Der Dicke wirbelte heraus und steuerte auf den Ausgang zu. Jeden Augenblick konnte jetzt auch der Makler kommen oder die Senorita von der Anmeldung. Vielleicht waren noch andere Angestellte ln den anliegenden Räumen.

Leise stahl er sich wieder zurück. Die An­meldung war noch immer leer. Der Srohhut lag wie zuvor auf dem Schreibtisch. Nur die Zigarette war inzwischen erloschen.

Die Gedanken wirbelten Malten durch den Kopf. Er war sich darüber klar, ein außer­ordentlich wichtiges Gespräch erlauscht zu haben.

„Kaufen, kaufen, kaufen!“ hatte der Dicke gesagt Und der Makler hatte ihm geantwor­tet, daß er morgen alle Aktien in der Hand haben würde.

Mit anderen Worten bedeutete das also, daß hier eine gewaltige Börsenspekulation vorlag.! Doch was konnte er mit diesem Wissen an­fangen?

Zunächst war es das beste, das Lokal un -1 gesehen zu verlassen. In der Tür stieß er mit einer glutäugigen Schönen zusammen. Aha,!

die Seflorita aus der Anmeldung, fuhr es Ihm durch den Kopf. Verblüfft schaute sie den Be­sucher an.

Malten grüßte höflich und verschwand schnell durch den Ausgang. Der Paternoster hatte ihn längst aufgenommen, ehe sie sich von ihrer Überraschung erholt hatte.

Christian Malten hätte viel darum gegeben, das Gesicht des Dicken zu sehen. Er hoffte, ihn vielleicht noch auf der Straße zu erblicken. Aber draußen war niemand, der mit dem Dik- ken Ähnlichkeit hatte.

Caramba! Das war eine Teufelei, eine ganz verfluchte Teufelei Malten ballte die Faust.

Während er sich in einem kleinen Cafö einen Mokka servieren ließ, überlegte Christian Mal­ten, was er mit dem erlauschten Wissen an­fangen sollte.

Ein Bericht an die Zeitungen war einfach lächerlich! Je mehr er darüber nachdachte, desto klarer wurde ihm, daß die Unterredung zwischen dem Makler und seinem Auftrag­geber keinerlei Beweise für ein schurkisches Börsenmanöver ergaben. Papiere konnte jeder kaufen, soviel er wollte. Und konnte nicht auch jemand welche erwerben, die so gut wie wert­los waren, in der Hoffnung, daß sie doch eines Tages wieder steigen würden?

Vom juristischen Standpunkt sah die Sache jedenfalls anders aus, als vom persönlichen.

Malten war davon überzeugt, daß dieser Dicke der Urheber des Kurssturzes gewesen war. Hatte der Halunke doch wörtlich gesagt: „Ich wünsche, daß mein Name verschwiegen bleibt, denn sonst könnte man leicht hinter den Dreh kommen.“

Doch das war alles viel zu schwaches Mate­rial, um dem Kerl an die Gurgel zu gehen. Andererseits würde der Makler sich schwer hüten, den Namen seines Auftraggebers zu verraten.

Es gab keinerlei gesetzliche Möglichkeit, ihn dazu zu zwingen. (Fortsetzung folgt)