faunetag, 11 August 1950
Streiflichter —
mit und ohne Kritik
Der keusche Josef
Amüsant, aber auch ln mancher Hinsicht beschämend traurig ist ein Vorfall, den sogar die »Hamburger Freie Presse“ aus Todtnau berichtete. Dort gastierte die Tegemseer Bauem- bühne mit dem bekannten Schwank „Der keusche Josef“. Der Kaplan, der den Titel unkeusch fand, versuchte zunächst vergebens, die Jugend zu einer Demonstration gegen das Stück zu veranlassen. Kurz vor der Aufführung begab er sich in den überfüllten Gasthausaal und rief von der Bühne herab, daß hier ein Kampf gegen Schmutz und Schund zu führen sei; denn es gebe nur einen keuschen Josef, und zwar den Heiligen.
Als trotz dieses Protestes das Spiel begann, mischte sich in die Worte des Kaplans das Läuten aller Kirchenglocken, das für diesen Zeitpunkt von ihm vorbereitet worden war. Die zur Herstellung der Ruhe herbeigeeilten Polizisten bedrohte der Kaplan tätlich. Daraufhin wurde er verhaftet.
Es laufen zur Zeit: eine Beschwerde des Kaplans beim Innenministerium wegen Freiheitsberaubung, ein Strafantrag des Gastwirts bei der Staatsanwaltschaft wegen Hausfriedensbruchs, ein Verfahren der Staatsanwaltschaft zur Feststellung, ob der Kaplan sich auch des Landfriedensbruchs schuldig gemacht hat, sowie ein Zivilverfahren wegen Geschäftsschädigung, angestrengt von der Tegemseer Bauernbühne, die vor überfülltem Hause spielte.
Zum Spott noch den Schaden
REEMTSMA
OVA
Fußball ist ein Geschäft geworden, daran müssen wir uns gewöhnen. Es ist heute keine Seltenheit mehr, wenn eine kleine Gemeinde zwei berühmte Fußballmannschaften einlädt, ui» mit den erhofften Einnahmen den Ge- meindehaushalt etwas aufzufrischen. In Erbach (Odenwald ) waren die Mannschaften von Hückers Offenbach und VfR Mannheim zu Gast. Den Mannschaften hatte die Gemeindeverwaltung ein Spielhonorar von je 2500 DM zugesagt. Der VfR Mannheim gewann das Spiel hoch mit 8:0. Bis dahin geht die Sache in Ordnung. Kritisch wird die Lage erst, seitdem sich die CDU -Fraktion des Erbacher Gemeinderats auf den Standpunkt stellt, die Offenbacher hätten die in sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllt und man solle ihnen deshalb das versprochene Spielhonorar um 1000 DM kürzen. Wie dem auch sei, wer Geschäfte macht, und sei es mit Fußballern, muß damit rechnen, daß die gekaufte Ware nicht 'hält, was sie verspricht. Am besten wäre, man würde Politik, Sport und Geschäft streng voneinander getrennt halten. H. K. M
... bescheidenes Plätzchen
Anläßlich der 700-Jahr-Feier der Stadt Schopfhelm im Wiesental wurde ein Festbankett gegeben, hei dem sich ein Vorfall ereignete, den wir der Nachwelt nicht vorenthalten wollen. Wie üblich, hatten sich nämlich zum Festessen außer den geladenen Gästen z. T. auch die Gattinnen verschiedener prominenter Vertreter der Behörden eingefunden, womit man offenbar nicht gerechnet hat, so daß es Platzschwierigkeiten gab. Als dann ein Pressevertreter nach der Placierung der Presse fragte, da antwortete ihm der Organisator der Tafel, es werde sich schon noch ein „Plätzchen“ finden, es müsse ja nicht gerade neben einem Oberregierungsrat sein. Bei diesen Worten fühlte man förmlich die überdimensionale Bedeutung eines Vertreters der behördlichen „Spitze“, der man natürlich nicht zumuten kann, neben einem Presseangehörigen Platz zu nehmen.
Der Mann hat es sicherlich nicht bös gemeint und es ist auch gar nicht so aufgefaßt worden- Aber kommt im Verhalten dieses Mannes nicht doch die Einstellung der deutschen Behörden zur Presse 2 um Ausdruck? Wilhelm II. sprach einmal von den „Pressebengeln“. Im großen und ganzen hat sich im behördlichen Deutschland diese Einschätzung bis auf den heutigen Tag erhalten. Wir sahen das wieder einmal mehr in Bonn , wo der Bundestagspräsident Dr. Köhler die Presse barsch aufforderte, die Pressetribüne zu räumen, während die Pressevertreter an dem weiteren Ablauf der parlamentarischen Dinge lebhaft interessiert waren.
In der benachbarten Schweiz wird der Presse bei allen Anlässen ein bevorzugter Platz eingeräumt, In Deutschland bekommt man Gänsehaut bei dem Gedanken, es könnte ein Pressevertreter neben einen Oberregierungsrat oder gar neben einen leibhaftigen Minister zu sitzen kommen. Das wäre ja schrecklich, denn es bestünde immerhin die Gefahr, daß die „Behördenspitze“ von dem Mann von der Presse etwas lernen könnte. E. Sch.
Die eigene Frau gehängt
Im bayerischen Altötting passiert bekanntlich manches Wunder. Zu den Leuten mit sonderbaren Anwandlungen gehört auch der 59- iährige Franz Grill , der seine 55jährige Ehefrau Karolina mit einem Strick an der Tür des Schlafzimmers aufgehängt hat. Die Polizei fand die Ermordete nur mit einem Hemd bekleidet und mit deutlichen Strangulierungsmerkmalen auf. Der Mörder, der bis vor kurzem in einer Heil- und Pflegeanstalt untergebracht war, gestand die Tat ein. Er berichtete, daß er in der Mordnacht seine Frau vor einem Kreuz und brennenden Kerzen zu dem Schwur gezwungen habe, daß sie ihn betrüge. Auf seine Frage, was sie dafür verdiene, habe die Frau mit den Worten: „Den Strick“ selbst ihr „Urteil“ gesprochen.
Fremde Pyjamas im Schlafzimmer
Eine peinliche Verwechslung, die aber mit einem feucht-fröhlichen Nachspiel eine glückliche Lösung fand, verursachte das Personal des „Hotel Nouvel“ in Straßburg . Als der kanadische Botschafter Davis, der an den Sitzungen der BeratendenVersammlung als Beobachter teilnimmt, in dem Hotel abstieg und in •einem luxuriösen Schlafzimmer ins Bett klettert«, sah er ein Paar Pyjamas, di« ihm
VIRGINIA
Das Gefteirmtfs
der OVA-Virginra Hegt in der Schaffung zweiervöTIig getrennter Mischungen, die bis in die kleinsten Feinheiten selbständig harmonisiert werden, bevor die 6esamtkomposition erfolgt
Viele Kenner werden sich noch an die doppelte Fermentation erinnern, durch die wir (erstmalig mit der >R6«) eine bedeutsame Steigerung der Mischungskunst beweisen konnten Die methodische Doppeimischung ist ein weiterer Fortschritt der American-Blend-Cigarette. Dadurch wird bei aller Fülle des Aromas eine so extreme Milde erreicht wie sie vordem in der ganzen Welt nur bei sehr teuren Cigaretten möglich wat
nicht gehörten. Davis war eben dabei, mit dem Gedanken einzuschlafen, die Pyjamas seien von einem anderen Hotelgast zurückgelassen worden, als sich gegen Mitternacht die Tür öffnete. Herein spazierte der parlamentarische Staatssekretär des Foreign Office, Emest Davies, der Außenminister Bevin in Straßburg vertritt.
„Wer sind Sie eigentlich?“, fragte Davis den auf gestörten Botschafter. Dieser antwortete: „Mein Name ist Davis. Warum stürmen Sie in mein Zimmer und wer sind Sie?“ „Ich bin Davies“, erwiderte der Staatssekretär. Er öffnete einen* Kleiderschrank, zeigte auf die darin hängenden Anzüge und fragte: „Sind das vielleicht Ihre Sachen?“
Schließlich wurde der Portier gerufen, der
die Situation entwirrte und das Mißverständnis aufklärte. Der Vorfall endete mit beiderseitigem zufriedenem Lächeln und einem frohen Umtrunk an der Bar.
Nachtigall im Grandhotel Im Kurtheater von Bad Neuenahr gab Erna Sack , nach vierjähriger Abwesenheit von Deutschland, ihr erstes Konzert auf deutschem Boden. Sie sagte, daß sie sich vor Staunen nicht darüber fassen könne, wie schön Deutschland wieder geworden sei. Imponierend sei der sich überall zeigende Aufbauwille, wohltuend berühre die -einzigartige Hotelkultur, die man in Deutschland wieder finde. Die deutsche Nachtigall hat wohl mehr die Grandhotels, als die zertrümmerten Wohnviertel auf gesucht.
Der Verlauf der Entnazifizierung hat hinlänglich gezeigt, daß die Überwindung des Nationalsozialismus keine Angelegenheit ist, die lediglich mit juristischen Vorstellungen bewältigt werden kann, sondern daß es sich hierbei in erster Linie um ein politisches Problem handelt. Mancher prominente Repräsentant des Naziregimes, der in einem Prozeß durch die Maschen des Paragraphenwerkes geschlüpft ist, leitet daraus seine politische und auch moralische Rehabilitierung ab. Mit Hilfe dieser Scheinargumente meldet er seine Ansprüche auf Beschäftigung an verantwortungsvoller und maßgebender Stelle an. Das gilt nicht nur im politischen Bereich, sondern gerade auch für das kulturelle Leben. Hier bereiten die Barden des Tausendjährigen Reiches schon seit langer Zeit eine glorreiche Rückkehr aus „unverdientem inneren Exil“ vor.
So will auch Veit Harlan wieder „groß einsteigen“. Auch er operiert mit der Tatsache, daß ein Gericht ihn freigesprochen hat. Er rechnet mit . der Unkenntnis weiter Kreise darüber, daß die Urteilsbegründung durchaus nicht schmeichelhaft für ihn ausgefallen ist. Mag er schließlich freigesprochen sein — di« Tatsache
läßt sich nicht aus der Welt schaffen, daß es einen Film „Jud Süß “ gegeben hat und daß der verantwortliche Schöpfer dieses Films Veit Harlan heißt. Mag er sich auf einen „höheren Befehl“ oder ähnliches berufen — beweisen kann er nicht, daß eine Weigerung, diesen Film zu drehen, das Ende seiner künstlerischen oder gar persönlich«! Existenz bedeutet hätte. Im Gegenteil, die Art, wie dieser Film durch ihn gestaltet wurde, zeigt, daß der Regisseur nicht mit Widerwillen an seine Aufgabe heranging, sondern daß er den Stoff aus innerer Anteilnahme heraus verarbeitete und sich damit voll hinter die letzten Ziele stellte, die mit diesem Film beabsichtigt waren. Die psychologische und künstlerische „Abschwächung“ der groben Schwarz-Weiß-Malerei der Vorlage, die Harlan sich als Verdienst anrechnet, diente in Wirklichkeit nur der Verstärkung des propagandistischen Effekts.
Von jenem Film „Jud Süß “ führt ein gerader Weg in die Gaskammern von Auschwitz . Dieser Film war das psychologische Vorbereitungsfeuer für die von Hitler proklamierte „Endlösung der Judenfrage“. Millionen Tote lasten beute noch auf diesem Film — und auf seinem
Schöpfer. Sie lasten auch auf den anderen Werken, auf Filmen wie „Die goldene Stadt “ mit ihrer hinter einem scheinbar unpolitischen Stoff raffiniert verborgenen anti-tschechischen Tendenz, auf dem „Großen König“, an dessen Durchhalteparole Goebbels in Leitartikeln und Reden bewußt anknüpfte, schließlich auf „Kol- berg“, dem filmischen Dokument der Endsiegpropaganda, als die Weiterführung des Krieges schon lange ein Verbrechen geworden war.
Sollte Veit Harlan im Reigen der Gespenster von gestern wieder auftauchen und als Regisseur eines neuen Films die Bühne betreten — und sei es nur eines einzigen — dann kann dieser Fall nicht allein von filmwirtschaftlichen oder auch filmpolitischen Gesichtspunkten aus betrachtet werden. Gewiß, der Anspruch des deutschen Films auf Unterstützung durch öffentliche Mittel gegenüber der erdrük- kenden Flut ausländischer Filme wäre damit erheblich in Frage gestellt. Wie könnte man noch geltend machen, der deutsche Film besitze inmitten der geistigen und seelischen Situation unseres Volkes spezifische Aufgaben, die der ausländische Film nicht leisten könne, wenn man einen Mann wie Harlan als Kollegen anerkennt? Die Ausrede, eine „künstlerische Potenz“ wie Harlan — der übrigens im allgemeinen weit überschätzt wird — sei auf die Dauer für den deutschen Film unentbehrlich, wie sie schon jetzt zuweilen geäußert wird, würde nur das völlige Eingeständnis der eigenen künstlerischen Unfähigkeit bedeuten. Noch hat die deutsche Öffentlichkeit zum deutschen Film das Vertrauen, daß er sehr gut ohne Veit Harlan künstlerische Spitzenleistungen erzielen kann.
Der Fall Harlan geht ganz Deutschland an. Hier wird sich erweisen, ob wir aus der Vergangenheit gelernt haben. Man kann nicht „Nein“ zu dem Harlan von gestern und „Ja“ zu dem Harlan von heute sagen. Die Stellungnahme zu seinem neuen Filmprojekt ist eine Entscheidung für oder wider Diktatur, Rassenwahn und Charakterlosigkeit. C.G.