M
ElnzelprelB 20 Pfennig
SÜDBADISCHE HEIMATZEITUNG
1. Jahrgang
Samstag, 1. März 1952
Nummer 27
Das schlechte Gewissen der CDU
Außerordentliche Landtagssitzung beschlußunfähig gemacht - SPD - und FDP -Abgeordnete fordern
Eingreifen des Ministerrats des Südweststaates
Die außerordentliche Sitzung des Badischen Landtages , die auf Antrag der SPD und und FDP auf Donnerstag, 28. Februar, einberufen worden war, wurde von der Fraktion der badischen CDU gesprengt. Die CDU -Fraktion, die 34 der insgesamt 60 Abgeordneten stellt, war der Sitzung geschlossen ferngeblieben, wodurch der Landtag beschlußunfähig wurde.
In der Sitzung sollte üb» einen Mißtrauensantrag abgestimmt werden, den die SPD gegen den Staatspräsidenten Leo W o h 1 e b und Wirtschaftsminister Dr. Eduard Lais eingebracht hatte. Der Antrag war damit begründet worden, daß der Wirtschaftsminister im Zusammenhang mit gewissen Vorgängen bei der Finanzierung der Alt- baden-Propaganda im Verdacht der versuchten Steuerhinterziehung stehe. Der CDU -
Abgeordnete Hermann Durst, von seiner Fraktion als Beobachter in die Sitzung entsandt, beantragte, die Beschlußunfähigkeit des Landtages festzustellen. Der stellvertretende Landtagspräsident Philipp M a r t z 1 o f f stellte daraufhin fest, daß nur 23 Abgeordnete anwesend waren. Der Landtag ist aber erst mit 31 Abgeordneten beschlußfähig.
Nach der Feststellung der Beschlußunfähigkeit forderte der SPD -Fraktionsvor- sitzende Richard J ä c k 1 e die arbeitsbereiten Abgeordneten auf, einen gemeinsamen Appell an den Vorsitzenden des südwestdeutschen Ministerrates, Ministerpräsident Dr. Reinhold Maier , zu unterzeichnen. Der Brief ist nachfolgend abgedrnckt.
Der Brief an den Ministerrat in Stuttgart
Die Organe des Landes Baden werden in stets fortschreitendem Maße funktionsunfähig. Die Mitglieder der Regierung hegen unter sich im Streit. Kabinettsbeschlüsse kommen nur noch ausnahmsweise und unter großen Schwierigkeiten zustande. Dringende Maßnahmen der Gesetzgebung sind dadurch schon verzögett worden oder drohen in Zukunft verzögert zu werden. Die Ftaküon der badischen Christlich* Demokratischen Union , die doch 34 von 60 Landtagsmitgliedem um* faßt, hat heute den Badischen Landtag absichtlich zum zweitenmal inner* halb der letzten Monate beschlußunfähig gemacht. Nach Artikel 126 der Badischen Verfassung in seiner durch Volksabstimmung vom 18.11.1951 angenommenen Fassung endet die Funktion dieses Landtags auch recht* Uch mit dem Zusammentritt der Verfa ssunggebenden Landesversammlung für das neue Bundesland am 25. März 1952.
Der an Stelle des Landtags tretende Landständisdie Ausschuß hat nur seht begrenzte Funktionen Insbesondere ist er nicht befugt, die vom Herrn Staatspräsidenten erwünschte aber noch ausstehende Be* stätigung seines Vertreters zu vollziehen. Die Aufgaben der Gesetz* gebung, der Regierungskontrolle und der Verwaltungskontrolle können unter diesen Umständen praktisch nicht mehr ausgeübt werden. Die Taktik der badischen CDU führt in innerem Widerspruch zu ihrem Programm zu einer vorzeitigen Selbstverstümmelung der demokra* tischen Einrichtungen in unserem Land. Das Ansehen der Demokratie, die Interessen der Bevölkerung drohen unter diesen Umständen erheblichen Schaden zu nehmen. Aus dieser großen Sorge heraus er* suchen die Unterzeichneten auch weiterhin arbeitsbereiten Abgeordneten des Badischen Landtags den Ministerrat, der am 9. März 1952 zu wäh* lenden Landesversammlung für das neue südwestdeutsche Bundesland unsere dringende Bitte zu unterbreiten, daß sie umgehend ein Gesetz schaffe, durch das die Funktionen der Badischen Regierung von der Regierung des neuen Bundeslandes, die Funktionen des Badischen Landtags von seiner Landesversammlung übernommen werden.
Freiburg , den 28. Februar 1952.
Für die SPDt
Eugen Bea, Arend Braye , Gustav Fimpel , Dr. Emst Haas, Richard Jäckle , Philipp Martzloff , Josef Matt, Fritz Schieler , Dr. Gerda Schlayer, Josef Seiler , Friedrich f Stephan, Wilhelm Stump
Georg Menges , Wilhelm Stahl, Dr. Hildegard Teutsch, Otto Vielhauer , Friedrich Vortisch . Dr. Paul Waeldin , Paul Weber
Die CDU -Fraktion wäre vermöge ihrer absoluten Mehrheit im Badischen Landtag jederzeit imstande gewesen, den Mißtrauensantrag der SPD -Fraktion gegen den Staatspräsidenten Wohieb und den Wirtschaftsminister Dr. Lais niederzustimmen. Sie tat dies nicht im Anschluß an die Antragstellung am Dienstag, dem 12. Februar, was nach der Geschäftsordnung des Landtages am darauffolgenden Tage, dem Mittwoch, nach Ablauf von 24 Stunden möglich gewesen wäre. Sie verhinderte das Stattflnden der vom stellvertretenden Landtagspräsidenten zum Dienstag, dem 21. Februar, ein- berufenen Landtagssitzung, obwohl die Öffentlichkeit mit großer Spannung der Behandlung des Mißtrauensantrages entgegensah. Nun ist die von den SPD - und FDP -Abgeordneten beantragte außerordentliche Landtagssitzung am Donnerstag, dem 28. Februar, durch Beschluß- unfähigmachung gesprengt worden. Das ist das zweite Mal innerhalb weniger Monate.
Gewisse Anzeichen deuten darauf hin, daß dies nicht von vornherein die Absicht der CDU - Fraktion gewesen ist. So hieß es zum Beispiel in einer DPA -Meldung, daß dem Vernehmen nach von ihr beabsichtigt sei, „ihrerseits einen Mißtrauensantrag gegen den kürzlich aus der CDU ausgetretenen Finanzminister Dr. Wilhelm Eckert einzubringen“. Sie wollte das, wie es hieß, bereits in der Sitzung vom 12. Februar tun. Der Zuhörerraum des Landtags war damals in Erwartung einer Sensation brechend voll.
Warum das Zurückwei&en?
Zu dieser Sensation kam es jedoch nicht, und auch am Donnerstag, dem 28. Februar, ließ sie auf sich warten. Warum dieses auffällige Zurückweichen im letzten Augenblick? Man kommt dabei unwillkürlich auf den Gedanken: da stimmt etwas nicht! Oder vielmehr, etwas deutlicher gesagt: da stinkt offenbar etwas zum Himmel!
Die badische CDU kann es sich offensichtlich nicht erlauben, einen Mißtrauensantrag gegen den Finanzminister Dr. Eckert einzubringen. Sie muß ihn tatsächlich wohl sehr fürchten. Er weiß sicherlich zu viel! Was würde wohl alles zur Sprache kommen, wenn Finanzminister Dr. Eckert durch einen Mißtrauensantrag gezwungen wäre, den Mund zu öffnen? Wenn innerhalb der Regierung Wohieb der Zank unter den Ministern derselben Partei nicht ausgebrochen wäre, hätte die Öffentlichkeit wohl nichts von dem erfahröi, was die Minister Eckert und Kirchgäßner bereits jetzt bekanntgegeben haben. Sie wissen aber anscheinend noch viel mehr!
Unser Recht, alles zn erfahren
Die badische Bevölkerung hat jedoch ein demokratisches Recht darauf, alles zu erfahren, um zu erkennen, wer in Wahrheit Herr Wohieb, der sich immer volkstümlich Gebende, und seine altbadischen Freunde sind. Ob die CDU -Fraktion im Falle des Auspackens der Minister Eckert und Kirchgäßner in sich dann noch die nötige Stimmenzahl für die Annahme des Mißtrauensantrages gegen Eckert aufbrächte, wäre freilich zweifelhaft! Und deshalb griff sie wohl auch am Donnerstag, 28. Februar, zu dem ungewöhnlichen Mittel der Obstruktion durch Beschlußunfähigmachung der Landtagssitzung und der Lahmlegung der parlamentarischen Arbeit. Sie scheute aus Angst vor der Offenlegung ihrer schmutzigen Wäsche nicht davor zurück, der Demokratie einen schweren Schlag zu versetzen. Sie stellte persönliche und Parteiinteressen über das Interesse des Landes.
Die badische CDU und der Wohieb-Kurs haben sich damit vor dem gesamten badischen Volke demaskiert und zugleich selbst gerichtet Jetzt verstehen wir erst ganz, weshalb Herr Wohieb und seine altbadischen Mitverschworenen so ungewöhnlich hartnäckig und verbissen das Kommen des' Südweststaates bekämpften und dann sein Zustandekommen auf jede Weise
zu sabotieren versuchten. Die Herren wollten unter sich bleiben. Sie werden wissen warum.
Diktatur führt zu innerer Fäulnis
Aber keine Bauemschlauheit, kein bieder- männisches Drumrumgerede, keine Verschleierungskünste, keine Taktik, keine Winkelzüge konnten die wachsende Erkenntnis der inneren Fäulnis des autoritären Wohleb-Regimes verhindern. Die Eiterbeule, die jetzt von selbst auf- gebrochen ist — das muß im Interesse der Demokratie ganz klar erkannt werden — ist das Produkt der sich unkontrolliert fühlenden CDU - Einparteienherrschaft. Die badische CDU -Fraktion hat ihr Stimmenübergewicht zu jeder Zeit rücksichtslos ausgenutzt
und dies die Opposition mit zynischer Überheblichkeit fühlen lassen.
Herr Wohieb, der nach seinem Vorbild Aden auer so regiert, als hätte er ein Ermächtigungsgesetz hinter sich, zitiert immer gern das übergeordnete Interesse der Demokratie, wenn man auf Sauberkeit im Staate drängt
Ein höchst demokratischer Akt
Wir wollen doch die Begriffe fein säuberlich auseinander halten! Nur Diktaturen und autoritäre Regime haben ein Interesse daran, daß, wenn es stinkt, die Fenster nicht geöffnet werden. Die Demokratie aber kann frische Luft vertragen. .Sie braucht sie geradezu. Und es ist eben die demokratische Funktion einer
verantwortungsbewußten Opposition, die Fenster weit zu öffnen, wenn dies notwendig ist. Im Interesse eben der Demokratie, die nur funktionsfähig ist, wenn die Öffentlichkeit alle Vorgänge des Staates wie durch eine Glaswand mitverfolgen kann. Und wenn der SPD -Miß- trauensantrag ein Anlaß dafür sein konnte, den CDU -Staat Wohiebs gründlich auslüften zu helfen, so ist das als ein höchst demokratischer Akt zu werten.
Und besonders dann, wenn eine Wahl bevorsteht, liegt ein Anlaß vor, vor der ganzen Öffentlichkeit das bisherige Handeln und Unterlassen zu rechtfertigen, wenn man in der Regierung gesessen hat. Dann muß man sich eben in demokratischer Weise dem Urteilsspruch der Wähler unterwerfen. Wer jedoch ausweicht, wer kneift, gibt damit zu, daß er nicht demokratisch denkt und das Volk nur als Mittel zum Zweck für eigensüchtige Zwecke betrachtet.
Vom Staate her denken
Wer den Mißtrauensantrag der SPD als Wählmanöver abzutun versucht, offenbart damit nur seine eigene Denkweise, der kann sich aus der eigenen Praxis nicht verstellen, daß man als Partei vom Staate her denken kann. Wenn alles so schön in Ordnung wäre, nun — weshalb stellt man sich dann nicht frei und offen einem Mißtrauensantrag? Man hätte dann ja Gelegenheit, ihm sachlich den Boden zu entziehen. Dafür ist doch eine Landtagssitzung da. Wer eine saubere Weste hat, braucht nichts zu scheuen.
Da die CDU -Fraktion jedoch am Donnerstag, dem 28. Februar, die außerordentliche Landtagssitzung gesprengt hat, gewinnt der Mißtrauensantrag der SPD -Fraktion unter diesen Gesichtspunkten ein doppeltes Gewicht.
Dem Staatsnotstand entgegen
Die jetzt im Lande Baden eingetretene Situation treibt zweifellos auf einen Staatsnotstand zu. Der an den Ministerrat gerichtete Brief der SPD - und FDP -Abgeordneten betont mit Recht, daß die Organe des Landes Baden in fortschreitendem Maße funktionsunfähig werden. Nicht um Parteipolitik geht es hier also, sondern darum, den Staat im Gang und sauber zu halten. Darauf hat das Volk, der Steuerzahler, einen Anspruch.
Die Obstruktionspolitik der badischen CDU , die den Staat als ihre angestammte Pfründe ansieht und sich deshalb aus autokratischem Denken heraus einer demokratischen Rechtfertigung gegenüber Anklagen entzieht, gefährdet den demokratischen Staat Und deshalb muß so schnell wie möglich der Ministerrat und die am 9. März zu wählende Verfassunggebende Landesversammlung eingreifen, damit der moralischen Auflösung nicht auch noch der äußere Zusammenbruch des Staatsapparates folgt. Das Vertrauen des Volkes im Lande Baden steht auf dem Spiele. Das Regime Wohieb, das nicht mehr das Vertrauen besitzt, ist reif zum Abtreten. Es stirbt wahrhaftig nicht in Schönheit!
Ist das eine „christliche“ Partei?
Die badische CDU bezeichnet sich immer mit besonderer Betonung als die „christliche“ Partei. Alle übrigen Parteien werden von ihr in überheblicher Weise als „nicht christlich“ denunziert, obwohl keine dieser Parteien jemals das religiöse und kirchliche Leben angetastet hat, insbesondere die SPD nicht, was vor allem ihr Wirken in der Weimarer Republik beweist.
Wie vereinbaren sich jedoch, so müssen sich doch nun die Männer und Frauen sagen, die bisher in gutem Glauben die CDU gewählt haben, gewisse Handlungen der badischen CDU , die sie jetzt zu verbergen versuchen, mit dem Christentum? Läßt das Schauspiel, das die badische CDU augenblicklich bietet, etwa auf die Wirksamkeit des christlichen Sittengesetzes schließen, als dessen Hüter sich diese Partei „berufen“ fühlt?
Wir können es verstehen, daß viele ehemalige CDU -Wähler sich nun mit Enttäuschung, mit Entsetzen und Abscheu von der CDU abwenden»