WALLFAHRTSKIRCHE ST. ANNA BEI EGER Auf einem über sechshundert Meter hohen Berge liegt die Wallfahrtskirehe St. Anna mit ihrem zierlichen neckischen Barockturm. Ein Gutteil des herrlichen Egerlandes bietet sich -von hier aus den beglückten Augen dar. Besonders schön ist der Blick auf das im Tale liegende Städtchen Eger mit seinen schönen roten Dächern. (Zeichnung: Walter Kracht)
„Mit kein’ König möcht’ ich tauschen ...“
Im Gedenken an die verlorene erzgebirgische Heimat
Der Erzgebirgsdichter Anton Günther aus Gottesgab , dessen „Feiermond“ schon manches liebe Mal im Süddeutschen Rundfunk zu hören war, hat auch jenes schlichte Liedchen geschrieben und komponiert, dessen Refrain am treffendsten die Anhänglichkeit der Erzgebirgsbewohner an ihre Heimat kennzeichnet:
„Mit kein’ König möcht’ ich tauschen,
Weil da drob’n mei Häuserl stieht“
Günther selbst hatte eine gute Beamtenstelle in Prag erhalten, aber es litt ihn nicht in der Großstadt, die Sehnsucht nach seinen Bergen ließ ihn an der Moldau nicht Fuß fassen, und eines Tages machte er sich auf und kehrte heim, mit einem bescheideneren Posten vorlieb nehmend. Und an Urlaubstagen zog er mit seiner Laute durch die Städtchen des Gebirges und sang in den Sälen vor still lauschenden Menschen das Lob der Waldheimat.
Dieses Gebirge war durch die böhmischsächsische Grenze geteilt, aber hüben wie drüben wohnten die gleichen Menschen, von Charakter, Lebensgewohnheiten und Mundart nicht verschieden, ob sie nun tschechoslowakische oder reichsdeutsche Staatsbürger waren. Am Kamm leuchteten im Herbst zu beiden Seiten die roten Dolden des Vogelbeerbaumes, die gemütlichen Einkehrhäuser ähnelten alle einander, ob sie in Eichwald oder Altenberg standen, es wurden hier wie dort Spielwaren und Musikinstrumente gebaut und Spitzen geklöppelt, man sang dieselben Lieder. Und an einer Stelle des Höhenzuges hatten sogar zwei Gemeinden, die sächsische wie die böhmische den gleichen Namen: Zinn wald . Nichts trennte die beiden Orte als der Schlagbaum. Die böhmischen und die säch
sischen Zollbeamten vertrugen sich recht gut miteinander, und wenn die einen ein Festchen feierten luden sie ihr Gegenüber höflich dazu ein. Man hat nicht gehört, daß es je eine Absage gegeben hat. Und das Bier war auf beiden Seiten süffig.
Nennt man die Namen Keilberg , Kupferhübel, Mückentürmchen — dann geht jedem Erzgebirgler das Herz auf. Man wanderte dortzulande gern, der Erzgebirgsverein, der seinen Sitz in Teplitz-Schönau hatte und eine illustrierte Monatszeitschrift herausgab, war ein verdienstvoller Betreuer seines Gebietes.
Und jetzt? Verödet liegt die böhmische Seite. 1945 mußten die Bewohner von dannen ziehen, Anwesen und Hausrat, Wiesen und Weh, Schmuck und Geld zurücklassend. In trostlosen Scharen wanderten sie über die Grenze, verstärkt durch nicht abreißende Kolonnen Vertriebener aus den Städten des Tales. Die sächsischen Erzgebirgler taten helfend, was sie konnten, aber nur Stunden konnten sich die Flüchtenden aufhalten, sie mußten weiter, denn schon kamen neue Auswanderer hinter ihnen und so ging es wochenlang.
Immer tiefer gelangten sie ins Sachsenland hinein, übernachtend in Turnhallen, Baracken und Lagern. Unglaublich waren ihre täglichen Marschleistungen. Da wurde es Winter, die russische Besatzungsmacht gebot den Elendszügen halt. Endlich wurden die gehetzten MenSchen in Wohnungen eingewiesen.
Jetzt sind Erzgebirgler in allen Teilen der Ost- und Westzone anzutreffen. Wie schön auch ihre neue Umwelt sein mag, in ihren Herzen brennt unauslöschlich die Sehnsucht nach ihren Heimatbergen.
Hugo Mertz.
Man schreibt das Jahr 1792. Da ist in Ober schlesien ein furchtbarer Gast eingezogen: Die Cholera wütet erbarmungslos. Ganze Familien werden hinweggerafft So ist es auch in der Hütte der Tagelöhnersfamilie Godulla in Na- koschau. Hier bleibt der 11 Jahre alte Sohn Karl allein zurück. Hilflos muß der Waisenknabe umherirren. Ueberall jagt man ihn fort, da man die Ansteckung fürchtet.
Als er, halb verhungert und vom Heimweh gepackt, sich wieder der elterlichen Hütte zuwendet ist diese von fremden Leuten besetzt, die ihn barsch abweisen.
In einem Gasthofe des Städtchens Tost findet er endlich Aufnahme. Der Pferdestall wird sein Domizil, und er entwickelt sich zum besten Pferdeknecht, den der Wirt je gehabt hatte.
Hier wird der bekannte Industriemagnat Graf Ballestrem auf ihn aufmerksam. Er nimmt ihn mit und läßt ihn mit seinen Söhnen unterrichten. Da tut sich eine neue Welt vor dem regen Geiste des Tagelöhnerjungen aufl
Das Forstwesen hat es ihm besonders angetan, und so gibt ihn sein Gönner zu einem seiner Förster in die Lehre. Nach kurzer Zeit schon ist er der Schrecken aller Wilderer, die er erbarmungslos verfolgt. Sie rächen sich furchtbar an ihm. Als er in einen Hinterhalt fällt, brechen sie ihm Arme und Beine und hängen ihn mit dem Kopf nach unten über einem Ameisenhaufen auf. Dann überlassen sie ihn seinem schrecklichen Schicksal!
Godulla wird zwar in letzter Minute gerettet, Aber sein Gesicht ist entstellt, so daß er von nun an die Menschen scheut und zum einsam bleibenden Menschenfeind wird. Da er auch lahm bleibt, ist ihm die Forstlaufbahn verschlossen. Graf Ballestrem übergibt ihm die Verwaltung eines seiner Güter, das sehr herabgewirtschaftet war.
In ungeahnt kurzer Zeit bringt Godulla es zu beachtlicher Höhe. Nebenbei richtet er sich ein kleines Laboratorium ein und macht chemische Versuche. Die bergehoch aufgehäuften Zinkschlacken haben es ihm angetan. Er erfindet ein Verfahren, aus ihnen ohne große Kosten noch viel Zink, herauszuholen. Aber Graf Ballestrem will davon nichts wissen. So verkauft er Godulla die Schlacken für eine lächerlich geringe Summe zu eigener Verwertung. Godullas Verfahren erweist sich auch im Großen als brauchbar und bringt ihm einen Reingewinn, der bereits eine fünfstellige Zahl aufweist.
i Er trug frühe Früchte. Kirschen. Wenn ich sie der kleinen brünetten Erika mit dem dunklen Haar wie Ebenholz paarweise über die Ohrmuscheln hängte, trat sie in kindlich froher Einfalt immer wieder vor den Spiegel in unserem kleinen Heim und sagte: „Vati, Bernstein!“ So goldgelb waren die Kirschen. Von Jahr zu Jahr.
Auch, noch, als der Baum und das Kind so weit herangewachsen waren, daß sich Erika mit wirklichem Bernstein schmückte und der Baum so ins Holz schoß, daß er eines schönen Tages über die kleine Böschung hinweg mit seinem neugierig feinen Geäst und den obersten schmiegsamen Ruten erstmalig in den Spiegel des Haffes zu sehen vermochte. Denn der Kirschbaum, um den es hier geht, stand in dem Wellhügelland von Elbing-Succase, dichter als dicht am Frischen Haff
Nun wird auch Ballestrem hellhörig und folgt willig den Anregungen Godullas. Jetzt geht es mit Riesenschritten aufwärts! Zinkhütten entstehen, Erz- und Kohlengruben werden erschlossen, wichtige Verbesserungen durchgeführt.
Der rastlose Geist des Einsamen sieht immer wieder neue Wege zu Aufschwung und Gewinn. Anfangs wird er mit Anteilen entschädigt, die ihn zum schwerreichen Manne machen, besonders da er selbsx ganz einfach weiterlebt. Schließlich macht er sich selbständig, überflügelt bald seinen Gönner und wird zum „Zinkkönig“, der als der reichste Mann Oberschlesiens gilt.
Sechzig eigene Werke oder entscheidende Beteiligungen daran bilden die Basis zu einem wirklich märchenhaften Aufstieg, dessen sich bald der Volksmund mit allerlei Sagen bemächtigt
Aber Godulla bleibt weiter der einsame Menschenverächter. Scheu und unzugänglich sitzt er in seinem Bau, die oberen Zehntausend stoßen sich wohl an seiner Herkunft. Seine Untergebenen aber scheuen ihn.
Nur ein Kind hat keine Furcht vor dem entstellten Manne und spielt unbekümmert in seiner Nähe. Die kleine Johanna Gryszik ist es, das Töchterchen seiner Aufwartefrau. Ihr gilt die ganze Liebe des Einsamen.
Als im Jahre 1848 wieder einmal die Cholera grassiert, flüchtet Godulla mit seiner Pflegetochter nach Breslau . Aber die furchtbare Krankheit, die ihn 1792 allein von seiner ganzen Familie verschont hat, holt ihn hier doch ein und schneidet ihm den Lebensfaden jäh ab.
Aber Godulla hat vorgesorgt. In seinem Testament ist die kleine Johanna als alleinige Erbin eingesetzt. Bis ins einzelne gehende Bestimmungen über ihre Ausbildung ufid Erziehung sind getroffen.
Die Milliohenerbin wird natürlich viel umschwärmt. Sie heiratet, noch sehr jung, den Grafen Hans Ulrich von Schaffgotsch . Vor der Trauung hat man sie in den Adelsstand erhoben, eine Ehrung, die schon Godulla zugedacht war, auf die er aber keinen Wert gelegt hatte.
Die nunmehrige Gräfin Johanna starb 1910. In Oberschlesien aber erinnerten Namen wie „Godullahütte“ und „Gräfin-Johanna-Grube“ an Lebensschicksale, die wahrhaftig alles andere als alltäglich zu nennet» sind.
F. P. Hankowiak
Genau wie er — so lebensgierig — wuchs das Mädchen auf, und es gab so gut wie unausgesetzt immer wieder Parallelen zwischen Erika und dem Baum. Beseelt vom Drang zur Frucht lebten schließlich beide. Vom Femininen her ganz und gar eingestellt auf das Weibliche in der Welt.
Ich habe den Baum einmal gegen Mäusefraß an der Wurzel schützen müssen, um sein Leben zu verlängern, und zu Erika, die mir bei der Arbeit zusah, sagte ich: „Die Nager an der Wurzel sind das Uebelste. Sie wirken sich aus in den Kronen. Die Johannisbeeren schießen, schwerer wächst ein Baum. Dingen gegenüber, die man so liebt wie ich euch beide, soll man wie ein Arzt zu seinen Patienten sein: voller Hoffnung auf das heilende Medikament und auf die Güte Gottes.“
Das sagte ich aus den Parallelen zwischen Erika und dem Baum.
Daheim in meinem Garten stand ein Baum
Einmal kamen Wolken über das Haff . . .
Wie es heute in Ostpommern aussieht
Stettin nnd sein Häfen stehen im Mittelpunkt des polnischen Interesses
Im Zuge der Einverleibung und Polonisie- rung der deutschen Ostgebiete wurden auch in Ostpommern verwaltungsmäßige Aende- rungeh getroffen. Außer der Provinz Stettin wurde noch die Provinz Köslin , heute „Kosza- lin“, mit den Kreisen Kolberg , Belgard , Stolp , Neustettin , Slatow und Schlochau gebildet Die Polen setzen alles daran, aus Stettin eine repräsentative Großstadt zu machen. Nachdem bereits drei Milliarden Zloty für den Auf- und Ausbau der Stadt ausgeschüttet wurden, so"en weitere Geldmittel investiert werden.
Eine neue Bauweise soll das Stadtbild bestimmen. Es wurde ein Projekt entworfen, wonach eine 18 km lange Straße, die „Nord- Süd-Achse“, nach russischem Vorbild gebaut werden soll. Trotz aller Bemühungen sind die Aufräumungsarbeiten in der stark zerstörten Altstadt noch nicht beendet. Im Zuge polnischer Neuordnung verschwinden nach und nach die Zeugen deutscher Vergangenheit. Die Garnisonkirche ist zur Hauptkirche der Polen geworden. Ebenfalls werden in der Bugen- hagenkirche, Kreuzeskirche und in der Heilandskirche am Westendsee polnische Gottesdienste abgehalten.
Als Hauptgeschäftsstraße ist heute die Hohenzollernstraße anzusehen. Auch die Moltke- und die Politzer Straße haben nach den dort durchgeführten Aufräumungsarbeiten einen regen Geschäftsverkehr. Die Zahl der deutschen Bevölkerung in Stettin kann mit etwa 1800 als zuverlässig angegeben werden
Der polnische Sender in Stettin meldet sich seit Ende des vergangenen Jahres. Die Sendestation wurde mit großem Staatsakt dem neuen polnischen Sendeleiter übergeben. Dieser Sender — so heißt es in der polnischen Verlautbarung — „soll die Grenze des Friedens — die Oder-Neiße-Linie — mit allen Mitteln verteidigen“.
Der Stettiner Hafen steht nach wie vor im Mittelpunkt des polnischen Interesses. In dem geplanten polnisch-tschechischen Industriekombinat spielt der Hafen eine besondere Rolle. Der Konkurrenzkampf der Seehäfen des polnischen Verwaltungsgebiets ist seit Anfang dieses Jahres wieder aufgelebt. Zwar versucht Polen die Wettbewerbsmomente zu mildern und den Häfen ihr Aufgabengebiet
zuzuweisen, aber die gegenüber Danzig - Gdingen günstigere geographische Lage Stet tins läßt hier den Umschlagsverkehr bei weitem stärker ansteigen. Der Umschlagsverkehr der Häfen Kolberg , Rügenwalde und Stolp - münde ist beträchtlich zurückgegangen.
Hinter dem bekannten Ostseebad Ahlbeck beginnt jetzt die polnische Grenze. Wer von der polnischen Prominenz in ein Bad fahren will, wählt Misdroy . Auf der Insel Wollin gelegen, ist „Miedzyzdroje “ — so heißt der Kurort heute — ein polnisches Luxusbad geworden. In Swinemünde , das einst 30 000 Einwohner zählte, leben heute noch etwa 600 Deutsche , die in der Ausgestaltung des Badelebens immer noch eine kleine Rolle spielen.
Während sich der polnische Wiederaufbau auf die ehemalige pommersche Metropole konzentriert, werden die ländlichen Gebiete Ostpommerns sichtlich vernachlässigt. Die Städte Pyritz und Amswalde sind noch zu 70—80 Prozent zerstört, die Städte Greifen hagen , Altdamm , Stargard und Schneidemühl zu 50—60 Prozent. Planmäßige Aufbauarbeit ist wenig zu bemerken. Auf dem flachen Lande mangelt es an Menschen und landwirtschaftlichen Maschinen. Die polnischen Neubürger zeigen an einer intensiven Bodenbewirtschaftung nur wenig Interesse, so daß nur geringe Erträge erzielt werden.
Der ehemals wichtige Eisenbahnknotenpunkt Stargard mit seinem mittelalterlichen Stadtbild hat ein völlig östliches Gepräge erhalten. 15 000 polnische Neubürger bestimmen den Charakter der Stadt. Jn Stolp leben noch etwa 400 Deutsche . Das kleine Dorf Holm bei Treptow/Rega ist vollkommen verschwunden. In Dramburg , Gollnow , Rummelsburg , Schnei demühl und Lauenburg werden die Hausruinen abgerissen und Steine, Balken und Träger nach Stettin und Warschau abtransportiert.
Ein großes Geheimnis scheint das zu 80 Prozent zerstörte Kolberg zu bergen. Nicht nur, daß hier 600—800 russische Wissenschaftler unter den fast 10 000 Polen leben, in Kol berg gibt es ein Sperrgebiet, das nur von den dort beschäftigten Arbeitern betreten werden darf. Man spricht von Versuchsstationen für Atomwaffen
In der von der Oder bis zur Danziger Bucht reichenden pommerschen Seenplatte mit ihrem gebirgsähnlichen Aussehen, ihren Flüssen mit Schluchten und Stromschnellen und den wie-' senreichen Talmulden, vereint sich eine Fülle von Landschaftsbildern, wie sie in diesem Maße selten woanders anzutreffen ist. Das Gesicht der ostpommerschen Landschaft haben die Wirren und Stürme der Zeit nicht zu ändern vermocht, und auch heute noch erinnern die alten, ehrwürdigen Bauwerke und Kulturstätten, wenn auch als Ruinen oder nach polnischen Gesichtspunkten umgebaut, an die deutsche Vergangenheit.
Einmal kamen Wolken über das Haff, einmal schien die Sonne. Einmal brach der Sturm ein ins Geäst, und der Rauhreif tötete den Fruchtansatz. Aber er drang nicht vor bis ins innerste Gewebe, nicht ins Mark. Wer im Kern gesund bleibt, schützt sich, so er‘s richtig anfaßt, vor sich selbst, auf daß er blindem Zufall nicht erliegt.
Und doch ist einmal das Entsetzen über Erika und den Baum gekommen. Zu harter Winterzeit 1945. Im Lande schrie man: „Krieg!“ Und: „Die Russen kommen!“ Der Baum hat nicht davongekonnt, weil er dem Lande fest verwurzelt war, und Erika auch nicht. Jenen hat eine Granate vor meinen Augen in Fetzen zerrissen. Erika habe ich eingebettet in das gleiche Grab.
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Eine Stadt mit unaussprechlichem Namen haben die Polen seit 1945 ans dieser urdeutschen Siedlung gemacht, wo einst der landwirtschaftliche Handel in hoher Blüte stand. Dank polnischer „Kulturbereinigung“ heißt heute das liebliche Arnswalde — man lese, stottere, zische und staune: Choszczno . Man muß viel Polnisch können, um die Welt zu verstehen.