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Dienstag, 8. April 1952

FDP fordert Saarlösung mit Vernunft

BONN . Der Außenpolitische Ausschuß der FDP äu­ßerte am Montag sein äußerstes Befremden darüber, daß der Rat der französischen Republik Deutschland an .der Saar territoriale Amputationen zumute und damit erneut einen deutsch -französischen Gegensatz schaffe.

Der Ausschuß stellt in einer Entschließung fest, daß das Saargebiet deutsches Gebiet und seine Be­völkerung deutsch ist. Die politische Abtrennung von Deutschland sei mit der Politik der europäischen In­tegration unvereinbar. Die engen wirtschaftlichen Verbindungen zwischen Saargebiet und deutscher und französischer Wirtschaft sollten gefördert wer­den. Eine solche Politik der wirtschaftlichen Ver­nunft werde jedoch unmöglich gemacht, wenn Frank­ reich an dep faktischen Enteignung saarländischer Betriebe festhalte. Derartige Enteignungsakte seien völkerrechtsv^idrig und könnten deutscherseits nie­mals anerkannt werden.

Der Ausschuß hat die FDP -Bundestagsfraktion er­sucht, die Bundesregierung aufzufordern, Vorschläge zur Sicherung der vernünftigen wirtschaftlichen In­teressen Frankreichs an der Saar auszuarbeiten, die innerhalb einer europäischen Gesamtpolitik die Prosperität des Saarlandes gewährleisten, ohne sei­nen deutschen Charakter anzutasten. Diese Vorschlä­ge sollen den Regierungen Frankreichs , der USA und Großbritanniens schon in nächster Zeit zugeleitet werden.

„Mo" nicht Mirelli

MÜNCHEN. Der in Hamburg verhaftete „Mo“ ist nach den Feststellungen der Münchner Sonderkom­mission nicht deT gesuchte Attentäter, der das Spreng­stoffpaket an Bundeskanzler Dr. Adenauer den bei­den Münchner Jungen übergab. Die Gegenüberstel­lung des Verhafteten, der sich jetzt Georg Leo Mor­schei nennt, mit den beiden Jungen und anderen Zeu­gen der Uebergabe des Paketes verlief negativ.

In Duisburg sind in den letzten Tagen zwei Männer festgenommen worden, auf die die Beschreibung des gesuchten Münchner Sprengstoffattentäters zutrifft. Einer von ihnen ist der dreißigjährige angebliche Sportlehrer Heinrich Cermely aus Graz . Ueber den zweiten hat die Polizei noch keine näheren Angaben gemacht. Beide sollen nach München gebracht werden.

Das Münchner Morddezernat hat bis jetzt keinen Zusammenhang zwischen dem Münchner Attentat und dem Sprengstoffanschlag auf die deutsche Wiedergut­machungskommission im Haag feststellen können. Wie mitgeteilt wurde, werden jetzt noch mehrere „sehr wesentliche“ Spuren verfolgt, über die natürlich noch nichts gesagt werden kann.

Sachverständigenkommission für Neugliederung

BONN . Die Bundesregierung hat entsprechend ei­nem Beschluß des Bundestages vom 13.. Juni 1951, ei­nen Sachverständigenausschuß zum Planen der Neu­gliederung des Bundesgebietes gebildet. Zum Vorsit­zenden des Ausschusses wurde .vom Kabinett Reichs­kanzler a. D. Dr. Hans Luther zum stellvertretenden Vorsitzenden Staatsminister a. D. Prof. Dr. Adolf Suesterhenn ernannt

Arbeitsstraflager nach sowjetischem Muster

BERLIN . Der Staatssicherheitsdienst (SSD) der So- wjetzone hat die sofortige Einrichtung mehrerer gro­ßer Arbeitsstraflager nach sowjetischem Muster an­geordnet. Die Lager sind für Insassen der Strafan­stalten der Sowjetzone bestimmt, die sich nach der von der Sowjetzonenregierung erlassenen Verord­nung über den Einsatz von Strafgefangenen für Ar­beiten von besonderer wirtschaftlicher Bedeutung melden. Die ersten dem SSD unterstehenden Straf­lager sollen in der Gegend von Crimmitschau in Sach­ sen errichtet werden. Sie sollen zwanzigtausend Häft­linge aufnehmen. Für die geplante „Arbeitsbewäh- xung“ sei, wie am Sonnabend berichtet wurde, fast ausschließlich der Einsatz im Uranbergbau vorge­sehen.

Grauenhafte Mordtat aufgedeckt

LANDSTUHL . Eine grauenhafte Mordtat wurde in der Nacht zum Montag in einer Arbeiter-Wohn- baracke auf dem Kirchberg bei Landstuhl verübt. Der 44jährige Schneider Werner Kühne aus Eisleben wur­de in seinem Bett, mit Händen und Füßen an die Bett­pfosten gefesselt, ermordet aufgefunden. Sein Körper wies die Folgen schwerer Folterungen auf. Unter dem Verdacht der Täterschaft wurde der 21jährige ehe­malige Fremdenlegionär Henri Zabkowski festgg- nommen.

BERLIN . Zwölf Sowjet-Offiziere und -Mannschaften sind, wie erst jetzt bekannt wird, Mitte März auf dem sowjeti­schen Flugplatz Lönnewitz bei Falkenberg wegen antiso­wjetischer Tätigkeit verhaftet worden.

KARLSRUHE . Der Zweite Senat des Bundesverfassungs­gerichtes hat am Samstag die Siebeneinhalb-Prozent-Klau- sel des schleswig-holsteinischen Wahlgesetzes vom 22. Ok­tober 1951 für nichtig erklärt.

Günstige Prognose für USA -Wirtschaft

Steigerung der Rüstungsproduktion ohne Senkung des Lebensstundardes

DETROIT . Der amerikanische Handelsminister Charles Sawyer schlug am Montag vor, daß sich die Vereinigten Staaten einen Gesamtüberblick über ihre wirtschaftlichen Hilfsquellen verschaffen sollen, um festzustellen, wo die Grenzen für das Auslandshilfs­programm, die Aufrüstung und die inneren Aufga­ben liegen. Sawyer sagte in einer Rede vor dem Wirtschaftsklub von Detroit , diese Erhebung solle der entsprechen, die vor dem Marshallplan angestellt wurde.

Der Handelsminister stellte der USA -Wirtschaft eine günstige Prognose. Er sagte, mit den bisherigen Ergebnissen bei der Durchführung des Aufrüstungs­programms könnten die Vereinigten Staaten beinahe zufrieden sein. „Die Rüstungsproduktion ist wesent­lich gesteigert worden. Die Lieferungen wurden im vergangenen Jahr verdoppelt, und sie werden in die­sem Jahr nochmals verdoppelt werden.“ Es seien Anlagen geschaffen worden, die den USA eine auch im Kriegsfall ausreichende Rüstungsbasis gäben. Trotz der Rüstungsproduktion sei der hohe ameri­ kanische Lebensstandard aufrechterhalten worden. Es gebe fast keine : Arbeitslosigkeit. Konkurse seien so selten wie noch nie, und die Gewinne flie höch­sten in «ier Geschichte der Vereinigten Staaten . Wenn das gegenwärtige Regierungsprogramm durchgeführt werde, brauche Amerika keine Inflation zu befürch­ten. Die Regierung habe sich Kontrollbefugnisse Vor­behalten, und die Arbeiterschaft und das Unterneh­mertum strebten nicht nach Gruppenvorteilen. Mit einer Depression sei nicht zu rechnen, einmal, weil das Rüstungsprogramm erst auf vollen Touren zu laufen beginne und zum zweiten, weil diejenigen, die Ersparnisse angesammelt haben, bei Preisrück­gängen zum Kaufen übergehen und damit jede De­pressionstendenz abfangen würden.

„Potemkinsche Dörfer"

NEW YORK . Die „New York Times “ schreibt am Montag, die Delegierten bei der Moskauer Weltwirt­schaftskonferenz sollten sich nicht zu dem Glauben verleiten lassen, daß eine Aufhebung des Ausfuhr­verbots strategisch wichtiger Güter nach Ostblocklän- dem zu gewaltigen wirtschaftlichen Vorteilen führen würde. Die Sowjets hätten der Konferenz einen lu­xuriösen Rahmen gegeben.,Selbst pastellfarbene Au­tos seien den Delegierten zur Verfügung gestellt wor­den und man habe Preisherabsetzungen angeordnet, um den Besuchern überfüllte Läden zeigen zu kön­nen. „Die Potemkinschen Dörfer, von denen sich Ka­ tharina die Große

täuschen ließ, wären eine plumpe Angelegenheit im Vergleich zu den Schaustellungen der sowjetischen Nachfolger Potemkins“. Der sowje­tische Chefdelegierte Nesterow habe zwar behauptet, daß die Sowjetunion mit der nichtkommunistischen Welt Handelsgeschäfte bis zu einem Umfapg von 10 Milliarden Dollar tätigen wolle, aber in.der Vergan­genheit habe sich oft genug gezeigt, daß die Lücke zwischen Versprechen und Erfüllen bei Stalin häufig sehr groß ist. Wenn die Delegierten ihre Augen ge­brauchten und die richtigen Fragen stellten, brauch­ten sie sich nicht täuschen zu lassen.

Die Vorschläge zur Erweiterung des Handels mit Frankreich , die der Präsident der sowjetischen Han­delskammer, Nesterow , am Sonntag auf der Mos­ kauer Wirtschaftskonferenz machte, wurden von den zuständigen französischen Kreisen mit Überraschung zur Kenntnis genommen. Frankreich habe der So­ wjetunion im Januar 1952 eine Liste von Waren übersandt, die für die Ausfuhr in Frage kämen. In dieser Liste seien zahlreiche Artikel aufgeführt, die Nesterow am Sonntag erwähnte. Bis heute habe die französische Regierung jedoch keine Antwort auf ihre Vorschläge erhalten.

Triest -Verhandlungen fortgesetzt

LONDON . Die Triest -Verhandlungen zwischen Großbritannien , den USA und Italien wurden Montag­nachmittag in London fortgesetzt. Zum erstenmal wa­ren bei dieser Sitzung alle Delegationen vollständig. Auch der Italien - und Triest -Sachverständige des amerikanischen Außenministeriums, Greene, hat sich am Montag in die Verhandlungen eingeschaltet. Ueber die Gesamtdauer der Konferenz konnte der Sprecher des Foreign Office am Montag noch nichts sagen. Er hielt es für wahrscheinlich, daß mehrere Vollsitzun­gen hintereinander stattflnden und die Verhandlun­gen nach einer kurzen Osterpause weitergehen wer­den. Der Sprecher wandte sich nachdrücklich gegen Berichte, daß sich Großbritannien und die USA in ihrer gegenwärtigen Triest -Politik nicht einig seien. In diesen Berichten hieß es, das Foreign Office sei ge­genüber den italienischen Forderungen weit zurück­haltender als das State Department .

WASHINGTON . Der Wert der amerikanischen Auslands, hilfe seit Ende des zweiten Weltkrieges beläuft sich nach einem Bericht des USArHandelsministeriums auf 39 Milliar- den Dollar.

Lord Salisbury verteidigt britische Europapolitik

LONDON . Der neue britische Commonwealth -Mi­nister Lord Salisbury verteidigte am Montag nach­drücklich Großbritanniens Europa -Politik. In einer Rundfunkrede über den Europadienst der BBC sagte er, wenn Großbritannien Mitglied einer europäischen Föderation würde, so wäre dies für das Land „die größte aller Katastrophen, politisch wie wirtschaft­lich“. Eine britische Beteiligung würde notwendiger­weise bedeuten, daß Großbritanniens Verteidigung kontrolliert würde. .Seine Außenpolitik würde der Regierung der Föderation übertragen. „In diesem Fall würde Großbritannien aufhören, ein unabhän­giger, souveräner Staat zu sein, und es könnte nicht mehr seine gegenwärtige Rolle iri der Einigung der unabhängigen souveränen Staaten spielen,' die zu­sammen das Commonwealth bilden. Es wäre dann ein Teil Europas und die anderen. Mitglieder (des Commonwealth ) würden Ihre eigenen Woge gehen, ohne ihrerseits neue Verpflichtungen Europa gegen­über zu übernehmen.“ Man dürfe nicht vergessen, fügte Lord Salisbury hinzu, daß die Nationen des Commonwealth aus freien Stücken in den zwei Welt­kriegen an der Seite Großbritanniens , und «einer europäischen Verbündeten .gekämpft hätten. „Das Commonwealth darf einfach nicht auseinanderbre­chen, und deshalb können wir nichtin ein föderiertes Europa verschmolzen werden.“ y

Gesamtsowjetische Kirchenkonferenz

MOSKAU . In der ersten Hälfte des Mai wird in Moskau eine Konferenz aller (christlichen und äußer- christlichen) Kirchen und kirchlichen Vereinigungen in der Sowjetunion stattfinden und sich mit der Fra­ge befassen, welchen Beitrag die religiösen Gemein­schaften für die Erhaltung des Weltfriedens leisten können. Eine große Anzahl führender kirchlicher Persönlichkeiten des Auslandes wurde dazu einge­laden.

Telephonistenstreik in USX

NEW YORK . Am Montagmittag begannen 16 000 Angestellte der „Western Electric Compafiy“ einen Lohnstreik. Dadurch sind die Telephonverbindungen in 43 Staaten der Union ernstlich gefährdet. Der am Donnerstag vergangener Woche begonnene Streik von 30 000 Angestellten der Telegraphengesellschaft „We­ stern Union “ dauert noch an.

Puszta soll Ackerland werden

BUDAPEST . Die ungarische Regierung hat die Ab­sicht, die Puszta-Gebiete im Osten des Landes durch großangelegte Bewässerungsmaßnahmen in frucht­bares Ackerland zu verwandeln. Der Sender Buda­ pest meldete am Montag, daß ein 100 km langer Hauptkanal Wasser von der Theiß in die Puszta brin­gen soll. Ein zweiter großer Kanal soll als Schiffahrts­weg dienen. Kleinere Verbindungskanäle sollen das Land bewässern, damit künftig in der Puszta Zucker­rüben und Getreide wachsen können. Auch umfang­reiche Aufforstungsmaßnahmen sind für die Puszta geplant.

Lebensmittel im Torpedorohr

KOPENHAGEN . An der Westküste der dänischen Insel Fünen ist ein deutsches U-Boot gehoben worden, das gegen Ende des Krieges von britischen Bombern versenkt worden war. Die Torpedorohre des U-Bootes waren mit Let^pnsmittelkonserven, Würstchen, Fleisch und Gemüse gefüllt. Man vermutet, daß das U-Boot bei Kriegsende nach Südamerika flüchten wollte.

Wasser gegen Wein

PARIS . Das ständig steigende Hochwasser der Saone bedrohte jetzt auch den von allen Kennern geschätz-. ten.roten .und weißen Wein.des burgundischen Städt- ä chens Macon. Am Montag wurden alle Kellerräume" der Unterstadt überflutet. Die Bewohner konnten das kostbare Naß aber zuvor in Sicherheit bringen.

JCUUte Rundschau,

DÜSSELDORF . In einer Trauerfeier im Walsumer Zell­stoffwerk nahmen am Montag die Angehörigen der sieben Opfer des Chlorgasunglürks vom Freitag zusammen mit der Werksleitung und der Belegschaft Abschied von den To­ten. Unter den Trauergästen waren Vertreter des Landtags von Nordrhein-Westfalen , der Landesregierung und der örtlichen Behörden.

TOKIO. Bei den Waffenstillstandsgesprächen in Pan Mun- jon wurden am Montag keinerlei Fortschritte erzielt. Der Ausschuß für Waffenstillstandsüberwachung hatte eine Sit­zung von weniger als sechs Minuten Dauer.

PARIS . Der kleinen Stadt Ascq in Nordfrankreich , in der 1944 bei Zusammenstößen zwischen deutschen Truppen und Widerstandskämpfern fast 99 Zivilisten in einer Nacht das Leben lassen mußten, wurde am Sonntag das Kreuz der Ehrenlegion -verliehen.

EPINAL . Bei einer Nachwahl zur französischen National­versammlung erhielt am Sonntag der gaullistische Kandi­dat Gaillemin das Mandat, das der tödlich verunglückte ge­mäßigt-konservative Abgeordnete Tacnet-Ducreux gehabt hatte.

KAIRO . Der polnische Gesandte in Aegypten ist abberu­fen worden, nachdem die ägyptische Regierung erklärt hat­te, daß seine Anwesenheit in Kairo unerwünscht sei.

Die Vorfinanzierung des Lastenausgleichs

Mit diesem Artikel schließen wir die Aufsatz­reihe über das ungeheuer wichtige und drängende Problem des Lastenausgleiches ab. Vgl. auch un­sere Ausgaben vom 5. und 7. dieses Monats.

Fachleute haben errechnet, daß in den ersten drei Jahren die für den Lastenausgleich vordringlich notwendigen Beträge etwa zehn Milliarden ausma­chen. Es fehlen also bei dem geschätzten Normal­jahresaufkommen von 2,2 Milliarden Mark 3,4 Mil­liarden. Wenn diese Milliarden irgendwo geborgt werden könnten, so wären die größten Schwierigkeiten für die Ausgabenseite behoben. Da gibt es zunächst die Möglichkeit einer ausländischen, sprich amerika­nischen, Anleihe in Höhe von fünf Milliarden. Wie sich inzwischen herumgesprochen hat, ist darauf erst zu hoffen, wenn die Frage der Altschulden Deutsch­ lands geklärt, der Generalvertrag abgeschlossen und der Verteidigungsbeitrag unter Dach ist.

Die deutschen Quellen fließen spärlich. Ein Kredit von der Bank Deutscher Länder in Höhe von einer Milliarde Mark ist aus währungs- und finanzpoliti­schen Gründen abgelehnt worden. Man hofft jedoch, daß man durch einen im Entwurf festgelegten zehn­prozentigen Bonus — also eine Erleichterung für die ihre Abgabeschuld sofort begleichenden Schuldner — rund 100 Millionen Mark locker machen kann. Dann wird daran gedacht, daß man von den für die Schiffs­bauförderung bereitstehenden 250 Millionen Mark Steuervergünstigungen von 100 Millionen abzweigen kann. Schließlich besteht in Regierungskreisen die Hoffnung, eine mit außerordentlich großen Steuer­vergünstigungen ausgestattete Anleihe in Höhe von 400 Millionen Mark placieren zu können. Das Wären in Summa 600 Millionen Mark, die nicht regelmäßig, sondern zunächst nur im ersten Jahre aufgebracht werden könnten.

■ Bei der Abschlußsitzung des Lastenausgleichsaus­schusses ist Bundesvertriebenenminister Dr. Luka- schek gefragt worden, ob er, der den Entwurf doch für unzureichend hält, unter diesen Umständen nicht zurücktreten wolle. Seine Antwort umreißt das Ge­samtproblem in wenigen Sätzen. Er erklärte, daß er

sich diese Frage seit zwei Jahren vorlege. Der Ent­wurf sei für die Vertriebenen unzureichend, aber — so lautete seine Gegenfrage — kann man es auf sith nehmen, diesen Entwurf rundweg abzulehnen, nach­dem man unendlich lange und mühevolle Arbeit auf ihn verwandt habe? Das würde bedeuten, die Hoff­nungen der Vertriebenen und Fliegergeschädigten abermals für eine lange Zeit zu enttäuschen. Solle man nicht lieber bei aller Erkenntnis der Unzulässig­keit des Entwurfes „Ja“ dazu sagen, um ihn im Laufe der Zeit zu verbessern? Er müsse, wenn auch „zähne­knirschend“ die letzte Frage bejahen.

Welche Aenderungen der Entwurf während der zweiten und dritten Lesung im Plenum des Bundes­tages erfahren wird, ist noch unbekannt. Die SPD wendet sich dagegen, daß Entschädigungszahlungen f hach der Höhe des erlittenen Schadens bemessen werden. Sie vertritt im Prinzip die Auffassung, daß es gleichgültig sei, wieviel jemand verloren habe Und nur darauf ankomme, ihm eine neue Existenz zu schaffen. Die Regierungsparteien wollen jedoch nicht diesen — um das häufig benutzte Schlagwort zu ge­brauchen — „sozialen“ Lastenausgleich, sondern einen „quotalen“. Ihr Wille hat sich in den Ausschußbera­tungen bisher durchgesetzt. Aber auch der Befür­worter dieser Auffassung, der CDUUSU-Abgeordnete und Vorsitzende des Bundes der vertriebenen Deut­ schen , Dr. Linus Kather , lehnt den Entwurf deswegen ab, weil nach seiner Ansicht die Abgabepflichtigen zu zart angefaßt worden sind. Es wird darauf ankommen, ob er und seine Gefolgschaft im Regierungslager es zuwegebringen, die Abgabeseite zusammen mit der SPD und die Entschädigungsseite zusammen mit der Koalition in ihrem Sinne zu verändern.

Die siebentägige Beratungszeit — die für die zweite und dritte Lesung des Entwurfs im Plenum des Bun­destages zunächst vorgesehen ist — zeigt, welche Be­deutung das Lastenausgleichsgesetz für das deutsche Volk haben wird. Es soll auf die Beratung des Lasten­ausgleichsgesetzentwurfes mehr Zeit verwendet wer­den als für Schumanplan - und Wehrdebatte zusam­mengenommen. Joachim Schulz

WÄRE^NiCHT mn G9S1P DER MENSCHEN

ROMAN VON JOSEPHINE S C H N E I D E R . F O E R S T t

Copyright 1950 by Ludwig Baur-Veriag, München

24 (Nachdruck verboten)

„Vor Ende der Woche ist es mir kaum möglich“, log Mayhoff, um sich irgendeine Deckung zu sichern. „Morgen früh muß ich zu einer Konferenz weg. Es wird immerhin einige Tage dauern, bis ich wieder .zurück bin. Grüßen Sie inzwischen von mir. lieber Doktor.“

„Ich werde es bestellen. — Gute Nacht!“

„Gute Nacht“, sagte Mayhoff, vergaß den' Hörer auf die Gabel zu legen und wurde erst aufmerksam, als das Tuten kein Ende nahm. Fähig war also un- gewamt in das Abenteuer gegangen. Was er tun wür­de, wenn sich eines Tages die gleiche Situation wie bei ihm ergab, blieb dahingestellt. Vielleicht war er weniger beeindruckt von solchen Dingen vielleicht machte er es wie Cossy und drückte beide Augen zu, weil er Frau Margot mehr liebte, als deren Ruf.

Schrecklich, wenn man sich in einem solchen Zwie­spalt befand. Er liebte ja Wera auch! Wahrschein­lich ebenso sehr, wie Fähig ihre Mutter liebte. — Aber er liebte auch seine Stellung, seinen Namen, sein gesellschaftliches Ansehen. — Gittas Mann war ver­mutlich nicht der einzige, der um die Sache wußte. Der und jener konnte ebenfalls eines Tages mit die­sem Wissen herausrücken und die Katastrophe war fertig.

Ließ man der Angelegenheit also ihren Lauf und wartete, was die Auskunftei herauskristallisieren würde.

Die wenigen Tage seiner gewollten Abwesenheit waren immerhin ein glaubwürdiger Grund, warum er nicht auf Axelstein erschien. Und bis er dann wieder zurückkam, hatten die Nachforschungen wohl schon ein klares Resultat ergeben. Dann meldete man sich einfach wieder zurück und tat. als wäre nichts gewesen. Doktor Fabig würde inzwischen seine Grüße bestellen. Auf diese Weise wurde auch der

Kontakt nicht unterbrochen. — So ist es gut, be­ruhigte er sich.

Trotzdem schlief er lange nicht ein. Er führte einen zähen Kampf mit den tausend Wenn und Aber die ihn überfielen. Der schlimmste Gedanke war der, daß Wera in der Zwischenzeit einen Abstand nehmen könnte, dem möglicherweise ein völliges Entgleiten folgen würde.

Diese Vermutung war so unerträglich, daß er am Morgen seine Abreise verschob und auf den Augen­blick wartete, wo es einigermaßen schicklich war, auf Axelstein anzurufen.

Das „Guten Morgen“ Frau Loys verriet strahlende Laune. „Ich dachte, Sie würden sich sehen lassen“, sprach sie, ohne jedes Gekränktsein. „Ich weiß nicht ob Sie schon mit Doktor Fabig zusammen waren.“ „Das nicht! Aber er hat mich gestern abend an­gerufen. Meinen herzlichsten Glückwunsch, gnädige Frau. Leider kann ich ihn nicht persönlich aus­sprechen, weil ich in wenigen Minuten verreisen muß. Darf ich Sie bitten, midi dem Fräulein Tochter zu empfehlen?“

„Danke, lieber Direktor. Wera ist schon vor zwei Stunden auf die Felder. Die Ernte ist im Gang.“ „Ach ja!“, meinte er etwas enttäuscht. „Jeder hat eben andere Verpflichtungen. Sobald ich zurück bin, werde ich mir erlauben, bei Ihnen vorzusprechen.“ „Schön! Dann auf Wiedersehen. Herr Direktor und gute Reise!“

„Auf Wiedersehen, gnädige Frau!“

Auf beiden Seiten des Drahtes gab es ein nach­denkliches Gesicht: — „lieber Direktor“-klang

das nicht etwas konventionell?-Vor Tagen hatte

es noch geheißen: lieber Rüdiger.-Hm! War es

Einbildung, daß sich Frau von Loys Stimme kühler angehört hatte, als sonst? — Steckte wirklich etwas dahinter, oder lag es nur an ihm, daß er etwas da­hinter suchte, was gar nicht da war? —

Frau Margot ihrerseits fühlte sich ernüchtert, daß er wegblieb, wo Axelstein doch eigentlich nur einen Pfeilschuß weit vom Wege ablag. „Darf ich sie bit­ten, mich dem Fräulein Tochter zu empfehlen?“-

Wie denn? — —• Warum so zeremoniell? — Sollte das heißen, daß Mayhoff in diesen beiden letzten Tagen gewissermaßen einen Rückzug angetreten hat­te? — Bei Männern war man ja nie vor Ueber- raschungen sicher. Aber es war ihr nicht ganz wohl bei diesem Gedanken.

Sie erwog, was sein würde, wenn sich die Verbin­dung zwischen ihm und Wera zerschlug. Dann blieb man wieder zusammen hier auf Axelstein, das heißt, dann war auch Fabig noch mit dabei.

. Es überfiel sie plötzlich eiqe solche Menge be­drängter Gedanken, daß sie sich in den Garten flüch­tete, um vollkommen ungestört mit allem fertig zu werden.

Die Einzige, auf die das Fernbleiben Mayhoffs nicht den geringsten Eindruck machte, war Wera. Er kam ganz ihrem Wunsch entgegen, die Aussprache so lange als möglich hinauszuschieben. Sie war sich noch nicht so recht klar und wußte auch nicht, wie

sie sich gegebenenfalls entscheiden würde.-Für

einen Augenblick erwog sie sogar zu Onkel Magnus zu ziehen. Dann ließ sie den Gedanken resigniert wieder fallen. Sie würde ja doch nur stören. Sein Haushalt war ganz auf Ruhe eingestellt. Ihre stän­dige Anwesenheit mußte wie ein Fremdkörper wir­ken. Dann schon besser mit der Mutter und Doktor Fabig auf Axelstein bleiben. Man konnte sich ja aus dem Wege gehen, wenn man merkte, daß man über­flüssig war.

„Hast du heute nacht etwas klirren hören?“, fragte Frau von Loy, als sie zusammen beim Mittagtisch saßen. „Ja? Der Verwalter sagt, es sei gegen zwölf Uhr Sturm aufgekommen. Er habe gehört, wie ein Fenster zu schlug und in Splitter ging.“

„Das stimmt!“, antwortete Wera, ohne im Zer­teilen ihres Bratenstückes aufzuhören. „Du bist etwas leichtsinnig gewesen, Mama. Ich ging hinunter, als ich den Lärm hörte und fand die Türe zur Veranda und die beiden Fenster nach dem Garten offen.“

„Um Gottes willen!“, entsetzte sich Frau von Loy noch nachträglich. „Das ist mir noch nie passiert. — — Was sagst du zu Mayhoff?“ f „Was soll ich dazu sagen, Mama?“

„Findest du sein Verhalten nicht auch etwas son­derbar?“

„Gar nicht!“, entgegnete Wera und riskierte es so­gar der Mutter ins Gesicht zu sehen. „Es ist doch nichts Besonderes, daß er verreisen muß.“

„Das nicht!“, meinte Frau Margot. „Aber er hätte doch über Axelstein fahren und .Guten Tag* sagen können.“

„Vielleicht war ihm der Umweg zu weit!“

„Ach ja“, meinte Frau von Loy, suchte dabei im Gesicht der Tochter und konnte nichts Auffallendes

darin bemerken. Es war ein Glück, daß Wera den Fall nicht tragisch nahm und nichts dahinter fand, wenn Mayhoff sich einmal einige Tage nicht sehen ließ. Mit zwanzig Jahren war es eben noch ein leich­tes, auf einen Mann zu warten. Man hatte noch alle Trümpfe in der Hand: Jugend, Schönheit, Optimis­mus, Selbstbewußtsein. Später kehrte sich das alles nach und nach ins Gegenteil.

Sie jedenfalls war sehr froh, daß Fabig sich so un­erwartet rasch erklärt hatte. Wenn es nach ihr ging, waren sie spätestens in acht bis zehn Wochen ver­heiratet.

Wera faltete eiben ihre Serviette zusammen und sagte so nebenbei: „Adele hat gekündigt, Mama!“ „Ich habe es mir gedacht, daß es so kommt“, sagte Frau von Loy. „Sie harmonieren nicht mehr. Ich weiß nicht, ob Pohl daran schuld trägt oder sie. Auf jeden Fall ist es ärgerlich. — Zum Glück ist dann wenigstens die Ernte zum größten Teil vorbei.“

„Ja! — Ich schreibe sofort an Onkel Magnus, daß ich Frau Wolters bitten lasse, sie möchte sich um Ersatz für uns umsehen.“

„Da9 ist gut, ja! Du kannst ruhig zwanzig Mark mehr geben, Wera. Andreas und ich brauchen ja

auch jemand, der uns mitversorgt.-Hoffentlich

bleibt Pohl.“

„Ich hoffe es sehr, Mama. — Er macht mir den Eindruck, daß ihn etwas drückt. Vielleicht ist er ver­liebt, in Adele!“

Diesmal fehlte es Frau von Loy an Worten. Sie machte, ganz verwunderte Augen und schüttelte dann den Kopf. Möglich war alles. „Adele ist eine Gans, wenn sie seine Werbung ausschlägt“, sagte sie nach einer Weile.

„Warum, Mama?“

„Was will sie denn mehr?“

„Das weiß ich nicht — Es ist schließlich ihre Sache, ob sie ihn will oder nicht.“ Als sie dann etwas später mit dem Verwalter wieder nach den Feldern ging, überraschte sie ihn mit der Frage, ob er Sorgen habe.

„Ja, Fräulein Cossy.-Und Ihnen muß ich lei­der auch welche bereiten.-Sehen Sie sich bitte

zum 1. Oktober nach einem Ersatz für mich um.*

Sie blieb stehen und sah ihn an: „Grund?“

-nach einiger Zeit ein Seufzen.

(Fortsetzung folgt)