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Nummer 159
Samstag, 12. Juli 1952 Einzelpreis 20 Pfennig
Eisenhower einstimmig nominiert
Taft in dramatiscfiem Wahlgang geschlagen - Delegation aui Delegtion zu Eisenhower umgeschwenkt - Solidaritätserklärung beider Bivalen
CHIKAGO. In einer Abstimmung von atemraubender Spannung errang General Dwight D. Eisenhower bekanntgab, von den Ratgebern Eisenhowers zum am Freitag im ersten Wahlgang die offizielle -Nominierung der Republikanischen Partei der Vereinigten Bewerber um die Kandidatur für die Vizepräsident Staaten zum Präsidentschaftskandidaten im Jahre 1952. Das Amphitheater von Chikago, in dem die 1206 Schaft ausgewählt worden.
Delegierten des republikanisdien Parteikonvents tagten, glich einem Hexenkessel in höchster Ekstase, als Von offiziellen deutschen Stellen in Bonn wurde am sich in dramatischer Folge die Ereignisse überstürzten und Eisenhower seinen Hauptgegner Senator Taft um Hnnderte von Delegiertenstimmen schlug.
Nachdem zunächst 595 Stimmen für Eisenhower und 500 für Taft abgegeben worden waren, schwenkte Delegation auf Delegation der einzelnen Staaten zu Ei senhower um, so daß der General im amtlichen Endergebnis über 845 Stimmen gegen 280 für Taft verfügte. Die Verfahrensregeln gestatten den Staatendelegationen, bereits für einen Bewerber abgegebene
Stimmen später abzuändem. So kam es zu dem „Erdrutsch“ für Eisenhower , der schließlich durch die Annahme eines Vorschlages gekrönt-wurde, Einstimmigkeit der-Nominierung des-Generals zu erklären.
In einer ergreifenden Szene von typisch amerikanischer Art erklärten sich nach Bekanntwerden des Abstimmungsergebnisses der jetzt auch ^politisch siegreiche“ General und der zum dritten Male vor der Hürde der Nominierung gescheiterte Veteran der Politik, Senator Taft, Arm in Arm vor der Presse, Wochenschau- und Fernsehkameras solidarisch. Taft, der Eisenhower zu seinem Sieg gratulierte, versprach den vollen Einsatz seiner Person im Wahlkampf des Generals für die Republikaner . Eisenhower, der die Freude über seinen Sieg nicht verbarg, nannte seinen Gegner, mit dem er das Kriegsbeil begraben hatte, einen „großen Amerikaner“, dessen Hilfe er im Wahlkampf noch brauchen werde. Unter nicht endenwollenden „Ike“-Rufen bahnte sich Eisenhower schließlich mühsam durch eine vieltausendköpfige Men
schenmenge mit Hilfe der Polizei den Weg zurück in sein Hotel, wo er gepiäß dem Braüch das Wahlergebnis abgewartet hatte. Das Amphitheater glich mittlerweile einem Ameisenhaufen, in dem sich einzigartige Massenovationen abspielten. Die Taft-Banner verschwanden, Taft-Abzeichen wurden aus den Knopflöchern gerissen, und überall stieg das Zeichen „I like Ike“ über den Köpfen der außer Rand und Band geratenen Delegierten empor. Fast wie ein Mann stellte sich die Republikanische Partei , von der große Teile noch kurz vorher scharf gegen Eisenho wer opponiert hatten, hinter den Sieger der „großen Schlacht“.
Der Senator Richard Nixon aus Kalifornien ist, wie Senator Cabot Lodge am Freitagabend in Chikago
Freitag keine Stellungnahme zur Nominierung Ge neral Eisenhowers gegeben. In Regierungskreisen wurde darauf hingewiesen, daß die Wahl der Kandidaten. für die Präsidentschaftswahlen eine rein inneramerikanische Angelegenheit sei. Auch der Pressechef der SPD Fritz Heine lehnte am Freitagabend unter demselben Hinweis eine Stellungnahme ab.
Beim atlantischen Hauptquartier in Paris wurde die Nachricht von der Nominierung Eisenhowers , wenn dazu auch nicht offiziell Stellung genommen wurde, mit unverhohlener Freude aufgenommen. Auch die französische Regierung enthielt sich vorläufig einer Stellungnahme. Der Vorsitzende der Beratenden Versammlung des Europarates und Fraktionsführer der MRP in der französischen Nationalversammlung, Francois de Menthon , begrüßte die Nominierung Ei- senh.owers.
McGloy protestiert bei Tschuikow
Und Tschuikow weiß von nichts - Abschied des US -Oberkommissars von Berlin BERLIN
. Der amerikanische Hohe Kommissar Mc- Cloy hat bei dem Vorsitzenden der sowjetischen Kontrollkommission in Deutschland , General Tschuikow, am Freitagnachmittag persönlich scharf gegen die Entführung von Dr. Walter Linse aus Westberlin protestiert. Wie von amerikanischer Seite bekanntgegeben wurde, erhob McCloy seinen Protest bei seinem Abschiedsbesuch im sowjetischen Hauptquartier der Sowjetzone.
McCloy bedauerte, daß er seinen Abschiedsbesuch in Karlshorst zu einem entschiedenen Protest gegen diese Entführung mitten aus dem amerikanischen Sektor Berlins heraus benutzen müsse. General Tschuikow antwortete, wie es in der amerikanischen Verlautbarung heißt, daß ihm dieser Fall nicht vertraut sei, da er mehrere Tage nicht in Berlin gewesen sei. Auf McCloys Ersuchen, zu intervenieren, versprach Tschuikow , daß er sich sogleich um die Angelegenheit kümmern werde. Als McCloy Einzelhei- te des sorgsam vorbereiteten Menschenraubs schilderte, betonte Tschuikow, er hoffe, McCloy werde nicht glauben, daß die Sowjets in diesen Menschenraub verwickelt seien.
Sehr herzlich verabschiedete sich McCloy am Freitag von der Stadt Berlin . Die Technische Universität Berlin-Charlottenburg verlieh ihm bei dieser Gelegenheit die Würde eines Ehrendoktors. McCloy kam zu diesem letzten Besuch vor seiner Rückkehf in die Vereinigten Staaten mit einem Sondertriebwagen durch die Sowjetzone nach Berlin .
McCloy machte Berlin und den Berlinern ein Kompliment, als er sich auf einem Empfang des Berliner Senats verabschiedete. „Es liegt etwas in der Ber liner Luft, das man kaum irgendwo anders in Euro pa - findet“, sagte er. Bei jedem Besuch in Berlin habe er eine neue Inspiration empfangen, und er habe
jede Neujahrsnächt während seiner Tätigkeit in Deutschland in Berlin verbracht, weil es für einen neuen Anfang keinen besseren Platz gebe. Berlin sei mit dem Witz und der Weisheit seiner Bewohner höchst ungeeignet für ein totalitäres Regime. „In der Unterhaltung von zwei Berliner Taxichauffeuren ist oft ebenso viel politischer Verstand wie in den Ministerien.“
Scharf wandte sich McCloy gegen die Menschenraubmethoden der Machthaber in der Sowjetzone. Erst Beweise von Menschlichkeit würden ihren Worten, Noten und Protesen Vertrauen bringen. An die Wirtschaft der freien Welt appellierte McCloy , der Stadt durch Aufträge zu helren.
In einer Rundfunkansprache über den RIAS Ber lin versicherte McCloy , daß die Vereinigten Staaten zu jedem Schritt bereit seien, der wirklich freie Wahlen und die Wiedervereinigung Deutschlands bringen kann. Die USA ließen sich jedoch nicht durch sowjetische Drohungen und Manöver daran hindern, den Weg zu einer starken europäischen Gemeinschaft fortzüsetzen. Den Deutschen hinter dem Eisernen Vorhang rief der Hohe Kommissar zu: „Der Tag wird kommen, an dem eie in Frieden und Freiheit mit dem übrigen Deutschland und im freien Europa reinigt sein werden.“ McCloy unterstrich noch einmal „die unwandelbare Entschlossenheit der Verei nigten Staaten , Westberlin zu unterstützen“. Er sei überzeugt, daß diese Politik die volle Zustimmung der Sowjetzonenbevölkerung habe. Die freie Welt wisse, daß die meisten Menschen in Ostberlin und der Sowjetzone keinen aktiven Widerstand leisten könnten. Sie wisse aber auch, daß in den Millionen von den Menschen in diesem Gebiet ein tiefer religiöser und geistiger Widerstand lebe und daß sie sich nicht dem Pm'k und den Drohungen beugen werden.
Bundeskabinett stimmt Antwortnote zu
Audi Opposition, wenn auch mit
BONN . Das Bundeskabinett stimmte der westlichen I Antwortnote an Moskau am Freitag nach eingehender Beratung zu. Wie ein Regierungssprecher nach der Sitzung sagte, wird in der Note die Ueberein- stimmung zwischen der Bundesregierung und den drei Regierungen der Westmächte klar zum Ausdruck gebracht. Die Note stelle einen neuen Schritt dar, um zu echten Verhandlungen über die deutsche Wiedervereinigung in Freiheit zu gelangen.
Das Bundeskabinett mißbilligte auf der gleichen Sitzung die dem Ostberliner SED -Kongreß empfohlenen Maßnahmen, die eine Croklamation der Sowjetzone als Volksdemokratie vorsehen. Es verurteilt die in der letzten Zeit sich häufenden Fälle von Menschenraub in Berlin .
Der Bundesbevollmächtigte in Berlin , Dr. Vockel, hält sich gegenwärtig in Bonn auf, um mit den in Frage kommenden Ministerien über Abwehr- und Gegenmaßnahmen zu beraten, wenn dies auch — wie der Regierungssprecher sagte — in erster Linie Aufgabe des Berliner Senats sei.
Maßgebende Kreise der SPD vermissen , in der Antwortnote der Westmächte an die Sowjetunion konkrete Vorschläge und bedauern, „daß soviel politische Voraussetzungen an die Einberufung einer Viermächtekonferenz geknüpft werden“. Andererseits wird von der SPD mit Genugtuung verzeichnet, daß die Alliierten freie Wahlen als das dringendste Anliegen bezeichnen. Auch der Reihenfolge der Prozedur — zuerst freie Wahlen, dann Bildung einer freien gesamtdeutschen Regierung und schließlich Friedensvertrag — wird zugestimmt. Auch die Kritik an den Maßnahmen in der Sowjetzone und die ablehnende Haltung zum Potsdamer Abkommen werden akzeptiert. Die SPD spricht jedoch die Annahme aus, daß die letzte Fassung der Note schlechter ist als der ursprünglich zwischen den Westmächten vereinbarte Text und daß der Grund hierfür die Intervention des Bundeskanzlers ist. Das sei nach d£n Veröffentlichungen am Wochenanfang anzunehmen.
Der zweite FDP -Vorsitzende Dr. Schäfer sagte am Freitag in Bonn , das Verdienst der Antwortnote der Westmächte an die Sowjets bestehe darin, daß sie eine Art von „folgerichtiger Programmatik der deut schen Wiedervereinigung aufstellt und damit propagandistischen Nebel zerreißt“. Die Beteiligung einer aus freien Wahlen hervorgegangenen gesamtdeutschen Regierung an den Friedensverhandlungen unter Ablehnung einer Wiederkehr des Viermächte-
Einschränkung einverstanden
kontrollsystems sei das pösitive Kernstück des Vorschlags der Westmächte. Wenn der Sowjetunion ihre Friedensbeteuerung ernst sei, könne eine rasche Zustimmung erwartet werden.
Der Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Dr. von Brentano, begrüßte am Freitag die Note der drei Westmächte „in Form und Inhalt ohne jede Einschränkung“. Sie entspreche in allen Teilen der Politik der Bundesregierung und der für Deutschland so entscheidenden Frage der Wiedervereinigung. Die SPD -Stellungnahme entbehrt nach Auffassung von Brentanos „nicht einer gewissen Originalität“. Auch die SPD begrüße die Note und erkläre sich mit ihrem Inhalt einverstanden. Sie vergesse aber nicht hinzu- zuf ügeri.. „man müsse annehmen, daß sie durch die Intervention des Bundeskanzlers verschlechtert worden sei". Weiter könne man nicht gehen, wenn man sich durch „eine sinnlose Kritik lächerlich“ machen wolle.
Schwerster Schlag der UNO -Luftwafte gegen Nordkorea
TOKIO. In dem bisher schwersten Luftangriff der UNO -Streitkräfte im Laufe des Koreakrieges zerstörten am Freitag über 750 Flugzeuge von vier unter der UNO -Flagge kämpfenden Staaten im rollenden Einsatz kommunistische Militär- und Versorgungsanlagen im Umkreis um die nordkoreanische Hauptstadt Pjöng-jang. Welle auf Welle der schweren, mittelschweren und Jagdbomber flogen unter dem Schutz von über hundert Düsenjägern von ihren Stützpunkten aus die Zielräume an.
Die Angriffe richteten sich gegen Ziele, die man, wie die 5. USA -Luftflotte bekanntgab, einige Monate hätte „reifen“ lassen. Zu den Zielen gehörten vor allem Flakstellungen, Industrieanlagen und Panzer- und Fahrzeugreparaturwerkstätten und -lager.
Die Waffenstillstandsverhandlungen in Pan Mun- jon gingen am Freitag mit einer Sitzung von nur 26 Minuten Dauer weiter. Ueber den Verlauf wurde bisher nichts bekannt. Eine neue Sitzung wurde für heute anberaumt.
Der amerikanische Hohe Kommissar Mc Cloy , der in Kürze in iie USA zurückkehrt, verabschiedete sich am 9. Juli 1952 vom Bundespräsidenten . Prof. Heuß gab aus diesem Anlaß ein Essen in der Villa Hammerschmidt. U. B. zeigt v. I. n. r.: Mc Cloy , Bundespräsi
den Prof. Heuß, Mrs McCloy auf der Terrasse der Villa Ham- merschrhiät.
I
Die Schwerkraft der Tatsachen
Dr.E.G. Das Wort als Argument gegen die'Politik der Bundesregierung stammt aus der Rüstkammer der Opposition. Carlo Schmid holte es in der Vertragsdebatte des Bundestages wieder hervor, um damit seine Behauptung zu stützen, daß die Entwicklung von der bedingungslosen Kapitulation bis zur (wie auch immer gearteten) Partnerschaft mit der freien Welt nicht, wie der gewöhnliche Sterbliche annimmt, wesentlich einer zielbewußten Politik, sondern eben jener von Schmid nicht näher definierten Schwerkraft der Tatsachen zuzuschreiben sei. Also einem Herrn Anonymus, der zwar nicht die politische Arbeit überflüssig macht, wohl aber die staatsmän- nische Leistung leugnet, da der Staatsmann nach dieser Auffassung nichts weiter als ein Funktionär dieser Schwerkraft der Tatsachen ist. Wer jedoch die Tatsachen schuf, deren Schwerkraft sich in diesem Fall für die Zwecke der politischen Polemik so angenehm selbsttätig und wertmindemd auswirkt, darüber macht sich, wie es bei wohlklingenden Schlagworten nun einmal zu sein pflegt, niemand Gedanken.
Dabei ist gerade die Schwerkraft der Tatsachen nichts weniger als geeignet, eine staatsmännische Leistung zu verkleinern odeif zu leugnen. Denn unter der Lupe kritischer Betrachtung' pflegt sie sich in eine Vielzahl persönlicher politischer Willensakte aufzulösen, die sich gegenseitig anstoßen und neue Willensakte erzeugen; das sollte doch gerade die Entwicklung der Jahre nach 1945 lehren. Nur wer die Schwerkraft. der Tatsachen in diesem Sinne begreift, kann sie als vereinfachenden Sammelbegriff richtig verwenden. Allerdings ist sie als Waffe im politischen Meinungskampf dann nicht mehr zu gebrauchen. Im Grunde ein Geschöpf kollektivistischer-marxistischer Geschichtsauffassung, hat sie überdies eine gewaltige Schwäche: sie läßt sich nämlich, gegen jede Regierung, auch gegen die einmal von der Opposition gebildete, ins Feld führen, und Carlo Schmid müßte sich .gegebenenfalls darauf gefaßt machen, daß seine ministerielle Leistung einmal von einer künftigen Opposition zu leicht befunden wird, weil in die andere Waagschale die Schwerkraft der Tatsachen gelegt wird.
Um es deutlicher zu machen: natürlich müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt, muß eine bestimmte Entwicklung ausgereift sein, wenn ein historischer Wendepunkt eintreten soll. In der Bibel heißt es deshalb, auch schön und bildhaft: als die Zeit erfüllet war. Es waren bestimmte Umstände eingetreten, als 181g Europa von der napoleonischen Vorherrschaft befreit wurde, und es hatte sich eine bestimmte Schwerkraft der Tatsachen ausgewirkt, als Bismarck 1871 das Deutsche Reich gründete — sind aber deshalb die staats- männischen Leistungen der Männer von 1813 oder Bismarcks geringer? Es gibt eine Schwerkraft der Tatsachen, aber nur unter Einschluß der persönlichen Leistung; denn sie ist immer nur das Ergebnis des politischen Kräftespiels, in das sich übrigens Aden auer — darob von der Opposition wie auch besonders von unserem westlichen Nachbar des öfteren heftig kritisiert — schon zeitig und fortschreitend wirkungsvoll eingeschaltet hatte. Bis hin zur letzten Antwortnote der Westmächte an den Kreml .
Doch zurück zum Bundestag. In der Schwerkraft der Tatsachen, die zum Jahre 1952 geführt haben, wirkt auch die ganz persönliche Leistung des derzeitigen Bundeskanzlers, Dr. Konrad Adenauer , wirken aber ebenso Josef Stalin und Harry S. Truman , Winston Churchill und Robert Schuman und aus dem Antithetischen heraus nicht weniger Dr. Kurt Schumacher und Carlo Schmid . Und schließlich, um sie nicht zu vergessen, Wilhelm Pieck und Walter Ul bricht . Sie alle bestimmen die Schwerkraft der Tatsachen, aber über ihren Anteil wird nicht von einem Oppositionsredner entschieden, sondern von der Geschichte. Sache des verantwortlichen Staatsmannes ist es immer (und es war nie anders), die Schwerkraft der Tatsachen, die er jeweils selbst mit schafft, zu wägen, sei es als Ganzes auf der Dezimal-, sei es in ihren Teilgewichten auf der Mikrometerwaage, und zum Besten seines Staates und Volkes oder der angestrebten höheren Ordnung zu verwerten. Will man leugnen, daß Adenauer das getan hat, will man ihn zum bloßen Objekt, günstigenfalls zum Nutznießer dieser (im übrigen noch falsch verstandenen) Schwerkraft der Tatsachen stempeln, nur weil er eine andere Auffassung von den Lösungsmöglichkeiten der anstehenden politischen Probleme hat als die Opposition?
Es ist ein eigen Ding mit der Schwerkraft der Tatsachen: sie ist nie konstant, sondern sie ändert sich ununterbrochen. Jüngst erst wieder durch die Antwortnote der Westmächte, durch die Proklamierung der Volksdemokratie in der Sowjetzone (mit dem ebenso zynischen wie aufschlußreichen Satz Ulbrichts , durch die neue Entwicklungsphase werde die Entscheidung über die Gestaltung, der zukünftigen gesellschaftlichen Ordnung in Deutschland erleichtert) und durch Piecks säbelrasselnde Rede, die dem eingefleischtesten Militaristen von anno dazumal alle Ehre gemacht hätte. Schon sind also wieder neue Tatsachen eingetreten, die eine neue Messung ihrer Schwerkraft notwendig machen. Die Politiker aller Länder, auch der deutsche Bundeskanzler, werden wieder vor ihrer Waage stehen, um zu erkennen, was sie selbst noch in die Schale legen müssen. Denn der Staatsmann ist immer zugleich Wieger und Gewicht.
Abgefallene Gaullisten bilden neue Fraktion
PARIS . Entgegen der ursprünglichen Absicht, sich erst nach den Parlamentsferien zusammenzuschließen, beschlossen die von de Gaulle abgefaUenen Abgeordneten am Freitag in Paris , bereits jetzt eine neue Fraktion zu bilden. Die neue Fraktion, die den Namen „Unabhängige Gruppe der Republikanischen und Sozialen Union“ führt, umfaßt zur Zeit 30 Abgeordnete. Fraktionsvorsitzender wurde Edmond Barrachin. Die Auseinandersetzung zwischen der sogenannten Parlamentariergruppe innerhalb der Sammlungsbewegung de Gaulles und der Parteileitung-ist weiterhin in vollem Gärige.