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Seite 4 / Nummer 201

Samstag, 30. August 1952

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1. Fortsetzung

„Schau, Weigl, erstens weiß man das vorher nicht. Heiraten is immer ein bißl wie‘s Lottospiel. Und zwei­tens wär sie ja gar nicht so übel g'wesen . . . Ein bißl hantig. Das hab ich schon g'wußt. Aber die Hantigen sind oft nicht die Schlechtesten. Aber wann eine halt so gar nicht versteht, was man will, und nicht einmal merkt, was man kann ..."

„Drum hab ich ihr ja g'sagt, daß lieber an Schuster hätt heiraten sollen.“

Haydn lachte bitter. „Sie kann ja nichts dafür, Weigl. Aus seiner Haut kann keiner . . . Aber weißt, so eine hätt ich halt gebraucht wie die Marianne Gen- zinger. Du weißt doch, die Frau von dem berühmten Medicus in Wien . . . Eine, die jeden Ton versteht, den ich spiel, die bei jedem Wort weiß, was ich will . Er sah verloren zu dem von der Sonne vergoldeten Bildwerk auf, unter dem sie jetzt stan­den, einem sandsteinernen Gotte, der ein nacktes Weib in den Armen trug und sich heimlich dessen Spiegelbild besah, weil ihm seine Kopfhaltung den Blick auf die geraubte Menschenfrau verwehrte.

Sie gingen eiliger weiter.

„Fährst bald wieder nach Wien , Haydn?“ fragte der Cellist schmunzelnd.

„Kaum. Und was heißt: Wieder? Seit Dezember hab ich die Frau von Genzinger nimmer g'sehen. Du weißt doch, daß der Esterhäzy Wien nicht recht mag. Ist halt doch ein Magyar. Und allein laßt er mich ja nicht hin . . . Und jetzt wird ja wieder nichts draus. Ende nächster Woche übersiedeln wir ja schon nach Ester­häz. Wir sind so schon spät dran in diesem Jahr.“

„Dürfen jetzt die Frauen eigentlich mit nach Ester­häz?“ fragte Weigl.

Haydn hob die Schultern. „Weiß nicht. Gestern hab ich das Gesuch ln der fürstlichen Kanzlei abgege­ben . . . Aber viel Hoffnung hab ich nicht, Weigl."

Sie.stiegen die Stufen der Schloßterrasse hinauf. „Weißt übrigens, Haydn, daß die neue Sängerin an-- gekommen ist?“

Haydn verhielt den Schritt, fragte erstaunt: „Was? Die Italienerin? Die Polzelli? . . War das am End das büdsaubere Frauenzimmer, das heut nachmittag ln der Wien «: Eilpost g'sessen is? . . . Schwarze Augen hat's g'habt wie der Teufel . . . Aber das kann'* nicht g'wesen sein, Weigl. Der hab.ich doch erst vor drei Wochen nach Mailand g'schrieben, im Auftrag des Fürsten Und einen Mann hat's doch auch. Den haben wir doch gleich mitengagiert.“ <

„Wird ihn halt nicht mitgebracht haben“, meinte der Cellist und schmunzelte beziehungsvoll. „Viel­leicht will die von ihrem Polzelli genau so wenig wis­sen wie du von deiner Aloysia Apollonia.“

„Nein, Weigl, die Luigia kann das nicht g'wesen sein.“

„Wann ich's dir sag! Ich weiß doch vom Greifen- Wirt Bei dem hat sie sich einlogiert . . . Wirst es ja sehen. Die meld't sich heute schon noch bei dir.“ '

„Heut kann ich sie nicht brauchen. Jetzt müssen wir zum Fürsten , und dann ist doch Probe für die über­morgige Oper. Wird so die letzte sein in Eisenstadt . Die nächste spielen wir ja wahrscheinlich schon in Esterhäz.“

Die Schloßuhr schlug halb sieben.

Sie durchschritten die Giastüre der Terrasse, gin­gen die breite, helle, von weißen, marmornen Li^bes-j göttern umflatterte Treppe ins erste Stockwerk hin­auf und traten in die Anrticamera des Fürsten ein. Dort hatte sich Haydn alle Tage zweimal einzufinden* Am Morgen allein, gegen Abend mit dem Quartett. Wie ein Lakei, pflegte er zu sagen. Aber es stimmte nicht ganz.

Die anderen Musiker standen schon wartend in ei­ner Ecke des schmalen, langgestreckten Raumes. Zu setzen wagten sie sich nicht, weil der Sekretär Seiner Durchlaucht, der mit hohem Rücken vor seinem Pult am Fenster hockte, sie nicht dazu aufgefordert hatte.

Als Haydn eintrat, wandte der Schreiber für einen Augenblick den Kopf, funkelte böse über die Horn­brille und bemerkte tadelnd: „Es ist halb sieben vor­bei, Herr Kapellmeister!“ Wie ein verärgert«: Kater sah er drein. Selbst der Buckel stimmte.

„Stimmt! Grad hat's g'schlagen.“ Haydn zog ein Taburett an das Pult heran, setzte sich und bedeutete Weigl und den anderen, das gleiche zu tun.

Der Sekretär warf ihm einen wütenden Blick zu,* zuckte gottergeben mit den Schultern, beugte sich wieder über sein Schreibwerk und ließ die Kielfeder in Bögen und Schnörkeln über das Papier kratzen. Das hatte der Esterhazy von seiner musikalischen Narretei, daß das Pack in seiner Anticamera tat, als wäre es hier zu Hause! Zornig spritzte er die Feder aus, hielt sie prüfend gegen das Licht, schmiß sie auf das Pult, nahm eine andere und schrieb weiter. Auf die Musikanten war er schlecht zu sprechen. Erstens bekam selbst der geringste von ihnen zweimal so viel Salär als er, zweitens empfand er Musik als stören­des Geräusch und drittens mußte er zwecks Verbrei­tung dieses Geräusches auch noch die Programme für die Konzerte und Opern schreiben. Manchmal gleich hundert.

Haydn hatte den Ellbogen auf das Pult gestützt und sah dem Kerl zu. Nach einer Weile fragte er: „Haben S' noch recht viel Programme zu schreiben bis mor­gen? Muß ein grausliches Geschäft sein!“

Die Musiker, die mit den Instrumenten zwischen den Knien an der Wand saßen, lachten. Der Blick, den der Sekretär dem Kapellmeister zuwarf, war ein Mordversuch.

Die Glocke über dem Schreibpult bimmelte. Der Sekretär rutschte von seinem Stuhl und verschwand dienstbeflissen hinter einer goldverzierten, in röt­lichen Lichtern spielenden Türe. Nach einer Weile erschien er wieder, sagte kurz: „Der Haydn !“ Das war die Strafe für die Programme.

Der Kapellmeister erhob sich, trat ein, verneigte sich tief.

An dem bis zum Boden reichenden Fenster stand mit dem Rücken gegen das Zimmer Fürst Nikolaus Esterhazy und sah in den verdämmernden Park hin­aus. Er hatte den weißen Marschallsrock an. Das wun­derte Haydn . Uniform pflegte die hochfürstliche Durchlaucht nur bei besonderen Gelegenheiten, an hohen Festtagen zu tragen oder wenn sie ihr unga­risches Husarenregiment besuchte, deren Inhaber sie war. Seit König und Kaiserin ihren Frieden gemacht, war der Fürst nicht mehr im Menst Das war jetzt zehn Jahre her.

Nikolaus Esterhäzy wandte sich um, nickte, winkte freundlich und kam näher. Auf dem Waffenrock schimmerte das Goldene Vließ, blitzten die Brillanten der Ordenssterne. Einen Schritt vor Haydn blieb er stehen. Er war kleiner als sein Kapellmeister, fast untersetzt. Er mußte zu ihm aufsehen, wenn er mit ihm sprach. Die klugen, ein wenig vorquellenden Au­gen in dem immer geröteten, fleischigen, aber aus­drucksvollen Gesicht blickten gütig. Er nickte noch einmal und sagte: „Merci, Haydn . Er hat mir da eine große Freude gemacht. Das Divertimento für Bary- ton, das Er mir heute morgen gebracht hat, ist mer- veilleux. Schade, daß wir es nicht gleich spielen kön­nen. Aber ich muß heute noch nach Wien , zur Kai­serin.“ Darum also der Marschallsrock.

Ein hsiterer Roman von ALFONS VON CZIBULKA

Copyright 1949 by C. Bertelsmann Verlag Gütersloh

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Der Fürst trat an seinen Schreibtisch, griff nach dem Klingelzug an der Wand. Darm setzte er sich. Der Sekretär schlich zur Tür herein, machte seinen Kratz­fuß. Esterhäzy befahl: „Sag Er den Musicis, daß wir heute nicht spielen; sie können gehen! Aber komm Er dann gleich wieder und mach Er Licht!“

Ein seliges Gefühl durchströmte Haydn . Der Fürst fuhr nach Wien . Da kam wohl jetzt die gewohnte Frage: „Möchte Er gern mit nach Wien , Haydn?“ So würde er also doch noch die schöne Marianne Gen­zinger sehen, bevor es wieder auf ein halbes Jahr nach Esterhäz ging.

Doch die Frage blieb diesmal aus. Während der Schreiber die Kerzen des Leuchters anzündete und die Vorhänge zuzog, blätterte Esterhazy in Papieren, die vor ihm auf dem Schreibtisch lagen. Erst als die Tür sich hinter dem Sekretär wieder geschlossen hatte, sah er auf. Er war ein guter Menschenkenner. Er sagte gütig, fast entschuldigend: „Diesmal kann ich Ihn nicht mitnehmen, mein lieber Kapellmeister. Erstens muß Er heute und morgen ja wohl noch pro­ben. Ich freue mich schon auf die neue Oper. Und zweitens hätte Er nichts von der Wiener Fahrt. Ich will morgen vormittag wieder in Eisenstadt sein . . . Das nächstemal, Haydn !“

Das nächstemal! Das hieß also im November oder Dezember, oder vielleicht gar erst nach dem Neuen Jahr. Haydn unterdrückte einen Seufzer.

Esterhäzy fragte lächelnd: „Ist es so schlimm, Haydn?“ Er konnte die Enttäuschung des Kapell­meisters verstehen. Marianne von Genzinger kannte er. Ihr Mann war ja seit Jahren sein Leibarzt. Und er kannte auch Frau Haydn ... Er zog den Leuchter näher an sich heran, schlug eine Mappe auf, griff nach der Feder und setzte seinen Namenszug unter ein Schriftstück. Dann reichte er es Haydn . „Damit ich Ihm heute nicht zweimal nein sagen muß. Me Mu­sikantenfrauen dürfen also mit nach Esterhäz. Recht ist's mir ja nicht. Aber meinethalben! Weil Sein Di­vertimento so schön ist. Mit Seiner musique wird Er mich noch ganz um den Finger wickeln.“

Haydn verneigte sich ehrerbietig. „Submissesten Dank, Ihro fürstliche Gnaden ..."

Nikolaus Esterhäzy nickte freundlich. „Schon recht!

. . . Daß es gern geschehen ist, kann ich freilich nicht behaupten. Aber, wie gesagt, Seiner musique zulieb will ich's versuchen.“ Er drohte lächelnd mit dem Finger. „Aber halt Er mir die Bande im Zaum! Denn das eine sag ich Ihm: der geringste Skandal, und das Weibervolk ist für immer aus Esterhäz verbannt; wie Adam und Eva aus dem Paradies . . . Und wenn Er mir noch so Schönes schreibt, Haydn .“

Als Haydn vom Fürsten kam, brannten auch auf dem hallenden, weißschimmernden Gang schon die Lichter. Eilig ging der Kapellmeister auf die große marmorne Treppe zu r Er hatte Orchesterpröbe ange­setzt. Er ließ seine Leute nicht gerne warten.

Eine Gestalt kam ihm wie ein Schatten entgegen. Das Aufschlagen eines Stockes war zu hören. Im Geflimmer der Kerzen sah er nicht deutlich. Erst nach einer Weile erkannte Haydn die Mutter des Fürsten .

Er trat an die Wand zurück, blieb stehen und verneigte sich tief. Me alte Fürstin hatte ihn wohl noch nicht bemerkt. Erst als sie, hart auf den Stock sich stützend, fast schon an ihm vorbei war, blieb r sie stcjtMgjk. hüstelte .ynd ssigte: Monsieur

Haydn! i Er kommt. wohl von melnön“ Sdhn? Wie?“ in den von Fältchen und Runzeln „umrahmten Augen blitzte es fröhlich. Sie hob ihm die-Hand, die den schwarzen Krückstock hielt, zum Kusse ent­gegen, hüstelte noch einmal und meinte: „Haydn , Er weiß, daß ich ihn iinmer schon gut leiden konn­te. Schon damals, als Er noch in Wien , im Michaeler- hause, dem grauslichen Mannsbild, dem Borpora, die Schuhe putzen mußte, dafür, daß der Ihn ein wenig das Komponieren lehrte und Ihm schlechten Unterricht im Klavierspielen gab. Aber das Stiefel­putzen hai sich doch gelohnt. Solche musque wie Er macht jetzt Keiner, Haydn ; auch nicht der Ritter Gluck ... Er wird sehen, sie werden Ihm noch ein­mal un monument setzen. Davon hat er zwar nichts. Aber vielleicht freut's Ihn doch, wenn er einmal als Primgeiger auf seiner Himmelswolke sitzt, mit

den Engelflügeln an Seinem lichtblauen Frack, und unten auf der Erde Sein Konterfei in Marmelstein sieht.“ Sie zog ihn am spitzengesäumten Aermel zur Seite und sah zu dem Wandleuchter auf, unter dem er stand, „Geh Er weg von da! Sonst tropft Ihm das heiße Wachs noch auf Seinen merveilleusen Zopf. Und das wäre schade um die Pracht . . . Ja, und auch sonst ist Er ein trätables Mannsbild. Und die sind rar. Aber darum darf ich Ihm ja wohl sa­gen, daß Er ein Narr ist.“

Haydn antwortete belustigt: „Halten zu Gnaden, Durchlaucht, das sind von Zeit zu Zeit die meisten vernünftigen Menschen.“

„Dieu merci! Wär sonst auch sterbenslangweilig auf dieser Welt. Aber mit Seinem Narrenstreich kann Er sich dennoch sehen lassen . . . Das Weiber- vqlk mit nach Esterhäz nehmen! Haydn, wie stellt Er sich das vor?! Männlein und Weiblein auf einem Haufen wie Aepfel und Nüß im Sack vom heiligen Nicolo! . . . Und die Grasteufel von Wiener Kava­lieren und die jungen ungarischen Magnaten dazu, die im Sommer zu unseren Feten nach Esterhäz kommen! . . Wir werden keine chronique scanda-

leuse von denen Parisern mehr zu lesen brauchen, denn die werden wir in Esterhäz jetzt selber er­leben.“

„Fürstliche Gnaden,“ antwortete Haydn lächelnd, „ich bilde mir ein, daß ich in meiner Banda gutes Regiment zu halten verstehe ..."

„Hat Er eine Ahnung! Gutes Regiment bei zwei Dutzend Frauenzimmern! Davon die eine Hälfte jung und hübsch, die andere schiech und alt und daher auf die Jugend der Jungen bedacht ... Er wird was erleben!“

Wieder hob sie die Hand mit dem Krückstock an seine Lippen. Dann ging sie weiter. Lange noch war auf den hallenden Fliesen der Dreiklang ihres Stok- kes und ihrer harten, herrischen Schritte zu hören.

Der Kapellmeister sprang die breite Treppe hin­auf, bog in den Gang des zweiten Stockwerkes ein Durch die geöffneten Fenster sah er, wie unten der sechsspännige Reisewagen des Fürsten hinter fackel­tragenden Vorreitern yon der Schloßfreiheit in den blau verdämmernden Abend rollte.

Haydn blieb stehen und blickte der Karosse nach, vor der in den Gassen Eisenstadt tief die Men­schen sich neigten. Mit der schönen Marianne von Genzinger war es also diesmal nichts. Er holte den unterdrückten Seufzer von vorhin nach. Dann horch­te er auf das Stimmen der Instrumente, das hinter einer Tür erklang, drehte sich um und trat ein.

Stimmengewirr schlug ihm entgegen. Von den Pulten wandten sich ihm erwartungsvolle Gesichter zu über himmelblauen Fräcken und unter weißen Perücken. Daß der Fürst ihn zurückbehalten, wußte ja das Orchester schon. Er ließ seinen Blick vom einen zum andern gehen, schmunzelte und fragte „Was seids depn gar so neugierig?“ Dann nahm er die Geige aus dem Kasten, trat an sein Pult und blätterte in. der Partitur. Eine Weile ließ er die Musikanten noch zappeln. Dann sah er auf, nickte und sagte: „Also, die Frauen dürfen mit nach Ester häz.“

Die Musiker sprangen jubelnd auf und dräng­ten nach vorn. Nur hinten der eine Hornist rührte sichr-nicht, zog die Nase kraus und kratzte sich miß­vergnügt hinterm Ohr. Der hatte daheim ein ähn­liches Hauskreuz wie der Maestro.

Haydn winkte ab. „Werds sitzenbleibön! Glaubts, ich will bis Mitternacht proben?“ Er setzte den Bogen an und die Ouvertüre perlte auf. Nach weni­gen Takten klopfte er ab, ließ die Viola sinken und seufzte: „Aber deswegen brauchts doch vor lauter Freud nicht so saumäßig spielen!“

III

Seit acht Uhr morgens waren die Wagen der fürstlichen Hausmusik unterwegs: zwölf mit den Musikanten und ihren Frauen, vier mit den Instru­menten und dem Gepäck.

Zu Anfang war es eine fröhliche Fuhre gewesen Das Wunder von Esterhäz hatten die meisten Frauen und auch manche der Musiker noch nicht gesehen Wie zu einem lockenden Abenteuer war man aus

Das Dämchen in der Eisenbahn

Von Anton Tschechow

Ein Abteil erster Klasse.

Auf dem mit himbeerrotem Samt gepolsterten Di­wan liegt in halbsitzender Stellung ein hübsches Dämchen. Ein teurer Spitzenfächer flattert, krampf­haft von ihren Händen gehalten, auf und ab, und die Brosche auf ihrer Brust hebt sich bald in die Höhe, bald wieder senkt sie sich, wie ein Kahn im auf­gerührten Element. Sie ist erregt . . . Auf dem Diwan ihr gegenüber sitzt der Gouvernementsbeamte für be­sondere Aufträge, ein junger angehender Schriftstel­ler, der bereits kleine Erzählungen zum Abdruck ge­bracht hat oder vielmehr, wie er sie bezeichnet „No­vellen“ aus dem Leben der höheren Gesellschaft . . , Er sieht ihr mit der Miene eines Kenners ins Gesicht und wendet keinen Blick von ihr. Er beobachtet, er studiert sie, er versucht ihre exzentrische, rätselhafte Natur kennenzulernen, er versteht sie bereits, ja, er erfaßt sie ganz . . . Ihre Seele, ihre Psychologie lie­gen vor ihm offen auf der Hand.

„Oh, ich verstehe Sie!“ sagt der Beamte für beson­dere Aufträge und küßt ihre Hand dort, wo sie das Armband trägt. „Ihre sensible, empfängliche Seele sucht den Ausweg aus dem Labyrinth . . . Ja! Es ist ein furchtbarer Kampf, ein ungeheuerlicher, aber . . verzagen Sie nicht! Sie werden siegen! Gewiß!“

„Schildern Sie mich, Wolodja!“ sagt das Dämchen schwermütig lächelnd. „Mein Leben ist so reich, so mannigfaltig, so bunt . . . Allein die Hauptsache ist dabei — daß ich unglücklich bin! Ich bin eine Mär­tyrerin ini Geschmack Dostojewskijs . . . Zeigen Sie der Welt meine Seele, Wolodja, zeigen Sie ihr diese arme Seele! Sie sind ein Psychologe. Es ist noch keine Stunde vergangen, daß wir beide hier im Abteil sit­zen und miteinander sprechen, und doch haben Sie midi bereits ganz erfaßt, ganz und gar!“

„Sprechen Sie! Ich flehe Sie an, sprechen Sie!“

„So hören Sie denn. -Ich stamme aus einer armen Beamtenfamilie. Mein Vater war ein guter Mensdi, er war gescheit, aber . . . der Geist seiner Zeit und 6eine Umgebung . . . vous comprendre, ich trage es meinem Vater nicht nach. Er trank, er spielte Karten . . . Und natürlich war er auch bestechlich. Meine Mutter jedoch . . . Die Not, der Kampf um das tägliche Brot, die Erkenntnis der eigenen Nichtigkeit . . . Ach. zwingen Sie mich nicht, daran zu denken! Ich mußte mir selber meinen Weg bahnen . . . Die abscheuliche Erziehung im Institut, die Lektüre dümmer Romane, die Fehler der Jugend, die erste schüchterne Liebe . . Und dabei der Kampf mit meiner Umgebung! Ent­setzlich! . . . Ach! Sie sind ein Schriftsteller und ken­nen uns Frauen. Sie werden mich verstehen . . Zu

allem Unglück ist mir eine großzügige Natur beschie- den . . . Ich wartete auf das Glück! Ich sehnte midi

danach, Mensch sein zu dürfen! Ja! Mensdi sein zu dürfeh — darin sah ich mein höchstes Glück!“

„Sie wunderbare Frau!“ stammelt der Schriftstel ler, indem er wiederum ihre Hand küßt, wo das Arm r band sitzt. „Ich küsse nicht Sie, obwohl sie hinreißend sind, sondern das Leid der Menschheit! Erinnern Sie sich an Raskolnikow? Er hat auf die gleiche Art ge­küßt.“ •

„O Wolodja! Ich sehnte midi nach Ruhm , * . nach Musik und Glanz. Ich dürstete nach etwas Ungewöhn­lichem . . . nicht etwa Weiblichem! Und da . . . Und da ... da begegnete mir auf meinem Pfad ein rei­cher Greis, ein General . . . Verstehen Sie midi, Wo lodja! Es war nichts als Selbstaufopferung, Selbst­entsagung war es, Sie werden mich verstehen! Ich konnte nicht anders handeln. Meine Angehörigen wurden dadurch wohlhabend, ich machte viele Rei­sen und konnte Gutes tun . . . Allein wie litt ich, un­erträglich! Wie abscheulich waren für mich die Um­armungen dieses Generals, obwohl ich, um ihm Ge­rechtigkeit widerfahren zu lassen, sagen muß, daß er ein tapferer Krieger war. Nur der Gedanke hielt mich aufrecht, daß der Greis jeden Tag sterben könnte, qpd daß ich dann ein Leben beginnen würde, wie ich es ersehnt hatte, und daß ich midi dann dem Gelieb­ten hingeben und vollauf glücklich sein könnte . . Und es gibt einen solchen Menschen, Wolodja, Gott weiß es, es gibt ihn!“

Das Dämchen fächelt sich erregt mit dem Fächer. Ihr Gesicht nimmt einen weinerlichen Ausdruck an.

„Doch da starb der Greis ... Er hat mir einiges hinterlassen, und ich bin frei wie ein Vogel. Jetzt wäre der Augenblick gekommen, glücklich zu wer­den . . . Nicht wahr, Wolodja? Das Glück klopft an mein Fenster. Ich brauche es nur hereinzulassen, und dennoch ... es geht nicht! Wolodja, hören Sie midi an, ich beschwöre Sie! Jetzt sich dem Geliebten hin­geben können, seine Freundin sein, seine Kameradin, die Trägerin seiner Ideale, glückselig sein . . . end­lich zur Ruhe kommen . . . Aber wie gemein, wie niedrig und dumm ist alles auf der Welt eingerichtet! Wiederum steht mir ein Hindernis im Wege! Wieder­um fühle ich, daß mein Glück mir ferngerückt ist, so fern! Ach, welche Qualen, wenn Sie das nur wüßten! Welche Qualen!“

„Aber was denn? Was steht Ihnen denn noch im Wege? Ich flehe Sie an, sprechen Sie! Was ist es?

„Ein zweiter reicher Greis ..."

Zerbrochen bedeckt der Fächer das hübsche Ge- siditdien. Der Schriftsteller stützt den gedankenvollen Kopf auf die Faust, seufzt und versinkt mit der Miene eines Kenners und Psychologen in Nachsinnen. Die Lokomotive pfeift und zischt, und in den Strahlen der untergehenden Sonne röten sich die Vorhänge an den Fenstern ...

Eisenstadt mit Liedern und Lautenspiel in den tau­frischen Morgen gefahren. Auf und ab durch die in sanften Bogen zu Füßen des Waldgebirges sich hin­schwingenden und weilenden, nun schon in vollem Grün leuchtenden Wiesenhänge, über die das helle Gewölk der Obstblüte schäumte "Und duftete, und hinter denen dunkel die Wälder standen, über deren Kämme und Wipfel von den fernen Schneebergen her noch ein letzter kühlender Morgenwind herüber­strich, zu den in der Tiefe wogenden Rebenhügeln vor dem im Sonnenglast funkelnden Silber Schilde des burgenländischen Meers.

Diesen Umweg hatte man nehmen müssen, weil bei Eisenstadt , an der näheren und besseren.Straße, über die der Fürst übermorgen mit seinem Sechser­zug nach Esterhäz jagen würde, noch die letzte Ar­beit getan wurde.

Singend und lachend und sich der Ungebundenheit dieses Tages freuend, waren sie über die Hügel gefahren. Als aber dann der Wagenzug sich über die von Obstbäumen, Schiehdornhecken, Buschrosen und Hagebutten geränderten Schluchten durch das noch üppigere Blühen der niederen. Lande in die Ebene hinabschlängelte und in die große Oedenburger Stra­ße einbog, waren die Lieder und Lauten verstummt.

Am Neusiedlersee brennt die Sonne schon im April wie anderswo nicht im August, Von den Sand­löchern der Straße, in denen die Räder bis an di® Naben mahlten, flogen die Staubwolken bis hoch über 'die Wipfel der Pappeln. Man hätte sich heute das Pudern ersparen können. Fahlgelb und .weiß waren die Wagen und Pferde, die Kutscher in ihren blaugrürien, silberverschnürten Attilas , die Musi- ■ kanten und Frauenzimmer, und staubüberpudert auch die Weingärten, die Weiden und Heiden, die Büsche und Aecker, über die nur die hei lschi tn- memden Wiesen und burgengekrönten Waldkuppen des Gebirges wie eine grüne Bergküste standen über unbewegtem bleiernem Meer. Die Kutscher hatten die Kalpake, die Musiker die Dreispitze in die geröteten, schweißbeperlten Nacken geschoben und wischten sich mit den blauen und roten Tüchern schnaufend die Stirnen. Die Frauen seufzten, be­wegten nach Kühlung lechzend die Fächer, oder drehten die buntseidenen Schirme gegen die Sonne, die als weißglühende Scheibe aus dem fahlen Schleier von Dunst und Stauh höher und höher stieg an dem von ihren Feuerpfeilen durchfun­kelten, gegen Mittag und Abend hin noch tiefblauen Himmel.

Doch selbst die Schirme wollten nicht helfen. Di® Zungen klebten an den Gaumen, und die schwe­felgelbe, zwischen den Zähnen knirschende LUft roch nach Wagenschmiere und Leder und dem Schweiße der Pferde.

Auch Haydn , der mit seiner Frau, dem Ehepaar Weigl und der neuen Sängerin Luigia Polzelli fuhr, litt unter der Hitze dieses höllischen Vormittags. Auch ärgerten ihn die bedeutsamen Blicke, die seine mit dem,Fächer wedelnde Ehehälfte der neben ihr sitzenden, in der Glut sichtlich dahinschmelzenden Madame Weigl zuwarf, wenn er ab und zu ©in scherzende» Wort mit der Italienerin wechselte, de­ren südliches Geblüt die Hitze nicht anfocht.

Was konnte er denn dafür, daß die Signora al* ein echtes Frauenzimmer, gefolgt von den beiden mit . Koffern und Schachteln beladenen Hausknechten des Greifenwirt», erst im letzten Augenblick und so kurz vor der Abfahrt angestürmt war, daß sich in keinem der Wagen mehr Platz fand, der dicke Cellist Weigl auf den Kutschbock mußte, die Signora nun auf dem Rücksitz neben ihm, dem Kapellmeister, safi und er selbst eine Hutschachtel und einen Papaguren- käfig auf den Knien hatte, den aufrecht zu halten und vor den Stößen der ruckenden Räder zu be­wahren, ihn die Polzelli immer wieder mit scher- *, zendem Wortschwall, beschwor,. , '

Seine Frau war anderer, Meinung. Erst gestern , hatte sie, zwischen halbgepackten Koffern und Ki­sten stehend, dem Ehepaar Weigl geklagt, daß ihr Mann die Polzelli, dieses schwarze Luder, wie sie sie nannte, in den acht Tagen, die seit ihrer Ankunft vergangen seien, schon viermal zu Tisch geladen, einmal zu Mittag und dreimal am Abend. Und jedes­mal habe er dann mit ihr in seinem Zimmer noch stundenlang geprobt.

„Sind S' froh,“ hatte der Weigl in seiner Art ge­tröstet, „solang s' singt kann nix passieren,“ und ihr dann vorgestellt, daß das Proben doch nur Haydns Pflicht als Kapellmeister sei, um so mehr, weil ihm nämlich die Stimme der neuen Sängerin gar nicht gefiele. „ „ ,

„Die Stimm' nicht, mein Lieber,“ hatte die Haydn geantwortet, „aber dafür das andere um so besser.“ Auch Madame Weigl hatte wieder einmal versucht, die Kapellmeisterin zur Vernunft zu bringen. Die­se ewige Eifersucht der Chefin fiel ihr allmählich auf die Nerven, um so stärker, je weniger Grund sie dafür zu sehen vermochte.

Sie hatte nach jenem durch ihren Eheherrn so un­höflich beendeten Nachmittagsklatsch darüber näeh- gedacht, ob denn wirklich eine der Musikerfrauen oder Sängerinnen dem Haydn gefährlich werden könnte. Sie war zu dem Ergebnis gekommen, daß Gefahr höchstens von der Kerschbaumerin drohe. Die war jung, hübsch, besaß Leben für zwei und hatte einen alten Mann, der längst schon weit lieber die Trompete als die Liebesflöte blies. Und ein frivoles Ding war sie auch, und berechnend dazu. Konnte schön sein, daß die Trost beim Kapellmeister zu finden versuchte. Aber solchen Flederwischen ging der Haydn wohl nicht auf den Leim- Also sah sie keinen Grund tür das Gejammer der Chefin.

Doch damals hatte die kleine Weigl die Polzelli noch nicht gekannt. Heute aber, da sie seit drei Stunden das Gehabe beobachtete, das die Signora mit dem Kaoellmeister hatte, war sie in ihrer Mei­nung wieder schwankend geworden.

Wenn Haydn der Polzelli vorerst auch nur seltene und wortkarge Antwort gab und im übrigen wie ge­bannt auf das goldblitzende Vogelhaus starrte, um Hutschachtel und Käfig in dem über Löcher und Steine durch die Staubschleier tanzenden Wagen in leidlichem Gleichgewicht zu halten, so war doch zu verstehen, daß die Aloysia Apollonia vor iinmer fressenderer Wut zu bersten drohte. Denn nun saß also Joseph Haydn , den Papageienkäfig und die Hut­schachtel auf den Knien, neben der bildsauberen Italienerin, deren Augen unter dem breitkrempigen strohenen Reisehut ein ganzes Feuerwerk nach dem Kapellmeister versprühten. Zudem schreckte bei je­dem Rucken und Rumpeln des Wagens der gift­grüne Fapageienvogei der Sängerin aus seinem Dö­sen auf, rollte die schwarzen, rotgeränderten Au­gen wie ein welscher Liebhaber und flötete: „Mio carissimo maestro!“ Das war ihm wohl angelernt. Man sah es der schönen Signora jedesmal an, wie ihr das grüne Federvieh aus der Seele gesprochen.

Selbst Haydn konnte für diesmal die Zornesblicke seines Weibes verstehen. Um so mehr, als bei jedem Krächzen des Papageis, also bei jedem Rumpeln der Kutsche, auch noch efte hastig auf gepackten Koffer der Italienerin Aloysia Apolonias knochigen Rücken zerstießen. Die für das Gepäck bestimmten, schon vollbeladenen Wagen hatten nicht allen Reisekram der Polzelli zu fassen vermocht.

Deshalb fand es Haydn an der Zeit, diesem Zu­stand und auch diesem Rösten in der Mittagssonne ein Ende zu machen. Wenn er auch für die schlecht aufgeschnallten Koffer und für die dem indianischen Vogel aufgetragene Lieh-- rklärung und die Blicke der Signora nichts konnte.

(Fortsetzung fo'gt)