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NR. 83 / 2. JAHRG.
SAMSTAG, DEN 55. SEPTEMBER 1948
PREIS 20 PFENNIG
Erste Debatten im Palais
Chaillot
zu UN »Fragen — Polen polemisiert gegen Luitbriicke und Marshall-Plan Spanische Frage soll erörtert werden
Paris . Außenminister Marshall brachte am Donnerstag in der allgemeinen Debatte der UN -Vollversammlung seine „tiefe Bestürzung“ über die fortgesetzte Weigerung einer kleinen Minderheit zum Ausdruck, sich an der Arbeit der Vereinten Nationen zu beteiligen. Noch bedeutender als dieser Boykott, sagte Marshall, sei jedoch der Mangel an Zusammenarbeit bei der Lösung solcher Fragen wie Korea und Griechenland und beim Züstandebringen einer internationalen Kontrolle der Atomenergie.
Marshall legte dann die Haltung der USA zu den Fragen dar, mit denen die UN sich zu befassen haben:
1. Regelung der Palästinafrage, wirtschaftliche Unterstützung der Juden und Araber, und Aufnahme Transjordaniens und Israels in die UN.
2. Ein geeintes und unabhängiges Korea , dessen Regierung aus freien Wahlen hervorgegangen ist und das als Mitglied der UN zugelassen wird.
3. Griechenland muß vor aggressiver und ungesetzlicher Einmischung von außen gesichert werden.
4. Lösung der Indonesienfrage auf dem Verhandlungswege, souveräne Unabhängigkeit für das indonesische Volk und Zusammenarbeit zwischen ihm und den Niederlanden.
ten, die Erklärung der Menschenrechte mit überwältigender Mehrheit zu billigen.
Modzelewski: Warschauer Programm einzigste Lösung
Der polnische Außenminister Modzelewski, der nach Außenminister Marshall das Wort ergriff, nahm gegen die Luftbrücke, die Londoner Deutschlandkonferenz sowie die amerikanische Intervention und die Anwesenheit britischer Truppen in Grie chenland Stellung. Das Problem des deut schen Friedensvertrages, sagte Modzelewski, ist keine Angelegenheit der Vereinten Na tionen . Dennoch beabsichtigt der UN -Gene- ralsekretär diese Frage vor die UN zu bringen. Die Deutschlandfrage wird nur durch eine Verständigung unter den Außenministern der Großen Vier gelöst werden. Die Londoner Konferenz sei ein Instrument zur Zerstückelung Deutschlands gewesen. Das einzige Programm zu einer friedlichen Lösung der Deutschlandfrage sei auf der Warschauer Konferenz auf gestellt worden.
Modzelewski trat anschließend für das
Recht Griechenlands ein, sein Schicksal selbst zu gestalten und griff die „Diktatur“ dieses Landes an. Er verlangte die Erörterung der spanischen Frage, empfahl die Aufnahme Israels in die Vereinten Nationen und griff bei der Betrachtung der wirtschaftlichen Probleme, die die UN zu lösen haben, den Marshall-Plan an.
Empfehlung einer „dritten Kraft“
Der Leiter der philippinischen Delegation, Carlos Romula, appellierte an die Großmächte, zu einer Einigung zu gelangen und schlug vor, daß sich die kleinen Nationen zu einer „dritten Kraft“ als Gegengewicht gegen die Großmächte zusammenschließen sollten.
Auf der Nachmittagssitzung befaßte sich der venezuelische Delegierte Andres Eloy Blanco mit der Spanienfirage und erklärte, das Regime in Spanien sei eine rein spanische Angelegenheit und eine Feindseligkeit gegen dieses Regime komme einer Feindseligkeit gegen das spanische Volk gleich.
Die Vollversammlung trat am Freitag 10.30 Uhr wieder zusammen, um die allgemeine Debatte fortzusetzen.
USA.Vorschlag zur D«!lnontage=EinstelIung
In der französischen Zone würden davor». 90 Werke betroffen werden
5. Friedliche Beilegung des Konfliktes zwischen Indien und Pakistan über Kaschmir .
6. Einführung eines internationalen Sy
stems für die Atomenergie-Kontrolle, das eine militärische Verwendung von Atomwaffen ausschließt. .
7. Fortschreitende Abrüstung in dem Maße, wie es die Wiederherstellung des politischen Vertrauens gestattet und mit hinreichenden Garantien gegen Uebertretungen.
Lösung einiger Probleme geben der Welt neue Hoffnung
Falls konstruktive Maßnahmen zur Lösung einiger dieser Probleme getroffen werden können, sagte Marshall, dann könnten die Nationen der Welt wieder neue Hoffnung und Zuversicht hegen.
Es muß alles darangesetzt werden, eine baldige und gerechte Friedensregelung zu finden, damit Japan und Deutschland — gegen Garantien vor einem Wiedererstarken des militärischen und wirtschaftlichen Aggressionspotentials — als demokratische und friedfertige Nationen bestehen und zu gegebener Zeit ihre Eignung zur Aufnahme in die UN beweisen können.
In Oesterreich soll die politische und wirtschaftliche Freiheit innerhalb der Grenzen von 1937 wiederhergestellt werden. Die USA treten für eine sofortige Aufnahme Oesterreichs in die UN ein.
Marshall appellierte dann an die Delegier-
Verschiebung der Kantonalswahlen in Frankreich
Paris . Die französische Nationalversammlung entschied sich in der Nacht zum Freitag mit 304 gegen 279 Stimmen für die Verschiebung der im Oktober fälligen Kantonalswahlen bis zum März des kommenden Jahres. Zwei Mitglieder der französischen Regierung, Wiederaufbauminister Petit und Staatssekretär für Informationsfragen Mitterand, beabsichtigen ihren Rüdetritt sin- zureichen, wenn die Kantonalswahlen nicht planmäßig durchgeführt werden.
Washington . Die Regierung der Ver einigten Staaten hat, wie hier am Donnerstag von zuständiger Seite verlautet, die bri tische und französische Regierung gebeten, die Demontage gewisser Industriewerke in Huren Besatzungszonen in -Deutschland eiutu-' stellen. Es soll sich dabei um alle die Werke handeln, für deren Erhaltung sich der ERP- Administrator Faul G. Hoffman entscheidet.
Die amerikanische Regierung hat, wie weiter bekannt wird, keinen allgemeinen De- montagestop vorgeschlagen. Es soll vielmehr lediglich der Abtransport solcher Anlagen aus Deutschland eingestellt werden, deren Verbleib gegebenenfalls als für den gesamteuropäischen Wiederaufbau erforderlich anerkannt wird.
Inzwischen ist ein vom ERP-Administrator Paul G. Hoffman eingesetzer beratender Ausschuß damit beschäftigt, eine endgültige Liste derjenigen Werke aufzustelleu, die nach seiner Ansicht auch trotz etwaiger tari- und-französischer Einsprüche endgültig in Deutschland verbleiben sollen. Die in Frage kommenden Kategorien deutscher Fabriken sollen bereits im großen und ganzen festliegen.
Der amerikanische Vorschlag zur Einstellung der Demontage umfaßt, wie weiter verlautet, annähernd neunzig Werke in der französischen Zone. Die Zahl der in der britischen Zone betroffenen Fabriken ist noch nicht bekannt. Angesichts der dort größeren Industriedichte dürfte sie jedoch erheblich höher sein.
London . Der britische Verteidigungsminister Lord Albert Alexander gab im. Unterhaus Pläne bekannt, die Großbritannien für jeden Notfall wappnen sollen. Das Mobilisierungssystem sei erneuert worden, und wenn der unglückliche Fall eintreten sollte, daß dieses System angewandt werden müsse, so werde sich heraussteilen, daß es zufriedenstellend funktioniert.
Es liege auf der Hand, daß eine kollektive Sicherheit gegenwärtig nicht existiere. Groß britannien sei verpflichtet, seine Streitkräfte in einem Zustand zu erhalten, der es ermögliche, sie im Notfall unverzüglich zu vergrößern und einen vollen Beitrag zur kollektiven Sicherheit zu leisten. Großbritannien setze sich angesichts seiner Verpflichtungen mit allen Mitteln für die Westunion ein.
Der Verteidigungsminister gab bekannt, daß die Truppen nach und nach mit neuartigen Waffen ausgerüstet würden und daß die geplante Produktionsrate für Düsenjäger nahezu verdoppelt worden sei. Die übrige Flugzeugproduktion werde durch zusätzliche Schichten gesteigert. Auch die Fertigung
neuer Panzer sei erhöht und die Produktion von Handwaffenmunition nahezu verdoppelt worden. Der Produktion von Flugabwehrmunition, erklärte Lord Alexander, und das Bauprogramm der Marine für Kriegsschiffe seien bedeutend beschleunigt worden. In den nächsten Monaten werde die Stärke der Territorial-Reservearmee um nicht weniger als 100 000 Männer und Frauen vermehrt. Die Streitkräfte würden im nächsten Januar über 825 000 Soldaten umfassen. Ein Werbefeldzug für die Rekrutierung von Reservisten für die Armee, die Royal Air Force und die Marine wird am 2. Oktober eingeleitet werden.
Revision des Urteils an Berliner Demonstranten
B e r 1 in. Das Hauptmilitärtribunal der SMV verkündete am Donnerstag die neuen Strafmaße für die fünf am 13. September zu je 25 Jabren Arbeitslager verurteilten Ber liner Demonstranten. Reinbold G ö p h e r und Günther Grams erhielten je acht, Dieter Linke vier, Klaus Schiller drei und Horst Stern ein Jahr Arbeitslager. Bei Stern, dem Bewährungsfrist zugebilligt wurde, wurde sofortige Haftentlassung angeordnet.
Bonn . Wesentliche Teile des UN -Entwur- fes für die Weltgrundrechte sollen, wie Dena erfährt, in den Grundrechtskatalog für die vorläufige Verfassung Westdeutschlands aufgenommen werden. Der Ausschuß für Grundsatzfragen stellte bis zum Donnerstag' die ersten vier Artikel des Grundgesetzes nach Vorschlägen seines Unterausschusses fertig.
Im Ausschuß für Wahlrecht sprachen sich Dr Becker (FDP ), Dr. Diederichs (SPD ) und Hugo Paul (KPD ) am Donnerstag für ein modifiziertes Verhältniswahlsystem aus, während Dr. Kroll (CDU ) für das Mehrheitswahlsystem eintrat.
Der Ausschuß für Organisationsfragen behandelt nach Mitteilung seines Vorsitzenden, Dr. Lehr, im einzelnen den Bundestag, der
etwa 300 bis 400 Mitglieder haben Soll. In der Frage des Bundespräsidiums sprach sich die überwiegende Mehrheit des Ausschusses für einen Bundespräsidenten aus. Die Frage, ob die Bundesregierung befristet oder unbefristet gewählt werden soll, ist noch nicht entschieden. Schließlich wurde zum Studium der Frage des Verfassungsgerichtshofs eine Drei-Mann-Kommission ernannt, die dem Ausschuß vortragen soll. In der Frage der Zweiten Kammer soll in der nächsten Woche entschieden werden. Bisher liegen dem Ausschuß drei Vorschläge vor: 1. Bundesrat, 2. Senat, 3. ein Kompromißvorschlag,, der den Ländern die Möglichkeit geben will, neben Fachleuten (wie beim Senatsprinzip) auch Kabinettsmitglieder (wie beim Bundesratsprinzips) in die Zweite Kammer zu wählen.
Ost«Polizei erhält Verstärkung
durch ehemalige deutsche Kriegsgefangene
Berlin . Nachdem bereits am Mittwoch 95 ehemalige deutsche Kriegsgefangene, die in der Sowjetunion einer besonderen politischen Schulung unterzogen wurden, zur Verstärkung der Sowjetzonen-Polizei in Schwerin eintrafen, erwartet die mecklenburgische Landespolizei weitere zwei- bis dreihundert neue Polizeikräfte aus den Kriegsgefangenenlagern der Sowjetunion . Ein Teil der neu eingetroffenen Polizisten soll in erster Linie den Offizierstab der Sowjetzonen-Polizei ergänzen. Wie weiter verlautet, sollen insgesamt fünftausend ehemalige deutsche Kriegsgefangene in die Sowjetzonen-Polizei feingereiht werden.
Der permanente Krieg
Die Hoffnung, es werde der Zähigkeit der westlichen Diplomaten gelingen, mit dem Kreml zu einem Uebereinkommen zu gelangen, das der gequälten Welt wenigstens für einige Jahre Ruhe und Frieden schenken würde, hat sich nicht erfüllt. Der kalte Krieg geht nicht nur weiter, er hat sich in Berlin schon fast bis zum heißen Krieg gesteigert und die ersten Todesopfer gefordert. Es waren Deutsche , die unter den Kugeln der Sowjet-Polizei und ihrer deutschen Helfershelfer gefallen sind. Damit wird mit einem Schlage die furchtbare Tragik enthüllt, unter der wir Deutsche seit Kriegsende zu leben und — wie die Schüsse von Berlin zeigen — möglicherweise auch zu sterben haben Als geographische Mitte und als strategisches und politisches Glacis des Kampfes zwischen Ost und West sind wir zwischen die Mühlsteine eines titanenhaften Ringens geraten. Und wo immer in diesem Ringen Opfer gefordert werden, sind wir es in erster Linie, die s.e zu bringen haben.' Das ist die eine tragische Verkettung. Die andere aber ist dies: letzt, nachdem die überwältigende Mehrheit des deutschen Volkes für ein freiheitliches Leben in einem demokratisdien Staatenbund bereit und aufgeschlossen ist, sind die Sieger nicht in der Lage, ihm die versprochene Freiheit und die versprochene Demokratie zu bringen. Und hier beginnt die tragische Verkettung über das Schicksal Deutschlands hinaus weltweites Format an- zunehmen.
Denn Deutschland ist nur ein Schauplatz des weltpolitischen Ringens zwischen Ost und West. Wo überall heute in der Welt die Waffen der Propaganda oder schon wieder oder noch' die Waffen des Krieges sprechen, letzte Ursache ist immer wieder die Uneinigkeit zwischen den Siegermächten, mögen die Anlässe auch sein wie sie wollen. Wären nämlich die Siegermächte im Frieden so einig, v?ie s in a» 4m Kriege waren, dann wigge.iftr gewaltiges politisches, wirtschaftliches und militärisches Uebergewicht allein schon genügen, jede aufflackemde Kriegshandlung, wo immer es auch sein mag, im Keim zu ersticken. Nachdem sich jedoch die große Kriegskoalition als Scheinkoalition enthüllt hat, beginnt die weltpolitische Krise sich wie eine Seuche über den ganzen Erdball hin zu verbreiten.
Heute herrscht in den westlichen Hauptstädten kein Zweifel mehr darüber, daß der Preis, der für die östliche Waffenhilfe bezahlt wurde, zu hoch war und daß er sich möglicherweise sogar noch um die Kosten und Opfer eines dritten Weltkrieges erhöhen wird. Wenn man die Memoiren Churchills liest, dann stellt man mit einem gewissen Schrecken fest, daß Churchill offensichtlich der Ueberzeugung war, mit der Niederrin- gung des Faschismus und Nationalsozialis mus sei das Zeitalter der politischen Raubtiere. abgeschlossen und das des politischen Haustieres würde beginnen. Welch ein Trugschluß von einem Manne, der sich einer eingehenden Kenntnis des Bolschewismus rühmt. Immerhin, Churchill ist heute ein alter Mann und es steht ihm zu, mit der Weisheit des etwas müde gewordenen Alters die Moral der Gewaltlosigkeit zu predigen. Leider ist unsere Zeit noch nicht so abgeklärt, wie Churchill es gerne haben möchte. Das Verhalten des Kreml dürfte inzwischen auch ihm einen drastischen Anschauungsunterricht darüber geliefert haben, daß guter Wille von einer Seite allein nicht genügt.
So sind wir heute von einer Konsolidierung der weltpolitischen Lage noch sehr weit entfernt. Der ganze Erdball scheint zu einem einzigen neuralgischen Punkt geworden zu sein: in Berlin wird auf die Anhänger der Demokratie geschossen, in Osteuropa vollendet sich der gewaltsame Tod der Freiheit unter den Trommelwirbeln östlicher Exekutivkommandos, in Palästina endet der Vermittler der Vereinten Nationen durch Mord, das Dominion Hindustan überfällt Haidarabat mit der lächerlichen Begründung, es wolle in dem feudalen Fürstenstaat die Demokratie einführen — als wenn Hindustan heute schon eine Demokratie wäre und wenn dies ein Recht auf Gewalt geben würde! —, in China geht der Krieg weiter, als sei Krieg der Normalzustand, in Malaya, in Burma , in Indone sien — überall Krieg, Unruhen und Krisen.
Der politische Optimist mag geneigt sein, diese Erscheinungen als Geburtswehen einer neuen und besseren Welt zu betrachten. Leider gibt es aber auch Totgeburten, und die Welt steht heute dem Tod durch Atombomben und Bakterien näher als einem neuen Leben. Zwar tagen jetzt wieder die Vereinten Na tionen (schon der Name sollte eigentlich eine Verpflichtung sein) in Paris , doch der unheilvolle Riß, der die Welt in zwei Lager teilt, geht auch durch dieses Gremium.
Solange bei den Vereinten Nationen das Vetorecht in der bisherigen Form bestehen bleibt, ist diese Institution praktisch aktions-