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Samstag, I. April 1959

ABC

Offenbnrger Tageblatt

Nr. 39 — Seite

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DIE SENSATIONELLSTEN r :

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Verkrachter Medizinstudent als Chefarzt

Prominente Zuschauer gaben sich ein Stell­dichein, als im Juli 1948 vor dem Schwur­gericht Baden der Fall Krämer . verhandelt wurde. Zwei Prominente saßen sogar auf der Zeugenbank: der Filmschauspieler und Arzt Dr. med. Albreeht Schönhals und Dr. med. Eddy Schacht, der Bruder des einstigen Reichs­bankpräsidenten Dr. Hjalmar Schacht .

Angeklagt war der ehemalige Chefarzt des Städtischen Krankenhauses Baden-Baden, Erich Kaspar Walter Krämer. Wegen Hochstapelei, Vergehens gegen das Aerztegesetz, Urkunden­fälschung, sowie schwerer Körperverletzung in 235 Fällen, davon zwei mit tödlichem Aus­gang.

Schönhals und Schacht hatten als Kollegen auszusagen. Dr. med. Schönhals war unter Chefarzt Krämer Assistent gewesen. Was vor Gericht aufgerollt wurde, war ihnen im Prin­zip nichts Neues. Er hatte es vor Jahren schon in seinem Film „Arzt aus Leidenschaft“ dar­gestellt. ,

Für Schacht-Bruder Eddy dagegen war die Materie neu. Er war in Baden-Baden amtie­render Oberbürgermeister und zugleich Vor­sitzender des Aerzte-Verbandes gewesen, als Krämer die Chefarztstelle erhielt.

Daß Eddy den Chefarzt-Anwärter Krämer damals nicht gleich als den verkrachten und hochstapelnden stud. med. erkannte, der er in Wirklichkeit war, ist heute noch der große Kummer der Familie Schacht. Dr. Eddy Schacht konnte den Vorwurf nicht ganz ent­kräften, er habe dem Schwindler in den Sattel geholfen.

Erich Kasper Walter Krämer war 41 Jahre alt, als er in Baden-Baden Chefarzt wurde. 1926 hatte er mit dem Medizinstudium begon­nen, 1933 mußte er es aufgeben, ohne je zum Examen zugelassen gewesen zu sein. Da­zwischen lagen neun Jahre Burschenherrlich­keit an den Universitäten Heidelberg , Leipzig , Bonn und Königsberg.

Stud. med. Krämer, stets elegant gekleidet und immer gut bei Kasse, hatte schnell mit Bierseidel, Schläger, Kommersbuch umzugehen gelernt. Hörsaalluft dagegen atmete er nur un­gern, und der Geruch der Anatomie beleidigte seine empfindliche Nase. Diese Art des Studie- rens verstieß nicht gegen den Komment sei­ner feudalen Verbindung „Frankonia“.

Aber als Krämer gegen Ende seines Dauer­studiums die Tochter eines Arztes Mutter wer­den ließ, vier Wochen vor der Geburt seines Kindes heiratete und anschließend ohne Ab­schied verschwand, machte auch die Burschen­ schaft nicht mehr mit. Krämer floh. Bald darauf verließ er auch die Universität für immer.

Zunächst ließ sich Krämer in Kiel als Dr. med. und Repetiter nieder. Da der Verdienst aus dieser Tätigkeit seine hochgespannten An­sprüche nicht annähernd befriedigen konnte, sah er sich nach Nebenarbeit um. Erfolg: 3K Jahre Gefängnis wegen Abtreibung. 1939 trat Krämer seine Strafe an.

1943 wurde er aus dem Gefängnis entlassen und anschließend Soldat, natürlich bei einer Sanitätskompanie. Auf einem Hauptverband­platz der Ostfront bekam Sanitäts-Unteroffi­zier Krämer Gelegenheit „in dringenden Fäl­len“ zu operieren.

Dringende Fälle waren im Osten an der Ta­gesordnung. Krämer konnte sich nach Herzens­lust austoben und „Erfahrungen“ sammeln. Daß er sich bei dieser Gelegenheit von neuem den Doktortitel zulegte, brachte ihm eine Kriegsgerichtsstrafe ein.

Gegen Ende des Krieges verlor Krämer durch Verwundung ein Bein. Auf dem Umweg über verschiedene Heimatlazarette landete er in Tübingen . Beim Zusammenbruch ernannte er sich wiederum selbst zum Dr. med.

Anfang 1946 las Walter Krämer in der Zei­tung, daß die Stadt Baden-Baden im Zuge der politischen Säuberung einen neuen Chefchirur­gen für ihr Krankenhaus brauche. Er setzte sich sofort an die Schreibmaschine und schrieb einen frei erfundenen Lebenslauf, eine halbe Seite lang, mit einigen Tippfehlem. Urkunden könne er nicht vorlegen, da sämtlich im Krieg verloren, setzte er hinzu.

Als die Eingaben der 50 Bewerber um die Chefarztstelle an die Baden-Badener Aerzte- kommission gelangten, lag Krämers Gesuch als Nr. 3 obenauf. Aerzteverbands-Vorsitzender und OB Eddy Schacht hatte den Stapel-Be­werbungen an den zweiten Vorsitzenden Dr. Hedinger weitergegeben.

Die Kommission nahm fünf Bewerber in die engere Wahl. Vier davon schieden „wegen po­stalischer Schwierigkeiten“ aus. Der Fünfte war Erich Kaspar Walter Krämer.

„Schmisse hat er ja“, sagte Eddy Schacht, als der Vertrag perfekt war und Krämer sei­nen Posten antrat. Nach den ersten Besuchen im Baden-Badener Kollegenkreis waren be­sonders die Damen begeistert von dem char­manten neuen Chefarzt. Da er Junggeselle war, brauchte sich Krämer um Einladungen zu den häuslichen Veranstaltungen der Baden-Badener Gesellschaft nicht zu bemühen. Mas riß sich förmlich um ihn.

Die Damen lauschten hingebungsvoll, wenn Dr. Krämer bei solchen Gelegenheiten Histör­chen aus seiner Studentenzeit erzählte. Daß seine Geschichten manchmal nicht ganz stuben­rein waren, erhöhte nur den Reiz.

Auch im Dienst gab sich der Herr Chefarzt humorvoll. Bei der Visite konnte es ge­schehen, daß er sich mit den Worten „Na, gib mir mal nen Kuß“ auf dem Bettrand einer hübschen Patientin niederließ. Die versam­melten Aerzte und Schwestern pflegten dann respektvoll zu lächeln.

Ein Jahr lang operierte „Dr. med. habil.“ Krämer auf diese Weise im Baden-Badener Krankenhaus. 235 Patienten bekam er unter sein Messer, 63 Fälle endeten mit dem Tode, 3 Patienten starben während der Operation. Unter den Opfern des Verbrechers befanden sich prominente Bürger der Kurstadt, 1 unter

Fiauenplltag — andeiswo:

anderen die Frau des Baden-Badener Amts­arztes. Niemand wagte, die chirurgischen Fähigkeiten des Chefarztes anzuzweifeln.

Ende 1946 kam ein kropfleidender Patient auf Krämers Operationstisch. Mit sicherer Hand setzte der Chefchirurg das Messer an. Der erste Schnitt verletzte den Patienten an der Gurgel. Der zweite zerriß die Halsschlag­ader. Krämer dachte nicht daran, sie abzu­binden. Einige Minuten später wurde der Patient als Leiche aus dem Operationssaal ge­fahren. Er war verblutet.

Auf die Proteste des assistierenden Arztes Dr. Hammes reagierte Krämer mit ungewohn­ter Schärfe. Wenn es dem Herrn Assistenz­arzt in Baden-Baden nicht passe, könne er ja gehen. Dr. Hammes ging. Kurze Zeit später legte er der Staatsanwaltschaft eine Denk­schrift in Sachen Dr. E. K. W. Krämer vor.

Die Gerichtsverhandlung war eine Sensation, nicht nur für Baden-Baden . „Ich habe alles versucht, um die fehlende Approbation durch intensive Arbeit auszugleichen“, entschuldigte sich Krämer vor Gericht. 8 Jahre Zuchthaus und 5 Jahre Ehrverlust diktierten ihm die Richter als Lohn für diese „Arbeit“ zu.

Die für die Anstellung Krämers Verantwort­lichen konnten vom Gericht nicht eindeutig festgestellt werden. Die Zeugenaussagen liefen darauf hinaus, daß es „die Stadt“ gewesen sei. Der Staatsanwalt kennzeichnete die Si­tuation mit einem Entweder—Oder: „Entweder haben die betreffenden Aerzte eine ungeheure Verantwortung auf sich geladen, oder aber sie sind Nieten.“ Das Publikum entschied sich für beides.

(Fortsetzung folgt)

Ist die Italienerin mittelalterlich ?

Fräulein Bassano darf nicht allein zum Friseur - Feiertag in der Familie des Straßenbahnschaüners - Kinder dürfen sich

viel erlauben

Es geschieht tatsächlich im Jahre 1950 noch, daß in Italien ein Mädchen nicht ohne elter liehen Schutz zum Friseur gehen darf. Es ge­schieht weiter, daß Mütter ihre studierenden Töchter ins Kolleg begleiten, dort sanft ein. schlummern, im wachen Zustand kein Wort vom Vortrag verstehen, aber bis zum Schluß aushalten. Es geschieht ferner, daß die Eltern es nicht schätzen, wenn ihre verlobte Tochter abends mit ihrem Bräutigam allein fortgeht. Aber es ist umgekehrt nicht von der Hand zu weisen, daß an den Schreibmaschinen nur ita­lienische Mädchen sitzen, daß man alleinrei­sende Italienerinnen trifft, daß italienische Frauen im Parlament sitzen, daß auf dem Lande Frauen und Männer gemeinsam arbeiten und daß man in der Post hinter den Schaltern Frauen antrifft, als wäre man in Deutschland . Lebt die heutige Frau jenseits der Alpen nun in mittelalterlichen oder in modernen Verhält nissen? Eine schwer zu beantwortende Frage!'

Das Reich von Frau Bassano, ganz gleich, ob sie nun in Pisa oder in Livorno lebt, ist ihr Heim. Schlendert man am Sonntagabend durch eine italienische Provinzstadt, .so sieht man nur Männer auf der Straße. Frau Bassano sitzt am Fenster und schaut hinunter, ihre Töchter da­gegen haben sich um 21 Uhr schlafen gelegt. Sie werden genau, so streng behütet, wie Frau Bassano schon in ihrer Jugend vor Anfechtung bewahrt wurde. Da bekanntermaßen Gelegen­heit Diebe macht, darf Fräulein Bassano des Abends höchstens einmal mit ihren Eltern aus­gehen. Eine Frau, die schon vor ihrer Ehe ein­mal oder gar mehrmals zu Männern in Be­ziehungen getreten ist, kann nicht mehr damit rechnen, in das italienische Bürgertum hinein­zuheiraten. Nicht umsonst liest man immer wieder in den Zeitungen Heiratsinserate mit den drei stereotypen Bedingungen: Unberührte heit, Formenreichtum und Wohlstand. Nun, der letzte Begriff ist dehnbar, auch über den zwei­ten läßt sich streiten, über den ersten jedoch nicht. Es ist die Bedingung „sine qua non“. Die Tochter von Frau Bassano weiß das, und da es der sehnlichste Wunsch jeder italienischen Frau ist, zu heiraten und Kinder zu haben, richtet sie sich danach.

Gewiß hat das Ehepaar Bassano nichts da­gegen gehabt, daß die Tochter einen Beruf aus­übte. Doch die bürgerliche Frau Italiens hat dabei niemals die Absicht, es etwa den Män­nern gleichzutun. Sie trägt keine Hosen, sie ist niemals vermännlicht. Zwar sitzen im ita­lienischen arlament 38 weibliche Abgeord­nete, und es gibt auch drei weibliche Sena­toren, doch sie treten nicht sonderlich hervor. Und die männlichen Kollegen, galant, wie sie Frauen gegenüber zu sein pflegen, haben bereits eine parlamentarische Schönheitskönigin gewählt. Es ist die 29jährige christliche Demo­kratin Maria Pucci.

Frau Bassano, Gattin eines römischen Stra­ßenbahnschaffners, kümmert sich wenig um Politik. Es hat sich herausgestellt, daß bei den Wahlen vom Juni 1946, wo zum ersten Male die Frauen das Stimmrecht hatten, keinerlei wichtige Verschiebung eintrat. Die Frauen hatten im allgemeinen wie ihre Männer ge­wählt. Wichtiger ist für sie die Frage, wann endlich di« 3 letzte Rationierung aufhört. Zwar ist heute fast alles in Italien frei erhältlich, doch wer täglich nicht mit einem halben Pfund Brot auskommt, muß auf dem freien Markt zukaufen, wo die Ware durchweg 20 Prozent mehr kostet. Das mag wenig erscheinen, doch für die italienische Hausfrau ist es dennoch nicht unwichtig. Zunächst gibt es 2,5 Millionen Arbeitslose in Italien . Die 1,4 Millionen Be­amte werden schlecht bezahlt Geld ist also

knapp. Die Frau des Hauses muß scharf kal­kulieren und rechnen. Daß eie gerne und er­bittert handelt, ist im Süden selbstverständlich.

Sehen wir uns einmal an, wie die Bassanos einen Sonntag verbringen. Nachmittags geht man mit Kind und Kegel in einen öffentlichen Park. Man sitzt geruhsam auf einer Bank, die Kinderchen spielen auf dem Rasen. Es ge schiebt eigentlich nichts. Nach zwei bis drei Stunden bricht man auf. Unterwegs bleibt die Familie eine Weile am Zaun eines Garten­lokals stehen und hört der Musik zu. Daheim hat die Schwiegermama inzwischen das Abend­brot bereitet. Man packt es in einen großen Korb, und nun formiert sich die Familie erneut zum Ausgang. Papa an der Spitze, dahinter Mama mit dem Jüngsten auf dem Arm, die Nachhut bildet die Schwiegermama mit dem Futteralienkorb. In der Wirtschaft angelangt, bestellt das Haupt der Familie Teller, Be­stecke, Brot und Wein. Der Korb wird aus­gepackt. Der Wirt liefert den Salat. Eines der Kinderchen beginnt zu schreien, es geht mit einem Tischmesser auf den Papa los. In fast allen Ländern der Welt würde es einen Klaps bekommen. Doch die Italienerin ist sehr groß­zügig. Die Attacke ihres Bambino entlockt an allen Tischen nur ein Schmunzeln. Frau Bas­sano schlägt ihre Kinder nie, und merkwür­digerweise erleben fast alle italienischen Eltern das erfreuliche Schauspiel, daß ihre bis dahin recht unerzogenen Kinder mit etwa acht Jah­ren plötzlich an Haltung und fast an Würde gewinnen. Sie werden manierlich, ohne daß eine äußerliche Veranlassung vorliegt, sich zu ändern.

Natürlich ist der Sonntagsausflug in ein Re­staurant etwas Besonderes. Die Florentiner halten die Römer wegen dieser gelegentlich geübten Sitte für Verschwender. Alltags ißt man daheim, da« ist selbstverständlich. Die Italienerin wird von ihrem Gatten für eine ausgezeichnete Köchin gehalten. Eine Feststel­lung, die den Franzosen immer ein leichtes Schmunzeln entlockt. Soviel ist wohl sicher, die italienische Küche ist heute relativ einfach.

Standardgerichte sind Polenta, Maccaroni und natürlich Risotto, der Reis. Es ist auch heute noch ein Grundgesetz jeder italienischen Haus­frau, daß eine Polenta unter gar keinen Um­ständen bei der Zubereitung, die mit Butter und Schweizerkäse geschieht, mit Metall in Berührung kommen darf. Maccaroni darf nur so gekocht werden, daß auf 250 Gramm Nudeln etwa 2 Liter Wasser kommen. Auch hier spielt der Parmesan und der Gruyörekäse eine große Rolle. An Reisspeisen gibt es eine fast unüber­sehbare Fülle. Doch Frau Bassano läßt selbst ihren Mann grundsätzlich nicht in die Küche, wie sie auch keine Fremden in die Wohnung läßt. Aul den Gedanken, heute Dienstboten zu halten, kommt sie nicht.

In bemittelten Kreisen ist natürlich ein dienstbarer Geist vorhanden, der mehr als in anderen Ländern auch trotz des gelegentlichen kommunistischen Einflusses meist eine „Perle“ ist. Es gibt für das Mädchen keinen Feier­abend, solange noch etwas im Hause zu tun ist. Sie würde wie eine Löwin für ihre Herr­schaft eintreten, doch unter gar keinen Um­ständen bereit sein, etwa in ihrer Küchenklei­dung Einkäufe in der Stadt zu machen. Das war einmal. Heute erfordert der Gang zum Krämer eine sorgfältige Garderobe, damit nur nicht jemand draußen auf den Gedanken kommt, eine Donna de Servizio vor sich zu haben. Einen mindestens 24stündigen Konflikt

würde die Unachtsamkeit des Hausherrn nach „Multi-Look' heißt der Schuh zum Auswechseln, sich ziehen, etwa vor dem Mädchen durch eine ^jruhe, die je nach Geschmack und Farbe Tür zu gehen. In diesem Punkt Ist man emp- tuaddaa leicht auagewechseit werden können.

findlich. Die Hausangestellte will als vollwer­tige Frau behandelt werden. Man weiß das und man richtet sich danach.

Heute wie vor Jahren ist der Anblick einer kleinbürgerlichen Ehefrau in ihren vier Wän­den in Italien eine Sache, an die man sich ge­wöhnen muß. Nach wie vor trägt sie daheim Pantoffeln und einen etwas undefinierbaren Hausrock, der ins männliche übertragen etwa den unkleidsamen uhd auch aus der Mode ge­kommenen Hausmänteln alter Professoren ent­spricht. Geht jedoch die Italienerin aus, so wirkt sie fast aufgedonnert. Der Mann legt Wert auf ein Aeußeres, das seinen Idealen ent­spricht. Viel Wogendes, viel Make-Up. Nichts­destoweniger ist es die Frau, die auch heute noch spart, obwohl die schwache Lire dazu nicht gerade animiert. Der kleine Bürger lie­fert sein Gehalt fast restlos ab, er behält etwas fürs Cafd, das übrige verwaltet die Gattin. Und sie tut es gern und deswegen auch gut.

Daß Frau Bassano auch Heute noch im Zeit­alter der Atombombe beträchtlich abergläu­bisch ist, wird zwar selten offen zur Schau getragen, doch wer einen Blick dafür hat, kann, es leicht feststellen. An jeder Nähmaschine hängt ein kleines gewundenes Hörnchen au* Perlmutter. In jeder Geldbörse steckt ein ähn­liches Exemplar von Glücksbringer. Erst der Fremde merkt, daß er in Gesellschaft einer italienischen Bürgerfamilie in ein Netz von Aberglauben geraten ist. Frau Bassano würde entsetzt um sich sehen, wenn er Wein stehen ließe, wenn er Wein in ein halbvolles Glas zu­schenkte. Katzen, Leichenwagen,. Hüte auf dem Bett — alles hat für Frau Bassano wie für Hunderttausende ihrer Ebenbilder seine Be­deutung.

Doch ihr größter Hummer ist die nun einmal feststehende Tatsache, daß Italien heute kei­nen Bedarf für reichlichen Kindersegen mehr hat. Die Italienerin will Kinder, je mehr desto besser. Doch täglich hämmert man ihr ins Ohr, daß das übervölkerte Land 450 000 Geburten im. Jahr zuviel hat. Der Staat geht mit dem Gedanken um, die Schwangerschaftsunter­brechung zu gestatten. Bei der Bürgerin stößt er damit auf keine Gegenliebe, zumal sie als strenge Katholikin solche Maßnahmen grund­sätzlich verurteilt. Wie sie auch nie an Schei­dung denkt, es auch im allgemeinen kaum not­wendig hat, denn selbst unter den gegenwär­tigen schweren Lebensbedingungen sind weit­aus die meisten der heutigen Ehen nach altem Rezept glücklich.

Ein „Montage“-Schuh