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Kr. 4 14. September 1945

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Tageblatt für Bodensee , Schwarzwald und das obere Donangebiet

Italien - Sudosteuropa - Finnland

Di« ersten Themen Oer Auf|enminister-Konferenz

London . (Exchange) Dl« Konferenz der. Außenminister in London hat, wie der Söd- tnrier bereits meldete, am vergangenen Dienstag begonnen.

Der britische Außenminister Bevin führte bei der Sitzung des Rates den Vorsitz.' Es wurde entschieden, daß» Jeder der fünf Au­ßenminister abwechselnd den Vorsitz über­nehmen soll. Die Zusammenkunft der Au­ßenminister fanti in dem großen Ratssaal des Lancesterhauses statt Zuerst war Au­ßenminister Bevin erschienen, dann kam der amerikanische Minister Byrnes , der chinesische Minister Dr. Wang, der franzö­sische Außenminister Bidault und zuletzt Außenminister Molotow.

Die Aufgaben des Rats der Außenminister wurdest folgendermaßen Umrissen: „Fort­setzung der notwendigen Vorarbeiten für die Friedensschlüsse und Behandlung eller weiteren Probleme, die von Zeit zu Zeit durch Ueberemkomman der Regierungen, die im Rat vertreten sind, dem Rat vorge- legt werden." Es wurde beschlossen, sich zuerst mit den Fragen zu beschäftigen, die dem Rat von der Potsdamer Konferenz über­wiesen wurden.

Vor dem Beginn der Sitzung fand ein Presssempfang statt, bei dem Außenminister Byrnes erklärte, er hoffe, daß der Rat im gleichen Geiste an die Beratungen und Vor­bereitungen für den Frieden gehen würde, für den die Alliierten während des Krieges zusammen gelochten haben.

Aul der Mittwoch-Sitzung der Konferenz wurde einstimmig beschlossen, die Zukunft Italiens ztun ersten Diskussionsthema zu nehmen. Das Problem der Friedensverträge mit den Balkanstaaten wurde dementspre­chend xurückgestellt. Außenminister Bi­ dault hat für Frankreich zu den Italienbera­tungen' eine grundsätzliche Stellungnahme angekündigt

Auf der Mittwoch-Sitzung wurde außer­dem beschlossen, im Hinblick auf die zahl­reichen Dokumente, die zu übersetzen und eingehend zu prüfen waren, *die geplante Donnerstag-Sitzung • auf - Ffertag -*«- verschie­ben. Die Stellvertreter der Außenminister traten auch am Donnerstag im Lancaster­baus ehMnnnen.

In der Freitag-Sitzung der Außenmini­ster wurde dann gemäß den Beschlüssen der Mittwoch-Konferenz beschlossen, diejenigen Regierungen zu hören, die ein direktes In­teresse an dem Frieden mit Italien haben. Diese Regierungen werden Delegationen entsenden, die ihren Standpunkt gegenüber Italien festzulegen haben.

In der Sonnabendsitzung der Londoner Konferenz wurde zunächst beschlossen, auch Polen , die Ukraine sowie die Weißrussen aufzufordern, sich zür Frage des Friedens­schlusses mit Italien schriftlich zu äußern.

In derselben Sitzung wurde anschließend die Frage der italienischen Kolonien behan­delt Hierzu verlautet aus London , daß der italienische Außenminister selbst ln der bri­ tischen Hauptstadt erwariet wurde, um zu diesem Problem die Wünsche seines Lan­des vörzutragen.

Ebenfalls in der Sonnabendsitzung stan­

den die Grenzstreitigkelten zwischen Italien und Jugoslawien zur' Diskussion. Es handelt sich hier um die Stadt Triest and um einen Gebtatsstreifen mit der Bezeichnung „Vene- tia Julia“. Beide Länder erheben .Ansprüche auf das genannte Territorium. Der Jugo­slawische Außenminister wollte den Stand­punkt seines Landes selbst in London ver­treten, erlitt aber am Freitag einen Schlag- anfalli seih Zustand wird als ernst gemel­det. *

Wie , nun aus Belgrad gemeldet wurde, (ordert Jugoslawien die Einverleibung der Stadt Triest , und der sogenannten „Venetia Julia“. Es wird von jugoslawischer Seite darauf hingewiesen, daß die Einwohner dieses Territoriums zu zwei Dritteln aus Slawen bestehen und nur aus einem Drit­tel Italiener . Dieses eine Drittel Italiener siedele nicht in einem geschlossenen Raum, sondern sei verteilt ln Sprachinseln. Auch aus wirtschaftlichen Gründen, so stellt Belgrad fest, sei die Einverleibung dieses Gebietes notwendig. Aus Rom wird zu die­sem Problem gemeldet, daß Italien bereit sei, diese Schwierigkeiten freimütig zu dis­kutieren.

Auf das Programm der Montagsitzung wurde wiederum die Grenzfrage zwischen Italien und Jugoslawien gesetzt. Anstelle des so schwer erkrankten jugoslawischen Außenministers vertritt der stellvertretende Ministerpräsident die Ansprüche Jugosla­ wiens . Die jugoslawische Delegation, die aus mehreren Ministem besteht, wird als sehr stark gemeldet.

Außenminister Bervin empfing-vor Beginn der VBehandlungen die Außenminister der Vereinigten Staaten und .Rußlands , Byrnes und Molotow, zu getrennten Vorbesprechun­gen.

Byrnes erklärte Pressevertretern, er be­zweifle nicht, daß die Vertreter dar fünf Großmächte in vielen Fragen verschiedener Ansicht sein würden. & sei jedoch über­zeugt, daß es gelingen werde, eine gemein­same Politik festzulegen. Der Rat der Außen­minister steile ein Experiment dar. Be lohne sich, dieses Experiment mit aller Energie zu verfolgen, denn von seinem Erfolg hänge die Zukunft des Weltfriedens ab.

Der amerikanische Außenminister bestä­tigte, daß an erster Stelle des bereits in Potsdam aufgestellten Arbeitqprogromme* der Außenminister-Konferenz das Problem des Friedensschlusses mit Italien stehe. Auch die Möglichkeit des Abschlusses von Flie­densverträgen mit den südosteuropäischen Vasallenstaaten und Finnland Werde behan­delt werden, und in diesem Rahmen werde zweifellos auch die Haltung Amerikas zu der gegenwärtigen rumänischen Regierung zur Sprache kommen. Im Rahmen der Be­handlung der Zukunft der Binnenwasser­straßen würde ebenfalls das Kohlen- und Lebensmittel-Problem in der einen oder an­deren Form behandelt werden. Nicht auf dem Arbedtsprogramm steht Deutschland , aber Byrnes wies darauf hin, daß es der Konferenz freisteh#, sich über die Beratung von nicht auf der Tagesordnung stehenden Problemen zu einigen.

Selbstmordversuch Tojos

„Ich verstehe Jetzt, tfle schlimm der Krieg für das Volk gewesen Ist*

< Tokio . (Reuter) Der frühere japanische Ministerpräsident Tojo, wohl der fanatisch­ste Vertreter der japanischen Kriegsziele, unternahm einen Selbstmordversuch al« die amerikanische' MUitärpolizei in seiner Land­wohnung erschien, um ihn als Kriegsver­brecher zu verhaften.

Als Tojo für kurze Zelt aus seiner Ohn­macht erwachte, erklärte er sich für den Ausbruch dee Krieges verantwortlich. Er wolle sterben, jdhenfalls wünsche er nicht von den Siegern als Besiegter abgeurteilt zu werden. Obwohl mit seinem Ableben wahrscheinlich zu rechnen ist, halten es die Aenrte im Augenblick ni^it für ausge­schlossen, daß er noch am Leben bleibt.

Rückkehr der Gefangeiei aas USA

Washington . (Exchange) Nach einer Mitteilung des amerikanischen Kriegsmini- steriums werden bis zum Frühjahr 1946 alle ehemal; feindlichen Kriegsgefangenen zu­rückgekehrt sein. Der Rücktransport der ita­ lienischen Gefangenen wird schon am Jah­resende abgeschlossen sein. Gegenwärtig befinden sich noch 362 179 Deutsche , 49 784 Italiener und 3080 Japaner in ame­ rikanischen Kriegsgefangenenlagern.

t) IN Franzose« kehrten nMrt heim

Paria (AFP ) Im Auftrag des Ministers für die Kriegsgefangenen, Deportierten und Flüchtlingen ist General Kaeppalln nach. Deutschland abgereist. Er hat den Auftrag, zivil« Dienststellen einzurichten, um Nach­forschungen nach den in Deutschland ver­schwundenen Franzosen anzustellen. Es handelt sich um eine Zahl von mehr als 12000 Franzosen, die bis jetzt noch nicht in Am Heimat xurückgekehrt sind.

Ein Berichterstatter der United Preß er­schien am 11. September, nachmittags, zu­sammen mit einem Japanischen Redakteur vor dem Hause des früheren Ministerpräsi­denten, um ein Interview zu erhalten. Die Wachposten erklärten, Tojo sei ausgegan- gen. So entschloß man sich zum Warten. Kurz darauf erschien Major Krane vom Gegenspionagebüro Mac Arthurs mit dem Verhaftungsbefehl für Tojo.

Dar Berichterstatter erzählt dann wört­lich: „Um 4 Uhr 15 kehrte Tojo von seinem Ausgang zurück, betrat eilig des Haus und schloß die Türe hinter sich. Gleich darauf öffnete er das Fenster seines Studierzim­mer» und fragte lächelnd, wes wir wün­schen. M»j° r Kraus sagte ihm: „Bitte, öff­nen Sie die Tür, damit ich hereinkommen und meine Legitimation vorweisen kann". Tojo schwankte seine Arme und erwidert«! „Wenn dies kein offizieller Befehl ist hebe Ich kein Interesse deren, mit Ihnen zu spre­chen." Mojor Kraus wandte sich nun dem Dolmetscher zu und erklärte: „Sagen Sie ihm, er »olle diese verfluchten Narrheiten unterlassen. Wir wollen weiterkommen. Sa­gen Sie ihm, er solle die Türe öffnen, da­mit ich meine Legitimation vorweisen kann. Sagen Sie ihm weiter, er eolle eich za ei­ner Fahrt nach dem Hauptquartier Mc Ar­thurs in Yokohama bereitmachen".

Der Dolmetscher äbemetxte, worauf Tojo des Fenster mit Wucht Zuschlag. Wir glaub- ’ ten, daß er jetzt dta Haustür# öffnen werde und begaberf uns vor das Haus, aber plötz­lich — es war genau 4 Uhr 21 Minuten — knallte ein Schuß. Major Kraus warf sich sofort gegen die Haustür. Sie war verschlos­sen, aber es gelang ihm, sie aufzubrechen, und er stürzte in die Vorhalle., Wir unmit­telbar hinter ihm her. Dta Tür« von Tojos Studierzimmer auf der linken Seite der Vor­

halle wer ebenfalls verschlossen. Major Kraus rüttelte an der Klinke und rief, Tojo solle sofort öffnen. Da alias still bUeb, trat Kraus die Türe ein, und wir blickten in das Zimmer. Tojo saß zusammengeeunken, mit übereinandargeschlegenen Beinen in einem Sessel. Blut floß aas einer Wunde fas der Unken Bauchseite. Er war offenbar völlig bewußtlos.

Im anschließenden Zimmer saß ein junger Mann mit gekreuzten Beinen auf einer Matte. Er hatte den Kopf tief gebeugt und schenkte uns keinerlei Beachtung. Es war einer der Söhne Tojos. Major Kraus sandte seinen Jeep unverzüglich nach Tokio zu­rück, um einen Arzt zu holen. Plötzlich kam Tojo wieder zum Bewußtsein. Er winkte uns, und Ich kniete unmittelbar nebea ihm nieder, um seine Worte aufzufangee. Tojo sprach leise und mühsam. Der Dolmetscher übersetzte mir Wort für Wort Er sagte: „Ich wollte durch das Schwert sterben, aber ich mußte mich mit der Pistole begnügen ... mit der Pistole begnügen. Ich übernehme die Verantwortung für den Krieg. Ich ver­stehe jetzt, wie schlimm der Krieg für das Volk gewesen Ist. Jetzt bin ich glücklich zu sterben. Banzai.“

Dann verlor Tojo das Bewußtsein. Jetzt traf auch der Arzt ein, und der Sohn Tojos erschien mit einem Glas Wasser. „Er kann nicht transportiert werden," erklärte der Militärarzt. „Wir wollen versuchen, Ihn zu retten."

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Washington . (AFP ) Wie der amerika­ nische Rundfunk meldet, hat General Mc Arthur unmittelbar nach dem Selbstmord­versuch des ehemaligen Premierministers

Tojo den amerikanischen Truppen Befehl erteilt, 39 japanische Persönlichkeit«! zu verhaften, unter Ihnen fltdgenorl Togo , der 1937 bis 1940 Botschafter in Berlin und Moskau und 1941/42 Japanischer Außenmi­nister wer, und Mashära Homma, der'nach dar Kapitulation von Corrtgldor den be­rüchtigten „Todesmarsch'' der alliierten Kriegsgefangenen verfügt hatte. Scheinbar wünschen die Amerikaner diese Verhafte­ten noch einem Verhör zu unterziehen.

Gleichzeitig hat Mc Arthur angeordnet, daß alle japanischen Funktionäre in Korea so rasch wie möglich abgelöst werden sol­len. Der Diktator der Philippinen, Joeä Laurel, und weitere Kollaborationisten sind ' ebenfalls verhaftet worden, unter ihnen Prata Mahandra, ein Inder, und Jorge Var­gas, der die philippinische Scheinreglerung in Japan vertrat.

Amerika besaß Japans Geheimkode

Washington, ag Es wird mitgeteilt, daß amerikanische Marineflugzeuge am 18, April 1943 den japanischen Admiral Yama- moto, der geprahlt hatte, Japan werden den Vereinigten Staaten den Frieden im Wei­ ßen Haus diktieren, auf einem Inspektions- flug abschossen.

- Diese Tatsache wurde bisher geheimge- halten. weil die Japaner sonst gemerkt hät­ten, daß Amerika den Schlüssel zum japa­nischen Geheimkode besaß und deshalb alle japanischen Chiffremeldungen entzif­fern konnte. Auf diese Weise war es auch gelungen festzustellen, daß sich Yamamoto an Bord des Flugzeuges befand. Die Japa­ner blieben völlig ahnungslos und benutzten den Kode noch lange Zeit weiter.

Proklamation an das österreichische Volk

Der Kontrollrat kündet wirtschaftliche Freizügigkeit an

Wien . (Exchange) Auf der 1. Sitzung des Kontrollräte für Oesterreich warm die vier Besetzungsmächte durch ihre Truppenkom- mandanten in Oesterreich , Marschall Konjew und die Generäle Mac Creery, Clark und Böthcuard, vertreten, deren jeder von sei­nem ersten Stellvert,der und einem politi­schen Ratgeber begleitet war.

Der Rat schritt zunächst zu seiner Kon­stituierung und es wurde beschlossen, ordentliche Ratssitzungen je am 10., 20. und 30. jeden Monats abzuhalten. Der Ratsvor- sitzende wechselt jeden Monat, beginnend am 15. September mit General Clark , in der Reihenfolge: USA , Großbritannien , Frank­ reich , Rußland . Auf Verlangen eines oder mehrerer Ratsmitglieder kann der jeweilige Vorsitzende Sondersitzungen des Kontroll­rates einberufen. Für Wien wurde eine „Kommandatura" geschaffen, die ähnliche Kompetenzen hat wie die „Kommandatura“ von Berlin . Die laufenden Verwaltungs­geschäfte werden von einem Exekutiv­komitee, das aus den vier Vertretungskom- ’missaren zusammengesetzt ist, wahrgenom­men.

Als erste Amtshandlung arbeitete der Kontrollrat eine Proklamation an das österreichische Volk aus, in der die Politik des alliierten Rates im Hinblick auf die Zukunft Oesterreichs auseinandergesetzt wird. Die Proklamation stellt fest, daß der alliierte Rat seine Grundlage in der Mos­kauer Erklärung habe, in der die Regierun­gen der Vereinigten Nationen ihre Absicht kundtaten, wieder ein freies, unabhängiges und demokratisches Oesterreich ins Leben zu rufen. Ais Ergebnis des alliierten Sieges über Deutschland übe dieses nicht mehr seine Macht über Oesterreich aus und das österreichische Volk sei nun frei vom Hitler - Joch. Die nächste Aufgabe sei die Bildung einer festen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Grundlage für die Wiederherstel­lung eines wahrhaft demokratischen, freien

und unabhängigen Oesterreich zur Sicherung eines dauernden Friedens.

„Die allerwichtigste Aufgabe ist", erklärt die Proklamation weiter, die Vereinigung und wirtschaftliche Wiederherstellung des ganzen Landes und die Beseitigung der Kriegsfölgen, der hitlerscheh Mißwirtschaft und des deutschen Einflusses auf das Leben Oesterreichs . Wir sind entschlossen, die völ­lige Gleichheit von Rassen, Religionen und der einzelnen Bürger gesetzlich zu ver­ankern. Die Alliierten werden den demo­kratischen Parteien die Freiheit garantieren, ihre politischen Ansichten durch die Mittel ihrer Presse, des Rundfunks und freier Ver­sammlungen zu äußern, als wichtigen Schritt zur späteren Abhaltung freier Wahlen. Diese Wahlen werden stattfinden, sobald die dazu nötigen Vorbedingungen geschaffen sind.

Die Aufgabe der Wiederherstellung eines freien österreichischen Staates ist aber un­möglich ohne aktiven, dauernden und ent­schlossenen Kampf gegen die Ueberbleibsel des Nazismus und seiner Anhänger in allen Sphären des politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Lebens des Landes. Alle An­strengungen von Außen her sind Indessen allein ungenügend. Die Wiederherstellung eines freien und demokratischen Oesterreichs wird in der Hauptsache die Aufgabe des österreichischen Volkes selbst sein. Der alliierte Rat nimmt mit Befriedigung davon Kenntnis, daß Oesterreich bereits beträcht­liche Fortschritte auf dem Wege zur Demo­kratisierung des Landes gemacht hat nnd appelliert an alle Oesterreicher, ihre natio­nale Pflicht ehrlich und selbstlos zu erfüllen, zur Wiedergeburt des demokratischen öster­reichischen Staates.“

In einer weiteren Bekanntmachung teilt der alliierte Rat mit, daß allen Vertretern österreichischer Firmen und Unternehmungen in Kürze Freizügigkeit im ganzen Lande gewährt werden soll.

Belgische Nachkriegsprobleme

Ernährungssorgen und Schiffahrtsfragen

Brüssel. (AEP) Das schwierigste Pro­blem, das sich der belgischen Regierung für die nächste Zukunft stellt, ist das der Kohlenversorgung. Eine wirtschaftliche Er­holung ist unmöglich, so lange die Schwie­rigkeiten im Kohlenbergbau nicht behoben sind.

Neue Sorgen machen sich mit der Einstel­lung der Leih- und Pachtlieferungen be­merkbar, da im Zusammenhang damit ein Rückschlag In der Versorgung Belgiens be­fürchtet wird. So wird die Aufhebung der Brotkarte nur vollzogen werden können, wenh aus den tropischen Ländern Getrelde- Ueferangen eintreffen. Die Erhöhung der Brotration drängt sich auch dashalb auf, wall dte Kartoffelernte ausgesprochen schlecht Ist Dan kommt daß die Bauen erklären« keine Verantwortung für die Ver­sorgung übernehmen zu können, felis die Regierung infolge von Streiks keins genü­gende Kohlenzuteilung garantieren kann. Ungenügend bleibt nach wie vor auch die Fleischversorgung. Heute noch betrögt die Fleischration für Zivilisten lnklusiv Kno­chen 30 g. Um dem Fleischmangel ttbzuhel- fen, hat die Regierung nun eine Schweine­zuchtaktion etngeleitet

In der Antwerpener Frage ist es noch zu keiner Lösung gekommen. Die Nachricht, daß dar Kontinent über die deutschen Hä­fen versorgt werden tolle, hat eine schwere Enttäuschung ausgelöst. Nach anderen Be­richten soll allerdings dta Benachteiligung der Kanalhäfen dadurch ausgeglichen' wer­den, daß sie als Umschlegplätze für den Kohlentraneport nach alliierten Ländern vorgesehen sind.

Mit großer Aufmerksamkeit verfolgt die Regierung die außenpolitische Zielsetzung der Niederlande , wo sich ein großer Teil der Bevölkerung für eine Annektion deut­ schen ' Bodens ausspricht. Der Grund liegt darin, daß Weite Gebiete Hol­ lands durch dta Ueberflutung mit Meer­wasser auf Jahrzehnte unfruchtbar ge­worden sind. In Belgien will man «a Erfolg der holländischen Annektiansbestre- bungen abwarteu, eh# man selbst seine ei­genen bescheidenen Gebietsänderungen be­antragt. Nach Andeutungen, die der Sozia­list Lous Piörard ln der außenpolitischen Kommission machte, sind kleine Grenzbe- relnfgungen in dar Gegend von Montjoie und Schleiden , sowie der Erwerb eines Tou­ristengebietes im Urfttal# erwünscht.

Keine Illusionen

Von Dr. Prttz Harzendorf

Eine der wichtigsten Aufgaben des Süd- kurier tat ob, seinen Lesern zu helfen« die Wirklichkeit frei von allen Eluslooen zu betrachten. Die Illusion, das ist dta Ein­bildung, che alle Dinge so sehen möchte, wie sie nach unseren Wünschen sein sollten, und nicht, wie sie wirklich sind. Sie tat ein weit gefährlicherer Lügner als die nackte Lüge Selbst. Sie färbt die Wahrheit um und ist schwer zu fassen und zu widerlegen, weil sie sich immer wieder neu verkleidet. Im Krieg sind die meisten von uns von einer Illusion in die andere verfallen, und hatten sich hundert Illusionen als trügerisch erwie­sen, so waren ihre Opfer darum umso berei­ter, sich von neuen Illusionen täuschen zu lassen.

Es scheint, daß der Hang zur Illusion ein nationales Uebel der Deutschen tat, dem sich nur wenige ganz entziehen können, und darum müssen wir durchaus mit der Mög­lichkeit rechnen, daß selbst durch die un­zweideutigen Erfahrungen des letzten Krie­ges dieser verderbliche Hang nicht ganz ausgerottet wurde. Die Gefahr ist also kei­neswegs gebannt, daß jetzt wo wir die Fundamente unserer Zukunft legen wollen, neue Illusionen sich ausbretten, die wir nur dann unschädlich machen können, wenn wir sie in ihren Anfängen erkennen und zerstö­ren. Es zeigt sich nämlich, daß selbst unter jenen Deutschen , die in der Hitlerzelt ihren klaren Verstand bewahrten und die unaus­weichliche Niederlage hatten kommen sehen, sich nicht wenige befinden, dta in die Zeit nach der Niederlage mit Erwartun­gen herübergekommen sind, dta nun ihrer­seits auf einer trügerischen Voraussetzung beruhen und darum mit der Wirklichkeit ln Konflikt geraten.

Ihre Meinung war es gewesen, daß in dem Augenblick, ln dem das Hitlerregime mit Stumpf * und Stiel ausgerottet sein werde, ein dem Frieden zugewandtes Deutschland sich ohne weitere« in die Gemeinschaft der demokratischen Nationen einreihen könne. Sie waren durchaus entschlossen, ihr Aeu- Serites zu tun, die letzten nnd geringsten Spuren nationalsozialistischer Denkungsart auezumerzen. Sie wußten sogar, daß es nicht damit getan sei, nur die spezifisch national­sozialistischen Theorien und Propaganda­thesen zu- widerlegen, sondern deß eich des deutsche Volk von Grund auf ein neues Denken und Verhalten zu eigen machen müsse, nachdem es nicht erst sät 1933, son­dern schon seit Jahrzehnten machtpoliti­schen Vorstellungen und militaristischen Methoden gehuldigt hatte. Es schien ihnen nichts anderes nötig zu sein, als daß Hitler geschlagen und dann aller nationalsozia­listischer Wahn ausgeräumt werda, damit ohne weiteres ein neues Deutschland einge­richtet werden könne. Auch das war ihnen klar, daß dies nicht mehr Hitlers Groß­deutschland sein werde, und mancher, der sehr realistisch zu denken glaubte, hat als unvermeidliche Folge der Niederlage' die Grenzen des neuen Deutschland in seinen Gedanken schon erheblich enger gezogen, als sie der Versailler Vertrag gezogen hatte. So gut ihr Wollen Ist und so realistisch Ihre Erkenntnis der für Deutschland durch die Niederlage entstandenen Lage zu sein scheint, so beruhte doch ihre Erwartung, nun ungesäumt das neue Deutschland selb­ständig und ganz nach ihren eigen«! Ideen aufbauen zu können, auf, einer irrigen Vor­aussetzung.

Denn die stillschweigende Voraussetzung solcher Zukunftsgedanken um Deutschland war die Meinung, daß auch die Sieger so­gleich und ebenso sicher das nationalsozia­listische Deutschland von dem „anderen Deutschland " unterscheiden und trennen würden, wie sich die antinazistischen Deut­ schen selbst von den Hltlerhörigen unter­schieden oder unterschieden wissen wollten. Müssen wir uns eher nicht selber sagen, daß dieses „andere.Deutschland'' sich in der Zeit zwischen den beiden Kriegen so wenig hatte durchsetzen können, daß auch sehr gutwillige Ausländer den Glauben an eine solche Unterscheidung verlieren konnten und daß nur sehr genaue Kenner der deut­ schen Psyche und der deutschen Verhält­nisse trotz allem Ihren Glauben an ein bes­sere* Deutschland bewahren konnten? Wir dürfen doch die Tatsache nicht übersehen, daß das nationalsozialistische Regime n 1 <h t von Innen her überwunden worden ist sondern daß es erst durch einen opferrei­chen neuen Weltkrieg, den die demokrati­sch«! Völker gegen die Kraft des ganzen deutschen Volke# hatten führen müssen, zer­schlagen werden konnte. Wenn auch die Vorgänge des 20. Juli 1944 zeigen, daß es eine ausgedehnte innerdeutsche Wider­standsbewegung gegeben hat, so war es durchaus nicht so, daß diese Bewegung die militärische Kraft des national sozialistisch en Regimes gebrochen und den Sieg seiner äu­ßeren Gegner in einef deutlich erkennba­ren Welse erleichtert hätte: Das aber ist schon einer der Gründe, weshalb die Sieger nicht ebenso wie etwa Im Falle Italiens , zwi­schen den „beiden Deutschland " unterschei­den konnten, deren eines die Folgen der Niederlage zu tragen gehabt hätte, indes das andere als befreundete Nation hätte anerkannt werden können.

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