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Juui 1946

SUDKURIBR

Seite 3

Q-. pc / Deut»che Geschichte von Bismarck

Ivdlll C/o / bis tum Ende des zweiten Weltkrieges

Voi Dr. Fritz Harzendorf

(15. Fortsetzung)

Ueber den Subicoo

JCtler jedoch überschritt den Rubicon,

• ein großes Reich zu zerstören. Am 22. ]uni gab er der Welt bekannt, daß die deut­eten Truppen von der Ostsee bis zum j&wsrzen Meer die russische Grenze Über­tritten bitten mit dem Ziel, die Welt von Geißel des Bolschewismus zu befreien, tem er die Plane enthüllte, die Molotow t .seinem Berliner Besuch entwickelt habe, Hitlers Zustimmung zu Stalins Unter- ^ädkungspelitik zu erlangen, umgab er sich pjt der Gloriole des Beschützers der Klei- und Schwachen und des Anführers zum (•Aigen Kreuzzug gegen die asiatische (mpotie. Die militirische Vorbereitung war, fit immer nach langen „schöpferischen Pau - | " ausgezeichnet! vor allem schienen die sei es durch die Tatsache de6 An- j 1s überhaupt, sei es durch den Zeitpunkt | Ueberfalls, vollkommen überrascht. In igen Wochen standen die Deutschen vor rad, vor Moskau und am Schwarzen >r in Rostow . Millionen gefangener Rüs­pe wunderten in die deutschen Gefangenen- liger, soweit sie nicht auf dem Weg dahin 0 Hunger und Seuchen umkamen. Noch (•vor der Winter begann, verkündete Hitler hm deutschen Volk den totalen Sieg über bwjetrußland: „die letzten kampfkräftigen Mvisionen der Roten Armee sind vernich- , (et. Von einem solchen Schlag kann sich keine Wehrmacht der Welt mehr erholen.'

Copyngbt 1945 by Süd vertag Keastau Nachdruck auch auszugsweise verboten

heimlichen und es dauerte lange, bis auf dem Weg über die Lazarette mit ihren zahl­reichen Gliedeiamputierten wenigstens eia

sich Hitler zu entscheiden, ob er zuerst Eng­ land oder Rußland aus schal tan wolle. Es bleibt dahingestellt, welche der beiden Mög­lichkeiten die größere Auesicht auf ein Ge­lingen bot, ebeneo welche Tatsachen iha zwangen, oder welche Erwägungen ihn ver­leiteten, sich zum Angriff auf Rußland zu entschließen. Dadurch aber, daß Hitler die Sowjetunion angriff, bevor England aus dem Feld geschlagen war wurde Rußland mit Ge-

Teil der Wahrheit den Deutschen bewußt ! * #lt «tzf ^ die Seite Englands gedrängt und

wurde. Aber da war die Krise überwunden und das Ostheer wieder zu neuer Offensive angetrelen. In grotesker Verkennung der mi- litärischen Notwendigkeiten, die gebieterisch den geballten Angriff gegen die intakte rus­ sische Zentralarmee gefordert hätte, die Mar- , .

schall Schukow um Moskau versammelt > englisch -amerikanischen Rustungen

hatte, zielt« die Offensive, vom Erdöl wie I nIdn we * 1 9 fenug gediehen waren, damit einem Magnet angezogen gegen den Süd- eine zweite Front m Europa sofort errichtet

osten, gegen den Kaukasus imd das Wolga - we t rden k ° nn e ' ™ Üe / W*”*!

knie bei Stalingrad und endete dort mit ! gerechnet, daß der Ueberfall auf die

kam damit auch zwangsläufig in den Genuß der amerikanischen Kriegslieferungen nach Roosevelts Pacht- und Leihgesetz. Der Zwei­frontenkrieg, den Hitler vermieden zu ha­ben glaubte, wurde dennoch Wirklichkeit, wenn er zunächst auch noch latent blieb,

dem schwersten militärischen Fehlschlag Inzwischen aber hatte, von Hitler

I

drängt und von den deutschen Erfolgen zu Beginn des russischen Feldzuges verblendet, bevor noch die Winterkatastrophe den Ver­bündeten Deutschlands bekannt geworden war, Japan am 7. Dezember durch seinen Ueberfall auf Pearl Harbour den Krieg mit den Vereinigten Staaten vom Zaun gebro­chen und damit eine vollendete Tatsache ge­schaffen, die nicht mehr zu widerrufen war. Der polnische Krieg war zum europäischen und dieser zu einem deutsch -russischen Krieg

Sowjetunion , die in ihrem Winterkrieg ge­gen Finnland keineswegs eine überzeugende 9^ i Probe ihrer milltäriechen Kraft gegeben

hatte, diese sehr schnell auf den Boden zwingen werde, auf jeden Fall viel schnel­ler, als eine angloamerikanische Front ir­gendwo in Europa wirksam werden könne. Mit dieser Fehlrechnung aber hatte sich Hitler nun wirklich im eigenen Netz ver­fangen, und verloren war damit nicht nur der russische Feldzug, sondern das ganze hohe Spiel Nur verbrecherische Selbsttäu­schung konnte jetzt noch hoffen, daß ein Krieg gegen Großbritannien , die Vereinig­

geworden und mußte sich folgerichtig rum, Staaten und die Sowjetunion nicht eben-

lArAitbel&ji AMävirt/lrAiti un/tlenfl «renn

neuen Weltkrieg entwickeln. England stand nicht mehr allein, Rußland und die Vereinig­ ten Staaten waren seine Bundesgenossen geworden, der Mehrfrontenkrieg war trotz

_ ._ . ! allem Wirklichkeit geworden. Hitler hatte

Dann kam der russische Winter, etwaa ! . . . .-,—= „ w„,„ „.„.hh,!

uitiger als sonst und vielleicht auch etwas (mager als sonst, aber eben der russische hinter, der schon einmal eine „Große Ar- " aufgerieben hatte. „Wir haben an al­te gedadbt, wir haben alle Möglichkeiten rfnkalkuliert und die geringste Kleinigkeit rorbereitet". War es nicht Hitler selbst ge­wesen, der so gesprochen hatte? Sollte er, ler mltator Napoleons , gerade den nissi­gen Winter vergessen und nicht einkalku- |»rt haben? Doch, Hitler hatte an den rus- j (sehen Winter wohl gedacht, aber er hatte ; ße Möglichkeit nicht einkalkuliert, daß islne Truppen in den weiten Steppen toßlands noch vor den großen Städten im blde stünden. Sein Generalstab hatte ihm i auf den Tag genau den Terminkalender | «»gearbeitet, nach dem er schon am 12. j tagust seinen Einzug ias Kreml halten j »Ute. Dann würde ihm, dem Herrn de« Creml, das ganze Rußland zu Füßen liegen md seine Truppen würden in den großen Städten bis zum Ural ln den warmen Wln- srquartieren liegen. Aber der Termin- islendei hatte nicht gestimmt; trotz aller bssel schlachten mit ihrer unübersehbaren Iriegsbeute und ihren Millionenziffern an Stiegegefangenen kämpften die Russen zäh i taiter und verteidigten Leningrad und Mos- bia in den frühen Winter hinein. Hitlers trmeen aber waren fast schutzlos dem rus- Rchen Winter preisgegeben. Zu Hundert- Msenden erfroren sich die Soldaten ihre Bieder, die Pferde krepierten vor Hunger d Kälte und Ermattung, die Dampfrohre er Lokomotiven platzten und alle Motoren t übermotorisierten Armee versagten Iran Dienst. Sein einziges Glück war, daß le Russen tatsächlich bis zum Tode ermat- und zu keiner großen Gegenoffensive Ihlg waren, sonst hätte Hitlers Armee das khlcksal des napoleonischen geteilt. Sie berstend den Winter und die Ueberleben- len durften die Medaille tragen, die sie dt bitterem Hohn die „Gefrierfleischme- Mlle" nannten.

Der Krieg gegen Rußland war schon da- ttU verloren und es scheint, daß General - ildmarschall v. Brauchltsch daraus die mi- Hrisdien Konsequenzen ziehen wollte Er mrde davongejagt, und Hitler übernahm »sönlich das Oberkommando des Heeres er Propaganda gelang es, dem deutschen r »0c den militärischen Fehlschlag zu ver­

sieh in seinem eigenen Netz verstrickt.

Es war wirklich sein eigenes Netz, in dem er sich verfangen hatte. Soviel wenigstens hatte er aus den Erfahrungen des Welt­kriegs gelernt, daß auch die scharfsinnig­sten und in jahrelanger Gedankenarbeit aus- gesonnenen strategisdien Pläne keine Ge­währ dafür boten, daß Deutschland zu glei­cher Zeit nach allen Selten und gegen die ganze Welt Krieg führen oder gar siegreich bestehen könne Man konnte aber einen I deutlicher in Erscheinung tretende« Streber-

«o zwangsläufig verloren gehen müsse wie der erste Weltkrieg.

Ueber diese Situation mußten «ich späte­stens um die Wende des Jahres 1941 42 die verantwortlichen politischen und mili­tärischen Führer Rechenschaft geben und vielleicht hat es v. Brauchltsch auch getan. Hitler tat es nicht und er fand auch immer wieder die bedenken- und gewissenlosen Heerführer, die ihm auf seinem Wege folg­ten Eine rücksichtslose Ausmerzung aller nicht vollkommen gefügigen Generäle, die einen Massenverbrauch an militärischen Führern zur Folge hatte, und ein immei

Gegner nach dem andern aus dem Feld schlagen, zuerst die kleinen, dann die grö­ßeren und zuletzt die ganz großen Es kam nur darauf an, das Spiel richtig zu mischen und die Reihenfolge der Gegner richtig zu bestimmen. Hat Stalin , der sich dadurch als ganz großer Gegenspieler erweisen würde, Hitlers Spiel von allem Anfang an durch­schaut und Ihn ln die Falle gelockt, oder waren es andere Erwägungen, die ihn ver- anlaßten, Hitler anfangs freie Hand zu las­sen, wir wissen es nicht. So wie das Spiel stand, als Frankreich am Boden lag, hatte

tum in der Generalität verhalten ihm zu den Leuten, die er brauchen konnte. Das deutsche Volk selbst konnte sich über die Lage keine Rechenschaft geben, denn es wurde ja nur mit Siegesnachrichten gefüt­tert, während alle Verluste Ihm verheim­licht wurden. Trotzdem griff mindesten« bei denen, die den Weltkrieg erlebt hatten und die Analogie sich immer deutlicher ent­wickeln sahen, die Sorge um den Kriegs­ausgang immer weiter um sich Partei und Gestapo aber sorgten dafür, daß sie nicht laut wurde. (Fortsetzung folgt)

Schiffe ohne Häfen

Von unserem W. D. - Italien -Korrespondenten

Mailand , im Januar.

Wer nach Genua kommt, findet einen durch Bombardierungen, Beschuß und ab­sichtliche Zerstörungen völlig ruinierten Hafen. Daß dort vom 13. Juni (dem Tag der Wiedereröffnung des Hofens) bis zum Dezember 1945 bereits wieder 308 Schiffe einliefen und 350 000 Tonnen Ware lösch­ten, erscheint fast wie ein Wunder. Aber im Jahre 1939 waren es 5400 Schiffe mit 6,64 Mill. Tonnen gewesen. 9 Kilometer Kai (von insgesamt 20) sind zerstört, 2 Quadratilomketer Hafenfläche völlig durch­einander gewirbelt, von 62 Gebäuden blie­ben nur 5 unbeschädigt, keines der 4 gro­ßen Kielbassin« ist benutzbar, von 45 Werk­stätten für Schiffsausrüstung können ’edig- lich 12 arbeiten, von 239 Kränen nur 7, von 36 Kohlenelevatoren ebenfalls 7 Be­sondere Hindernisse bilden die vielen Mi­nen, von denen erst 25 unschädlich gemacht werden konnten, und die zur Blockierung des Hafens versenkten Schiffe. Abgesehen von etwa 400 kleinen Booten wurden 185 'Schiffe versenkt, davon 66 Handels- und

34 Kriegsschiffe der italienischen Flotte, die restlichen führten die deutsche und französische Flagge. Um in den Hafen zu gelangen, müssen sich die Dampfer gegen­wärtig durch eine 75 Meter breite und 9,3 Meter riefe Einfahrt hindurchzwängen.

Nicht alle italienischen Häfen sehen so übel aus. Aber von allen Wirtschaftszwei­gen haben in diesem Kriege Häfen, Werf­ten und Handelsflotte am meisten gelitten. 90 Prozent der italienischen Handelsmarine ruht auf dem Meeresgrund:

Italienische Handelsflotte Schiff?

1939 3 400 000 BRT. 1400

1945 (April) 340 000 BRT. etwa 100 Der Schaden ist aber noch weit größer, wenn man berücksichtigt, daß Italien vor diesem Kriege nach England , den USA. , Ja­ pan , Norwegen , Deutschland an 6. Stelle der Welttonnage (rund 68 Mill. BRT.) stand und 128 Proz mehr Tonnage hatte als vor dem ersten Weltkrieg Die Welttonnage hat sich keineswegs um 90 Proz. vermin­dert, sondern ist dank der gewaltigen Bau­leistungen der Vereinigten Staaten wahr­

scheinlich trotz der Versenkungen auf ihrer alten Höhe geblieben. Der italienische An­teil indessen beträgt statt 1/20 nur roch t/200.

Das bedeutet einen schweren Schlag für ein Land, dessen besondere geographische Lage eine gewisse Seefahrt bedingt. Die verbliebene Liliputflotte setzt sich, was weiter zu beachten ist, unorganisch zusam­men, gestattet infolge der Verschiedenheit der Einheiten keine zweckdienliche Planung des Einsatzes, zumal auch ein Teil der Schiffe beschlagnahmt ist und der Verfügungsge­walt der Reeder entzogen bleibt. Nicht we­nige Reeder haben heute statt der Schiffe entwertete Lire-Forderungen und können in keiner Weise ihre wertvollen Erfahrungen ihrem Lande nutzbar machen.

Um wieder zu einer Handelsflotte zu ge­langen, gibt es fünf Möglichkeiten. Die er­sten drei werden von den italienischen Sachverständigen wie folgt veranschlagt:

280 000 BRT. im Bau befindliche 409 Ein­heiten

300 000 BRT. Hebung versenkter Schiffe

100 00 BRT. Rückkauf von Argentinien , Irland und Brasilien .

Zählt man zu diesen 680 000 BRT. den Rest­bestand der italienischen Handelsflotte, der bi« zum 1. September 1945 auf 500 000 BRT angewachsen war (in letzter Zeit haben «ich die Stapelläufe und Bergungen vermehrt),

so könnte Italien in 2 bis 3 Jahren 1,2 Mill. BRT Schiffsraum gewinnen, also ein gu­tes Drittel der Vorkriegshandelsflotte Da­bei muß jedoch vorausgesetzt werden, daß die vielen augenblicklichen Schwierigkeiten (wie Rohstoffmangel, geringe Kapazitäten der Werften, geringe Staatbeihilfe für Ber­gung und Instandsetzung usw.) entfallen.

Eine vierte Hoffnung besteht i> der Ab­tretung amerikanischer Schiffe an Italien . Tatsächlich sind Italien 46 „Liberty"-Schiffe zu einem symbolischen Preis von einer Lira je Stück zugesagt worden. Das wäre eine wesentliche Hilfe, denn mit 50 „Liberty"- Sdiiffen könnte man z. B 3,6 Mill Tonnen Kohle jährlich einführen. Für die Küsten­schiffahrt im Mittelmeer freilich sind diese großen Schiffstypen nicht geeignet.

Man fordert daher zusätzlich ein staat­liches Schiffsbauprogramm, dem leider die ungünstigen Staatsfinanzen entgegenstehen Eine Handelsflotte von drei Millionen BRT. würde heute 150 Milliarden Lire kosten, Immerhin etwas weniger als der Voran­schlag für die Wiederherstellung des Eisen­bahnnetzes (400 Milliarden Lire).

Der Weg zur Wiederaufholung der gro­ßen Schiffsverluste wird, wie obige Zahlen und Tatsachen lehren, hart sein. Doch be­stehen wenigstens Ansatzpunkte, die eine so seefahrtliebende Nation wie die italieni­sche sicherlich zu nützen verstehen wird.

Wie der Schweizer lebt

Von unserem Dr. -P. R. - Korrespondenten

Z ü r i ch , im Januar.

Die vollen Schaufenster der Schweiz , die während der ganzen Kriegsjahre Kleider urvd Stoffe, Tabak und Leder, Uhren und Schmuck, Spirituosen und Delikatessen zeig­ten, Wunschträume für das übrige Europa , ließen im fremden Besucher die Meinung aufkommen, in diesem gesegneten Lande herrsche Fülle und Ueberfluß. Es war ein Fehlschluß.

Zwar hat die Schweiz nie Nof gelitten, aber die Landesversorgung war vo* Kriegs­ende in einen bedrohlichen Engpaß geraten, an dem zunächst auch der Abschluß der Feindseligkeiten nichts änderte. Die Vorräte waren erschöpft und die Einfuhren blieben aus. Ein großer Teil der Schweizer , beson­ders die städtische Arbeitjrbevölkerung lebte unterhalb der Grenze einer ausrei­chenden Ernährung, es wurden nicht mehr 2000 Kalorien pro Kopf und Tag erreicht Die Brotration von 200 g täglich war eine der kleinsten Europas

Erst die letzten Monate des vergangenen Jahres brachten als Folge von neuerworbe­nem Schiffsraum und verbesserten Land­transporten eine Lockerung der Rationie- rungsvorschriften Heute ist die Lage befrie­digend Der bisher sehr knapp bemessene Kaffee wurde noch vor Jahresende freige­geben, was einen Jubelsturm des sonst so gleichmütigen Volkes auslöste

Dagegen sitzt man immer noch <n kalten Zimmern; Brennstoff ist so knapp daß die Wohnungen nur während der größten Kälteperiode und nur wenige Stunden des Tages geheizt werden dürfen. Die einge­führte Kohle muß in erster Linie dei Indu­strie zur Verfügung gestellt werden wena eine Massenarbeitslosigkeit vermieden wer­den soll

Nach Ansicht der Schweizer herrscht im Lande große Wohnungsnot — wenn sie sich auch nicht mit der Not in den Kriegslän­dern vergleichen läßt. Da unter dem Druck der Kriegsdrohung jahrelang aller Zement u. Beton in die Alpenfestungen eingemauert wurde, stockte die Wohnbautätigkeit. So Ist denn beim letzten Umzugstermin in Zürich eine Anzahl von Familien übrig geblieben, die durchaus keine Unterkunft finden konn­ten und von der Stadt vorläufig in leerste­hende Schulhäuser eingewiesen wurden Die Eidgenossen, individualistisch und staatlichen Eingriffen abhold, empfinden dies als erträglicher und weniger kostspie lig als die Schaffung einei neuen Büro­kratie, die den maximal zulässigen Wohn-

raum für den Einzelnen vorschreiben und Zwangseinquarrierungen und dergleichen vornehmen würde.

Im letzten Jahresdrittel 1945 sind Textil- und Schuhrationierung aufgehoben worden. Mit gemischten Gefühlen hat man seine nur in bescheidenem Maße angebrachten Karten verbrannt Nicht daß die Zuteilungen zu groß gewesen wären, was fehlte war das Geld zum Einkäufen. Das war das Geheim­nis der üppigen Schaufenster. Der Durch­schnittsschweizer konnte aus der Fülle des Gebotenen nur wenig wählen und meist blieb ihm die Wahl überhaupt erspart, weil er sich auf das Lebensnotwendigste be­schränken mußte Die Kosten dei Lebens­haltung sind im Vergleich zum August 1939 um rund 50 Prozent gestiegen. Die Löhne konnten, da die Schweiz exportfähig blei­ben mußte mit der Teuerung nicht Schritt halten Dazu kam, neben stark erhöhten | Steuern noch der Verdienstausfall der Wehrmänner durch die sechsjährige Mobil­machung Zwar hat der Bund das große So­zialwerk der Lohnausgleichskassen geschaf­fen, die aber nur das Existenzminimum si­chern. v

So beginnt die Schweiz das neue Jahr ohne Verelendung, aber mit einem spürba­ren Absinken des Lebensstandards Daß die Lage sich dennoch als gesund und frei von gefährlichen Spannungen erweist, liegt dar­an. daß die Lasten befriedigend verteilt sind und die Schweiz heute wie seit jeher das Land ist das keine unerträglichen sozialen Gegensätze weder krasse Armut noch auf­reizenden Reichtum, kennt.

Der Weizenmangel

Washington . Präsident Truman . hat dem Staatssekretariat sowie den Departe- menten für Landwirtschaft, Krieg, Marine und Arbeit Anweisung gegeben, dem Pro­blem des Weizenmangels auf der ganzen Welt besondere Aufmerksamkeit zu schen­ken. Truman erklärte, daß er persönlich über den Mangel an Brotgetreide in den befreiten Ländern bestürzt sei. Die Ver­ einigten Staaten hätten nebst Kanada , Australien und Argentinien die Pflicht, die­se« Problem durch entsprechende Lieferun­gen zu lösen. Es sei Ihm bekannt, daß in der ersten Hälfte 1946 fünf Millionen Ton­nen Weizen zu wenig verschifft würden. Er schlage deshalb vor. daß jedes der ge­nannten Produzentenländer dringend Maß­nahmen ergreife, um den befreiten Gebieten genügend Hilfe bringen zu können.

Recht und Militärgericht

Von Karl Haensel

Der Verfasser dieses Aufsatzes, der als Rechtsanwalt wie als Schriftsteller bekannt und jetzt als Verteidiger beim französischen Militärgericht zugelassen ist, berichtet hier über seine grundsätz­lichen und praktischen Erfahrungen.

.Jeder halbwegs Gebildete weiß etwas von ft großen französischen Malern, Shake- ‘tire ist Gemeingut der Menschheit An der tamzertrümmernng haben die Gelehrten ler Kulturvölker gearbeitet; Chirurgen ftden in Flugzeugen über die Landesgren- ft geholt, um den Kranken zu helfen, un - liehe Musik ertönt überall, einerlei, ft Nationalität der Komponist war Was ftr weiß man vom Recht, das jenseits der ftazpfähle gilt, von der Art und Welse. I» man dort Recht spricht? Man kann die ft «e wagen: nichj die Kenntnis fremdlän- •dien Bildungsstoffes, aber die nur durch fcanntechaft zu vermittelnde Achtung vor ft Rechtsempfinden des Nachbarn sichert i zwischenstaatliche Zusammenarbeit vor ft Einbruch der Gewalt Man hat allgemein

^ »■1, wie wichtig es für die Jugend ist. ihr Geschichtabücher in die Hand gege- h werden, die auf den menschlichen Idea- h aufgebaut sind, noch wichtiger wäre es, h Rechtsgefühl nicht nur am qeschicht- ben Beispiel und im Religionsunterricht ftiern als staatsbürgerliche Gerechtlg- tlttübung zu entwickeln.

Öbt es denn ein allen Menschen gemein- -fte* Recht und «in darauf gerichtetes iftftgefühl? Nein, da« gibt es beides nicht, ftählsmälig, als mit Liebe, Haß, Furcht J*r Scham, können wir nur eine seelische kkllcfakeit erfassen. Recht aber Ist die Ge- theit der Normen, die das Verhalten der en zueinander regeln, also ein Pro- unserer Verstandestätigkeit. Sine ira Studio, ohne Haß und Vorliebe, soll der urteilen, nicht aus dun GafühL Und

das Recht, die Gesamtheit der Gesetze,, hängt auch nicht etwa zwischen den ewigen Sternen, sondern gilt nur hier auf Erden, un­ter den Menschen, lautet auch jeweils ganz verschieden, je nachdem, wo und bei wem wir una befinden. „Wie die Mode di« An­mut schafft, so schafft sie auch die Gerech­tigkeit”, sagt Pascal. Die gefühlsmäßige Ver­ankerung des Rechts liegt nicht ln einem be sonderen Gleichgewichtsempfinden für die einzelnen Rechtssätze, sondern lm Selbstge­fühl und seiner Ausbalancierung zu den Mit­menschen. Recht ist nicht Macht weil ich mir einbilde, im Recht zu sein, sondern es wird erst Macht, wenn der es mir zuspricht, der Träger der Macht ist Macht ist auch nicht Recht, aber sie setzt das Recht Es ist ihr Wesen, bekannt zu geben, nach welchen Nonnen sie sich richten, welche Beschrän­kungen sie sich selber zwecks Ermöglichung des Zusammenlebens auferlegen will. Den Maßstab liefert das Gewissen, die rätsel­hafte Stimme aus der Ferne, die jeden Men­schen warnt oder mahnt, der das Gleichge­wicht verletzt, in dem alle Mitmenschen als Telle des Ganzen, als von der Einheit abge­spaltene Individuen, miteinander verbunden sind. Ob ich in der Stimme des Gewissens die Gottes erkenne, oder der wirkenden Ver- nunft oder der aufgestauten Erbmasse, ist Frage des Glaubens, feststeht, daß dieses Ge­wissen jedem Menschen schlägt, unerbittlich früher oder später. Es gibt wilde, reißende Gefühle. Haß und Wnf zum Beispiel, aber sie sind wie jedes Gefühl zum Vergehen, zum Umspringen in ander« angelegt. Es Ist Sache der Vernunft, die Stimme de« Gewis­sens rechtzeitig zu vernehmen, bevor die Reue und die Rache kommt.

Wenn wir also auch gar nichts Positives über die Rechtsnormen wissen, die sich ein Volk im Laufe der Zeit aus der Gewissens- stimme seiner Staatslenker hsrauskrystalll-

siert hat, so können wir jedoch sofort fest­stellen, sobald wir sehen und hören wie die Vertreter eines Volkes das Recht handha­ben, ob man in einem Land feinhörig für die Stimme des Gewissens ist, oder ob der kurz­lebige Tag mit seinen kleinen Forderungen allein maßgebend bleibt. Das Interesse für Gerichtsverhandlungen wird oft als reine Neugier oder gar Schadenfreude getadelt Gewiß können solche Motive vorliegen. Wer sich aber einen Einblick in Kultur und gei­stige Haltung eines ganzen Volkes machen will, kann nichts Besseres tun, als Gerichts­säle zu besuchen, und zwar nicht nur um zu sehen, welche Vergehen abgeurteilt werden, sondern vor allem, wie dies geschieht. Wird nach einem Recht geurteilt, das lm Volke le­bendig - ist, und in einem Verfahren, das auch dem Angeklagten seine Menschenwürde läßt? Die Höhe eines Kulturniveaus be­stimmt sich nicht nur nach der Zahl der quten Chirurgen oder gültigen Maler, die ein Volk auizuweisen hat, sondern auch nach der Ge­rechtigkeit «einer Richter. Nicht ihre Gelehr­samkeit, ihre Rechtskenntnisse, sondern ihre Feinfühligkeit ist dabei entscheidend

Sehr vieles wäre hier noch zu sagen. Je mehr man über ein Thema nachdenkt, desto mehr erweitert es «ich, beginnt Diderot sein köstliches Essay über die Verschiedenheit unserer Urteile. Aber er lehrt auch, daß man sich beschränken muß. Ich schreibe hier nicht für Fachgenossen, sondern für eine Zeitung, deren edle Aufgabe es ist, in der Neuheit des Tagverlaufes das Grundsätzliche zu fin­den und zu berichten.

Die Besetzung unseres Landes bringt es zwangsläufig mit sich, daß die Besatzungs­truppen und die Einwohnei sich begegnen Sie haben ganz verschiedene Aufgaben, oft entgegengesetzte Interessen, und meist be­schränken sie sich auf den allernotwendig sten Verkehr. Aber eine Institution zwing! sie, aufeinander einzugehen, die Sieger wie die Unterlegenen: das Militärgericht, in dem die Besatzungsmächte über Deutsche zu Ge­richt sitzen. Ein fremder Offizier klagt an, Offiziere urteilen unter den Fahnen der Sie-

■ germächte, ein Deutscher hat eich zu verant­worten und ein deutscher Verteidiger steht

i ihm zut Seite. Was da geschieht, ist, abge sehen von dem zu entscheidenden Einzel- Schicksal aus den entwickelten Gesichtspunk­ten von weittragender Bedeutung.

| Kürzlich stand «in halbwüchsige; Junge

■ vor Gericht, de; verdächtig war, sich einem Lager von Heeresgut in diebischer Absicht genähert zu haben. Der Vorsitzende ver­warnte ihn nach der Aufklärung des Sach verhalte«, ermahnte eindringlich den anwe senden Vater und sagte ihm am Schluß „So. nun nehmen Sie sich Ihren Jungen wie­der mit!” AI « der Mann hinausging, rief er Vive la Francei Der Vorsitzende tauschte einen fragenden Blick mit mir: natürlich war der Mann als Deutscher zu weit gegangen Aber — im Gefühl hatte er recht Hier ur­teilte nicht ein zufällig hierher abkomman- dierter Offizier, sondern Frankreich Nicht ein tausendjähriges Reich, sondern ein vieltau­sendjähriges Gewissen. Daß der Spruch der „Verwarnung" des deutschen Jugendge-

■ richtsgesetzes und nicht dem Strafrahmen de6 { Code pönal entsprach, war nicht das Wesent- 1 liehe, sondern daß es allen zum leuchtenden

Erlebnis wurde, wie wunderbar es wirkt, wenn sich die Macht durch weise Selbstbe- schränkung adelt. Dazu bedarf es aicht immer eines Freispruchs, auch die Strenge kann vor dem Gewissen des Verurteilten unter Um­ständen gerecht sein, aber zuvor braucht es immer des Gehörs. Und man kann immer , wiedei beobachten, wie erstaunlich in jedem i Franzosen der Sinn für die Führung und Lei ! tung eines Prozesses entwickelt ist Wir net ! gen dazu, das Recht doch immer noch ln der, Sternen zu suchen, wo wir ec als etwas Per tlges. Endgültiges vermuten. Das Recht ist aber immer erst das Ergebnis eines Ringens wozu die Entwicklung zweier Meinungen ge­hört, über die dann ein Dritter entscheidet Ich hatte manchmal, wenn ich vor unseren deutschen Militärgerichten auftrat, das Ge- . fühl, daß meine Ausführungen höchst über- I flüssig erschienen, denn das Gericht glaubte I alles besser zu wissen al« Ich, und zeigte

dies bisweilen deutlich Man hat vor einem französischen Gericht immer die Gewißheit, daß man nicht nur aus Höflichkeit, sondern aus Interesse angehört wird aus Freude am Gegenargument. Es hat sich kürzlich ereig­net. daß eine französische Dame nach einem geschickten Playdoyer dem Verteidiger ein Täfelchen Schokolade reichte, nicht um Par­tei zu nehmen, sondern aus reiner Freude an der Macht des rechten Worts Zum Lobe un­serer Landsleute «ei übrigens noch kurz ge­sagt, daß sie meist als Angeklagte eine gute Ftgur machen. Sie sind offen und ehrlich und geben die Schuld, die sie als solche empfinden, zu. Unser großer Kriminalroman Heinrich von Kleist’s , „Michael Kohlhaas ”, ist doch nicht ganz ohne Wirkung qeblieben.

KURZE MELDUNGEN

Der Dichter Emil Strauß , dessen große Novelle „Der Schleier" heute bereits zur klassischen deutschen Prosa gehört, feiert am 31 Januar seinen 80. Geburtstag.

Dem französischen Rundfunk i werden Anfang dieses Jahres vier neue Sen­der von je 100 Kw und ein Hilfssender von 25 Kw neu zux Verfügung stehen, so daß sieb die Anzahl. Dauer und Sendestärke der ; französischen Rundfunksender wesentlich ; verbessern wird.

Kentakt mit dem Mond stellten, wie aus Washington durch das Kriegs­departement gemeldet wird, die Ingenieure des amerikanischen Signalisierungs­korps mit Radarwellen her Das Experi­ment verspricht sowohl für die Friedens­ais auch die Kriegszeit wertvolle Anwen­dungsmöglichkeiten. Die erste Signalisierung erfolgte am 10 Januar und wurde seither erfolgreich mehrere Male wiederholt. Mit einer besonderen Ausrüstung wurden Wel­len von außerordentlich hoher Frequenz mit der Geschwindigkeit des Lichts in den Raum gesandt. Das Echo wurde, wie das Kriegs­departement weiter meldet, zweieinhalb i Sekunden später festgestellL