Seite 1
IDDKD1111
H. Februar 1946
Wir wollen nicht vergessen, daß für den Einkauf der gesamten Lebensmittelkarte eines Monats nicht einmal 8 Mark gebraucht werden; es sei denn, daß man in der Gastwirtschaft ißt. Nur bei der Vermögenssteuer wird man ganz besonders daran gedacht haben, Noten abzuschöpfen. Es darf aber auch kein Zweifel darüber entstehen, daß diese neuen steuerlichen Maßnahmen keineswegs genügen, um den währungspolitischen Notwendigkeiten zu genügen. Die neuen Maßnahmen sind vorläufig und in erster Linie finanzpolitisch bedingt Durch sie könnte eine Inflation nicht vermieden werden. Dazu sind die Maßnahmen nicht
scharf genug. Vorläufig sorgt die Preiskontrolle in einigermaßen ausreichendem Umfang für Preisstabilität. Soziale Bedenken werden trotzdem bei dieser Steuererhöhung laut werden; denn die Löhne sind zum Teil recht niedrig und der Schwarze Markt noch nicht hinrächend ausgeschaltet. Andererseits gibt ^s aber doch 6ehr viele, vor allem Flüchtlinge und Evakuierte, die über keinerlei Reserven mehr verfügen und auf den täglichen Verdienst angewiesen sind. Auf dem steuerlichen Wege sind diese Ungerechtigkeiten kaum aus dem Wege zu räumen. Das ist aber auch nicht der Sinn und Zweck der neuen Steuererhöhung.
London . Die britische Regierung hat den Vorschlag von Sir Charles Vyner Brocke angenommen, daß Sarawak , das bisher britisches Protektorat in Nordwest-Bomeo war, an die britische Krone abgetreten werden soll.
Der Kolonialminister George Hall, der dieses Abkommen im Unterhaus bekannt- gab, betonte, daß die Abtretung lediglich auf den Vorschlag des Rajah von Sarayak durchgeführt werde.
Die Pläne des einzigen weißen Rajahs der Welt, Sir Charles Vyner Brock, wurden akut, als Familienstreitigkeiten in seinem Hause eintraten. Der 72jährige Rajah hat nur drei Töchter, so daß sein Neffe der Erbe des Landes geworden wäre. Die britische Regierung wird nun an den bisherigen Rajah und seine Familie vier Millionen Dollars als Abfindung zahlen.
Seit 1888 hat England das Protektorat dieses Staates, seine diplomatisch^ Vertretung nach außen und seinen militärischen Schutz übernommen. Nun übernimmt das britische Empire auch die innere Verwaltung des Staates. Sarawak ist so groß wie England und Wales und hat etwa eine halbe Million Einwohner. Es ist der Hauptweltprodu- zent an Sago . Auch Pfeffer, Kokosfett, Kautschuk und Guttapercha werden ausgeführt. Die Erdölförderung erreicht über eine Million Tonnen im Jahr. Kohle wird abgebaut. Gold, Antimon und Quecksilber werden gefördert. Die Wälder liefern große Mengen an Harzen und Edelhölzern, das Land erwartet von dem Anschluß an das britische Weltreich neue Entwicklungen seiner Wirtschaft.
Kalkutta. Bei Zusammenstößen zwischen der Bevölkerung und der Polizei in Kalkutta am Dienstag und Mittwoch wurden nach nicht amtlichen Angaben 15 Personen geötet und nahezu 200 verletzt. Die Protestkundgebungen, an welchen vorwiegend Studenten beteiligt waren, galten der Verurteilung des Hauptmanns Abdul Raschid, eines Mitgliedes der seinerzeit von den Japanern aufgestellten .Indischen Nationalarmee". Das Urteil gegen Raschid lautete auf sieben Jahre Gefängnis.
Die Straßen im Zentrum von Kalkutta wirken wie ausgestorben. Nur wenige Privatfahrzeug» sind zu haben. Dafür fahren bewaffnete Streifen von Militär und Polizei, zum Teil mit Sirenen ausgerüstet, durch die Straßen. Zwei Postämter sind in Flammen aufgegangen. Wenige Stunden vorher wai ein Straßenbahndepot in Brand gesteckt worden. An verschiedenen Stellen der Stadt kam es zu Ausschreitungen gegenüber Europäern. Wiederum mußten Polizei und Trupperf vom der Schußwaffe Gebrauch machen oder zur Zerstreuung von Ansammlungen Vorgehen.
Chandra Böses Tod bestätigt
Neu Delhi. Ein Regierungssprecher erklärte im indischen Parlament, daß aus den Hauptquartieren Mountbattens und Mac Arthurs die Bestätigung vom Tode Subhas Chandra Böses erfolgt sei. Das Flugzeug, in dem Bose sich beifand, zerschellte am 18. August vorigen Jahres bei Taikohu. Diese Verlautbarung tritt den sich in Indien hart
näckig haltenden Gerüchten entgegen, nach denen Subhas Chandra Bose noch am Leben sein soll.
Kairo . Aegyptische Studenten haben anläßlich der bevorstehenden Verhandlungen über die Revision des englisch -ägyptischen Vertrags englandfeindliche Kundgebungen durchgeführt. Die Polizei mußte ein- schreiten, um die Studenten am Vordringen bis zum Stadtzentrum zu verhindern. ^Im Handgemenge wurden ungefährt 170 Personen verletzt
Washington . Präsident Truman hat einer Reutermeldung zufolge ein Rücktrittsgesuch des Innenministers Harold Ickes angenommen. Ickes war im gegenwärtige«! Kabinett der einzige Minister, der bereits während der gesamten Amtszeit Roosevelts seinen Posten innehatte.
Präsident Truman hat das Gnadengesuch des ehemaligen japanischen Generals Yama- shita abgelehnt. Es ist in Kürze mit der Vollstreckung des Todesurteils zu rechnen.
Frau Roosevelt wird in Begleitung des j Senators Tom Conally mit dem Flugzeuq | zu einet dreitägigen Deutschlandreise ein- | treffen. Frau Roosevelt beabsichtigt, einige ] Lager von Zwangsverschleppten zu besuchen um mit amerikanischen Soldaten in den Clubs des Roten Kreuzes zu sprechen. Einen Tag will sie in Berlin verbringen und am Samstag nach Paris abreisein.
- «
Zu der in Nr. 45 des Südkurier gemeldeten, am 28. Januar erfolgten Verhaftung des früheren Generalsekretärs der Badischen Landesstelle für die Betreuung der Opfer des Nationalsozialismus, Wilhelm Kieke r t, wird uns ergänzend berichtet: K..
■ der aus Heiliqenhaus im Rheinland stammt, i6t im Juni ^45 ln Freiburg aufgetaucht und hat 6ich als%Dpfer de« Nationalsozialismus ausgegeben. Wie durch amtliche Erhebungen festigestellt werden konnte, Ist K. zuletzt durch das Urteil eines Berliner Gerichts vom 8. März 1941 wegen Betruqs, Untreue.
| schwerer Urkundenfälschung und Geneh- i migungserschleichung zu fünf Jahren Zucht- j hqjis, 383 000 RM. Geldstrafe und zu fünf ; Jahren Ehrverlust verurteilt worden; außer- I dem wurde in dem gleichen Urteil die Sicherungsverwahrung gegen ihn angeordnet. Das Bekanntwerden dieser Tatsachen führte zur Verhaftung des Kiekert
Einzelheiten über das schwebende Ermitt- lungsverfalffen können vorerst nicht mitgeteilt werden.
Im Interesse einer sauberen Verwaltung hat sich der Präsident der badischen Landesstelle für die Betreuung der Opfer des Nationalsozialismus, Oberregierungsrat Dr. Teutsch, schon längere Zeit vor der Verhaftung des K. von iihim distanziert und sein Amt zur Verfügung gestellt. Er ist jedoch nach der Verhaftung, des K. einstweilen mit der Weiterfüihrung und Ueberleitung der Geschäfte beauftragt worden.
Freiburg . Die französische Militärregierung hat durch ihre Verordnung Nr. 23 vom 13. Dezember 1945 die Bildung politi- I scher Parteien zugelaesen. Die Verordnung I bestimmte im einzelnen, unter welchen Voraussetzungen und durch welches Verfahren Parteien genehmigt werden können. Auf ihren Antrag hat jetzt General Schwartz, D£legu£ Superieur pour le Gouvernement Militaire du Pays de Bade, für den französisch besetzten Teil de« Landes Baden die Badische Christlich-soziale Volkspartei, die Sozialistische Partei und die Kommu nistische Partei genehmigt.
Im folgenden legen die drei zugelassenen Parteien selbst in kurzen Grundzügen den wesentlichen Inhalt ihrer Programme dar.
Badische Christi! ch - soziale V olkspartei
Die Badische Christlich-soziale Volkspartei will ohne Unterschied des Standes und Bekenntnisses alle Bewohner Badens sammeln, die sich ihrem vorläufigen Programm für den Wiederaufbau anzuschließen gewillt sind. Die Partei wendet 6dch schärfstens gegen jede Art von Diktatur, insbesondere den Nationalsozialismus, und fordert in Staat und Gesellschaft, in Kultur und Wirt
verschiedene Aufgabengebiete und sollen daher grundsätzlich getrennt sein. Die Freiheit religiöser Betätigung ist gesetzlich zu gewährleisen.
Bodenschätze, Energie- und Kraftquellen, Banken und Produktionsstätten, die der kapitalistischen Interessenpolitik dienen, sind in das Eigentum der Allgemeinheit zu überführen. Der Großgrundbesitz ist in rationeller Weise aufzuteilen. Eine großzügige landwirtschaftliche Produktionspolitik muß die Grundlage unseres Aufbaues im Interesse der Landwirtschaft und Verbraucher bilden.
Die Gründer der Partei: Ph., Martzloff, F. Geiler , Dr. F. Leibbrandt, F. Schieler , K. Ruf, E. Schmalz, W. Engler.
Die französische Besatzungsbehörde der Kommunistischen Partei wieder Legalität gegeben. Dadurch haben wir die Möglichkeit, unserer Bevölkerung die unmittelbaren Forderungen der Kommunistischen Partei klarzulegen.
Radikale Säuberungen in allen öffentlichen und privaten Stellen von aktiven und getarnten Nazis. Bildung einer Regierung, die aus den antinationalsozialistischen Par-
hat
die
schaft die Verwirklichung der Grundsätze ! te ^ en hervorgehen muß.
des Christentums und einer gesunden Demokratie. Sie wird das Gesamtwofcl über jede Parteipolitik stellen und die unveräußerlichen Rechte des Individuums, besonders der Eltern, wahren. Die Partei beruft sich darauf, daß das badische Volk in seiner Mehrheit christlich fühlt und denkt und den Ungeist des Materialismus i in jeder Form von sich weist. Daraus ergibt sich die Forderung eines sozialen Staates, der, auf dem genossenschaftlichen Gedanken aufbauend, keine Vorrechte kennt, sondern jedem das Seine gibt; denn die
Einheitliche Lebensmittelverteilung in unserer Zone und darüber hinaus im gesamten deutschen Gebiet. Jedmögliche Unterstützung der Bauern durch Lieferung von Düngemitteln und anderen Produkten, zur Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion. Enteignung des Großgrundbesitzes von über 100 Hektar.
Beschaffung von Wohnraum, um das Wohnungselend zu meistern.
Instandsetzung der Betriebe und Sicherstellung von Rohstoffen zur Steigerung der Gebrauchsartikelerzeugung. Kontrolle der
WWilVvlll J S 1 -11 I V m J Im# vil l' C Uvllll Ulv U ^
Wirtschaft steht im Dienst des Menschen i Produktion durch die Gewerkschaften.
und seiner höheren Lebensaufgaben. Jeder Uebergriff des Kapitalismus muß deshalb wegen seiner Gefahren auf politischem,
| sozialem und kulturellem Gebiet verhindert werden. Eine auf der Grundlage des privaten Eigentums aufgebaute Wirtschaft soll gewährleistet sein, soweit das Gesamtwohl nicht darunter leidet und die Notzeit Ausnahmen fordern. Die Partei will einen Aufbau des Staates von der christlichen Familie aus über die in ihren Grundlagen christliche Schule zu einer nach Rechten und Pflichten selbständigen Gemeinde und über sie zu einem Staat, dessen Regierung von einer MeHrheit einer nach demokratischen Grundsätzen zusammengesetzten Volksvertretung bestimmt wird und nach den Beschlüssen des ln dieser Volksvertretung zusammengefaßten Volkswillens das badische Volk verantwortlich führt.
Die vorläufigen Vorstandsmitglieder: Carl Diez , Radolfzell ; Kreisoberschulrat Dr. Flelg, , Freiburg ; Oberstudiendirektor Dr. Person, Freiburg ; Schlosser Wirth, Freiburg ; Oberstudiendirktor Wohieb, Freiburg .
Sozialistische Partei, Land Baden
Der staatliche, provinzielle und gemeindliche Aufbau erfolgt nach demokratischen Gesichtspunkten. Alle leitenden Stellen ln der gesamten öffentlichen Verwaltung müs-
Aufbau eines freien, kulturellen Lebens Beschlagnahme deT Vermögen aller großen Naziaktivisten und Kriegsgewinnler. Einfülinmg eines Steuersystems mit progressiver Steigerung.
Austausch der Kriegsgefangenen gegen Naziaktivisten.
Anbahnung eine« freundschaftlichen Verhältnisse« mit den Völkern deT freien Nationen.
Alfred Müller , Jakob Treffeisen, Urban, Keller, Erich Hoske, Hans Judas, Walter Krebs.
Länderratstagung in Stuttgart Stuttgart
. Auf der fünften Länderratstagung gab Ministerpräsident Dr. Maier einen Ueberblick über die weitgreifenden Fortschritte auf dem Gebiet der Verwaltung, des Handels und des Verkehrs 6eit der letzten Tagung. Generalsekretär Roß mann berichtete über die Stellungnahme der Militärregierung zu den Beschlüssen de6 Länderrats und kündigte neue Richtlinien für den Wiederaufbau der Konsumvereine in der amerikanischen Zone an. Dr. Bessel- mann sprach über die Getreideversorgung In Groß-Hessen wäre es, seinem Bericht zufolge, ohne Hilfe der Militärregierung nicht möglich gewesen, die Rationen aufrecht zu erhalten. Dasselbe gilt für Württemberg- Baden , während in Bayern die Brotgetreide läge zufriedenstellend ist
Es folgte eine Diskussion über die Ueber- nahme der Eisenbahnen durch die Länder. Die drei Regierungen sprachen sich für einen gemeinsamen Betrieb, gemeinsame Finanzierung und Verwaltung der Eisenbahnen der amerikanischen Zone aus.
„Bereits im Frühjahr werden die Landkreiswahlen und im Sommer die Stadtkreis- und die Wahlen für die Verfassungsausschüsse stattfinden. Im Herbst wird eine Volkabstimmung über die Verfassung der Länder durchgeführt", erklärte General Clay den Vertretern der Presse bei der Länderratssitzung.
Der General gab weiter bekannt, daß die Spinnereien in der amerikanischen Besatzungszone Baumwolle aus Amerika erhalten werden, die mit einem Teil der von ihnen hergestellten Fabrikate bezahlt werden soll.
Neuer Arbeitsminister
Stuttgart . Arbeitsminister Max Bock ist schwer erkrankt. Da er seine Amtsgeschäfte auf absehbare Zeit nicht wahrnehmen kann, wird zu seinem Nachfolger der bisherige Direktor des Mannheimer Wohnungsamtes, Rudolf Kohl , ernannt werden. ^
. Die vier demokratischen Parteien veranstalteten in Berlin eine Kundgebung „Um die Einheit der Nation". Es sprachen Otto Grotewohl (SPD ), Wilhelm Pieck (KPD ), Dr. Külz (LDP) und Jak. Kaiser (CDU ).
Die Versammlung nahm durch Erheben von den Plätzen folgende von Dr. Külz verlesene Entschließung für die Einheit der Nation an:
„Die Einheit der deutschen Nation, begründet auf ihrer Sprache, ihrer Geschichte, ihrer Kultur und ihrer zusammenhängenden Volkswirtschaft ist für das deutsche Volk eine Lebensfrage. In dem entschlossenen Willen, die neue deutsche Republik im Geiste einer wirklichen, dem Frieden dienenden/Demokratie zu entwickeln, verteidigen die vier Parteien der antifaschistisch-demokratischen Einheitsfront wieder die wirt-
sen mit Personen besetzt sein, die den nazi- | schaftl. und politische Einheit Deutschlands
— , . mit aller Kraft gegen alle separatistischen
Tendenzen, die sich teilweise auch unter dem Mantel des Föderalismus geltend machen. Sie erstreben die baldige Wiederherstellung der äußeren Freiheit und Unabhängigkeit der Nation und die Rückführung des deutschen Volkes in die Gemeinschaft der friedliebenden Völker. Die restlose Ueber- windung aller nazistischen, militaristischen
stischen und militaristischen Geist stets grundsätzlich ablehnten.
Zum Schutze der Arbeitskraft muß ein einheitliches Arbeitsrecht und ein großzügiges, die sozialen Versicherungsgesetze zusammenfassendes Versicherungswerk geschaffen werden. Die Gewerkschaften sind Träger des Arbeitsvertrages.
Es darf kein Bildungsprivileg der Besitzenden mehr geben. Alle Erziehungs- und Bildungseinrichtungen müssen der Jugend und den Erwachsenen nach Bedürfnis und Fähigkeit zugänglich sein. Das Schul- und Bildungswesen ist nach einheitlichen -Grundsätzen zu gestalten. Kirche und Staat haben
und imperialistischen Kräfte ist dazu Voraussetzung.
Der Hitler -Krieg hat Deutschlands Wohlstand zerstört. Der Neuaufbau verpflichtet alle Deutschen in allen Teilen des Reiches in gleichem Maße zur Werktätigkeit Wie
für diesen Aufbau die wirtschaftliche Einheit Deutschlands notwendig l~t, so ist für die demokratische Entwicklung die staatliche Einheit Deutschlands erforderlich. Die Zerreißung oder Schwächung der Staatsein- heit würde die demokratische Erneuerung Deutschlands gefährden und den reaktionären Kräften neuen Spielraum geben.
Die vier antifaschistisch-demokratischen Parteien begrüßen jeden Schritt zur Bildung einer gesamtdeutschen Regierung. Die Einheit Deutschlands muß auf einer Neugliederung des Reiches beruhen. Seine Glieder werden nach den Grundgedanken des Freiherm vom Stein im Rahmen der einen unteilbaren deutschen Republik voll« Selbstverwaltung erhalten. Nur so ist den nationalen, politischen und wirtschaftlichen Notwendigkeiten gedient und nur so kann sich das kulturelle Leben ln allen Teilen Deutschlands voll entfalten. Diese Einheit ist nach dem Zusammenbruch um so eher möglich, als die Verwaltungseinheit Preu ßens nicht mehr besteht und so die Vorbedingungen entfallen sind, daß reaktionäre Preußentum sich je wieder erheben kann.
Die vier antifaschistisch-demokratischen ■ Parteien erneuern ihren Willen zu engster Zusammenarbeit, weil ihre gemeinsame Arbeit die Voraussetzung zur Erhaltung der Einheit Deutschlands ist. Sie rufen das deutsche Volk auf zur Abwehr von allen separatistischen Bestiebungen und zur Wahrung seiner nationalen Einheit. Für alle Deutschen ist Deutschland das gemeinsame Vaterland."
's
Der schönste Fis
j Ein richtiger Angler gibt zwanzig Forellen für eine Aesche, weil der schönste Fisch unserer Bäche und kleinen Flüsse weit vorsichtiger und temperamentvoller ist. Wenn die Aesche angebissen hat, ist es noch eine Kunst für sich, sie an Land zu bekommen. E« gibt nur einen Fisch unserer Gewässer, der ebenso schwer mit der Angel zu überlisten ist, das ist der Karpfen. Aber dieser ist zum Teichfisch geworden und in Wildwässem nur selten anzutreffen.
Die Aesche liebt wie die Forelle das kühle' Wasser der Bäche, nur muß das Gefälle nicht mehr so stark sein. Wo der Bach zum Flüßchen wird, wo er sich noch -rindet und über Kaskaden springt und in den Buchten die Wasserpflanzen wuchern, da hat die Aesche ihren Standort
Die Aesche, auch der Asch genannt heißt so wegen ihrer aschgrauen Grundfarbe. Ueber ihrem Rücken steht wie eine Fahne die Rückenflosse, die besonders in der Laichzeit mit violetten und gelbgrünen Bändern geziert ist. Die Schwanzflosse und die Afterflosse sind wie in Purpur getaucht Im Licht aber blitzt an den Flanken ein flirrender Glanz auf, und unter der Rückenflosse leuchten goldene Schuppen.
Die Kenner haben die Aesche immer gelobt so schon der heilige Ambrosius, der in Trier geboren war, später Bischof von Mailand wurde, und dessen Hymnus „Te Deum laudamus" heute wie im Jahre 340 nach Christi Geburt in den Kirchen erklingt Im Französischen heißt die Aesche Ombre, Schatten. Der Name paßt genau, denn die aufgestörte Aesche huscht im Wasser so schnell hin, daß man sie wie einen Schatten kaum wahmimmt.
Gewöhnlich leben die välteren Aeschen ungesellig und allein, nur die Jungen bis Kum Anfang des zweiten Jahres halten sich in kleinen Schwärmen. Die Aeschen nähren sich von dem Kleingetier des
h. unserer Bäche
Wassers, springen auch gern nach vor- überspoirrenden Mücken und Fliegen und schnappen hie und da ein kleines Ftsch- chen, das ihnen zu nahe kommt. Eigentliche Raubfische sind sie nicht, ihr kleiner kegelförmiger Kopf hat nur eine enge Mundspalte. Die großen Räuber wie die Hechte können ihr Maul alle gewaltig weit aufreißen.
Das Wasser, in welchem die Aesche leben still, muß rein sein; gegen Abwässer und chemische Verunreinigungen ist sie sehr empfindlich, darum ist sie in vielen Flüssen heute zurückgedrängt oder verschwunden. Am häufigsten ist sie noch im Alpengebiet und in den Mittelgebirgen, doch fehlt sie auch dem Tiefland keineswegs. In der Lüne burger Heide bewohnt die Aesche die Teile der Flüsse Ilmenau , Oertze und Böhme, die sich an die Forelleuregion anschließen. Die von den Aeschen bewohnte Strecke unserer Flösse wird geradezu als Aeschenregion bezeichnet. An anderen Fischen findet man ln dieser Region den Döbel, die Hasel, den Ukelei, den Gründling und Im Donaugebie den größten Standfisch unter den lachsartigen Rschen, den Huchen. An die Aeschen- region schließt sich in den Flüssen die Barbenregion an: wo die Barbe vorkommt, führen die Flüsse schon größere Wassermengen mit sich, und Ufer und Flußbett werden gleichförmiger. Aeschen findet man hier nicht mehr. Auch die obere Grenze der Aeschenregion läßt 6ich in vielen Wasser- läufen fast auf den Meter genau bestimmen, denn die Aesche meidet die brausenden Hochgebdrgsbäche, in welche die Forell« noch hinaufsteigt.
Die Laichzeit der Aeschen beginnt im Februar. Dann suchen sie die Stellen ln den Bächen auf, wo der Kies vom seichten Wasser überrieselt wtid. Ihr Hochzeitskleid hat feinen blauschwarzen und goldgrünen Glanz. Die Paare sammeln sich zu wilden Liebesspielen. Bs können fünfhundert oder
bei großen Aeschen at^ch sechstausend bernsteinfarbene Eier sein, die in einer ausgewühlten Laichgrube haften, bis nach einigen Wochen die Jungen ausschlüpfen. Sie haben schon gleich einen spürbaren Artgeruch, sie duften wie Thymian, und dieser Duft hält die Schwärme zusammen. Ein Fisch der etwas vom Schmelz de; Schmetterlings- flügel und vom Duft einer Blum« hat das ist die Aesche. Richard Gerlach .
Kulturnachrichten
Internationaler Penclub. Die für den Spätsommer 1939 geplant gewesene Tagung des Internationalen Penclub«, die damals wegen des Krieges aufgeschoben werden mußte, soll in der ersten Juniwoche 1946 nachgeholt werden. Mehr als 40 angeschlossene nationale Schriftsteller Organisationen sind dazu eingeladen und haben sich durchweg grundsätzlich zur Teilnahme bereit erklärt. Vorsitzender des schwedischen Penclub«, der als Gastgeber auftritt, ist gegenwärtig Prinz Wilhelm von Schwe den , als Lyriker und Redseschriftsteller bekannt. Von einzelnen Dichtem, die besondere Einladungen erhalten haben, wird als deutschsprachiger Thomas Mann genannt.
Gedenken an Verlaine . Der Vertreter der Leitung des öffentlichen Erzde- hungswesens in Baden-Baden ' i der Frei- b u i g e i Universität, L a c a n t, hat dort anläßlich der 50. Wiederkehr des Todestages von Paul Verlaine eine Ansprache in französischer Sprache gehalten, die von dem Vortrag verschiedener Dichtungen gefolgt war. Die zahlreich erschienenen Zuhörer aus Studenten-, Lehrer- und Akademikerkreisen dankten dem Vortragenden äußerst herzlich.
Eine Theaterausstellung in Paris wird im Mai dieses Jahres, verbunden mit einem internationalen Theaterkongreß, eröffnet werden.
„Die Litfaß-S&ule", ein Dokumen- tar-Film aus der Geschichte der Stadt Ber lin , wird vorbereitet. In ihm werden auch
Originalaufnahmen von den Luftangriffen auf Berlin und dem Endkämpfen um die Stadt gezeigt.
Die Berliner Universität, die bisher den Namen „Friediich-Wilhelm-Uni- vepität“ trug, soll vorläufig die Bezeichnung „Universität Berlin " führen, späterhin soll sie den Namen ihres geistigen Begründers, Wilhelm von Humboldt , erhalten.
Professor Dr. Josef Nadler von der Wiener Universität wurde im Zuge der Säuberungsaktion seiner Professur verlustig erklärt
Die Forst-Ingenieurs ch ule in Rosenheim hat ihre Vorlesungen wieder aufgenommen. Sie ist die einzige Hochschule dieser Art in Europa ,
Hayfln - Beethoven - Smetana
Konstanzen Streichquartett spielte
Im renovierten Bürgersaal — die geschmackvolle Erneuerungsarbeit stammt unseres Wissens von Baurat Schwan und zeigt zwei größere allegorische Gemälde von Sepp Biehler — konzertierte da« Konstanzer Streichquartett mit Werken von Haydn , Beethoven und Smetana . Diese einheimische Vereinigung, der von gewissen Kreisen gerne etwas das Odium vom Propheten, der im Heimatland nicht allzu viel gilt, zugesprochen wird, vermochte in ihrer jetzigen Besetzung (Keiler, Marika Schmid, Schmid, Pareck) diesmal bei Beethoven und Smetana stärkste Eindrücke zu vermitteln. Das faustisch „heiße Bemühen", mit dem bä Beethovens op. 95 (f-moll) um die Erkenntnis der letzten Dinge gerungen wurde, das herzhaft-musikantische Zupacken, mit dem die Keller-Leute Smetana interpretierten, diese Musik, die ihre strahlende Sonnigkeit, ihr erdhaft schmerzliches Aufzucken und die rhythmische Kraft ihrer Scherzi aus der Landschaft Böhmens und den Tänzen ihrer Bewohner genau so stark wie aus dem Herzblut ihres Autors empfängt
und dabei doch än mit Mästerechaft ge- handhabtes eminentes satztechnisches Rüstzeug verrät — die Beachtung dieser Dinge bei der Interpretation ließen nicht nur aufhorchen, sondern stellen auch das Keller- Quartett in die Reihe ernsthaft zu bewertender Kammermusikvereinigungen.
Mochte bei der glasklaren Durchsichtigkeit Haydnscher Quartett-Technik auch vielleicht manchmal der Wunsch nach jener Vollendung im Technischen wach werden, die selbstverständliche Beherrschung des Virtuosen zur Dienerin geistigen Ausdrucks macht, ohne in den stets erkältenden Fehler des Selbstzwecks zu verfallen, so konnte bä Beethoven und Smetana auch die technische Ausführung überzeugen. Die solistischen Bratschen-Stellen im Smetana zeigten, daß in der fast lokalen Begrenzung dieser Vereinigung ein Bratscher von großem Format heranwäehst, än technisch und musikalisch prädestinierter Kammer- musikspieler; auch Führungen in der II. Geige ließen in ihrer geistigen Haltung und deren technischer Bewältigung aulhorchen. Des Cellisten Paneck größte Stärke bleibt sein Gefühl für rhythmische Prägnanz, das dem Keller-Quartett festen Halt gibt und zu den temperamentvollen Ausbrüchen seines Primarius, der diesmal sein Temperament stark unter die Bändigung des Willens stellte und damit auch technisch viel gewann, einen wohltuenden Ausgleich dar- stellt. Das Zusammenspiel hat den fast immer etwas improvisatorisch wirkenden sommerlichen Serenaden gegenüber jenen Emst des.. Verantwortlichen erreicht, der rhythmisch-agogische Ausarbätung und klangliche Schattierung (ohne Uebertreibun- gen im Gefühlsmäßigen und Mängel im Technischen) als säbstverständlichen Täl geistiger Werk-Gestaltung betrachtet! — Starker anhaltender Beifall der zahlenmäßig läder gering erschienenen, aber offensichtlich stark beeindruckten Hörerschaft bewies demonstrativ lokale Verbundenheit und echte Begeisterung. K. <1 Buzengeiges.