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SUDKURIER
2. JAHRGANG
TAGBLATT FÜR BODENSEE . SCHWARZWALD UND DAS OBERE DONAUGEBIET • NUMMER 59
KONSTANZ DIENSTAG 26. MÄRZ 1946
Erscheint vorerst Dienstag und Freitag Adresse: Konstanz , Rosgartenstr. 12 Tel. 924, 925, 1130. Geschäftsstellen und Agenturen an vielen größeren Orten
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Frankreich will keine Annexion deutschen Gebietes
Ministerpräsident Gouin über die Gesamtlage des Landes — Ruhrgebiet als Instrument
Straßburg . Ministerpräsident Felix Gouin hielt am Sonntag in Straßburg eine Rede, in welcher er einleitend der franzö sischen Widerstandsbewegung, den franzö sischen Truppen und den alliierten Völkern huldigte und dann fortfuhr:
„Frankreich wäre nicht Frankreich , wenn es die Notwendigkeit fortgesetzter Opfer in einem Augenblick nicht verstehen würde, in dem wir kaum aus einem erschöpfenden Krieg herauskommen, der die jahrhundertealte europäische Zivilisation von Grund aus umgestürzt hat. Frankreich hat das begriffen, und deshalb geht es mit allen Kräften an die Lösung der vor ihm liegenden Riesenaufgaben heran.
Um Frankreich wirtschaftlich stark zu machen, um seine Unabhängigkeit und Eigenart zu bewahren, um es zum Verbündeten der großen freien Völker, mit denen wir für den Frieden arbeiten wollen, zu machen, braucht es Arbeit und Mühe von jedermann.
Wir sind uns bewußt, unter welchen Realitäten die französische Wirtschaft steht. Sie ist infolge der Beschränkungen und der Plünderungen durch den Krieg und auch infolge der Überalterung ihrer Ausrüstung nicht in der Lage, die materiellen Bedürfnisse des Landes zu decken. Das ist das Hauptproblem der Stunde. Es erfordert die Aufstellung eines zusammenhängenden und klaren Gesamtplanes."
Gouin ging dann auf die Köhlenfrage ein. Er zollte dabei den französischen Grubenarbeitern, die mit ihrer Förderung bereits den Vorkriegszustand erreicht hätten, hohe Anerkennung Doch genüge das Erreichte bei weitem nicht. Gouin erinnerte daran, daß die Franzosen auf deutsche Kohlenlieferungen gezählt hätten, die zu den Lieferungen aus den Vereinigten Staaten hinzukommen sollten. Präsident Truman habe im Juni 1945 gesagt, daß Deutschland in der Lage sein werde, monatlich 4 Millionen Tonnen Kohle nach den befreiten Ländern auszuführen. Die Enttäuschung in Frankreich sei groß gewesen, als der Plan
Nürnberg . Bei einer erneuten Frage über die Unterredung zwischen Hitler , Gö ring und dem Schweden Dahlerius am vergangenen Donnerstag erklärte Göring , daß er England « Unterstützung für die Rückgewinnung Danzigs und des Korridors angestrebt habe. — Der britische Anklagevertreter kam dann auf die Neutralitätsver-, sprechungen an Luxemburg , Holland und Belgien zu sprechen, die 24 Stunden nach dem letzten Garantieversprechen gebrochen wurden. — Der britische Anklagevertreter legte Göring das Protokoll einer Besprechung zwischen Mussolini und Göring vor, in dein Göring über die scharfen Maßnahmen sprach, die zur Bekämpfung der Widerstandsbewegungen in den besetzten Ländern anzuwenden seien. — Ueber die Zustände in den KZ’s erklärte Göring , nicht Bescheid gewußt zu haben. Auch Hitler sei über diese Dinge nicht orientiert gewesen, behauptete er.
Am Nachmittag nahm der russische Hauptankläger Generalleutnant Rudenko Göring ins Kreuzverhör . Rudenko legte Gö ring einen Befehl Hitlers vor, der die strengsten Maßnahmen gegen die russische Bevölkerung, wenn sie sich der deutschen Besatzung nicht fügen würde, forderte. Gö ring behauptete zuerst, diesen Befehl nie gesehen zu haben, später erklärte er, es sei
Entlassung von Kriegsgefangenen
Der Südkurier bittet, zunächst von weiteren Anträgen und Anfragen betreffs Entlassung von Kriegsgefangenen abzusehen, bis genauere Anweisungen der französi schen Besatzungsbehörden dazu veröffentlicht werden können. — Es sei im voraus darauf hingewiesen, daß zugunsten deutscher Kriegsgefangener in britischer, amerikanischer oder russischer Hand von der französischen Zone und ihren Dienststellen aus noch nichts unternommen werden kann.
möglich, daß er ihm mündlich vorgetragen worden sei. — Uebei die Behandlung der russischen Kriegsgefangenen und von dem Befehl, 50—100 Kommunisten für einen ermordeten deutschen Soldaten zu erschießen, behauptete Göring , erst später gehört zu haben. Hitler selbst habe diesen Befehl herausgegeben. Ursprünglich seien nur 5 bis 10 Kommunisten vorgesehen gewesen, der „Führer” habe noch eine Null angehängt
Göring gab auf wiederholte Fragen des
rassischen Anklägern zu, bei der Ausarbei-
für die Verteilung der deutschen Kohle im zweiten Quartal von 1946 nur einen Export von 1 Million Tonnen vorgesehen habe, wovon Frankreich 316 000 Tonnen erhalten sollte Das sei für die französische Wirtschaft ein unerträglicher Zustand. Wenn er andauern sollte, so würde Deutschland , das den Krieg gewollt habe, auf Kosten der angegriffenen Nationen bevorzugt werden.
Gouin führte dann zur Frage dei ausländischen Kredite an Frankreich u. a. aus: „Frankreich bedarf dieser Auslandskredite dringend. Die Hilfe ist dazu bestimmt, unsere Produktionsfähigkeit durch die rasche Einfuhr der notwendigen Maschinen und der uns fehlenden Rohstoffe zu erhöhen. Die Mission Leon Blums besteht also vor allem darin, unseren amerikanischen Freunden klar zu machen,‘daß Frank reich gewillt ist, so rasch als möglich sich in den internationalen Güteraustausch einzuschalten.
Der französische Ministerpräsident ging dann über zu den Ernährungsschwierigkeiten. Er erinnerte daran, daß die Getreideproduktion im abgelaufenen Jahre nur die Hälfte einer normalen Ernte betrug, die Zuckerrüben nur 47 Prozent einer normalen Ernte. Frankreich konnte nur Dank der großen Lebensmitteleinfuhren leben. Gouin dankte Großbritannien , das zwischen dem 1. Juli 1945 und dem 1. März 1946 über 1000 Tonnen Mehl geliefert hat. Er dankte auch Argentinien und Canada , die in der gleichen Zeit 5370 Tonnen Getreide geliefert hätten. Die Vereinigten Staaten haben in der gleichen Periode 859 000 Tonnen Getreide an Frankreich geliefert, und Rußland stehe im Begriffe, 400 000 Tonhen Weizen und 100 000 Tonnen anderer Getreidearten zu liefern. Die internationale Solidarität sei kein leeres Wort
„Durch eine lange und tragische Erfahrung belehrt, erklären wir, daß wenigstens zwei Dinge für die französische Sicherheit unumgänglich sind, zwei Dinge, über die wir zu keinen Kompromissen bereit sind: zuerst eine lange Besetzung Deutschlands und dann die Errichtung eines internationa-
tung des Angriffsplanes auf Rußland beteiligt gewesen zu 6ein, ebenso habe er Vorschläge zu den Plänen über die Aneignung russischer Gebiete gemacht.
Die Vernehmung Görings als Zeuge wurde in der Freitag-Vormittagsitzung beendigt. „Ich übernehme die Verantwortung für das, was Aemter und Dienststellen unter meinem Befehl angeordnet haben", schloß er. „Wenn mir auch nicht alles bekannt ist, muß ich hierfür doch die formelle Verantwortung übernehmen. Tatsächliche Verantwortung übernehme ich für Richtlinien und Befehle, die von mir herausgegeben sind. Der Führer Adolf Hitler ist tot", fuhr er fort. „Ich galt als sein Nachfolger in der Führung des deutschen Reiches, deshalb muß ich zu meiner Verantwortung erklären. Mein Bestreben war . . . ." Göring wurde hier von Lordrichter Lawrence unterbrochen: „Das Gericht wünscht, daß Sie keine Reden halten."
Dr. Alfred Seidl , der Verteidiger von Ru dolf Heß , begann am gleichen Tage seine Beweisführung. Er erklärte, daß sein Klient die Zuständigkeit des Gerichts für innerdeutsche Angelegenheiten ablehne, wohl aber die Verantwortung für sämtliche Maßnahmen und Verordnungen übernähme, die er als Stellvertreter Hitlers oder als Reichsminister anordnete. Als erstes Dokument verlas er die schriftliche Aussage der ehemaligen Sekretärin von Heß, Hildegard Fath. Darin heißt es, Heß habe den „außergewöhnlichen Flug" nur unternommen, um weiteres Blutvergießen zu vermeiden und günstige Voraussetzungen für einen Friedensschluß zu schaffen.
Der amerikanische Hauptankläger Robert H. Jackson hatte den Antrag gestellt, die Verteidigung solle sich, um Zeit zu sparen, darauf beschränken, ihre Dokumentenbücher dem Gericht nur zu überreichen, ohne sie zu verlesen. Im Namen der Verteidigung lehnte Dr. Dix den Antrag ab. Er erklärte, daß im Interesse der „Gerechtigkeit und Fairneß" die Verteidigung das gleiche Recht der Beweisführung haben müsse, wie die Anklage.
Nach kurzer Beratung entschied das Gericht: Das bisherige Verfahren wird wei*er fortgesetzt. Alle Dokumente, die in die 4 Verhandlungssprachen übersetzt wurden, können, ohne daß die Verteidiger sie verlesen, dem Gericht vorgelegt werden. Den Verteidigern steht es jedoch frei, einzelne Stellen der Dokumente zu zitieren und dazu Stellung zu nehmen Die Anklagebehörde hat weiterhin das Recht, gegen die Vorlage einzelner Dokumente Einspruch zu erheben.
len Konzerns zur Leitung und Kontrolle des Ruhrgebietes. Niemand von uns verlangt die Annexion dieses Gebiete«: denn wir haben selber zu viel gelitten, um die Annexion anderen Völkern aufzuzwingen, sogar nicht unseren grausamsten Feinden. Wir wollen au« dem Ruhrgebiet ein Instrument des europäischen Wiederaufbaus machen. Wir wollen verhindern, daß es ein drittes Mal zum Hauptinstrument der Zerstörung Frankreichs werde. Dazu sind internationale Lösungen erforderlich. Die Kriege von 1914 und 1939 haben die lange verkannte Wahrheit an den Tag gebracht, daß die französische Sicherheit nicht mehr nur eine Angelegenheit Frankreichs ist, sondern eine Angelegenheit aller Völker der Welt. Am Rhein , wo in den letzten Weltkriegen die Westmächte den Kampf fast verloren, haben sie schließlich ihre Freiheit und Unabhängigkeit wieder gewonnen. Morgen könnte wieder der Fall eintreten, daß das
Moskau . Wie die Agentur Tass mitteilt, hat die Räumung des Irans durch die russischen Truppen begonnen und wird in fünf bis sechs Wochen beendet sein. Die gleiche Agentur meldet, daß die mit China vereinbarte Räumung der Mandschurei von russischen Truppen bis Ende April beendet sein werde. Sie sei durch den strengen Wintei verzögert worden.
Asso-Preß meldet weiter: Die Ankündigung des Moskauer Rundfunks, daß die Rote Armee mit der Räumung Irans begonnen hätte, wird in Washington als günstiges Vorzeichen für die Arbeit des Sicherheitsrates angesehen. Ein Teil, der englischen Morgenpresse begrüßt den sowjetischen Schritt als das „Ende einer Krise“
Stalin zur internationalen Lage
Moskau . Der Moskauer Korrespondent der „Associated Preß " 6andte Generalissimus Stalin eine Reihe von Fragen zur internationalen Lage. Die Antwort Stalins wurde durch den Moskauer Rundfunk bekanntgegeben.
Auf die erste Frage: „Welche Bedeutung messen Sie der Organisation der Vereinten Nationen als einem Mittel zur Erhaltung des Weltfriedens bei, antwortete Stalin : „Ich messe der Organisation der Vereinten Nationen als einem wichtigen Instrument zur Erhaltung des Friedens und der internationalen Sicherheit große Bedeutung bei. Die Stärke dieser internationalen Organisation liegt in der Tatsache, daß sie auf dem Prinzip der Gleichheit der Völker beruht und nicht auf dem Prinzip der Beherrschung der einen durch die anderen. Wenn es der Organisation der Vereinten Nationen in Zukunft gelingen wird, das Prinzip der Gleichheit zu bewahren, so wird sie zweifellos eine große und positive Rolle bei der Sicherung des Friedens und der Sicherheit spielen." — Nach dem Grund der Kriegspsychose, die in manchen Ländern herrsche, befragt, sagte Generalissimus Stalin : „Ich bin überzeugt, daß weder die Nationen noch ihre Armeen einen neuen Krieg wünschen. Sie wünschen Frieden und streben danach, den Frieden zu sichern. Die Furcht, vor dem Kriege kommt nicht von dieser Seite. Ich glaube, daß sie durch die Tätigkeit einiger politischer Gruppen verursacht wird, deren Propaganda eine Saat der Zwietracht und der Ungewißheit sät."
Moskau . Die Sowjetunion hat nicht die Absicht, sich fremde Gebiete anzueignen
Münster . Kardinal Clemens' August Graf von Galen ist am Freitag im Alter von 68 Jahren gestorben.
Kaum vier Wochen vor seinem p.ötzlichen Hinscheiden weilte der bekannte Kanzelredner in Rom , um aus der Hand des Hl. Vaters das Kardinalsbirett zu empfangen. Ganz Deutschland freute sich über die hohe Auszeichnung. Der Verstorbene lebt in der Erinnerung als ein unerschrockener Verteidiger der christlichen Lehre gegenüber den nationalsozialistischen Diktaturmaßnahmen weiter. In schärfster Form nahm er Stellung gegen die Beseitigung der Geisteskranken und Altersschwachen. In all den Kampf jahren stand das münsterländische Volk einig und geschlossen hinter seinem Bischof und nahm ihn in Schutz gegen alle Verfolgungen der nationalozialistisdien Gewalthaber. Die Liebe und Verehrung «einer Diözesanen kam bei seinem Einzug als Kardinal am Samstag, den 16. März, in eindeutiger Weis« zum Ausdruck. Hierüber wird uns von einem Teilnehmer, der diesen Festtag in Münster miterlebt hat, folgendes berichtet:
Es war ein seltsamer Kontrast, - der das furchtbar sertörte Monetär aas dar Trümmsr-
Schicksal der Welt wieder am Rhein zum Austrag kommt, sofern man nicht das Angriffspotential, welches das Ruhrgebiet darstellt, durch ein internationales Vertragssystem in die Hand nimmt. Zur Lösung dieses Problems haben wir an die drei Großmächte appelliert, die im Kriege unsere Freunde und Verbündete waren. Mit ihnen zusammen wollen wir das Problem prüfen, sicher in unserem Interesse, aber auch im Interesse der internationalen Völkergemeinschaft
Zum Problem der Vereinten Nationen führte der französische Ministerpräsident u. a. aus: „Wie alles Menschenwerk, so hat auch die Organisation der Vereinten Nationen bei ihren ersten Schritten mit Schwierigkeiten zu rechnen, deren Bedeutung und deren Ernst nicht unterschätzt werden dürfen. Wir sind in einer Weit, in der die Zerstörungskräfte mehr Fortschritte erzielt haben, als die Kräfte der Vernunft. In diesem gefährlichen Mißverhältnis muß man einen der Gründe sehen, die die Nationen in den Krieg geführt haben. Frankreich hat die Pflicht, und es wird dieser Pflicht nachkom- men, alles zu tun, um im Schoße der Verein ten Nationen die Wolken zu zerstreuen, die die Morgendämmerung unseres Sieqes zu verdunkeln drohen.
oder andere Völker zu unterjochen, erklärte der Kommentator des Moskauer Senders Linetsky. Die Hauptaufgabe des kommenden 5-Jahres-Planes sei die Festigung der Verteidigungskraft des Landes und die Ausrüstung seiner Streitkräfte mit den modernsten Waffen. Er solle damit gleichzeitig den Frieden der Welt sichern indem dadurch neue Angriffskriege auf die Sowjetunion verhütet werden. Seine Erfüllung wird eine Sicherung gegen die Verletzung der Friedensziele nicht nui des Sowjetvolkes, sondern auch aller friedliebenden Völker sein. Die Sowjetunion würde dadurch Wächter des Friedens und der Sicherheit aller Nationen.
Sicherheitsrat zum Iran -Problem
Washington . Der Generalsekretär der Vereinten Nationen , Trygve Lie hielt eine Pressekonferenz ab, in der er erneut ankündigte, daß in der Sitzung des Sicherheitsrates die iranische Frage zur Sprache kommen wird. Andere Themen der vorläufigen Tagesordnung seien, erklärte der Generalsekretär, die technischen Fragen des Verhandlungsv erfahren« im Sicherheitsrat und im Militärausschuß, der ebenfalls in New York Zusammentritt. „Wir wissen, so sagte er vorher, daß es Meinungsverschiedenheiten zwischen den Großmächten gibt. Differenzen bestehen auch in den Interessen. E« ist die erste Aufgabe der Vereinten Na tionen . zu verhindern, da§ diese Differenzen zu einem bewaffneten Konflikt zwischen den Nationen werden. Wir wissen, daß diese Aufgabe schwierig sein wird. AbeT ich möchte heute sagen: Wir haben die feste Absicht, den Frieden zu bewahren und ich bin überzeugt, daß es uns gelingen wird."
Nach den letzten Nachrichten werde die Sowjetunion in der Sitzung des Sicherheitsrates durch den sowjetischen Botschafter in Washington , Andrei Gromyko und Groß britannien durch Sir Alexander Cadogan vertreten sein.
Ergebnis der italienischen Wahlen
Rom . In der ersten Etappe der italieni schen Gemeindewahlen am 10. März erhielten die Christlichen Demokraten 2588 Stadtratssitze und führen in 135 Gemeinden. — Die Sozialisten und Kommunisten gewannen 2421 Sitze und damit die Mehrheit in 129 Gemeinden. — Mittelparteien erhielten 789 Sitze, unabhängige und örtliche Gruppen 719 Sitze.
kulisse zur freuderfüllten Feststadt erhob. Zehntausende füllten den Prinzipalmarkt und den Domplatz, die Schauplätze der nachmittäglichen Feierstunde. Die Fahnen der Kirche, der Stadt und des Landes flatterten im leichten Wind, bunte Wimpelgirlandep hingen zwischen Ruinen. Als die markante große Erscheinung des Bischofs im prachtvollen Purpur seinen Einzug hielt, erhoben sich vieltausendfältige freudige Begrüßungsrufe. Auf einem Podium vor der zerstörten Lambertikirche begrüßte der Oberbürgermeister von Münster , Dr. Zuhom, als Dolmetsch der Bevölkerung mit Worten der Freude und des Dankes den zum Ehrenbürger der Stadt ernannten Kardinal, der in seiner Antwort der Freude über den großartigen Empfang Ausdrude gab und warmherzige Hirtenworte an seine Zuhörer richtete. Segnend zog der Bischof zum Domplatz, wo im sogenannten .„Paradies" des ebenfalls zerstörten Domes eine kirchliche Feier stattfand.
Der plötzliche Tod Kardinals Clemens Au gust Graf von Galen wird als schmerzlicher Verlust nicht nur im katholischen Volke, sondern weit darüber hinaus in allen deut- ssb Bevölkerungskreisen empfunden.
STREIFLICHTER
»
Schon länget sind die Gestade des Bodensees oder die Schwairzwaldhöhen Anziehungspunkte für Fremde gewesen. Gern nahm man sie auf, die gut zahlenden Gäste, und ungern sah man sie scheiden. Unlängst jedoch kam mancher Fremde in diese Gegend, vom Strudel des Krieges an Land hiei gespült. Manch unglückliches Opfer der Zeit ward hierher verschlagen. Aber es gibt auch andere „Verschlagene". All diese Fremden sind heute nicht gern gesehen. Die eine Sorte nicht einmal zu unrecht. Sie suchten ihre Zuflucht hier ebenso, wie in Tirol oder in Holstein. Manchen guten Fischzug hat man inzwischen unter ihnen gemacht und mancher gefährliche Bursche zappelt im Netz. Aber nicht jeder Fremde ist Bonnann oder ein heimlicher Hitler. Nicht jeder, der zu uns kam, ist uns wesensfremd Keine neue Rassenlehre wollen wir pflegen, nachdem eine andere endlich fiel und die Parole: Bayern den Bayern und Baden den Badenern glossierte man schon vor einem Jahrhundert: In der Fremde treffen rieh
Wanderburschen erfreut, dieselben Mutterlaute zu hören. Doch plötzlich trennen rieh ihre Wege, verschiedenen Nationen gehören sie zu: Lippe-Schaumburg der eine, Lippe-Detmold der andere. An diese alten Zeiten denkt man zurück, wenn Amtsstuben dekretieren, nur Badener von Geblüt dürfen in Staat oder Gemeinde Anstellung finden, „fremdländische" Deutsche sind nur für untergeordnete Stellen geeignet. Wirtschaftliche Unternehmungen folgen dem Beispiel, und wenn das so weitergeht, erzeugt jedes Städtchen seinen Caruso und verbannt einen Goethe, weil er nicht aus Krähwinkel, sondern aus Frankfurt stammt. Aber es gibt noch eine andere Seite der Sache: Ueberall schalten und walten „unersetzliche Fachleute”, für gewisse Kreise willkommener Vorwand, sich nicht von den — ach — so geliebten Braunhemdenträgern trennen zu müssen. Neben ihnen sitzt vielleicht in bescheidenster Lage der wirkliche Fachmann mit weißer Weste, doch ist er ein Fremder. Bald wird er sein kleine« Bündel ergreifen und dann vor den Ruinen der alten Heimat und seines alten Wirkungskreises stehen. Wer ist uns lieber? Der anständige Fremde oder jener Landsmann, der, genau besehen, uns innerlich sehr viel mehr Fremdling ist? Schon kommt man aus anderen Zonen, wirkliche Könner und ehrliche Hüter der Zukunft mit der Laterne zu suchen, woher auch immer sie stammen mögen. Sollen wir sie uns weghamstern lassen, nur, weil irgendwer Kirchturmspolitik treibt oder gar Sabotage? Ki.
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Da wir gerade beim Hamstern sind: Hamsterer sind keine Hamster. Hamster bergen die Ueberfülle einer guten Zeit für schlechtere Zeiten. Joseph in Aegypten war kein Hamsterer, sondern ein weiser Mann, als er in den sieben fetten Jahren für die sieben mageren Vorräte stapelte. Hamstern verhält 6ich zum Schleichhandel ähnlich wie Mundraub zum Diebstahl. Doch ist ein „Aber" dabei: Denn Mundraub, das setzt doch voraus, daß ein armer Schlucker vom Reichtum des anderen seinen Hunger stillt. Dieser andere aber ist, recht besehen, nicht der, bei dem er hamstert, sondern — das ganze Volk, und das ist ja bitter arm. Der Hamsterer hat eine soziale Funktion, meinen manche: Er eist das los, was mit anderen Mitteln 60 nst nicht zu holen. Von Amts wegen sollte man dann geschulte Hamsterkolonnen hinaussenden ins Land. Sie würden bemerken, wo und wie es was gibt: Aus Nächstenliebe teilt mancher sein Brot mit dem hungernden Bruder. Das wird ihm niemand verübeln und manche Werdens ihm danken. Gewiegte Hamsterer reisen, Berufsbettlem ähnlich, auf „Tränen- drüsen-Tour". Gutmütigkeit nützen sie aus, „Kompensationsgeschäfte" machen andere, nüchtern, sachlich, mit großer Kunst der Ueberredung. Von wieder anderen berichtet die. „Ruhrzeitung" Dortmund : „Allzuviele Bauern sind bereit, ihre Produkte unter Hintansetzung ihrer Ablieferungspflicht abzugeben, wenn nur der Hamsterer die begehrten Tauschobjekte hat. Es ist Tatsache, daß viele Ruhrgebietsbewohner sich systematisch von allen nur irgend entbehrlichen Kleidungsstücken, Bett- und Tischwäsche, Wertgegenständen trennen, nur um sich in den Besitz von Nahrungsmitteln zu setzen", Sind dort, im Bombengebiet, die Rollen vertauscht? Wer ist hier, eigentlich, Hamsterer? — Rechnet man alle menschlichen Tugenden und Schwächen ein, dann hat jenes Experiment vielleicht manches für sich, mancherorts versucht, anscheinend nicht ohne Erfolg: Alles, was über das Ablieferungssoll hinaus erzeugt wird, kann auf dem staatlich kontrollierten freien Markt zu Ueberpreisen verkauft werden. Vorausgesetzt, es herrscht allgemeiner Mangel an Waren und Geld, und es ist für soziale Gerechtigkeit genügend gesorgt, bedeutet das: Ansporn für den Bauern, mehi’ zu erzeugen, Ansporn auch für den abgedankten oder nunmehr legalen Hamsterer, mehr oder besser zu arbeiten, um mehr zu verdienen, um mehr sich kaufen zu können. Einer jedoch wird schwer auszurotten sein: der Hamsterer aus Leidenschaft, der, dem Schmuggler gleich oder dem Spieler, da« Abenteuer liebt... F.
Kardinal Graf von Galen gestorben